Ratlos zu Pfingsten. Andacht zum 22.5.2015 und zu Pfingsten

Pfingsten – Fest des Heiligen Geistes. Wenn Sie es gleich in der Apostelgeschichte lesen, was damals in Jerusalem passiert ist, dann erfahren Sie von stürmischem Brausen, von Flammen und von gegenseitigem Verstehen über alle Sprachbarrieren hinweg.

Gottes Geist, der hat wohl auch damit zu tun: frischer Wind in Herz und Kopf; Feuer und Flamme sein; einander verstehen trotz unterschiedlicher Sprachen. – Ein Wunder, wenn auf einmal unerwartet Verständnis da ist!

Sie werden aber noch etwas anderes finden in der Pfingstgeschichte: Ratlosigkeit. Unverständnis. Aber nun erstmal die Geschichte:

Als der Pfingsttag gekommen war, befanden sich alle am gleichen Ort. Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daher fährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie waren. Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten. Auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder. Alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt und begannen, in fremden Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab.

In Jerusalem aber wohnten Juden, fromme Männer aus allen Völkern unter dem Himmel. Als sich das Getöse erhob, strömte die Menge zusammen und war ganz bestürzt, denn jeder hörte sie in seiner Sprache reden. Sie gerieten außer sich vor Staunen und sagten: Sind das nicht alles Galiläer, die hier reden? Wieso kann sie jeder von uns in seiner Muttersprache hören? (…) Wir hören sie in unseren Sprachen Gottes große Taten verkünden.

Alle gerieten außer sich und waren ratlos. Die einen sagten zueinander: Was hat das zu bedeuten? Andere aber spotteten: Sie sind vom süßen Wein betrunken.

Wer sind „alle“, die da am gleichen Ort versammelt sind? Von Kindesbeinen an hatte ich mir dazu die 12 Apostel vorgestellt. Aber Pustekuchen! Wenn Sie in das Kapitel vorher gucken, sind „alle“ wohl ca. 120 Geschwister im Glauben, von denen dort die Rede ist. Also: Am Pfingsttag damals in Jerusalem kommt Gottes Geist weder zu der einzelnen frommen Seele noch in eine elitäre Gemeinschaft der allerengsten Jesus-Freunde, sondern in eine große, wohl ziemlich bunte, ziemlich zusammen­gewürfelte Schar. „Gewöhnliche Leute“, nicht bloß Kandidaten für spätere Heiligen­kalender. Es ist also auch Ihre und meine Geschichte.

Dann noch ein Irrtum von meinen Kindesbeinen an: Ich hatte die Szene immer betrachtet als jemand, der von außen draufguckt und dann die Leute mit den Flammen auf den Köpfen sieht. Schon wieder: Pustekuchen! „Es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer“ – das bedeutet: Die 120 Betroffenen sehen diese Flammen – die „Außenstehenden“ aber nicht. Die Außenstehenden „sehen“ gar nichts.

Was sehen die 120? Da sie wohl keine Spiegel im Handtäschchen hatten und die Flammen auch nicht heiß waren, sahen und spürten sie davon bei sich selbst wohl nichts. Aber: Sie sahen es bei den anderen! Es kann also sein, dass Gottes Geist einen in Flammen setzt – und man merkt gar nichts davon! Aber man merkt es vielleicht bei den anderen. Immerhin!

Ob die 120 selbst etwas von diesem Sprach-Wunder merkten? Bin ich mir nicht sicher. Ich denke da ohnehin nicht daran, wie jemand auf einmal perfekt eine Fremdsprache spricht – gänzlich ohne Vokabel-Pauken und Grammatik-Üben, und das alles als einmaliges Ereignis in der Weltgeschichte, das sich niemals wiederholt hat, auch nicht damals in meinem Französisch-Unterricht. Eher denke ich an ekstatisches Stammeln, wie es im frühen Christum und in manchen Gruppen bis heute verbreitet ist. Dass Lukas uns von wohl-artikulierten Sprachen berichtet, verstehe ich so: Gottes Geist schafft Verständnis über alle Grenzen hinweg: Grenzen der Sprache, der Herkunft, der Kultur, des Geldes.

Aber was ALLE mitbekommen, auch viele Einwohner und Gäste der Stadt: das Brausen! Der frische Wind. Und was die Meisten mitbekommen: Dieses grenzüberschreitende Verstehen! Die Geschichte vom Turmbau zu Babel kehrt sich hier um: Beim Turmbau haben die Menschen versucht, sich an Gottes Stelle zu setzen – und verstanden einander (wohl auch sich selbst) nicht mehr. Und hier, wo Gottes Geist sich Raum schafft, gibt es neues Verstehen.

Und worum geht es inhaltlich? „Wir hören sie in unseren Sprachen Gottes große Taten verkünden!“ Falls Sie ihren Glauben außer durch Ihr Leben und Tun auch durch Ihre Worte unter die Leute bringen wollen, steht in diesem einen Satz das komplette Programm. Ich sage es so:

  • Von Gott zu sprechen, nutzt gar nichts, wenn die Leute Sie einfach nicht verstehen. Sie müssen schon „deren Sprache sprechen“.

  • Die „Sprache“ der Leute zu sprechen, nutzt gar nichts, wenn nicht von Gott die Rede ist. Jedenfalls nutzt das nicht zum Glauben-Weitersagen, sonst schon.

Und nun das, worauf es mir besonders ankommt: Die Ratlosigkeit.

Alle gerieten außer sich und waren ratlos. (Alles: aus Apostelgeschichte 2)

Ich habe das mit Verblüffung gelesen: Wer in die Nähe des Geistes Gottes gerät, den kann das in Unruhe und Ratlosigkeit versetzen! Diejenigen, die mit diesem Geist in Berühung kommen, kriegen hier die Krise! Was sie dann damit tun, ist allerdings unterschiedlich:

Die einen sagten zueinander: Was hat das zu bedeuten? Andere aber spotteten: Sie sind vom süßen Wein betrunken.

Also: Die einen halten die Frage und ihre Ratlosigkeit aus. Die anderen wischen ihre Ratlosigkeit mit einer flotten Antwort vom Tisch: „Alle besoffen!“ Das ist wohl so: Diejenigen mit den stets flotten Antworten müssen nie lange ratlos sein. Und haben oft auch einen schnellen „guten Rat“ für andere auf den Lippen.

Die Geschichte geht noch weiter: Petrus ergreift das Wort und sagt den ratlosen Leuten ein paar Esssentials des christlichen Glaubens. Das „Ergebnis“: Viele Leute lassen sich taufen – die erste christliche Gemeinde ist zur Welt gekommen!

Keiner hat es nachgezählt, aber ich vermute: Von denjenigen mit der flotten Erklärung „Alle betrunken!“ wird wohl kaum einer bei der Taufe dabei gewesen sein. Anders diejenigen, die ihre Ratlosigkeit ausgehalten haben: Die haben wahrscheinlich eine ganz andere Bereitschaft und Offenheit mitgebracht, überhaupt zuzuhören. Und dann das Gehörte zu bedenken. Und nachzufragen. Und dann, erst dann, die Ratlosigkeit in eine Entscheidung zu gießen.

Damals in Jerusalem: Die erste christliche Gemeinde. Und ein Wendepunkt im Leben vieler Menschen. Ein Geschenk des Geistes Gottes! Und: Eine Frucht der Ratlosigkeit!

Darum: Wenn Sie das nächste Mal ratlos sind, halten Sie’s aus! Schieben Sie Ihre Ratlosigkeit nicht gleich weg! Ihre Ratlosigkeit könnte Geist-reicher sein, als sie sich gerade anfühlt! – Wer weiß, was noch draus wird …

Gebet:

Gott, Du siehst es doch, wie ratlos ich manchmal bin. Wie schwer es mir fällt, mich zu entscheiden. Und wie inkonsequent ich damit bin, eine Entscheidung auszuhalten und länger zu erproben, statt sie immer neu in Zweifel zu ziehen.

