Doppelmoral. Andacht zum 24.2.2017

„Passionszeit“ – Leidenszeit. Es läuft auf Jesu Kreuzigung zu. Ab Aschermittwoch steht sieben Wochen lang Jesu Leiden und Sterben im Mittelpunkt des christlichen Kalenders.
Die „Passionsgeschichte“ – Jesu letzte Erdenwoche, damals in Jerusalem. Aber „eigentlich“ fängt die Passionsgeschichte viel eher an: Jesus ist erst ein paar Tage alt, als Maria und Josef im Tempel auf den alten Simeon treffen. Simeon erkennt in dem Säugling den Retter. Er lobt Gott. Aber er sagt zu Maria: „Auch durch Deine Seele wird ein Schwert dringen!“ (Lukas 2, 35). Das ist wohl schon eine Anspielung auf das Kreuz. Erlösung geht durch Leid hindurch, und auch Maria als Mutter wird das erleben müssen.
Ich möchte Sie in diesen Wochen mit Texten aus dem Markus-Evangelium in Berührung bringen. Das Markus-Evangelium ist das älteste und kürzeste der vier Evangelien. Man hat es als „Passionsgeschichte mit ausführlicher Einleitung“ bezeichnet: Es ist nicht einfach eine Biographie – allein schon deswegen nicht, weil Markus nicht bei Jesu Geburt anfängt, sondern nur die kurze Zeit des erwachsenen Jesus in der Öffentlichkeit erzählt. Sondern: Es ist sein Leidens-Weg mit Vor­ge­schichte.
Kaum dass Jesus öffentlich auftritt, eckt er schon bei den besonders Frommen an: Er lässt einen Aussätzigen dicht an sich heran, obwohl das verboten ist. Er spricht einem Menschen Vergebung zu, obwohl doch nur Gott vergeben kann. Er isst und trinkt mit Leuten, die als Sünder verrufen sind. Er verteidigt es, dass seine Jünger das übliche Fasten nicht einhalten. Und als diese Jünger beim Ährenrupfen erwischt werden, obwohl doch Sabbat ist, also Ruhetag, da verteidigt er sie.
Die Frommen als die Wächter über die Einhaltung der göttlichen Gesetze, sind alarmiert. Die Ord­nung ist gestört! Aber noch andere sind alarmiert: Hier in Galiläa ist Herodes Antipas der Regional-König. Dem ist Religion ziemlich schnuppe. Aber er ist König von Roms Gnaden, und wenn nicht Ruhe im Staat ist, kann er Schwierigkeiten mit den Römern bekommen. Deswegen haben die Leute des Herodes ein misstrauisches Auge auf alle, die die Ruhe und die Ordnung stören.
Und nun die erste Geschichte im Markus-Evangelium, wo ausdrücklich von Jesu Tod die Rede ist. Sie fängt so an:

Jesus ging wieder in die Synagoge. Und es war dort ein Mensch, der eine verdorrte Hand hatte. Und sie lauerten auf ihn, ob er ihn am Sabbat heilen würde, damit sie ihn anklagen könnten. (Markus 3, 1-2)

Jesus, Sabbat, verdorrte Hand, Lauern, Heilen, Anklage. Diese paar Worte als Ausgangs­punkt für ein Theaterstück, und das Thema des Dramas ist klar. Jesu Gegner wollen etwas gegen diesen Störenfried unternehmen. Es gibt gute Gründe, am Sabbat in ein Gotteshaus zu gehen. Dass ausgerechnet diese besonders Frommen heute da sind, um etwas gegen Jesus protokollieren zu kön­nen, ist allerdings nicht besonders fromm.
Und der Mensch mit der verdorrten Hand? Ist der jeden Sabbat in der Synagoge oder nur wegen Jesus? Dürfen wird er wohl, „verdorrte Hand“ ist ja nicht „aussätzig“. Wäre er extra gekommen, damit Jesus ihn heilt, er wäre wohl direkt zu ihm hingegangen. Aber Jesus muss ihn erst holen:

Jesus spricht zu dem Menschen, der die verdorrte Hand hatte: „Steh auf und tritt in die Mitte!“ Und er spricht zu ihnen: „Ist es erlaubt, am Sabbat Gutes zu tun oder Böses zu tun, das Leben zu retten oder zu töten?“ Sie aber schwiegen. Und er blickte auf sie umher mit Zorn, betrübt über die Verhärtung ihres Herzens …

Jesus hat es plötzlich mit zwei verschiedenen Behinderungen zu:

  • „verdorrte Hand“
  • „verhärtete Herzen“

Aber „verhärtetes Herz“ scheint die schlimmere Krankheit zu sein, und diese Herzens-Krankheit löst bei Jesus die heftigeren Gefühle aus: Zuerst Zorn – denn „verhärtetes Herz“ hat was von „kaltherzig“, „erbarmungslos“, „nach Aktenlage“. Aber darunter ein tieferes Gefühl: „betrübt“. Wörtlich steht im Griechischen: „mit-betrübt“. Das ist wie „Mit-Gefühl“ oder „Mit-Leiden“. Man kann das nur schlecht so bezeichnen, denn unsere Hart-Herzigen selbst würden ja gar nicht sagen, dass sie leiden. Sie empfinden ja eher – nichts. Jesu Mit-Gefühl mit diesen armen Menschen ist eher ein stellvertretendes Leiden.

„Ist es erlaubt, am Sabbat Gutes zu tun oder Böses zu tun, das Leben zu retten oder zu töten?“

„Leben retten“, dass würden auch die frömmsten Pharisäer zulassen. Da hätte jetzt gut einer sagen können: „Moment mal, Jesus, der stirbt aber gerade gar nicht! Mit seiner Hand, da soll er mal lieber morgen wiederkommen!“
Jedoch: „Sie aber schwiegen.“ Wieso schweigen sie? Ich habe zwei Antworten:
Vermeidung von Peinlichkeit. In einem Seminar lässt sich locker darüber diskutieren, wann eine Therapie erlaubt ist und wann nicht. Aber direkt unter den Augen des Menschen mit diesem Handicap? Und vor seiner Angehörigen? Da lässt sich nicht mehr so gut schwadronieren.
In Wirklichkeit wollen diese Frommen die Heilung. Und sie wollen die Heilung nicht durch Diskussionen verhindern. Wieso das? Na, weil sie doch Anklagepunkte gegen Jesus sammeln! Doppelmoral pur: Sie wünschen sich zu sehen, was sie keinesfalls zu sehen wünschen.

Jesus spricht zu dem Menschen: „Strecke die Hand aus!“ Und er streckte sie aus, und seine Hand wurde wiederhergestellt.

Ist das nun wirklich eine Heilung am Sabbat? Jesus veranstaltet ja überhaupt kein großes Hokus­pokus. Sondern Jesus fordert den mit der verdorrte Hand ganz schlicht zu etwas auf, was der seit sooo langer Zeit gar nicht mehr ernsthaft versucht hatte: „Strecke deine Hand aus!“ Und voilà: Er tut es! Von der Verhärtung und Verkrümmung ist nichts mehr zu sehen. – Vielleicht sollten Sie das heute auch noch versuchen: Jemandem die Hand hinstrecken. Verhärtungen und Verkrümmungen könnten sich lösen …
Aber für die Hartherzigen ist die Sache klar: Jesus hat geheilt. Und das durfte er nicht! Das Maß ist jetzt voll:

Und die Pharisäer gingen hinaus und hielten mit den Herodianern sofort Rat gegen ihn, wie sie ihn umbringen könnten. (Markus 3, 1-6)

