Stars und Sternchen. Andacht zum 7.12.2018 und zum 2. Advent

ANDACHT HÖREN

Advent ist die Zeit der Sterne. Daran ist wohl der Stern von Bethlehem schuld. Und die Zeit des Lichtes ist die Adventszeit sowieso – ausgerechnet im dunkelsten Monat des Jahres, was das Sonnen-Licht betrifft. Für mich ein Anlass, einen Blick in das allererste Kapitel der Bibel zu werfen. Denn schon da, bei der Schöpfung, geht es ums Licht. Und um die Sterne und die anderen Himmelskörper.

Alles beginnt damit, dass der Welt ein Licht aufgeht. Oder etwas genauer: Dass Gott spricht – und dann geht ihr ein Licht auf …

Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht. Und Gott sah, dass das Licht gut war. Da schied Gott das Licht von der Finsternis und nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht. Da ward aus Abend und Morgen der erste Tag. (Genesis 1, 3-5)

Der erste von sieben Schöpfungstagen. Glauben Sie das mit den sieben Tagen? Ich nicht. Trotzdem: Alles fängt damit an, dass Gott Licht ins Dunkel bringt. Man kann aber nicht nach Schwarz-Weiß-Manier sagen: „Früher war alles finster, nun ist alles hell!“ Nein, sondern Finsternis und Licht bleiben nebeneinander bestehen. Besser: Sie wechseln einander ab. Das gilt wahrscheinlich auch für Ihr Leben. Vergessen Sie also nicht: Wenn Ihre Tage voller Licht sind – es kommen auch dunkle Zeiten! Wenn Ihre Tage verdunkelt sind – Sie werden wieder Licht sehen! Dieses Wechselspiel steckt von Anfang an in der Schöpfung.

So, das Licht ist also geschaffen. An den Folgetagen, so geht unsere Erzählung weiter, schafft Gott ein trockenes Plätzchen in den Urfluten. Gott schafft Meer und Land. Gott schafft die ganze Vegetation auf dem Festland. Und erst danach: die Sterne!

Gott sprach: Es werden Lichter an der Feste des Himmels, die da scheiden Tag und Nacht und geben Zeichen, Zeiten, Tage und Jahre und seien Lichter an der Feste des Himmels, dass sie scheinen auf die Erde. Und es geschah so. Und Gott machte zwei große Lichter: ein großes Licht, das den Tag regiere, und ein kleines Licht, das die Nacht regiere, dazu auch die Sterne. Und Gott setzte sie an die Feste des Himmels, dass sie schienen auf die Erde und den Tag und die Nacht regierten und schieden Licht und Finsternis. Und Gott sah, dass es gut war. Da ward aus Abend und Morgen der vierte Tag. (Genesis 1, 14-19)

Da staunt der Laie, und der Fachmann wundert sich: Wie kann Gott am ersten Tag zusammen mit dem Licht auch gleich Tag und Nacht machen, wie kann es Abend und Morgen werden, wenn erst am vierten Tag Sonne, Mond und Sterne dazu kommen? Wer das Modell „Sieben Tage“ verteidigen will, muss sich an dieser Stelle vom Text selbst verabschieden, um sich mühevoll alles gedanklich passend zu biegen.

Man kann den Text aber auch anders lesen: Diese Geschichte ist ein Angriff auf die altorientalische, speziell die babylonische Praxis, die Gestirne als Götter zu verehren und anzubeten. Da kommt nun auf einmal das Volk der Juden her, erzählt die Schöpfung auf eigene Weise und sagt: „Nein, das, was ihr als Götter am Himmel anbetet, das sind in Wirklichkeit ganz kleine Lichter! Lampen, die Gott dort aufgehängt hat! Nützlich für die Regulierung von Tag, Nacht und (Mond-)Monaten. Aber das eigentliche Licht kommt ganz woanders her!“ – Das hat wohl nicht den Dialog zwischen den Religionen erleichtert. Die babylonischen Sternenverehrer werden sich ganz schön auf den Schlips getreten gefühlt haben.

Und was geht uns das an? Diese Geschichte kann uns misstrauisch machen. Gegen alle möglichen kleinen Lichter, die sich zu Göttern aufplustern und Unterwerfung verlangen. Das fängt ganz wörtlich bei den Sternen an. Es soll ja Leute geben, die ihren eigenen Charakter und ihre Zukunft durch die Sterne bestimmt sehen. Dieser moderne Aberglaube fällt aber sogar hinter die Babylonier zurück. Erstens: Heute gelten die Sterne nicht mal mehr als Gegenüber. Sie sind nur noch abstrakte Mächte. Zweitens: Die Sterne nehmen denen, die dran glauben, Freiheit und Verantwortung. Denn alles steht ja sowieso schon fest. Drittens: Diese ganze Astro-Szene ist heute vermutlich viel stärker kommerzialisiert als damals in Babylon.

Und warum glauben Leute heute so etwas? Meine Vermutung als Kritiker: Es ist so viel so wacklig geworden: Die Welt und ihre Ordnung, grundlegende Überzeugungen und Werte, anerkannte Regeln, Vorbilder, die ökologische Basis. Fake-News soll es auch geben. Was gilt noch? Da kann die Angst ins Kraut schießen. Und da ist manch einer gern bereit, Freiheit und Verantwortung an den Nagel zu hängen, um zu glauben: Erstens ist alles vorbestimmt. Zweitens muss ich mein Sternkreiszeichen kennen, um zu wissen, wer ich bin. Drittens höre ich auf mein Horoskop, dann weiß ich, wo’s langgeht. Oder, und das ist ganz ähnlich: Ich höre auf den Anlageberater, den allwissenden Prediger, auf die platten Wahlversprechen derjenigen Politiker mit dem schlichtesten Weltbild und den einfachsten Erklärungen, wer an allem schuld ist.