Gott, gib mir Geduld zu meiner Ratlosigkeit! Deinen Segen zu meinen Entscheidungen! Vertrauen auf Dich, wenn ich meinen Weg gehe! Und Deinen Geist, dass mir ein Licht aufgeht, wenn die Zeit reif ist! Amen.

| Hinterlasse einen Kommentar

Die etwas anderen Ratgeber. Andacht zum 15.5.2015

„Wenn – dann“. Wenn Sie mal ein Buch schreiben wollen aus der Rubrik „Rat und Lebenshilfe, dann brauchen Sie diese Wörtchen: „Wenn – dann“.

Das Prinzip: „WENN Sie das und das tun, das und das lassen, die Dinge so und so sehen, … DANN! Dann haben Sie Erfolg im Beruf, klappt es mit der Liebe, gedeihen die Kinder, bleiben oder werden Sie gesund, haben Sie Lebensfreude; Sie haben genügend Geld oder kommen mit weniger aus …“. Noch knapper: WENN Du DAS tust, DANN hast Du Erfolg!“

WENN-DANN-Empfehlungen gibt es zu allen Fragen und Problemen. Dahinter stehen bestimmte Vorstellungen von einem „gelingenden Leben“.

Manchmal prallen verschiedene Vorstellungen aufeinander, was denn „gelingendes Leben“ ist und wie man dahin kommt. Das fängt schon beim Streit der Eltern mit dem Sprössling an, ob, wann und wie das Kinderzimmer aufge­räumt werden soll. Was ein gelingendes Leben ist, davon hat der Fitness-Fanatiker ein anderes Bild als der, der alle Serien aus dem Fernsehen kennt. Wer viermal im Jahr in Urlaub fliegt, hat andere Ideale als jemand, der sein letztes Hemd für andere gibt.

WENN-DANN. Es gibt auch die „fromme“ Variante: „WENN Du nur genügend und mit ganzem Herzen betest, eifrig Deine Bibel liest, Dich an 1000 fromme Regeln hältst, DANN wird alles (wieder) gut …“.

So ein „frommer“ Ratgeber ist Zofar. Zofar ist einer der Freunde von Hiob. Hiob geht es schlecht: Er hat fast alles verloren: seine Kinder, seinen Besitz, seine Gesundheit. Nicht seinen Glauben, denn er hadert mit Gott. – Ungläubige würden nicht mit Gott hadern.

Was rät da der fromme Zofar da seinem Freund?

Mach deinen Fehler wieder gut und lass in deinen Zelten kein neues Unrecht geschehen! Dann kannst du jedem wieder offen ins Gesicht sehen, unerschütterlich und furchtlos stehst du im Leben deinen Mann! Bald schon wird all dein Leid vergessen sein wie Wasser, das versickert ist. Dann kann dein Leben noch einmal beginnen und leuchten wie die Mittagssonne, auch die dunkelsten Stunden werden strahlen wie der lichte Morgen. Dann hast du endlich wieder Hoffnung und kannst zuversichtlich sein. Abends siehst du noch einmal nach dem Rechten und legst dich dann in Frieden schlafen. Kein Feind schreckt dich auf – im Gegenteil: Viele werden sich um deine Gunst bemühen. Aber alle, die Gott missachten, schauen sich vergeblich nach Hilfe um. Sie haben keine Zuflucht mehr! Ihnen bleibt nur noch der letzte Atemzug.” (aus Hiob 11)

Na super! Alles wird wieder gut – wenn Hiob nur auf Zofar hört! Dass Zofar so spricht, ist vor allem für ihn selbst eine feine Sache:

  • In Zofars Wenn-Dann-Weltbild bleiben keine Fragen offen.

  • Zofar kann sich mit seinen Rat-Schlägen als engagierter Helfer fühlen.

  • Sollte es Hiob nach so viel gutem Rat weiter schlecht gehen, ist er selber schuld.

Und Hiob? Bevor sein Leben in diese extreme Schieflage geriet, hätte er vielleicht auch so gesprochen. Aber heute spricht er anders:

Von den Tieren draußen kannst du vieles lernen, schau dir doch die Vögel an! Frag nur die Erde und die Fische im Meer; hör, was sie dir sagen! Wer von diesen allen wüsste nicht, dass der Herr sie mit seiner Hand geschaffen hat? Alle Lebewesen hält er in der Hand, den Menschen gibt er ihren Atem.

(…) Man sagt, Weisheit sei bei den Alten zu finden und ein langes Leben bringe Erfahrung. Doch Gott allein besitzt Weisheit und Kraft, nie wird er ratlos. (…)

Gott hat beide in der Hand: den, der sich irrt, und den, der andere irreführt. Königliche Ratgeber nimmt er gefangen, erfahrene Richter macht er zu Narren. Gefangene eines Königs befreit er, doch den König selbst legt er in Fesseln. Er führt die Priester weg mit Schimpf und Schande und vertreibt alteingesessene Familien. Berühmten Rednern entzieht er das Wort, den Alten nimmt er die Urteilskraft. Fürsten gibt er der Verachtung preis, und die Mächtigen macht er schwach. Die Dunkelheit überflutet er mit Licht, ja, die tiefsten Geheimnisse deckt er auf. Er lässt Völker mächtig werden und richtet sie wieder zugrunde, er macht ein Volk groß und vertreibt es wieder. Ihren Königen nimmt er den Verstand und führt sie hoffnungslos in die Irre. Im Dunkeln tappen sie umher und torkeln wie Betrunkene. (aus: Hiob 12)

Zofar ist sich seiner Weisheiten über ein gelingendes Leben ziemlich sicher. Und Hiob? Bei dem ist es umgekehrt. Der weiß sehr genau darum, wie schnell man am Ende seiner Weisheit angekommen ist. Er nennt dafür ausdrücklich bestimmten Gruppen von Leuten, denen man zu seiner Zeit besonders verlässliche Lebens- und Erfolgsweisheiten zutraut:

  • Die Alten mit ihrer Lebenserfahrung.

  • Königliche Ratgeber – die damaligen „Profis“ der Weisheitslehre. Diejenigen, die die „Wege zum Erfolg“ kennen – wohl auch mit eigenen Weisheits-„Schulen“.

  • Erfahrene Richter – mit ihren abgewogenen Urteilen.

  • Der König selbst; Fürsten; Mächtige.

  • Priester mit ihrem heiligen Regel-Werk.

  • Erfolgreiche, mächtige Völker.

Vielleicht geht es Ihnen so wie mir: Dass Ihnen aus unserer Zeit da auch so manche Experten, Weise, kluge und neunmalkluge Leute in den Sinn kommen, die mit ihren Prognosen und Empfehlungen kläglich gescheitert sind. Die Sicherheit einer Prognose, die Brauchbarkeit eines „guten Rates“, sie nehmen leider nicht mit der überzeugenden Ausstrahlung des „Ratgebers“ zu. Für Hiob ist es Gott selbst, der den Rat all dieser Klugen zunichte macht.

Tja, wenn also die üblichen Ratgeber nur mit Vorsicht zu genießen sind, wen kann Hiob denn dann seinem Zofar, Ihnen und mir empfehlen?

Von den Tieren draußen kannst du vieles lernen, schau dir doch die Vögel an! Frag nur die Erde und die Fische im Meer! Hör, was sie dir sagen! Wer von diesen allen wüsste nicht, dass der Herr sie mit seiner Hand geschaffen hat? Alle Lebewesen hält er in der Hand, den Menschen gibt er ihren Atem.

Aha! Die wahren Weisen, das sind: die (Land-)Tiere, die Vögel, die Erde, die Fische! Diese Weisen sollen wir fragen! – Allerdings: Es braucht wohl viel Bescheidenheit und auch Geduld, diesen wahrhaften Weisen ihre Antworten abzulauschen.

