Das Ende der Treue. Andacht zum 6.3.2015

Sind Sie – treu? Und: Was ist das überhaupt, Treue? Ich sage es mal so: Zu jemandem halten. Man sagt ja auch: Jemandem die Treue halten. Der Faktor „Zeit“ ist da wichtig: Treue ist etwas auf Dauer, nicht nur für den Moment. Wenn Sie Ihrem Bäcker die Treue halten, kaufen Sie immer dort Ihr Brot. Wenn Sie einen treuen Freund haben, dann pflegen Sie schon lange Kontakt zueinander und werden das wohl noch lange weiter tun. Wenn Sie Ihrem Partner oder Ihrer Partnerin treu sind, dann gehen Sie nicht fremd.
Treue steht über den Impulsen des Augenblicks: Sie werden Ihren Bäcker nicht wechseln, nur weil der andere Bäcker gerade ein Sonderangebot hat. Sie werden eine Freundschaft nicht aufgeben, weil die Treffen gerade ein bisschen langweilig sind und es aktuell viel spannendere Mitmenschen für Sie gibt. Sie werden Ihrer Partnerin oder Ihrem Partner nicht untreu, nur weil jemand anderes Ihnen gerade besonders schöne Augen macht oder solche hat.
Treue hat mit Gegenseitigkeit zu tun: Wenn Sie beim Bäcker oft unvorbereitet vor geschlossenen Türen stehen, werden Sie sich anders orientieren. Wenn der, dem Sie ein treuer Freund sind, sich niemals bei Ihnen meldet, wird Sie das enttäuschen. Und wenn Sie treu zu Ihrem Partner stehen, obwohl der dauernd fremd geht, dann würde ich das nicht für ein Erfolgsmodell von Partnerschaft halten. Die Gegenseitigkeit der Treue, sie hat etwas von einem Vertrag mit Rechten und Pflichten. Nur dass wir solche Rechte und Pflichten nicht schwarz auf weiß haben beim Bäcker, bei Freunden und in der Partnerschaft. Da kann es dann schnell passieren, dass der eine sich ausgenutzt, betrogen, hintergangen fühlt, und der andere kann das gar nicht verstehen.
Gibt es auch Treue im Glauben? Na ja, man kann auch etwas glauben, ohne „treu“ zu sein. Es gibt Leute, die glauben, dass es einen Gott gibt. Aber dadurch ist man nicht automatisch in Treue mit ihm verbunden. Ich erkenne ja auch an, dass es Bäcker gibt und dass sie wichtig sind. Aber davon allein bin ich noch keinem einzigen treu. Ich könnte strenggenommen durch’s Leben kommen, ohne je eine einzige Bäckerei zu betreten.
Ob ich mich einmal für einen Bäcker entschieden habe oder ob sich das durch meine Kaufgewohnheiten so entwickelt hat, ist zweitrangig. Worauf es ankommt, ist: Ich bin ihm verbunden, ich hole meist dort mein Brot, ich mag ihn und sein Personal und sein Brot. Und: Ich wechsle nicht sofort den Laden, wenn mir gelegentlich mal was nicht so schmeckt.
So ist das auch mit dem Glauben: Bedeutungsvoll wird die Sache erst durch persönliche Verbundenheit, durch regelmäßig gepflegte Verbundenheit. – Beim Bäcker wie bei Freunden wie in der Partnerschaft wie bei Gott. Und mit dieser regelmäßig gepflegten persönlichen Verbundenheit kommt die Treue ins Spiel.
Treue im Glauben, Treue zu Gott – für Christinnen und Christen geht es noch spezieller: Treue zu Jesus Christus. Die Begebenheit, die ich gleich zitiere, spielt direkt nach dem Abendmahl Jesu mit seinen Jüngern. Seine Gefangennahme steht fast unmittelbar bevor …

Nach dem Lobgesang gingen sie zum Ölberg hinaus. Da sagte Jesus zu ihnen: Ihr alle werdet in dieser Nacht an mir Anstoß nehmen und zu Fall kommen. Denn in der Schrift steht: „Ich werde den Hirten erschlagen, dann werden sich die Schafe der Herde zerstreuen.“ Aber nach meiner Auferstehung werde ich euch nach Galiläa vorausgehen.
Petrus erwiderte ihm: Und wenn alle an dir Anstoß nehmen – ich niemals!
Jesus entgegnete ihm: Amen, ich sage dir: In dieser Nacht, noch ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. Da sagte Petrus zu ihm: Und wenn ich mit dir sterben müsste – ich werde dich nie verleugnen. Das Gleiche sagten auch alle anderen Jünger. (Matthäus 26, 30-35)

Jesus ahnt: Seine Jünger werden ihn gleich, in den Stunden seiner größten Not, im Stich lassen. Und er sagt es ihnen voraus. Er sagt das nicht als Sorge, dass das passieren könnte. Er sagt es nicht als Bitte, weiter treu zu ihm zu stehen. Jesus sagt es als Faktum, als Tatsache: Ihr alle werdet mir untreu werden!
Und die Jünger? Das können sie so nicht stehen lassen, das können sie nicht auf sich sitzen lassen. Sie hören einen Vorwurf, und da müssen sie widersprechen. Petrus vorne weg, die anderen hinterdrein.
Aussage gegen Aussage, Prognose gegen Prognose. Wer behält Recht? Jesus! Die Jünger sind absolut treu gewesen – mit dem Mund. Allzu große Worte. Ein bisschen wie im Kindergarten, wenn Lisa und Lotte ganz bestimmt ihr Leben lang beste Freundinnen bleiben werden. Es kommt dann manchmal doch anders, und große Worte sind ein schwacher Schutz.
Wie steht es mit Ihrer, mit meiner Treue im Glauben? Falls Sie sich zu den Glaubenden rechnen und auf eine längere Glaubens-Geschichte zurückblicken, werden Sie wahrscheinlich erkennen: Es ist eine sehr wechselvolle Geschichte. Auch mit Zeiten mäßiger Treue oder Untreue. Obwohl die Anlässe zur Untreue viel nichtiger waren als damals bei den Jüngern. Vielleicht eher so etwas wie Gewöhnung. Oder eine Reihe kleinerer Enttäuschungen. Oder die ganz große Enttäuschung. Glaube kann sich einfach verlieren. Verdunsten. Und dann steht man ziemlich ernüchtert ohne da – wie in Erich Kästners Gedicht „Sachliche Romanze“:

Als sie einander acht Jahre kannten
(und man darf sagen: sie kannten sich gut),
kam ihre Liebe plötzlich abhanden.
Wie andern Leuten ein Stock oder Hut.

Sie waren traurig, betrugen sich heiter,
versuchten Küsse, als ob nichts sei,
und sahen sich an und wußten nicht weiter.
Da weinte sie schließlich. Und er stand dabei.

Vom Fenster aus konnte man Schiffen winken.
Er sagte, es wäre schon Viertel nach Vier
und Zeit, irgendwo Kaffee zu trinken.
Nebenan übte ein Mensch Klavier.

Sie gingen ins kleinste Café am Ort
und rührten in ihren Tassen.
Am Abend saßen sie immer noch dort.
Sie saßen allein, und sie sprachen kein Wort
und konnten es einfach nicht fassen.

Am Ende dieser Andacht, in der Liebe oder im Glauben, steht da der große Frust? O nein! Denn: Jesus spricht von Untreue – ja. Aber: Er spricht vor allem von seiner Treue! Er wird auferstehen, und er wird seinen Jüngern nach Galiläa vorangehen – dorthin, wo mit ihnen alles angefangen hatte. Und wo es wieder ganz neu anfangen darf, anfangen wird.
Treue im Glauben? Und wenn mir das nicht gelingt, allen großen Absichten und Sprüchen zum Trotz? Unsere Geschichte sagt: Es hängt nicht an meiner Untreue, sondern an Jesu Treue!

