Klaus Honermann: Der Rollator, die Scham und ich. Andacht zum 11.10.2019

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Wissen Sie, wer den Rollator erfunden hat? Den Rollator in seiner modernen Form erfand 1978 die Schwedin Aina Wifalk, die aufgrund einer Kinderlähmung selbst gehbehindert war. Dieser Frau würde ich sofort den größten Verdienstorden der Bundesrepublik verleihen. Kaum eine andere Erfindung hat das Leben alter Menschen so erleichtert und sicher gemacht.

Als meine Mutter zweimal gestürzt war und sich den Oberschenkel und die Wirbelsäule gebrochen hatte, habe ich ihr das Versprechen abgenommen, keinen Schritt mehr ohne Rollator zu gehen.

Ich nenne das Wägelchen auch gerne „Rolls-Royce“, so wie den edlen englischen Wagen. Und eine Frau nannte mir gegenüber mal ihren roten Rollator voller Humor: „Mein roter Ferrari“.

Das Wägelchen gibt Halt beim Gehen, den so keine Gehhilfen geben können. Zwischendurch kann man / frau sich hinsetzen, wenn die Beine oder die Puste nicht mehr so wollen. Außerdem lassen sich Einkäufe leicht mitnehmen … Was will man noch mehr?

Und trotz all dieser Vorteile nehmen nicht wenige Menschen diese Hilfe nicht in Anspruch.

Warum eigentlich nicht? Objektiv gibt es keinen Grund, der dagegen spricht, außer es sind Treppen da, die man nicht bewältigen kann.

Manche alten Leute – und ich sage jetzt bewusst nicht das etwas verschönernde Wort „ältere“ Menschen – manche nehmen den Rollator zwar in der eigenen Wohnung, aber nicht mit nach draußen.

Sie schämen sich. Ja, man glaubt es kaum: Sie schämen sich! Als ob ein Rollator etwas wäre, das man sich hat zuschulden kommen lassen; eine Peinlichkeit, an die man nicht gerne erinnert werden will. Dabei ist es einfach ein medizinisches Hilfsmittel.

Niemand schämt sich, wenn er einen Finger gebrochen hat. Aber wenn der Rücken oder die Knie oder der Kreislauf nicht mehr so mitmachen, dann meinen einige Menschen, sie müssten sich deswegen schämen.

Sie erinnern sich sicher noch an Papst Johannes Paul II. Der ehemals so sportliche Papst litt am Ende unter der Parkinson-Erkrankung. Und dennoch zeigte er sich am Fenster und sprach zu den Menschen und spendete ihnen den Segen.

Es war ein Segen für die ganze Menschheit, dass er die Würde des Alters und der Krankheit an seinem eigenen Leib sichtbar machte und sich nicht versteckte. Und das, obwohl er am Ende sehr schwer zu verstehen war.

Diese Scham-Losigkeit im guten Sinne zeigte ihn als Kind Gottes, dem es nicht darauf ankam, was die Leute wohl von ihm denken. Sicher hat auch das einen Teil seines Charismas ausgemacht.

Wir müssen uns unserer Gebrechlichkeit, des Körpers und auch der Seele, nicht schämen. Jesus hat einmal gesagt: „Kommt zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch Ruhe verschaffen!“ (Matthäus 11, 28). Jesus hat Verständnis für Menschen, die aus der Puste sind. Im Evangelium sagt er den Aposteln: „Kommt, ruht ein wenig aus“ (Markus 6,31).

Wir können uns bei Jesus Christus ausruhen; zu ihm kommen, die Hand für die Kommunion aufhalten, in der er sich uns schenkt, und ihm unser Herz öffnen.

Aber da geht das Problem ja weiter. Selbst im Gottesdienst schämen sich manche, mit Rollator vorne wahrgenommen zu werden.

Ich sage das nicht verurteilend, sondern mit ganz viel Mitgefühl. Warum so viel Scham? Haben wir das nötig? Ist die Angst so groß, was „die Leute“ von uns sagen und denken?

Aber vielleicht denken die Leute ja gar nicht schlecht von uns, sondern haben auch einfach nur ein gutes Mitgefühl, dass wir nicht mehr so flott auf den Beinen sind.

Oder sollte noch mehr dahinter stecken, dass wir uns nicht gerne mit dem Rollator zeigen; etwas, das tief in uns steckt?

Wenn wir auf einen Rollator angewiesen sind, zeigt uns das unsere Gebrechlichkeit; dass wir nicht nur älter werden, sondern auch hilfloser. Im letzten erinnert uns das – bewusst oder unbewusst – an unsere Sterblichkeit. Dass wir unausweichlich dem Tod entgegen gehen – mit jedem Schritt, mit jedem Atemzug.

Erlauben Sie mir eine humorvolle Anekdote. Der Sänger Johannes Heesters stand noch mit über 100 Jahren auf der Bühne. Eines Tages läutet der Tod bei ihm an. Er öffnet die Tür, dreht sich um und ruft seiner sehr viel jüngeren Frau zu: „Simone, da ist jemand für dich.“

Nein. Jopi Heesters wollte auch am Schluss noch nicht abtreten von der Bühne des Lebens.

Nur: Wir können diesem Ziel, dem Tor zur Ewigkeit, nicht ausweichen. Wir können es eine ganze Weile verdrängen, aber damit ist es ja nicht weg aus unserem Leben und erst recht nicht gelöst.

Kommt zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid.“ sagt Jesus. Und in der heutigen Lesung heißt es, dass er uns und die Gegensätze im Leben versöhnt (vgl. Eph. 2, 14-18). Er kann uns – wenn wir an ihn glauben und ihm vertrauen – auch versöhnen mit uns selbst, mit unserer eigenen Gebrechlichkeit.