Die „Antwort“ dieser Weisen passt nicht so gut in das Wenn-Dann-Schema der Ratschläge zum gelingenden Leben. Jedenfalls die „Antwort“, wie sie Hiob herausgehört hat (eigene Übersetzung):

Wer unter ihnen allen weiß nicht: Ja, die Hand Gottes hat das gemacht! In seiner Hand – der Lebenshauch von allem, was lebt. Und der Geist-Wind von allem mensch­lichen Fleisch.“

Die übliche Frage vor einem „guten Rat“ lautet: „Was muss ich tun, um das und das zu erreichen?“ Wenn Hiob auf die Landtiere, Vögel, Fische und die Erde hört, entdeckt er: Schon diese Frage könnte verkehrt sein! Aus „Was muss ich TUN?“ wird: „Wir – SIND!“

Ja, was sind „wir“ denn? Antwort: Aus Gottes Hand! Und: IN Gottes Hand! Das gilt auch dann noch, wenn wir mit all unsrer Menschen-Weisheit am Ende sind. – Wobei „wir“ ausdrücklich nicht nur die Menschen sind, sondern „alles Lebendige“. Alles, was den Lebenshauch Gottes in sich trägt.

Also nie wieder „guter Rat“? – So weit gehe ich nicht. Sie sollen sich nur der geringen Reichweite von „gutem Rat“ bewusst sein. Deswegen mein „guter Rat“: Trauen Sie dem „guten Rat“ nicht zu viel zu! – Nicht dem eigenen, nicht dem eines anderen. Und lernen Sie bei allem, was Gottes Lebenshauch in sich trägt: aus wessen Hand Sie kommen, in wessen Hand Sie sind!

| Hinterlasse einen Kommentar

Was bleibt, wenn Christus geht? Andacht zum 8.5.2015 und zu Himmelfahrt

Himmelfahrt. Merkwürdiges Wort. Klingt wie Peterchens Mondfahrt. Mit der Himmel-Fahrt kann manch einer nicht so furchtbar viel anfangen. Dann lieber, statt hinauf in luftige Höhen, die Fahrt auf der Erde. Mit Bike, Bollerwagen, Bier und Brezeln.

Aber „eigentlich“ ist Christi Himmelfahrt ja gar nicht der Beginn der Luftfahrt. Es geht auch nicht platt um den Himmel „da oben“. Sondern um einen anderen Himmel, den wir aber ebenfalls nicht mit Händen zu fassen kriegen; der „jenseits“ vom festen Boden unter unseren Füßen ist; der uns alle umhüllt, ob wir es glauben oder nicht, ob es uns passt oder nicht. Ich sage hier absichtlich das Wörtchen „wir“, das ich sonst nicht so liebe. Von diesem Himmel, dieser anderen Wirklichkeit umhüllt zu sein, das gilt nämlich für alle. Auch für die, die nichts davon wissen wollen.

Der Himmel von Himmelfahrt, der bedeutet auch: Jesus Christus ist „erhöht“. Zwar an meiner Seite und auch „mitten unter uns“. Aber eben auch ÜBER allem. „Der Herr“.

Für Jesu Jünger ist Himmelfahrt außerdem: Abschied. Schon wieder Abschied, muss man sagen. Der erste, fürchterliche Abschied, das war Jesu Hinrichtung. Ein qualvoller Tod, alles so endgültig. Dazu das schlechte Gewissen, nicht treu an seiner Seite geblieben zu sein. Aber dann: Ostern! Christus lebt! Der Tod ist überwunden, Jesus ist Sieger! Und: Christus ist seinen Jüngern wiedergegeben. Er spricht sie an, er ist in ihrer Gemeinschaft immer wieder präsent. Ich stelle mir vor: So hätte es bleiben können für die Jünger, so war alles gut.

Aber nun steht die „Himmelfahrt“ vor der Tür. Und trotz der Oster-Erfahrung, die die Welt des Todes auf den Kopf stellte: Das wird wieder so sein wie Sterben. Christus wird zwar „im Himmel“ sein. Aber loslassen müssen sie ihn dafür trotzdem. Und das schmerzt. Das ist so, wie wenn Ihnen ein lieber Mensch stirbt: Auch wenn Sie voller Hoffnung sind, dass seine Reise „in den Himmel“ geht, wird Ihnen dieser Mensch fehlen.

Vor diesem Hintergrund sind es gewichtige „letzte Worte“ Christi, die der Evangelist Lukas uns nun mithören lässt. Schalten wir uns mal zu …

Das sind meine Worte, die ich zu euch gesagt habe, als ich noch bei euch war: Es muss alles erfüllt werden, was von mir geschrieben steht im Gesetz des Mose, in den Propheten und in den Psalmen.“ Da öffnete er ihnen das Verständnis, so dass sie die Schrift verstanden, und sprach zu ihnen: „So steht’s geschrieben, dass Christus leiden wird und auferstehen von den Toten am dritten Tage; und dass gepredigt wird in seinem Namen Buße zur Vergebung der Sünden unter allen Völkern.“

Wenn Christus geht, was lässt er seinen Jüngern als sein Erbe zurück? Die Antwort bis hierher: WORTE! Mit seinen „letzten Worten“ erinnert Christus an seine früheren „Worte“. Und diese früheren Worte erinnern an die „Worte“ der Heiligen Schrift: Mose, die Propheten, die Psalmen.

Und was sollen all diese Worte? Sie stellen Jesu Leiden, sein Sterben, seine Auferweckung in ein bestimmtes Licht. Knapp gesagt: „Vergebung der Sünden!“ – Das, was Jesus durchlebt und durchlitten hat und was mit ihm zu Ostern passiert ist, das hat mit Dir, lieber Jünger, liebe Jüngerin, zu tun! Das ist passiert, damit Dein sterbliches Leben in alle Ewigkeit heil wird!

Also – das erste Erbe: Worte! Heils-Worte. Denn es sind Worte, die das Leben heil machen.

Das zweite Erbe: Ein Auftrag! Jesu Jünger sollen „Zeugen“ sein:

Fangt an in Jerusalem und seid dafür Zeugen!“

Es ist die Aufgabe von Zeugen zu sagen, was sie gesehen und gehört haben. Das hat etwas Unaufdringliches. Ein Zeuge vor Gericht soll ja nicht interpretieren, deuten, Schlussfolgerungen ziehen. Ein Zeuge soll schon gar nicht den Richter zu einem bestimmten Urteil überreden. Der Zeuge muss auch nicht alles wissen. Der darf auch „Das weiß ich nicht!“ sagen oder „Kann mich nicht erinnern.“ Der schlichte Kern-Job des Zeugen ist, zu sagen, was er erlebt hat.

Bis hierher hat Jesus seinen Jüngern vererbt: a) Heils-Worte und b) den Zeugen-Auftrag. Was noch? Der dritte Erb-Teil: Beistand! Göttlichen Beistand!

Ich will auf euch herab senden, was mein Vater verheißen hat. Ihr aber sollt in der Stadt bleiben, bis ihr ausgerüstet werdet mit Kraft aus der Höhe!“

So ist das manchmal mit einem Erbe: Man kann nicht sofort darüber verfügen. Hier in diesen letzten Worten gibt es erstmal nur eine Ankündigung. – Die „Kraft aus der Höhe“. Damit ist der Heilige Geist gemeint, der die Jünger erfüllen soll. Ein Vorgriff auf Pfingsten.

Deswegen steckt in diesen Sätzen noch ein viertes Erbe: Das Bleiben und Warten! Die Jünger sollen in Jerusalem bleiben und abwarten! Bis sie die Kraft aus der Höhe geschenkt bekommen. Was Jesus seinen Jüngern also NICHT vererbt, das ist der Aktionismus, das ist das atemlose Herausposaunen der guten Nachricht, das ist der nimmermüde Wortschwall. Ist das nicht herrlich, dass die Ausbreitung des christlichen Glaubens mit Bleiben und Abwarten beginnt!?