Gebet (aus einem Lied):
Gelobt sei Deine Treu, / die jeden Morgen neu / uns in den Mantel Deiner Liebe hüllt. / Die jeden Abend wieder, / wenn schwer die Augenlider, / das schwache Herz mit Frieden füllt.
Gelobt drum Deine Treu, / die jeden Morgen neu / uns Deine abgrundtiefe Liebe zeigt. / Wir preisen Dich und bringen / Dir unser Lob mit Singen, / bis unser Mund im Tode schweigt.

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Geschwister am Grab. Andacht zum 27.2.2015

Sind Sie Monotheist? Keine Bange, das ist nichts Unanständiges. Vielleicht aber etwas Ansteckendes. In „Monotheist“ stecken zwei griechische Wörter: „monos“: einer, ein einziger; „Theos“: Gott. Ein Monotheist glaubt an einen einzigen Gott.
Nun gibt es ja Leute, bei denen dreht sich alles nur um’s Geld, obwohl sie mehr als genug davon haben. Man könnte so jemanden ebenfalls als Monotheist bezeichnen, der hat ja auch nur einen Gott. So ein Monotheismus wäre dann DOCH etwas Unanständiges. Aber das meine ich hier nicht. Man müsste den vielleicht eher einen Mono-Monetisten nennen.
Wenn Sie Monotheist sind, werden Sie sich dem jüdischen, dem christlichen oder dem islamischen Glauben zurechnen. Das sind die drei großen „monotheistischen Religionen“. Diese drei haben aber nicht nur den Glauben an den einen Gott gemeinsam. Da gibt es auch einen bestimmten MENSCHEN, der bei allen dreien eine zentrale Stellung einnimmt: Abraham. Der hat wohl in der ersten Hälfte des zweiten vorchristlichen Jahr­tausends gelebt, genau lässt sich das nicht sagen. – Und heute sind wir nun am Ende seines Lebens:

Abraham wurde 175 Jahre alt. Dann starb er, gesättigt von einem langen und erfüllten Leben, und wurde im Tod mit seinen Vorfahren vereint.

In anderen Übersetzungen heißt es: Abraham stirbt „lebenssatt“. Nicht: „lebensmüde“. Ja, lang und erfüllt war sein Leben. Von großem Leiden am Schluss ist nicht die Rede, es klingt alles „rund“ mit seinem Ende. „Lebenssatt“ – so möchte ich auch mal sterben. Wir lassen Abraham also ruhen – und wenden uns seiner Bestattung zu:

Seine Söhne Isaak und Ismaël bestatteten ihn in der Höhle Machpela. (…) Dort waren nun also Abraham und seine Frau Sara zur letzten Ruhe gebettet. (aus Genesis 25)

Da ist Abraham nun wieder vereint mit seiner Sara. Er hatte zwar nach Saras Tod wieder geheiratet und weitere Kinder, aber die werden nur am Rande erwähnt. Auch nicht bei seiner Bestattung. Aber wer erwähnt wird: „Seine Söhne Isaak und Ismael“. Beide setzen ihren uralten Vater bei. – Gemeinsam.
Das ist keineswegs selbstverständlich. Hier die Vorgeschichte:
Gott hatte Abraham und Sara einen Sohn verheißen. Dessen Nachkommen sollten das „Volk Gottes“ werden. Aber es hatte bei den beiden alten Leuten einfach nicht geklappt mit dem Nachwuchs. Und da hat Sara eine Idee: Sie überlässt ihrem Mann für mindestens eine Nacht ihre persönliche Sklavin Hagar. Und es „klappt“: Hagar wird schwanger.
Was nicht klappt: der Frieden in dieser Dreiecksbeziehung. Sara wird eifersüchtig auf Hagar, fühlt sich von ihrer eigenen Sklavin verächtlich behandelt. Es gibt bis zur Geburt des kleinen Ismael echte Dramen, die schwangere Hagar ergreift sogar für eine Weile die Flucht.
Als Ismael schließlich geboren ist, hat Abraham eine Gottesbegegnung der besonderen Art. Abraham hat dabei einen Vorschlag an Gott: „Ach dass Ismael möchte leben bleiben vor dir!“ (Gen. 17, 18). Abraham meint damit ungefähr: „Nimm doch Ismael als Träger der Verheißung mit dem großen Volk!“ Aber Gott bleibt bei seiner Verheißung für die BEIDEN alten Leute selbst, nicht für ihre Stellvertreter: Abraham und SARA sollen ein Kind bekommen!
Und Ismael? Was wird mit dem? Gott sagt zu Abraham:

Deine Bitte für Ismaël will ich erfüllen: Ich werde ihn segnen und fruchtbar machen und ihm sehr viele Nachkommen geben. Zwölf Fürsten wird er zeugen, und ich lasse ihn zum Vater eines großen Volkes werden. (Genesis 17, 20)

Aha! Auch Ismael ist gesegnet! In ganz ähnlicher Weise wie das Kind von Sara und Abra­ham, das noch nicht einmal gezeugt ist: ein großes Volk, zwölf Stämme …
Das Gezänk in der Patchworkfamilie wird nicht kleiner, als Abraham und Sara schließlich tatsächlich ihren Isaak bekommen. Irgendwann schicken sie Hagar mit ihrem Sohn buchstäblich in die Wüste.
Kann man überleben, wenn man so unvorbereitet in die Wüste geschickt wird? Wenn weit und breit keine Menschenseele für einen da ist? Als alleinerziehende Mutter? Nein. Hagar und ihr Junge sind kurz davor zu verdursten.
Aber Gott, Gott steht ihnen bei:

Gott öffnete Hagar die Augen, da sah sie einen Brunnen. Sie ging hin, füllte den Schlauch mit Wasser und gab dem Kind zu trinken. 
Auch weiterhin half Gott dem Jungen. Er wuchs heran und wurde ein Bogen­schütze. Er lebte in der Wüste Paran und seine Mutter gab ihm eine Ägypterin zur Frau. (Genesis 21, 19-21)

So sehr die Verheißungen für Isaak und Ismael einander ähneln, so verschieden sind die beiden doch. Und so unterschiedliche Lebens-Wege gehen sie. Begegnungen zwischen Isaak und Ismael werden uns nicht berichtet. – Außer eben dieser einen: Sie bestatten gemeinsam ihren Vater.
Und: Es gibt noch eine Gemeinsamkeit – „wenn ich auf das Ende sehe …“:

… dann starb Ismaël und wurde im Tod mit seinen Vorfahren vereint. (Gen. 25, 17)

… dann starb Isaak, gesättigt von einem langen und erfüllten Leben, und wurde im Tod mit seinen Vorfahren vereint. Seine beiden Söhne Esau und Jakob begruben ihn. (Gen. 35, 29)