„Ist es erlaubt, am Sabbat Gutes zu tun oder Böses zu tun, das Leben zu retten oder zu töten?“ Diese Frage von Jesus wirkte eben in der Synagoge ein bisschen dick aufgetragen. Aber nun gewinnt sie ihr schauriges Gewicht. „Leben retten oder töten?“ Die Antwort der Gegner: „Töten!“ Da haben diese sonst so prinzipientreuen Leute auf einmal keine Skrupel. Der mit der verdorrten Hand, der hätte bis morgen warten können – aber die Beratung über den Mord, die muss noch heute sein. Jesus für seinen Umgang mit den Zöllnern im Dienste Roms kritisieren – und nun ausgerechnet mit diesen gottlosen, rom-freundlichen Herodes-Leuten gemeinsame Sache machen. Auch für Moral-Apostel ist die Moral sehr dehnbar. Vielleicht: GERADE für Moral-Apostel …

Was geht es uns an? Ich finde: Man ist schnell dabei, die Pharisäer als Feindbild aufzubauen, sich über sie zu empören und sich darin zu gefallen, selbst anders, toleranter, besser zu sein. – Und schwupps, ist man auch einer …
Nehmen Sie diese Geschichte lieber als Aufforderung zur Selbstkritik: Ob vielleicht uner­kann­te Motive in MIR am Werke sind, die nicht so astrein sein? Die mich dazu verleiten, die direkte Auseinandersetzung durch Schweigen zu umgehen – und stattdessen hintenrum „Böses zu tun“ und Leben zu zerstören, statt zu retten?
Und: Die Geschichte ist eine Ermutigung: Jesus als Vorbild! Jesus hätte die Situation entschärfen können, er hätte den Konflikt vermeiden können, er hätte sich nicht selbst belasten müssen. Hat er aber nicht. Keine Doppelmoral. Klartext. Weil da einer ist mit einer verdorrten Hand. Und der braucht eine heilende Aufforderung. Jetzt. Und nicht erst morgen.

Christus, ich will Dir nachfolgen. Aber es gibt Situationen, da fehlt es mir an Mut, damit ernst zu machen. Bleib mir als Vorbild vor Augen! Und mit Deinem Geist in meinem Herzen! Amen.

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Wo bist Du? – Andacht zum 17.2.2017

Wo bist Du?“ Eine Frage ganz vorn in der Bibel. Nun müssen Sie wissen: Sie haben es in den Geschichten dort nicht einfach mit Personen aus grauer Vorzeit zu tun, die Sie so wenig interessieren müssen wie ein unbekannter Pharao oder ein Kaiser von China, sondern: Die Hauptfiguren dieser Geschichten, das sind Sie und ich.

Deutlich wird das bei „Adam und Eva“: „Adam“ heißt einfach „Mensch“. Oder besser „Erdling“, denn „Adamah“ ist der Erdboden. Wieso Erdboden? Die nüchterne Antwort:

Du wirst wieder zu Erde, davon du genommen bist. Denn Staub bist du und zum Staub kehrst du zurück. (Genesis 3, 19)

Eva“ ist ebenfalls nicht ein Name unter anderen. Sondern:

Adam nannte seine Frau Eva; denn sie wurde die Mutter aller, die da leben. (Gen. 3, 20)

Wo bist du?“ Wie reagieren Sie auf diese Frage? Vor einiger Zeit im Bibelcafé sagte eine Teilnehmerin, da würde sie sofort ein schlechtes Gewissen bekommen, wenn sie jemand so fragt. Da sagt sie sich selbst sofort: „Na, was hast du jetzt wieder angestellt?!“

Eine andere Teilnehmerin unterschied da: Wenn andere Menschen sie so fragen, ist das ok. Die haben ja ebenfalls ihre Macken. Aber Gott? Der Inbegriff von allem Guten? Von allem Perfekten? Neben so viel strahlendem Weiß kann man sich ja nur schmutzig-grau fühlen! Da geht man doch lieber auf Abstand und versteckt sich, oder?

In unserer Geschichte ist es tatsächlich so: Ja, Adam und Eva hatten etwas angestellt. Und ja, nun verstecken Sie sich. – Was war passiert?

Es fängt damit an, dass Adam und Eva in paradiesischen Zuständen leben. Alles ist erlaubt, grenzenlose Freiheit, kein Mangel. Sie dürfen sich in ihrem Garten Eden nach Herzenslust von allem bedienen. Außer vom „Baum der Erkenntnis“, der ist tabu.

Aber gerade an den Biss in die verbotene Frucht knüpft die Schlange ein großes Versprechen:

An dem Tage, da ihr davon esst, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist. (Gen. 3, 5)

Das heißt doch wohl: Vor dem Biss in die Frucht haben die Menschen überhaupt gar keinen Begriff von „gut und böse“. Besser übersetzt hieße es: „gut und schlecht“.

Wenn vor dem Biss in die Frucht jemand sie gefragt hätte: „Wo bist Du?“, dann wären sie nicht von fern darauf gekommen, ein schlechtes Gewissen zu bekommen oder sich schmuddelig zu fühlen. Sie haben ja keinen Begriff von gut und schlecht, sie könnten sich gar nicht bei „schlecht“ einsortieren. Und sie hätten auch keinen Ansporn oder Druck, unbedingt „gut“ zu sein. Es ist ja schließlich alles gut. Und sie selbst, sie sind es auch. Sie müssen sich für nichts schämen. Unsere Geschichte macht das am Nackt-Sein fest. Zu Anfang heißt es noch:

Sie waren beide nackt, der Mensch und seine Frau, und schämten sich nicht. (Ge­n. 1, 25)

Und dann: Der Biss in die Frucht vom Baum der Erkenntnis. Die große Erkenntnis, die sich jetzt einstellt, ist aber nicht über Gott und die Welt, sondern eine Selbst-Erkenntnis:

Da wurden ihnen beiden die Augen aufgetan und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren … (Gen. 3, 7a)

Nackt sein – wie schön! Jedenfalls bei paradiesischen Temperaturen. Frei und ungezwungen. OK, man wüsste nicht, in welcher Hosentasche man Brieftasche und Smartphone lassen sollte, aber im Paradies geht es ohne Geld und Erreichbarkeit. Und jetzt auch noch gewahr werden, dass man nackt ist – why not? Aber die Menschen reagieren völlig anders: Sie …

flochten Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze. (Genesis 3, 7b)

Wieso das? Nun, vorher waren sie ganz eins mit sich, auch mit ihrem Körper. Und nun, mit der Schere „gut und schlecht“ im Kopf, tritt der innere Zensor aus einem heraus, schaut am Spiegelbild herunter – und sagt: „Unansehnlich! Hässlich!“ Übrigens: Ob jemand sich schön oder hässlich findet, hat so ziemlich nichts damit zu tun, ob er oder sie in einer Schönheits­konkurrenz den ersten oder den letzten Platz belegen oder eher hinten landen würde. Man denkt, man sei äußerlich nicht ok. Doch es kommt von „innen“: das Selbstwertgefühl.

Aber nicht nur: „Was denke ich über mich, wenn ich mich so sehe, wie ich bin?“ Sondern auch: „Was denkt mein Mit-Mensch über mich?“ Das An-Sehen bei den anderen wird wichtig. Ich möchte gefallen! Aber was, wenn ich mich selbst hässlich finde? Dann wird das der andere auch tun! Oder ich könnte – im Falle von Nacktheit – in seinen Augen zum Sexualobjekt degradiert werden.

