Der Vater. Andacht zum 4.9.2015

Bibelkennerinnen unter Ihnen werden gelangweilt die Augenbrauen hochziehen: Jesu Gleichnis vom „verlorenen Sohn“ kennen Sie bis zum Abwinken. Aber heute gibt es die Geschichte etwas anders: Sie sollen sich nicht in einen der beiden Söhne einfühlen, sondern in den Vater.

Ein Mensch hatte zwei Söhne. Und der Jüngere von ihnen sprach zu dem Vater: Vater, gib mir den Teil des Vermö­gens, der mir zufällt!

Das klingt nicht wie der Anfang, sondern wie das Ende – nämlich einer Konflikt-Geschichte. Man hat sich nichts mehr zu sagen. Außer eben: Das Kind will was. Geld. Ansprüche klären. Und dann nichts wie weg. Sonst nichts mehr vom Vater erwarten. Faktisch verlangt der Jüngere die Auszahlung des Erbes. Die Botschaft dahinter: „Alter, du bist für mich gestorben!“ Und der Vater? Der muss doch richtig auszuflippen! Oder Panik: Der Junge wird gehen!! Vielleicht jetzt bitten, flehen, jammern? Aber der Vater reagiert ganz anders:

(Der Vater) teilte ihnen die Habe.

Also: Der Sohn kriegt seinen Willen, kriegt sein Erbe. Keine Worte, weder zürnende noch flehende. Ich, ich würde diesem rotzfrechen Bengel nicht auch noch das Geld hinterher werfen. Aber dass der Vater zahlt, hat noch eine andere Seite: Er bestätigt damit die Botschaft „Du bist für mich gestorben!“ Jedenfalls wird der Vater wird viel später sagen: „Mein Sohn war tot …!“
Der andere Sohn, von dem wir bis hierher gar nichts wissen, bekommt ebenfalls seinen Anteil. Der ist jetzt auch reich. Aber der begreift das gar nicht, erfahren wir später …

Nach nicht vielen Tagen brachte der jüngere Sohn alles zusammen und reiste weg in ein fernes Land.

Möglichst schnell und möglichst weit weg! Ein neues, ein geradezu auffällig anderes Leben beginnt. Aber so aufregend toll, wie es beginnt, bleibt es nicht …

Dort vergeudete er sein Vermögen, indem er verschwenderisch lebte. Als er aber alles verzehrt hatte, kam eine gewaltige Hungersnot über jenes Land, und er selbst fing an, Mangel zu leiden. Und er ging hin und hängte sich an einen der Bürger jenes Landes, der schickte ihn auf seine Äcker, Schweine zu hüten. Und er begehrte seinen Bauch zu füllen mit den Schoten, die die Schweine fraßen; und niemand gab sie ihm. Als er aber zu sich kam …

Das steht da wirklich so: „Als er aber zu sich kam“. Vorher ist er offenbar nicht ganz bei sich. Nicht mehr bei sich auf dem väterlichen Bauernhof und in dem Leben, in das er hineingeboren wurde. Und in der Ferne, wo er jetzt „sein“ Leben führen will, da kommt er sich auch nicht wirklich näher. Aber nun, auf der untersten Stufe der sozialen Leiter, verdreckt und hungrig und im Saustall, ausgerechnet da kommt er zu sich.

Er sprach: Wie viele Tagelöhner meines Vaters haben Überfluss an Brot, ich aber komme hier um vor Hunger. Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen und will zu ihm sagen: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir. Ich bin nicht mehr würdig, dein Sohn zu heißen! Mach mich wie einen deiner Tagelöhner!

Der Junge kann gar nicht wissen, ob sein Vater überhaupt noch am Leben ist. Trotzdem gilt für den Jungen nicht mehr dieses „Der ist für mich gestorben!“ Dreimal sagt er „Vater“. Zugleich geht er noch immer selbstverständlich davon aus: „Ich bin für ihn als Sohn gestorben! Ich hab’s vergeigt! Unwürdig, Sohn zu heißen. Tagelöhner – das käme noch infrage.“

Und er machte sich auf und ging zu seinem Vater. Als er aber noch fern war, sah ihn sein Vater und wurde innerlich bewegt und lief hin und fiel ihm um seinen Hals und küsste ihn.

Aha! So ganz mausetot war der Sohn für den Vater doch nicht! Der Vater hat ihn zwar gelassen. Ist ihm nicht nachgerannt, hat keine Briefe und SMS geschrieben, hat keine Erkundigungen eingezogen. Der Sohn ist gerade erst zu sich gekommen – der Vater ist immer bei sich geblieben. Aber: Er hat Ausschau gehalten. Jeden Tag und immer wieder. Und nun erkennt er ihn von „fern“. Als Vater wird er wie auf Knopfdruck richtig „lebendig“: Er ist „innerlich bewegt“, er rennt und umarmt und küsst seinen Sohn. Ja, der Rotzlümmel ist sein Sohn!
Deswegen geht der Vater mit keinem Wort auf „gesündigt“ und „Tagelöhner“ ein, sondern wendet sich direkt an sein Personal:

Bringt schnell das beste Gewand heraus und zieht es ihm an und tut einen Ring an seine Hand und Sandalen an seine Füße! Und bringt das gemästete Kalb her und schlachtet es, und lasst uns essen und fröhlich sein! Denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden, war verloren und ist gefunden worden!“ Und sie fingen an, fröhlich zu sein.

Es ist eine Art „Auferstehungsfete“: Vater und Sohn haben einander wieder. Gemeinsame Aufarbeitung? Nicht nötig, alles klar. Es wird eine rauschende Feier. Aber einer fehlt:

Sein älterer Sohn aber war auf dem Feld. Und als er kam und sich dem Haus näherte, hörte er Musik und Reigen. Und er rief einen der Diener herbei (…). Der aber sprach zu ihm: „Dein Bruder ist gekommen, und dein Vater hat das gemästete Kalb geschlachtet, weil er ihn gesund wiedererhalten hat!“ Er aber wurde zornig und wollte nicht hineingehen.

Der Ältere ist so einer, den man leicht übersieht: Bescheiden, fleißig, angepasst, ohne Ansprüche. Eine Einladung zur Feier? Die haben ihn glatt vergessen! Aber jetzt, wo die Feier um seinen verkommenen Bruder läuft, da platzt ihm der Kragen. Endlich bricht sich die Enttäuschung Bahn, die sich über Jahre aufgestaut hatte: Zorn, Verweigerung.

Sein Vater aber ging hinaus und redete ihm zu.

Wieder kommt der Vater einem seiner Kinder entgegen. Wieder sagt er nicht groß was. Jetzt hat sein Sohn Raum, in Worte zu fassen, was ihn so lange beschäftigt:

„Siehe, so viele Jahre diene ich dir, und niemals habe ich ein Gebot von dir übertreten. Und mir hast du niemals ein Böckchen gegeben, dass ich mit meinen Freunden fröhlich gewesen wäre. Da aber dieser dein Sohn gekommen ist, der deine Habe mit Huren durchgebracht hat, hast du ihm das gemästete Kalb geschlachtet!“

Verdrehte Sicht: Er ist Sohn – aber hat sich immer als Diener gefühlt und hat versucht, mit unauffälliger, perfekter Pflichterfüllung zu punkten. Er hat längst das halbe Erbe bekommen – aber nie nach einem Böckchen gefragt oder es sich genommen. (Glück gehabt, Böckchen!)
Der Vater versucht, das gerade zu rücken:

„Kind, du bist allezeit bei mir, und alles, was mein ist, ist dein!“

„Kind – bei mir – alles Dein!“ Das ist ungefähr das Gegenteil von dem, was der junge Mann bisher von sich und seinem Vater gedacht hat. Und was sein Leben so fatal geleitet hat.