Gewiss bleibt dann immer noch die Angst vor möglichen Schmerzen. Und das ist auch natürlich. Aber die Angst, was die Leute denken, wenn wir mit einem Rollator in der Kirche auftauchen – die ist ganz gewiss unnötig.

Im Übrigen haben wir bei uns in der Kirche bei der Renovierung die erste Bank ganz bewusst ohne Kniebank ausgestattet, damit alle, die sich schwer tun mit ihren Knien, Hüften oder sonstigen Leiden, sich einfach da hinsetzen können – mit oder ohne Rollator. Und wenn wir uns nicht hinknien können, dann brauchen wir das auch nicht. Gott jedenfalls erwartet das nicht. Und darum sollten wir es auch nicht von uns fordern.

Ich würde mich freuen, wenn mehr Menschen den Mut fänden, sich vorne hin zu setzen. Es würde zeigen, dass wir verstanden haben, was Johannes Paul uns vorgelebt hat: dass Alter und Gebrechlichkeit nichts Ehrenrühriges sind, sondern eine Gelegenheit, uns der Liebe Jesu Christi bewusst zu werden und seine Nähe zu suchen.

 

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Mein persönliches Erntedankfest. Andacht zum 4.10.2019

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Heute gibt es einen Plan. Für einen privaten Erntedank-Gottesdienst. Dank für die ersten Früchte. Das geht Sie leider gar nichts an, denn:

  • Dieser Gottesdienst-Plan ist über 2600 Jahre alt – mindestens.

  • Es kann sein, dass Sie weder Landwirtin noch Kleingärtner sind und bei Ihnen so gar keine Früchte wachsen.

  • Die Feier soll im Tempel in Jerusalem stattfinden. Aber den gibt es seit knapp 2000 Jahren nicht mehr.

  • Vielleicht können Sie mit Gottesdiensten generell nichts anfangen, auch nicht mit Gott und Glauben.

Nun aber trotzdem der Ablauf-Plan. Die Nummerierung ist von mir:

  1. Du sollst von den ersten Erträgen aller Feldfrüchte (…) etwas nehmen und in einen Korb legen. Dann sollst du zu der Stätte ziehen, die der Ewige, dein Gott, er­wählen wird, indem er dort seinen Namen wohnen lässt [gemeint: der Tempel].

  2. Du sollst vor den Priester treten (…). Dann soll der Priester den Korb aus deiner Hand entgegennehmen und ihn vor den Altar des Ewigen, deines Gottes, stellen.

  3. Du (…) sollst vor dem Ewigen, deinem Gott, folgendes Bekenntnis ablegen: „Mein Vater war ein heimatloser Aramäer. Er zog nach Ägypten, lebte dort als Fremder mit wenigen Leuten und wurde dort zu einem großen, mächtigen und zahlreichen Volk. Die Ägypter behandelten uns schlecht, machten uns rechtlos und legten uns harte Fronarbeit auf. Wir schrien zum Ewigen, dem Gott unserer Vorfahren, und der Ewige hörte unser Schreien und sah unsere Rechtlosigkeit, unsere Arbeitslast und unsere Bedrängnis. Der Ewige führte uns mit starker Hand und hoch erhobenem Arm, unter großem Schrecken, unter Zeichen und Wundern aus Ägypten, er brachte uns an diese Stätte und gab uns dieses Land, ein Land, wo Milch und Honig fließen. Und siehe, nun bringe ich hier die ersten Erträge von den Früchten des Landes, das du mir gegeben hast, Ewiger.“

  4. Wenn du den Korb vor den Ewigen, deinen Gott, gestellt hast, sollst du dich vor dem Ewigen, deinem Gott, niederwerfen.

  5. Dann sollst du fröhlich sein und dich freuen über alles Gute, das der Ewige, dein Gott, dir und deiner Familie gegeben hat: du, die Leviten und die Fremden in deiner Mitte. (Deuteronomium 26, 2-11)

Wie ist es gekommen, dass Sie das alles nichts angeht? – Da möchte ich Ihnen folgende Deutung vorschlagen: „Wir“ haben seitdem Rückschritte gemacht. Nämlich:

  • Es ist ein Rückschritt, dass „wir“ mehrheitlich mit dem Erzeugen von Lebensmitteln nicht in Berührung kommen. Obst, Backpulver, Fleisch, Milch, Saft, Schokolade gibt es abgepackt im Supermarkt. Keine Berührung mit Tieren, mit Ähren, Bäumen, … Auch nicht mit dem Schlachten übrigens.

  • Es ist ein Rückschritt, wenn ich die Früchte meines Tuns vor allem als Früchte MEINES Tuns verstehe und zu 100 Prozent für mich reklamiere.

  • Stichwort „Tempel“: Es ist ein Rückschritt, wenn ich keinen besonderen Ort habe, den ich speziell mit Gott in Verbindung bringe. Kein Ort, für den ich „mich verlassen“ müsste, um dorthin zu kommen. Es ist ein weiterer Rückschritt, wenn nicht nur mein geistliches Leben, sondern auch meine sozialen Kontakte und mein Leben als Kunde zu knapp 100 Prozent am Computer und im Smart-Telefon stattfinden.

  • Es ist ein Rückschritt, wenn ich keinen „Priester“ habe. Damit meine ich nicht unbedingt jemand, der bei einer Kirche beschäftigt ist. Sondern eine Person, die mit mir im Glauben verbunden wäre. Wenn es diese Person gäbe, und sie sagt etwas in Sachen Glaube, dann fände ich es lohnend, hinzuhören und das zu bedenken.

  • Es ist ein Rückschritt, wenn ich kein „Bekenntnis“ habe. Unser Bauer in dem Bibeltext „bekennt“, in welcher Gemeinschaft und Tradition er sich sieht und wer Gott für ihn ist. Er teilt dieses Bekenntnis mit anderen. Wer so ein Bekenntnis hat, weiß (so ungefähr), wer sie ist und wo sie hingehört. Wer das nicht hat, „schwimmt“.