Da müssen dann die Feigenblätter her. Es hat was von Sich-Verstecken: Ich begegne mir selbst und dem anderen nicht mehr unmittelbar und unverstellt. Sich verbergen – vor mir selbst; vor anderen; und das Dritte: vor Gott:

Sie hörten Gott (…), wie er im Garten ging, als der Tag kühl geworden war. Und Adam ver­steck­te sich mit seiner Frau vor dem Angesicht Gottes (…) zwischen den Bäumen im Garten. (Gen. 3, 8)

Aber Gott will das Versteckspielen nicht:

Gott (…) rief den Menschen und sprach zu ihm: Wo bist du? Und er sprach: Ich hörte dich im Garten und fürchtete mich; denn ich bin nackt, darum versteckte ich mich. (Genesis 3, 9)

Wieder die Begründung: „nackt“. Und wieder nicht im Sinne von: „So schön, wie Du mich geschaffen hast!“, sondern im Sinne von: „schlecht“. In der Folge kommt die Sache mit dem verbotenen Baum heraus. Das Paradies ist nun futsch. Aber die Menschen müssen nicht, wie angekündigt, am selben Tag sterben (Genesis 2, 17), sondern sie dürfen weiterleben. Und sie müssen weiterleben mit ihrer Schere im Kopf: gut und schlecht. Gott respektiert das in fürsorglicher Weise. Die albernen Feigenblätter – weg damit! Sondern:

Gott (…) machte Adam und seiner Frau Röcke von Fellen und zog sie ihnen an. (Gen. 3, 21)

Wo bist Du?“ Hätte Gott sich dafür gar nicht interessieren sollen? Einfach darüber hinweg sehen, dass sich etwas verändert hat? Das wäre schlimm – die Menschen wären einfach wortlos in ihren Verstecken voreinander und vor Gott geblieben.

Und: Da Gott doch weiß, wo seine Menschen sind – hätte er sie sich nicht ohne diese Frage direkt vornehmen können? Das wäre auch schlimm. Nur mit dieser Frage „Wo bist Du?“ kann der Mensch drei Dinge erkennen, die allemal wichtiger sind als die, dass er nackt ist:

  1. Gott geht mir nach. Er sucht mich. Er will nicht, dass ich ihm verloren gehe!“

  2. Ja, wo bin ich eigentlich? Wovor verstecke ich mich? Wie bin ich da hin geraten? Will ich da bleiben? Wie soll das weitergehen?“

  3. Gott will, dass ich mich melde, mich zeige, antworte! – Mich nicht länger verstecke!“

Man kann ja in dieser Geschichte wenig finden, was der Mensch gut hingekriegt hat. Aber das eine schon: Dass er Gottes „Wo bist Du?“ gehört hat. Dass er gewagt hat zu antworten und sich zu zeigen.

Gott, wo bin ich? Ich weiß es ja selbst manchmal gar nicht. Will es gar nicht so genau wissen. Verstecke mich so gut vor anderen und vor Dir, dass ich mich selbst verloren habe. Gott, danke, dass Du mich suchst und rufst! Finde mich! Und hilf, dass ich mich selbst wiederfinde! Und Dich! Amen.

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Verfolgt und befreit. Andacht zum 10.2.2017

Heute wird mal richtig auf die Pauke gehauen, denn es gibt Grund zum Jubeln! – Wie, damit hätten Sie nicht gerechnet? Ihnen ist nicht nach Jubeln? Ihnen ist nach Klagen und Trauern? Oder bei Ihnen herrscht verängstigtes Schweigen?

Gestern noch ging es den Israeliten auch so: Klagen, Trauer, Angst. Eingekesselt. Dabei hatte es so gut angefangen: Nach langer, langer Sklaverei endlich der Aufbruch aus Ägypten – in die Freiheit! Dem „gelobten Land“ entgegen, dem „Land, wo Milch und Honig fließen“!

Aber dann – gleich hinter der Grenze: Nein, nicht das Gelobte Land, sondern: Wüste! Und etwas später, da stockt dieser mutige und hoffnungsvolle Aufbruch komplett: Die Israeliten stehen vor dem Schilfmeer. Hier geht nichts weiter. Ende der Reise.

Und als wäre das nicht alles schon schlimm genug, erhebt sich nun hinter ihnen auch noch eine Staubwolke. Das können nur die Streitwagen des Pharao sein! Seine bis an die Zähne bewaffnete Armee! Die werden sie alle einfangen und zurückbringen – im günstigen Fall. Oder ein „Exempel statuieren“. Das wird dann ein Massaker. Ein Blutrausch. Das Ende des Gottesvolkes im Wüstensand.

Das alles war gerade noch gestern: Ausweglos eingeklemmt zwischen Schilfmeer und ägyptischer Streitmacht. Kein Vor und Zurück. Klage, Trauer, Angst. Verzweiflung.

Aber dann: Anführer Mose erhebt seinen Stab und schlägt auf das Meer – und es teilt sich! Im Meer bildet sich eine Gasse! Es braucht noch Mut, aber es geht weiter! Trockenen Fußes ziehen diese geschlagenen Menschen mit ihrem Gepäck und Vieh durch das Meer.

Die ersten Israeliten sind schon am anderen Ufer angekommen, als auf der ursprünglichen Seite die ersten Streitwagen der Ägypter folgen und in die Meeresgasse hinein fahren. Nach einer Weile kommen auch die letzten Israeliten drüben an. Und da schließt sich das Meer. Der buchstäbliche Untergang von Ägyptens Stärke.

Da nahm Mirjam, die Prophetin, Aarons Schwester, eine Pauke in ihre Hand, und alle Frauen folgten ihr nach mit Pauken im Reigen. Und Mirjam sang ihnen vor: Lasst uns dem HERRN singen, denn er ist hoch erhaben; Ross und Reiter hat er ins Meer gestürzt. (Exodus 15, 20 f.)

Pauken, Reigentanz, Gesang – was für ein Jubel!

Aber als wir über diese paar Zeilen vor einigen Wochen im Bibelcafé sprachen, regte sich Protest: Kann man sich einfach so daran freuen, wenn das ägyptische Militär absäuft?

Bei dieser Rückfrage fühlte ich mich ertappt: Bei gewissen Mächtigen auf der Weltbühne würde sich mein Bedauern arg in Grenzen halten, wenn sie von dieser Weltbühne abtreten würden. Sagt mein Herz. Der Verstand weiß es besser: Meistens sind es ja bestimmte Gesell­schafts- und Wirtschaftsordnungen, Weltanschauungen und Werte-Sys­teme, bestimmte „machtbewusste“ Kreise, die ihre „Mächtigen“ hervorbringen. Und wenn die einzelnen Mächtigen dann verschwinden, aber nicht „das System“ dahinter, ist nicht viel gewonnen.

Außerdem lässt sich nicht immer so klar sagen, wer die „Guten“ und wer die „Bösen“ sind. Außer man ist Populist, dann weiß man das ganz genau, hat seine einfachen Begründungen und will die komplizierteren gar nicht wissen. Ich habe dazu folgendes gehört, und das leuchtet mir ein: Die wahrhaft Dummen sind nicht die, die es nicht besser wissen, sondern die, die es nicht besser wissen WOLLEN. Das macht man dann z.B. so: Man diskreditiert pauschal diejenigen, die es tatsächlich meist besser wissen. Stichwort „Lügenpresse“.

Bei den entkommenen Sklaven und der waffenstarrenden Armee der Sklaven­halter finde ich allerdings ziemlich klar, wer die „Bösen“ und wer die „Guten“ sind. Allerdings: Passt das auch für jeden einzelnen Soldaten? Und was ist mit den untergehenden Pferden?

Wobei Mirjam in ihrem Lied ja ein bisschen übertreibt, was Gottes Beteiligung angeht: „Ross und Reiter hat er ins Meer gestürzt!“ – Das stimmt nämlich nicht. Kein Gott hat die ägyp­tischen Truppen ins Schilfmeer gezwungen. Außer vielleicht der Gott der Machtver­sessenheit, der Rache und der Großkotzigkeit. Man kann den Gott Israels zwar für die Lücke im Meer verantwortlich machen. Aber nicht für die Entscheidung, da hinein zu reiten. Ich finde diesen kleinen Hinweis auch heute sinnvoll. Denn es kommt ja nicht ganz selten vor, dass Leute Gott verantwortlich machen für Ungemach, das sie höchst selbst verursacht haben. Ein Beispiel habe ich vor kurzem auf einer Zigarettenpackung gelesen: „9 von 10 Lungenkarzinomen sind durch Rauchen verursacht“. Gott darf als Schöpfer der Tabakpflanze gelten. Aber er zwingt niemanden zum Rauchen. – Oder?