„Aber man muss doch jetzt fröhlich sein und sich freuen. Denn dieser dein Bruder war tot und ist wieder lebendig geworden und verloren und ist gefunden worden!“

Die Geschichte endet offen: Kommt der Ältere mit? Oder wird er die Schwelle aus Kränkung, Zorn und Trotz nicht überwinden, jedenfalls heute noch nicht?
Und nun der Blick auf den Vater: Er hat sie machen lassen, die beiden. Den einen auf dem Feld, dem anderen in der Fremde. Ist ihnen dann beiden entgegen gekommen. Hat geschwiegen und gesprochen. Hat losgelassen, hat umarmt. Kann warten und will feiern.
Dass beide Söhne phasenweise so verkorkst waren, daran gibt Jesus ihm nicht die Schuld. Vielleicht gehört „verkorkst sein“ ja dazu auf dem Lebensweg. Keine klare Linie, kein klares Konzept, keine Lehrbuch-Pädagogik. Sondern: „Herzensweisheit“. Gelassenheit. Es schimmert auch Liebe durch. Dieses „Mal so – mal so“ kann manchmal richtig sein.
Ich finde dieses „Vorbild“ für den Umgang mit anderen, z.B. als Vater oder Mutter, ziemlich entlastend. Und gut, selbst so einen Vater im Himmel zu haben.

Gebet:
Gott, für mich selbst und für meinen Umgang mit meinen Mitmenschen: Ich bitte Dich um Herzensweisheit und Gelassenheit! Danke, dass Du mein guter Vater bist! Amen.

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Zu zweit. Andacht zum 28.8.2015

Es ist gut! Das lesen Sie in der Bibel gleich auf der allerersten Seite, als Gott die Welt schafft. Nach fast jedem Schöpfungsschritt heißt es da: „Und Gott sah, dass es gut war.“ Am Ende des sechsten Schöpfungstages dann: „Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut.“ Also alles (sehr) gut? Na, fast. Denn eines fehlt noch: Die „Ruhe“. Die schafft Gott am siebten Tag. Erst als Gott die Ruhe schafft, ist die Schöpfung vollendet.
Aber wo in der Bibel ist zum ersten Mal die Rede davon, dass etwas NICHT gut ist? Vielleicht denken Sie jetzt an die Geschichte mit dem verbotenen Baum, mit der Schlange und der Frucht. Aber falsch! Das erste „Nicht gut!“ kommt schon vorher, fast direkt hinter dem „Alles sehr gut!“ Es stimmt was nicht – mit dem MENSCHEN. Denn: „Es ist NICHT gut, dass der Mensch allein sei!“ (Genesis 2, 18).
Also macht Gott (in dieser zweiten Schöpfungsgeschichte erst jetzt) die Tiere und stellt sie dem Menschen vor. Der Mensch gibt den Tieren auch Namen, aber ein richtiges Gegenüber ist für ihn nicht dabei. Deshalb kommt jetzt die Sache mit der Rippe: Aus einem Teil des Menschen formt Gott einen anderen Menschen. Dieser andere Mensch nun ist ein echtes Gegenüber. Und erst in der Gemeinschaft mit dem anderen Menschen ist ein Mensch vollständig. Dieses Kapitel endet so:

Deshalb verlässt ein Mann Vater und Mutter, um mit seiner Frau zu leben. Die zwei sind dann eins, mit Leib und Seele. Die beiden waren nackt, aber sie schämten sich nicht voreinander. (Genesis 2, Ende)

Aha, da geht es um Partnerschaft. Jedenfalls in diesem letzten Zitat. Aber nicht nur. Denn auch wenn Sie nicht in einer Partnerschaft leben, können Sie in anderen Menschen ein Gegenüber finden, Gemeinschafts-Bande knüpfen und pflegen – und so als soziales Wesen „vollständig“ werden.
Und umgekehrt: Falls Sie tatsächlich in Partnerschaft leben, würde Entscheidendes fehlen, wenn Ihr Partner / Ihre Partnerin Ihr einziger „Mit-Mensch“ wäre. Die Andock-Stellen, die Sie als soziales Wesen für Ihre Mitmenschen bieten, die kann ein einzelner Mensch in einer sehr speziellen Rolle gar nicht allein abdecken. Na, das wissen Sie ja selbst längst: Wenn zwei Partner zu lange ausschließlich aufeinander fixiert sind, schadet das letztendlich der Paar-Beziehung.
Oder ist es DOCH „gut, dass der Mensch allein ist“? Ich finde: Ja! Manchmal. Immer wieder. Regelmäßig. Wer immer unter Leuten sein muss, ist arm dran. Es kann ganz Unterschiedliches dahinter stecken, wenn ich nicht allein sein kann: Vielleicht halte ich es mit mir allein nicht aus, finde mich unerträglich; vielleicht brauche ich die anderen rund um die Uhr, um meine Grübel-Gedanken zu vertreiben; vielleicht brauche ich wie die Luft zum Atmen: den Applaus der anderen. Oder ihr Mitleid. Oder, oder. Aber trotzdem: Es ist gut, wenn der Mensch allein sein kann und das auch immer wieder praktiziert!
Es gibt auch eine Zwischen-Lösung: Ich bin allein, aber ich lasse immer die Glotze laufen, die spielt mir „Gesellschaft“ vor. Oder ich bin immer „online“ und so „vernetzt“. Aus meiner Sicht: Weder richtig für einen selbst noch richtig in Gemeinschaft. Die schlechteste von allen Lösungen.
So weit die Vorrede zu einem Zitat des „Predigers“ (Qohelet) aus dem Alten Testament – einem Weisen, der beides hat: Viele düstere Gedanken und zugleich ein klares Votum für die Lebensfreude. Ich kann ihn mir kaum anders vorstellen denn als einsamen Denker. Und trotzdem: Gerade er ist glasklar für das „Zusammen“:

So ist’s ja besser zu zweien als allein (…). Fällt einer von ihnen, so hilft ihm sein Gesell auf. Weh dem, der allein ist, wenn er fällt! Dann ist kein anderer da, der ihm aufhilft. Auch, wenn zwei beieinander liegen, wärmen sie einander. Wie kann ein Einzelner warm werden? Einer mag überwältigt werden, aber zwei können wider­stehen, und eine dreifache Schnur reißt nicht leicht entzwei. (aus Qohelet 4)

