Alles geregelt? Andacht zum 17.4.2015

Regeln sind gut. Stellen Sie sich mal den Straßenverkehr ohne Regeln vor! Und: Gut, wenn einem manche Regel in Fleisch und Blut übergegangen ist. Sonst müssten Sie bei jeder Ampel neu überlegen: „Wie war das doch gleich mit Rot und Grün? Und soll das so bleiben?“

Regeln organisieren das Zusammenleben. Viele sind einem so in Fleisch und Blut übergegangen, dass sie gar nicht mehr bewusst sind. Oder es erst wieder werden, wenn jemand sie verletzt. Gehen Sie mal im Bademantel zur Hochzeitsfeier, beginnen Sie um 13.00 Uhr Ihre Frühschicht, reden Sie Ihren Partner / Ihre Partnerin mit dem falschen Vornamen an, legen Sie die Füße auf den Schreibtisch Ihres Chefs, machen Sie in der Küche ein Tänzchen auf dem Tisch, platzieren Sie sich mit Badelaken und Liegestuhl in der Einkaufsmeile. Verletzen Sie grob die Regeln der Rächt­schraipunk. Sie werden merken: Hupps, da war eine Regel, und die ging anders!

Einen Teil der Zehn Gebote haben die Meisten ebenfalls verinnerlicht. Jedenfalls, was das Lügen, Stehlen, Töten, Ehebrechen betrifft. Es wird zwar viel gelogen, gestohlen, fremd gegangen und so­gar getötet. Aber wer das tut, muss sich erstmal selbst belügen: Warum das jetzt gar nicht unter das Gebot fällt, warum ich da eine Ausnahme machen muss, warum ich es absolut nicht anders kann, warum das nicht mehr als recht und billig ist.

Nicht alle der Zehn Gebote sind allgemein verinnerlicht: Man darf an alle möglichen Götter glauben. Man darf seine Götter auf praktische Bilder reduzieren, man muss kaum mehr einen Feiertag achten, man darf seine Scherze über Gott in Wort und Bild machen oder im Namen Gottes Unfug erzählen. Und Neid ist geradezu eine Tugend in der Weltordnung der freien Märkte, weil er das Wachstum fördert.

Es gibt Regeln, mit denen kann man auch dann etwas anfangen, wenn man auf einer einsamen Insel lebt. Die haben nichts mit dem Zusammenleben zu tun. Zum Beispiel: Zeiten zum Aufstehen und Schlafengehen, Waschen, Zähneputzen, feste Mahlzeiten, alle halbe Jahr Fenster putzen, ein gutes Buch lesen, Post öffnen, Post schreiben, Abendgebet, Morgengebet.

Manche Regeln sind schlecht. Mir sind dazu besonders Regeln eingefallen, die oft schon aus der Kindheit stammen, und die etwas mit „Schweigen“ zu tun haben: „Darüber spricht man nicht!“; „Sei gefälligst still, wenn sich Erwachsene unterhalten!“; „Widersprich nicht!“. Oder dass es nicht erlaubt ist, dass Sie Ihre Wünsche sagen oder einfach „nein“. Oder dieses fürchterliche „Darüber darfst du niemals mit jemandem sprechen! Sonst …!“ Schlechte Regeln.

Ich behaupte: „Sage mir, wie Du es mit den Regeln hältst, und ich sage Dir, wie fit Du seelisch bist!“ Gilt nicht immer, aber oft, diese Regel. NICHT gut um die Fitness ist es bestellt, …

  • wenn Sie gar keine Regeln haben oder keine beachten;

  • wenn Sie Ihre Regeln pedantisch, akribisch, ohne jede Ausnahme leben;

  • wenn Sie Regeln haben, die Ihnen erkennbar extreme Mühen abverlangen („Jeden Tag wischen!“) oder Sie immer wieder in Krisen stürzen („Bei Stress erstmal einen trinken!“);

  • wenn Ihre Regeln gar nicht zu denen Ihrer Mitmenschen passen („Wenn mir etwas gefällt, nehme ich es mir einfach!“)

So, und nun zu Jesus und den Regeln:

An einem Sabbat ging Jesus durch die Felder. Seine Jünger fingen an, am Weg entlang Ähren abzureißen und die Körner zu essen.

Wenn sie jetzt meinen: „Aha! Es geht um die Regel: Man soll den Bauern nicht beklauen!“ – Weit gefehlt! An den paar Körnern nimmt niemand Anstoß damals – nicht Jesus, nicht der Bauer, nicht die, die es sehen. Es ist etwas anderes:

Da sagten die Pharisäer zu ihm: »Hast du gesehen, was sie da tun? Das ist doch am Sabbat nicht erlaubt!«

Aha! Der Sabbat ist der Ruhetag, der heilige Tag! Bloß keine Arbeit! Es ist gegen Gottes Willen, die Ähren abzureißen und sie zwischen den Händen zu zerreiben!

Bei Bibellesern haben die Pharisäer oft einen schlechten Ruf. Weil sie oft mit Jesus stritten. Dabei können Sie es wahrscheinlich bestätigen: Man streitet sich GERADE mit denjenigen, die einem nahe stehen oder denen man ziemlich ähnlich ist. So auch hier: Jesus ist öfters bei Pharisäern zu Gast, und einem sagt er: „Du bist nicht fern vom Reich Gottes!“ Jesus wie den Pharisäern ist das kommende Reich Gottes total wichtig. Und eben auch: Den Willen Gottes tun!

Aber: Was ist der Wille Gottes? Allen gläubigen Juden fiel und fällt dazu schnell ein: die 613 Weisungen in der „Tora“, den Fünf Büchern Mose. Auch Jesus und die Pharisäer, sie leben darin. Aber: sie legen sie anders aus …

Jesus entgegnete: »Habt ihr nie gelesen, was David tat, als er und seine Begleiter nichts zu essen hatten und Hunger litten? Wie er damals (…) ins Haus Gottes ging und von den geweihten Broten aß, von denen doch nur die Priester essen dürfen, und wie er auch seinen Begleitern davon gab?«

Jesus kennt sich in der Bibel aus. Er hat sofort ein Beispiel parat, wo von einer frommen, heiligen Regel eine Ausnahme gemacht wird. Die Pharisäer kennen sich auch aus. Vielleicht antworten sie: „Ja, aber David und seine Leute waren in einer Notlage!“ Und Jesus sagt darauf vielleicht: „Schon! Aber immerhin ist bewiesen: Es gibt Ausnahmen von der Regel!“ – Ein „Lehrgespräch“ über die richtige Bibelauslegung. Dieser Teil wird uns allerdings nicht berichtet.

Aber Jesus hat außer der Bibel noch ein anderes Ass im Ärmel: Die Vernunft!

»Der Sabbat ist für den Menschen gemacht, nicht der Mensch für den Sabbat.«

Also: Wer dient wem? Wer die Vernunft zu Rate zieht, wird sagen: Regeln dürfen niemals Selbstzweck sein! Sie DIENEN – den Menschen. Den Tieren. Der Schöpfung. Regeln dienen übrigens NICHT Gott. Gott „hat nichts davon“, wenn ich das Geschenk eines Sabbats annehme. Aber ich. Und wenn ich es ablehne, mache ich MICH kaputt, nicht Gott.

Jedenfalls: Wenn die Menschen den Regeln dienen, aber nicht die Regeln den Menschen, dann wird es Zeit, eine Ausnahme zu machen. Oder die Regel selbst in Frage zu stellen. Auch wenn andere sie mir als unumstößlich verkaufen und das auch selbst so glauben.

Für Jesus jedenfalls stehen die Regel und ihre spezielle Auslegung nicht einfach in Stein gemeißelt da. Er DISKUTIERT sie. – Was sagt die Bibel? Was sagt die Vernunft? Und ein Drittes:

»Darum ist der Menschensohn Herr auch über den Sabbat.«

Der Menschensohn“, das ist Jesus selbst. ER ist der Herr. Und nicht diese oder jene Regel. Die Regel muss nicht immer das letzte Wort haben. Im Lichte Jesu sieht es vielleicht noch mal anders aus: Was ist jetzt WIRKLICH gut? Was brauche ich wirklich? Was brauchen andere?