Weiter: Nicht ganz zufällig heißen berühmte und verehrte Personen „Stars“, also „Sterne“. Welche Dimensionen das annimmt, können Sie verfolgen, wenn so ein Star stirbt. Lady Di war da vermutlich unübertroffen. Das alles läuft natürlich nur, weil es durch die Medien inszeniert wird. Stars werden „aufgebaut“. Was den einen Gegenstand der Verehrung ist, daran verdienen sich die anderen eine goldene Nase.

Schräg ist das schon: Ein Millionenpublikum nimmt mit intensiven Gefühlen teil an Liebe, Leid, Tragödien, Eskapaden der Stars und Sternchen – und bleibt zugleich recht unberührt von Tragödien im persönlichen Umfeld, in Eritrea oder Jemen, um mal weniger „populäre“ Not-Gebiete zu nennen. Stars sind da sehr praktisch: Sie erlauben mir große Gefühle in einem tristen eigenen Alltag. Und bei allen Dramen der Prominenz: Mit so unangenehmen Dingen wie Hunger, Folter, Schuldsklaverei, Kinderarbeit, dreckigem Wasser, fehlender medizinischer Versorgung und unbezahlbarem Schulgeld muss sich die Prominenz nicht herumschlagen – oder allenfalls als Wohltäter. Und ihre Zuschauer und Bewunderer müssen es auch nicht.

Noch wichtiger wird die Sache mit den Sternen aber, wenn Sie sich ganz persönlich fragen: „Wovon erwarte ich eigentlich, dass es mein Leben hell macht? Von welchen Plänen, Hoffnungen, Menschen, von welchen Anschaffungen, Aktivitäten, Gesundheits-Faktoren erwarte ich das?“ – Unter der Überschrift „Meine Sterne“.

Mir geht es aber nicht darum, Ihnen die Sterne an Ihrem Seelen-Himmel schlecht zu machen. Eher im Gegenteil: In unserer Geschichte von der Schöpfung hat sich Gott dafür immerhin einen vollen Tag Zeit genommen. Denn diese Gestirne sollen dem Leben auf der Erde Ordnung und Struktur geben. Und Ihre Seelen-Sterne helfen Ihnen, Schwerpunkte zu setzen und Ihren Alltag zu gestalten, bis hinein in Ihre Zeiteinteilung – mit Zeit für sich ganz allein, für Beruf oder Ehrenamt, für Partnerschaft, Freunde, Stille mit Gott, für die Tageszeitung, das Bügeln, das Müllsammeln im Wäldchen, das Kinderhüten bei der überforderten Nachbarsfamilie, für den Spaziergang mit dem Hund, den Gottesdienst, das Nordic Walken, den Garten, das Essen, den Schlaf.

Nur – die Botschaft unserer Geschichte ist: All diese Sterne sind Lampen. Meistens schöne, zeitweise wichtige. Aber eben nur Lampen. Sie verdienen keine Anbetung. Man braucht sie auch nicht krampfhaft festzuhalten. Man muss sie manchmal auch sehr kritisch sehen. Machen Sie Ihre Sternchen nicht zu Ihren Göttern. Bewahren Sie sich Freiheit, Verantwortung und die Fähigkeit zum Loslassen und Verändern!

Viel Freude in der Adventszeit an den Sternen am Himmel, in den Straßen und Häusern! Aber nicht vergessen: Das eigentliche Licht kommt woanders her! Dafür steht die Schöpfungsgeschichte. Und dafür steht das Kind in der Krippe.

Gebet:

Gott, inmitten meiner Dunkelheit: Lass mir Dein Licht aufgehen! Bei allem, was mich blendet: Lenke meinen Blick zu Dir! Amen.

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Es klopft. Andacht zum 30.11.18 und zum 1. Advent

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Es klopft. Jemand will zu Ihnen. – Was tun? Sie könnten „Herein!“ sagen. Oder zur Haustür gehen, wenn es dort geklingelt hat.

Welche Gründe gibt es, nicht „Herein!“ zu sagen, nicht zu öffnen?

  1. Sie möchten niemandem SO nicht unter die Augen treten. – Sie sind gerade unter der Dusche oder tragen den Uralt-Jogginganzug, haben verweinte Augen, sind ungeschminkt, unrasiert.

  2. Sie möchten niemandem den Zustand Ihrer Wohnung zumuten. – Zeitungen, unge­waschene Teller, einzelne Socken, Kinderspielzeug, wo man hintritt. Womöglich gar Dinge, die mehr über einen verraten, als einem lieb sein kann: leere Flaschen zum Beispiel.

  3. Sie haben Angst. Es könnte der Gerichtsvollzieher sein. Oder ein Trickdieb, ein Räuber, die Schwiegermutter.

  4. Sie möchten allein sein. Sogar jemand, den Sie „an sich“ gern sehen, wäre Ihnen zu viel. Aber Sie würden es nicht fertig bringen, ihm das zu sagen, ihn abzuweisen.

  5. Trotz und Weltschmerz: „Ihr könnt mir alle mal gestohlen bleiben!“, „Wer hier klingelt, will immer nur was von mir!“, „Mich hat sowieso keiner lieb!“

  6. Zu viel Krach: Ihr Fernseher ist zu laut, die Musikanlage, das familiäre Geschrei. Sie hören das Klopfen oder die Klingel gar nicht.

Sechs Gründe, aber – meist – kein einziger guter Grund. Nein, Sie müssen nicht dauernd erreichbar und aufnahmebereit sein. Aber wenigstens nachschauen, wer es denn ist und um was es geht, das sollte gewöhnlich gehen. – Wenn Sie denn den anderen auch wieder wegschicken können, wenn’s die falsche Person oder der falsche Zeitpunkt ist.

