Eifersucht. Andacht zum 26.1.2018

ANDACHT HÖREN

Eine merkwürdige Geschichte habe ich heute für Sie. Und eine besondere Botschaft oder Lehre in ihr springt nicht gleich ins Auge.

Dabei finden Sie diese Episode an ziemlich prominenter Stelle. Bei den Christen sind ja Jesu Tod und seine Auferweckung DIE zentralen Ereignisse, und unsere Geschichte spielt dicht dran: einen Tag vor Jesu Kreuzigung.

Weiter: Eine der wichtigsten Feiern der Christen ist das Abendmahl. Und unsere Geschichte ist die Vor-Geschichte zur ersten Abendmahls-Feier …

Am ersten Tag des Festes der Ungesäuerten Brote, an dem man das Paschalamm schlachtete, sagten die Jünger zu Jesus: „Wo sollen wir das Paschamahl für dich vorbereiten?“ Da schickte er zwei seiner Jünger voraus und sagte zu ihnen: „Geht in die Stadt. Dort wird euch ein Mann begegnen, der einen Wasserkrug trägt. Folgt ihm, bis er in ein Haus hineingeht. Dann sagt zu dem Herrn des Hauses: Der Meister lässt dich fragen: Wo ist der Raum, in dem ich mit meinen Jüngern das Paschalamm essen kann? Und der Hausherr wird euch einen großen Raum im Obergeschoss zeigen, der schon für das Festmahl hergerichtet und mit Polstern ausgestattet ist. Dort bereitet alles für uns vor!“

Die Jünger machten sich auf den Weg und kamen in die Stadt. Sie fanden alles so, wie er es ihnen gesagt hatte, und bereiteten das Paschamahl vor. (Markus 14, 12-16)

Merkwürdig, oder? Wieso ist das wichtig, wie Jesus und seine Jünger an ihren Fest-Raum kommen? Die Autoren der Evangelien schreiben sonst meist ja auch nicht haarklein, wie diese Schar umher wandernder Leute die konkreten Dinge ihres Alltags organisiert!

Und dann: Es hat was von einer Phantasy-Story oder einem Märchen: Man wird da und da hin kommen, und dann muss man das und das tun, damit es weitergeht. Und o Wunder: Sie treffen es dann wirklich so an!

Ich schlage Ihnen vor, die Geschichte ganz anders zu lesen. Nämlich so: Zu den großen Pilgerfesten ist Jerusalem immer brechend voll, die Stimmung ist explosiv, die römische Besatzung ist in Alarmbereitschaft. Jesus ist mit seinen Jüngern seit Tagen in der Stadt – und übernachtet immer in Bethanien draußen vor den Toren Jerusalems. Und heute, da hat sich Jesus durch seinen zornigen Auftritt im Tempel und durch manche Streitgespräche nicht nur Freunde gemacht.

Also: Wenn schon den Seder-Abend am Beginn des Passa-Festes in Jerusalem feiern, dann ohne großes Aufsehen! Darum spricht Jesus einen Hausbesitzer an, den er kennt. Der Hausbesitzer ist einverstanden. Sie vereinbaren die Sache mit dem Krug-Träger, der zum Haus gehen soll. Jesus wird zwei seiner Jünger schicken.

Die Jünger selbst haben von all diesen Dingen „hinter den Kulissen“ nichts mitbekommen. Sie denken: Jesus hat das nicht bedacht und hat nichts vorbereitet. Deswegen fragen sie ihn jetzt: „Wo sollen wir das Pascha-Mahl für dich vorbereiten?“ 

Die Jünger, sie wissen nichts. Sie wissen nicht, dass Jesus Vertrauenspersonen in der Stadt hat. Und sie wissen nicht, dass ein paar wichtige Dinge schon längst vorbereitet sind.

Viele Bibel-Geschichten erzählen uns die Ereignisse ganz trocken, ohne Gefühle. So auch hier. Schlicht die Dinge, die passieren. Das lässt uns viel Raum für unsere Phantasien, wie es den Leuten dabei wohl ging.

Ich stelle mir vor: Ich bin Jakobus, der Bruder von Johannes. Seit langem bin ich mit Jesus unterwegs, beinahe 24 Stunden täglich. Manchmal hat Jesus sogar meinen Bruder Johannes, Petrus und mich mitgenommen, wo andere nicht dabei sein sollten: Als Jesus die Tochter des Jairus wieder ins Leben holte. Als Jesus auf den Berg der Verklärung ging. Als Jesus gerade eben noch über die dunkle Zukunft von Jerusalem sprach. Und wenn Jesus erst sein Reich aufrichtet, dann kriege ich bestimmt eine besondere Vertrauens-Position!

Aber jetzt! Jetzt kommt heraus: Jesus hat noch Spezis, enge Vertrauens-Personen, die nicht zu unserer Gruppe gehören! Die wahrscheinlich ganz anders drauf sind. Leute, die ich nicht mal kenne! Und mit denen macht Jesus dann – über unsere Köpfe hinweg – klar, wo und wie wir, wir!, unseren Seder-Abend feiern!

Also mich als Jakobus, mich macht das eifersüchtig. Und sauer auf Jesus. Gut, Jesus ist der „Meister“, der Chef. Aber irgendwo dachte ich auch, wir wären so etwas wie beste Freunde, und wir wissen alles voneinander, und da passt kein Blatt Papier mehr zwischen mich und ihn und zwischen uns und ihn. Aber jetzt merke ich: Ich habe nicht alles gewusst, ich darf wohl auch nicht alles wissen. Und: Jesus hat noch andere „beste Freunde“. Obwohl die nicht mit ihm durch die Lande ziehen, nicht zu seinen „Nachfolgern“ gehören.

Von diesem Eifersuchts-Drama des Dirk-Jakobus Klute steht allerdings nichts in der Bibel. Vielleicht, weil einfach nur die dürren Fakten erzählt werden. Vielleicht aber auch, weil der echte Jakobus und seine Kollegen mehr innere Größe hatten. Weil die nicht eifersüchtig waren. Weil die es gut aushalten konnten und sich sogar daran freuen konnten, dass es noch andere Jesus-Freunde gab.

Ich vermute: Den Wunsch, etwas ganz Einzigartiges für einen anderen Menschen zu sein, den hat wohl fast jeder mal. Und wenn ich mich besonders wenig geliebt, geachtet und aufgehoben fühle unter meinen Mitmenschen, dann wird dieser Wunsch besonders groß sein. Sehr verständlich – und trotzdem sehr problematisch: Denn wenn ich immer total einzigartig sein muss, also nicht nur „einzigartig“, sondern „immer“ und „total“, dann ist Eifersucht vorprogrammiert. Dann sticht es mich, wenn der Freund, die Freundin ähnlich viel Zeit und Interessen mit anderen teilt. Dann drehe ich am Rad, wenn der Partner / die Partnerin sich freundlich mit anderen Leuten meines Geschlechts austauscht oder gar andere in den Arm nimmt.

So ein Eifersuchts-Problem gäbe es wohl auch heute unter Christen, wenn Jesus jetzt aus Fleisch und Blut unter uns wäre: Wenn sich Jesus auf einmal nicht nur mit mir, sondern auch mit anderen beschäftigt. Sogar mit Leuten, die ich nicht leiden kann oder die mich verletzt haben oder die alles so verquer und anders sehen als ich selbst. Eifersucht, wenn Jesus am Sonntag nicht mit mir in meine geliebte XY-Kirche mit den total netten Mitchristen und diesem tollen Pastor Superfit ginge, sondern in diese andere Kirche, von der ich sowieso nicht verstehe, warum da überhaupt noch Leute hingehen.