Wieso ist es „nicht gut“, wenn der Mensch allein ist? Das können Sie beispielsweise nach­lesen in der „Na dann“, Münsters kostenlosem Anzeigenblättchen. Da werden Sie eingeladen zu allen möglichen Gruppen: Sport, Kirche, Gespräche, Esoterik, Selbsthilfe, Politik, Ökologie, Menschenrechte, sexuelle Orientierung, Spielerunden, Körperübungen, Reisen, … Oder Sie blättern weiter zu den Partnerschaftsanzeigen: Was man da alles miteinander erleben und teilen kann: Reisen, Wandern, Kino, Zärtlichkeit, Sex, Theater, Gespräche, Musik, Ko­chen und, und, und.
Und wie ist das für Sie als Leserin, als Leser solcher Anzeigen? Ich finde: Teilweise ganz schön ambitioniert, die Erwartungen ans Miteinander. Ist ja im Prinzip auch gut so. Andererseits kann das überfordern: Gibt es überhaupt Menschen, die mir da in meinen Ansprüchen und Bedürfnissen gerecht werden? Schaffe ICH das, den Ansprüchen und Bedürfnissen meiner Mitmenschen gerecht zu werden?
Der „Prediger“ ist da viel bescheidener: Der eine hilft dem anderen auf, wenn der hingefallen ist. Zwei stecken unter einer Decke und wärmen einander, weil sie sonst frieren.
Das dürfen wir beides erst mal ganz wörtlich verstehen: Da hat einer einen wackeligen Gang. Nun ist er hingefallen, kommt nicht allein wieder hoch. Aber jemand, der auf festen Beinen steht, packt zu, richtet ihn auf. Oder es ist lausig kalt und die Kleidung viel zu leicht, und wenn einen dann einer in den Arm nimmt, wird es gleich wärmer. Na ja, unter meine Decke käme mir nun nicht jeder, da müsste es schon sehr, sehr kalt sein.
Und nicht-wörtlich, also im übertragenen Sinne: Wenn man am Boden zerstört ist, kann es helfen, wenn man so eine starke, stützende, aufrichtende Hand spürt. Oder wie gut das tut, wenn sich jemand nach da ganz unten zu mir setzt! Oder in einer phasenweise ziemlich unterkühlten, einsamen Welt zu erleben: Da stehen mir Menschen nahe, ich erlebe Wärme und Geborgenheit!
Und noch weiter gefasst: Das Modell einer solidarischen Gesellschaft! Eine Gesellschaft, in der die Menschen mit ihren Stärken einstehen für und mit denen, die in irgendeiner Weise benachteiligt, zu Fall gekommen und am Boden sind oder ohne die anderen unter sozialer Kälte leiden würden.
„Zu zweit“ ist besser als allein. Um einander aufzuhelfen. Um einander zu wärmen. Es sind manch­mal diese ganz grundlegenden Dinge, die einem dabei helfen, das Leben zu „bestehen“. Dazu braucht es normalerweise noch nicht mal viel Verstand. Allerdings schon Herz füreinander. Mehr ist manchmal weniger. Die ganz großen Ansprüche und Forderungen für eine perfekte Freundschaft, für eine perfekte Partnerschaft, für eine perfekte Familie oder Gruppe oder ein perfektes Team, diese großen Ansprüche können einen in die Enttäuschung und in die Einsamkeit führen.
Als Jesus seine Jünger aussendet, um seine gute Botschaft in Wort und Tat unter die Leute zu bringen, da sollen sie nur das Allernötigste mitnehmen: Stab und Schuhe. – Und was noch? Einen Mit-Menschen! Denn Jesus schickt sie zu zweien los.
Vor kurzem war ein Bewohner im Pflegeheim gestorben. Wir machen zu so einem Anlass immer einen kleinen Abschiedsgottesdienst. Und wie sonst hatten die Bewohner und Mitarbeiter die Gelegenheit, eine Kerze für den Verstorbenen anzuzünden und dabei ihre Erinnerungen oder ihre Wünsche für den Verstorbenen auszusprechen. Bei den Bewohnern wie bei den Mitarbeitenden gab es viele Tränen. – Und welche großartigen Dinge hatten miteinander verbunden, dass die Zurückbleibenden so traurig waren? – „Wir haben öfters zusammen Kaffee getrunken!“; „Wir haben zusammen im Raucherzimmer gesessen!“; „Wir haben viel zusammen Schach gespielt!“
Gott hat uns Mitmenschen gegeben, damit wir einander aufhelfen können, wärmen, miteinander Kaffee trinken, spielen und, ich sag’s nur ungern: zur Not sogar rauchen. Wer dieser Gabe Gottes mit „Ich schaffe alles allein!“ im Wege steht oder mit zerstörerisch hohen Ansprüchen an das Miteinander, der lässt andere schnell mal am Boden liegen, bleibt selbst am Boden liegen und muss frieren. Wer Mitmenschen zulässt, wer aufhilft, sich aufhelfen lässt und wärmt, der hat es gut und warm.

Gebet:
Gott, dazu hilf mir: Dass ich nicht verliere: mich nicht; und meinen Mit-Menschen nicht. Sondern dass ich ihn und mich selbst finde. Dass ich aufhelfe und mir aufgeholfen wird. Amen.

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Glaubensstark??? Andacht zum 21.8.2015

Na, sind Sie’s? Glaubensstarkt? Wahrscheinlich werden Sie nicht rundheraus „Ja!“ sagen. Ich auch nicht. Und ich treffe oft auf Leute, die sich nicht dafür halten und sich einen stärkeren Glauben wünschten. Es gibt natürlich auch Leute, die treten glaubensstark auf. Aber so ziemlich niemand sagt das von sich.

Was ist das überhaupt, ein starker Glaube? Dazu ein Witz aus meinen Kindertagen:

Die Nonne bleibt unterwegs mit ihrem Auto liegen: Der Sprit ist alle. Im Kofferraum findet sie einen Nachttopf, läuft damit zur nächsten Tanke und holt damit Benzin. Als sie wieder zurück ist und gerade das Benzin vom Nachttopf in den Tank gießt, hält ein LKW-Fahrer: „Mann Schwester, Ihren Glauben möchte‘ ich haben!“

Für den LKW-Fahrer ist ein starker Glaube: Unerschütterlich etwas glauben, was eigentlich gar nicht geht.

Oder jemand, der glaubt: „Die Erde ist flach und steht auf Säulen! Von den Säulen spricht schließlich die Bibel! Und alle anderen Ansichten sind vom Teufel!“ Ist so einer stark-gläubig? Man könnte sich die Sache einfach machen und sagen: „Nicht stark-gläubig, sondern ein Spinner!“ ICH würde sagen: Nicht stark-gläubig, sondern Angst-gläubig! Der hat so sehr Angst um seinen „Glauben“, dass er jedes noch so bedeutungsloses Fitzelchen verteidigen muss, und sei es um den Preis der Vernunft.

Nun müssen Christinnen und Christen wissen: „Glauben“ im Neuen Testament meint nicht so sehr: „etwas für wahr halten“. Sonst hätte tatsächlich derjenige den stärksten Glauben, der möglichst viele und möglichst absurde Dinge für wahr hält.

Sondern: „Glauben“ im Neuen Testament ist vor allem: „Vertrauen“. „Glaubensstark“ wäre dann nicht derjenige mit der flachen Welt auf den Säulen, sondern wer mutig einen Fallschirmsprung absolviert. Oder wer die OP machen lässt, obwohl ihn dafür der Anästhesist in Vollnarkose legen muss. Oder wem Eifersuchts-Schnüffeleien abwegig und zu blöd sind. Vertrauen, das hat etwas von: Ich bin gehalten, ich bin geborgen, ich verlasse mich drauf!“

Die Apostel sprachen zu dem Herrn: Stärke uns den Glauben!

„Apostel“ sind im Lukas-Evangelium die zwölf Jünger. Also nicht der weitere Kreis der Jesus-Nachfolgerinnen und –Nachfolger, sondern der „inner circle“.