Ich finde vor allem die Motive hinter den sechs Gründen problematisch: Scham, Peinlichkeit, Angst, Schüch­ternheit, Trotz, Weltschmerz, Krach. Das darf und muss zwar alles mal sein. Aber zumindest als Dauer-Haltung kann ich all das nicht empfehlen.

Gegen das geistliche „Sich-dicht-Machen“ wendet sich unser Bibeltext. Christus selbst „steht auf der Matte“. Durch den Mund des Sehers Johannes, der das Buch „Offenbarung“ geschrieben hat:

Siehe, ich stehe an der Tür und klop­fe an. Wenn jemand meine Stimme hö­ren wird und die Tür auftun, zu dem werde ich hineingehen und das Abendmahl mit ihm halten, und er mit mir.” (Offenbarung 3, 20)

Zwei Sätze aus den „sieben Sendschreiben“ an Gemeinden in der heutigen Türkei. Genauer: Zwei Sätze aus dem Sendschreiben an die Gemeinde in Laodizea. In Laodizea haben sich nicht nur einzelne Per­sonen abgeschottet und dicht gemacht, sondern eine ganze christliche Gemeinde. Nicht aus Scham oder Angst, sondern weil man es sich so schön eingerichtet hat in seinem frommen Leben. Weil die Christen sich selbst genug sind und auf nichts mehr warten. Kurz: Behäbigkeit und Abstumpfung. – Ähn­lich­keiten mit Ihnen oder mir wären natürlich rein zufällig.

Und jetzt die kritischen Worte in dem Sendschreiben:

Ihr seid weder warm noch kalt. Wenn ihr wenigstens eins von beiden wärt! Aber ihr seid weder warm noch kalt. Ihr seid lauwarm. Darum werde ich euch aus meinem Mund ausspucken. Ihr sagt: „Wir sind reich und bestens versorgt. Uns fehlt nichts.“ Aber ihr wisst nicht, wie unglücklich und bejammernswert ihr seid, elend, blind und nackt.

Ich rate euch: Kauft von mir Gold, das im Feuer gereinigt wurde, dann werdet ihr reich! Kauft euch weiße Kleider, damit ihr nicht nackt dasteht und euch schämen müsst! Kauft euch Salbe für eure Augen, damit ihr sehen könnt! Alle, die ich liebe, weise ich zurecht und erziehe sie streng. Macht also Ernst und kehrt um!

Alle, die ich liebe, weise ich zurecht …“ – Sieht so eine Liebeserklärung aus? Ja, denn Liebe bedeutet nicht, dass alles weichgespült und glatt gebügelt wird, was nicht in Ordnung ist. Nicht in Ordnung ist: Das Bild, das die Christen in Laodizea von sich haben, ist so ganz anders ist als das Bild von ihnen in Christi Augen: In den eigenen Augen sind sie „reich“, „bestens ver­sorgt“, ohne Mangel. In Christi Augen aber „unglücklich“, „bejammernswert“, „elend, blind und nackt“.

Und nun steht Christus vor der Tür und klopft an – bisher ohne Erfolg: Die Christen haben mit ihrem eingespielten (Glaubens-) Leben Christus faktisch ausgesperrt. Christus kann ihre Kreise nicht stören, er kann ihre Welt nicht in Frage stellen. Im Bild gespro­chen: Die CD mit den frommen Chorälen ist so laut gedreht, dass keiner das Klopfen hört. Und dabei müsste so dringend die Tür aufgehen, frische Luft rein, ein neuer Geist. Dass sich die Leute der Nähe Christi aussetzen.

Und ich? Was hält mich womöglich davon ab, Christi Klopfen zu hören und die Tür zu öffnen?

  • Vielleicht wie in Laodizea die Behäbigkeit – dass niemand meine Kreise stören soll.

  • Oder die Scham, Christus so unter die Augen zu treten, wie ich bin, ohne Maske und Fassade.

  • Die Scheu, Christus mein Chaos zuzumuten, all das Ungeordnete, Un­ge­klärte, Unaufgeräumte, die ganzen „Altlasten“.

  • Vielleicht die Angst – vor einem Gott, der mich nur aus einem einzigen Grund aufsucht: um mich zur Rechenschaft zu ziehen, in die Pfanne zu hauen und mich mit all dem zu belasten, was das Leben schwer und quälend macht. – Also meine verquere Gottes-Vorstellung.

  • Trotz und Weltschmerz: „Das ganze Fromme kann mir gestohlen bleiben!“ und „Mir kann sowieso keiner helfen!“ – Getreu den Worten des Blinden: „Ich glaube nur, was ich sehe!“

  • Oder Lebens-Lärm: So viel Lautes, so viel Unruhe, Termine, redende Mit­men­schen, plappern­de Radios, rauschende Musikanlagen, Fernseher, Zeitschriften, Bücher. Dauernd was in der Hand haben. Kein geistlicher Impuls passt da noch ins Ohr, ins Bewusstsein, ins Herz. Es ist schlicht kein Platz mehr für Christus.

Das Schöne für die Christen in Laodizea und für uns ist: Trotz aller Kritik ist das Sendschreiben eine Liebes-Erklärung. Christus liebt Sie, „belagert“ Sie, will Sie erreichen, bei Ihnen ankommen, bei Ihnen sein – trotz aller lauwarmen Behäbigkeiten, trotz allem, was hinter der Fassade ist, trotz des Lebens-Chaos und der Angst, trotz Welt­schmerz, Gott-Verneinung und Lärm.