Und jetzt eine Unstimmigkeit: Für Lukas findet die Himmelfahrt in seinem Evangelium wie in seiner Apostelgeschichte bei Jerusalem statt, wo die Jünger ja schließlich bleiben sollten. Alle anderen Evangelien aber enden in Galiläa. Was nun?

  • Vielleicht hat man sich die Geschichte schlicht unterschiedlich erzählt, und es bleibt unklar, wo er „tatsächlich“ war, dieser Abschied.

  • Vielleicht hat Lukas das extra so gestaltet: Wie der Stein ins Wasser fällt und Kreise zieht, so zieht die Mission Kreise: Von Jerusalem über Israel und Samaria in die weite Welt hinaus.

  • Oder, und das ist meine eigene originelle Idee: Jesu Himmelfahrt hat an unterschiedlichen Orten stattgefunden! Nämlich je nach dem, wo seine Jünger gerade waren. Er hat sie nicht „abgeholt“, wo sie waren, sondern er hat sie dort „gelassen“, wo sie waren. Erstmal jedenfalls. Bleiben! Ruhe! Abwarten! Bis einem die Kraft von Oben geschenkt wird!

Und jetzt passen Sie mal auf, was das letzte, das fünfte Erbe Christi für seine Jünger ist:

Er führte sie aber hinaus bis nach Betanien und hob die Hände auf und segnete sie.

Der Segen! Als Gesegnete dürfen Jesu Jünger zurück bleiben!

Danach ist genau das angesagt: Bleiben, Warten. – Eine erfüllte, fröhliche Zeit des Wartens:

Sie aber beteten ihn an und kehrten zurück nach Jerusalem mit großer Freude und waren allezeit im Tempel und priesen Gott.

Vielleicht geht es Ihnen ein bisschen wie den Jüngern zwischen Himmelfahrt und Pfingsten: Christus ist Ihnen weit weg, er hat sich verabschiedet. Aber von der Kraft seines Geistes fühlen Sie sich auch nicht gerade erfüllt.

Was jetzt? Christus hat auch Ihnen für diese Zwischen-Zeit ein Erbe hinterlassen:

  1. WORTE. Die Worte Christi. Die seiner Apostel. Die des Ersten Testaments.

  2. Ein Auftrag: ZEUGE SEIN!

  3. Die ANKÜNDIGUNG der Kraft aus der Höhe.

  4. Die Erlaubnis, ja, die Anordnung, zu BLEIBEN und zu WARTEN.

  5. Der SEGEN des auferstandenen und erhöhten Christus.

Und etwas, was zusätzlich Christi Erbe ist, auch wenn er es hier nicht sagt: Die Gemeinschaft mit den anderen Jüngerinnen und Jüngern. Die, mit denen Sie zusammen beten, warten, Gott preisen und manch anderes Schöne und auch Nützliche tun. Halleluja!

Gebet:

Christus, ich sehe Dich nicht. Und manchmal spüre ich auch nichts von Deinem Geist. Aber danke, dass Du mir trotzdem so viel Gutes hinterlassen hast, womit ich leben und an Dich glauben kann! Amen.

| Hinterlasse einen Kommentar

Böser Geist und Musik. Andacht zum 1.5.2015 und zum Sonntag Kantate

In den letzten Jahren haben mich gelegentlich Zweifel beschlichen, ob ich in der richtigen Berufsgruppe bin. „Pastor“ – da gab es mal die altertümliche Formulierung „Dienst am Wort“. Bei mir ist daraus mehr ein „Dienst am Ton“ geworden: Wenn ich in der Klinik unterwegs bin, sind meist Gitarre und Liederbücher dabei. Auch bei Gesprächen zu zweit oder in Gruppen gibt es manchmal ein Lied. Seit einigen Monaten spiele ich morgens im Klinikgelände ein paar Lieder auf der Trompete. Die Leute hören gnädig über Fehler hinweg und finden das gut. – Jedenfalls die, die sich trauen, etwas dazu zu sagen.

Nun steht draußen an meiner Tür nicht „Pastor“ oder „Kantor“, sondern „Seelsorge“. Kann denn Musikhören und Musikmachen, Seel-Sorge sein?

Diese Frage können Sie beantworten, wenn Sie auf Ihre eigene Seele achten. Und auf Ihre Musik. Wann und wo hören Sie Musik? Welche Lieder, welche Stücke, welche Musikrichtungen hören Sie gern? Vielleicht machen Sie selbst Musik? Das Summen und Pfeifen, das Liedchen unter der Dusche, das Mitsingen beim Autoradio. Oder Sie spielen ein Instrument. Vielleicht mit anderen. Oder Sie singen im Chor. Oder, oder.

So, und nun können Sie sich die Frage beantworten: „Was macht das mit meiner Seele?“ Besser noch, Sie fragen sich das, wenn Sie es heute oder in den nächsten Tagen mit Musik zu tun haben. Musik kann Ihre „Stimmung“ (auch das ein Musik-Begriff!) in die eine oder andere Richtung verändern, sie kann Sie „anrühren“. Musik kann Erinnerungen lebendig machen. Musik kann einschläfern oder Dampf machen, Musik kann Sie „runterholen“ und zur Ruhe kommen lassen, sie kann Sie aber auch aufputschen, vielleicht richtig aggressiv machen.

Vielleicht setzen Sie Musik ganz gezielt für Ihre Seele ein: Kopfhörer auf, und alles drum herum ist vergessen. Oder mit der Klampfe die Flucht in alte Lieder und alte Zeiten.

Oder Sie haben die Musik für Ihre Seele noch gar nicht entdeckt. Sie hören höchstens zufällig mal was. Und wie ist es mit Singen? „Ich kann aber nicht singen!“, das höre ich mehrmals täglich. Ein genauso häufiger wie falscher Satz. Außer, Sie wollen Superstar werden. Dann und nur dann sind Sie wahrscheinlich zu „schlecht“. Für alle anderen Fälle aber gut genug.

Die Musik und die Seele. – Erahnen Sie neben dieser „seelischen“ Seite auch eine „geistliche“, eine „spirituelle“ Seite? Dann wissen Sie wahrscheinlich auch um die Kraft des geistlichen Liedes – ein Lieder, dessen Melodie und dessen Worte einen selbst dann noch tragen und innen drin erreichen, wenn einen sonst gar nichts mehr erreicht und trägt, auch keine gut gemeinten „Sprüche“ und schon gar keine „Predigten“ wie diese hier.

Vielleicht mag ja persönlicher Glaube ohne Musik trotzdem irgendwie gehen. Gemeinschaftlicher Glaube wohl kaum. Aber die Gehörlosen? Na, die gebärden gemeinsam ihre Lieder!

Patient der heutigen Musiktherapie ist Saul, König in Israels. – Was ist bloß mit ihm los?

Der Geist des Herrn war von Saul gewichen. Jetzt quälte ihn ein böser Geist, der vom Herrn kam. Da sagten die Diener Sauls zu ihm: „Du siehst, ein böser Geist Gottes quält dich!“

Wir würden das heute anders sagen: König Saul ist phasenweise schwermütig, depressiv, verbittert. Und, wie wir später noch erfahren: aggressiv, jähzornig, hat Impulsdurch­brüche. Im Mittelalter hätte man vielleicht gesagt: Der ist vom Teufel besessen!

Aber genau das sagen die Bediensteten des Königs nicht! Sondern: Es ist ein Geist GOTTES, der den König heimsucht, allerdings eben: ein BÖSER Geist Gottes!

Heißt das: Gott MACHT das Böse? So weit würde ich nicht gehen. Und so weit geht das Personal des Königs auch nicht. Dann müsste man ja sagen: „Wenn es Gottes Wille ist, na, dann hat er eben Pech, der König!“ Aber nein, nicht „Pech gehabt!“, sondern: Die Bediensteten werden ihm gleich einen Therapie-Vorschlag unterbreiten.