Nun ist zwar Jesus unter uns, aber nicht aus Fleisch und Blut. Das entschärft das Eifersuchts-Problem: Ich kann mir prima einbilden: Bei „mir“ und bei „uns“, da ist Jesus ganz besonders. Und nicht oder nicht so sehr bei den „anderen“.

Jetzt habe ich keine schnelle Lösung für Ihr Eifersuchts-Problem, falls Sie eines haben. Weder für die Eifersucht auf Ihre aktuellen Mitmenschen noch im Glauben. Eines allerdings ist klar: Diejenige Person, auf die Sie eifersüchtig sind, mit Ihrer Eifersucht zu nerven, löst nicht das Problem, sondern es schafft das Problem. Oft mit dem Ergebnis: Der andere wendet sich entnervt hab. – Na, Sie haben es ja gleich gewusst.

Ich glaube: Christi Herz ist so groß, da haben neben mir noch andere Platz, und zwar ein sehr buntes Volk. Und es ist gut, wenn im Herzen meiner nahestehenden Mitmenschen auch noch andere außer mir Platz finden.

Darum: Sehen Sie Jesus und seine „anderen“ Freunde nicht wie der griesgrämig-eifersüchtige Klute-Jakobus, sondern wie die „echten“ Jünger: Machen Sie das, was Jesus sagt! Bereiten Sie das große Abendmahl mit vor! Und feiern Sie mit!

Gebet:

Christus, in Deinem Herzen finde ich Platz. Darüber freue ich mich. In Deinem Herzen finden so viele und so andere Platz. Dazu hilf, dass ich mich auch daran freue! Amen.

 

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Murren. Teil 11 aus der Exodus-Reihe. Andacht zum 19.1.2018

ANDACHT HÖREN

Es murrte die ganze Gemeinde der Israeliten …“ – so fängt unsere Geschichte nach einer älteren Übersetzung an. Allerdings: Für denjenigen, der murrt, fängt die Geschichte nie so an, sondern immer schon vorher: damit, worüber er murrt. Und: Wer murrt, sieht immer gute Gründe. Als ewige Nörgelei und als endloses Jammern empfinden es nur die anderen. Wer Recht hat, ist also gar nicht immer so klar.

Der ganze Auszug der Israeliten aus der Sklaverei Ägyptens und durch die Wüste zum „Gelobten Land“ ist voller„Murren“. Das ist der Grundton. Chronisch unzufriedene Menschen. Wer viel murrt, ist „mürrisch“. Das ist etwas anderes als „verzweifelt“, „traurig“, „wütend“. Mürrische Menschen sind schwer auszuhalten und noch schwerer zu lieben: dauernd unzufrieden, ständig am nörgeln. Weil sie mit ihren Mitmenschen, dem Schicksal, dem Leben überhaupt, mit allem eine Rechnung offen haben. Mürrische Menschen sind einsam. – Sind Sie ein mürrischer Mensch? Dauernd? Manchmal? Wann genau?

Israels Murren hat in unserer Geschichte allerdings einen handfesten Grund. „Murren“ wegen „Knurren“: Der Magen knurrt, die Israeliten haben kaum mehr was zu beißen.

Hier in der Wüste rottete sich die ganze Gemeinde Israel gegen Mose und (seinen Bruder) Aaron zusammen. Sie murrten: »Hätte der HERR uns doch getötet, als wir noch in Ägypten waren! Dort saßen wir vor vollen Fleischtöpfen und konnten uns an Brot satt essen. Aber ihr habt uns herausgeführt und in diese Wüste gebracht, damit die ganze Gemeinde verhungert!« (Exodus 16, 2ff.)

Die Israeliten machen uns vor, wie man so murrt, dass man selbst und andere darunter leiden:

  • Sie murren sehr früh. Kurz zuvor hatten sie nämlich in der Wüste Wasser bekommen. Davor hatten sie auch schon gemurrt. Gerade die eine Durststrecke hinter sich gelassen – und nichts daraus gelernt? Sie hätten aus der Erinnerung an diese Segens-Zeit Geduld schöpfen können. Aber dann murrt es sich nicht so gut.

  • Die Israeliten murren so früh, weil ihr Murren chronifiziert ist. Sie murren dauernd. Egal, wie die Lebenslage „eigentlich“ ist: Sie finden schon was. Das war schon so, bevor sie aus Ägypten aufgebrochen waren. – Hier bitte mal kurz Ihre Selbstprüfung: „Wie chronisch ist meine Unzufriedenheit?“ Und falls Ihre Unzufriedenheit chronisch ist: Ich weiß zwar keine Lösung, aber Sie wissen jetzt immerhin: Auf den aktuellen Anlass zum Murren kommt es gar nicht an, Sie hätten auch etwas anderes gefunden.

  • Es „rottete sich die ganze Gemeinde Israel … zusammen.“ Die ganze Gemeinde. Murren als kollektives Geschehen. Ob auf der Arbeit, in der Familie, in der Clique oder im Wohnheim: Das klappt wunderbar, sich gegenseitig in eine schlechte, miese Stimmung hinein zu reden. Ein Reden, das spaltet (nämlich gegen Mose und Aaron), das aber zugleich auch verbindet: Fast alle sind sich einig. – Wie hätte denn da ein Einzelner dagestanden, wenn er gesagt hätte: „Aber Moment mal! Schließlich sind wir doch frei! Mose und Aaron bemühen sich wenigstens, und Gott wird uns schon nicht verhungern lassen!“

  • Murren stützt sich auf eine verklärte Wunsch-Welt. „Die Fleischtöpfe Ägyptens“, davon träu­men die Leute mit ihren knurrenden Mägen. Träume, die der Mangel diktiert. Ob es damals für die Sklaven wirklich Fleischtöpfe gab, steht auf einem ganz anderen Blatt. Wer so phantasiert, vernachlässigt die Frage: Sind es denn ausgerechnet „Fleischtöpfe“, die wir hier zum Überleben brauchen? – A propos: Wovon träumen Sie? Was ist Ihre große Sehnsucht? Welcher Mangel diktiert Ihnen diese Träume? Und: Würde Ihnen das Ersehnte wirklich helfen – beim seelischen Überleben, beim Weiterkommen? Schon im Märchen gilt: Wenn man Wünsche frei hat, ist es eine Kunst, auch wirklich gut zu wünschen.

  • Wer als chronifizierter Murrer nur das Negative aufbläht, übersieht das Positive. Dass die Is­ra­eliten ausgerechnet die Fleischtöpfe Ägyptens vor ihren inneren Au­gen sehen, ist problematisch genug. Aber dass sie nichts anderes sehen, macht die Sache schlimm. – Warum sehen sie nicht die Erlebnisse der Befreiung und Bewahrung? Wer sich nicht am Murren fest beißt, wer bereit ist, mehr zu sehen, kann den Mangel besser einordnen, besser verzichten, geduldiger sein, vertrauensvoller. Wer weiß, dass er oder sie viel bekommen hat, muss nicht alles haben.

  • Hätte der HERR uns doch getötet!“ – So lebensbedrohlich kann Murren sein! Die Gefahr der Selbst-Tötung. Wer so denkt und spricht, ist gefährdet. Murren ist also nicht nur einfach lästig für andere. Murren ist richtig schlimm – für die Betroffenen selbst. – Und warum? Wegen der Überbewertung. Unsere Israeliten sehen mit ihrem Tunnel-Blick nur diese eine Sache, fühlen sich schon am verhungern, obwohl sie doch bisher noch zu essen hatten. Und weil sie sich so von Gott, von Mose und Aaron gekränkt fühlen. – Kennen Sie das? Den Tunnel-Blick, die Überbewertung?