Und Sie? Schauen Sie hin: „Wie lauten denn MEINE ‚Lebensregeln’? Nach welchen Grundsätzen gehe ich mit mir selbst und mit anderen um?“ Besonders auch: „Was verbiete ich mir? Was ist für mich tabu?“ Vielleicht entdecken Sie umgekehrt: „In meinem Leben ist zu viel ‚ungeregelt’. Da ist zu viel Chaos. Ich brauche mehr Ordnung, mehr Struktur, bessere Regeln!“

Nehmen Sie dazu diese drei Prüfsteine aus dieser Jesus-Geschichte mit:

  1. Bibel: Finde ich da etwas, was mir Orientierung gibt und auch Korrektur?

  2. Vernunft: Wie vernünftig ist die Regel, von der ich mich da bestimmen lasse?

  3. Christus: Was bedeutet es, wenn ich das im Lichte Christi sehe? Was bedeutet es, wenn er noch über meinen Regeln steht? Was könnte, was sollte da anders werden?

Gebet:

Christus, Du siehst mein Chaos. Du siehst meine Pedanterie. Manches bekomme ich allein nicht geregelt. Bitte hilf mir! Amen.

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Wer schleppt wen? Andacht zum 10.4.2015

Gott Bel geht in die Knie, Gott Nebo sinkt um.

Bel und Nebo? Nie gehört! Die Welt hat die beiden längst vergessen. Die kennt kein Mensch mehr außer ein paar Altertums-Spezialisten.

Dabei waren das mal anerkannte und geehrte Götter im Weltreich der Babylonier. Ich hab’s bei Wikipedia nachgeschlagen: Nebo, auch Nabu, „war der Gott der Schreibkunst und der Weisheit. (…) Als Gott der Macht gab er das Zepter an die Könige. (…). Nabus Attribut war der Schreibgriffel.“

Mit Bel – oder Baal – ist das etwas komplizierter. Das bedeutet so viel wie Herr, Meister, Oberster. Und je nach dem, in welche Ecke im Alten Orient wir gucken, kann „Bel“ ein anderer Gott sein. So viel immerhin lässt sich sagen – wieder mit Wikipedia: „Er ist meist ein Berg-, Wetter- und Fruchtbarkeitsgott.“

Gott Bel geht in die Knie, Gott Nebo sinkt um.

Wenn Sie wie ich diese Götter kaum bis gar nicht kennen, geschweige denn etwas mit ihnen im Sinn haben, wird es Sie nicht sonderlich erschüttern, wenn beide in die Knie gehen und umsinken. Anders sieht die Sache aus, wenn Sie an Dinge, Themen, Interessen denken, die Ihnen früher mal sehr wichtig gewesen sind. Oder auch bestimmte Menschen. Und wenn Sie dann im Rückblick sehen: Die Spur ihrer Bedeutung in Ihrem Leben hat sich im Nichts verloren. Oder jedenfalls fast im Nichts.

Vielleicht macht Sie das traurig, wehmütig. Vielleicht sagen Sie aber auch: „Na, ein Glück!“ Vielleicht hat es ja sogar eine Art Befreiungsschlag gegeben, mit dem Sie Bel und Nebo vom göttlichen Thron gestoßen haben: „Meine Gartenzwergsammlung habe ich verschenkt, mein alter Arbeitgeber kann mich mal, Lieschen Müller soll mir gestohlen bleiben, Jonny Walker WAR mein bester Freund, …!“ Oder: Es berührt Sie weder so noch so, wenn Sie an Ihren alten Bel oder Ihren alten Nebo denken. Längst passé. Ist Ihnen egal.

Wir befinden uns im 6. Jahrhundert vor Christus in Babylonien. Hier gibt es ein paartausend Juden. Sie oder ihre Vorfahren wurden vor ca. 50, 60 Jahren nach verlorenen Kriegen in zwei großen Schüben hierher deportiert. Weit weg von ihrer alten Heimat, dem von Gott verheißenen Land. Und weit weg vom Tempel. Der war jetzt sowieso nur noch ein Trümmerhaufen.

War Gott mit der Tempelzerstörung und der Deportation auch in die Knie gegangen, umgesunken? Für manch einen: Ja! Speziell wenn man vorher unerschütterlich an den Sieg geglaubt hatte. Daran, dass Gott unter allen Umständen hilft, die Stadt und den Tempel rettet.

Aber es hatte ja schon vor der Zerstörung Propheten gegeben, die das angekündigt, angedroht hatten: „Gott selbst wird sich gegen diese Stadt und diesen Tempel wenden! Da steht er nicht mehr hinter – bei dem, was ihr daraus gemacht habt!“ Daran erinnerten sich jetzt viele.

Fest steht: Diese kleine Gruppe der Juden in Babylonien war gerade in Sachen „Glauben“ enorm produktiv und belebend: Viele ganz wichtige Schriften unseres Alten Testaments wurden dort geschrieben oder überarbeitet. Propheten wie Hesekiel haben dort gewirkt.

Und eben: der „zweite Jesaja“ mit unserem Text von Bel und Nebo. Seine Botschaft: Gott wird dem Babylonier-Reich ein Ende machen. Die Perser werden die Macht übernehmen. Und dann, dann dürfen die Juden nach Hause! Zurück ins Gelobte Land!

Jesaja sieht vor seinem inneren Auge schon, wie mit dem Kommen der Perser die babylonischen Götter-Statuen weg müssen und mühevoll abtransportiert werden:

Gott Bel geht in die Knie, Gott Nebo sinkt um. Ihre Bilder werden weggeschleppt auf dem Rücken des Lastviehs. Ihr Leute von Babylon, eure Götter sind aufgeladen, das Vieh schleppt sich müde daran! Die Götter sind umgesunken, sind in die Knie gegangen; sie können die eigene Last nicht retten, müssen selber in die Gefangen­schaft!

Jesaja sagt das im Blick auf die „Leute von Babylon“. Schlechte Prophezeiungen für die, die auf diese Götter ihr Leben bauen. Man sieht förmlich das Last- und Zugvieh unter dem Gewicht dieser abgewirtschafteten Götter ächzen.

Ganz wörtlich genommen, hat sich der Prophet da etwas vertan: Als die Perser tatsächlich die Macht hatten, erwiesen sie sich (anders als heute) als religiös sehr tolerant. Die Götterstatuen durften stehen bleiben, der Niedergang von Nebo und Bel zog sich länger hin.

Egal. Das Bild der Ochsen, die unter der Last ihrer Götter mit hängender Zunge dahin schleichen, vielleicht darunter zusammenbrechen, das soll Ihnen trotzdem vor Augen stehen. Denn nun wendet sich der Prophet weg von den Babyloniern, hin zu den Israeliten in der Verbannung. Und er entwirft im Namen Gottes ein Gegen-Bild zu Bel und Nebo:

»Hört, Volk Israel, der ganze Rest, der von den Nachkommen Jakobs übrig geblieben ist«, sagt der Herr. »Ich habe euch getragen, seit es euch gibt. Ihr seid mir aufgeladen, seit ihr aus dem Mutterleib kamt. Und ich bleibe derselbe in alle Zukunft! Bis ihr alt und grau werdet, bin ich es, der euch schleppt. Ich habe es bisher getan und ich werde es auch künftig tun. Ich bin es, der euch trägt und schleppt und rettet!” (Jesaja 46, 1-4)

Bel und Nebo – oder der Gott Israels? Zugespitzt lautet Jesajas Antwort: Bel und Nebo sind eine Last, ich Ochse müsste sie schleppen. Aber der Gott Israels, der schleppt meine Last! Der trägt mich durch! – „Ich (Gott) bin es, der euch trägt und schleppt und rettet!“

Wer schleppt wen? – Zwei Bilder. Das erste Bild: Die Ochsen schleppen die Götterstatuen. Das zweite: Gott schleppt mich. Ich finde: Diese Bilder geben eine gute Faustregel ab zu der Frage: Was habe ich von all dem zu halten, was mir am Herzen liegt, was ich verehre, wem ich mich unterwerfe, was meine „Nummer eins“ ist? Gehört das eher zu Gott oder eher zu den Götzen? Die Faustregel: Woran ich mich kaputt schleppe, das gehört zu den Götzen. Aber Gott, der will mich tragen. Dem darf ICH eine Last sein!