  • Es ist ein Rückschritt, nicht dankbar zu sein für das, was ich bin und habe und täglich geschenkt bekomme. Undank macht mürrisch, fixiert mich auf das, was fehlt, degradiert alle guten Gaben zu Selbstverständlichkeiten, auf die ich einen Anspruch habe.

  • Es ist ein Rückschritt, wenn ich mich nicht „niederwerfe“. Also nicht anerkenne, dass es Größeres und Heiligeres gibt als mich selbst. Dann mutiere ich nämlich zum einge­bildeten, größenwahnsinnigen Über-Menschen.

  • Es ist ein Rückschritt, mich nicht ausdrücklich an dem Guten zu freuen, das mir gegeben ist. Ohne dieses „Festliche“ ist das Leben nämlich Arbeit. Und zwar nur noch. Oder Jammern.

  • Es ist ein Rückschritt, „die Leviten“ und „die Fremden“ nicht zu sehen, also diejenigen, die meine Solidarität und Unterstützung brauchen. Ein Rückschritt für diese Mensch, für die (Welt-) Gesellschaft, für mich selbst als „Mensch“.

Mein Idee: Ich schreite ganz bewusst zurück zu den Worten von Deuteronomium 26. „Back to the roots“ sozusagen. Das könnte dann vielleicht so klingen:

  1. Meine „Erstlingsfrüchte“: Ich führe mir vor Augen, was ich heute schon Gutes er­lebt habe, was mich dankbar macht, was mir gelungen ist, was mir Freude macht. Vielleicht notiere ich es in meinem Dank-Büchlein.

  2. Ich suche einen stillen, schönen Ort auf – meinen „Tempel“ – und bringe meinen Dank zu Gott. Oder: Ich berichte einem lieben Mitmenschen von all dem Guten heute. (Mein „Priester“)

  3. Ich „bekennte“: „Mein Leben kommt nicht aus dem Nichts. Es gab unzählige Menschen vor mir. Es gibt Menschen, mit denen ich verbunden bin. Es gab Gottes Bewahrung durch Schlimmes hindurch. Es gibt seinen Segen heute. Gott lässt mich Gutes erfahren! Gott beschenkt mich!“

  4. Ich verneige mich vor Gott. Ich bin nicht der/die Größte. Gott ist die Quelle meines Lebens, Gott ist das Ziel. Ich will neben ihm nichts und niemanden vergöttern. Nicht mich, nicht andere.

  5. Ich will mich freuen. Und ich will heute etwas von dem abgeben, was andere drin­gend brauchen: ein freundliches Wort; von meinem Geld; eine Hilfe­stellung; ein Lächeln; ein Statement für jemanden oder für eine Gruppe, über die gerade hergezogen wird …

So lautet mein Vorschlag für ein wiederkehrendes – vielleicht tägliches? – Erntedankfest. Wie könnte Ihr Vorschlag aussehen? Oder wie leben Sie aktuell Ihre Dankbarkeit?

Vielleicht ja ganz anders. Gut so. Nur: Wenn Sie da so gar nichts haben, das wäre schon ein Rückschritt …

Gott, was bin ich und was habe ich, das ich nicht empfangen habe? Dir sei Dank! Amen!

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Jan Steiger: Liebe üben. Andacht zum 27.9.2019

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Jan Steiger war Patient der LWL-Klinik Gütersloh und ist Organist an der dortigen Kreuz­kirche. Klar, dass ihm als Musiker aus dem Propheten-Wort unten das Wort „Üben“ besonders ins Auge gesprungen ist. Was er nicht wissen konnte: Vom Üben steht im hebräischen Original nichts, nur in der Übersetzung.

Aber mir scheint: Der Gedanke mit dem Üben ist an verschiedenen Stellen im Leben so wichtig, dass Ihnen eine Übersetzung vielleicht auch da zu Gottes Wort werden könnte, wo sie „falsch“ ist. Eine ein-übende Lektüre wünscht Ihnen: Dirk Klute

Es ist Dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von Dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor Deinem Gott. (Micha 6,8)

Von allen Bach-Kantaten ist diese eine meiner liebsten: „ Es ist Dir gesagt, Mensch, was gut ist …“ So steht es beim Propheten Micha, Kapitel 6, Vers 8.

Liebe üben“, wenn ich das lese, dann verstehe ich es nicht als Ausüben, Machen, sondern als Trainieren, Lernen, Ein-Üben. Lieben-Können ist ja nichts Selbstverständliches, was uns einfach so zufliegt. Lieben will geübt sein.

Der deutsch-amerikanische Psychoanalytiker Erich Fromm hat 1956 ein Buch geschrieben, das jahrelang ein Bestseller war. Es heißt: „Die Kunst des Liebens.“

Ein Pianist, ein Geiger übt täglich 6-8 Stunden auf seinem Instrument. Nur so ist er fähig, sich als Künstler zu vervollkommnen. Wenn Erich Fromm recht hat, dass Liebe eine Kunst ist – wie viele Stunden am Tag sollte ich üben, wenn ich die Liebes-Kunst erlernen will? Und wann fange ich damit an?

Vielleicht kann ich so anfangen: Mit einem Lächeln, mit einem freundlichen Gruß. Mit Nachsicht, wenn mein Nebenmensch sich einen Patzer erlaubt. Mit herzlicher Vergebung, wenn ich verletzt worden bin. Mit einem Lob für den schönen Garten des Nachbarn. Oder gleich nach dem Aufwachen mit dem Gedanken: „Wem könnte ich heute eine Freude machen?“

Wenn ich im Gesicht meines Nächsten das Antlitz Christi erkennen kann; wenn ich mir immer wieder klar mache, dass mein Menschenbruder, meine Menschenschwester nach dem Bilde Gottes geschaffen ist, so wie ich auch: Dann wächst in mir die Kraft meiner liebenden Seele.