  • Die Verantwortung abschieben. „Ihr habt uns herausgeführt und in diese Wüste gebracht!“, sagen die Leute. Ja, sprechen denn da Dreijährige? Haben Mose und Aaron die Israeliten ohne zu fragen an die Hand genommen und mitgeschleift? – Nein, es sind erwachsene Menschen, die sich selbst auf den Weg gemacht haben. Sie dürfen ja gern bezweifeln, ob Sie wirklich auf einem guten Weg sind. Ob es wirklich Gottes Weg ist oder eine Sackgasse. Solche Zweifel können helfen, den Kurs zu korrigieren. Nur eines kann man ehrlicherweise nicht: jede Verantwortung anderen zuschieben. Zum Verführen gehören näm­lich immer zwei – mindestens. Ich meine: Ein volljähriger Mensch sollte nicht sagen: „Ich bin verführt worden!“. Sondern allenfalls: „Ich habe mich verführen lassen!“ Das ist der erste Schritt zur Verantwortung – für die Vergangenheit. Und im zweiten Schritt dann auch zur Verantwortung für die Zukunft.

So viel zur Psychologie des Murrens. – Und was hat das mit Gott zu tun? Ich meine: Dauer-Murrer können nicht vertrauen oder wollen nicht vertrauen. Die sind misstrauisch – gegenüber Gott, gegenüber ihren Mitmenschen. Und sie nehmen ihre misstrauischen Gedanken und schlechten Prophezeiungen für bare Münze. Außerdem: Wer sich schon in relativ „normalen“ Zeiten immer nur an allem Schlechten festbeißt, der übersieht nicht nur das Gute, sondern auch den Geber des Guten. Plötzlich ist dann Gott nicht mehr der Befreier aus Angst, Not und Abhängigkeit, nein, auf einmal hat Gott einen gemeinerweise nicht schon in Ägypten sterben lassen, an den ach so vollen Fleischtöpfen.

Und was tut Gott? Wie geht er mit den Murrern um? Erziehung wäre da angesagt. Sollen die Israeliten doch die Konsequenzen ihres unfairen Murrens spüren und von jetzt ab selber sehen, wie sie in der Wüste klar kommen! – Aber nein, wieder ist Gott so unendlich geduldig, gnädig, liebevoll:

Der HERR sagte zu Mose: »Ich werde euch Brot vom Himmel regnen lassen. Die Leute sollen vor das Lager hinausgehen und so viel sammeln, wie sie für den Tag brauchen.“

Das verstehe, wer kann. Aber so ist Gott. Auch zu Ihnen und mir, zu uns Murrenden. Und deswegen ist mit uns nicht Hopfen und Malz verloren, obwohl wir so sind, wie wir sind.

Gebet:

Gott, Du liebst mich, obwohl ich mich verrenne, den Wald vor lauter Bäumen nicht sehe, so ungeduldig, unfair, ungerecht bin. Und dafür danke ich Dir! Amen.

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Durst-Strecken. Andacht zum 12.1.2018 (Exodus-Reihe, Teil 10)

ANDACHT HÖREN

Eine beeindruckende Rettungsaktion war das: Das Sklavenvolk der Israeliten hatte die Fesseln der Sklaverei abgestreift und die Ketten fallen lassen. Dann waren sie alle mitsamt Habe und Vieh trockenen Fußes durch das Schilfmeer gezogen – und die Verfolger waren darin ersoffen. Jetzt könnte eigentlich ein neues Leben beginnen, oder?

Mose führte das Volk vom Schilfmeer aus in die Wüste Schur. Drei Tage lang wanderten die Israeliten durch die Wüste, ohne Wasser zu finden.

Die Rettung am Schilfmeer ist gerade drei Tage her, und schon ist in den Köpfen der Leute „früher doch alles besser gewesen“. Ausgerechnet in Ägypten, in der Sklaverei. In Ägypten galt man zwar nicht viel und musste schuften. Ja, es gab auch Schläge. Aber wenigstens war klar, wie jeder Tag laufen würde. Keine Ungewissheit. Keine Wüste. Und vor allem: Wasser bis zum Ab­win­ken. Schließlich liegt Ägypten am Nil.

Was ist besser? Wasser in Sklaverei oder Durst in Freiheit? Anderer Herren Knecht am Nil oder sein eigener Herr in der Wüste? Nach einem Tag ohne Wasser mag die Antwort noch zugunsten der Freiheit ausfallen. Aber nach drei Tagen Durst? – Tja, nach drei Tagen gilt dann „früher war alles besser“. Nach drei Tagen ist auch Mose nicht mehr der Befreier und tolle Anführer, sondern der Schuldige. Mose, der das alles angezettelt und eingebrockt hat. Je größer der Durst, desto einfacher die Erklärung, desto klarer, wer die Schuldigen sind.

Aber dann, eeendlich: Wasser!!!

Dann kamen sie nach Mara, wo es Wasser gab.

Ich stelle mir vor, wie die Leute gierig hinrennen, die Köpfe ins Wasser stecken und – angewidert die Mienen verziehen, alles wieder ausspucken. Denn:

… Sie konnten es nicht trinken, weil es bitter war. Deshalb hatte der Ort auch den Namen Mara (Bitterwasser) erhalten.

Ungenießbar! Bisher haben die Leute noch still gehalten. Aber nun entlädt sich der ganze Zorn:

Die Leute von Israel rotteten sich gegen Mose zusammen und murrten: »Was sollen wir trinken?«

Bemerkenswert! Eine Gemeinschaft, die über Generationen vor ihren Sklavenhaltern gekuscht hat, rottet sich ausgerechnet gegen den zusammen, der sie in die Freiheit führt.

Ich stelle mir vor: Das hat Mose geärgert. Der Ärger ist die eine Sache. Eine andere Sache ist es aber hoffentlich, wie man reagiert. Und Mose reagiert weise. Und völlig anders, als es „Führungspersönlichkeiten“ sonst häufig tun. Mose lässt sich auf keinen Schlagabtausch ein, er droht nicht, er spielt sich nicht auf, er bemächtigt sich nicht der Medien und der Justiz. Sondern:

Mose schrie zu Gott um Hilfe …

Das erste Mal in unserer Geschichte, dass Gott ins Spiel kommt. Oder nein: Gott kommt nicht ins Spiel, sondern Mose bringt Gott ins Spiel. Vorher haben sich die Leute nicht besonders dafür interessiert. Der „Gottesmann“ Mose auch nicht. – Schauen wir nochmal auf den ersten Satz der Geschichte:

Mose führte das Volk vom Schilfmeer aus in die Wüste Schur.

Diese harmlos wirkende Bemerkung hat es in sich: Gut ein Kapitel vorher nämlich heißt es: Gott ging seinem Volk tagsüber in einer Wolkensäule und nachts in einer Feuersäule voran. Zeichen von Gottes Gegenwart. Und Orientierungshilfe. Ein göttlicher Navi sozusagen. Aber nun: Mose führt das Volk. Es sieht so aus, als wüsste er besser, wo es lang geht. Besser als Gott.