Aber jetzt (erst) kommt der Punkt, warum ich Ihnen überhaupt diese Geschichte mit Mirjams Tanz- und Jubel-Versen gebracht habe. Eine Teilnehmerin beim Bibelcafé hatte nämlich eine Deutung, um welche Ägypter es da geht, und die hat mich angesprochen. Die lautete ungefähr so: „Die Ägypter, das sind meine schweren Gedanken, Sorgen, Grübeleien. Die verfolgen mich, die sind hinter mir her, die sind drauf und dran, mich immer wieder einzuholen. Wenn die im Meer hinter mir absaufen, dann kann ich jubeln, dann bin ich frei!“

Da ist viel dran. Manche großen Dramen um Sklaverei und Befreiung, um Flucht und Ver­folgung spielen sich zwar zwischen Nationen ab, zwischen Volksgruppen, Schichten, Reli­gionen usw., also zwischen Menschen, die auf ihrer Unterschiedlichkeit beharren. Aber andere große Flucht- und Verfolgungsdramen ereignen sich im eigenen Kopf! Oder im Her­zen. Ich spreche hier von solchen „Verfolgern“, solchen Grübel-Gedanken, die eine Angst und einen Druck entfalten, die ihnen „objektiv“ nicht zukommen.

Was kann das sein? Zum Beispiel die Schatten einer Vergangenheit, die „eigentlich“ längst abgeschlossen ist. Zukunftsängste, die jeder andere für übertrieben hält. Zwänge, die von außen betrachtet einfach keinen Sinn ergeben und zu nichts gut sind, als die Betroffenen zu quälen. Mücken-Aufgaben, die einem erscheinen wie Elefanten, – Vielleicht überlegen Sie sich jetzt mal zwei oder drei solcher „Ägypter“, die Ihnen in den letzten Tagen im Nacken saßen oder noch sitzen …

Manche solcher Ägypter darf man nicht unterschätzen – sie können geradezu übermächtig sein und überaus zerstörend. Und auch das Schilfmeer vor einem ist für einen selbst nicht unbedingt die kleine Pfütze, die es für andere ist – man springt nicht ohne weiteres drüber.

Aber es kann sein, dass Gott Ihnen einen Weg nach vorn öffnet, wo Ihr Blick noch völlig gebannt ist von der ägyptischen Staubwolke hinter Ihnen.

Es gibt natürlich Gründe, sitzen zu bleiben. Sie könnten sich die Hände vor’s Gesicht halten und sagen: „Ich sehe aber keinen Ausweg!“ Sie könnten sagen: „Am Ende kriegen sie mich sowie­so!“ Und ein paar über jede Kritik erhabene Totschlag-Argumente gibt es auch: „Es hat alles keinen Sinn!“; „Ich kann nicht!“; „Ich habe keine Kraft!“; Oder der sterbende Held: „Ihr kommt weiter, wenn ihr mich einfach liegen lasst!“

Oder: Sie können im Vertrauen auf Gott erste Schritte auf diesem neuen, matschig-beschwer­lichen Weg wagen. Und Sie müssen nicht allein los ziehen. Es könnte sein, dass Sie dazu noch heute die Blickrichtung wechseln müssen und aufstehen.

Seien Sie sicher: Die Streitmacht wird Sie verfolgen. Und wenn das Meer sich schließt, werden nicht alle absaufen, einige können vermutlich schwimmen. Und auch auf der anderen Seite ist vermutlich nicht gleich das Gelobte Land, sondern Wüste, so weit das Auge reicht.

Trotzdem: Es besteht die Aussicht, dass Sie verschnaufen können. Und ausgelassen jubeln. Sie nehmen eine Pauke (oder den Kochtopf) in Ihre Hand, und alle Gefährten folgen Ihnen mit Pauken im Reigen. Und Sie singen heute mit der Mirjam von damals: „Lasst uns dem HERRN singen, denn er ist hoch erhaben; Ross und Reiter hat er ins Meer gestürzt!“

Blick wenden! Aufbruch zu neuen Ufern! Halleluja!

Gott, ich bekenne Dir meinen Kleinglauben, meine Selbst-Entmutigung, meine Scheuklappen. Verzeih mir! Und erhebe Du selbst meinen Blick! Lenke meine Füße auf Deinen Weg der Freiheit! Amen.

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Neuer Mitbewohner. Andacht zum 3.2.2017

Garantie: Diese Andacht wurde zu 100% ohne Luther-Verweise produziert.

Wir haben zu Hause ein ehemaliges Kinderzimmer, und seit einiger Zeit vermieten wir das immer mal wieder an Gäste. Manche bleiben nur für eine Nacht, andere für ein paar Wochen. Wieder andere kommen öfter wieder, weil sie z.B. bei uns in Münster eine Fortbildung machen. Zu den einen gibt es auch noch lange über ihren Aufenthalt hinaus Kontakte, von anderen hören wir nie wieder was.

Nun lebt ja so ein „Mitbewohner“ mitten drin in der Wohnung. Er benutzt dieselbe Dusche und dieselbe Küche. Trotzdem: Es gibt Leute, die hocken meist in ihrem Zimmer. Und andere, die sind auch wirklich „mitten drin“, mit denen kochen und essen wir, sitzen abends beim Wein im Wohnzimmer, oder wir nehmen den Gast irgendwo mit hin. Ein bisschen wie ein Familienmitglied.

Na klar, Gäste machen auch Mühe. Es gibt das eine oder andere vorzubereiten, man muss sich auch absprechen, wann wer ins Bad kann und wie das „fremde“ Auto parken muss, damit man mit dem Fahrrad noch in die Garage kann.

Trotzdem: Die eigene Wohnung und auch sich selbst zu öffnen für andere, das lohnt sich total. Es weitet den Horizont mitzubekommen, was andere beschäftigt, wie die leben, was die glauben, wo sie gerade stehen in Ausbildung und Beruf, in Liebe, Krankheit, oder, oder. Und manchmal verhilft es uns auch dazu, dass wir unser Englisch aus der Schule auffrischen können. Nicht jeder hat schließlich Deutsch als Muttersprache.

Wenn meine Sicht durch so einen Gast geweitet wird, dann hat das natürlich Rückwirkungen auf mein eigenes Leben: Ich sehe „mich“ und „uns“ nochmal mit anderen Augen. Und es gibt auch ganz direkte Rückmeldungen der Gäste.

Kurz und knapp: Neue Mitbewohner weiten meinen Blick. Und sie verändern den Blick auf „mich“ und „uns“ selbst.

Das war jetzt die Vorrede, bevor ich zu dem Mitbewohner komme, den uns der Kolosser-Brief empfiehlt:

Lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen!

Ein ganz spezieller Mitbewohner: Das „Wort Christi“. Nicht Lieschen Müller zieht da ein, sondern ein „Wort“. Vielleicht das Wort VON Christus, also das, was er gesagt hat? Beziehungsweise das, was er aktuell zu mir sagt? Oder vielleicht das Wort ÜBER Christus, also wo andere von ihm in der dritten Person sprechen oder schreiben? Oder gar das Wort AN Christus, also das Gebet? Ich meine: Nicht „oder“, sondern „und“! Ich lese das so: Wir sollen das Wort Christi unter uns REICHLICH wohnen lassen – als Wort VON ihm und ÜBER ihn und AN ihn.

Noch konkreter? Hören wir auf den zweiten Teil des Verses:

Lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit! Mit Psalmen, Lobgesängen und geist­lichen Liedern singt Gott dankbar in euren Herzen! (Kolosser 3, 16)

Lehren und Ermahnen“, das kann man nicht allein, das geht nur miteinander. Nur finde ich persönlich ja „Lehren“ und „Ermahnen“ nicht unbedingt die ansprechendsten Formen, „christlich“ miteinander zu sprechen. Und trotzdem ist das nicht zu verachten.

  • Lehren“ – weil doch immer irgendwer etwas weiß oder erkannt hat, was es wert sein könnte, dass die anderen das auch wissen. Oder es sich zumindest mal anhören.