Ismael und Isaak, sie werden, genau wie ihr Vater, „mit ihren Vorfahren vereint“. Diese schöne Umschreibung für „Sterben“ gibt es im Alten Testament nur elf Mal. Und hier, bei den beiden Brüdern, schwingt etwas Spezielles mit: Es gibt einen gemeinsamen Vorfahren, eben ihren Vater Abraham. Unterschiedliche Wege „im Leben“, aber vereint am Grab des Vaters – und dann vereint nach Abschluss des eigenen Erdenlebens.
Und nun zu den Monotheisten: Die Juden sehen sich in der Linie von Isaak. Und die Moslems, sie sehen sich in der Linie Ismaels. Für sie ist die Quelle in der Wüste, durch den Ismael und seine Mutter überlebten, in Mekka, dem Zentrum ihres Glaubens. Die Quelle heißt Zamzam und liegt im Hof der Großen Moschee. Die Kaaba, das Ziel der muslimischen Wallfahrt, ist ebenfalls dort. Sie wurde, so glauben die Moslems, von Abraham zusammen mit Ismael wiedererrichtet. Zwei Brüder, unterschiedliche Wege. Und doch gehören sie mehr zusammen, als man es ihnen manchmal ansieht.
Und die Christen? Keine Frage: Die glauben auch an den Gott Abrahams und Saras. Die können sich mit zu den beiden Brüdern stellen an der Grabeshöhle von Machpela.
Und die Unterschiede? Ich bin ungefähr der Allerletzte, der meint, im Grunde seien alle Religionen doch gleich und man würde überall an dasselbe glauben. Das tun nicht mal die drei monotheistischen Geschwister am Grabe Abrahams. Zum Beispiel haben es die Christen mehr noch als mit der Grabeshöhle von Machpela mit einer Grabeshöhle bei Jerusalem: Der Stein ist weggewälzt, das Grab ist leer, der Tod ist besiegt. – „Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten?“ (Lk 24, 5). Solche Unterschiede, die sich besonders auf Jesus beziehen und wer er für mich und für „die Welt“ ist, die darf ich als Christ benennen, hervorheben, werbend hervorheben.
Die drei Geschwister sind unterschiedlich. Sie sind unterschiedliche Glaubens-Wege gegangen. Trotzdem stehen sie gemeinsam an Abrahams Grab. Und sie tun gut daran, einander als Geschwister zu behandeln. Erst recht, wenn z.B. das Bild, das manche Moslems von den Christen haben, noch von den Kreuzrittern stammt. Oder wenn sich manche Christen ihr Bild vom Islam bei den Wirrköpfen vom IS oder von den Taliban holen.

Gebet:
Gott, Du hast die Menschen nach Deinem Bild geschaffen. Auch die, die anders glauben als ich. Auch die, die gar nichts glauben. Hilf mit dabei, diese Würde im anderen und auch im eigenen Spiegelbild zu sehen und zu achten! Amen.

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Fasten oder nicht? Andacht zum 20.2.2015

Na, Festtagslaune? Feierstimmung? Für die Karnevalisten ist ja seit Aschermittwoch alles vorbei. Und für die Christen fängt etwas wenig Feierliches an: die Passionszeit an, Jesu Leidenszeit. Die Katholiken sagen meistens: „Fastenzeit“. Manche Protestanten fasten auch. „Sieben Wochen ohne“. Ohne was? Ohne etwas, wovon Sie den Verdacht haben: „Das ist mir ZU lieb! Das ist mir ZU wichtig!“

Also – erste Frage: Fasten Sie? Nicht zum Abnehmen, Entschlacken, Heilfasten, sondern: Fasten Sie aus Glaubensgründen?

„Aus Glaubensgründen“ – vielleicht: Mehr zu sich und zu Gott kommen. Falschen Abhängig­keiten auf die Schliche kommen. Oder um – ansatzweise – mit Christus zu leiden. Oder was würden SIE sagen? Was wäre für SIE ein guter Grund zu fasten? (…)

Nun die zweite Frage: Ist Jesus da? Jetzt und hier? Bei Ihnen? Unter uns? Und: „in der Welt“, wie man so sagt?

  • Vielleicht haben Sie ein klares „Ja“. Als Christin oder Christ pflegen Sie täglich Ihre Beziehung zu Jesus, Sie sind erfüllt von ihm. Vielleicht ist er für Sie in der Gemeinde und im Gottesdienst „mitten unter uns“. Vielleicht besonders im Abendmahl. Vielleicht entdecken Sie ihn in den Menschen, die gerade Not leiden und wenig Beachtung finden – in seinen „geringsten Schwestern und Brüdern“, wie er es gesagt hat. Oder in Menschen, die zu IHNEN gut sind, wenn SIE gerade in Not sind.
  • Oder Sie haben ein klares „Nein“. Sie fühlen sich wie die Jünger im Seesturm: Keinen festen Grund unter den Füßen, es stürmt und schaukelt, es geht drunter und drüber. Der ganze Kahn droht unterzugehen, und Sie mit. Von Jesus weit und breit nichts zu sehen, nichts zu hören, nichts zu spüren. Vielleicht schläft er irgendwo – aber hier, wo er so dringend nötig wäre, ist er nicht. Vielleicht genügt Ihnen auch schon der Blick in die Tagesschau, um zu sehen: So kann NICHT die Welt aussehen, in der Jesus da ist.
  • Oder Sie haben ein „Manchmal“. Solche „Ja“-Momente blitzen immer mal auf – aber dann verblassen sie auch wieder, werden überlagert von all dem, was Sie belastet. Oder solche Momente werden erdrückt und an den Rand geschoben vom alltäglichen Allerlei. Oder Ihr „Ja“ wird dadurch angesägt, dass Sie die ganze Sache mit Jesus intellektuell bezweifeln.

So, und nun die Geschichte, die beide Fragen miteinander verbindet:

Da kamen die Jünger des Johannes zu ihm und sprachen: Warum fasten wir und die Pharisäer so viel und deine Jünger fasten nicht? Jesus antwortete ihnen: Wie können die Hochzeitsgäste Leid tragen, solange der Bräutigam bei ihnen ist? Es wird aber die Zeit kommen, dass der Bräutigam von ihnen genommen wird; dann werden sie fasten.
Niemand flickt ein altes Kleid mit einem Lappen von neuem Tuch; denn der Lappen reißt doch wieder vom Kleid ab und der Riss wird ärger. Man füllt auch nicht neuen Wein in alte Schläuche; sonst zerreißen die Schläuche und der Wein wird verschüttet und die Schläuche verderben. Sondern man füllt neuen Wein in neue Schläuche, so bleiben beide miteinander erhalten. (Matthäus 9, 14-17)