Ich halte das für einen Führungsfehler. Wer sich an Wolken- und Feuersäule orientiert, wer nach Gott fragt, wer seine Nähe und seinen Willen sucht, wird manchmal auch abgewogener Orientierung geben können. Das ist jetzt kein Plädoyer dafür, blindlinks allem hinterher zu laufen, was nach göttlichen Zeichen oder Offenbarungen aussieht. Kein Plädoyer dafür, den eigenen Verstand auszuschalten und sich gleichzeitig für wer weiß wie weise und erleuchtet zu halten. Nein, sondern: Gott-Sucher sind und bleiben Suchende. „Suchen“ ist weiser als „Wissen“.

Aber nun ist es ja anders: Mose „schreit zu Gott um Hilfe“. Das sind nicht leere Worte. Denn Mose, der das Volk noch kurz zuvor in die Wüste führte, lässt sich nun von Gott etwas zeigen:

… Gott zeigte Mose ein Stück Holz.

Na so was! Ein Stück Holz. Kein Ausweg, keine Rettung, keine Umkehr. Nur ein Stück Holz. Was soll Mose damit machen? Wir lesen kein Wort davon, dass Gott es Mose verrät. Hier sind nun doch Moses eigene Ideen gefragt. Die erste Idee ist ganz simpel – und wirksam:

Mose warf das Holz in das Wasser. Da konnten sie es trinken.

Ein Wunder? Oder ein chemischer Prozess, der das Bitter-Wasser in Süß-Wasser verwandelt? Ich vermute Schlichteres: ein Placebo-Effekt! Das „Süß“-Holz wirkt nicht „an sich“, sondern dadurch, dass die Leute auf die Wirkung setzen. Was für ein guter Effekt! Wenn Ihnen etwas unerträglich bitter erscheint und unzumutbar, obwohl es doch überlebensnotwendig ist auf Ihrem Wüsten-Weg, dann ist es gut, wenn es solche Hölzer gibt. Damit Sie glauben, einsehen, empfinden: Es ist erträglich, es ist zumutbar, es ist gar nicht so bitter!

Da konnten sie es trinken.“ – Nach reinster Erquickung klingt das nicht. „Genießbar“ ist noch weit weg von „Genuss“. Aber es reicht für diese Durst-Strecke. Zum Weiterziehen. Wie früher Lebertran: Kein Vergnügen, aber vonnöten. Und danach wird alles gut – erst mal:

Das Volk zog weiter in die Oase Elim und schlug dort sein Lager auf. Es gab in Elim zwölf Quellen und siebzig Palmen. (Exodus 15, 22-25.27)

Oase. Quellen. Palmen. Wie schön! Wenigstens kleine Oasen zwischendrin, die braucht jeder und jede mal, erst recht auf Durst-Strecken. Es ist falsches Heldentum, tapfer jede Oase zu meiden, bloß keine Umwege zu machen und alles bis zum letzten Schweiß- und Blutstropfen zu geben. Sondern: Auch mal Quellen und Palmen! Es ist gut, dort Rast zu machen. Es ist gut, gezielt nach Oasen Ausschau zu halten. Gut, andere danach zu fragen, …

Die Oase ist nicht der Schlusspunkt. Irgendwann ist wieder Aufbruch. Denn das Land der Verheißung, das Land, „wo Milch und Honig fließen“, ist noch weit und ganz woanders. Bis dahin sind manche Wüsten zu bestehen, manche Kämpfe auszufechten, ist manch bitteres Wasser zu trinken. Aber geb’s Gott, dass Sie immer wieder auf Oasen treffen. Dass Sie sich den Umweg und die Zeit gönnen, sich mit Ihren Weg-Gefährten hinsetzen und die zwölf frischen Quellen genießen. Um später mit frischer Kraft aufbrechen. Die Wolkensäule und den Feuerschein vor Augen …

Gebet:

Gott, ich bin unterwegs. Ich danke Dir, dass Du mitgehst. Ich danke Dir für die Kraft für jeden Schritt. Ich danke Dir für die Oasen. Für jede Erfahrung, wo bitteres Wasser mir süß geworden ist. Für Umwege. Sogar für schwere Abschnitte. Geh Du weiter mit – bis ans Ziel! Amen.

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Exodus, Teil 9: In der Falle. Andacht zum 5.1.2018

ANDACHT HÖREN

Hat das ganze Elend mal ein Ende? In der letzten Andacht vor der Adventszeit waren die israelitischen Sklaven immerhin schon raus aus Ägypten. Aber nun kommt wieder eine Bedrohung auf die Israeliten zu. Oder besser: Die Bedrohung verfolgt sie …

Als dem König von Ägypten gemeldet wurde, dass die Israeliten geflohen waren, bereuten er und seine Minister ihre Nachgiebigkeit. Sie sagten: »Was für eine Dummheit haben wir gemacht! Wir haben die Israeliten laufen lassen, unsere Arbeitskräfte!«

Der Pharao ließ seinen Wagen anspannen und bot seine ganze Kriegsmacht auf. (…) Die ganze ägyptische Streitwagenmacht verfolgte die Israeliten und holte sie ein, während sie (…) am Meer lagerten.

Wir haben unsere Arbeitskräfte laufen lassen!“ Wenn Menschen andere Menschen auf ihren Geld-Wert und ihre Leistung reduzieren, dann droht Unheil. Der Pharao will es einfach nicht dulden, wenn Leute den Weg in die Freiheit nehmen, statt seinen Interessen zu dienen. Der Pharao muss hinterher – mit aller Macht. Gekränkte Eitelkeit spielt wohl auch mit. Für die Nummer Eins ist es nicht zumutbar, wenn ein Sklavenvolk ihm auf der Nase herum tanzt.

Aber hat denn der Pharao schon die zehn Plagen vergessen? Diese Plagen hatten Ägypten und ihn ganz persönlich in die Knie gezwungen. – Ja, er hat die Plagen vergessen. Und nichts gelernt. Die alte Ausbeuter-Mentalität, die alte Eitelkeit, der alte Glaube an die Waffen. All das steuert den Pharao. Seine unbelehrbare Haltung wird ihn schlussendlich ganz wörtlich in den Untergang führen – in den eigenen. Es ist diesmal nicht der Untergang der Verfolgten.

Zunächst sieht es aber ganz anders aus: Die Israeliten sind eingeschlossen. Auf der einen Seite das ägyptische Militär, auf der anderen Seite das Meer. Sie sitzen in der Falle! Was jetzt?

Als die Leute von Israel sahen, wie der Pharao mit seinem Heer heranrückte, packte sie die Angst und sie schrien zu Gott um Hilfe. Zu Mose aber sagten sie: »Hast du uns aus Ägypten geführt, damit wir hier in der Wüste sterben? Gab es in Ägypten keine Gräber? Wozu hast du uns von dort weggeführt? Haben wir nicht gleich gesagt, du sollst uns in Ruhe lassen, wir wollen lieber den Ägyptern dienen? Wir wären besser Sklaven der Ägypter, als dass wir hier in der Wüste umkommen!«

Es ist die blanke Verzweiflung, die die Leute zwei sehr unterschiedliche Dinge tun lässt:

    1. Sie schreien zu Gott um Hilfe.

    2. Sie gucken sich einen Sündenbock aus, und der ist jetzt schuld: Mose.

Die Leute haben offenbar ihre Sklaven-Mentalität sehr verinnerlicht. Diese Mentalität lautet: „Wenn wir uns mit den Verhältnissen arrangieren, dann kommen wir schon einigermaßen durch.“ Gott bleibt der Herr ihres Lippenbekenntnisses, aber ihre tatsächlichen Götter, das sind die Spielregeln vom Pharao.