Nein, die Gartenzwergsammlung ist nicht automatisch eine Last, es gibt viele prima Arbeitgeber, Lieschen Müller zu kennen, kann ein großes Glück sein. Über Jonny Walker kann ich mich nicht äußern, aber das Glas Rotwein ist für mich gelegentlich etwas Feines.

Wer trägt wen? An welchem Punkt kippt es? Wo wird aus der Lust eine Last, wo aus meinem Engagement bloß eine dienende Unterwürfigkeit? Wo aus der Freude Abhängigkeit?

Ich meine: „Uns“, also fast allen, bleiben manche Lasten nicht erspart, wenn wir unsere Verantwortung für uns selbst, für andere, für „die Welt“ ernst nehmen. Aber das heißt nicht, dass JEDE Last nötig ist. Und schon gar nicht, dass sie Unterwürfigkeit und Verehrung verdient.

„Hört, Volk Israel!“ Nehmen Sie das als Einladung, sich in dieses Volk einzureihen. Und sich vom Gott Israels tragen zu lassen! Sie dürfen ihm eine Last sein, Sie müssen ihm nicht angenehm und federleicht sein. Das können Sie auch gar nicht. Tragen will er Sie trotzdem.

Und: Achtung, wenn Sie Ihren Glauben und Ihren Gott vor allem als Last empfinden! Wahrscheinlich ist dann was faul. Da sollten Sie mal mit jemandem drüber reden oder etwas ändern oder einen bisher unerkannten Götzen rausschmeißen. Denn: Sich nur noch abschleppen an dem, was Sie verehren und anbeten, das überlassen Sie lieber den Ochsen!

Gebet:

Gott, Du willst mich tragen. Aber es ist nicht meine Last, die Dich hindert. Vielleicht mein Stolz. Oder wie ich mich belüge. Oder meine Vorstellung, nichts und niemanden zu brauchen. Oder, oder. Gott, ich will Dir nicht länger im Wege stehen! Danke für Deine Mühe und Deine Geduld mit mir! Amen.

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Ostern. – Gibt’s da was zu feiern? Andacht zum 5.4.2015

Ostern – Fest der Auferstehung Jesu Christi. Gibt es da was zu feiern? Für eine Mehrheit nicht:

Gut ein Drittel der Deutschen glaubt einer Umfrage zufolge an die Auferstehung Jesu Christi. 62 Prozent glaubten hingegen nicht an die Ostergeschichte (…). Im Osten Deutschlands glauben lediglich neun Prozent an die Auferstehung, im Westen des Landes 39 Prozent. (http://www.focus.de/panorama/vermischtes/oster-umfrage-wer-glaubt-an-die-auferstehung-jesu-christi_aid_620504.html)

Na, die 62% können ja trotzdem Ostereier suchen, den Frühling und die Hasen feiern.

Und? Glauben SIE an die Auferstehung Jesu Christi? Und versuchen Sie bitte, gedanklich jetzt kein „Ja – aber“ und kein „Nein – aber“ zu formulieren, sondern sich festzulegen. Einen Standpunkt zu beziehen. Auch wenn er sich wackelig anfühlt, der Standpunkt.

Und was hat Ihre Antwort, Ihr JA oder NEIN, für eine Konsequenz?

Nehmen wir zuerst das NEIN. Vielleicht sagen Sie: „Mit dem Tod ist alles aus. Wenn der Computer völlig hinüber ist, läuft da kein Programm mehr drauf! Also auch keine Auferstehung Jesu. Höchstens, dass er gar nicht richtig tot war und wieder zu sich gekommen ist. Aber „tot“ ist wirklich mausetot. Ohne Ticket für die Rückkehr oder die Reise woanders hin.“

Oder Sie sagen: „Nein, ich glaube nicht an Jesu Auferstehung. Aber ich glaube trotzdem, dass es nach dem Tod irgendwie weitergeht!“ Mit dieser Aussage wären Sie in großer Gesellschaft:

Zwei von drei Deutschen glauben an ein Leben nach dem Tod oder halten es zumindest für möglich. (…) 33 Prozent (…) [erklärten], sie glaubten sehr fest oder ziemlich fest an die Auferstehung der Toten, die Unsterblichkeit der Seele oder eine Wiedergeburt. Ein weiteres Drittel (33 Prozent) glaubt dies “mittel” oder wenig, das restliche Drittel (32 Prozent) gar nicht. (http://www.ekd.de/aktuell_presse/news_2009_04_03_2_religionsmonitor.html)

Na klar: Von einer „unsterblichen Seele“ und einer „Wiedergeburt“ nach dem Tod finden Sie nichts in der Bibel. Das mit der Ewigkeit haben Christen anders geglaubt, ursprünglich jedenfalls. Und trotzdem kommt was „danach“ für die, die so glauben.

Also: Ein NEIN zur Auferweckung Jesu verrät noch nichts darüber, ob für Sie generell mit dem Tod Schluss ist, oder ob Sie meinen, es ginge irgendwie für Sie weiter.

Und nun Ihr JA zur Auferstehung Jesu. Mir ist noch niemand über den Weg gelaufen, der sagt: „Klar ist Jesus auferstanden – aber für MICH ist mit meinem Tod komplett Schluss!“ Sondern: Wer ein JA zu Jesu Auferweckung hat, der hat auch Hoffnung für SICH SELBST. Und für die, die ihm am Herzen liegen. Wer ein JA zur Auferweckung Jesu hat, hat nicht nur die Überzeugung, dass damals Entscheidendes mit Jesus geschah nach seiner Kreuzigung. Der hat zugleich ein anderes Verhältnis zu seinem EIGENEN Tod und zum Tod überhaupt.

So gesehen, wäre es doch für jeden gut, wenn es den Glauben an Jesu Auferweckung als Pille auf Krankenschein gäbe, oder? Viele wären besser drauf …

Karl Marx hat da aber seinen berühmten Einwand: „Religion ist doch Opium des Volkes! Die drehen sich um’s bessere Jenseits, statt etwas gegen die Übel DIESER Welt zu unternehmen!“ Ich finde, Marx hat zu 30% recht. Klar, man kann Glauben und Religion dafür missbrauchen, sich ruhig zu stellen oder sich ruhigstellen zu lassen. Aber dem stehen viele motivierte Christinnen und Christen gegenüber, die mit ihrem Engagement oft vorn weg sind unter denen, die sich daran abmühen, unsere Welt im Großen wie im Kleinen zum Guten verändern.

Also: Auferstehungsglaube auf Krankenschein – klingt nicht schlecht. Gibt es aber nicht. Dann wenigstens ein knackiger Beweis? Den alle anerkennen?

  • Vielleicht ein Foto: Innenansicht vom leeren Grab? Na, das könnte eine Fotomontage sein. Oder die haben den Leichnam woanders hingelegt. Umgekehrt würde an „volles“ Grab zwar den Osterberichten widersprechen, aber nicht der Auferstehung selbst. Sonst wäre das schlecht für alle, die (körperlich) auf dem Friedhof liegen.

  • Oder Leute, denen Christus erschienen ist? Na, die sind ja parteiisch, die haben ja eigene Interessen. Unglaubwürdig.

  • Oder eigene Erfahrungen mit dem Auferstanden? Entwaffnend überzeugend? Na ja, da soll es ja so seelische Ausnahmezustände geben. Da sieht oder hört man dann Dinge oder redet sie sich ganz fest ein, und andere schütteln bedeutungsvoll den Kopf.

  • Oder Sie teilen Ihre Überzeugung mit vielen anderen? – Massenhysterie.