„Warum fasten wir und die Pharisäer so viel?“ Diese Frage hätten die Johannes-Jünger sich besser selbst beantwortet, statt sie Jesus zu stellen.
Warum fasten? Warum geistliche Übungen generell? Warum sichtbare oder hörbare Frömmigkeit? Es gibt da ein paar zweifelhafte Gründe.
Der erste zweifelhafte Grund: Die Show vor den anderen. Jesus kritisiert es in der Bergpredigt, wenn Leute demonstrativ und mit Leidensmiene fasten. Oder wenn sie aus Gründen der Selbst­dar­stellung öffentlich wortreiche Gebete sprechen.
Der zweite zweifelhafte Grund: Die Show vor Gott. Nehmen wir den Pharisäer in einem Gleichnis Jesu: Der klopft sich im Gebet selbst auf die Schulter wegen seines Fastens und Spendens. Aber vor Gott prahlen, das kommt nicht gut. Statt jetzt jedoch zum großen Pharisäer-Bashing überzugehen, wie es Christen gerne tun, möchte ich eines zu bedenken geben: Wohl kein Mensch, der eine fromme Show vor den anderen oder vor Gott veranstaltet, WEISS DARUM, dass es eine fromme Show ist. Das merken die anderen eher. Der Betreffende versucht nicht nur, die anderen oder Gott zu täuschen, der täuscht vor allem sich selbst. Also: Vor der Kritik an den „Pharisäern“ ist da vielleicht bei Ihnen und bei mir selbst die kleinlaute Frage angesagt: „Herr, bin ich’s?“
Zu der Versuchung, seine Frömmigkeit demonstrativ zu zeigen, hat sich heute noch eine andere gesellt, nämlich: seine Frömmigkeit „demonstrativ“ zu verstecken! Da soll keinesfalls jemand was merken! – Wenigstens in DEM Punkt hatten es die Leute damals etwas leichter …
Warum fasten? Es gibt nicht nur zweifelhafte, es gibt auch GUTE Gründe. Die Pharisäer und die Johannes-Jünger haben eine große Gemeinsamkeit: Sie ersehnen, dass Gottes Reich bald anbricht. Fasten als Sehnsucht und als Bitte an Gott: „Dein Reich komme!“ Darum also die Jünger des Johannes fasten, das wäre damit geklärt.
Und ihre Kernfrage? – Warum fasten die Jünger Jesu NICHT? Ersehnen sie etwa NICHT das Reich Gottes?
Jesu Antwort: Festtagslaune! Feierstimmung! Es ist Hochzeitsfest! Der Bräutigam ist gekommen! Er ist jetzt da!
Klar, damit meint Jesus sich selbst. In seiner Person, in dem, was er sagt und tut, ist das Reich Gottes da! Man kann es auch so sagen: „Ihr, liebe Johannes-Jünger, wartet auf das Reich Gottes. Und da passt es, wenn ihr fastet und bittet! Aber für die, die mir nachfolgen, ist es schon da! – Eingeladen zum Fest des Glaubens!“
„Es wird aber die Zeit kommen, dass der Bräutigam von ihnen genommen wird. Dann werden sie fasten!“ Jesus spricht von der Zeit, wenn er nicht mehr sichtbar unter seinen Jüngerinnen und Jüngern ist. Unsere Zeit. Heute. Also eine klare Anweisung zum Fasten?
Ich finde, da sind wir wieder bei Frage 2 vom Anfang: „Ist Jesus da?“ Sie können das mit Ja, mit Nein und mit Manchmal beantworten. Und immer haben Sie recht! Ob also für Sie Feiern und Jubeln oder Fasten, Bitten, Klagen dran sind – nun, da kann in diesem Augenblick für jeden und jede die Antwort anders ausfallen.
Auf das alte Kleid kommt kein neuer Flicken, und der neue Wein muss in neue Schläuche, sagt Jesus. Sonst geht aller kaputt. Alt zu Alt, Neu zu Neu. Das Neue ist nicht „besser“ als das Alte. Es muss eben nur zueinander passen.
Wein in Schläuchen? Das Bild wird uns fremd sein, und Kleider flicken, das macht auch nicht jeder. Ich sag’s mal so: Sie, meine Dame, gehen nicht mit einem roten Ballkleid auf eine Beerdigung. Und mit dem formgerechten Beerdigungs-Outfit gehen Sie nicht auf eine Hochzeits­feier. Die eine wie die andere Kleidung ist „gut“. Aber beide passen nicht immer und zu allem. Es kommt darauf an, was gerade dran ist.
„Ist Jesus da? Jetzt und hier? Bei Ihnen? Unter uns? In der Welt?“ Je nach dem, wie Ihre Antwort ausfällt, kann für Sie Fasten dran sein oder Feiern; Klagen oder Jubeln; Weinen oder Lachen; Gemeinschaft oder Rückzug; fröhliche Musik oder traurige; laute oder leise Töne. Nichts davon ist „an sich“ schlecht. Nur: Passen sollte es! Stimmig sein! Zu dem, wie es Ihnen um’s Herz ist.
Eine Bekannte, der es gerade schlecht geht, sagte mir: „Ich kann doch jetzt nicht mein wahres Gesicht zeigen, wenn ich von meinem Glauben spreche. Das muss doch fröhlich sein, wenn es einladend sein soll!“ Ich finde: Sie irrt. Sie darf, sie soll ihr wahres Gesicht zeigen. Und Sie, Sie auch! Erlöst von der Pflicht der Verstellung. Wir dürfen „echt“ sein. Und erst recht in Sachen „Glauben“.

Gebet:
Gott, vor Dir darf ich ganz so sein, wie ich bin. Danke! Hilf Du mir gegen die Verstellung und Lüge – dass ich den anderen, mir selbst, ja, sogar Dir, etwas vormachen will. Amen.

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Ein König muss her! Andacht zum 13.2.2015

Manchmal kann man etwas von anderen lernen oder sich von ihnen abgucken: Die haben Sachen, die sind echt praktisch, nützlich, schön. Oder die tun Dinge, die sollte ich auch mal probieren. Oder die können was – es wäre gut, wenn ich das auch könnte.
Manchmal gibt es natürlich etwas, das kann ich mir von anderen nicht abgucken, weil es bei mir nicht dafür reicht: Für den Nobelpreis bin ich nicht klug genug. Um den Party-Löwen zu geben, dafür habe ich einfach nicht das Format. Der Marathon-Sieg scheitert daran, dass ich nicht mal bis zur Ziellinie käme – und vorher an meiner Faulheit, denn ich müsste trainieren.
Wenn die anderen Sachen haben oder Sachen können, die man selbst nicht hat oder nicht kann, dann führt das zu — Neid.
Ob die Zeitgenossen des alten Priesters Samuel (11. Jahrhundert v. Chr.) neidisch sind, weiß ich nicht genau. Aber zumindest gibt es etwas, das würden die Israeliten sich gern von den an­deren Völkern abgucken: die Staatsform. Denn die Stämme Israels leben nur in lockerer Verbin­dung. Da ist es schwer, gemeinsam aufzutreten und sich gegen die Nach­barn zu schützen. Außenpolitisch etwas hermachen, Einfluss haben, das geht ohne gemeinsamen Repräsentanten ebenfalls nicht. All das ist bei den Nachbarn anders: Das sind richtige Staaten. Alle mit einem König!
Es gibt allerdings jemanden, der auch ohne Königs-Würden einigermaßen anerkannt ist: eben der Priester Samuel. Der zieht von Ort zu Ort, veranstaltet Gottesdienste, und sein Wort, das hat Gewicht. Auch in juristischen Streitfällen: Er spricht Urteile.
Nun ist Samuel allerdings alt geworden, und seine beiden Söhne übernehmen oft vertretungsweise seine Aufgaben in Gerichtsverfahren. – Und genau dagegen regt sich nun Unmut: Die Söhne sind bestechlich – sie sind immer wieder bereit, für „Geschenke“ das Recht zu beugen.

Da versammelten sich alle Ältesten Israels und kamen nach Rama zu Samuel und spra­chen zu ihm: Siehe, du bist alt geworden und deine Söhne wandeln nicht in deinen We­gen. So setze nun einen König über uns, der uns richte, wie ihn alle Heiden haben!

Klingt vernünftig: Das Problem mit den bestechlichen Samuel-Söhnen könnte man gleich mit einer Verfassungsreform verbinden. Ein König soll her! Einer, wie ihn die anderen Völker auch haben!

Das missfiel Samuel, dass sie sagten: Gib uns einen König, der uns richte. Und Samuel betete zum HERRN.

Ist Blut dicker als Wasser? Will da einer seine kriminellen Kinder in Schutz nehmen? Unser Bibel­text liest sich anders. Es ist ausdrücklich der Wunsch nach einem König, der Samuel nicht passt. Da ist es wohl gut, dass Samuel nicht seinem ersten Antwort-Impuls folgt, sondern sich Zeit nimmt – zum Beten. Bedenk-Zeit vor Gott. Und Gott antwortet:

Gehorche der Stimme des Volks in allem, was sie zu dir gesagt haben. Denn sie haben nicht dich, sondern mich verworfen, dass ich nicht mehr König über sie sein soll. (…) So gehorche nun ihrer Stimme. Doch warne sie und verkünde ihnen das Recht des Königs, der über sie herrschen wird.