  • Ermahnen“ – weil mir das Leben des anderen nicht egal ist. Ehrliche, auch manchmal kritische Rückmeldungen, statt dem anderen Honig um den Bart zu schmie­ren. Ohne erhobenen Zeigefinge und als einer, der nicht „besser“ ist. Und wo auch nicht sicher ist, dass er’s „besser“ weiß.

Wichtig bei all dem: „Lehrt und ermahnt EINANDER!“ Es soll auf Gegenseitigkeit beruhen, es soll keine Einbahnstraße sein. Deshalb:

  • Es ist was faul, wenn einer immer nur lehrt und selbst nichts von anderen dazu lernt.

  • Es ist was faul, wenn einer immer nur ermahnt, selbst aber nie ermahnt wird und sich nicht ermahnen lässt.

  • Es ist was faul, wenn Leute immer nur belehrt und ermahnt werden, aber den Schatz eigener Einsichten und Erfahrungen entweder nicht kennen oder nicht weiter­ge­ben.

Noch knapper: Reden und Hören gehören zusammen!!

Und dann: „Psalmen, Lobgesänge, geistliche Lieder“. Das Wort Christi, der neue Mit­bewohner – in Lied-Form! Gesungen! Wörtlich: Psalmen, Hymnen, geistliche Oden. Das klingt ziemlich feierlich und fröhlich. Das schließt Klagelieder nicht aus. Aber zumindest hier ist der Schwerpunkt ein anderer. Der „neue Mitbewohner“ ist fröhlich, beschwingt, mitreißend. – Oder nervend, wenn man selbst ein chronischer Schwarzseher und Bedenken­träger ist. Dann hat man reichlich daran zu tun, die „frohe Botschaft“ in eine schwere, tra­gische, dunkle Botschaft umzudeuten.

Nun begegnen mir immer wieder Skeptiker und Gegner, was das eigene Singen angeht. Sollten Sie zu denen gehören, können Sie jetzt sagen: „Sorry, Klute, aber es ist da die Rede von dankbaren Liedern an Gott ‚IN EUREN HERZEN‘! Vom LAUTEN Singen steht da nichts!“ Ich lese das aber so: „Die Lieder, liebe Leute, die Ihr aus voller Kehle singt, die singt doch bitte AUSSERDEM in Euren Herzen mit! Macht sie Euch zueigen, verinnerlicht sie!“

Das „Wort Christi“ als Mitbewohner – „unter Euch“. Es soll ja fromme Menschen geben, die richten dem Wort Christi ein eigenes Appartement ein. Da hat es seinen Raum, da ist auch alles wunderbar, aufgeräumt, ordentlich und ein bisschen spirituell. Man begegnet dem „Wort Christi“ immer mal wieder und grüßt freundlich, ist auch irgendwie unter einem Dach nebeneinander. Aber es ist eben trotzdem sauber abgeteilt. Getrennt von dem, wo sich das Leben abspielt. Man hat faktisch wenig miteinander zu tun. – Der Sonntag als Wort-Christi-Appartement, der Alltag als die „eigene“ Wohnung – in der Sie schlicht nicht hören, was im Appartement nebenan zur Sprache kommt und welche Melodie dort erklingt. „Unter Euch“ bedeutet aber: Das Wort Christi will nicht neben Sie ziehen, sondern ZU Ihnen!

Unter Euch“ hat noch einen weiteren Aspekt: Die Mehrzahl! Es steht da ja nicht: „Bei Dir“. Christi Wort soll ein Zimmer in Ihrer eigenen Lebens-Wohnung bekommen, aber eben nicht nur im persönlichen Herzen. Es will in einer Gemeinschaft mit wohnen, es will sich in Ihrer Gemeinschaft von Christinnen und Christen entfalten und sich dort zu Hause fühlen. – Wann haben Sie zuletzt auf dem Weg in so eine Gemeinschaft hinein Ihre vier Wände verlassen? Wohin sind Sie da gegangen? Was machen Sie, wenn Sie z.B. wegen einer Krankheit nicht aus dem Haus kommen? Wer kann zu Ihnen kommen? Kennen Sie notfalls „Ersatz“ über die Medien? Und umgekehrt: Fällt Ihnen jemand ein, dem Sie dieses „unter Euch“ ermöglichen können? Dem Sie „entgegen kommen“ können?

Wer in unserer Wohnung für eine Weile mit wohnt, bekommt natürlich auch einen Haustürschlüssel. Das Symbol von Offenheit und Willkommen.

Was das „Wort Christi“ angeht: Sie und ich, wir sollten diesem Wort immer neu die Schlüssel geben. Dass es freien Zugang hat zur GANZEN Wohnung: in die Gedanken, ins Herz, in unsere Beziehungen, in unser Tun und Lassen. Und wie Sie nun HEUTE dem Wort Christi die Schlüssel geben, es herzlich einladen, ihm Raum bei sich geben – das ist jetzt IHRER Phantasie und IHREM Tun überlassen …

Gebet (von Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorff):

Herr, Dein Wort, die edle Gabe, diesen Schatz erhalte mir!
Denn ich zieh‘ ihn aller Habe / und dem größten Reichtum für. 
Wenn Dein Wort nicht mehr soll gelten, worauf soll der Glaube ruhn? 
Mir ist’s nicht um tausend Welten / aber um Dein Wort zu tun!
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Das Bett. Andacht zum 27.1.2017

Das Bett ist ein Mulitfunktions-Möbel. Fragen Sie mal rum, was alles im Bett geschieht, was die Leute da so tun. – Frühstücken, Lesen, Diskutieren, Fernsehen, Sex, Grübeln, Gymnastik, Telefonieren, Computer, Steuererklärung, Schachspielen. Und so weiter. Im Prinzip könnte sich das ganze Leben im Bett abspielen. Außer Geschirrspülen und Gartenarbeit.

Und weil zu diesem ganzen Leben auch der Tod gehört, passt es, dass die meisten Menschen im Bett sterben. Das wünsche ich mir auch für mich, aber man kann es sich nicht immer aussuchen.

Vermindertes“ Leben findet häufig bevorzugt im Bett statt: Wer körperlich krank ist, muss häufig „das Bett hüten“. – Komische Redewendung. Sie klingt so, als wollte das Bett auf seinen vier Beinen davon laufen, und deswegen muss es gehütet werden. Der kranke Heinrich Heine sprach von seiner „Matrazen­gruft“, und er starb dort dann auch. Wer an der Seele krank ist, sollte vielleicht besser nicht zu viel das Bett hüten, tut es aber mitunter trotzdem.

Noch etwas, was die Leute im Bett tun? Da WAR doch noch was! Ja! Schlafen! Wer damit Schwierigkeiten hat, mit dem Schlafen, dem empfehlen die Experten, das Bett oder am besten ein eigenes „Schlaf-Zimmer“ wirklich für das Schlafen zu reservieren und die anderen Dinge lieber woanders zu tun. Man findet sonst schlecht Ruhe im Bett.

Wenn ich mich zu Bette lege, so denke ich an dich, wenn ich wach liege, sinne ich über dich nach. (Psalm 63, 7)

Diesen Satz richtet hier nicht ein Verliebter an den „Traum seiner schlaflosen Nächte“, sondern ein Beter an Gott.

An Gott denken, zu Gott beten – gehört das auch ins Bett? Für viele Menschen: Ja. Wenn Leute mir von ihrem Gebetsleben berichten, dann habe ich den Eindruck: Das Bett ist der mit Abstand beliebteste Ort zum Beten. Bei mir ist das teilweise auch so. Obwohl ich das Bett nicht für den optimalen Ort halte – „eigentlich“: Abends könnte ich beim Beten einschlafen, morgens habe ich nicht so die Zeit dafür an diesem Ort. Außerdem: Wenn mein Körper meine Haltung zu Gott ausdrückt, dann finde ich Liegen auch nicht so ideal. OK, man kann im Bett auch sitzen oder notfalls knien. Aber wer macht das schon.