Es klopft. Mit Geduld und Beharrlichkeit. Immer noch. Immer wieder. Es gibt viele Gründe, das Klopfen zu überhören. Oder sich blockiert zu fühlen, die Tür zu öffnen. Dicht zu machen. Aber man kann auch: hinhören, auf­stehen, öffnen und sagen: „Willkommen! Tritt doch ein!“

Gebet:

Christus, klopfst Du auch bei mir? Ich höre nichts! Ich vermisse Dein Klopfen. Manchmal fehlst Du mir so. Da will ich Deine Stimme hören, da will ich Deine Hand spüren und – nichts ist.

Vielleicht stimmt es ja: Es ist zu laut um mich herum, zu laut in mir drin. So viele Stimmen, so viele Gedanken. So viel zu erledigen. Ich ziehe meine Kreise, drehe am Rad – und bin doch so starr, so mutlos, so verschlossen, so dicht, so taub.

Christus, klopf doch weiter! Gib nicht auf! Lass mich Dich hören. Und die Tür finden. Möglichst heute noch! Amen.

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Gedicht von Maria und Marta. Zum 23.11.2018

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Wo im Körper steckt Ihr Glaube? Andacht zum 16.11.2018

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Na, wo steckt Ihr Glaube? Oder: Wo würden Sie den Glauben am liebsten haben? Im Kopf? Im Herzen? In den Händen? In den Füßen? Auf der Zunge? In der Nase?

Von einem Glauben speziell in Sinnesorganen lesen wir am Anfang des 1. Johannesbriefes im Neuen Testament. Achten Sie auf die Worte, die mit unseren fünf Sinnen etwas zu tun haben!

Was von Anfang an war, was wir gehört haben, was wir gesehen haben mit unsern Augen, was wir betrachtet haben und unsre Hände betastet haben, vom Wort des Lebens. – Und das Leben ist erschienen, und wir haben gesehen und bezeugen und verkündigen euch das Leben, das ewig ist, das beim Vater war und uns erschienen ist. – Was wir gesehen und gehört haben, das verkündigen wir auch euch, damit auch ihr mit uns Gemeinschaft habt. Und unsere Ge­mein­schaft ist mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus. Und das schreiben wir, damit unsere Freude vollkommen sei. (1. Johannesbrief 1, 1-4)

Glaube als eine total sinnliche Angelegenheit: Das Hören, das Sehen mit den eigenen Augen, das Betrachten, das Betasten mit den Händen. Und dann noch mal das Sehen und das Hören.

Was ist denn so mit Händen zu greifen und mit (fast) allen Sinnen zu fassen? Das Leben! Vom „Wort des Lebens“ ist die Rede, vom „erschienenen Leben“, dann vom „Leben, das ewig ist“. Ein Leben, „das beim Vater war und uns erschienen ist“. Kein Zweifel: Der Verfasser meint Jesus Christus.

Wo steckt Ihr Glaube? Auch in den fünf Sinnen? Und im Herzen? Oder nur im Kopf? Oder nirgendwo? Manch einer hat ein großes Bedürfnis nach sinnlichem, nach erfahrbarem Glauben. Denken Sie an einen Gottesdienst: Einen guten Gottes­dienst „hören“ Sie ja nicht wie einen Vortrag. Sondern: Der Gottesdienst ist „in-szenierter“, in Szene gesetzter Glaube: Musik und Lieder kommen vor. Es werden einem vielleicht Hände aufgelegt. Oder man wird gesalbt. Wenn Sie zum Abendmahl gehen, hören Sie die Worte: „Schmecket und sehet …!“ Kerzenlicht und Kerzengeruch, bei den Katholiken auch Weihrauch. Bilder, Skulpturen und Gewänder, Tücher. All das kann helfen, Glauben bis in die Seele kommen zu lassen.

Und doch: Ist das schon ein erlebbarer, spürbarer Gott? Ich hätte da gern etwas Handfesteres unter den Füßen und in den Händen. Etwas Verlässliches. Nur: Gott, der Jenseitige, ist eben un-fassbar, nicht mit Händen zu greifen. Gott sprengt jeden Bilder-Rahmen.

Und es ist schon lange her, dass Jesus leibhaftig in unserer Welt war, sozusagen Gott zum Anfassen. Aber selbst der Jesus aus Fleisch und Blut hätte mich nicht unbedingt überzeugt: Jesus hat oft seine Geheilten ermahnt, sie sollten es bloß nicht weitersagen. Er hat die Menschen, die von ihm ein „Zeichen“ verlangt haben, brüsk abgewiesen. Und als die Spötter unter seinem Kreuz höhnten: „Komm doch runter, damit wir sehen (!) und glauben!“, da ist er hängen geblieben und schlimm gestorben. Merkwürdige Gottes-Erfahrung!

Trotzdem: Unser Briefschreiber hat gehört, gesehen, betrachtet, betastet. Er hat Christus an seinem eigenen Leibe erfahren. Und mit Christus das Leben – in Hülle und Fülle. Er erlebt Glauben in seinen Sinnen und seinen Erfahrungen – „irgendwie“.

Allerdings: Der Glaube kam viel­leicht schon vor der Erfahrung. Denn: Was Sie sehen, spüren, ertasten, das hängt davon ab, was Sie im Herzen und im Kopf schon mitbringen. Testen Sie es: Machen Sie mit jemandem schweigend einen Spaziergang. Anschließend tauschen Sie sich aus, was Sie gehört, gesehen, gerochen, gespürt haben – und was nicht. Es wird wahrscheinlich sehr große Unterschiede geben!

Glaube leitet die Sinne, Glaube bewirkt Erfahr­ungen. Unser Schreiber jedenfalls hat etwas erlebt, und das gibt ihm festen Grund und erfülltes Leben.

Und Sie? Was ist, wenn Sie all das nicht haben, oder wenn Sie das nie hatten? Nichts gesehen, nichts gehört, nichts gespürt?