Beweise? – Fehlanzeige! Genau so, wie es nicht mal bei der Hochzeit einen handfesten Beweis für die Braut geben kann, dass ihr Bräutigam sie liebt. Oder wie Sie keinen Beweis dafür haben, dass es den vorgeblichen Autor dieser Andacht überhaupt gibt. Oder keinen Beweis haben, dass es die Antarktis gibt. Oder waren Sie schon mal da? (Wenn ja: Alles nur Einbildung.)

Es gibt allerdings auch keinen Gegen-Beweis, der alle überzeugt. Aber kann man sich dem Gegen-„Beweis“ denn wenigstens annähern? Was müssten Sie tun, um möglichst überzeugt NICHT zu glauben, dass Jesus auferweckt wurde? Da habe ich ein paar Empfehlungen:

  • Setzen Sie sich materialistische Scheuklappen auf. Reden Sie sich ein, dass es nur das gibt, was man im Labor, im Experiment, unter dem Mikroskop usw. erforschen kann und was in den aktuellen Erkenntnisstand dieser oder jener Naturwissenschaft passt.

  • Halten Sie sich von Leuten fern, die an Jesu Auferweckung glauben, mit seiner Gegenwart rechnen etc. Wenn das nicht geht, reden Sie sich wenigstens ein, dass die ziemlich naiv, weltfremd und ein bisschen schlicht sind.

  • Nehmen Sie Bibeltexte und speziell die über die Auferweckung verbissen bis zum letzten Buchstaben wörtlich. Denn wenn Ihnen dann jemand die Unterschiede zwischen den Berichten unter die Nase reibt, könnte Ihr Auferstehungsglaube gleich mit über die Wupper gehen.

  • Bilden Sie sich ein was auf Ihre Intellektualität ein und belächeln Sie herablassend alle Gefühlsduselei, Empfindsamkeit, Berührbarkeit, Erlebnisse von „Überraschung“.

  • Gehen Sie auf Bestattungen, auf denen kein Sterbenswörtchen von der Auferweckungshoffnung die Rede ist! Der Eindruck von der Endgültigkeit des Todes kann erschlagend wirken.

  • Vor allem: Meiden Sie das Beten!

Man kann auch ohne diese Maßnahmen Jesu Auferweckung bestreiten. Thomas, einer der Jesus-Jünger, wird „der Zwilling“ genannt. Obwohl vom Abend des Ostersonntags an seine Mit-Jünger begeistert an die Auferweckung Christi glauben, nimmt er sich davon nichts. Im Kreise dieser Gläubigen hält es Thomas eine volle Woche lang als überzeugter Auferstehungsbestreiter aus. Und dann? Nein, die fromme Gesellschaft ändert diesmal nichts. Auch keine bessere Einsicht. Sondern: Der Auferstandene selbst handelt, zeigt sich ihm, bringt sich in Berührung. Dann, erst dann kann Thomas sagen: „Mein Herr und mein Gott!“ (Johannes 20, 24 ff.)

Und nun?

  • Wenn Sie ein JA haben: Ich gratuliere! Sie haben es gut!

  • Wenn Sie ein NEIN haben, aber gern ein JA hätten: Sie können sich diesem JA vielleicht ein bisschen öffnen, aber Sie können es nicht „machen“. Trotzdem: Geben Sie die Hoffnung nicht auf! Die Hoffnung auf den Auferstandenen selbst …

  • Wenn Sie ein NEIN haben und tapfer daran festhalten wollen: Seien Sie sich nicht zu sicher, dass das klappt! Thomas war sich auch sicher … Thomas, „der Zwilling“. Von wem eigentlich? Vielleicht von Ihnen? Die Ähnlichkeit ist ja unübersehbar …

Gebet:

Christus, so einfach ist das ja gar nicht mit JA oder NEIN. Ich bin irgendwo dazwischen. Oder mal mehr JA und dann mehr NEIN. Oder die Seele sagt JA, aber der Verstand NEIN. Oder umgekehrt. Bitte stärke meinen Glauben! Und danke, dass Du auch Leute wie Thomas und mich liebst! Amen.

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Das Bild des Gekreuzigten. Andacht zum 27.3.2015 und zur Kar-Woche

Schwer auszuhalten, das mit dem Flugzeugabsturz. Erst recht, wenn es Menschen wie „Dich und mich“ und aus unserer Nähe betrifft. Die 140 Terroropfer im Jemen eine Woche vorher sind da schneller vergessen. Jedenfalls von „uns“.
Muss ich mir denn alles anschauen? Mir alles zu Herzen nehmen? Nein. Aber völlig darüber hinweg sehen, wie Mensch oder Tier anderswo leben und sterben müssen und was sie erleiden, das geht auch nicht. Damit ich meinen Beitrag leiste, dass das anders wird.
Und das Kreuz? Können Sie sich das Kreuz angucken? Jesus hing an einem Kreuz. Das Kreuz hat sich zu DEM Symbol der Christen gemausert. Das Kreuz als Schmuck am Hals, auf Kirchturmspitzen, in Kirchen, an Wegen, manchmal in Gerichtssälen, Klassen-, Krankenzimmern. Das Kreuz als Geste: Menschen werden beim Segnen bekreuzigt oder bekreuzigen sich selbst.
Dabei ist das Kreuz doch eines der fürchterlichsten Hinrichtungswerkzeuge, das sich die Menschen ausgedacht haben. Stellen Sie sich mal vor, Jesus wäre auf einem elektrischen Stuhl umgebracht worden. Wie wäre das, wenn jetzt die Leute so einen Stuhl in klein und aus Silber um den Hals hätten? Wenn in den Kirchen vorn ein elektrisches Stuhl stünde? Oder in den Klassen- und Krankenzimmern? Gar im Gericht? Grotesk! Eine Zumutung! Wenn wir das Kreuz nicht so gezähmt hätten durch die Jahrhunderte, dann würden wir diese Zumutung deutlich spüren.
In Jesu Zeit und in den Jahrzehnten danach war genau diese Zumutung völlig klar. Der Apostel Paulus schreibt davon, wie die Botschaft vom Kreuz unter den Nicht-Christen ankommt: Entweder als Skandal oder als Torheit.
Über etwas Skandalöses kann man sich entsetzen – und über eine Torheit sich lustig machen: Die Christen mit ihrem gekreuzigten Christus – ha ha! So ein Graffiti aus dem 3. Jahrhundert in Rom: Ein Beter vor einem Esel. Untertitel: „Alexamenos betet zu Gott.“ Er wird es nicht leicht gehabt haben unter seinen Mitschülern an der Kadettenschule, der Christ Alexamenos.
Also: Das Kreuz hat sich nicht gerade als Werbe­sym­bol angeboten, es war etwas Schreck­liches. Ein Skandal, eine Torheit. Trotzdem hat Paulus immer wieder vom Kreuz gesprochen, es in den Mittel­punkt gerückt. Zum Beispiel hier, in seinem Brief an die Christen in Galatien (heutige Türkei):

O ihr unverständigen Galater! Wer hat euch bezaubert, denen doch Jesus Christus vor die Augen gemalt war als der Gekreuzigte? (Galater 3, 1)