„Sie haben … mich verworfen, dass ich nicht mehr König über sie sein soll“. Ja muss Gott denn al­les gleich so persönlich nehmen? Muss er sich davon angegriffen fühlen, dass die Leute einen König wollen, einen aus Fleisch und Blut?
Aber genau so radikal klingt diese Stelle. Schließlich waren die Könige damals nicht durch Verfas­sungen und Parlamente eingeschränkt. Sie hatten das Sagen, sie wurden verehrt. Also: Wenn ich ei­nem anderen Menschen zubillige, in allem das Sagen zu haben, verträgt sich das nicht mit dem Glauben an Gott. Wenn ich mich an der unterwürfigen Verehrung so eines Menschen beteilige, passt auch das nicht zum Glauben an Gott. Wer unseren Text verinner­licht und Gott, nur Gott, König sein lässt, hat automatisch eine Abneigung gegen Diktaturen und Diktatoren, der taugt auch nicht son­derlich als Speichellecker oder Beifallspender.
„Doch warne sie“, sagt Gott. Wovor? Lesen Sie, welche Warnungen Samuel den Leuten nennt:

Das wird des Königs Recht sein, der über euch herrschen wird: Eure Söhne wird er nehmen für sei­nen Wagen und seine Gespanne, und dass sie vor seinem Wagen herlaufen, und zu Hauptleuten über tausend und über fünfzig, und dass sie ihm seinen Acker bearbeiten und seine Ernte einsammeln und dass sie seine Kriegswaffen machen und was zu seinen Wagen gehört. Eure Töchter aber wird er nehmen, dass sie Salben bereiten, kochen und backen. Eure besten Äcker und Weinberge und Öl­gärten wird er nehmen und seinen Großen geben. Dazu von euren Kornfeldern und Weinbergen wird er den Zehnten nehmen und seinen Kämmerern und Großen geben. Und eure Knechte und Mägde und eure besten Rinder und eure Esel wird er nehmen und in seinen Dienst stellen. Von eu­ren Herden wird er den Zehnten nehmen und ihr müsst seine Knechte sein.
Wenn ihr dann schreien werdet zu der Zeit über euren König, den ihr euch erwählt habt, so wird euch der HERR zu derselben Zeit nicht erhören.

Oder anders gesagt: Die Suppe, die ihr euch jetzt sehenden Auges einbrockt, die müsst Ihr auch selbst auslöffeln! – Und hier der Erfolg dieser klaren Worte:

Aber das Volk weigerte sich, auf die Stimme Samuels zu hören, und sie sprachen: Nein, sondern ein König soll über uns sein, dass wir auch seien wie alle Heiden, dass uns unser König richte und vor uns her ausziehe und unsere Kriege führe!

Ein wackeres „Trotzdem!“ Ein dummes Trotzdem. Kein einziges Wort zu Samuels Argu­menten.
Wieso? Wonach sehnen sich die Leute?

  • Sie wollen sein wie die anderen: „… dass wir auch seien wie alle Heiden.“
  • Sie wollen einen, der sagt, was richtig ist und was falsch, wer Recht hat und wer nicht: „… das uns unser König richte“.
  • Sie wollen Orientierung, sie wollen einen Leithammel: „(der) vor uns her ausziehe“.
  • Sie wollen sich stark fühlen: „… und unsere Kriege führe“.

Und für all das muss ein König als Identifikationsfigur herhalten. Ein Mensch aus Fleisch und Blut – wie sie selbst. Einer, der nackt auf die Welt kommt wie alle, und dessen letztes Hemd ebenfalls keine Taschen hat, Mausoleum hin, Pyramide her.
Wer es mit dem Ersten Gebot hält („… keine anderen Götter neben mir!“), wird sich vor der Vergöt­terung anderer Menschen hüten. Der braucht solche Leithammel nicht.
Jetzt könnten Sie natürlich sagen: „Hoppla! Ausgerechnet die Christen reden doch von Nachfolge! Die haben es zumindest mit den Lippen zu ihrem Ideal gemacht, ihrem Jesus hinterher zu lau­fen! Also doch Leithammel!“
Stimmt! Jesus Christus – für Christen Identifikationsfigur, Orientierungspunkt, „Licht der Welt“. Aber doch ein bisschen anders als der König, vor dem Samuel warnt:

  • Sein wie alle anderen? Gerade nicht! Wer es mit Jesus ernst meint und ernst macht, ist oft in der Minderheit. Der liegt quer zu manchen Werten und Idealen „der Gesell­schaft“. Der schwimmt – nicht immer, aber oft – gegen den Strom. – Das Merkmal lebendiger Fische.
  • Gesagt bekommen, was richtig und falsch ist? Wer sich an Jesus hält, wird nicht stumpf ak­tuellen Parolen folgen, auch nicht frommen. Der wird sich selbst Gedanken machen müssen. In Auseinandersetzung mit „nicht-aktuellen“, uralten Worten von Jesus und mit Geschichten über Jesus; im Gespräch mit anderen; und wie Samuel: im Gebet.
  • Jesus als Leithammel? Ja! Aber der steht nicht für Kraft und Protz und Stärke. Der geht sei­nen Weg der Liebe bis ans Kreuz. „Opfer“ der Könige und Herrscher dieser Welt.
  • Sich stark fühlen? Nein, sondern schwach sein dürfen. In der Hoffnung auf die Kraft Christi.

Diese Andacht ist eine dreifache Einladung:

  • Lassen Sie den kritischen Samuel am Lack der von Ihnen verehrten, idealisierten, vergötterten Mit-Menschen kratzen!
  • Geben Sie den Wunsch auf, so sein zu wollen wie alle anderen!
  • Lassen Sie Christus, das „Lamm Gottes“, Ihren „Leithammel“ sein. Und keinen sonst.

Gebet (nach Psalm 119, 105):
Gott, Dein Wort soll meines Fußes Leuchte sein. Und ein Licht auf meinem Weg! Amen.

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Die Schwiegermutter. Andacht zum 6.2.2015

Im Zentrum der folgenden Episode: Eine Frau, von der ich mir kaum vorstelle, dass sie besonders viel von Jesus hält. Wieso? Weil ihre Tochter mit Simon, dem Fischer, verheiratet ist. Das ist bisher auch kein Problem gewesen. Netter Schwiegersohn, hat sein Auskommen. Eher emotional bis impulsiv, und das ist ja gar nicht so schlecht in der Ehe. Aber nun das hier:

Als (Jesus) am See von Galiläa entlangging, sah er Simon und Andreas, Simons Bruder, im See die Netze auswerfen, denn sie waren Fischer. Und Jesus sprach zu ihnen: Kommt mir nach, und ich werde euch zu Menschenfischern machen! Und sogleich verließen sie die Netze und folgten ihm nach. (Markus 1, 16-18)

Na so was! Da ist es wieder, das Impulsive am Schwiegersohn: Simon schmeißt von jetzt auf gleich die Brocken hin. Er will Jesus folgen! Und was wird mit denen, die zurück bleiben? Sie, die Schwie­germutter, wohnt selbst mit in der kleinen Fischerhütte der Brüder Simon und Andreas. An­dreas will ja auch mit Jesus losziehen. Wenn dann beide einfach verschwinden aus der Ge­gend, kann sie mit ihrer Tochter dann wohnen bleiben? Wovon sollen sie sich ernähren? Sind ja kei­ne leichten Zeiten unter den Römern oder ihren Handlangern.
Mal abgesehen davon: Die Ehe zwischen ihrer Tochter war bisher nicht nur eine Einrich­tung zur wirtschaftlichen Absicherung. ES war auch Liebe im Spiel. Was soll denn daraus werden? Eine Wochenend-Beziehung? Oder eine Alle-halbe-Jahr-Beziehung? Oder Scheidung? Ohne Unterhalt?
Ich weiß nicht, ob die Schwiegermutter etwas gesagt hat. Ob sie gar Streit mit Simon angefangen hat oder mit Jesus selbst. Aber eines weiß ich: Sie wird krank. „Gekränkt“, könnte man sagen.
Wenig später kommen Jesus und seine bis dahin vier Jünger in die kleinen Fischer­hütte zu Besuch.

Die Schwiegermutter Simons aber lag fieberkrank danie­der.

Da liegt sie nun. Fieber. Na ja, ist ja eigentlich keine Krank­heit, sondern ein Symptom. Da kann alles Mögliche hinter stecken. Hochroter Kopf, Schweiß auf der Stirn, schwere Atmung. Und: Wackelige Beine. Kraftlos. Sie kann nicht mehr alleine stehen. Des­wegen liegt sie ja „danieder“. Und überhaupt: Wahrscheinlich ziemlich verschnupft …

Und sofort sagen sie ihm von ihr.