Die Nächstenliebe ist nicht völlig verschieden von allen übrigen Formen der Liebe:

Von der erotischen Liebe kann ich lernen, mich am Anblick des Anderen zu freuen – auch ein hässliches Gesicht wird schön, wenn ich es mit Liebe sehe. Und wenn es mir gelingt, es zum Lächeln zu bringen. Ich kann lernen, die Gegenwart des Anderen zu genießen.

Von der elterlichen Liebe zum Kind kann ich – hoffentlich – lernen, zuzuhören, zu trösten, zu ermuntern, Persönlichkeitsentwicklung zu stützen und zu fördern, Empathie zu trainieren, mit zu freuen und mit zu leiden.

Von der freundschaftlichen Liebe kann ich lernen, Vertrauen zu haben und das Gemeinsame statt das Trennende zu betonen. Freunden darf ich selbst praktische Hilfen geben und von ihnen annehmen.

Wenn ich heiter, aber mit vollem Ernst Christsein gestalten will, dann muss ich sie üben, die Liebe. Dann gilt, was Jesus sagt (Johannes 13,35): Daran wird jeder erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt.“

Amen.

Gebet:

Lass die Wurzel unseres Handels Liebe sein, senke sie in unser Wesen tief hinein, Herr lass alles, alles hier auf Erden Liebe, Liebe werden! (EG 417, 1)

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Jeremias Brief. Andacht zum 20.9.2019

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Eine Katastrophe! Im Jahre 597 vor Christus ist das passiert, was kaum eine fromme Seele in Jerusalem vorher für möglich gehalten hätte: Die Babylonier haben die Stadt belagert. Sie haben sie eingenommen. Sie haben eine vierstellige Zahl von Menschen deportiert: Gebildete Leute, fähige Handwerker, den König Jojakin. Sie haben den Tempelschatz geraubt. Der Schatz und die Leute, sie alle sind in das ferne Babylonien verbracht. Immerhin: Die Babylonier haben als neuen König wieder jemanden aus der David-Dynastie eingesetzt.

Alles nicht zu glauben! Schließlich wohnte doch Gott persönlich in der Hauptstadt seines erwählten Volkes! Jerusalem galt deswegen als uneinnehmbar, der Tempel als unverletzlich.

Obwohl: Es gab auch andere Stimmen. Vor allem der ungeliebte Jeremia. Der hatte schon seit Jahrzehnten vor dem drohenden Unheil gewarnt.

Jetzt, nach der Katastrophe, gibt es zum Glück Propheten, die wieder Mut machen. In Jerusalem. Und auch bei den Deportierten in Babylonien. Ihre Botschaft: Innerhalb kurzer Zeit wird alles wieder gut! Dann kommen die Deportierten zurück! Die Tempelschätze auch! Und das erwartet man ja schließlich von der Religion, dass sie einem Mut macht und Hoffnung gibt! Erst recht, wenn alles so verheerend ist wie jetzt.

Aber wieder ist Jeremia der Spielverderber, die Miesmacher. So unbeliebt er ist: Er hat doch Freunde und Fürsprecher in höchsten diplomatischen Kreisen. Zwei dieser Freunde: Elasa ben Schafan und Gemarja ben Hilkija. Diese beiden Beamten schickt nun der König in diplomatischen Angelegenheiten zum babylonischen König auf die weite Reise. Und denen gibt Jeremia einen Brief mit. Der Brief ist für die Gemeinde der jüdischen Deportierten in Babylonien. Ich zitiere aus dem Inhalt:

So spricht der (…) Gott Israels zu allen Weggeführten, die ich [also: Gott] von Jerusalem nach Babel habe wegführen lassen:

Baut Häuser und wohnt darin! Pflanzt Gärten und esst ihre Früchte! Nehmt euch Frauen und zeugt Söhne und Töchter, nehmt für eure Söhne Frauen und gebt eure Töchter Männern, dass sie Söhne und Töchter gebären! Mehrt euch dort, dass ihr nicht weniger werdet!

Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum Ewigen! Denn wenn’s ihr wohlgeht, so geht’s euch auch wohl!

(…) Lasst euch durch die Propheten, die bei euch sind, und durch die Wahrsager nicht betrügen, und hört nicht auf die Träume, die sie träumen! Denn sie weissagen euch Lüge in meinem Namen. Ich habe sie nicht gesandt! (…)

Denn so spricht der Ewige: Wenn für Babel siebzig Jahre voll sind, so will ich euch heimsuchen und will mein gnädiges Wort an euch erfüllen, dass ich euch wieder an diesen Ort bringe. (Aus Jeremia 29)

Der Brief geht noch weiter, aber so viel soll hier reichen. Wie mag der Brief bei den Depor­tierten aufgenommen worden sein? Stellen Sie sich mal vor, Sie gehören zu den Deportierten. Sie haben Ihre Heimat verloren, viele Mitmenschen und auch das Stein­ gewordene Funda­ment Ihrer Religion, den Tempel.