„O ihr unverständigen Galater!“ – Paulus schimpft. Er schimpft mit seinen Brief-Empfängern wie in keinem anderen Brief. Warum? Weil er sie lieb hat und weil er Angst um sie hat.
Es ist schon etwas länger her, seit Paulus in der Landschaft Galatien den Leuten den christlichen Glauben bekannt gemacht hat. Seine Botschaft: Du musst Dein Leben nicht selbst erlösen, es nicht vor Gott in Ordnung bringen! Und Du KANNST es auch gar nicht. Sondern: Gott selbst hat alles für Dich getan. Er hat Christus geschickt. Der ist für Dich gestorben und auferstanden. Und im Glauben kannst Du Dich mit ihm verbinden. Dann ist er DEINEN Tod gestorben – und dann wirst Du mit ihm und durch ihn leben – jetzt und in Ewigkeit.
So weit, so gut. Einige Leute haben sich darauf eingelassen – die ersten Christen in Galatien, die ersten Gemeinden. Aber nach Paulus kommen andere Missionare, die sich auch als Christen verstehen. Die sagen allerdings: Glaube? – Schön und gut. ABER: Zu Eurem Heil müsst ihr auch die göttlichen Gesetze einhalten. Speziell die kultischen Gesetze. Wie steht’s beispielsweise mit der Beschneidung? Glaube – das reicht nicht. Da muss schon ein bisschen mehr kommen!
Viele Christen in Galatien springen auf diese „Reicht nicht!“-Botschaft an. Paulus hört davon – und reagiert allergisch. Er schreibt seinen Galater-Brief. Wieder kommt er auf das Kreuz zu sprechen: Er hat ihnen „doch Jesus Christus vor die Augen gemalt (…) als [den] Gekreuzigte(n)“.
Paulus interessiert sich ausgesprochen wenig für das „Leben“ Jesu. Kaum für Jesu Worte, gar nicht für Wunder. Aber eben: für Kreuz und Auferweckung. Gerade das Kreuz, es geht ihn, Paulus, unmittelbar an. In den Sätzen direkt vor unserem Zitat sagt er das:

Weil ich (…) mit Christus am Kreuz gestorben bin, lebe in Wirklichkeit nicht mehr ich, sondern Christus lebt in mir. Das Leben, das ich jetzt noch in diesem vergänglichen Körper lebe, lebe ich im Vertrauen auf den Sohn Gottes, der mir seine Liebe erwiesen und sein Leben für mich gegeben hat. Ich weise die Gnade Gottes nicht zurück. Wenn wir vor Gott damit bestehen könnten, dass wir das Gesetz erfüllen, dann wäre ja Christus vergeblich gestorben! (Galater 2, 19b-21; Übersetzung „Gute Nachricht“)

Wenn Paulus auf Christus am Kreuz blickt, dann sieht er da nicht nur, dass jemand anderes gestorben ist. Nein, er, Paulus, ist mit Christus gestorben. Der „alte“ Paulus, der meinte, sich selbst durch perfekte Frömmigkeit, lückenlose Regel-Beachtung, Gut-Sein und sonst was erlösen zu müssen, der ist tot. Der neue Paulus lebt zwar immer noch in seinem alten Leib, aber „innen drin“ ist er neu. Er lebt im Vertrauen auf Christus, er weiß sich begnadigt und geliebt. Wenn er nun trotzdem versuchen wollte, sich selbst zu erlösen – Christus wäre vergeblich gestorben!
Paulus meint: Der Blick zum Kreuz soll den „unverständigen Galatern“ helfen, die sich haben „bezaubern“ lassen. Hilft dieser Blick Ihnen auch? Dazu drei Vorschläge:

  1. Vielleicht sind auch Sie dem Selbsterlösungs-Wahn der Galater verfallen. Vielleicht leben Sie in der Vorstellung, durch den eigenen Perfektionismus Ihr Leben heil, gut, sinnvoll, kostbar machen zu müssen. Dieser Selbsterlösungs-Perfektionismus muss heute gar nicht mehr fromm daher kommen: Sie müssen dauernd etwas Nützliches tun, immer die richtigen Antworten geben, in allem der/die Beste sein, alles können, makellos aussehen, alles wissen, immer tierisch nett sein usw. Wenn Sie so drauf sind, dann kennen Sie auch folgenden Wegbegleiter: Ihr Ungenügen, Ihr Versagen. Die Selbst-Vorwürfe. Der Blick zum Kreuz lehrt Sie: Ich bin im Glauben mit Christus gestorben. Der Selbsterlösungs-Wahn, er darf, nein, er soll hinter mir liegen!
  2. „Vertrauen auf den Sohn Gottes, der mir seine Liebe erwiesen und sein Leben für mich gegeben hat. Ich weise die Gnade Gottes nicht zurück.“ – Vielleicht kommt Gott in Ihrem Denken und Fühlen gar nicht vor. Oder nur als abstrakte Größe. Oder nur als etwas Bedrohliches. Im Blick auf das Kreuz können Sie Christi Liebe und Gottes Gnade erkennen. Und so etwas hören wie: „DU bist gemeint!“
  3. Der Blick auf Christi Kreuz soll Ihnen besonders dann ein Anker für die Seele sein, wenn Ihr eigenes „Kreuz“ allzu quälend ist: der Schmerz des Körpers, die Not der Seele, die düstere Zukunft. Und: „Mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ Im Glauben verbinden nicht nur Sie sich mit Christus in seiner Not, sondern: Christus verbindet sich mit Ihnen! Gerade als der Gekreuzigte lässt er Sie nicht allein!
    Deshalb: Wenn Ihnen in diesen Tagen ein vielleicht altbekanntes Kreuz begegnet, schauen Sie nochmal neu hin!

Gebet:
Christus, Du hast mir Dein Kreuz vor Augen gestellt. Nicht, damit ich mich erschrecke, sondern damit ich darin Erlösung finde. Ich danke Dir für Deine Liebe! Amen.

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Wer hat die Verantwotung? Passions-Andacht zum 20. März 2015

Ja, wer hat sie, die Verantwortung? Wenn irgendwo ein Anschlag verübt wird und soundso viele Menschenleben ausgelöscht werden, dann hören Sie meist in den Nachrichten den Zusatz: Die und die Gruppe hat dafür „die Verantwortung übernommen“.
Es scheint wohl in den Menschen drin zu stecken: Zumindest für das Schlimme muss es auch einen Verantwortlichen geben. Wenn jemand im Krankenhaus stirbt, und die Angehörigen wussten das vorher nicht oder wollten es beharrlich nicht wissen, dann sind oft „die Ärzte“ schuld. Auch dann, wenn die alles richtig gemacht haben. Einen Verantwortlichen zu haben, auch wenn es der Verkehrte ist, das ist leichter auszuhalten, als wenn etwas „einfach so“ passiert, und niemand konnte, niemand kann etwas machen. Besser Schuld als Hilflosigkeit.
Wer ist verantwortlich? Die Ärzte hatten wir schon. Wer sich sonst noch anbietet: die Politiker, die Manager, die Linken, die Rechten, die Moslems, die Chinesen, die Kirchen, die Alten, die Jugend, der Staat, die Schmarotzer, das Schicksal, der Trainer von Hoffenheim, die Presse, der liebe Gott. „Im Kleinen“ sind vorzugsweise verantwortlich: der Partner / die Partnerin, die Eltern, die Kinder, der Chef, die Kollegen, die falschen Freunde, die Lehrer, die Nachbarn.
Gibt es eine Gemeinsamkeit dieser Verantwortlichen? Ja: Es sind nämlich immer – na ja, fast immer – die anderen! Und NICHT ich. Außer die Terroristen, die die Verantwortung für ihren Anschlag übernehmen. Aber sie sind keine ECHTE Ausnahme: Sie finden ja gut, was sie da getan haben, und eben nicht schlimm. Bei der Verantwortlichkeit für Dinge, die gut gelaufen sind, sieht es sowieso ganz anders aus. Der Volksmund sagt: „Der Erfolg hat viele Väter!“ Man könnte ergänzen: Und für den Misserfolg gibt es viele offene Vaterschaftsklagen.