Der erste Johannesbrief hat nicht nur einen Schreiber, sondern auch Empfänger. Für diese Empfänger hat unser Schreiber den Glauben nicht nur in den Sinnen, sondern auf den Lippen – oder besser: im Federkiel. Vom „Bezeugen“, vom „Verkündigen“ und vom „Schreiben“ ist die Rede. Was er vom wirklichen Leben erfahren hat, das teilt er nun den anderen mit, er teilt den Glauben mit ihnen. Er hat den Glauben auf den Lippen und im Kuli. Und die, die ihn hören, haben ihn in den Ohren und vor Augen. Mit-geteilter, ver-mittelter Glaube.

Ich treffe öfters auf Leute, die ungefähr so zu mir sprechen: „Ich glaube ja auch, dass es ‚da oben‘ etwas gibt, ich habe meinen Gott und ich bete. Aber dafür brauche ich nicht die Kirche.“ – Und eigentlich meinen sie: Ich brauche für meinen Glauben überhaupt keine anderen Menschen. Das ist nämlich meine Privatsache und ganz intim. Das geht keinen was an.

Solch ein aus meiner Sicht ZU persönlicher Glaube ist das genaue Gegenteil von dem, was wir in unserem Text finden. Glaube findet in einer Mitteilungs-Gemeinschaft statt. Glaube ist zwar in den Sinnen, auf den Lippen, in den Ohren. Aber vor allem: in einer Gemeinschaft. Und eben nicht nur in einer einzelnen Person. Mit den Worten unseres Schreibers:

…damit auch ihr mit uns Gemeinschaft habt! Und unsere Ge­mein­schaft ist mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus. Und das schreiben wir, damit unsere Freude vollkommen sei.“

Glaube in geteilter Form. Glaube, der Gemeinschaft bildet. Gemeinschaft, zu der Gott selbst gehört. Eine Gemeinschaft sogar mit Menschen von ganz früher: Wenn ich mich auf den Schreiber des ersten Johannesbriefes oder auf jeden beliebigen anderen Bibel-Schreiber einlasse, bin ich Teil einer Mitteilungs-Gemeinschaft über die Jahrtausende hinweg.

Gehören Sie zu einer mit-teilenden Glaubensgemeinschaft? Nehmen Sie an den Glaubens­erfahrungen und Einsichten von anderen Menschen teil? Setzen Sie sich den Glaubensweisen der Menschen der Bibel aus? Gibt es Menschen, die an Ihren Glaubenserfahrungen, auch an Ihren Zweifeln und Enttäuschungen, teilnehmen? – Hören, lesen und sprechen Sie?

Ihre Antwort müsste schon deswegen „Ja“ lauten, weil Sie schon so weit gelesen haben. Das hat ja wenigstens ein bisschen was von Mitteilungs-Gemeinschaft.

Aber Gemeinschaft nicht nur durch den Computer oder Radio oder Fernsehen oder Buch wäre auch nicht schlecht. Was Sie da brauchen?

  • Mut: den Schritt auf andere Menschen zu wagen.

  • Geduld: Menschen zu ertragen und zu respektieren, die anders sind und anders ticken als Sie, vielleicht auch im Glauben.

  • Vertrauen: dass Gott selbst in diesem Miteinander vorkommt, „sich ereignet“. Dass Gott sich nicht zu schade ist, Gemeinschaft sogar mit Menschen wie Sie und mich zu haben – „damit unsere Freude vollkommen sei“.

Gebet:

Gott, ich stehe manchmal mit meinem Glauben, meinen Fragen, Zweifeln oder meinem Nicht-mehr-Glauben so allein da. Ich denke über Dich nach, statt mit dir zu reden. Ich scheue mich, mit anderen über meinen Glauben oder Dich zu sprechen. Ich denke, ich weiß alles schon – und höre nicht mehr auf die anderen. Und ich erlebe Dich kaum mehr.

Ich bitte Dich: Brich Du diese Isolationen auf. Hilf mir dabei, Glaubens-Gemeinschaft zu finden und zu pflegen! Amen.

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Sitzen und Aufstehen. Andacht zum 9.11.2018

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Aus meiner Kindheit habe ich einen Witz von meinem Opa in Erinnerung:

Arzt zum Patienten: „Herr Meier, sitzen Sie eigentlich viel?“ Patient: „Kann man wohl sagen! Das letzte Mal waren es 3 Jahre!“

Ein Miss-Verständnis: Der Arzt hat vielleicht an einen Büro-Job seines Patienten gedacht. Aber Herr Meier denkt an seine Haft-Strafen. In beiden Fällen ist jemand länger an einem festen Ort: Der Büro-Angestellte auf seinem Schreibtisch-Stuhl, der Häftling im Knast. Für beides dasselbe Wort: „Sitzen“. Die Zeiten sind allerdings unterschiedlich lang.

Oder nehmen Sie Dr. med. Müller. Wenn Dr. Müller „sich niederlässt“, kann das bedeuten: Sie setzt sich bequem hin. Es kann aber auch bedeuten: Sie übernimmt eine Praxis. Sachbearbeiter Schulze „sitzt“ in Zimmer 304, obwohl er meistens rumläuft. Patientin Obermüller „liegt“ auf Station 23, obwohl sie immer unterwegs ist. Denn: Patienten „liegen“ nun mal. Busse sind voll besetzt, Krankenhäuser sind voll be-legt. Im Hebräischen gibt es ein- und dasselbe Wort für: sich setzen, sitzen, wohnen. Und hierzulande haben die meisten Leute einen festen Wohn-Sitz.

Und Sie? Wo sitzen Sie? Wo liegen Sie? Meistens leicht zu sagen: Der Ort, wo Ihr Bett steht, hat eine Adresse. Die Orte, wo Ihre meist besetzten Stühle oder Sessel stehen, auch. Etwas komplizierter ist es bei Roll-Stühlen, KFZ-Sitzen, oder wenn Sie auf Reisen oder im Krankenhaus sind.