Vom engsten Kreis der Jünger, die täglich um Jesus herum sind und so ziemlich alles von seinen Worten und Taten mitbekommen, sollte man doch sagen: „Na, wenn DIE keinen starken Glauben haben – wer denn bitteschön dann?!“ Aber so ist es eben nicht. Diese Bitte um Glaubens-Stärkung an ihren Herrn finde ich ganz bemerkenswert. Denn:

  • Auch die, die am dichtesten dran sind an Jesus, sind nicht – durchgängig – „glaubens­stark“. Sie kennen Misstrauen, Zweifeln, „Anfechtung“. Und nicht nur von irgendwann früher, sondern aktuell.

  • Die Jünger SPRECHEN über ihre „Glaubensschwäche“. Täten sie das nicht, sie hätten unmöglich diese gemeinsame Bitte vor Jesus bringen können. Sie tauschen sich darüber aus, obwohl in ihrer Gemeinschaft der Glaube sehr hoch gehalten wird. Aber vielleicht muss es ja so heißen: Sie tauschen sich über ihre Glaubensschwäche aus, WEIL der Glaube hoch gehalten wird. Denn es DIENT dem Glauben, über Glaubensschwäche zu sprechen.

  • Sie bringen ihr Glaubens-Problem direkt zu demjenigen, dem nicht nur ihr Glaube, sondern eben auch Misstrauen, Zweifel, Anfechtung gelten: Jesus! Auf mich bezogen: Meine Probleme mit dem Glauben direkt mit ins Gebet nehmen!

Die Jünger bitten Jesus also um Glaubens-Stärkung. Als früher einmal ein Jünger Jesus bat, ihnen das Beten beizubringen, hat Jesus sie das Vaterunser gelehrt (Lukas 11, 1ff.). Ganz ähnlich wird Jesus jetzt sicher sagen: „Na, dann passt mal auf, ihr müsst das so und so machen. Dann wird Euer Glaube stärker werden!“ – Aber nein, Jesus antwortet völlig anders:

Wenn ihr Glauben hättet so groß wie ein Senfkorn, dann könntet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen: „Reiß dich aus und versetze dich ins Meer!“ Und er würde euch gehorchen! (Alles: Lukas 17, 5 f.)

Also nicht die erbetene Hilfe? Nur harsche Kritik? Klingt ja ungefähr so: „Euer Glaube liegt ja noch weit unter dem des winzigsten Samenkorns!“ Pädagogisch wäre das nicht sehr sinnvoll. Eher entmutigend. Als wenn die Kinder die Lehrerin bitten: „Kannst Du uns bitte Mal-Rechnen beibringen?“ Und die Lehrerin antwortet: „Das könnt Ihr voll vergessen. Ihr könnt ja noch nicht mal Plus!“

Aber ich denke, es ist anders gemeint. Denn „SO GROSS wie ein Senfkorn“, das ist schlicht falsch übersetzt! Im Original steht da: „WIE ein Senfkorn“. Klar, als Übersetzer denkt man erstmal: „Es ist das kleinste unter den Körnern! Darum geht es doch!“ Ja, darum geht es auch. Aber nicht nur. Wenn es um die Größe ginge, müsste man sagen: „Ein Backstein-Glaube ist mehrere tausend mal größer und gewichtiger als Senfkorn-Glaube!“

Trotzdem gibt Jesus offenbar dem Senfkorn-Glauben den Vorzug vor dem Backstein-Glauben. Obwohl der Senfkorn-Glaube doch total winzig und auch verletzlich ist. – Wieso? Weil da innen drin etwas ist, was LEBT. Also nicht der große, der starke Glaube, sondern der „lebendige“ Glaube. Vielleicht winzig klein, vielleicht unsichtbar, zerbrechlich und mutwillig zerstörbar. Aber lebendig. Und mit großem Wachstums-Potential.

Auf diese Weise gelesen, sagt Jesus seinen Jüngern: Leute, Euer Wunsch nach einem STARKEN Glauben zielt in die falsche Richtung! Er darf ruhig winzig klein sein! Aber lebendig!

Kann man mit so einem Senfkorn-Glauben denn wenigstens im Ergebnis „Bäume ausreißen“? Es klingt ja so. – Der Maulbeerbaum, der im Meer landet. Aber auch hier: Derjenige mit dem Senfkorn-Glauben sagt ja NICHT: „So, jetzt reiße ICH dich in der Kraft meines Glaubens aus und schleudere dich ins Meer!“ Sondern – wörtlich: „Reiß dich aus und pflanze dich ins Meer!“ Kein kraftvoll-zupackender Glaube, sondern einer, der dem ANDEREN etwas zutraut, Großes zutraut: Der Baum kann sich ausreißen und er kann sich – so steht es da wirklich: im Meer „pflanzen“. Grund und Fundament finden, wo gar kein Halt ist.

Jesus selbst hat auch so einen Senfkorn-Glauben, der ANDEREN etwas zutraut. Jesus ist nämlich gar nicht der große Wunderheiler, der sagt: „So, ICH mache Dich gesund!“ Sondern immer wieder: „DEIN Glaube hat Dich gerettet!“

Nicht der große Glaube, nicht der starke Glaube, sondern der Senfkorn-Glaube! Der mit Leben innen drin. Nun hätten die Jünger sagen können: „OK. Aber was müssen wir denn tun, dass unser Glaube lebendig wird? Und wie kriegen wir ihn zum Wachsen und Reifen? Wie können wir dieses Senfkorn wässern, düngen, beleuchten?“ Schade, die Frage steht nicht in der Bibel, und eine Antwort Jesu darauf erst recht nicht. Vielleicht hätte Jesus ein paar Tipps gehabt. Aber die wären, vermute ich mal, nicht so wichtig gewesen. Sondern wichtiger, auch hier: Dem anderen etwas zutrauen! In diesem Fall: Gott. Es Gott zutrauen, dass er meinen Glauben zum Leben bringt, am Leben hält, wiederbelebt.

Das ist nun Spekulation. Aber auch wenn wir das nicht so richtig wissen, wie das geht mit dem kleinen und lebendigen Glauben, DASS jedenfalls sollen Sie mitnehmen: Verabschieden sie sich vom Ideal des Backstein-Glaubens! Senfkorn ist angesagt!

Gebet:

Gott, das bitte ich Dich, dass Du mir gute Saat ins Herz legst. Und um Deinen Segen dafür, dass diese Saat bewahrt wird, wächst und gedeiht. Amen.

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Keine Weintrauben. Andacht zum 14.8.2015

Ach, das Leben ist kein Ponyhof. Nicht für den enttäuschten Sprecher unseres Bibeltextes, nicht für die Mehrheit seiner Zeitgenossen. Und für Sie wohl auch nicht immer, oder?