Jedoch: Das Bett ist eben auch der Ort, wo man üblicherweise den neuen Tag beginnt und den alten beendet. Und das mit Gott zu tun, das hat schon was. Das spricht nun wieder FÜR das Bett als Ort des Gebetes.

Nun fällt das Beten bei unserem Psalmbeter sowieso noch etwas lebendiger aus, als es vermutlich bei Ihnen und mir stattfindet. Nehmen wir nämlich den Vers davor mit hinein und lesen dann beide nach der (meist genaueren) Elberfelder Übersetzung, klingt das so:

Wie von Mark und Fett wird meine Seele gesättigt werden, und mit jubelnden Lippen wird mein Mund loben, wenn ich deiner gedenke auf meinem Lager, über dich nach­denke in den Nachtwachen.

Da scheint jemand im Bett seine Loblieder zu trällern! Ich gebe zu: Wenn man mit anderen zusammen lebt oder die Wände dünn sind, hat das auch seine Kehrseite, aber die Vorstellung gefällt mir trotzdem. Das Bett als Ort einer wirklich lebendigen Gottes-Bezieh­ung! Da muss ich gestehen: Ich singe nicht im Bett. Aber Bibel und manchmal Gesangbuch liegen daneben. Und wenn ich mich dazu aufraffe, daraus nicht nur leise, sondern laut zu lesen, habe ich diesen Kraftakt noch nie bereut.

Und was ist mit dem „Nachsinnen“ über Gott, wenn Sie wach liegen? Höchstwahrscheinlich kennen Sie aus eigenen Nächten den Zusammenhang von Schlafstörung und Grübeln, von Wach-Liegen und Nachsinnen. Nur: Dass ausgerechnet das Nachsinnen über GOTT einem den Schlaf raubt, kommt wohl eher selten vor. Beim schlafraubenden Nachinnen geht es ja wohl mehr um Angst-Themen, um Sorgen, Einsamkeit, Sinnlosigkeit, Überforderung, Tod, Mit-Leiden, … – und gerade NICHT um Gott.

Nun plädiere ich kein bisschen dafür, sich die Nächte mit endlosen Gebeten, mit Meditation, geistlicher Übung und frommen Texten um die Ohren zu schlagen. Denn auch wenn Gustaf Gründgens textet: „Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da!“, würde ich sagen: Aber überwiegend ist sie schon dafür da!

Nur: Wenn Sie sowieso schon wach liegen und sich verlieren an all das, was Ihnen den Schlaf raubt, dann könnten Sie doch gleich ganz bewusst die Wende vollziehen: zu Gott. Ihm im Gebet sagen, was Ihr Herz schwer macht. Nicht, um vor Gott weiterzugrübeln. Sondern um es Gott abzugeben. Es sich vom Herzen zu reden und auf Gottes Herz zu legen. – „Von guten Mächten wunderbar geborgen.“ – In diesem Sinne schon jetzt: Gute Nacht!

Gebet (mit Worten von Johannes Hansen):

Am Ende dieses langen Tages
lege ich ab
Bücher
Briefe
Schlüssel
Schuhe
Kleider

und die Uhr.

Am Ende dieses langen Tages
lege ich auf dich
Ängste
Sorgen
Mühen
Freude
Trauer
Sehnsucht
Und meine Schuld.

Am Ende dieses langen Tages
lege ich mich
ganz und gar
still und geborgen
mein guter Gott
in deinen Schutz und Frieden.

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Gewissens-Frage. Andacht zum 20.1.2017

– im Andachten-Newsletter auch zum Hören (mp3) –

Na, haben Sie ein schlechtes Gewissen? Oder ein gutes? Wann hat es sich das letzte Mal gemeldet, Ihr Gewissen? – Ich ahne das Antworten-Spektrum. Von „mein Gewissen sitzt mir dauernd im Nacken“ bis „keine Ahnung, kann mich nicht erinnern! Kenne ich gar nicht!“
Was ist das überhaupt, Ihr Gewissen? Haben Sie eines? Oder sind Sie gewissen-los? Haben Sie womöglich mehrere Gewissen, je nach Situation mal das eine, mal das andere? Oder je nach den Leuten, mit denen Sie gerade zusammen sind?
Das griechische Wort für „Gewissen“ (συνείδησις) bedeutet ungefähr „Mit-Wisser“. Ich stelle mir darunter eine Art Privatdetektiv vor, der mir dauernd auf die Finger, auf den Mund, ins Gehirn, ins Herz guckt und mir sagt, wie er das findet, was ich tue, sage, denke, fühle.
Ich meine: So einem Mit-Wisser ist nicht immer zu trauen. Und schon gar nicht ist das Gewissen die Stimme Gottes. Gelegentlich im Gegenteil! Ein paar Hinweise:

  • Das Gewissen schert sich oft nur um das, was vor Augen ist. Und nicht um das, was man nicht sieht. – Der Wellensittich wird bestens versorgt, und gleichzeitig gibt es Hähnchen aus der Discount-Kühltheke. Für die eigenen Kinder / Enkel nur das Beste! – Und die Pflastersteine im Garten haben Kinderhände in Indien behauen.
  • So manches Gewissen hat so eine Ganoven-Ehre: Ein Dieb bestiehlt nicht andere Diebe. Allgemeiner: Die Unterscheidung von „wir“ und „die anderen“! Wenn „die anderen“ weniger Respekt, Recht, Zuwendung bekommen, dann ist das auch Ganoven-Ehre.
  • Das Gewissen und die Eltern: Von den Eltern kommt nämlich oft, was Ihnen Ihr Gewissen heute sagt. Vielleicht ist das gut so! Vielleicht aber auch nicht! Speziell dann, wenn Sie Ihren Eltern niemals recht waren und Sie ihnen nichts recht machen konnten. Dann könnte Ihr Gewissen heute ähnlich unbarmherzig zu Ihnen sein.
  • Es gibt nicht nur das knallharte, verurteilende, gnadenlose Gewissen, sondern auch das Gegenteil: Ein Gewissen, das Sie immer so biegen können, wie es Ihnen in den Kram passt. Sie wären im Ergebnis „skrupellos“, „gewissenlos“.

Wenn das Gewissen aber manchmal so verkorkst ist, sollten wir es nicht besser ab­schaffen? Ich finde: Nein. Erstens KÖNNEN wir das gar nicht einfach so beschließen, und weg ist es. Zweitens muss das Gewissen weder ein bissiger Hofhund bleiben noch ein schlafendes Schoßhündchen, sondern es könnte zu einem wachen, treuen Begleiter werden. Wir können das Gewissen formen und schulen. Hundeschule für’s Gewissen!
Da kommt für mich nun der Apostel Paulus ins Spiel. An mehreren Stellen in seinen Briefen geht es ums „Essen“ – als Gewissens-Thema. Ja, Essen hat mit Moral und Gewissen zu tun. Ich sage nur: „Essen und Gesundheit“; „Essen und Tierwohl“; „Essen und Ökolo­gie/ Schöpfungsbewahrung“; „Essen und soziale Verantwortung“.
Aber um das alles geht es Paulus und seine Zeitgenossen in den jungen Gemein­den nicht. Sondern: „Essen und Religion“. Wie es kein Schwein bei den Juden und Moslems gibt, kein Rind bei den Hindus, keine Bluttransfusion bei den Zeigen Jehovas, gar nichts Tierisches bei den Siks, so fragen die Christen zur Zeit von Paulus: „Sind für uns die Speise­vor­schriften aus dem Alten Testament verbindlich? Und dürfen wir Fleisch essen, wenn das Schlacht­tier eventuell einem heidnischen Gott geopfert wurde? Man kann das ja nie wissen!“
Was meint Paulus? Er könnte sagen: „Es gibt da keine religiösen Tabus, das und das ist die Begründung, und so, liebe Leute, praktiziert es jetzt bitte!“ Aber das macht er nicht, obwohl er für sich persönlich keine Tabus sieht. Hören wir mal rein – Römerbrief, Kapitel 14:

Den Schwachen im Glauben nehmt an und streitet nicht über Meinungen. Der eine glaubt, er dürfe alles essen. Der Schwache aber isst kein Fleisch.