In diese Depression hinein sprechen nun die Propheten aus den eigenen Reihen: „Ihr braucht die Koffer erst gar nicht auszubacken! Gott wird das alles bald wenden. Ihr dürft bald wieder zurück!!!“

Und jetzt der Jeremia-Brief: „Das sind falsche Propheten, hört nicht auf sie! Packt die Koffer aus, siedelt Euch an, bleibt als jüdische Community erhalten und werdet mehr! Rückkehr, das kann noch 70 Jahre dauern, und das werden Viele nicht mehr persönlich miterleben.“

Ein Brief für die Altpapiertonne? Manch einer hätte ihn wohl gern dorthin befördert. Aber der Brief ist dort nicht gelandet, die Leute haben sich den Brief gefallen lassen und ihn aufge­hoben, so dass wir bis heute seinen Inhalt haben. Vielleicht ja deswegen: In diesem Brief werden zwar ein paar hochfliegende Erwartungen und Sehnsüchte enttäuscht. Trotzdem kommt sehr deutlich rüber, wie gut es Gott mit seinen Leuten meint. Vielleicht waren einige auch schon vor dem Brief misstrauisch gegenüber diesen Leuten, die einem das Blaue vom Himmel versprechen und das Leben als Ponyhof verkaufen.

Mein Kernsatz aus dem Brief: „Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum Ewigen! Denn wenn’s ihr wohlgeht, so geht’s euch auch wohl!“

Mit meinen Worten: „Ihr gehört zwar – eigentlich – noch ganz woanders hin. Aber jetzt seid Ihr erst mal hier! Kommt an! Verwurzelt Euch hier! Und kümmert Euch um das Gemeinwohl! Um die Gesellschaft! Um den Staat! Und auch wenn Ihr eine eigene Minderheit seid – ihr seid Teil der Gesellschaft! Und Ihr teilt auch das Wohl und Wehe der Gesellschaft!“

Ich finde, das ist brandaktuell. Es gibt nämlich auch heute die Versuchung, auf den gepackten Koffern sitzen zu bleiben:

  • Die Versuchung, mich in meine private (mehr oder weniger) heile Welt zurück­zuziehen. Weil das, was in den Nachrichten kommt, einfach zu frustrierend ist.

  • Die Versuchung der Flucht in meine fromme Sonderwelt: Meine ganz private Spiritualität, meine verschworene christliche Gruppe.

  • Die Versuchung in einen der weiteren Elfenbeintürme: Die Wissenschaft, die Kunst, der Garten, das Hobby, …

  • Das Abtauchen in digitale Welten: Internet, Filme, Medien, …

  • Alles Schöne, was im Übermaß süchtig machen kann …

Lauter gute Dinge. Die dann zum Problem werden, wenn ich das Gemeinwesen den anderen überlasse. „Der Stadt Bestes suchen“, das bedeutet: Ich informiere mich. Ich mische mich im Rahmen meiner Möglichkeiten ein. Zivilgesellschaftlich. Das meint nicht nur: Wählen gehen. Sondern: Mich aktiv einbringen, wenn es irgend geht. Politisch, sozial, ökologisch …

Kann sein, dass Sie jetzt innerlich aufstöhnen. Weil Sie schon genug um die Ohren haben. Oder weil Sie es gesundheitlich nicht schaffen.

(Vielleicht auch, weil Sie sich für zu dumm oder zu unfähig halten. Aber ich finde, das Argument zieht nicht: Sie sehen sich zu negativ. Oder es gibt da so einen speziellen Bereich, da sind Sie fit. Oder Sie können sich fit machen.)

OK, man muss nicht alles machen. Sie auch nicht. Nicht privat, nicht zivilgesellschaftlich. Und wenn für kein spezielles Engagement mehr Kapazität ist, können Sie immer noch: a) Ihre Meinung sagen; b) So leben, dass Sie die Erde besser und fairer hinterlassen, als Sie sie angetroffen haben; c) Für Ihr Gemeinwesen – Ihr Ort, der Staat, die Welt – beten.

Jeremia spricht nicht als Politiker oder Vertreter einer bestimmten Interessengruppe oder eines speziellen Anliegens. Sondern als Prophet. Als Sprachrohr Gottes.

Das allerdings reklamieren die „falschen Propheten“ auch für sich. Manchmal ist es gar nicht leicht zu sagen: Wer sind die falschen Propheten, wer die richtigen? Da heißt es: Herz und Hirn einschalten. Und manchmal weiß man es erst im Rückblick. Was jedenfalls NICHT das beste Beurteilungs-Kriterium ist: „Wer redet mir am meisten nach dem Munde?“

Und wenn es GOTTES Wort ist, das mir sagt: „Suchet der Stadt Bestes!“, dann ist das eine Form von Gottes-Dienst, der nicht in der Kirche stattfindet, sondern auf dem Marktplatz (als Bild für das Gemeinwesen). Kirche und Marktplatz gehören zusammen. Eines sollte nicht ohne das andere sein. Lassen Sie die Kirche im Dorf – und tragen Sie sie beharrlich dorthin!

Gott, mach mich zu einem Werkzeug deines Friedens! Dass ich liebe, wo man hasst; dass ich verzeihe, wo man beleidigt; dass ich verbinde, wo Streit ist; dass ich die Wahrheit sage, wo Irrtum ist; dass ich den Glauben bringe, wo Zweifel droht; dass ich Hoffnung wecke, wo Verzweiflung quält; dass ich Licht entzünde, wo Finsternis regiert; dass ich Freude bringe, wo der Kummer wohnt.

Gott, gib, dass ich das selbst erfahren darf: Frieden. Verzeihung. Versöhnung. Wahrhaftigkeit. Glaube. Hoffnung. Licht. Freude.

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Pharisäer und Zöllner. Gedicht zum 13.9.2019

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„Lieber … möchte ich sterben!“ Andacht zum 6.9.2019

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Ein frommer Mensch, der nicht mehr leben will. In der Bibel. Aus dem Buch Tobit. Das gehört zu den „Spätschriften des Alten Testaments“. In unserem Tobit-Buch gibt es gleich zwei, die am Leben verzweifeln: Der alte Tobit und die junge Sara. Dabei sind beide mustergültig fromme Israeliten, die als Verbannte in einer heidnischen Umgebung leben.