Ach, es geht mir wie einem, der Obst pflücken will, der im Weinberg Nachlese hält, da man keine Trauben findet zu essen, und ich wollte doch gerne die besten Früchte haben! (Micha 7, 1)

Da ist einer bitter enttäuscht. Eben noch gab es verlockende Hoffnungen – und jetzt sind alle zerplatzt. Na, Sie kennen das. Wer hier spricht? Micha, der Prophet. Wir befinden uns im 8. Jahrhundert vor Christus im Südreich Juda mit der Hauptstadt Jerusalem.
Nachlese im Weinberg bedeutet: Ich gehe noch mal hin. Ich gucke, was bei der ersten Ernte übersehen wurde, was noch übrig ist. Die Reste halt. Kann man da ernsthaft „die besten Früchte“ erhoffen? Immerhin eine schöne Vorstellung! Aber wie deprimierend die Wirklichkeit: Rein gar nichts ist mehr zu finden in diesem Weinberg! Armer, enttäuschter Micha!
Nicht nur bei Micha, auch bei anderen Propheten ist der Weinberg ein Bild: Er steht für das Gottesvolk. Wie also sieht’s aus in Gottes Weinberg, im Staate Juda? So wie in einem völlig abgefrühstückten Weinberg! Da ist nichts mehr zu holen, keine Frucht ist zu finden, kein Grund zur Hoffnung.
Was konkret kritisiert Micha? Antwort: Die Leute haben faktisch ihren Gott abgeschafft. Die Religion hat zwar eine staatstragende Funktion, der Klerus und die offiziellen Propheten sorgen für die religiöse Folklore, sie reden die Dinge schön, besonders die Zukunft. Aber unter diesem prächtigen geistlichen Gewand ist im Grunde ein modrig stinkendes Gerippe.
Und: Gott-Losigkeit und unersättliche Gier gehören irgendwie zusammen, jedenfalls bei manchen Zeitgenossen Michas. Diese unersättliche Gier sorgt dafür, dass ein kleiner Teil der Bevölkerung immer wohlhabender wird, und die anderen sind die Verlierer: Diese anderen werden um ihre Rechte, ihr Besitz, ihren fairen Lohn gebracht. – Mir scheint: Micha spricht da ganz in unsere Zeit, und der Weinberg, das ist jetzt nicht Juda, das ist heute die ganze Welt …
Wie geht unser Micha-Wort vom Weinberg weiter?

Die frommen Leute sind weg in diesem Lande, und die Gerechten sind nicht mehr unter den Leuten. Sie lauern alle auf Blut, ein jeder jagt den andern, dass er ihn fange. Ihre Hände sind geschäftig, Böses zu tun. Der Fürst und der Richter fordern Geschenke. Die Gewaltigen reden nach ihrem Mutwillen, um Schaden zu tun, und drehen’s, wie sie wollen. (…)

Vertrauensverlust! Eine Gesellschaft, die vor die Hunde geht. Eine, die der Willkür ihrer Mächtigen ausgeliefert ist. Eine durch und durch korrupte Gesellschaft, Recht ist nicht mehr Recht. Ich finde, da haben wir es hierzulande ziemlich eher gut. Klar gibt es auch hier Willkür, Rechtsbeugung, Korruption, das Wirtschaften in die eigene Tasche. Aber wenn man sich hier erwischen lässt, gibt es einen Skandal, es kann einen das Amt kosten, eventuell landet man sogar im Knast. Anderswo landen diejenigen, die solche Dinge öffentlich machen, im Knast. Oder sie „verschwinden“.
Im Weinberg Juda ist kein Verlass auf Recht. Kein Grund zum Vertrauen in die staatlichen Institutionen. Aber es geht noch weiter mit dem Vertrauensverlust – bis hinein in die persönlichen Beziehungen:

Niemand glaube seinem Nächsten, niemand verlasse sich auf einen Freund! Bewahre die Tür deines Mundes vor der, die in deinen Armen schläft!

Ich stelle mir vor, Micha und ich sitzen zusammen beim Kaffee in meinem Gesprächszimmer. Und dann so ein Satz von ihm: „Ich kann keinem mehr trauen! Meine Kollegen wollen mich täuschen, auf meine angeblichen Freundinnen und Freunde ist kein Verlass. Und meine Frau hintergeht mich! – ‚Der Feind in meinem Bett!´“
Ich gucke ja nie in Patientenakten. Wenn ich es täte, würde ich bei Micha vielleicht etwas von Paranoia finden – Verfolgungswahn. Kein Wunder, wenn sein Misstrauen so gar keine Ausnahme kennt. – KEINE Ausnahme? Doch! In dem Moment, in dem er mir das alles anvertraut, ist da ja ein Rest von Vertrauen! Oder ein Samenkorn von Vertrauen!
Den Micha in der Verfolgungswahn-Schublade abzulegen, erklärt natürlich nichts. Und „Sie sind ja krank!“ hilft auch nichts, jedenfalls wenn so ein Satz allein für sich in der Landschaft steht. Vielleicht dem Micha noch ein bisschen zuhören? Ihn seine Geschichte mit dem Vertrauen oder dem Misstrauen erzählen lassen …
Vielleicht war es ja so: Micha hat in seine Stasi-Akte aus den 80er Jahren Einsicht genommen. Und tatsächlich: Da konnte er dann nachlesen, was er damals seiner Freundin buchstäblich im Bett erzählt hat. Oder dem engen Freund auf dem Spaziergang. Ganz im Vertrauen.
Der Micha aus Juda und der Micha aus der DDR, sie haben gemeinsam: Ihr zerstörtes Vertrauen hat etwas zu tun damit, wie es um den Weinberg steht, wie verkommen die Gesellschaft ist. Das kann sich runter ziehen bis in die ganz privaten Beziehungen.
Sie meinen, das zählt nicht mehr? Micha aus Juda ist über 2700 Jahre her, der Mauerfall immerhin mehr als ein viertel Jahrhundert?
Na, ich sage nur: NSA, Suchmaschinen, soziale Netzwerke, Online-Bestellungen, Smartphone. Wer online unterwegs ist, ist für die Schnüffler und Geldverdiener mehr oder weniger transparent. Micha hat Recht: „… ein jeder jagt den andern, dass er ihn fange. Ihre Hände sind geschäftig, Böses zu tun.“
Was allerdings anders ist heutzutage: Jeder weiß das, aber kaum jemand stört sich dran. Schicksal. Statt paranoidem Misstrauen: Naive Vertrauensseligkeit. Wer bitte schön ist denn da „krank“? Der mit dem Misstrauen oder der mit dem Vertrauen?
Micha ist noch nicht fertig. Es gibt auch Zoff zwischen den Generationen:

Denn der Sohn verachtet den Vater, die Tochter widersetzt sich der Mutter, die Schwiegertochter ist wider die Schwiegermutter; und des Menschen Feinde sind seine eigenen Hausgenossen.

Das muss ich Ihnen nicht erklären, Sie wissen ganz gut, wovon da die Rede ist. Ein zeitloses Phänomen. – Na ja, vielleicht nicht ganz. Vielleicht sind in einem verwüsteten Weinberg auch die einzelnen Weinstöcke gefährdeter, geschädigter …
Misstrauen, wohin man blickt. Kann Micha sich selbst noch trauen? Kann er sich auf sich verlassen?
Und bei Ihnen? Wie ist es um Ihr Selbstvertrauen bestellt? Das müssten Sie sich selbst beantworten. Was Micha betrifft: Ich weiß es nicht. Immerhin traut er sich mit seinen kritischen Statements und mit Gottes Wort unter die Leute, und nicht nur unter seine „Vertrauten“, von denen er ja scheint’s wenig bis keinen hat. Aber dieser Mut kann auch mit einem ganz anderen Vertrauen zu tun haben – und darin gipfelt unser Abschnitt:

Ich aber will auf den HERRN schauen und harren auf den Gott meines Heils. Mein Gott wird mich hören. (Micha 7, 1-7)

Vertrauen auf Gott! – Wie kommt Micha darauf? Gibt es Hinweise, dass Gott den Karren aus dem Dreck zieht? Dass der Weinberg bald doch wieder in Schuss kommt? Dass üppige Früchte wachsen werden? Nein, gibt es nicht. Micha vertraut auch nicht darauf, DASS – es wieder gut wird; seine Wünsche in Erfüllung gehen oder, oder. Er vertraut auf JEMANDEN – ohne Bedingungen. – „Mein Gott wird mich hören.“ In mancher Übersetzung steht „erhören“, aber das ist falsch übersetzt. „Erhören“ klingt nach Wunsch-Erfüllung. „Hören“ dagegen bedeutet: Jemand ist bei mir und für mich da. Und der bleibt.
Übrigens, man sollte es kaum glauben: Michas Wirken war NICHT vergeblich! Noch 100 Jahre später erinnerte man sich: „ Hiskia, der König von Juda, und das ganze Juda ließen (Micha) deswegen nicht töten. Vielmehr fürchteten sie den HERRN und flehten zu ihm. Da reute auch den HERRN das Übel, das er gegen sie geredet hatte.“ (Jeremia 26, 18) – Mehr, als Micha selbst wohl zu hoffen gewagt hätte!