Im Prozess gegen Jesus übergibt die jüdische Selbstverwaltungsbehörde, der „Hohe Rat“, den Fall an den „verantwortlichen“ römischen amtsträger, den Statthalter Pontius Pilatus:

Es war üblich, dass der römische Statthalter zum Passafest einen Gefangenen begnadigte, den das Volk bestimmen durfte. Damals gab es einen berüchtigten Gefangenen, der Jesus Barabbas hieß. Als nun die Volksmenge versammelt war, fragte Pilatus: »Wen soll ich euch freigeben: Jesus Barabbas oder Jesus, den angeblichen Retter?« Denn er wusste genau, dass man ihm Jesus nur aus Neid ausgeliefert hatte.
Während Pilatus auf dem Richterstuhl saß, ließ seine Frau ihm ausrichten: »Lass die Hände von diesem Gerechten! Seinetwegen hatte ich letzte Nacht einen schrecklichen Traum.«
Inzwischen hatten die führenden Priester und die Ratsältesten das Volk überredet, es solle für Barabbas die Freilassung und für Jesus den Tod verlangen. Der Statthalter fragte noch einmal: »Wen von den beiden soll ich euch herausgeben?« »Barabbas!«, schrien sie.
»Und was soll ich mit Jesus machen, eurem so genannten Retter?«, fragte Pilatus weiter. Kreuzigen!«, riefen alle. »Was hat er denn verbrochen?«, fragte Pilatus. Aber sie schrien noch lauter: »Kreuzigen!«
Als Pilatus merkte, dass seine Worte nichts ausrichteten und die Erregung der Menge nur noch größer wurde, nahm er Wasser und wusch sich vor allen Leuten die Hände. Dabei sagte er: »Ich habe keine Schuld am Tod dieses Mannes. Das habt ihr zu verantworten!«
Das ganze Volk schrie: »Wenn er unschuldig ist, dann komme die Strafe für seinen Tod auf uns und unsere Kinder!« Da ließ Pilatus ihnen Barabbas frei und gab den Befehl, Jesus mit der Geißel auszupeitschen und zu kreuzigen. (aus Matthäus 27)

Einen kleinen Ausschnitt aus der Abfolge eines Justizmordes haben Sie da gelesen. Es gibt viele aktiv Beteiligte: die führenden Priester und Ratsherren, Frau Pilatus mit ihrem Traum, die Volksmenge, die Soldaten, die Jesus foltern und später kreuzigen werden. Und natürlich im Mittelpunkt: Pontius Pilatus.
Ich stelle mir nun ein Gerichtsverfahren gegen all diese Leute wegen gemeinschaftlichen Mordes vor. Was würden die Beteiligten sagen?

  • Die führenden Priester und Ratsherren: „Wir haben nur unsere religiösen Standards zur Anwendung gebracht. Aber wir haben nichts Rechtsverbindliches beschlossen und schon gar nicht ausgeführt. Wir haben nur unsere Einschätzung weitergegeben an die zuständige römische Behörde. Der Herr Statthalter hat das Urteil gesprochen, die römische Exekutive hat – der Name sagt es ja schon – exekutiert!“
  • Frau Pilatus: „Jetzt haben wir den Salat! Anzeige! Dabei habe ich meinen Mann gewarnt nach meinem Traum. Aber er sagt ja sowieso immer: ‚Du mit Deinen Träumereien!’ Wieso ich nicht selbst zu ihm gegangen bin? Na hören Sie mal! Ich bin schließlich die First Lady in der Provinz, da muss ich doch nicht selbst von Pontius nach Pilatus rennen!“
  • Das Volk: „Ja sicher, wir haben ‚Kreuzigen!’ geschrien. Aber wir sind angestachelt und aufgewiegelt worden. Und wir waren enttäuscht. Ein paar Tage vorher hatten wir Jesus ja noch zugejubelt als dem neuen König. Wir waren einfach fassungslos, dass er es zulassen konnte, jetzt so jämmerlich dazustehen.
  • Die Soldaten: „Also erstmal würden wir nicht so direkt von Folter sprechen mit der Auspeitschung. Das blieb alles im üblichen Rahmen, auch nachher bei der Kreuzigung. Aber vor allem: Wir haben auf Anweisung gehandelt. Es lag ein rechtsgültiges Urteil vor. Wenn Ihnen das nicht passt, müssen Sie sich an den Gesetzgeber oder den Richter wenden. Und wissen Sie eigentlich, was uns bei Befehlsverweigerung geblüht hätte? Außerdem ist sowas unser tagtäglicher Job, wir haben uns dran gewöhnt. Warum jetzt auf einmal diese Aufregung?“
  • Pontius Pilatus: „MIR kann man am allerwenigsten einen Vorwurf machen! Ich habe ja alles versucht: Ich wollte einen anderen statt Jesus ans Messer liefern, habe als lupenreiner Demokrat mehrfach das Volk befragt, habe ausdrücklich auf die Verantwortung der anderen hingewiesen. Und: ich habe für jeden erkennbar meine Hände in Unschuld gewaschen!“

Alles klar? Keiner ist es gewesen. Keiner hat die Verantwortung. Immer nur die anderen. Aber, lieber Pontius Pilatus, Du – und Du allein – hattest die Macht, die Entscheidung zu treffen zwischen Kreuz oder Freispruch. Und Schuld hält man nicht dadurch von sich fern, dass man sich öffentlich die Hände in Unschuld wäscht oder weiße Westen trägt.
Ich meine: All das ist total aktuell. Ich bin mit dem, wie ich mein Leben gestalte und welche Entscheidungen ich treffe, verantwortlich. Da helfen Ausreden wenig. Und: Ich bin nicht nur für andere, ich bin auch für mich selbst verantwortlich. Wie mein Lebensweg bisher gelaufen ist, da hatten andere ihre Finger mit im Spiel, besonders in den ersten zwei Jahrzehnten. Wie ich mich aktuell dazu verhalte, welche Richtung ich einschlage, das habe ich selbst mit in der Hand – sogar, wenn ich an den Rollstuhl oder eine Zelle gebunden bin. Es sind nicht immer nur die anderen, die dieses und jenes für mich tun sollen oder mir alle Entscheidungen abnehmen sollen – und dann natürlich schuld sind, wenn es schief geht.
Es gibt aber noch Zwei in unsrer Geschichte, die kommen in der Liste der (Un-) Verantwortlichen gar nicht vor, weil die jetzt wirklich nur Spielbälle sind: Jesus und Barrabas. Dieser Barrabas ist der Erste, der durch Jesu Tod neu leben darf. Unverdient. „Gnade“. Und Jesus? Er muss es „tragen“, erleiden, Jesus geht in den Tod. Sein Blut kommt nicht auf die Täter. Und auch nicht auf die Kinder und Nachkommen, wie es der Mob schreit. Sein Blut kommt auf sein eigenes Haupt. Und tropft auf die Erde, die uns alle trägt. Auch die unverantwortlichen Verantwortlichen. Auch Sie und mich.

Gebet (nach Jes. 53):
Christus, Du trugst unsere Krankheit und ludst auf Dich unsere Schmerzen, und durch Deine Wunden sind wir geheilt. Danke! In Ewigkeit: Danke! Amen.

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Bei Jesus beten lernen. Andacht zum 13.3.2015

Für Jesus wird es eng. Seine Gegner haben konkrete Pläne, ihn zu beseitigen. Ein Informant aus Jesu Sympathisantenkreis hat sich auch gefunden. Nit seiner Hilfe will man die Festnahme ohne großes öffentliches Aufsehen bewerkstelligen.
Jesus ist nicht naiv. Er weiß, was kommt. Seine Jünger nicht. Die wollen es wohl auch gar nicht so genau wissen. Sie werden es gleich noch sehen: Die machen buchstäblich die Augen davor zu. Eben noch hatten Jesus und seine Jünger das Seder-Mahl gehalten, am Vorabend des Passa-Festes. Jesus hatte merkwürdige Worte dazu gesprochen, die gar nicht in den traditionellen Ablauf gehörten: „Das ist mein Leib!“; „Das ist mein Blut!“ Und nun geht es in die Nacht hinaus:

Jesus und seine Jünger kamen an eine Stelle am Ölberg, die Gethsemane heißt. Dort sagte er zu ihnen: »Setzt euch hier und wartet, bis ich gebetet habe!«