Was uns das angeht? Antwort: Wie Sie sich arrangieren, ob Sie sich fraglos auf die Regeln Ägyptens einlassen oder einen vielleicht gefährlichen Weg durch die Wüste ins Gelobte Land riskieren, das zeigt, wer Ihr Gott ist. Ihr faktischer Gott, nicht der Gott Ihres Lippen-Bekenntnisses.

Mose reagiert nun in zwei Richtungen: Auf der einen Seite versucht er, den Leuten Mut zu machen. Auf der anderen Seite ruft Mose zu Gott. Und Gott antwortet:

Warum schreist du zu mir um Hilfe? Befiehl den Israeliten, dass sie weiterziehen!

Das ist für mich die stärkste Stelle in der ganze Geschichte: Die Israeliten sollen weiterziehen, obwohl genau das nicht geht! Sie haben doch das Schilfmeer vor der Nase! Sie werden garantiert erst nasse Füße bekommen, dann wird ihnen das Wasser bis zum Hals stehen, und dann werden sie absaufen! Der Untergang ist vorprogrammiert!

Es sind wohl gerade solche Situationen, wo Glaube buchstäblich bewegt: In hoffnungsarmer Lage, ohne Vor und Zurück. Dann trotzdem nicht wie einbetoniert stehen zu bleiben. Sondern im Vertrauen auf Gott Schritte – nein, nicht zu denken, sondern zu tun. Ohne einen Weg zu sehen.

Du aber strecke deine Hand aus und erhebe deinen Stock über das Meer und spalte es, damit die Leute von Israel trockenen Fußes ins Meer hineingehen können! (…)

Erst weiterziehen, wo kein Weg ist. Und jetzt mit ausgereckter Hand und Stock das Meer spalten. Verlangt Gott da ein bisschen viel?

  • Nein! Gott selbst ist es ja, der den Weg schafft, der das Meer teilt.

  • Und zugleich: Ja! In dieser Geschichte ist es mit dem Nichts-Tun nicht getan. Damit Gottes Tun Hand und Fuß bekommt, müssen die Israeliten ihre Füße und muss Mose seine Hand rühren. Nicht bloß denken, fühlen, reden. Die Israeliten müssen die Sache zwar nicht selbst stemmen. Aber sich bewegen sehr wohl. Gottes Bewegung mitvollziehen.

Aber die Ägypter sind schon zu dicht dran. Gott muss zuvor anders eingreifen:

Der Engel Gottes, der sonst ständig vor dem Volk Israel herging, trat nun an das Ende des Zuges. Auch die Wolkensäule, die sonst immer vor ihnen war, stellte sich hinter sie, so dass sie zwischen den Ägyptern und den Israeliten stand. Auf der Seite der Ägypter war sie dunkel, aber auf der Seite der Israeliten erhellte sie die Nacht. So konnten die Ägypter den Leuten von Israel die Nacht über nicht näher kommen. (Alles aus Exodus 14)

Der Engel und die Wolkensäule stehen für Gottes Gegenwart. Gottes wirksame Gegenwart erhellt hier die Nacht. Sie kann die Nacht aber auch verdunkeln, hier macht sie es den Ägyptern dunkel. Je nach dem, auf welcher Seite man steht – bei den Verfolgten oder bei den Verfolgern.

Und: Hier ist Gottes Gegenwart mal nichts Verbindendes, sondern etwas Trennendes. Um die einen vor den anderen zu beschützen. – Ich darf Gottes Gegenwart auch dafür suchen, dass Gott mich eine schützende Trennung durchzuhalten lässt.

Und dann: Die Verfolgten ziehen trocknen Fußes durch’s Meer in die Freiheit. Und die Verfolger, der Pharao und seine Mitläufer, gehen darin unter. Schade, dass es „im richtigen Leben“ meistens nicht so läuft. – Oder? Na ja, auch wenn ich es mir gern anders einrede: Zu den Verfolgten oder zu den Leuten auf der „guten“ Seite gehöre ich nicht immer. Als Westeuropäer mit geregeltem Einkommen bin ich eher Profiteur der Ausbeutung anderer Menschen und der Schöpfung. Vielleicht wäre ich im Schilfmeer mit abgesoffen.

Die Geretteten, die Befreiten, sie kommen am rettenden Ufer an. Aber damit sind sie nicht automatisch im Gelobten Land. Die Trauben wachsen ihnen nicht in den offenen Mund. Eine lange Wüstenzeit, Entbehrungen und heftige Auseinandersetzungen liegt noch vor ihnen. Freiheit kann manchmal sehr anstrengend sein.

Also doch lieber bequem? Zurück an Ägyptens Töpfe mit dünner Suppe drin, die nur im verklärenden Rückblick zu Fleischtöpfen werden? Um Gottes willen: Nein! Denn Gott will Ihre Freiheit!

Gott mutet und traut Ihnen dazu Verantwortung zu. Auch wenn es schwer ist. Also: Nicht einbetoniert stehen bleiben! Schritte tun! Die Hand ausstrecken! Gottes Bewegung mitvollziehen! Vertrauen!

Gebet:

Du Gott der Freiheit, ich bitte Dich: Mache mein Herz, meinen Willen, meine Hände und Füße stark gegen alles Fesselnde! Gegen das, was mich bindet, schmerzend oder auch verlockend! Sei Du mein Schutz und meine Ermutigung durch die Wüste hindurch in die Freiheit! Amen.

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Alles klar? Andacht zum 22.12.2017 und zu Weihnachten

ANDACHT HÖREN

„Na, alles klar?“ „Alles klar! Und bei Dir?“ „Auch.“ So sprach man noch vor wenigen Jahren. Heute ist „Alles gut?“ angesagt. Dabei ist nie alles gut, finde ich. Ob „klar“ oder „gut“: Die Leute machen einander gern etwas vor, was nicht ganz den Tatsachen entspricht.

Weihnachten ist das Fest, zu dem die Leute anderen und sich selbst erst recht gern etwas vormachen. Eben dass alles klar und gut und schön ist – mit meinen Lieben und auch in mir drin, mit meiner inneren Zufriedenheit. Es ist nur gar nicht so leicht, dieses „Alles klar“ konsequent durchzuziehen, wenn die Wahrheit völlig anders aussieht. So ist Weihnachten nicht nur das Fest des Friedens und der Harmonie, es wird manchmal auch zum Fest des Streits, der Zerwürfnisse, der Verzweiflung, der Einsamkeit, der Melancholie.

Ist bei Ihnen alles klar? Nein? – Gleich geht es um Menschen, denen auf einmal „alles klar“ wird. Wir befinden uns mitten in der Weihnachtsgeschichte. Maria hat gerade im Stall ihr Baby bekommen.

Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Herden, die hüteten des Nachts ihre Herde. Und der Engel des Herrn trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie. Und sie fürchteten sich sehr. (aus Lukas 2)

Die Hirten von Bethlehem. Ganz unvermittelt tauchen sie in der Geschichte auf. Uns bleibt unklar, wie sie heißen, was für Menschen sie sind, welche privaten Freuden oder Dunkelheiten sie beschäftigen, während sie nachts hier auf dem Feld ihre Schafe hüten. Aber dann: „die Klarheit des Herrn umleuchtete sie.“

Von einem Moment auf den anderen ist die Nacht erleuchtet. Weihnachten erreicht die Hirten wie ein Hammerschlag und lässt sie aus dem Dösen aufschrecken. Eine wirkliche, völlig ungeahnte Weihnachts-Überraschung! Ohne jedes Vor-Programm: Kein Adventskranz und kein Adventskalender, keine Feierpläne und kein Geschenke-Besorgen, keine Vorfreude, kein Weihnachtsmarkt, kein Glühwein, nichts mit Spekulatius. Überraschung pur. Schlagartig sehen die Hirten sich selbst, sehen sie die Kollegen, die Schafe und überhaupt ihr aktuelles Leben in hellem Licht. „Klarheit des Herrn“ – für die Hirten ist „alles klar“ und hell.