Das finde ich aufregend: Diese Leute teilen die Wirklichkeit nicht in eine gute und eine böse Welt auf, und Gott ist für die gute da und der Teufel für die böse. Sondern: Es ist EINE Wirklichkeit – mit Gutem und Bösem. Und Gott umfasst die GANZE Wirklichkeit. Auch die schwermütige Welt des Königs Saul ist nicht ohne Gott.

Und welche Therapie schlägt das Personal nun vor?

Darum möge unser Herr seinen Knechten (…) befehlen, einen Mann zu suchen, der die Zither zu spielen versteht. Sobald dich der böse Geist Gottes überfällt, soll er auf der Zither spielen. Dann wird es dir wieder gut gehen.“

Da haben wir’s: Saitenspiel hilft gegen Schwermut!

Musiktherapeuten werden jetzt allerdings protestieren und sagen: „Moment mal! Musiktherapie ist nicht, einfach nur Musik zu hören, sondern auch: Selbst Klänge, selbst Töne zu machen! Sich damit ausdrücken, selbst mit diesem Medium Musik arbeiten!“

Stimmt. Aber allein schon Musik-Hören kann einem helfen, wenn man von allen guten Geistern verlassen ist. Musik-Hören kann einem helfen, eines anderen Geistes Kind zu werden. Zumal der Vorschlag ja NICHT lautet: „Wir stellen dem König einen CD-Spieler auf!“ Die Musik ist hier nicht zu trennen von persönlicher Zuwendung. Das ist wichtiger als technische Präzision. Vielleicht ist das auch der Grund, warum so viele mit mir gnädig sind, wenn ich den falschen Ton treffe – mit der Trompete …

Saul akzeptiert den vorgeschlagenen Therapieplan. Einer hat sofort einen Vorschlag für die Stellenbesetzung: Der junge Hirte David aus Bethlehem, der kann Zither spielen! Außerdem:

(…) er ist tapfer und ein guter Krieger, wortgewandt, von schöner Gestalt, und der Herr ist mit ihm.“

Tapfer muss man schon sein, um seine Musik andere hören zu lassen. Die anderen Dinge – guter Krieger, wortgewandt, schön – sind hier nicht so wichtig. Aber wie steht es mit „der Herr ist mit ihm“? Klingt ein Lied anders, wenn der, der es singt, mit Gott verbunden ist? Klingt es anders, wenn der gottverbundene Sänger kein „frommes“ Lied aussucht? Antwort: Nein! Aber: Es macht einen Unterschied im Kopf des Königs! Gerade dann, wenn der sich so gottverlassen fühlt. Wenn dann einer bei ihm sitzt, mit dem Gott ist, dann ist doch Gott auch bei ihm, Saul, oder? Immer noch bei ihm?!

Ich habe mich manchmal gewundert: Da hatte ich mit jemandem mehrere Gespräche, in denen wir rein gar nichts „Christliches“ redeten. Und dann sagt mir zum Abschluss dieser Jemand, unsere Gespräche hätten ihm Gott näher gebracht. Wie kann das? Ich meine: Es ist wie bei David: Schon das Wissen „Der ist im Auftrag des Herrn unterwegs!“ kann so etwas bewirken. Das ist schon atemberaubend: Wenn Sie sich zu den Glaubenden zählen, und wenn andere darum wissen, dann könnten Sie hier und da Gott „verkörpern“ – auch ohne Glaubens-Vokabular. Und umgekehrt: Wenn Sie dringend die Nähe Gottes brauchen, dann sind Sie bei bestimmten unzulänglichen Menschen eventuell besser aufgehoben als bei dicken Büchern.

Sooft nun ein Geist Gottes Saul überfiel, nahm David die Zither und spielte darauf. Dann fühlte sich Saul erleichtert, es ging ihm wieder gut und der böse Geist wich von ihm. (aus 1. Sam. 16)

Beides ist nicht ohne Gott: die Schwermut des Saul ebenso wie das Zitherspiel des David, das den bösen Geist weichen lässt.

Also alles gut? Therapie erfolgreich? Zwei Kapitel weiter schleudert Saul im Jähzorn seinen Spieß nach David. David passiert zwar nichts. Aber mit der Musik für Saul ist Schluss, es entspinnt sich eine lange Auseinandersetzung zwischen den beiden. Saul ist voller Neid: Gott ist mit David! Und populär ist David auch! Und wo bleibt nun er, Saul?

Gegen den Neid hilft scheint’s nicht mal die Zither. Der Neid treibt Saul gegen David und dann in den eigenen Untergang. Aber wenigstens bis dahin gab es gute Stunden – bei Liedern mit Zitherklang. Und mit Gott.

Gebet:

Gott, manchmal bin auch ich von allen guten Geistern verlassen. Danke für jeden „guten Ton“, den Du mir dann schenkst, der lindert und der hilft! Amen.

| Ein Kommentar

Dünne Haut und dickes Fell. Andacht zum 24.4.2015

Sind Sie „dünnhäutig“? Die Hauptfigur unserer Bibel-Geschichte ist dünnhäutig geworden. Seine Krankheit hat ihn dazu gemacht. Oder war es umgekehrt? Hat seine Dünnhäutigkeit ihn krank gemacht? Oder IST die Dünnhäutigkeit seine Krankheit? „Aussatz“, sagen die Leute. Aussätzige sind „unberührbar“.

Die Haut ist die Kontaktfläche und Grenze von „Innen“ und „Außen“. Sie schützt mein Inneres. Aber sie nimmt auch von außen etwas auf. Luft und Wärme, Sonnenstrahlen, Berührung, Zärtlichkeit.

Die Haut schützt vor Verletzung – und ist doch selbst verletzlich. Schnitte, Stiche, Schläge, Verbrennungen, Kälte. Die Haut bietet Schutz – und sie braucht Schutz: Viele Tiere haben Fell oder Federn, der Mensch ist von Haus aus schutzlos – und benötigt deshalb Kleidung.

Dünnhäutigkeit“ als Krankheit? Ja. Denn Dünnhäutigkeit schafft Leiden. Dünnhäutige Menschen sind sehr verwundbar. Wobei: Man ist ja nicht überall gleich verletzlich. Man hat da so seine wunden Punkte. Gut, wenn Sie Ihre wunden Punkte kennen. Vielleicht auch die Geschichte dazu. Und wenn Sie Ihre wunden Punkte benennen können.

An solchen wunden Punkten tut es höllisch weh, wo andere kaum etwas merken würden. Da hat jemand ein kleines Kieselsteinchen geworfen, aber was gefühlt ankommt, ist ein Pflasterstein. Kameradschaftliches Schulterklopfen kommt an wie brutale Schläge. Der eine ist tief verletzt, und der andere, der das getan hat, hat noch nicht mal etwas gemerkt. An wunden Punkten darf einem keiner rühren. Man wird „unberührbar“.

Ja, wunde Punkte haben eine Geschichte. Kaum jemand kommt damit schon auf die Welt. Manch einer versucht, sich gerade an den empfindlichen Stellen ein dickes Fell zuzulegen. Dickes Fell, das bedeutet: Es berührt mich kaum noch etwas, und vor allem kann mich niemand verletzen, keiner kann mir was. Harte Schale. Manchmal aber trotzdem: Zerbrechliche Schale. Und darunter der blutende Kern.

Die mit der dünnen Haut sind unberührbar, weil es so weh tut. Und die mit dem dicken Fell sind unberührbar, weil sie nichts und niemand mehr erreicht. Den einen geht alles so sehr unter die Haut, den anderen gar nichts mehr.

Und wie ist das bei Ihnen? Wo sind SIE dünnhäutig? Wo haben Sie Ihre wunden Punkte? Und: Wo haben SIE sich ein dickes Fell zugelegt, eine harte Schale, einen Schutzpanzer?

Ein Aussätziger kam zu Jesus, kniete vor ihm nieder und bat ihn, ihn zu heilen.