Eine kleine Fischerhütte, keine Villa mit 23 Räumen. Da müsste doch die Kranke sofort auffal­len, ohne dass die anderen erst noch Jesus darauf hinweisen müssen, oder? Aber sie fällt nicht auf von alleine. Liegt zusammengerollt auf einer Matte, von allen abgekehrt. Sie gibt keinen Laut. Ich stel­le mir vor, sie will auch gar nicht angesprochen werden. Schon gar nicht von Jesus. Denn den hat sie ja gefressen, der ist doch an dem ganzen Drama schuld.

(Jesus) trat hinzu, ergriff ihre Hand und richtete sie auf. Und das Fieber verließ sie.

Eine Hoppla-Hopp-Wunderheilung. Es wird uns kein Wort berichtet. Einfach nur vier Schritte:

a) Jesus tritt hinzu.
b) Er ergreift die Hand.
c) Er richtet die Frau auf.
d) Das Fieber ist weg.

So steht es im Markus-Evangelium. Nun müssen Sie wissen: Die Evangelisten Matthäus und Lukas haben diese Geschichte von Markus übernommen. Aber es gibt eine Reihe kleiner Unterschiede.
Der wichtigste Unterschied: die „Heilung“ selbst. In unserer Markus-Fassung ergreift Jesus die Hand der Frau, er richtet sie auf, und dann, erst dann, verlässt sie das Fieber. Matthäus und Lukas dagegen können sich scheint’s überhaupt nicht vorstellen, dass Jesus die Schwiegermutter mitsamt ihrem Fieber aufrichtet. Deswegen ist bei ihnen die Reihenfolge anders: ERST befreit Jesus die Schwiegermutter vom Fieber, DANN steht sie auf. Und zwar ohne dass Jesus die Frau aufrichtet. Und weil Jesus sie nicht aufrichtet, fällt der Kontakt auch verhaltener aus: Bei Markus noch „er­greift“ Jesus ihre Hand, bei Matthäus „rührt“ er sie nur „an“, bei Lukas kommt es nicht mal zur Berührung, sondern: Jesus beugt sich über sie und „bedroht“ das Fieber.
Meine Entdeckung: Das, was Matthäus und Lukas nicht überzeu­gend finden, das ist der eigentliche Clou: Diese kranke, schwache Frau mit ihrem Fieber und den Beinen, die sie nicht tragen wollen, diese Frau, die sich abgewandt hat und beinahe unsichtbar geworden ist, genau die stellt Je­sus auf die Füße! Sie soll, fiebrig, wie sie ist, auf ihren eigenen Füßen ste­hen! Jesus macht das sehr zupackend, ohne viel zu fragen, man könnte fast meinen: ein bisschen übergriffig. Und erst als sie auf ihren eigenen Füßen steht und das wieder spürt, da verlässt sie das Fieber, da hat sie Kraft.

Vielleicht gefällt Ihnen der knappe Schluss der Geschichte nicht:

Und sie diente ihnen. (Markus 1, 29-31)

„Ist ja mal wieder typisch! Die Frau dient den Männern! Und dass sie gera­de noch krank war, interessiert niemanden der Herren sonderlich!“ – Ja, könnte man sagen.
Ich lese das allerdings anders, nämlich so: Die Frau, die eben noch völlig platt war, die hat jetzt wieder Kraft. Die, die eben noch „danieder“ lag und dann auf ihre eigenen Füße zu stehen kommt, die macht jetzt eigene Schritte. Die, die gerade wortlose-zupackende Hilfe erfahren hat, die packt jetzt selbst ohne viele Worte zu. Die, die sich abgewandt hatte von „diesem Jesus“ und „diesem un­möglichen Schwiegersohn“, die wendet sich jetzt ihnen allen zu, sie ist „mit­ten drin“, unübersehbar.
Ist das überhaupt eine „Wunder-“ Geschichte? Meine Antwort: „Jein!“

  • Nein, es wird ja gar keine handfeste Krankheit benannt. Nur Symptome. Jesus sagt auch nicht wie sonst: „Dein Glaube hat Dir geholfen!“ oder „Sag es ja keinem weiter!“
  • Ja, denn Jesus hilft ihr auf die Beine. Und er hilft ihr aus ihrer Isolation heraus unter die Leute. Ausgerechnet unter DIE Leute.

Was haben SIE jetzt damit zu tun? Ich denke: Sie haben vielleicht ein paar Berührungs­punkte mit der Schwiegermutter: Von anderen enttäuscht sein. Nicht mehr weiter wissen. Von nie­mandem mehr gesehen werden wollen, sich am liebsten im Schneckenhaus verkriechen und von in­nen dicht ma­chen. Von den anderen und wohl auch von sich selbst nur noch angenervt sein. Vor al­lem: Diese Kraftlosigkeit. Platt. Rein körperlich einfach nicht mehr können.
Nun stehe ich nicht an, mit dieser Geschichte im Rücken pauschal zu empfehlen: „Dann mal flott aufgestanden, und dann geht’s auch wieder!“ Vielleicht ist jetzt gerade das Gegenteil angesagt: Platt sein dürfen, alle Viere von sich strecken dürfen. Es gut sein lassen, wie es nun mal gerade ist, es gut sein lassen, dass es nicht gut ist. (Wobei: „Schneckenhaus“ ist wohl nie gut.)
Aber wenn es wirklich dran ist mit dem Aufstehen, dann wünsche ich Ihnen, dann wünsche ich mir: Jesu zupacken­de Hand zu spüren, die mich aufrichtet und neu erleben lässt, wie sich das anfühlt, auf eigenen Fü­ßen zu stehen, und dass das wirklich geht! Dass sie mich tragen! Und dass meine eigenen Schritte möglich sind. Schritte sogar auf Leute zu, mit denen es noch ein Hühnchen zu rupfen gäbe.
Und was wurde aus Petrus und seiner Frau? Viele Jahre später erwähnt der Apostel Paulus eher ne­benbei, dass sein Apostelkollege Petrus seine Frau auf seinen Reisen mitnimmt. Na bitte! Die Ehe hat es überlebt. Die Beiden haben sogar GEMEINSAM neue Wege einschlagen können!
Und die Schwiegermutter? Von ihr wird uns nichts mehr berichtet. Das Fischerhaus hatte sie dann wohl für sich allein. Und die Boote und Netze auch. Ich stelle mir vor, sie hat eine Mehrgeneratio­nen-WG aufgemacht. Mit Fischerei-Betrieb. Fieberfrei.

Gebet:
Christus, wenn ich nicht mehr will und nicht mehr kann, wenn ich verschlossen bin in mir, mei­ner Hilflosigkeit, meinem Groll, dann lass mich damit nicht liegen! Ich bitte Dich um Deine zu­packende Hand! Amen.

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Blick-Richtung. Andacht zum 30.1.2015

Einer sprach zu Jesus …

Das fängt schon mal gut an, sage ich als Christ. Dieser „Eine“ spricht zu Jesus. Nicht ÜBER Jesus. Nein, er sucht den direkten Kontakt, er spricht ihn an. Ganz unmittelbar, face to face, von Mensch zu Mensch. Heute würde er sich vielleicht zu einem Gebet durchringen. Und was sagt er?

„Herr …“

Es geht gut weiter. „Herr“ ist nicht einfach eine Anrede wie „Herr Meier“ oder „Frau Schulze“. „Herr“ ist ein Hoheitstitel. Sonst haben die Leute Jesus oft mit „Rabbi“, mit „Meister“, angeredet. „Herr“, das geht weit darüber hinaus.

„Herr, ich will …“

Es wird immer besser! In meinen fast 16 Jahren Psychiatrie und in meinem Leben nach Dienstschluss habe ich gelernt, wie wichtig das ist: Etwas WOLLEN. Und überhaupt zu WISSEN, was ich will. – Was ICH will – und nicht nur die anderen. Und das in Worte zu fassen, es zu SAGEN.
Was will er denn nun, unser Sprecher?