Zuerst Tobit: Der erfüllt seine religiösen Pflichten, er lebt koscher, unterstützt Bedürftige. Und: Er bestattet unter Einsatz seines Lebens Israeliten, die durch die Staatsmacht ermordet wurden. Das bringt ihm den Spott seiner Nachbarn ein. Tobit ist verheiratet und hat einen erwachsenen Sohn. Die Familie lebt in der Gegend von Assyriens Hauptstadt Ninive.

Durch einen Unfall wird Tobit stark sehbehindert, die „Behandlung“ der Ärzte führt zur völli­gen Erblindung. Es gibt Streit mit Tobits Frau Hanna. Tobit erhebt unfaire Vorwürfe. Der Streit gipfelt darin, dass Hanna ihrem Mann die Nutzlosigkeit seiner frommen Lebensweise entge­gen schleudert: „Wo sind jetzt deine Almosen, wo deine gerechten Werke? Man sieht doch, was du davon hast!“ Tobit ist an seinem Tiefpunkt angekommen. Er schildert es so:

Da wurde ich sehr betrübt in meiner Seele. Ich seufzte und weinte und begann zu beten und zu klagen. (Tobit 3, 1)

Tobit bleibt der vorbildlich Fromme: Er münzt seine Seelen-Not direkt in ein Klage-Gebet um. Oder ist er vielleicht doch nicht so fromm? Im Gebet spricht er nämlich von seinen eigenen Sünden. Versehen. Gebots-Verstößen. Auch von denen seiner Vorfahren.

Im Tobit-Buch ist aber diese Schuld nicht der dicke Kratzer auf Tobits glänzendem Lack. Im Gegenteil: Das Bekenntnis der Schuld weist ihn als besonders demütig vor seinem gerechten Gott aus. Wow! Und eine Bitte hat Tobit:

„… Nimm meinen Geist von mir, dass ich erlöst werde vom Angesicht der Erde und wieder zu Erde werde. Weil ich falsche Schmähungen hören muss und große Betrübnis in mir ist, will ich lieber tot sein als leben! Herr, erlöse mich von dieser Not, erlöse mich zu deiner ewigen Stätte und wende dein Angesicht, Herr, nicht von mir! Lieber als große Not zu sehen, möchte ich sterben und keine Schmähungen mehr hören!“ (Tobit 3, 6)

Der Fromme wünscht sich den Tod. Tobit will sich zwar nicht das Leben nehmen. Aber er bittet Gott um den Tod. Bemerkenswert auch, was es vor allem ist, das Tobits Todeswunsch nährt: Sein geschädigtes Ansehen! Denn Tobit nennt nicht seine Blindheit, sondern die „Schmähungen“. Seine Frau. Die spottenden Nachbarn. Tobit hat zwar sein Augenlicht eingebüßt, aber vor allem hat er „sein Gesicht verloren“.

Tobit verbindet seinen Todeswunsch mit der Bitte: „Wende dein Angesicht, Herr, nicht von mir!“ Der Tod wäre also nicht das Ende seiner Beziehung zu Gott. Sondern: Für ihn wäre es ein Zeichen von Gottes Hinwendung, sterben zu dürfen.

Szenenwechsel. Weit weg in Ekbatana lebt eine junge Israelitin: Sara. Auch sie leidet unter Schmähungen, und das auch noch durch die Magd ihres Vaters. In der Tat: Saras Schicksal bietet Stoff für Spott und Verdächti­gun­gen:

Man hatte sie nämlich sieben Männern nacheinander zur Frau gegeben, aber ein böser Geist (…) hatte sie alle getötet, sobald sie mit ihr das Lager teilen wollten, wie es Brauch ist. (Tobit 3, 8a)

Na klar: Solche Erfahrungen schmälern die Freude am Sex und erschüttern den Traum von Ehe und Familie. Aber vor allem ist da die Schmähung, der Gesichts-Verlust:

Die Magd sagte: „Du bist es, die deine Männer tötet! Siehe, schon sieben Männern wurdest du gegeben, doch nach keinem von ihnen bist du benannt! Was weist du uns zurecht wegen deiner Männer, die doch alle gestorben sind? Geh doch mit ihnen! Wenn wir nur niemals einen Sohn oder eine Tochter von dir sehen müssen!“ (Tobit 3, 8b-9)

Die Magd wünscht der armen Sara offen den Tod! Jetzt reicht es! Sara will nicht mehr leben:

An jenem Tag wurde Sara betrübt in ihrer Seele, sie weinte und ging in eine Kammer oben im Hause ihres Vaters. Dort wollte sie sich erhängen. (Tobit 3, 10a)

Nicht nur der Todeswunsch, auch die Suizid-Absicht. Sara wird es trotzdem nicht tun. Sie besinnt sich eines Besseren. Ihr Grund: Es geht wieder um Gesichts-Wahrung. Nun ist es allerdings nicht der eigene Ruf, das eigene Gesicht. Sondern: Sara denkt an ihren Vater:

Niemals sollen sie meinen Vater schmähen und zu ihm sagen: Du hattest nur eine einzige, geliebte Tochter, und die hat sich aus Kummer erhängt! Nein, ich werde meinen greisen Vater nicht mit Leid zu den Toten hinab fahren lassen!“ (Tobit 3, 10b)

Das ist auch heute noch so: Wem es gelingt, realistisch (!) die Folgen des eigenen Suizids für seine Mitmenschen einzuschätzen, den kann das vor sich selbst schützen.

Doch was tun, wenn man nicht mehr weiterleben „kann“, sich aber aus Rücksicht auf seine Lieben nicht das Leben nehmen „darf“? Saras Antwort: Gott um den Tod bitten!