Die Geschichte beginnt mit einem Tabu-Bruch: Der Aussätzige kommt zu Jesus. Dabei hat er sich fern zu halten: Abstand schafft Schutz. Nicht nur für die Dünnhäutigen mit ihren wunden Punkten. Auch für die anderen: Ansteckungsgefahr! Die anderen wollen ja schließlich ihre heile Haut retten! Also: Unser Aussätziger riskiert viel, wenn er Jesu Nähe sucht. Nähe ist gefährlich. Aber die Sehnsucht nach Heilung ist größer. Und sein Vertrauen:

»Wenn du willst, kannst du mich gesund machen«, sagte er.

Und Jesus? Fast jeder andere wäre auf Abstand gegangen, hätte sich in Sicherheit gebracht. Jesus ist da anders:

Jesus hatte Mitleid mit ihm …

Jesus lässt sich den anderen nahe gehen. Mit-Leid bedeutet ja: Jesus ist selbst dünnhäutig für diesen fremden Menschen, er lässt sich das unter die eigene Haut gehen. Und jetzt:

und (Jesus) berührte ihn. »Ich will es tun«, sagte er. »Sei gesund!« Im selben Augenblick verschwand der Aussatz und der Mann war geheilt.

Die BERÜHRUNG macht es. Gegen alle frommen Regeln. Gegen die Angst des Aussätzigen, dass es weh tun könnte. Gegen die Gefahr der Ansteckung. Die Hygienebeauftragten aller Kliniken würden beantragen, diese Geschichte aus dem Evangelium zu streichen.

Eine Berührung, die heilt: Die schlimmen Krankheitszeichen und Spuren der letzten Jahre verschwinden, die „dünne Haut“ wird – nein, kein dickes Fell. Sondern: Sie wird heil! Wie neu geboren.

So viel zu Körper und Seele. Nun noch die „soziale Heilung“:

Daraufhin schickte Jesus ihn sofort weg und befahl ihm: »Geh zum Priester und lass dich von ihm untersuchen. Sprich unterwegs mit niemandem. Nimm das Opfer mit, das Mose für die Heilung von Aussatz vorgeschrieben hat. Das soll für alle ein Beweis deiner Heilung sein.«

Jesus schickt den Geheilten weg – aber nun nicht mehr in die Einsamkeit, sondern unter die Leute. Genauer: Zu den Priestern, die damals so etwas wie das Gesundheitsamt sind. Keine Frage: Die heilende Berührung Jesu war ein Tabu-Buch. Aber für die Rückkehr in die Gesellschaft soll sich der Geheilte den Spielregeln unterwerfen: Auf dem Weg zu den Priestern Abstand halten; die priesterliche Untersuchung; das fällige Opfer.

Es kommt dann allerdings anders, der Geheilte ist einfach zu aufgewühlt, zu begeistert:

Doch als der Mann wegging, fing er sofort an, überall zu erzählen, was ihm widerfahren war …

Die „soziale Heilung“ scheint auch ohne priesterliches Gütesiegel ganz gut gelungen zu sein für unseren ehemals Aussätzigen. Aber das hat Konsequenzen für Jesus:

so dass Jesus sich bald in keiner Stadt mehr öffentlich zeigen konnte und sich nur noch an abgeschiedenen Orten aufhielt. Aber auch dort strömten die Menschen von überall her zu ihm. (Markus 1, 40 ff.; Neue Genfer Übersetzung)

Die Nähe der vielen Menschen wird Jesus zu viel. Dünnhäutig ist er. Nun zieht ER sich zurück wie ein Aussätziger, hält sich „nur noch an abgeschiedenen Orten“ auf. Mit etwas Übertreibung könnte man sagen: Jesus trägt nun den Aussatz, von dem er den anderen durch seine Berührung befreit hat.

Und Sie? Sie mit Ihren wunden Punkten, Sie mit Ihrem dicken Fell? Sie können diese Geschichte als Ermutigung nehmen, es nochmal zu versuchen: Nähe wagen! Nicht blindlinks drauflos, nicht irgendjemand und schnurzegal, wer, wann, wo. Nein, gucken Sie schon hin, mit wem Sie es zu tun haben! Und trotzdem: Ohne Risiko und Wagnis geht es nicht. Es könnte wieder weh tun. Bitte bringen Sie auch etwas Nachsicht für den mit, dessen Nähe Sie suchen! Der macht vielleicht nicht alles richtig. Wie auch? Der kennt ja Ihre wunden Punkte nicht so genau.

Und: Diese Geschichte empfiehlt Ihnen JESUS als gute Adresse. Der nimmt nämlich nicht Reißaus. Der will Sie anrühren. Und: Was durch ihn geschieht, das passiert nicht, weil er so professionell ist. Sondern weil er sich anrühren lässt. Weil es es sich unter die Haut gehen lässt. Und weil Ihre Heilung sein Wunsch und Wille ist: „Ich will es tun!“ Man kann das Liebe nennen.

Gebet:

Christus, Du siehst mich so, wie ich bin. Du kennst meine Dünnhäutigkeit, meine Verletzlichkeit, meine Narben und wunden Punkte. Du kennst die harte Schale und das dicke Fell. Du siehst aber auch tiefer, Du weißt, was darunter liegt, weh tut, blutet. Christus, so, wie ich bin, siehst Du mich. So liebst Du mich. So rührst Du mich an. Danke!

| Hinterlasse einen Kommentar

Alles geregelt? Andacht zum 17.4.2015

Regeln sind gut. Stellen Sie sich mal den Straßenverkehr ohne Regeln vor! Und: Gut, wenn einem manche Regel in Fleisch und Blut übergegangen ist. Sonst müssten Sie bei jeder Ampel neu überlegen: „Wie war das doch gleich mit Rot und Grün? Und soll das so bleiben?“

Regeln organisieren das Zusammenleben. Viele sind einem so in Fleisch und Blut übergegangen, dass sie gar nicht mehr bewusst sind. Oder es erst wieder werden, wenn jemand sie verletzt. Gehen Sie mal im Bademantel zur Hochzeitsfeier, beginnen Sie um 13.00 Uhr Ihre Frühschicht, reden Sie Ihren Partner / Ihre Partnerin mit dem falschen Vornamen an, legen Sie die Füße auf den Schreibtisch Ihres Chefs, machen Sie in der Küche ein Tänzchen auf dem Tisch, platzieren Sie sich mit Badelaken und Liegestuhl in der Einkaufsmeile. Verletzen Sie grob die Regeln der Rächt­schraipunk. Sie werden merken: Hupps, da war eine Regel, und die ging anders!

Einen Teil der Zehn Gebote haben die Meisten ebenfalls verinnerlicht. Jedenfalls, was das Lügen, Stehlen, Töten, Ehebrechen betrifft. Es wird zwar viel gelogen, gestohlen, fremd gegangen und so­gar getötet. Aber wer das tut, muss sich erstmal selbst belügen: Warum das jetzt gar nicht unter das Gebot fällt, warum ich da eine Ausnahme machen muss, warum ich es absolut nicht anders kann, warum das nicht mehr als recht und billig ist.

Nicht alle der Zehn Gebote sind allgemein verinnerlicht: Man darf an alle möglichen Götter glauben. Man darf seine Götter auf praktische Bilder reduzieren, man muss kaum mehr einen Feiertag achten, man darf seine Scherze über Gott in Wort und Bild machen oder im Namen Gottes Unfug erzählen. Und Neid ist geradezu eine Tugend in der Weltordnung der freien Märkte, weil er das Wachstum fördert.

Es gibt Regeln, mit denen kann man auch dann etwas anfangen, wenn man auf einer einsamen Insel lebt. Die haben nichts mit dem Zusammenleben zu tun. Zum Beispiel: Zeiten zum Aufstehen und Schlafengehen, Waschen, Zähneputzen, feste Mahlzeiten, alle halbe Jahr Fenster putzen, ein gutes Buch lesen, Post öffnen, Post schreiben, Abendgebet, Morgengebet.