Man kann die Frage nach Ihrem Platz aber noch anders verstehen. Nämlich so: „Wo ist mein Platz IM LEBEN?“ Oder auch: „Wo gehöre ich hin?“ Die Antworten können unterschiedlich ausfallen:

  • In Pusemuckel!“ Das ist natürlich schon wieder eine Orts-Angabe. Aber es gibt Leute, die sind so in ihrem Ort oder in ihrer Region verwurzelt, das ist dann auch der „Platz im Leben“.

  • Mein Platz ist an der Seite von Lieschen Müller!“ Lieschen Müller kann meine Partnerin, meine Tochter, meine Mutter, meine chronisch kranke Patientin oder meine treue Pflegefachkraft sein.

  • Mein Platz ist genau in diesem Job!“ Zum Beispiel als Dachdecker. Oder: bei Firma Ziegel-Meier. Oder beides: als Dachdecker bei Ziegel-Meier.

  • Auf der Pferdekoppel, in der Kirche, in der Band, im Theater, im Büro der Bürgerinitiative, bei „Ärzte ohne Grenzen“ auf den Philippinen … Orte also, die für etwas stehen, wofür ich eine besondere Leidenschaft habe, wo ich mich gern engagiere, was mir am Herzen liegt.

  • Oder, oder …

Wo ist IHR Platz im Leben? Oder in Ihrer jetzigen Lebens-Phase? Greifen Sie sich jetzt einen Zettel und notieren sich ein paar Stichwörter, wer oder was, welche Interessen, Orte, Anliegen, Überzeugungen mit Ihrem aktuellen Platz im Leben zu tun haben! (…)

(…) Na, haben Sie Stichwörter gefunden? Wenn ja, nehme ich an: So GANZ zufrieden sind Sie mit der Liste nicht. Und das kann verschiedene Gründe haben. Zum Beispiel:

  • Dieser Eindruck: Ihre Stichwörter sind alle wichtig. Aber: Sie reichen nicht aus. Sie sagen nicht so ganz, was Ihr Platz im Leben ist, Ihr Lebensgefühl, Ihre Identität.

  • Sie haben Stichwörter dazwischen, da merken Sie: Die beschreiben zwar Ihren Platz im Leben, aber an DIE­SEM Platz möchten Sie gar nicht mehr sein! Die Sehnsucht: „Ich könnte doch anders leben oder anderswo leben …“

  • Sie haben kaum Begriffe gefunden, weil Ihr Lebensgefühl „unstet und flüchtig“ heißt. Sie sind rast- und ruhelos, nirgendwo richtig angekommen, dauernd im Aufbruch, nichts ist wirklich gewachsen und gereift.

  • Vielleicht stehen Sie vor dem Scherbenhaufen Ihres bisherigen Platzes im Leben. Das, was Ihnen bisher Heimat und einen guten Standpunkt gegeben hat, ist nicht mehr da.

Wenn Sie es sich recht überlegen, entdecken Sie: So gaaanz fest ist eigentlich KEIN Platz im Leben. Manches mag lange Bestand haben, aber nicht für immer. Auf die Länge gesehen, ist das Leben kein „Sitzen“, kein „Wohnen“, sondern: eine Reise.

Der heiligste Teil der Heiligen Schrift der Juden ist die Thora („Weisung“), die Fünf Bücher Mose. Viele Geschichten, viele Bestimmungen, Regeln, Gesetze. Alle Texte sind bestimmten Phasen in der Geschichte der Menschheit oder des Volkes Israel zugeordnet, nicht nur die Geschichten. Die Gesamt-Story geht von der Erschaffung der Welt bis zu dem Punkt, wo die Israeliten aus der Sklaverei in Ägypten befreit sind, jahrelang durch die Wüste gezogen sind und nun vor dem Einzug in das „Gelobte Land“ Kanaan stehen.

Und nun Achtung! Über zwei Drittel der Thora „spielen“ in genau diesen Jahren der Wüsten-Zeit! Dass das so ist, hat viele gute Gründe. Einer scheint mir zu sein: Diese Wüsten-Zeit ist wie Ihr und mein Leben: Aufbrechen, sich orientieren, ankommen, bleiben. Überleben unter schwierigen Bedingungen. Feinde. Regeln, um unterwegs miteinander klar zu kommen. Wieder aufbrechen. Immer wieder. Mit einer großartigen Vision am Horizont der ganzen Reise: das „Gelobte Land“ …

Die Reise durch die Wüste wird uns als Reise mit (und oft: gegen) Gott beschrieben. Zur Reise mit Gott passt das „Heilige Zelt“ („Zelt der Begegnung“, „Stiftshütte“). Das ist ein transportables Heiligtum, das uns über viele Seiten detailliert beschrieben wird. Gerade ist das Heilige Zelt fertig gebaut und eingerichtet …

An dem Tag, als das Heilige Zelt (…) zum ersten Mal aufgerichtet wurde, senkte sich die Wolke darauf herab, und am Abend wurde sie zu einem Feuerschein, der bis zum Morgen leuchtete. So blieb es von nun an: Bei Tag stand die Wolke über der Wohnung des Herrn und bei Nacht der Feuerschein. 