Jesus will beten. Unter diesem Stichwort, dem Beten, möchte ich mir mit Ihnen die weitere Geschichte anschauen. Denn wie es Jesus hier, in dieser Extremsituation, mit dem Beten hält, davon können Sie und ich etwas für unser Beten lernen.
Zum Gebet lässt Jesus seine Jünger zurück, die sollen auf ihn warten. Jesus sucht die Stille. Das Gebet, das jetzt für ihn dran ist, ist eine Sache zwischen ihm und seinem himmlischen Vater. So hatte er es auch früher immer wieder getan: Sich zum Beten zurückgezogen.
Und miteinander beten? In Gemeinschaft? Das haben alle zusammen gerade noch getan, bevor sie von ihrer Mahl-Feier aufbrachen. Ein Hymnus. Ein gesungenes Gebet. Miteinander und mit Worten, die allen vertraut sind.
Oder noch weiter zurück: Als einmal die Jünger Jesus baten: „Lehre uns beten!“, da hat er ihnen das „Vaterunser“ beigebracht: „Unser Vater“, „unser tägliches Brot“, „unsere Schuld“, „führe uns nicht in Versuchung“, „erlöse uns!“ Das Gebet einer Gemeinschaft als gemeinsames Gebet.
Wovon Jesus gar nichts hielt, das war das Sich-Aufpluster-Gebet vor anderen. Bitte keine demonstrative Frömmigkeit an den Straßenecken und in den Gotteshäusern! Stattdessen: das Gebet „im stillen Kämmerchen“. Und genau so ein Gebet sucht Jesus hier. Eine stille Ecke im nächtlichen Garten. Immer nur zusammen mit anderen beten? – Da würde Entscheidendes fehlen!
Im Gebet dem himmlischen Vater das Herz öffnen, ihm die ganze Not zeigen, ihm die Bitten und Sehnsüchte bringen – anstatt seine Mitmenschen damit zu „belästigen“? Nein, Jesus macht so eine Alternative nicht auf. BEIDES geht. BEIDES soll sein:

Petrus, Jakobus und Johannes jedoch nahm er mit. Von Angst und Grauen gepackt, sagte er zu ihnen: »Meine Seele ist zu Tode betrübt. Bleibt hier und wacht!«

Diese drei eng Vertrauten sollen – ja, was denn? Ratschläge geben? Probleme wälzen? Ein therapeutisches Angebot machen? Ihm sagen, dass das schon wieder wird, jeder hat schließlich mal eine Krise? Nein, viel menschlicher: In Jesu Nähe bleiben, ihn aushalten, mit ihm wachen!
Dass alle drei Jünger genau darin als Jesu Mit-Menschen versagen, das steht auf einem anderen Blatt. Auch dass dieses Versagen zu keinem dauerhaften Bruch mit Jesus führt. Hier nur so viel: Das Beten darf keine Ausrede sein, um sich zu verschließen und zu isolieren.

Er selbst ging noch ein paar Schritte weiter, warf sich zu Boden …

Jesus wirft sich zu Boden. Bevor er Worte sucht, spricht schon sein Körper.
Und wenn Sie beten? Allein mit Gott? Was sagt da Ihr Körper? Vielleicht vergegenwärtigen Sie sich das einmal: Was sind im Laufe des Tages bei Ihnen typische Zeiten und Augenblicke, typische Orte für’s Beten? Und: Welche Haltung nimmt dort Ihr Körper ein? Der Körper ist womöglich in seiner Haltung Gott gegenüber viel echter, viel ehrlicher als alle Ihre Worte. Und wenn er, der Körper, sich irgendwie hingeflätzt hat und es nicht nötig findet, überhaupt eine erkennbare Haltung Gott gegenüber einzunehmen, dann ist das doch eine ernüchternde Ver-Körperung der eigenen Haltung, oder?
Die Ehrlichkeit des Körpers ist vielleicht ernüchternd. Seine Beeinflussbarkeit aber ermutigend. Sofern Sie körperlich einigermaßen gesund sind, machen Sie sich doch die Mühe, Ihren Körper in eine „passende“ Haltung zu bringen! Jesus wirft sich zu Boden. Und bei Ihnen? Sitzen, Knien, Liegen, Stehen? Gefaltete Hände? Ausgebreitete Hände? Vielleicht ein Kreuz in den Händen oder einen Rosenkranz? Vielleicht ein Gebet-Buch? Ruhiger Körper? Oder in Bewegung? Was passt? Welche Haltung Ihr Körper einnimmt, welche Sie ihm geben, das verdient Ihre Aufmerksamkeit.

(…) »Abba, Vater«, sagte er, …

Zwei Dinge, die ich mir hiervon zu Herzen nehmen und Ihnen ans Herz legen möchte:

  1. Jesus „sagt“. Er „denkt“ nicht nur sein Gebet. Klar: „Du verstehst meine Gedanken von fern“ (Ps. 139). – Wozu die Gedanken dann noch aussprechen? Weil mich das Worte-Finden dazu bringt, die Dinge klarer zu kriegen, sie auf den Punkt zu bringen. Den vielleicht chaotischen Gedankenfluss etwas zu kanalisieren. GOTT mag ja meine Gedanken von fern erkennen. – Aber ich selbst denn auch?? Worte helfen. Ausgesprochene oder geschriebene Worte.
  2. „Abba“, sagt Jesus. Das ist nicht „Vater“, das ist „Papa“. Und zu welchem Gott beten Sie? Gibt es da eine bevorzugte Anrede? Welche ist das? Und: Wie gut passt die zu Jesu „Papa“? Ist es in Ihrer Anrede vorgesehen, dass Gott es gut meint? Dass er ansprechbar ist? Vertrauens-würdig? Selbst in einer Gethsemane-Situation vertrauens-würdig? Also: Schauen Sie mal hin auf Ihre Anreden! Und: Lassen Sie sich unaufdringlich werben für Jesu „Gottes-Bild“!

»… alles ist Dir möglich. Lass diesen bitteren Kelch an mir vorübergehen! Aber nicht wie ich will, sondern wie Du willst.«

Ehrlich statt politisch korrekt. „Politisch korrekt“, das wäre gewesen: „Allmächtiger Gott, vor mir liegt dieser unabänderliche Leidensweg. Ich muss ihn gehen. Bitte gib mir dafür die Kraft!“ Politisch super korrekt wäre gewesen: „Gott, Du bist so wunderbar, dass Du ausgerechnet mich ausersehen hast, diesen Weg der Erlösung für alle Welt zu gehen! Halleluja!“
Aber Jesus betet ehrlich – und nicht politisch korrekt. Er fürchtet den Leidensweg, er will ihn nicht gehen. Will Gott bei seiner Ehre als dem Allmächtigen packen: „Alles ist Dir möglich …“.
Und trotzdem: „Nicht wie ich will, sondern wie Du willst!“ Für mich der Spitzensatz in dieser ganzen Geschichte. Klar, im Bitt-Gebet geht es um meine Hoffnungen, Sehnsüchte, Wünsche. Und um Wunsch-Erfüllung. Aber mehr noch darum: Ich übe mich darin ein, mich Gottes Willen zu unterstellen. Ihn auszuhalten, ihn anzunehmen, auch wenn er mir nicht passt.
Der Rest ist schnell erzählt: Als Jesus vom Beten zurückkommt, sind Petrus, Jakobus und Johannes eingeschlafen. Es wird sich noch zweimal wiederholen – Jesus Gebet, die schlafenden Jünger.
Am Ende war alles für die Katz: Ein unerhörtes Gebet. Nichts da mit „alles ist Dir möglich“. Jesus wird den „Leidens-Kelch“ bis zum letzten Tropfen leeren.
Wirklich „alles“ für die Katz’? Unser Abschnitt endet so:

„Steht auf, lasst uns gehen! Der, der mich verrät, ist da.“ (Markus 14, 32-42)

Aufbruch. Sich dem Verräter stellen und all dem, was jetzt kommt. Ein unerhörtes Gebet, ja. Aber kein nicht-erhörtes Gebet. Sondern ein anders-erhörtes Gebet. Ein schwacher Trost? Mehr vielleicht nicht. Oder: Immerhin.

Gebet:
Abba, Vater! Manchmal ist es so schwer zu glauben, dass Du es gut meinst. Und gut machst. Stärke mein Vertrauen in Dich! Durch Jesus Christus! Amen.