„Herr, ich will dir nachfolgen!“

Klasse! Ich gratuliere! Das klingt mir nach einer super Richtungs-Entscheidung für das weitere Leben. Und es hört sich sehr entschlossen an. Das ist mehr als „ich interessiere mich für“, „ich möchte mal ausprobieren“, „Sie können mir ja mal einen Flyer geben mit Ihrem Angebot und den Konditionen!“. Nein, keine bloße Probefahrt, dieses „Ich will dir nachfolgen!“
Jesus wird begeistert sein. Aber bevor wir Jesus zu Wort kommen lassen, will unser „Einer“ noch ein kleines Anliegen formulieren:

„Aber erlaube mir zuvor, dass ich Abschied nehme von denen, die in meinem Hause sind!“

Na, das wollen wir ihm doch gestatten! Abschiede und Übergänge müssen schließlich begangen und gefeiert werden. Der Junggesellen-Abschied, der Auszug, die Pensionierung, und, klar, die auch: die Bestattung. (Was meist ohne Abschieds-Zeremoniell abläuft: die Scheidung.)
An was für eine Art Abschied hat unser Nachfolge-Kandidat gedacht? Mir ist dazu eine Geschichte eingefallen, die wir vor ein paar Monaten in der Andacht hatten: Rebekka bricht aus ihrer Heimat auf, um in einem ihr fremden Land den ihr ebenso fremden Isaak zu heiraten. Der Abschied zieht sich hin – Tag, um Tag. Sie können sich nicht gut losreißen. Oder eine Geschichte aus Richter 19: Einen um den anderen Tag überredet ein alter Vater seinen Schwiegersohn, doch noch ein bisschen zu bleiben. – Die Geschichte nimmt allerdings ein böses Ende …
So, und nun die kalte Dusche: Bei Jesus bleibt die Begeisterung aus. Seine kurze Antwort:

„Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes!“ (alles: Lukas 9, 61-62)

Kritisiert Jesus das Abschied-Nehmen? Anscheinend schon. Mit einem Bild aus der Landwirtschaft: Ein Bauer beim Pflügen. Vorn vor seinem Pflug vielleicht ein paar Ochsen. Sonst muss er den Pflug selbst ziehen oder schieben. So, wenn jetzt dieser Bauer zurück blickt, dann kommt er nicht von der Stelle. Stillstand. Wenn er aber doch von der Stelle kommt, wenn er im Blick zurück weiter pflügt, na, dann werden die Furchen krumm und schief. Das wird nichts.
Nein, der Bauer muss einen Punkt auf der anderen Seite des Feldes fixieren. Dort, wo er hin will. Und dann pflügt er los und behält diesen Punkt im Blick. SO kommt etwas dabei heraus.
Und wenn der Bauer mal kurz stehen bleibt und zurück guckt? Kein Problem. Solange er nicht wie angewurzelt stehen bleibt und sich nicht lösen kann oder mag von dem, was hinter ihm liegt. Ich denke nicht, dass Jesus etwas gegen das kurze Innehalten und einen wirklichen Abschied hat. Wohl aber etwas gegen einen Abschied, der in Wahrheit eine Abschieds-Vermeidungs-Taktik ist, ein Abschied als Dauer-Zustand.
Nun zu uns. Ich selbst gehöre von Haus aus eher zu denjenigen, die sich nicht so gut verabschieden können. Sie auch? Und lägen wir dann auf der Linie Jesu? Wohl kaum. Denn wer sich nicht gut verabschieden kann, hat dieses Problem NICHT deswegen, weil er so gut loslassen kann, sondern im Gegenteil: Weil er so schlecht loslassen kann!
Das Jesus-Wort vom Pflug und dem Blick zurück ist eines meiner meist-zitierten Bibelworte geworden. Warum? Weil nach meinem Eindruck so viele Menschen sich das Leben schwer machen durch den beständigen Blick zurück, durch ihre Vergangenheitsorientierung, besser gesagt: Vergangenheitsfixierung. Es sind keineswegs nur die glücklichen Zeiten, die einen in den Bann schlagen können, es ist manchmal GERADE die schlimme, die fürchterliche Vergangenheit. Ich spreche vom „Frau-Lot-Syndrom“: Als Lot und seine Frau ihre untergehende Heimat Sodom und Gomorrha verlassen müssen, da sollen sie geradeaus zum rettenden Gebirge gehen und dürfen sich nicht umdrehen. Aber Frau Lot tut es doch – und sie erstarrt zu einer Salzsäule.
Der nicht enden wollende Abschied oder die Fixierung auf das, was war, ja, das fixiert tatsächlich. Sie können sich nicht mehr bewegen, Sie kommen nicht voran.
Es gibt zwei Faktoren, die eine Verführung zur Fixierung auf die Vergangenheit sind:

1. Die anstrengende Gegenwart. Wenn mir aktuell alles ein bisschen viel wird, wenn die Dinge, die ich anzupacken, zu erledigen, durchzustehen habe, mich fordern oder überfordern, dann bleibt die Vergangenheit als Ausweg und Fluchtpunkt. Außenstehende wundern sich, wieso denn jemand plötzlich wieder in uralter Trauer oder längst überwunden geglaubtem Liebeskummer untertaucht, denn das macht ja keinen Spaß. Aber dieser Schmerz ist leichter erträglich als die Lasten der Gegenwart. Und im Selbstmitleid bin ich mir näher als im Ab-Arbeiten lästiger Pflichten.

2. Die finstere Zukunft. Wenn ich überzeugt bin, dass alles nur noch bergab geht und das Ende schrecklich wird, dann bietet sich die Vergangenheit als Fluchtpunkt ebenfalls an.

„Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes!“

Jesus nachfolgen, das hat damit zu tun, das „Reich Gottes“ zu erwarten. Christen sagen: Dieses „Reich Gottes“ hat mit Jesus seinen Anfang genommen. Mit seinen Worten und Taten, mit seinem Tod und seiner Auferweckung. Und Gott wird dieses „Reich“ auch vollenden. „Reich Gottes“, das ist so ziemlich das „gegenteiligste“ Szenario zu einer „finsteren Zukunft“. Wer diesen Punkt auf der anderen Seite des Feldes fixiert, kommt von der Stelle und pflügt besser.
Man kann sich mit der Vergangenheit beschäftigen, um darin stecken zu bleiben, zu erstarren, zu versinken. Man kann sich aber auch mit der Vergangenheit beschäftigen, um sich wahrhaft zu verabschieden, loszulassen und voran zu gehen. Vielleicht sogar mit nützlichem Proviant aus der Vergangenheit als Stärkung für heute und für den weiteren Weg. Ein Weg mit Christus an meiner Seite, das „Reich Gottes“ fest im Blick.

Christus, Du weißt, an welchen Stellen ich mir die Lasten der Vergangenheit zu Lasten der Gegenwart mache und zu Felsbrocken auf dem Weg in die Zukunft. Ich kann und ich will so schlecht loslassen. Ich bitte Dich um Befreiung! Amen.

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Der Sprung über die Mauer. Andacht zum 23.1.2015

Mit Dir erstürme ich einen Wall, und mit meinem Gott überspringe ich eine Mauer. (Psalm 18, 30)

Klingt ziemlich dynamisch, „eine Mauer überspringen“. Und mutig. Man kann ja schließlich schon beim Sprung über eine kleine Gartenmauer mit dem Fuß hängen bleiben.
Der Sprung über eine Mauer ist das eine. Das andere, womit Sie es vielleicht mehr zu tun haben: Gegen Mauern anzurennen. Die Mauer als Symbol: Sie steht da und steht und lässt sich einfach nicht erweichen, nicht bewegen. Keine Veränderung ist da drin.
Manche Mitmenschen sind wie eine Mauer. Man sagt das ja auch so: „Gegen den rennst Du an wie gegen eine Mauer!“
Manchmal wird die Mauer immer härter, höher unverrückbarer durch die Art, wie Sie sie überwinden wollen. – Beispiele?