Statt mich zu erhängen, will ich lieber den Herrn bitten, dass er mich sterben lässt und ich niemals mehr in meinem Leben solche Schmähungen hören muss.“

Da hob sie ihre Hände zum Fenster und betete und sprach: „(…) Befiehl, dass ich von der Erde erlöst werde und nicht länger solche Schmähungen hören muss. (…) Was soll denn noch mein Leben? Wenn es dir noch nicht gefällt, mich sterben zu lassen, Herr, so achte doch auf meine Schmach!“

Aha! Hier gerät außer dem Tod noch eine andere „Lösung“ in den Blick: Gott könnte ja die Schmach wenden!

Der alte Tobit in der Nähe von Ninive und die junge Sara in Ekbatana, sie stehen nun an einem ähnlichen Punkt: Sie wollen wegen der Schmähungen sterben. Ein Suizid kommt aber nicht oder nicht mehr in Betracht. Beide bitten Gott um ihren Tod. – Und nun?

In derselben Stunde wurden beider Gebete von Gott in seiner Herrlichkeit erhört. (3,16)

Aha, beide fallen augenblicklich tot um, oder was? – Keineswegs! Gott sorgt dafür, dass die Ursachen für die Schmähungen und die Verzweiflung am Leben behoben werden. „Erhörung“ ist hier nicht der Weg vom Leben in den Tod, sondern der Weg von der Todes-Sehnsucht zurück ins Leben!

Und Rafaël wurde gesandt, beide zu heilen: Tobit, indem er die weißen Flecken von seinen Augen löse, damit er mit seinen Augen das Licht Gottes sehe, und Sara (…), indem er sie Tobias, dem Sohn des Tobit, zur Frau gebe und den bösen Geist (…) von ihr löse. (Tobit 3, 16 ff.)

Raphael, der unerkannte Engel, der Weg-Begleiter und Ratgeber. Nun fängt die Geschichte erst richtig an, auch wenn der Erzähler hier im dritten Kapitel das Happy End der insgesamt 14 Kapitel schon vorweg nimmt.

Aber ein erster Schritt zurück ins Leben erfolgt bei beiden Lebensmüden schon jetzt, obwohl noch gar nichts „wieder gut“ ist:

In jener Stunde ging Tobit vom Hof in sein Haus zurück, und auch Sara (…) stieg aus ihrer Kammer herab. (Tobit 3, 17b)

Und ich? Wenn ich ganz am Ende bin, nicht mehr kann, nicht mehr will?

  • Der Wunsch zu sterben darf sein.

  • Auch der „Fromme“, „Wohlmeinende“, „Gute“ kann an so einen Punkt kommen.

  • Ich darf, ich soll diesen Wunsch ins Gebet nehmen, vor Gott bringen – STATT mir aktiv das Leben nehmen zu wollen.

  • Ich darf, ich soll mich auf die „Rafaëls“ einlassen, die Gott in meiner Nähe postiert hat: Hilfe suchen, Hilfe annehmen. Mich öffnen. Mich notfalls aktiv schützen lassen.

  • Ich soll möglichst versuchen, nicht dort zu verharren, wo ich gerade bin.

  • Gott kann Manches zu einem guten Ende führen. Auch wenn es vielleicht dauert.

Dass Sie und ich aus der Nähe des lebens-freundlichen Gottes das schöpfen, was wir brauchen, besonders in schweren Zeiten, das wünsche ich uns!

Mehr zum Thema: „Ich möchte lieber tot sein als leben!“ Lebensmüdigkeit, Suizid, Lebenshingabe in der Bibel.

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Gier. Andacht zum 30.8.2019

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Über die Gier haben wir uns vor einiger Zeit in der Offenen Gesprächsrunde unterhalten. Meine erste Erkenntnis: Gierig sind immer nur die anderen. Ich also nicht. Und Sie doch auch nicht, oder?

Hier noch ein paar weitere Erkenntnisse aus der Runde:

  • Zur Gier gehört die Maßlosigkeit. Es muss immer noch mehr sein. Es ist nie genug.

  • Gier hat keine Geduld. Sie schreit nach sofortiger Befriedigung.

  • Gier nimmt oft in Kauf, dass andere geschädigt werden. Andere haben wenig, weil ich den Hals nicht voll genug bekommen kann. Zum Beispiel: „möglichst billig“ statt „fair gehandelt“ ist gierig.

  • Gier und Sucht ähneln einander, sind vielleicht dasselbe: Ob Arbeits-Sucht, Alkohol-Sucht, Sex-Sucht, Kauf-Sucht oder, oder: Die Punkte Maßlosigkeit, keine Geduld, Schädigung anderer passen ganz gut.

  • Gier und Kapitalismus sind Geschwister. Zum Kapitalismus gehört das Wachstum. Es reicht nie, es muss immer mehr werden. Sie kennen die sozialen und ökologischen Schattenseiten …

Gierig sind immer nur die anderen“, das konnten wir in der Runde dann doch etwas zurücknehmen. Wir fanden ein Beispiel, das mehreren Teilnehmenden nicht ganz unbekannt war: Shopping. Da lacht einen auf einmal die ultimative Hose an: Sieht klasse aus, ist herunter­gesetzt, passt wie angegossen! Und wenn es nicht gerade beim Discounter ist, gibt es in Verbindung mit dieser Hose noch persönliche Zuwendung: Die Verkäuferin hat Zeit für Sie, kümmert sich um Sie, lächelt Sie an, ist freundlich und lobt Ihre Figur (an der Sie selbst ja dauernd was auszusetzen haben).

An diesem Punkt ist schnell vergessen: Zu Hause hängen schon ein Dutzend tolle Hosen. Oder: Die Hosen zu Hause sind nicht vergessen, aber sie passen vielleicht nicht mehr so gut. Oder sehen nicht so klasse aus. Sie können sich die Sache überlegen und morgen wieder­kommen. Dann hat Ihnen jemand die Hose weg­geschnappt!