Gebet: Gott, wenn mein Vertrauen verglimmt und meine Hoffnung schwindet – bleib Du mein Halt und meine Hoffnung! Amen.

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Freude am Mitmenschen. Andacht zum 7.8.2015

Ich bin kein großer Beter. Zum Beispiel arbeite ich in meinem Abendgebet keine Fürbitten-Listen ab. (Sonst hätten immer diejenigen am Ende der Liste das Nachsehen – da bin ich schon eingeschlafen …) Aber eine Handvoll Namen gibt es schon, die nichts mit familiären Banden zu tun haben und trotzdem ziemlich regelmäßig dabei sind abends in meinen Für-Bitten. Das hat etwas mit ihrer Not zu tun. Und damit, dass sie mir etwas bedeuten. Warum ich Ihnen das erzähle? Haben Sie Geduld, das kommt später …
Was lösen andere Menschen bei Ihnen aus, was stoßen sie bei Ihnen an? Zum Beispiel: Scherereien. Freude. Enttäuschung. Sehnsucht. Streit. Schmerz. Konkurrenz. Distanz. Nähe. Sorgen. Wut. Lust. Nein. Mitleid. Austausch. Abwechslung. Unterstützung. Langeweile. Hilfe. Verbundenheit. Vielleicht sind Sie mit bestimmten Menschen „völlig eins“. Oder die gefühlte Entfernung ist riesig, Sie haben „keinen Menschen“, obwohl Sie täglich welche treffen.
Eine Form von ganz früher, Verbundenheit auszudrücken, kennen die Älteren unter Ihnen noch. Ich gestehe, ich mache das gelegentlich auch. – Ein Brief! Weil das so persönlich ist. Die eigene Handschrift. Das Papier, das ich selbst berührt und beschriftet habe. Der bemalte Umschlag vielleicht.

Heute lüften wir das Briefgeheimnis. Wir schauen dem Apostel Paulus über die Schulter, wie er persönlich gehaltene Zeilen an „seine“ Christen in Philippi schreibt.
„Seine“ Christen. Denn als Paulus vor einiger Zeit zum ersten Mal nach Europa kam, da hat er dort in Philippi (heute Griechenland) die ersten Leute für den christlichen Glauben gewonnen. Zu allererst die Purpurhändlerin Lydia, dann den örtlichen Gefängnisdirektor mit den Leuten aus seinem Haushalt, dann noch ein paar andere Leute. – Eine kleine christliche Gemeinde, die sich fortan in den Häusern ihrer Mitglieder trifft.
Paulus selbst war weiter gezogen. Nun ist er in Haft geraten. Man kann heute nicht mehr 100%ig sagen, wo. Wahrscheinlich in Ephesus (heutige Türkei). Der Prozessausgang ist ungewiss. Vom Freispruch bis zum Todesurteil ist alles drin. Philippi ist von Ephesus nur ein paar Tagereisen entfernt, die Christen in Philippi unterstützen Paulus in seiner schwierigen Lage mit Besuchen und Spenden. Bei dieser Gelegenheit gehen auch Briefe hin und her. Der „Philipperbrief“ in der Bibel besteht eigentlich aus mehreren solcher Paulus-Briefen.

Ich danke meinem Gott jedes Mal, wenn ich an euch denke. Immer, wenn ich für euch alle bete, tue ich es mit Freude und danke Gott dafür, dass ihr euch gemeinsam für das Evangelium eingesetzt habt vom ersten Tag an bis jetzt. Ich vertraue darauf, dass er, der bei euch das gute Werk begonnen hat, es auch vollenden wird bis zum Tag Christi Jesu. (Philipper 1, 2-6)

Paulus hat es mit den Christen in Philippi sehr gut getroffen. Man kann ja auch sehr intensiv verbunden sein – im Streit. Aber hier: blanke Freude und Dankbarkeit.
Das ist nicht selbstverständlich. In einem anderen Paulus-Brief, dem an die Galater, steht nichts von Freude und Dank, sondern gleich zu Anfang gleich eine heftige Kritik:

Ich bin erstaunt, dass ihr euch so schnell von dem abwendet, der euch durch die Gnade Christi berufen hat, und dass ihr euch einem anderen Evangelium zuwendet. (Galater 1, 6)

Aber bei den Philippern ist es ja gut. Freude und Dank. Und Sie? Was bewirkt denn, dass Sie sich an anderen freuen? Ich vermute: Wenn diese anderen Ihnen gut tun. Wenn die Ihnen sympathisch sind, freundlich oder herzlich begegnen, wenn die es schätzen, wie Sie sind und was sie tun. Wenn Sie vielleicht Hilfe und Unterstützung von denen bekommen, am besten „von Herzen“. Wenn diese Menschen sich für Sie interessieren, wenn sie nachfragen. Oder wenn Sie selbst sich für diese anderen nützlich machen und sie erfreuen, denn das gibt Ihnen selbst ja Erfüllung und Bestätigung.
Bei der Freude des Paulus wird das ähnlich sein. Die lieben Besuche und die konkrete Hilfe sind wichtig für Seele und Leib – und eben für die Verbundenheit.
Aber: Diese persönliche Ebene spielt im Philipperbrief erst später eine Rolle, hier noch nicht. Hier kommen zunächst zwei Dinge, die ich ein bisschen „untypisch“ finde:

  • „Ich danke Gott dafür, dass ihr euch gemeinsam für das Evangelium eingesetzt habt …“ Also NICHT zuerst: „Danke, dass Ihr Euch für MICH eingesetzt habt!“ Sondern es ist das gemeinsame Glaubens-Anliegen. Mit der guten Nachricht von Christus als gemeinsamer Mitte. Eine Mitte, für die sich Paulus wie die Philipper nun an ihren Orten und unter sehr verschiedenen äußeren Bedingungen engagieren.

Deswegen hat Paulus an den Christen in Philippi seine Freude, und deswegen hat er mit denen in Galatien ein Problem. Die Galater sind ja nicht menschlich unsympathisch geworden oder desinteressiert. Aber Paulus und die Galater, sie haben die gemeinsame Mitte verloren, die Galater haben ein „anderes“ Evangelium. Da macht er sich Sorgen.

Ich meine: Bei so einer gemeinsamen Mitte sollte es mir nicht mehr komplett die Freude verderben und den Dank rauben, wenn mir die Nase des anderen nicht so ganz passt, wenn ich seine Art komisch finde und wenn ich mich nicht immer so gesehen, geschätzt, gewürdigt fühle, wie ich es gern hätte. – Das alles ist zwar wichtig. Aber es ist nicht mehr das Wichtigste.