  • „Ich bin immer so müde und kraftlos! – Und dabei ruhe ich mich schon den ganzen Tag aus!“
  • „Mein Kind ist schier unersättlich und will immer noch mehr! – Und dabei kriegt es doch schon alles, was es von mir will!“
  • „Mein letzter Alkohol-Rückfall – also ich habe da ein so schlechtes Gewissen, ich bin da so streng zu mir, das halte ich kaum aus. – Ich könnte mir glatt einen trinken!“

Ein Passant wankt tastend an einer Litfass-Säule entlang – Runde um Runde. Schließlich sinkt er in sich zusammen und lallt verzweifelt: „Eingemauert!“

Dieser bemühte und verzweifelte Mensch wäre gut beraten, nicht unbedingt über die Mauer oder mit dem Kopf durch die Wand zu wollen, sondern seine Sicht der Dinge in Zweifel zu ziehen. Und mehr Um-Sicht walten zu lassen.
Und noch ein Irrtum: Sie sind eingesperrt hinter dicken Mauern. Trotzdem gelingt Ihnen die Flucht. Doch kaum sind Sie draußen, merken Sie: Sie waren gar nicht im Gefängnis, sondern in einer Burg – und hier draußen sind die Belagerer, die Ihnen Böses wollen …
Umgekehrt kann das natürlich auch passieren: Da wird Ihnen etwas als Schutz und Sicherheit verkauft, alles zu Ihrem Besten, aber in Wahrheit sind Sie hinter diesen Mauern gefangen. Man könnte auch „goldener Käfig“ dazu sagen, wenn wir nicht gerade bei Mauern wären.
Mauern haben beides: Das eine: Mauern sperren aus und sie sperren ein, sie nehmen Ihnen Freiheit. Das andere: Sie geben Schutz, Sicherheit, Geborgenheit. Oft haben Mauern beide Seiten gleichzeitig. Gerade die selbstgebauten. Man sagt das ja so: „Der baut eine Mauer um sich auf, der lässt keinen an sich ran, der zeigt nichts von sich!“ Wahrscheinlich, um nicht verletzt zu werden. Also Schutz. Und zugleich eingesperrt.
Eingesperrt oder geschützt? Sie müssen sich entscheiden: Sind Ihnen Schutz und Geborgenheit wichtiger? Oder ist es die Freiheit? Welche Antwort „richtiger“ ist, hat damit zu tun, wer auf der anderen Seite der Mauer ist. Ob Sie dem trauen können oder trauen wollen. Und die „richtige“ Antwort hängt daran, wofür „die Zeit reif ist“: Für die frisch geschlüpften Vögel ist das Nest der richtige Ort. Werden sie flügge, wird es irgendwann Zeit, „eine Mauer zu überspringen“, also von der Nestkante zu hüpfen.

Mit Dir erstürme ich einen Wall, und mit meinem Gott überspringe ich eine Mauer.

Für unseren Psalmbeter ist klar: Es ist jetzt nicht dran, sich von der Mauer ein- oder aussperren zu lassen, sondern sie zu überwinden. Er klingt geradezu angriffslustig. „Dinge in Angriff nehmen“. Etwas Zupackendes hat das.
Und nun kommt jemand ins Spiel, den ich bei meinen bisherigen Mauer-Gedanken „übersprungen“ habe: Gott! Mit Gott überspringt unser Psalmbeter die Mauer! Das ist wohl kaum so gemeint, dass da zwei nebeneinander über die Mauer springen. Sondern so, dass Gott hilft beim Überwinden. Es muss ja nicht immer ein Sprung sein. Es könnte auch so eine Art „Räuberleiter“ sein. Oder ein Tunnel unter der Mauer her. Oder, oder …
Und wie kann das gehen? Wie hilft Gott beim Mauern-Überwinden? Dazu ein paar Ideen:

GOTT – MEINE ZUFLUCHT. Ich mag das Wort „Zuflucht“. Im Alten Testament taucht es oft auf in Verbindung mit Flügeln: So wie die Küken unter die Flügel der Henne flüchten, so kann ich mich unter Gottes Flügeln verkriechen.
Jetzt werden Sie sagen: „Wer unter den Flügeln der Henne sitzt, kann aber nicht über Mauern springen!“ Doch, kann er! Wenn ich meinen Zufluchtsort kenne und die Verbindung spüre, dann werde ich mir an anderer Stelle eher was trauen. Es geht wieder um Schutz und Freiheit: Weil ich mich „hier“ geschützt weiß, bin ich „dort“ mutig.
Gott als Zuflucht. Nicht die einzige Zuflucht. Da gibt es bestimmte Menschen, bestimmte Orte, bestimmte Zeiten. Bestimmte Hilfsangebote, bei denen es mir vorläufig reicht zu wissen, dass es die gibt, auch wenn ich sie noch nicht genutzt habe. Trotzdem vor allem: GOTT als Zuflucht. Nicht, weil Gott mich verlässlich vor allem Schlimmen bewahren würde. Aber: Weil Gott IN so manchem Schlimmen Zuflucht ist. Und weil das Schlimme nicht das letzte Wort hat. Niemals. Der Tagesschau zum Trotz.
GOTT – MEINE KRAFT. Manchmal gibt es das als gut gemeinten Rat: „Glaub’ an Dich selbst! Hör’ nicht auf, an Dich zu glauben!“ Ich bin heilfroh, dass ich das nicht muss – an mich glauben. Ich weiß doch, wie leicht ich aus der Bahn zu werfen bin, wie wenig Verlass auf mich ist. Wie schnell die seelische oder die körperliche Basis ins Wanken kommen kann. Nicht nur bei mir. Bei jedem Menschen. Und wie die Kraft schwinden kann. Martin Luther singt treffend: „Mit unsrer Macht ist nichts getan, wir sind gar bald verloren …“ Ich will nicht an mich glauben, ich will an Gott glauben. „Können“ tue ich das auch nicht. Selbst die Kraft zum Glauben ist nicht meine Kraft, die muss von Gott kommen. Und wenn Gott will, gibt er mir die Kraft zum Sprung über die Mauer. Springen muss allerdings immer noch ich selbst.
GOTT – MEIN „ICH-BIN-DA“. Diese Übersetzung des Gottesnamens in der Bibel finde ich treffend: „Ich-bin-da“. In diesem Namen zu leben, das kann mir das Vertrauen geben: Gott ist nicht nur auf dieser Seite der Mauer, Gott wird auch auf der anderen Seite sein! So anders, so fremd es da sonst auch sein mag!“
GOTT – MEIN RAT-GEBER. Manchmal kommen einem ohne jedes Nachdenken „Lösungen“ im Umgang mit der Mauer in den Sinn: Der eine bricht davor zusammen, die zweite will unbedingt wieder und wieder mit dem Kopf durch die Wand, der dritte will drüber springen, die vierte will immer Türen bauen, und der Angeheiterte mit der Litfass-Säule sucht das Ende der „Mauer“, ohne sich wirklich umzuschauen.
In die Stille gehen, vor Gott Halt machen, ihm die Mauer zeigen, das führt mich vielleicht dazu: Ich fange an, an dem zu zweifeln, wie ich es bisher immer gemacht habe. Ich entdecke neue Möglichkeiten.

Und jetzt sind Sie dran! Mit welcher Mauer haben Sie es aktuell sehr zu tun? Benennen Sie Ihre Mauer möglichst konkret! Und dann: Bringen Sie sich und Ihre Mauer mit Gott in Verbindung! Denn: Vielleicht überspringen dann auch Sie mit Gott eine Mauer!

Gebet:
Gott, Du kennst meine Mauern. Die, die mich schützen. Die, die mich einsperren. Die, die mir Licht und Luft nehmen. Du weißt, was ich brauche, besser als ich selbst. Sei Du mir Zuflucht und Kraft, Begleitung und Rat. Und lass mich in Deinem Namen die nötigen Schritte tun! Amen.

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