Manche Regeln sind schlecht. Mir sind dazu besonders Regeln eingefallen, die oft schon aus der Kindheit stammen, und die etwas mit „Schweigen“ zu tun haben: „Darüber spricht man nicht!“; „Sei gefälligst still, wenn sich Erwachsene unterhalten!“; „Widersprich nicht!“. Oder dass es nicht erlaubt ist, dass Sie Ihre Wünsche sagen oder einfach „nein“. Oder dieses fürchterliche „Darüber darfst du niemals mit jemandem sprechen! Sonst …!“ Schlechte Regeln.

Ich behaupte: „Sage mir, wie Du es mit den Regeln hältst, und ich sage Dir, wie fit Du seelisch bist!“ Gilt nicht immer, aber oft, diese Regel. NICHT gut um die Fitness ist es bestellt, …

  • wenn Sie gar keine Regeln haben oder keine beachten;

  • wenn Sie Ihre Regeln pedantisch, akribisch, ohne jede Ausnahme leben;

  • wenn Sie Regeln haben, die Ihnen erkennbar extreme Mühen abverlangen („Jeden Tag wischen!“) oder Sie immer wieder in Krisen stürzen („Bei Stress erstmal einen trinken!“);

  • wenn Ihre Regeln gar nicht zu denen Ihrer Mitmenschen passen („Wenn mir etwas gefällt, nehme ich es mir einfach!“)

So, und nun zu Jesus und den Regeln:

An einem Sabbat ging Jesus durch die Felder. Seine Jünger fingen an, am Weg entlang Ähren abzureißen und die Körner zu essen.

Wenn sie jetzt meinen: „Aha! Es geht um die Regel: Man soll den Bauern nicht beklauen!“ – Weit gefehlt! An den paar Körnern nimmt niemand Anstoß damals – nicht Jesus, nicht der Bauer, nicht die, die es sehen. Es ist etwas anderes:

Da sagten die Pharisäer zu ihm: »Hast du gesehen, was sie da tun? Das ist doch am Sabbat nicht erlaubt!«

Aha! Der Sabbat ist der Ruhetag, der heilige Tag! Bloß keine Arbeit! Es ist gegen Gottes Willen, die Ähren abzureißen und sie zwischen den Händen zu zerreiben!

Bei Bibellesern haben die Pharisäer oft einen schlechten Ruf. Weil sie oft mit Jesus stritten. Dabei können Sie es wahrscheinlich bestätigen: Man streitet sich GERADE mit denjenigen, die einem nahe stehen oder denen man ziemlich ähnlich ist. So auch hier: Jesus ist öfters bei Pharisäern zu Gast, und einem sagt er: „Du bist nicht fern vom Reich Gottes!“ Jesus wie den Pharisäern ist das kommende Reich Gottes total wichtig. Und eben auch: Den Willen Gottes tun!

Aber: Was ist der Wille Gottes? Allen gläubigen Juden fiel und fällt dazu schnell ein: die 613 Weisungen in der „Tora“, den Fünf Büchern Mose. Auch Jesus und die Pharisäer, sie leben darin. Aber: sie legen sie anders aus …

Jesus entgegnete: »Habt ihr nie gelesen, was David tat, als er und seine Begleiter nichts zu essen hatten und Hunger litten? Wie er damals (…) ins Haus Gottes ging und von den geweihten Broten aß, von denen doch nur die Priester essen dürfen, und wie er auch seinen Begleitern davon gab?«

Jesus kennt sich in der Bibel aus. Er hat sofort ein Beispiel parat, wo von einer frommen, heiligen Regel eine Ausnahme gemacht wird. Die Pharisäer kennen sich auch aus. Vielleicht antworten sie: „Ja, aber David und seine Leute waren in einer Notlage!“ Und Jesus sagt darauf vielleicht: „Schon! Aber immerhin ist bewiesen: Es gibt Ausnahmen von der Regel!“ – Ein „Lehrgespräch“ über die richtige Bibelauslegung. Dieser Teil wird uns allerdings nicht berichtet.

Aber Jesus hat außer der Bibel noch ein anderes Ass im Ärmel: Die Vernunft!

»Der Sabbat ist für den Menschen gemacht, nicht der Mensch für den Sabbat.«

Also: Wer dient wem? Wer die Vernunft zu Rate zieht, wird sagen: Regeln dürfen niemals Selbstzweck sein! Sie DIENEN – den Menschen. Den Tieren. Der Schöpfung. Regeln dienen übrigens NICHT Gott. Gott „hat nichts davon“, wenn ich das Geschenk eines Sabbats annehme. Aber ich. Und wenn ich es ablehne, mache ich MICH kaputt, nicht Gott.

Jedenfalls: Wenn die Menschen den Regeln dienen, aber nicht die Regeln den Menschen, dann wird es Zeit, eine Ausnahme zu machen. Oder die Regel selbst in Frage zu stellen. Auch wenn andere sie mir als unumstößlich verkaufen und das auch selbst so glauben.

Für Jesus jedenfalls stehen die Regel und ihre spezielle Auslegung nicht einfach in Stein gemeißelt da. Er DISKUTIERT sie. – Was sagt die Bibel? Was sagt die Vernunft? Und ein Drittes:

»Darum ist der Menschensohn Herr auch über den Sabbat.«

Der Menschensohn“, das ist Jesus selbst. ER ist der Herr. Und nicht diese oder jene Regel. Die Regel muss nicht immer das letzte Wort haben. Im Lichte Jesu sieht es vielleicht noch mal anders aus: Was ist jetzt WIRKLICH gut? Was brauche ich wirklich? Was brauchen andere?

Und Sie? Schauen Sie hin: „Wie lauten denn MEINE ‚Lebensregeln’? Nach welchen Grundsätzen gehe ich mit mir selbst und mit anderen um?“ Besonders auch: „Was verbiete ich mir? Was ist für mich tabu?“ Vielleicht entdecken Sie umgekehrt: „In meinem Leben ist zu viel ‚ungeregelt’. Da ist zu viel Chaos. Ich brauche mehr Ordnung, mehr Struktur, bessere Regeln!“

Nehmen Sie dazu diese drei Prüfsteine aus dieser Jesus-Geschichte mit:

  1. Bibel: Finde ich da etwas, was mir Orientierung gibt und auch Korrektur?

  2. Vernunft: Wie vernünftig ist die Regel, von der ich mich da bestimmen lasse?

  3. Christus: Was bedeutet es, wenn ich das im Lichte Christi sehe? Was bedeutet es, wenn er noch über meinen Regeln steht? Was könnte, was sollte da anders werden?

Gebet:

Christus, Du siehst mein Chaos. Du siehst meine Pedanterie. Manches bekomme ich allein nicht geregelt. Bitte hilf mir! Amen.

| Hinterlasse einen Kommentar

Wer schleppt wen? Andacht zum 10.4.2015

Gott Bel geht in die Knie, Gott Nebo sinkt um.

Bel und Nebo? Nie gehört! Die Welt hat die beiden längst vergessen. Die kennt kein Mensch mehr außer ein paar Altertums-Spezialisten.

Dabei waren das mal anerkannte und geehrte Götter im Weltreich der Babylonier. Ich hab’s bei Wikipedia nachgeschlagen: Nebo, auch Nabu, „war der Gott der Schreibkunst und der Weisheit. (…) Als Gott der Macht gab er das Zepter an die Könige. (…). Nabus Attribut war der Schreibgriffel.“

Mit Bel – oder Baal – ist das etwas komplizierter. Das bedeutet so viel wie Herr, Meister, Oberster. Und je nach dem, in welche Ecke im Alten Orient wir gucken, kann „Bel“ ein anderer Gott sein. So viel immerhin lässt sich sagen – wieder mit Wikipedia: „Er ist meist ein Berg-, Wetter- und Fruchtbarkeitsgott.“

Gott Bel geht in die Knie, Gott Nebo sinkt um.