  • „Ich vertraue darauf, dass er, der bei euch das gute Werk begonnen hat, es auch vollenden wird …“. Ja, wer hat denn das gute Werk bei den Philippern angefangen? Vielleicht Paulus selbst und sein Mitarbeiter Silas, als sie auf Lydia und dann auf die anderen trafen? Oder die Christen in Philippi selbst? Die haben ja diesen Glauben für sich angenommen. Die haben ihr Gemeindeleben auf die Beine gestellt und angefangen, manches zu tun, was sie sonst nicht getan hätten, z.B. jetzt die Paket-Aktion für Paulus.

    Alles richtige Antworten. Aber Paulus meint Christus selbst. DEN sieht er am Werk – in all dem, was die Leute da glauben und leben. Und Christus ist es eben auch, der all das vollenden wird. Darauf vertraut Paulus fest.

Über wen freue ich mich? Normalerweise gern über diejenigen, die „ein gutes Werk“ tun – an mir. Oder an Dingen, die in meinem Sinne sind. Aber Paulus betont: Es ist Christus, der das „gute Werk“ begonnen hat und vollendet. Wenn ich diese Sicht von Paulus übernehme, dann sollte die „Leistung“ der anderen, ihr Gut-Sein und ihr Gutes-Tun nicht ganz so wichtig sein. Und dann darf auch mal was schief gehen. Christus wird es schon zurechtrücken. Und es vollenden.

Und was heißt das nun alles für mich?
Da ist die Handvoll Leute, für die ich ziemlich regelmäßig bete. Ich könnte das ein bisschen ändern. Ich könnte zuerst für sie DANKEN. Schließlich bedeuten sie mir etwas und bereichern mein Leben. Auch dann, wenn der Kontakt nicht immer zu jedem von ihnen rund läuft.
Was ist die gemeinsame Mitte? Bloße Sympathie oder das bloße „Was-habe-ich-vom-anderen?“ trägt oft nicht weit. Wie bei Paulus kann diese „gemeinsame Mitte“ das Evangelium sein. Bei Menschen, die nicht oder anders glauben, wird diese gemeinsame Mitte, das Band der Ver-Bindung, etwas anderes sein. Was genau ist es? Wir sollten uns gelegentlich darauf besinnen.
Christus ist es, der das „gute Werk“ begonnen hat und vollenden wird. Was da der eine für die andere leistet und umgekehrt, darum darf sich nicht mehr alles drehen.

Gebet:
Gott, Du hast mich nicht allein auf die Welt gestellt. Danke, dass Du durch andere an mir handelst! Danke, wo Du durch mich an anderen handelst!
Gott, es gibt so vieles, was eine gute Gemeinschaft bedroht und vergiftet. Gib Du Deinen Geist, dass Du uns schützt! Aber auch Mut zu neuem Miteinander, wo eine Gemeinschaft an ihr Ende gekommen ist, wo ich allein dastehe. Bleib Du mir nahe! Und den anderen auch! Amen.

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So eine Ungerechtigkeit! Andacht zum 31.7.2015

(zusammen mit Sabina Krappmann-Klute)

Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Gutsbesitzer, der sich früh am Morgen aufmachte, um Arbeiter für seinen Weinberg einzustellen. Er ´fand etliche und` einigte sich mit ihnen auf den ´üblichen` Tageslohn von einem Denar. Dann schickte er sie in seinen Weinberg. (Matthäus 20, 1 ff.)

So beginnt ein Gleichnis Jesu. Wir haben keine Kosten und Mühen gescheut, die Stimmen einiger beteiligter Tagelöhnerinnen und Tagelöhner einzufangen. Hier zunächst Kurt:

Kurt: Ja genau, und ich bin einer davon gewesen. Bis dahin ist alles korrekt abgelaufen. Ich bin schon total früh aufgestanden und war einer der Ersten, die der Weinbergbesitzer ange­sprochen hat. Ein Denar als Tageslohn, damit kann man keine grossen Sprünge machen. Das ist das Minimum, was man braucht. Aber damit komme ich schon über die Runden.

Gegen neun Uhr ging er wieder auf den Marktplatz und sah dort noch andere untätig herumstehen. ›Geht auch ihr in meinem Weinberg arbeiten!‹, sagte er zu ihnen. ›Ich werde euch dafür geben, was recht ist.‹ Da gingen sie an die Arbeit. Um die Mittagszeit und dann noch einmal gegen drei Uhr ging der Mann wieder hin und stellte Arbeiter ein. Als er gegen fünf Uhr ´ein letztes Mal` zum Marktplatz ging, fand er immer noch einige, die dort herumstanden. ›Was steht ihr hier den ganzen Tag untätig herum?, fragte er sie. ›Es hat uns eben niemand eingestellt, antworteten sie.

Inge: Stimmt, so war das. Den ganzen Tag habe ich mich am Marktplatz und in der Nähe aufge­halten. Ich hab mich angeboten wie sauer Bier. Mich wollte keiner, meine Arbeitskraft war wieder mal nicht gefragt. Mit jeder Stunde wuchs die Sorge, wie ich über die Nacht komme. Ich hatte Hunger – und nun so ganz ohne Geld. Ganz mächtig irritiert war ich, als ich dann noch um 5 Uhr nachmittags angesprochen wurde. Wer wollte mich denn jetzt noch haben? Aber glücklich war ich auch: Letzte Chance auf einen Verdienst!

Da sagte er zu ihnen: ›Geht auch ihr noch in meinem Weinberg arbeiten!‹ Am Abend sagte der Weinbergbesitzer zu seinem Verwalter: ›Ruf die Arbeiter zusammen und zahl ihnen den Lohn aus! Fang bei den Letzten an und hör bei den Ersten auf.‹ Die Männer, die erst gegen fünf Uhr angefangen hatten, traten vor …

Inge: Nun war ich ja total gespannt. Nur die letzte Stunde gearbeitet, und wir hatten ja auch keinen Lohn für diese kurze Zeit vereinbart.

… und erhielten jeder einen Denar.
Als nun die Ersten an der Reihe waren, dachten sie, sie würden mehr bekommen …

Kurt: Na klar, 12 Stunden in der dicken Sonne gearbeitet, das war anstrengend! Und so heiß! Nun mein Lohn, der müsste 12 x 1, das macht also 12 Denare, betragen.

… Aber auch sie erhielten jeder einen Denar. Da begehrten sie gegen den Gutsbesitzer auf. ›Diese hier‹, sagten sie, ›die zuletzt gekommen sind, haben nur eine Stunde gearbeitet, und du gibst ihnen genauso viel wie uns. Dabei haben wir doch den ganzen Tag über schwer gearbeitet und die Hitze ertragen! ‹

Kurt: So eine Ungerechtigkeit! Der Lohn muss sich doch nach der Leistung bemessen! Und ich gehöre zu denen, die nun mal am meisten geleistet haben! 12 Stunden in der Sonne Trauben gepflückt! Ich finde das nicht in Ordnung vom Weinbergbesitzer!

Da sagte der Gutsbesitzer zu einem von ihnen: ›Mein Freund, ich tue dir kein Unrecht. Hattest du dich mit mir nicht auf einen Denar geeinigt? Nimm dein Geld und geh! Ich will nun einmal dem Letzten hier genauso viel geben wie dir. Darf ich denn mit dem, was mir gehört, nicht tun, was ich will? Oder bist du neidisch, weil ich so gütig bin?‹ So wird es kommen, dass die Letzten die Ersten sind und die Ersten die Letzten.