Wären Sie gern mit dabei? –Sagen Sie bitte nicht vorschnell „ja“! Denn für die Hirten ist ihr Weihnachten zunächst ein Schreckens-Erlebnis: „Sie fürchteten sich sehr“! Keine Weihnachtsfreude, sondern Angst und Entsetzen bis in die Knochen. So ist das: Wo ich mich und mein Leben auf einmal im Lichte Gottes sehe, ganz unvermittelt, ungebremst, ungeschützt, da kann mich das erschrecken und entsetzen. Eher das Gegenteil von religiöser Besinnlichkeit und Harmonie. Für die Hirten zunächst ein „Fest“ des Schreckens. Aha! „Alles klar“ kann manchmal das genaue Gegenteil von „Alles gut!“ sein!

Das ändert sich erst, als der Engel das WORT ergreift. Wie schon in den Andachten der letzten Wochen bei Zacharias und bei Maria: Der Engel lässt auch die Hirten in ihrem Entsetzen nicht vergehen. Was sagt er? „Fürchtet euch nicht!“ Dann erzählt der Engel den Hirten von dem Baby in einem Stall. Und dass dieses Kind der „Retter“ ist. – Wie gut, dass Gott manchmal einen Engel schickt. Einen, der uns bei der Hand nimmt und sagt: „Hab doch keine Angst!“ Gottes Engel sind für diejenigen Erlösungs- und Befreiungs-Sätze zuständig, die Sie sich selbst nicht sagen können. Oder die Sie sich selbst nicht glauben, weil sie wie das Pfeifen im dunklen Wald klingen. Da muss dann schon ein Engel kommen. Oder jemand muss Ihnen zum Engel werden, damit Sie sich an den Worten festhalten und sich drauf verlassen.

Der Engel sagt den Hirten sein „Fürchtet euch nicht!“ nicht einfach so dahin. Er hat einen Grund: Das Baby. Der Retter. Das ist der entscheidende Hinweis. Gerade noch hatte die „Klarheit des Herrn“ die Hirten schonungslos aus ihrem Dösen ans Licht gezerrt, sie in große Furcht gestürzt. Nun lassen die Engels-Worte das Licht selbst in einem anderen Licht erscheinen: „Die Klarheit des Herrn“, es ist das Licht des Retters, meines Retters, der zu meinem Heil irgendwo da hinten in einem Stall liegt.

Die Hirten können nicht wirklich verstehen, was es mit dem Baby für sie auf sich haben soll. Aber sie hören und sie ahnen etwas von der Bedeutung dieses Babys für sie. Das macht ihnen nun Beine. Sie eilen, sie suchen, sie finden. Sie sehen und fühlen. Ein Baby armer Eltern wie tausend andere. Und doch eines wie kein anderes. Der Retter! Die Hirten sehen jetzt mehr und sie sehen tiefer. Denn: Sie haben vor dieser Baby-Begegnung die „Klarheit des Herrn“ gesehen. Sie haben den Engel gehört. Wenigstens für diesen Moment ist wirklich „alles klar“.

Die Hirten in unserer Geschichte sind nicht eben passiv. Aber der eigentlich Handelnde ist Gott selbst: Gott umgibt die Hirten mit seiner erschreckender Klarheit. Gott lässt ihnen „Fürchtet euch nicht!“ sagen. Und Gott lässt die Hirten den Retter im Futtertrog erleben. Da bleibt den Hirten selbst nicht mehr viel zu tun: aufbrechen, sehen, Gott preisen und loben.

Und Ähnliches wünsche ich Ihnen (und mir) zu diesem Weihnachten 2017:

  • Dass Gott unser Leben und speziell unsere Dunkelheiten mit seiner Klarheit umgibt. Dass wir uns in seinem Licht sehen. Selbst wenn uns das erschreckt und ängstigt.

  • Dass Gott uns durch seine Engel, auch die ohne Flügel, sagt: „Fürchte Dich nicht!“ Und: „Der Retter ist da!“

  • Dass Gott uns die Augen öffnet für das armselige Kind im Stall; für den Hingerichteten am Kreuz; für das leere Grab am Ostermorgen. Damit wir sehen: Unseren Retter! Gott ist mit uns!

Gebet:

Gott, Deine Klarheit hat die Hirten aus ihrem Schlaf schrecken lassen. Dein Wort hat sie den Weg zur Krippe suchen und finden lassen. Der Anblick des Babys hat sie ins Loben und Preisen gebracht.

Ich bitte Dich: Schenke Du mir Deine Klarheit, auch wenn sie mich schreckt. Sprich zu mir Dein tröstendes Wort. Hilf, dass ich in Jesus heute neu meine Rettung und mein Heil finde. Amen.

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Advents-Hüpfer. Andacht zum 15.12.2017 und zum 3. Advent

ANDACHT HÖREN

Was lässt Sie hüpfen? Springen? – Ich fürchte: Nichts. Nichts, was Sie hüpfen lässt. Wieso ich das glaube? Weil mir beim Hüpfen immer nur Kinder einfallen. Auf dem Schulhof über Kästchen auf dem Asphalt. Oder auf einem Bein. Oder Seilchen-Springen. Was davon haben Sie in den letzten 14 Tagen gemacht? Na? – Sehen Sie, das meine ich!

Es gibt natürlich Leute, die sind alt und gebrechlich. Und Leute, die sind jung und gebrech­lich. Aber es gibt auch viele Erwachsene, da würde der Körper das Hüpfen mitmachen.

Als ich bei der Andachts-Vorbereitung an diesem Punkt war, bin ich erstmal aufgestanden, bin in die Luft gesprungen. Und habe „Juchhu!“ geschrien. Obwohl es zu der Zeit gerade ein paar Argumente in meinem Leben gab, keine Luftsprünge zu machen. Es tat aber trotzdem gut. Oder deswegen. „Kontrafaktisch“ nenne ich das. Entgegen den Fakten. Ich sollte viel­leicht öfter was machen, was gegen die Fakten spricht, was gerade nicht so passt.

Mögen Sie das jetzt mal probieren? Der Luftsprung mit „Juchhu!“? Dem aktuellen Leben zum Trotz? Und wer körperlich nicht kann – vielleicht nur das Juchhu? Ich war gerade drauf und dran, Ihnen diese kleine Übung zu erlassen. – Wenn Sie nämlich in einem Großraumbüro sitzen und niemand wissen darf, dass Sie hier Ihre privaten Sachen lesen. Im Moment bin ich mehr für Unbarmherzigkeit: Machen Sie’s!

🙂

So, und nun die Bibel-Geschichte mit dem Sprung. Diese Geschichte bringt die Hauptper­sonen der beiden letzten Wochen zusammen: Elisabeth und Maria.

Elisabeth, das ist die Frau, die über ihrem unerfüllten Kinderwunsch alt geworden ist. Und als wäre das nicht schon schwer genug, passiert auch noch Folgendes: Ihr Mann ist Priester. Und nun kommt er vom Tempel-Dienst in Jerusalem zurück – und er ist stumm! Der Liebe hat dieses Handicap offenbar keinen Abbruch getan: Elisabeth wird schwanger.