Immer wenn die Wolke sich erhob, brachen die Israeliten ihre Zelte ab und zogen weiter. An dem Ort, wo die Wolke sich niederließ, schlugen sie das neue Lager auf. Sie brachen auf und machten Halt genau nach dem Befehl des Herrn. Blieb die Wolke längere Zeit über dem Zelt, so folgten die Israeliten der Weisung des Herrn und machten einen längeren Aufenthalt. Blieb sie nur wenige Tage, so zogen sie entsprechend früher weiter, jeweils nach der Weisung des Herrn. Ob die Wolke nur eine Nacht blieb oder einen ganzen Tag oder zwei Tage oder auch einen Monat, stets richteten die Israeliten die Dauer ihres Aufenthalts nach der Wolke. Sie blieben oder brachen auf, wie der Herr es befahl. So befolgten sie die Anweisung, die der Herr durch Mose gegeben hatte. (Numeri 9, 15-23)

Na super, das könnte ich für meinen Lebens-Weg auch brauchen, dann ist ja alles klar: Ein Feuerschein und eine Wolke. Dann weiß ich ganz genau, wo es jetzt hin geht, wo ich wie lange bleiben kann und wann Aufbruch angesagt ist. So einfach ist es bei mir nicht, und ich bin da auch Fehler-anfällig. Trotzdem gibt mir Israels Wüstenzeit ein paar „Leitplanken“ für meinen Weg:

  1. Es ist gut, Gott ein „Heiligtum“ in der eigenen Mitte einzuräumen. Nicht, weil es irgendeinen „Zweck“ hätte, für etwas „gut“ wäre. Sondern „um Gottes willen“. Die Mitte – das Herz.

  2. Gott möchte meinen Weg begleiten – Tag und Nacht, Jahr um Jahr. Mal mehr ganz bei mir, mal mehr mir voraus. An Gott kann ich mich orientieren.

  3. Von Gott aus betrachtet, scheint beides dran sein zu können: Langes Verweilen, schnelle Aufbrüche. Bin ICH denn von Haus aus eher Nest-Hocker oder Nest-Flüchter? Eher verharrend? Eher dauernd unterwegs? Wie auch immer: Ich habe dazu zu lernen: Von Gott aus könnte etwas anderes dran sein als das, was ich eigentlich „immer machen würde“.

  4. Der Weg ist NICHT das Ziel, sondern das „Gelobte Land“ ist das Ziel. Aber: Der Weg kann gesegnet sein. Manchmal entbehrungsreich, mit Konflikten, Irrtümern, Sackgassen, aber gesegnet. Mit Gott in meiner Mitte und mit Gott mir voraus.

Gebet:

Gott, ich bitte Dich: Segne meinen Weg! Die sicheren und die tastenden Schritte! Das Ankommen und das Aufbrechen! Lass mich wach sein für die Zeichen Deiner Nähe und für alles, was mir gute Orientierung gibt! Segne meine Weg-Gemeinschaften! Und trag mich, wenn ich nicht mehr kann! Amen.

 

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Gedicht von den verlorenen Söhnen. Andacht zum 2.11.2018

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(Dauer: ein Viertelstündchen so etwa)

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Wie einen Aussätzigen. Andacht zum 26.10.2018

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Die behandeln mich wie einen Aussätzigen!“

Wenn Sie so etwas sagen, dann fühlen Sie sich ausgegrenzt, geschnitten, missachtet. „Die anderen“ halten Sie auf Distanz, wollen wenig mit Ihnen zu tun haben. Jedenfalls sind Sie davon überzeugt.

Und umgekehrt? Behandeln SIE manchmal jemanden wie einen Aussätzigen? – Ach Quatsch! Sie doch nicht!

Obwohl, bei näherem Hinsehen … Es gibt ja Leute – also wie die schon aussehen! Oder wie die sich bewegen. Oder riechen. Da halten Sie sich doch lieber auf Abstand. Oder Leute, die in ihrem Leben bestimmte Dinge verbrochen haben, also mit so welchen kommen Sie nicht klar. Oder Leute, die vertreten so fürchterliche Ansichten, das geht gar nicht. Es gibt übrigens Kliniken, da geben Mitarbeitende Patienten grundsätzlich nicht die Hand. Um sich nicht anzustecken und keine Keime weiterzuverbreiten.

Ich sage das ohne moralische Entrüstung. Oder jedenfalls nur manchmal mit Entrüstung. Denn es ist ja wichtig, eigene Grenzen zu kennen, zu achten, auch zu verteidigen. Manchmal ist es gut, Grenzen durchlässiger zu machen und abzubauen, manchmal aber auch, persönliche Grenzen stark zu machen. Das Wörtchen „Nein!“ sollte jede/r im aktiven Wortschatz haben. „Nein!“ setzt eine Grenze. Besonders wichtig, wenn Leute auf die eine oder andere Art „zudringlich“ werden: Wenn Ihnen jemand mehr als gewünscht auf die Pelle rückt. Wenn Ihnen jemand Themen aufdrängt oder Fragen stellt, worüber Sie nicht reden wollen. Wenn jemand Ihre Zeit, Ihr Geld, Ihr Auto oder was auch immer in Anspruch nehmen möchte, und Ihnen geht das zu weit. (Übrigens: Gegen Tabak-Schnorrer wirkt es am besten, Nichtraucher zu sein.)

Es ist das Spiel von Nähe und Distanz: Mal möchte ich mehr Nähe zum anderen, mal mehr Distanz, Abstand. Und gleichzeitig will der andere genau das, aber da will ich das gerade nicht. Oder ich möchte Nähe im Gespräch bei körperlichem Abstand, und der andere möchte mich in den Arm nehmen, aber jetzt gerade nicht mit mir reden. Oder noch komplizierter: Ich möchte mehr Nähe und GLEICHZEITIG mehr Abstand zum andern.

Es ist wie mit Schopenhauers Stachelschweinen im kalten Winter: Wenn der Abstand zu groß ist, frieren sie. Wenn sie zu nah zueinander rücken, stechen sie einander. Schließlich finden sie den passenden Abstand. Sie nennen ihn: „Höflichkeit und feine Sitte“. ICH meine: Den dauerhaft passenden Abstand gibt es gar nicht. Es ist ein dauerndes Austesten von „Näher“ und „Weiter weg“.