Schön, dass die Hose passt. Schade, dass auch die fünf Punkte zur Gier passen. (Gehen Sie sie ruhig nochmal durch!) Übrigens ist der Kick durch die neue Hose manchmal schon verflogen, wenn Sie den Laden verlassen. Wie bei jeder anderen Gier.

Noch etwas: „Gier“ hat keinen guten Ruf. Deswegen sind ja die Anderen die Gierigen, nicht man selbst. Und deswegen wird das Etikett „Gier“ manchmal missbraucht. Beispiel: Frau Obermüller hat eine Hose an, sie hat eine zweite Hose im Schrank, und nun kommt sie mit einer dritten, fair gehandelten Hose nach Hause. Als später Herr Obermüller mit seinem nicht ganz billigen Mittelklassewagen nach Hause kommt, wirft er seiner Frau „Gier“ vor. Sie sei unersättlich und würde für ihren Schnickschnack das gemeinsame Geld mit vollen Händen zum Fenster raus werfen.

Also: Der „Gier“-Vorwurf kann dazu dienen, um berechtigte Bedürfnisse und Wünsche zu verunglimpfen. Sollten Sie in einer Partnerschaft mit gemeinsamer Kasse leben, werden Sie wissen: Darüber lässt sich trefflich streiten, was berechtigte und was unberechtigte Bedürfnisse und Wünsche sind.

Zurück zur eigentlichen Gier, nicht als fieser Vorwurf. Passend zu der Gesprächs­runde sind mir ein paar Tage später ein paar Sätze aus dem Jakobus-Brief über den Weg gelaufen:

Niemand sage, wenn er versucht wird: „Ich werde von Gott versucht!“ Denn Gott kann nicht versucht werden vom Bösen, er selbst aber versucht niemand.

Noch so ein Begriff: die Versuchung. Zum Entstehen einer Versuchung müssen zwei Dinge zusammen kommen:

  1. Die Gier nach der Hose.

  2. Die ultimative Hose im Laden.

Schwupp, ist die Versuchung da. Was nicht heißen muss, dass man schon verloren hat. Man kann nämlich auch Versuchungen „bestehen“.

Nun sagt unser Jakobusbrief-Schreiber ganz klar: Von Gott kommt die Versuchung jedenfalls nicht. Ich ergänze: Gott „prüft“ auch nicht.

Wenn Gott nicht in Versuchung führt, wer dann? Im Garten Eden ist es die Schlange. Und Udo Jürgens hat gesungen: „Der Teufel hat den Schnaps gemacht …“ Beide trifft man nicht so direkt an. Vielleicht ist also der Bekleidungs-Laden mit seinen bestechenden Sonder-Angeboten der Versucher? „Jakobus“ hat eine andere Antwort:

Ein jeder aber wird versucht, wenn er von seiner eigenen Begierde fortgezogen und gelockt wird. (alles: Jakobus 1, 13-14)

Aha! Es ist also die Gier, die IN einem steckt! Und wenn die da ist, da kommen Schlange und verbotene Frucht, der Teufel und der Bekleidungs-Laden mit seinen Schnäpp­chen ganz von allein. Man „kann“ ihnen dann gar nicht mehr ausweichen.

Gibt es denn irgendeinen guten Rat gegen die Gier? Meine Vorschläge können überhaupt nicht die mühevolle Arbeit des Sucht-Therapeuten ersetzen. Aber vielleicht ergänzen. Hier meine Vorschläge:

  1. Pflegen Sie das Wörtchen „genug“! Gern auch in der Frage-Form: „Habe ich zu Hause vielleicht genug Hosen?“; „Habe ich in meinem Leben schon genug Alkohol getrunken?“; „Habe ich heute vielleicht genug gearbeitet?“; „Genug am Computer gesessen?“; „Genug gelegen?“ Vielleicht lautet die Antwort: „Nicht nur genug, sondern schon zu viel!“

  2. Fragen Sie nach dem Bedürfnis HINTER der Gier! Ungefähr so: „Ich sehe ein: Ich brauche die 25. Hose und das 30. Paar Schuhe nicht. Aber: Was brauche ich wirklich? Was fehlt mir in meinem Leben?“ Denn vielleicht zielt meine Gier auf eine ERSATZ-Befriedigung für ein grundlegendes (unerkanntes?) Bedürfnis?

  3. Meditieren Sie die Ich-bin-Worte Jesu! Die stehen im Johannes-Evangelium: „Ich bin das Brot des Lebens!“ (6,35); „Ich bin das Licht der Welt!“ (8, 12); „Ich bin die Tür!“ (10,7.9); „Ich bin der gute Hirte!“ (10,11.14); „Ich bin die Auferstehung und das Leben!“ (11, 25); „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben!“ (14, 6); „Ich bin der wahre Weinstock!“ (15, 1).

Sie werden trotzdem Weiteres brauchen in Ihrem Alltag. Jedoch: Wenn Sie sich darin einüben, in Christus alles Wesentliche zu haben, muss es von all dem anderen nicht mehr und nicht unbedingt und nicht sofort so viel sein.

  1. Üben Sie das Danken ein! Wenn Sie nicht Robinson Crusoe heißen, werden sich tag­täglich zahllose Gelegenheiten bieten, Ihren Mitmenschen für Kleinigkeiten und Großig­keiten zu danken. Und selbst als Robinson können Sie den Tieren danken und spätestens im Abend-Gebet Ihrem Gott. Es darf eine längere Liste werden.

Was das mit der Gier zu tun hat? Die Gier führt Ihnen dauernd vor Augen, wovon Sie immer noch nicht genug haben, was angeblich „fehlt“. Aber der Dank erinnert Sie daran, was Sie alles sind und haben. Und: Der Dank weiß darum: Sie haben das – letztlich – nicht sich selbst zu ver-danken.

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