Und dann Maria, diese junge Frau, wohl noch gänzlich ohne Kinderwunsch. Ausgerechnet ihr verkündet der Engel: Du wirst schwanger. Ohne Mann. Denn Dein Kind, es wird der „Sohn des Höch­sten“ genannt werden! – Marias Reaktion? „Siehe, ich bin des Herrn Magd! Mir geschehe, wie du gesagt hast!“ Das ist Einwilligung. Begeisterung hätte anders geklungen.

Die Reihenfolge: Zuerst wird Elisabeth schwanger. Sie hält sich „fünf Monate verborgen“. In Elisabeths sechstem Monat wird Maria schwanger.

Bald danach machte sich Maria auf den Weg und eilte zu einer Stadt im Bergland von Judäa. Dort ging sie in das Haus von Zacharias und begrüßte Elisabeth. Als Elisabeth ihren Gruß hörte, hüpfte das Kind in ihrem Leib. Da wurde sie vom Geist Gottes erfüllt und rief laut: »Gesegnet bist du von Gott, auserwählt unter allen Frau­en, und gesegnet ist die Frucht deines Leibes! Wie komme ich zu der Ehre, dass die Mutter meines Herrn mich besucht? Ja, das bist du! Denn in dem Augenblick, als dein Gruß an mein Ohr drang, machte das Kind einen Freudensprung in meinem Leib. Du darfst dich freuen, denn du hast geglaubt, dass sich erfüllen wird, was der Herr dir ankündigen ließ!«

Maria besucht Elisabeth. Genau genommen, treffen sich da aber vier Personen, und für drei von ihnen ändert sich schon in den ersten Sekunden dieses Treffens ausdrücklich etwas:

  • Das ungeborene Kind von Elisabeth im Leib seiner Mutter, der spätere Täufer Johannes: Es hüpft! Seine Mutter deutet es als Freudensprung.

  • Elisabeth selbst: Sie spürt diesen Freudensprung. Sie wird vom Geist Gottes erfüllt. Sie „erkennt“ ihren „Herrn“, obwohl doch noch gar nichts zu sehen ist: Maria ist ja gerade erst schwanger geworden. Und: Nun enden die Monate des Sich-Verbergens! Elisabeth wird mutiger, offener!

  • Maria: Gerade erst schwanger – und so verunsichert, dass sie es sehr eilig hat, die ältere Elisabeth von Galiläa aus im fernen Judäa zu besuchen. Aber jetzt! Nach diesen geist-erfüllten Begrüßungsworten von Elisabeth stimmt Maria ihren großen Lobpreis an, ihr „Magnifikat“. Kein schüchternes, sondern ein begeistertes „Ja“ zu ihrem Kind und dazu, wer sie sein darf in diesem göttlichen Drama mit seiner Welt.

Ein Besuch, der dann drei Monate (!) dauert (Vers 56). Ich stelle mir vor: Diese drei Monate haben den beiden Frauen richtig gut getan. Übrigens: Josef war gar nicht erst mit, und Zacharias war noch stumm. Wie das zu bewerten ist, überlasse ich Ihnen .

Wann genau macht es „Klick“ in dieser Geschichte? Die Antwort steht glasklar da: „Als Elisabeth ihren Gruß hörte, hüpfte das Kind in ihrem Leib.“ Aha! Ein Gruß! Das ist Wasser auf meine Mühlen. Ich finde nämlich: Ein Gruß ist die elementarste Form positiver mensch­licher Begegnung. Selbst im Vorübergehen signalisiert ein Gruß: „Ich habe Notiz von Dir genommen! Ich habe Dich gesehen! Ich habe eine positive Haltung zu Dir!“ Es ist umgekehrt Zeichen einer schweren Störung im Miteinander, wenn ich wegschaue statt zu grüßen. Oder einen Gruß nicht erwidere.

Ein Gruß: Eine Stimme. Ein Wunsch. Ein Winken, ein Handschlag, eine Umarmung. Bei den Franzosen und bei Liebenden: ein Kuss. In unserer Geschichte: ein Gruß, der wirklich tief berührt. Er bringt Johannes (der da noch gar nicht so heißt) zum Hüpfen. Und dieses Hüpfen öffnet Elisabeth für Gottes Geist. Dann öffnet dieses Hüpfen ihren Mund für große Worte an Maria. Und so öffnet sich dann Marias Mund für ihr „Magnificat“, ihren großen Lobgesang.

Für Christinnen und Christen stehen bei Jesus vor allem sein Kreuzestod und seine Aufer­weckung im Mittelpunkt. Aber schon davor: So viele Worte von ihm, die treffen und bewe­gen. So viel, was Jesus seinen Zeitgenossen Heilsames tut. Das hat Wirkung, das macht den Leuten seiner Zeit Eindruck.

Aber hier: Jesus ist gerade erst gezeugt. Er hat nichts gesagt und nichts vollbracht, man sieht noch nicht mal etwas von ihm, Ultraschall ist noch nicht erfunden. Schon gar nicht gibt es Glaubenssätze über seine Person oder Bücherregale über den Glauben, für den er steht. Und trotzdem: Jesus wirkt! Eine Kraft, die in einem Gruß überspringt, die einen hüpfen lässt, die einen für einen neuen Geist öffnet. Eine Kraft, die einen ins Loben bringt und aus der Verborgenheit heraus hilft.

Als verkopfter Theologe meine ich dazu: Nichts gegen gute christliche Bücher! Schon gar nichts gegen selbst angeeignete Glaubenssätze und durchdachte Überzeugungen! Auch nichts gegen knapp zweiseitige Andachten über eine Geschichte aus neun Zeilen!

Aber: Es kann sein, dass der entscheidende Funke an einer ganz anderen Stelle über-„springt“. Und dass Christus ganz Entscheidendes wirkt, wo ich ihn gar nicht erwarte. Dafür wünsche ich Ihnen in diesen Tagen des Advents gute Antennen und die nötige Offenheit!

Übrigens: Heute schon gegrüßt? Mit Blick? Mit Stimme? Mit Handschlag? Mit Umarmung?

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Empfängnis. Oder: Christi Geburt in der Seele. Andacht zum 8.12.2017 und zum 2. Advent

ANDACHT HÖREN

„Wie soll ich Dich empfangen?“ – Ein Adventslied heißt so. Klingt nach „Empfängnis“. Dazu die heutige Geschichte: Maria wird schwanger – obwohl sie „von keinem Manne wusste“.
Mit dieser Geschichte kann man schnell fertig sein. Die einen sagen: „Jungfrauengeburt? – Alles schräge Vorstellungen der Antike, nicht mehr gegen­warts­tauglich. Und weg damit!“ Die anderen sagen: „Daran hängt es aber, dass Jesus Gottes Sohn ist! Außerdem ist für Gott nichts unmöglich. Also stimmt das, und basta!“
Ich meine: Beide sind ZU schnell damit fertig. Denn: Die Geschichte fängt erst dann, richtig zu sprechen, wenn wir von dieser Frage weg kommen: „Was war denn nun tatsächlich?“
Die ersten Christen haben diese Frage meist nicht hoch gehängt:
Zwar berichten und die Evangelisten Lukas und Matthäus von der „Jungfrauengeburt“. Aber wer nur das Markus-Evangelium hatte, konnte Christ sein, ohne sich einen Deut mit Jesu Empfängnis, Geburt und Kindheit beschäftigt zu haben. Denn bei Markus steht von all dem nichts. Dort passiert erst bei Jesu Taufe das Entscheidende. Da sagt Gott: „Du bist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe!“
Für Paulus war die Geburt Jesu offenbar „ganz normal“ (Galater 4,4). Jesus als Gottessohn hat für ihn vor allem mit seiner Auferweckung zu tun (Römer 1,4), nicht mit der Zeugung.
Nach Johannes haben alle Christen eine geistliche Jungfrauengeburt hinter sich (Johannes 1, 12-13).
Und: Wer es mit der Jungfrauengeburt hält, muss da­von Abschied nehmen, dass Jesus ein Spross aus dem Stammbaum Davids ist. Denn beide Stammbäume Jesu in der Bibel (ausgerechnet bei Matthäus und Lukas) enden bei Josef, nicht bei Maria.
Darum: Wenn Sie das Folgende lesen, dann lassen Sie sich nicht durch die Frage ablenken: „Wie war es denn tatsächlich?“ Das ist nicht so wichtig.