Wenn Sie wie ich diese Götter kaum bis gar nicht kennen, geschweige denn etwas mit ihnen im Sinn haben, wird es Sie nicht sonderlich erschüttern, wenn beide in die Knie gehen und umsinken. Anders sieht die Sache aus, wenn Sie an Dinge, Themen, Interessen denken, die Ihnen früher mal sehr wichtig gewesen sind. Oder auch bestimmte Menschen. Und wenn Sie dann im Rückblick sehen: Die Spur ihrer Bedeutung in Ihrem Leben hat sich im Nichts verloren. Oder jedenfalls fast im Nichts.

Vielleicht macht Sie das traurig, wehmütig. Vielleicht sagen Sie aber auch: „Na, ein Glück!“ Vielleicht hat es ja sogar eine Art Befreiungsschlag gegeben, mit dem Sie Bel und Nebo vom göttlichen Thron gestoßen haben: „Meine Gartenzwergsammlung habe ich verschenkt, mein alter Arbeitgeber kann mich mal, Lieschen Müller soll mir gestohlen bleiben, Jonny Walker WAR mein bester Freund, …!“ Oder: Es berührt Sie weder so noch so, wenn Sie an Ihren alten Bel oder Ihren alten Nebo denken. Längst passé. Ist Ihnen egal.

Wir befinden uns im 6. Jahrhundert vor Christus in Babylonien. Hier gibt es ein paartausend Juden. Sie oder ihre Vorfahren wurden vor ca. 50, 60 Jahren nach verlorenen Kriegen in zwei großen Schüben hierher deportiert. Weit weg von ihrer alten Heimat, dem von Gott verheißenen Land. Und weit weg vom Tempel. Der war jetzt sowieso nur noch ein Trümmerhaufen.

War Gott mit der Tempelzerstörung und der Deportation auch in die Knie gegangen, umgesunken? Für manch einen: Ja! Speziell wenn man vorher unerschütterlich an den Sieg geglaubt hatte. Daran, dass Gott unter allen Umständen hilft, die Stadt und den Tempel rettet.

Aber es hatte ja schon vor der Zerstörung Propheten gegeben, die das angekündigt, angedroht hatten: „Gott selbst wird sich gegen diese Stadt und diesen Tempel wenden! Da steht er nicht mehr hinter – bei dem, was ihr daraus gemacht habt!“ Daran erinnerten sich jetzt viele.

Fest steht: Diese kleine Gruppe der Juden in Babylonien war gerade in Sachen „Glauben“ enorm produktiv und belebend: Viele ganz wichtige Schriften unseres Alten Testaments wurden dort geschrieben oder überarbeitet. Propheten wie Hesekiel haben dort gewirkt.

Und eben: der „zweite Jesaja“ mit unserem Text von Bel und Nebo. Seine Botschaft: Gott wird dem Babylonier-Reich ein Ende machen. Die Perser werden die Macht übernehmen. Und dann, dann dürfen die Juden nach Hause! Zurück ins Gelobte Land!

Jesaja sieht vor seinem inneren Auge schon, wie mit dem Kommen der Perser die babylonischen Götter-Statuen weg müssen und mühevoll abtransportiert werden:

Gott Bel geht in die Knie, Gott Nebo sinkt um. Ihre Bilder werden weggeschleppt auf dem Rücken des Lastviehs. Ihr Leute von Babylon, eure Götter sind aufgeladen, das Vieh schleppt sich müde daran! Die Götter sind umgesunken, sind in die Knie gegangen; sie können die eigene Last nicht retten, müssen selber in die Gefangen­schaft!

Jesaja sagt das im Blick auf die „Leute von Babylon“. Schlechte Prophezeiungen für die, die auf diese Götter ihr Leben bauen. Man sieht förmlich das Last- und Zugvieh unter dem Gewicht dieser abgewirtschafteten Götter ächzen.

Ganz wörtlich genommen, hat sich der Prophet da etwas vertan: Als die Perser tatsächlich die Macht hatten, erwiesen sie sich (anders als heute) als religiös sehr tolerant. Die Götterstatuen durften stehen bleiben, der Niedergang von Nebo und Bel zog sich länger hin.

Egal. Das Bild der Ochsen, die unter der Last ihrer Götter mit hängender Zunge dahin schleichen, vielleicht darunter zusammenbrechen, das soll Ihnen trotzdem vor Augen stehen. Denn nun wendet sich der Prophet weg von den Babyloniern, hin zu den Israeliten in der Verbannung. Und er entwirft im Namen Gottes ein Gegen-Bild zu Bel und Nebo:

»Hört, Volk Israel, der ganze Rest, der von den Nachkommen Jakobs übrig geblieben ist«, sagt der Herr. »Ich habe euch getragen, seit es euch gibt. Ihr seid mir aufgeladen, seit ihr aus dem Mutterleib kamt. Und ich bleibe derselbe in alle Zukunft! Bis ihr alt und grau werdet, bin ich es, der euch schleppt. Ich habe es bisher getan und ich werde es auch künftig tun. Ich bin es, der euch trägt und schleppt und rettet!” (Jesaja 46, 1-4)

Bel und Nebo – oder der Gott Israels? Zugespitzt lautet Jesajas Antwort: Bel und Nebo sind eine Last, ich Ochse müsste sie schleppen. Aber der Gott Israels, der schleppt meine Last! Der trägt mich durch! – „Ich (Gott) bin es, der euch trägt und schleppt und rettet!“

Wer schleppt wen? – Zwei Bilder. Das erste Bild: Die Ochsen schleppen die Götterstatuen. Das zweite: Gott schleppt mich. Ich finde: Diese Bilder geben eine gute Faustregel ab zu der Frage: Was habe ich von all dem zu halten, was mir am Herzen liegt, was ich verehre, wem ich mich unterwerfe, was meine „Nummer eins“ ist? Gehört das eher zu Gott oder eher zu den Götzen? Die Faustregel: Woran ich mich kaputt schleppe, das gehört zu den Götzen. Aber Gott, der will mich tragen. Dem darf ICH eine Last sein!

Nein, die Gartenzwergsammlung ist nicht automatisch eine Last, es gibt viele prima Arbeitgeber, Lieschen Müller zu kennen, kann ein großes Glück sein. Über Jonny Walker kann ich mich nicht äußern, aber das Glas Rotwein ist für mich gelegentlich etwas Feines.

Wer trägt wen? An welchem Punkt kippt es? Wo wird aus der Lust eine Last, wo aus meinem Engagement bloß eine dienende Unterwürfigkeit? Wo aus der Freude Abhängigkeit?

Ich meine: „Uns“, also fast allen, bleiben manche Lasten nicht erspart, wenn wir unsere Verantwortung für uns selbst, für andere, für „die Welt“ ernst nehmen. Aber das heißt nicht, dass JEDE Last nötig ist. Und schon gar nicht, dass sie Unterwürfigkeit und Verehrung verdient.

„Hört, Volk Israel!“ Nehmen Sie das als Einladung, sich in dieses Volk einzureihen. Und sich vom Gott Israels tragen zu lassen! Sie dürfen ihm eine Last sein, Sie müssen ihm nicht angenehm und federleicht sein. Das können Sie auch gar nicht. Tragen will er Sie trotzdem.

Und: Achtung, wenn Sie Ihren Glauben und Ihren Gott vor allem als Last empfinden! Wahrscheinlich ist dann was faul. Da sollten Sie mal mit jemandem drüber reden oder etwas ändern oder einen bisher unerkannten Götzen rausschmeißen. Denn: Sich nur noch abschleppen an dem, was Sie verehren und anbeten, das überlassen Sie lieber den Ochsen!

Gebet:

Gott, Du willst mich tragen. Aber es ist nicht meine Last, die Dich hindert. Vielleicht mein Stolz. Oder wie ich mich belüge. Oder meine Vorstellung, nichts und niemanden zu brauchen. Oder, oder. Gott, ich will Dir nicht länger im Wege stehen! Danke für Deine Mühe und Deine Geduld mit mir! Amen.

| Ein Kommentar