Ein „Aussätziger“ ist sehr weit weg von der Stachelschwein-Herde. Dem Aussätzigen ist es richtig kalt.

Zu Jesu Zeiten war das mit dem Aussatz klar geregelt. Alles in den Mose-Büchern, der Thora, nachzulesen. „Aussatz“ war ein Sammelbegriff für alle möglichen ungesunden „Hautverän­der­ungen“, übrigens nicht nur beim Menschen, sondern z.B. auch Schimmel im Mauerwerk. Aussätzige musste sich fern halten. Die mussten andere vor sich warnen. Sie waren natürlich auch vom gemeinschaftlichen Glaubens-Leben ausgeschlossen, sie waren „unrein“.

Und wer war aussätzig? Oder wer war vom Aussatz wieder geheilt? Das hatten die Priester zu beurteilen, die waren so eine Art Gesundheits-Amt. Das finde ich besonders spannend: Aus­ge­rechnet die Priester, die es mit dem „Heiligen“ zu tun hatten, waren zugleich diejenigen, zu deren heiligen Pflichten es gehörte, sich direkt mit dem „Unreinen“ zu beschäftigen, sich der „Kontamination“ auszusetzen.

Als Jesus von dem Berg herabstieg, folgten ihm viele Menschen nach. 

So fängt im Matthäus-Evangelium die Begegnung zwischen Jesus und einem Aussätzigen an. Von was für einem Berg steigt Jesus da herunter? Es ist der Berg von der „Berg-Predigt“. Der Evangelist Matthäus hat verschiedene Jesus-Worte in drei Kapiteln Berg-Predigt zusammen­gefasst. So wie lange vorher Mose den Israeliten den Willen Gottes vom Berg Sinai mitge­bracht hat, so verkündet Jesus den Leuten nun auf diesem Berg sein Grundsatz-Programm.

Und nun folgen den Worten die Taten: In den nächsten Kapiteln erzählt Matthäus, was Jesus TUT. Und das Erste ist die Begegnung mit einem Aussätzigen:

Und siehe, da kam ein Aussätziger. Er fiel vor Jesus nieder (…)

Das darf er aber doch gar nicht, der Aussätzige! Der hat Abstand zu halten! Der muss laut die anderen vor sich warnen, wenn andere ihm näher kommen! Ich stelle mir vor: Diesen „Annäherungsversuch“ macht unser Aussätziger nicht mal eben ganz locker. Da hat er wohl allen Mut zusammen genommen. Er riskiert, dass Jesus ihn schärfstens zurück weist. Oder die vielen Leute, die Jesus vom Berg herab begleiten. Sie könnten ihn mit Schimpf und Schande verjagen. Und ihm noch Steine hinterher werfen.

Unser Aussätziger durfte sich niemandem zumuten. Nur eines ist klar: Hätte er sich an diese Regel gehalten, es hätte keine Geschichte mit ihm und Jesus gegeben. Es geht nicht anders: Er muss die Regel verletzen. Jetzt will er sich nicht wie ein Aussätziger behandeln lassen. Und vor allem: Er weigert sich, SICH SELSBT wie einen Aussätzigen zu behandeln.

Wieso macht er das? Wieso riskiert er Zurückweisung, Ablehnung, Kränkung?

Er sagte Jesus: „Herr, wenn Du willst, kannst Du mich rein machen!“ 

Aha! Es ist die Hoffnung auf Jesus. Nicht nur, dass Jesus ihm diese Grenzverletzung durchgehen lässt, sondern auch: Dass Jesus ihn heilt! Und was sagt Jesus?

Jesus streckte die Hand aus. Er berührte ihn (…)

Bevor Jesus ein einziges Wort sagt, TUT er etwas: Er streckt seine Hand aus. Jesus berührt den Unberührbaren! Jesus setzt also noch eins drauf auf die verbotene Annäherung. Streng genommen, macht sich Jesus damit selbst „unrein“, er „kontaminiert“ sich. Jesus behandelt den Aussätzigen NICHT wie einen Aussätzigen. Eher so: Jesus macht sich selbst zum Aussätzigen. Es ist keine Barriere da. Eine heilsame Berührung.

Jesus sagte: „Ich will! Werde rein!“

Im gleichen Augenblick wurde der Aussätzige rein. (Matthäus 8, 1-3)

Zur Berührung kommt jetzt noch das Wort. Der Zuspruch. Das genügt. Der Aussatz, der trennende Makel, ist weg. Der Rest ist beinahe Formal-Kram: Das priesterliche Gesundheitsamt, das vorgesehene Opfer. Damit alles seine Ordnung hat und niemand meckern kann.

Und was kann das alles nun für SIE bedeuten? Hier meine knappen Antwort-Vorschläge:

  1. Es gibt viele gute und sinnvolle Regeln. Aber haben Sie gelegentlich auch den Mut, Regeln zu verletzen, Grenzen zu überschreiten! Manchmal muss das sein, sonst bleibt alles so, wie es ist.

  2. Hören Sie auf, SICH SELBST als Aussätzigen zu sehen und zu behandeln!

  3. Wagen Sie wie Jesus an passender Stelle auch die Grenz-Verletzung in die andere Richtung: Berühren Sie den Unberührbaren! Das dient womöglich nicht nur seiner Befreiung, sondern auch der eigenen!

  4. Machen Sie die Bitte des Aussätzigen auch zu Ihrem Gebet: „Herr, wenn Du willst, kannst Du mich rein machen!“ 

Gebet (aus einem Lied):

Meine Engen Grenzen / meine kurze Sicht / bringe ich vor Dich! Wandle sie in Weite! Herr, erbarme Dich!

 

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