Der Engel Gabriel wurde von Gott in eine Stadt in Galiläa namens Nazareth  zu einer Jungfrau gesandt. Sie war mit einem Mann namens Josef verlobt, der aus dem Haus David stammte. Der Name der Jungfrau war Maria. 
Der Engel trat bei ihr ein und sagte: „Sei gegrüßt, du Begnadete, der Herr ist mit dir!“ Sie erschrak über die Anrede und überlegte, was dieser Gruß zu bedeuten habe. Da sagte der Engel zu ihr: „Fürchte dich nicht, Maria! Denn du hast bei Gott Gnade gefunden. Du wirst ein Kind empfangen, einen Sohn wirst du gebären. Dem sollst du den Namen Jesus geben. Er wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden. (…) Seine Herrschaft wird kein Ende haben.“
Maria sagte zu dem Engel: „Wie soll das geschehen, da ich von keinem Mann weiß?“ Der Engel antwortete ihr: „Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten. Deshalb wird auch das Kind heilig und Sohn Gottes genannt werden. (…) Denn für Gott ist nichts unmöglich.“
Da sagte Maria: „Ich bin die Magd des Herrn. Mir geschehe, wie du es gesagt hast.“ Danach verließ sie der Engel. (Lukas 1, 26-38)

Maria. Eine Frau irgendwo auf dem Dorf, frisch verlobt. Wahrscheinlich ziemlich jung, vielleicht war sie 15. Die Welt würde sich auch ohne Maria und ohne uns weiter drehen.
Aber aus Gottes Perspektive ist sie nicht eine unter Millionen: Sie ist eine „Begnadete“, sie hat „Gnade bei Gott gefunden“. Sie soll den „Sohn des Höchsten“ in sich tragen, ihn „zur Welt“ bringen.
Auch für Frauen heute ist eine Schwangerschaft oft eine Überraschung – für die einen eine schöne, eine „Gnade“. Für die anderen ein Unglück, mit viel Angst und Sorgen verbunden. Meistens wird eine Schwan­gerschaft wohl beides sein. Ich stelle mir vor: Bei Maria war nach dem Erschrecken auch viel Skepsis: Wie sollte sie ihrem Verlobten Josef die Sache vermitteln? Wie würde sie in Nazareth dastehen? Maria wird sich schon als Alleinerziehende gesehen haben, ohne Kindergeld, ohne Unterhalt, aber dafür mit Spott und Verachtung im Dorf.
Aber vorher eben das Erschrecken – über den Engel und über seine Ankündigung. Maria soll den „Sohn des Höchsten“ zur Welt bringen und großziehen. Klar, die Frage nach der „Jungfrauengeburt“ – wie soll das denn gehen? Maria wird die Erscheinung des Engels, seine Worte und Antworten nicht wirklich verstanden haben. Dennoch: Sie willigt ein, sie lässt all das geschehen: „Ich bin die Magd des Herrn. Mir geschehe, wie du es gesagt hast.“
Ich meine: Es geht bei uns um etwas Ähnliches wie bei Maria damals, egal, ob Mann oder Frau: Nämlich Christus in uns tragen, ihn in uns groß werden lassen, ihn „zur Welt bringen“, ihm durch uns hindurch eine Gestalt geben. Oder: Uns von ihm gestalten lassen. Als Menschen leben, die mit Christus schwanger gehen. Nicht mehr nur das eigene Leben leben, schon gar nicht ein fremdbestimmtes Leben fortsetzen, sondern Größeres in sich tragen: Ihn!
„Mit Christus schwanger gehen“, wäre das eine gute oder eine böse Überraschung für Sie? Auch da: Es kann beides sein. Christus könnte ungelegen kommen. Wenn ich ihn in mir habe, dann werden andere Dinge weniger wichtig. Dann ändern sich vielleicht Lebenspläne. Dann kann das Abschied bedeuten – von bestimmten Gewohnheiten, Einstellungen, manchmal von bestimmten Menschen. Vielleicht erfüllt mich dieses Neue mit guter Hoffnung, eben weil meine bisherigen Denk- und Lebensweisen nicht so bleiben, wie sie früher einmal irgendwie geworden sind.
Da stellt sich nun aber bei uns ähnlich wie bei Maria die Frage ein: „Wie soll das zugehen?“ – Wo das große Wunder bisher nicht eingetreten ist? Wo ich mich doch schon so abgemüht habe, dass endlich etwas anders wird, dass ich ein neues Leben be­ginne?
Die Antwort des Engels: „Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höch­sten wird dich überschatten. Deshalb wird auch das Kind heilig und Sohn Gottes genannt werden.“ – Aha! Manches Entscheidende kann eben nicht ich bewegen. Sondern: Ich werde bewegt. Ein geistliches Ge­sche­hen – weil Gottes Geist mich bewegt. Weil Gott mit seinem Geist etwas in mich legt, was nicht von mir stammt, was dann aber trotzdem zu mir gehört. Die Kraft des Höch­sten, diese heilige und heilende Kraft. Vielleicht klein, keimhaft. Ein Samenkorn. Und doch: Es ist da. Und es wächst, dieses „Bild des Christus“ in mir.
Was können Sie nun tun, um Christus in sich zu tragen und ihn zur Welt und in Ihr Leben zu bringen? Nichts! Denn: Betriebsamkeit führt in geistlichen Dingen schnell zu Hoch­mut, zu falscher Demut und zu falscher Sicherheit – kurz: zu geistlicher Schein-Schwan­ger­schaft: Da denke ich, etwas Wer-weiß-was-Heiliges in mir zu tragen – und es ist: heiße Luft. Alle merken, dass da was nicht passt. Nur ich nicht – oder noch nicht …
Anders Maria: „Ich bin des Herrn Magd. Mir geschehe, wie du gesagt hast.“ Also: Hören; und dann: es zulassen, es geschehen lassen. Das wäre mal was Neues: Es nicht selbst in die Hand nehmen müssen oder wollen und in eine bestimmte Richtung bringen. Aber sich auch nicht resigniert hin und her schieben lassen, als ginge ich mich selbst nichts mehr an.
„Mir geschehe, wie Du gesagt hast!“ So kurz und knapp können Sie es sagen. So können Sie es beten. Damit Christus in Ihnen Raum hat. „Mir geschehe, wie Du gesagt hast!“

Gebet (aus EG Nr. 37)

Ich sehe Dich mit Freuden an
und kann mich nicht satt sehen.
Und weil ich nun nichts weiter kann,
bleib ich anbetend stehen.
O dass mein Sinn ein Abgrund wär
und meine Seel ein weites Meer,
dass ich Dich möchte fassen!

Eins aber, hoff ich, wirst Du mir,
mein Heiland, nicht versagen:
dass ich Dich möge für und für
in, bei und an mir tragen.
So lass mich doch Dein Kripplein sein!
Komm, komm und lege bei mir ein
Dich und all Deine Freuden!

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