Eigentlich würde man wohl sagen: „Stark“ ist, wer sich Verzicht antut und das durchhält, „schwach“ ist, wer dem duftenden Braten nicht widersteht. Aber cool: Paulus dreht den Spieß um! „Schwach“ ist, wer sich dem Tabu unterwirft, „stark“ ist, wer so frei ist, das Tabu hinter sich zu lassen! Also: Das „Selbstverständliche“ mal auf den Kopf stellen!

Wer isst, der verachte den nicht, der nicht isst! Und wer nicht isst, der richte den nicht, der isst! Denn Gott hat ihn angenommen. Wer bist du, dass du einen fremden Knecht richtest?
(…) Jeder sei seiner Meinung gewiss. (…) Wer isst, der isst im Blick auf den Herrn, denn er dankt Gott; und wer nicht isst, der isst im Blick auf den Herrn nicht und dankt Gott auch. (…)
Du aber, was richtest du deinen Bruder? Oder du, was verachtest du deinen Bruder? (…) Lasst uns nicht mehr einer den andern richten! Sondern richtet vielmehr darauf euren Sinn, dass niemand seinem Bruder einen Anstoß oder Ärgernis bereitet. Ich (…) bin gewiss in dem Herrn Jesus, dass nichts unrein ist an sich selbst. – Nur für den, der es für unrein hält, für den ist es unrein. Wenn aber dein Bruder wegen deiner Speise betrübt wird, so handelst du nicht mehr nach der Liebe. Bringe nicht durch deine Speise den ins Verderben, für den Christus gestorben ist! (…)
Zerstöre nicht um der Speise willen Gottes Werk! Es ist zwar alles rein. Aber: Es ist nicht gut für den, der es isst mit schlechtem Gewissen. Es ist besser, du isst kein Fleisch und trinkst keinen Wein und tust nichts, woran dein Bruder Anstoß nimmt.
Den Glauben, den du hast, habe für dich selbst vor Gott. Selig ist, der sich selbst nicht verurteilen muss in dem, was er gut heißt. Wer aber zweifelt und dennoch isst, der ist schon verurteilt, denn es kommt nicht aus dem Glauben. Was aber nicht aus dem Glauben kommt, das ist Sünde.

Ein großer Toleranz-Appell ist das! Paulus nötigt seine Überzeugung („ich bin gewiss!“) niemandem auf, sondern: Jeder soll seinem eigenen Gewissen folgen! Denn jeder tut das in Dankbarkeit gegenüber Gott und in Verantwortung vor ihm!
Es ist aber mehr als ein Toleranz.Appell. Nämlich: Rücksicht auf das Gewissen des anderen! Wie ich dem anderen begegne, kommt das aus dem Glauben? Geschieht das in der Liebe? Es kann völlig ok sein, was ich tue – aber wenn ich jemand anderen zu demselben Tun verleite, obwohl es gegen dessen Gewissen ist, schade ich ihm! Also bitte Rücksicht!
Hat also dann doch jedes noch so verkorkse, verklemmte, rigide Gewissen immer Recht? Nein!!! Denn Paulus geht hier von Menschen aus, die ihr Tun und Lassen in Verant­wortung vor Gott verstehen! Und wie unterschiedlich die Christen in Rom ihr Leben auch gestalten – sie betrachten das als Ausdruck der Dankbarkeit gegenüber Gott. Das verbindet sie.
Die kritische Rückfrage an Ihr Gewissen lautet dann: „Liebes Gewissen! Woher hast Du das, was Du mir erlaubst und verbietest? Wofür Du mich anklagst und verurteilst? Welche Auto­ritäten, vielleicht von früher, stecken eventuell dahinter? Welche Ängste? Welche merkwür­digen Perfektio­nismus- und Selbstkasteiungs-Ideale?“
Sie sollten Ihr Gewissen all das nicht nur fragen, sondern ihm auch etwas sagen: „Liebes Gewissen, ich will nur noch auf Dich hören, wenn das, was Du mir sagst, zu Gott passt – Gott, der mich rundheraus liebt, der mir Gutes will, der mir Christus geschickt hat! Ihm will ich danken mit meinem Leben, und dem sollst Du, Gewissen, nicht in die Parade fahren mit solchen Verboten und Verurteilungen, die Du ganz woanders her hast und die nicht zu Gott passen!“
Kurz und knapp: Kommen Sie Ihrem Gewissen auf die Spur – woher es welche Einflü­sterungen hat! Gehen Sie mit ihm in die „Hundeschule des Gewissens“! Erziehen Sie es! Trennen Sie sich von Altlasten und stellen Sie Ihr Gewissen unter die Liebe Gottes! Leben Sie dankbar als Gottes Kind, nicht als Sklave Ihres Gewissens!

Gebet:
Lieber Gott, manchmal kann ich gar nicht sagen, was richtig und was falsch ist. Ich stelle mir diese Frage zu selten. Oder zu oft. Ach Gott, sei Du mir Orientierung! Und lass mich Deine Großherzigkeit erfahren, wenn ich es falsch gemacht habe! Amen.

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„Wenn der Herr nicht das Haus baut …“. Andacht zum 13.1.2017

Hausbau. Damit hatte ich vor ein paar Monaten zu tun. Nur ein Gewächshaus. Und kein besonders großes. Aber wenn Sie mal eines zusammengebaut haben, wissen Sie: Das ist zuerst ganz schön unübersichtlich. So viele Stangen, Schrauben, Klammern, Scheiben! Also sehr genau auf die Bau-Anweisung achten! Schritt für Schritt. Aber vor allem: Erstmal anfan­gen! Es nicht auf die lange Bank schieben!
Als es nach ein paar Stunden der Werkelei Abend wurde, war das Grundgerüst fertig. Alles prima. Meine Frau war auch ganz angetan vom Zwischen-Ergebnis. Ich war richtig ein bisschen stolz. Morgen dann noch die Schiebetür bauen und einhängen, dann die Scheiben einsetzen. Zum Schluss das Haus an die richtige Stelle im Garten tragen und mit dem Fundament verschrauben. Das Meiste war aber jetzt schon geschafft.
Dachte ich. Bis zum nächsten Morgen. Die Tür war tatsächlich schnell fertig. Aber dann: Das mit dem Einhängen der Tür ging irgendwie nicht. Es brauchte ein paar Ver­suche, bis mir dämmerte: Die Stange über der Tür war verkehrt rum! Da ließ sich so nichts einhängen!
Was jetzt? Lässt sich da noch was improvisieren? Irgendwelche Hilfskonstruktionen? Wie konnte mir das überhaupt passieren? Na klar, im Zweifelsfall sind die anderen schuld, es wird an der Anleitung gelegen haben. – Mhm, dabei hatte alles so wunderbar gepasst, alles hatte so prima dagestanden gestern Abend. Jetzt alles nochmal losschrauben? Es gibt ja kaum etwas an diesem doofen Gewächshaus, was nicht irgendwie mit dieser verkehrten Stange mittelbar oder unmittelbar verbunden ist!
Na ja, ich hab’s dann eingesehen: Es blieb mir nichts anderes übrig, als große Teile abzu­bauen und nochmal neu aufzubauen.