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Das Ende der Treue. Andacht zum 6.3.2015

Sind Sie – treu? Und: Was ist das überhaupt, Treue? Ich sage es mal so: Zu jemandem halten. Man sagt ja auch: Jemandem die Treue halten. Der Faktor „Zeit“ ist da wichtig: Treue ist etwas auf Dauer, nicht nur für den Moment. Wenn Sie Ihrem Bäcker die Treue halten, kaufen Sie immer dort Ihr Brot. Wenn Sie einen treuen Freund haben, dann pflegen Sie schon lange Kontakt zueinander und werden das wohl noch lange weiter tun. Wenn Sie Ihrem Partner oder Ihrer Partnerin treu sind, dann gehen Sie nicht fremd.
Treue steht über den Impulsen des Augenblicks: Sie werden Ihren Bäcker nicht wechseln, nur weil der andere Bäcker gerade ein Sonderangebot hat. Sie werden eine Freundschaft nicht aufgeben, weil die Treffen gerade ein bisschen langweilig sind und es aktuell viel spannendere Mitmenschen für Sie gibt. Sie werden Ihrer Partnerin oder Ihrem Partner nicht untreu, nur weil jemand anderes Ihnen gerade besonders schöne Augen macht oder solche hat.
Treue hat mit Gegenseitigkeit zu tun: Wenn Sie beim Bäcker oft unvorbereitet vor geschlossenen Türen stehen, werden Sie sich anders orientieren. Wenn der, dem Sie ein treuer Freund sind, sich niemals bei Ihnen meldet, wird Sie das enttäuschen. Und wenn Sie treu zu Ihrem Partner stehen, obwohl der dauernd fremd geht, dann würde ich das nicht für ein Erfolgsmodell von Partnerschaft halten. Die Gegenseitigkeit der Treue, sie hat etwas von einem Vertrag mit Rechten und Pflichten. Nur dass wir solche Rechte und Pflichten nicht schwarz auf weiß haben beim Bäcker, bei Freunden und in der Partnerschaft. Da kann es dann schnell passieren, dass der eine sich ausgenutzt, betrogen, hintergangen fühlt, und der andere kann das gar nicht verstehen.
Gibt es auch Treue im Glauben? Na ja, man kann auch etwas glauben, ohne „treu“ zu sein. Es gibt Leute, die glauben, dass es einen Gott gibt. Aber dadurch ist man nicht automatisch in Treue mit ihm verbunden. Ich erkenne ja auch an, dass es Bäcker gibt und dass sie wichtig sind. Aber davon allein bin ich noch keinem einzigen treu. Ich könnte strenggenommen durch’s Leben kommen, ohne je eine einzige Bäckerei zu betreten.
Ob ich mich einmal für einen Bäcker entschieden habe oder ob sich das durch meine Kaufgewohnheiten so entwickelt hat, ist zweitrangig. Worauf es ankommt, ist: Ich bin ihm verbunden, ich hole meist dort mein Brot, ich mag ihn und sein Personal und sein Brot. Und: Ich wechsle nicht sofort den Laden, wenn mir gelegentlich mal was nicht so schmeckt.
So ist das auch mit dem Glauben: Bedeutungsvoll wird die Sache erst durch persönliche Verbundenheit, durch regelmäßig gepflegte Verbundenheit. – Beim Bäcker wie bei Freunden wie in der Partnerschaft wie bei Gott. Und mit dieser regelmäßig gepflegten persönlichen Verbundenheit kommt die Treue ins Spiel.
Treue im Glauben, Treue zu Gott – für Christinnen und Christen geht es noch spezieller: Treue zu Jesus Christus. Die Begebenheit, die ich gleich zitiere, spielt direkt nach dem Abendmahl Jesu mit seinen Jüngern. Seine Gefangennahme steht fast unmittelbar bevor …

Nach dem Lobgesang gingen sie zum Ölberg hinaus. Da sagte Jesus zu ihnen: Ihr alle werdet in dieser Nacht an mir Anstoß nehmen und zu Fall kommen. Denn in der Schrift steht: „Ich werde den Hirten erschlagen, dann werden sich die Schafe der Herde zerstreuen.“ Aber nach meiner Auferstehung werde ich euch nach Galiläa vorausgehen.
Petrus erwiderte ihm: Und wenn alle an dir Anstoß nehmen – ich niemals!
Jesus entgegnete ihm: Amen, ich sage dir: In dieser Nacht, noch ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. Da sagte Petrus zu ihm: Und wenn ich mit dir sterben müsste – ich werde dich nie verleugnen. Das Gleiche sagten auch alle anderen Jünger. (Matthäus 26, 30-35)

Jesus ahnt: Seine Jünger werden ihn gleich, in den Stunden seiner größten Not, im Stich lassen. Und er sagt es ihnen voraus. Er sagt das nicht als Sorge, dass das passieren könnte. Er sagt es nicht als Bitte, weiter treu zu ihm zu stehen. Jesus sagt es als Faktum, als Tatsache: Ihr alle werdet mir untreu werden!
Und die Jünger? Das können sie so nicht stehen lassen, das können sie nicht auf sich sitzen lassen. Sie hören einen Vorwurf, und da müssen sie widersprechen. Petrus vorne weg, die anderen hinterdrein.
Aussage gegen Aussage, Prognose gegen Prognose. Wer behält Recht? Jesus! Die Jünger sind absolut treu gewesen – mit dem Mund. Allzu große Worte. Ein bisschen wie im Kindergarten, wenn Lisa und Lotte ganz bestimmt ihr Leben lang beste Freundinnen bleiben werden. Es kommt dann manchmal doch anders, und große Worte sind ein schwacher Schutz.
Wie steht es mit Ihrer, mit meiner Treue im Glauben? Falls Sie sich zu den Glaubenden rechnen und auf eine längere Glaubens-Geschichte zurückblicken, werden Sie wahrscheinlich erkennen: Es ist eine sehr wechselvolle Geschichte. Auch mit Zeiten mäßiger Treue oder Untreue. Obwohl die Anlässe zur Untreue viel nichtiger waren als damals bei den Jüngern. Vielleicht eher so etwas wie Gewöhnung. Oder eine Reihe kleinerer Enttäuschungen. Oder die ganz große Enttäuschung. Glaube kann sich einfach verlieren. Verdunsten. Und dann steht man ziemlich ernüchtert ohne da – wie in Erich Kästners Gedicht „Sachliche Romanze“:

Als sie einander acht Jahre kannten
(und man darf sagen: sie kannten sich gut),
kam ihre Liebe plötzlich abhanden.
Wie andern Leuten ein Stock oder Hut.

Sie waren traurig, betrugen sich heiter,
versuchten Küsse, als ob nichts sei,
und sahen sich an und wußten nicht weiter.
Da weinte sie schließlich. Und er stand dabei.

Vom Fenster aus konnte man Schiffen winken.
Er sagte, es wäre schon Viertel nach Vier
und Zeit, irgendwo Kaffee zu trinken.
Nebenan übte ein Mensch Klavier.

Sie gingen ins kleinste Café am Ort
und rührten in ihren Tassen.
Am Abend saßen sie immer noch dort.
Sie saßen allein, und sie sprachen kein Wort
und konnten es einfach nicht fassen.

Am Ende dieser Andacht, in der Liebe oder im Glauben, steht da der große Frust? O nein! Denn: Jesus spricht von Untreue – ja. Aber: Er spricht vor allem von seiner Treue! Er wird auferstehen, und er wird seinen Jüngern nach Galiläa vorangehen – dorthin, wo mit ihnen alles angefangen hatte. Und wo es wieder ganz neu anfangen darf, anfangen wird.
Treue im Glauben? Und wenn mir das nicht gelingt, allen großen Absichten und Sprüchen zum Trotz? Unsere Geschichte sagt: Es hängt nicht an meiner Untreue, sondern an Jesu Treue!

Gebet (aus einem Lied):
Gelobt sei Deine Treu, / die jeden Morgen neu / uns in den Mantel Deiner Liebe hüllt. / Die jeden Abend wieder, / wenn schwer die Augenlider, / das schwache Herz mit Frieden füllt.
Gelobt drum Deine Treu, / die jeden Morgen neu / uns Deine abgrundtiefe Liebe zeigt. / Wir preisen Dich und bringen / Dir unser Lob mit Singen, / bis unser Mund im Tode schweigt.

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