Wenn der HERR nicht das Haus baut, so arbeiten umsonst, die daran bauen. Wenn der HERR nicht die Stadt behütet, so wacht der Wächter umsonst. (Psalm 127, 1)

Heißt das: Wenn ich vorher brav gebetet hätte, wäre mir das nicht passiert? Quatsch. Aber so, wie es gelaufen ist und mitsamt der Panne, hatte es schon etwas „Göttliches“, auch ohne Gebet: Erstes, dass ich mit meinen beiden linken Händen das überhaupt angefangen habe. Und zweitens, dass ich es nach meinem offenkundigen Scheitern nochmal probiert habe – und nicht die Brocken endgültig hingeworfen habe.
Leben ist wie Gewächshaus-Bau. – Na ja, nicht ganz. Beim Gewächshaus gibt es nämlich nur eine einzige „Lösung“, wie es denn „richtig“ ist. Alle anderen sind verkehrt. Wie ich dagegen mein Leben gestalte, da gibt es sehr unterschiedliche Mög­lich­keiten. Die können alle mehr oder auch weniger passend und gelungen sein. Es gibt nicht DIE eine „richtige“ Version.
Und: Für mein Leben gibt es keinen festen und verlässlichen Bauplan. Wenn Sie geboren werden, haben Sie sowieso keinen Plan. Kann sein, dass Ihre Eltern für Sie schon fest den Nobelpreis vorgesehen haben oder andere anspruchsvolle Pläne haben, aber das klappt nicht unbedingt. Und wenn doch, ist noch längst nicht gesagt, dass es Ihnen gut damit geht. Völlig planlose Eltern sind aber auch nicht das Wahre. Zumindest dann nicht, wenn diese Eltern mit Ihnen gar nichts anfangen können und Sie im Grund nur stören – nicht nur „mal“, sondern grundsätzlich „stören“. Ziehen Sie sich diesen Schuh bloß nicht an! Es liegt NICHT an Ihnen!
Nun sagen Sie vielleicht: „Hoppla, Klute, Dir als Pastor sollte doch wohl die Bibel als Bauplan einfallen! Die Zehn Gebote zum Beispiel! Und vor allem: Gott als Fundament!“
Ich antworte: Na klar, der Gott der Bibel ist ein super Fundament. Und die Bibel bietet probate Leitlinien. Aber wie ich dieses Buch für mich heute zu lesen habe und wie nicht, was davon mich heute angeht und was weniger oder gerade gar nicht, dafür gibt es keinen Bauplan. Das habe ich immer wieder neu rauszufinden.
Vor allem steht in der Bibel nicht, welchen Beruf ich zu wählen habe, ob ich Lieschen Müller heiraten soll. Ob ich einem unver­schämten Mitmenschen gerade mit Geduld begegne oder besser mit meiner unbequemen Wahrheit konfrontiere. Ob ich demnächst ins Pflegeheim ziehen sollte, und wenn ja, in welches. Kein Bauplan. Ich bin zum Gutteil mein eigener Architekt. Oder ich überlasse meine Entscheidungen anderen. Das kann manch­mal richtig sein, meistens ist es verkehrt. „Du stellst meine Füße auf weiten Raum!“, heißt es in Psalm 31. Gott eröffnet Spiel-Raum! Wohl dem, wer das so empfindet! Und wer Spiel-Räume nutzt. Selbst wenn das anstrengender ist, als die Rezepte und Baupläne anderer zu leben.
Aber es gibt auch Gemeinsames zwischen meinem Gewächshaus und meinem Lebens-Haus: Sooo viele Stangen, Schrauben, Fenster, sonstige Kleinteile! So viel Unübersichtlichkeit! Ob am Anfang des Lebens oder mittendrin: Manchmal mag man die Dinge erst gar nicht in die Hand nehmen, keine Entscheidungen treffen, lieber das Schwierige ausblen­den, aussitzen, wegschieben. Jedenfalls dann, wenn „man“ sich von der Angst leiten lässt, was alles verkehrt laufen könnte. Mehr als von der Hoffnung, dass auch mal was klappt, dass es gut wird. – Wie ist das bei Ihnen als Architekt/in Ihres Lebens? Wie sehr leitet Sie die Angst, wie sehr die Hoffnung? Ich meine: Die Angst ist ein guter Ratgeber. Manchmal. Meistens aber nicht.
So, und dann kann es sein: Trotz aller Ängste läuft alles ziemlich gut. Sie sind immer überzeugter von sich als Ihr Lebens-Architekt/in, Sie brauchen immer weniger Rat oder einen Plan, denn Sie haben’s drauf. Sie wissen, wo es lang geht und wie es passt. Das Zwischen­ergebnis kann sich sehen lassen. Das Grundgerüst steht: Beruflich und privat, Sie haben es gut auf die Kette bekommen, Sie können sich das mit Zufriedenheit und Stolz anschauen, was Sie sich da aufgebaut haben, und andere sehen das auch – mit Anerkennung oder mit Neid.
Bis zum nächsten Morgen: Die Tür lässt sich nicht einhängen! Was gestern noch gelun­gen aussah, hatte einen Konstruktionsfehler. Es kann unmöglich einfach so weitergehen. Was jetzt? Irgendwie improvisieren? Hilfskonstruktionen? Es akzep­tieren, dass es nun doch nicht so geworden ist, wie es werden sollte? Manche Fehl-Ent­scheidungen lassen sich zum Glück revidieren. Andere nur mit Mühe. Und ein paar gar nicht. Da muss man dann „das Beste“ draus machen. Oder wenigstens „Gutes“. Oder aller­wenig­stens „Erträg­liches“.
Oder wirklich alle Schrauben nochmal lösen? Alles Aufgebaute aufgeben? Nochmal ganz oder fast ganz von vorn anfangen? Und alles wäre für die Katz‘ gewesen?
Da ist schwer zu raten. Es gibt ja Leute, die ziemlich oft ihre Berufe, Arbeitsplätze, Lebens­part­ner/innen, Wohnorte, Freunde, Kirchengemeinden, Weltanschauungen, … wech­seln, kaum dass sie merken, dass es nicht ganz 100%ig ist und ein bisschen anstrengend wird.
Und die anderen gibt es auch: Die durchleiden und ertragen die unerträglichsten und hoff­nungs­losesten Lebens­um­stände. Die haben sich ans Unglücklich-Sein gewöhnt – und das noch nicht einmal bemerkt. Aber um keinen Preis mal an ein paar Schrauben drehen! Dabei wäre „Schraube locker“ manchmal wirklich besser auf dem Weg zur Verän­derung.
Was für SIE ein guter Rat wäre, hängt davon ab, ob Sie eher zu den einen oder den anderen gehören. Und was Ihr Rat-Geber Ihnen rät, hängt wahrscheinlich mehr als von Ihnen davon ab, wie der SELBST denn drauf ist im Blick auf: „Hinschmeißen“ oder „Durchhalten“.
„Wenn der Herr nicht das Haus baut …“, heißt es in unserem Psalm. Bedeutet das umgekehrt: „Wenn ich Gott bauen lasse, dann wird der Bau klasse, dann gelingt das Leben!“? Dazu mein klares: Nein! Denken Sie an Jesus: Sein Foltertod am Kreuz ist nicht gerade das, was man sich unter einem gelingenden Leben vorstellt.
Ich verstehe das anders. – Paulus schreibt:

Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt?
(1. Kor. 3, 16)

Tempel sein! Das ist noch ein paar Nummern über „Gewächshaus“. Aber was macht Ihr Leben zum Tempel? Für Paulus sind es nicht Größe, Pracht und Berühmtheit des Bauwerks, sondern: Gottes Geist wohnt darin! Und dieser Geist, der hat Platz in der kleinsten Hütte und sogar im Trümmerhaufen. Das wäre doch eine völlig neue Sicht auf Ihr Leben, Sie Tempel, oder? Durch diesen Geist!
Und – ich sage es mit meiner Gewächshaus-Erfahrung so: Dass Gott mit baut, das muss nicht heißen: Es gelingt und wird sofort prima. Aber vielleicht: Ich habe den Mut, es überhaupt anzufangen. Und ich habe den Mut, NEU anzufangen, wenn alles schief gegangen ist.

Gebet:

Gott, lass mich Dein Tempel sein! Zieh Du ein in mein Leben mit Deinem Geist! Erfülle mich, beseele mich, durchwehe mich! Amen.

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