Kurt: Da hatte er natürlich recht, ein Denar für den Tag war vereinbart. Aber was ist denn das – „Güte“? Das hat doch nichts in der Arbeitswelt zu suchen! Da geht es doch nach Leistung! Und nach Angebot und Nachfrage! Ich hätte mehr verdient! Oder Du, ja Du von den Letzten, Du hättest weniger verdient!

Inge: Stimmt, Kollege, Du hast wirklich viel mehr gearbeitet als ich. Ich hätte es ja auch gern getan, aber mich hat ja fast den ganzen Tag keiner genommen. Und dann, dann wurde ich nachmittags doch noch genommen. Ich war auch völlig perplex, dass ich einen vollen Denar bekommen habe. Aber heilfroh und dankbar! Ohne diesen Tageslohn für diese eine Stunde Arbeit – ich wüsste nicht, wie ich mich und meine Lieben über die Runden gebracht hätte!

Charlotte: Und ich, ich hätte auch gern gearbeitet. Aber ich konnte ja nicht mal auf den Markt. Und wenn ich gekonnt hätte, mich hätte ja erst recht keiner genommen. Ich bin schon wochen­lang krank, kann kaum laufen, keine Chance auf dem ersten Arbeitsmarkt! Ich bin am Ende, ich weiss nicht, wie es mit mir und meiner Familie weitergehen soll.

Kurt: Eigentlich habe ich es nicht selbst verdient, dass ich kerngesund bin. Und auch, dass der Weinbergbesitzer auf mich gestoßen ist. Ein Geschenk? Eine glückliche Fügung?

Inge: Wir beide haben wirklich einen tollen Arbeitgeber gehabt. Der hat schon auf beides gesehen: die Arbeit im Weinberg musste getan werden. Und jeder seiner Arbeiter hat soviel bekommen, wie er zum Leben brauchte.

Charlotte: Aber die Welt ist nicht so wie dieser Weinbergbesitzer. Die dreht sich nach ganz anderen Regeln.

Kurt: Und morgen könnte es ja auch schon ganz anders für mich sein. Ich könnte krank sein. Und dann nimmt MICH keiner. Oder ich werde auf dem Arbeitsmarkt einfach so nicht genommen.

Alle, wie aus einem Munde: Was können wir denn da tun, dass sich die Welt gerechter dreht??

Ja, was ist nun gerecht? Ist es gerecht, wenn es nach Leistung geht? Aber welche Leistung ist wie viel wert? Und wer will das entscheiden?
Ist es gerecht, wenn jeder bekommt, was er unbedingt braucht? Aber wer braucht wie viel? Und wer entscheidet das?
Ist es gerecht, wenn ich das, was ich früher bekommen habe, deswegen immer weiter bekomme? Das ist dann mein Anspruch! Aber ist es gerecht, wenn die, die früher nichts bekommen haben, deswegen auch weiterhin nichts bekommen?
Ist es gerecht, wenn es keine Rolle spielt, in welche Familie, welchen Stadtteil, welche Volksgruppe, welches Land ich geboren werde? Aber wie will man DAS denn verwirklichen, so eine Gerechtigkeit?
Ist es gerecht, wenn diejenigen am meisten bekommen, die am lautesten schreien? Oder am meisten zu sagen haben? Wo bleiben die Verstummten und die, die keiner hört?

Gebet:
Gott, in unserem Land lebt die Mehrheit auf der Sonnenseite in einer zutiefst ungerechten Welt. Ich danke Dir für all das Gute, das ich unverdient habe. Und ich bitte Dich um Erbarmen und Gerechtigkeit für die, die das nicht sagen können.
Gott, oft will ich es gar nicht zu genau wissen und schaue lieber weg. Oft bin ich sooo bequem. Das bekenne ich Dir.
Gott, Du willst Gerechtigkeit. Gib Du mir, gib Du uns den Willen, die Kraft, die Phantasie und den langen Atem! Amen.

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Selma S.: Neige Dein Ohr! Andacht zum 24.7.2015

Neige dein Ohr, mein Gott, und höre, tu deine Augen auf und sieh an unsere Trümmer und die Stadt, die nach deinem Namen genannt ist. Denn wir liegen vor dir mit unserm Gebet und vertrauen nicht auf unsre Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit.
Ach Herr, höre! Ach Herr, sei gnädig! Ach Herr, merk auf! Tu es und säume nicht – um deinetwillen, mein Gott! Denn deine Stadt und dein Volk ist nach deinem Namen genannt. (Daniel 9, 18-19)

Selma Silberschmidt (Pseudonym) wohnt in einer deutschen Großstadt. Ihr noch junges Leben ist in mehrfacher Hinsicht ein schweres. Ich habe sie um eine biographische Notiz gebeten. Die lautet:

Studentin, 22 Jahre alt.
Immer wieder Fragende.
Aber ein Leben ohne Gott? Niemals. Undenkbar.

Die folgenden Zeilen stammen aus einem persönlichen Brief. Ich habe mir nachträglich die Erlaubnis geholt, sie öffentlich zu machen.

… Das tägliche Einerlei kostet mich total viel Anstrengung. Aber ich denke trotz allem weiter nach – über ein/mein beschädigtes Leben, über Gott, über das, was ich transportieren kann zu den Menschen, die auch Leid erlebt haben. Und ich habe mir Gedanken zu Gott und meinem Leben gemacht, und zu den Leben derjenigen, die ich kenne und die ebenso fragend da stehen vor der eigenen Geschichte.
In Daniel 9 steht: „Wir liegen vor dir mit unserm Gebet und vertrauen nicht auf unsre Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit.“
Ein schönes Wort: Nicht auf das vertrauen, was unter uns Menschen als vermeintliche Gerechtig­keit praktiziert wird. Sondern auf Gott und seine ewige Barmherzigkeit. Und als ich mir dann den ganzen Vers ansah, war ich verblüfft: Der Vers ist viel länger! Vorher steht doch noch: „Neige dein Ohr, mein Gott, und höre, tu deine Augen auf und sieh an unsere Trümmer…“
Wie es zu diesen Trümmern kam, ist eine lange Geschichte, und auch, wie Daniel zu diesem Gebet fand. Manches ist mir dabei fremd. Aber vieles passt auch zu mir. Mit der Geschichte über Trümmer, Zerbruch, Hoffnungen, Beziehungen, Vertrauen und Missbrauch beschäftige ich mich ja auch. Kenne ich gut. Immer wieder gestolpert, vor die Trümmer gelaufen, verschwunden zwischen ihnen. Habe aber inzwischen eine Taschenlampe und räume immer mal wieder ein paar Trümmer aus dem Weg. Ich habe einen Wegweiser erstellt und Pläne für die Umgebung. Und – wenn ich genau hinhöre, erkenne ich auch, rieche ich es, dass etwas blüht…
Nein, ich möchte nicht anklagen, will nichts ans Licht zerren oder Schlagzeilen machen. Obwohl das Unrecht, das Kindern und Erwachsenen angetan wird, zum Himmel schreit. Aber eigentlich möchte ich nur aufmerksam machen und zuhören. In Worte fassen, was Menschen erlebt haben und auch was Menschen getan haben. Nicht nur irgendwo weit weg in den Diktaturen dieser Welt, sondern auch in unserer Nähe, in unserem Leben.
Und was dann? Ich habe keine fertigen, schnellen Antworten. Ich kann nur einladen zu Gott. Bei ihm ist Raum. Vor ihm kann ich sitzen, stehen, liegen: mit allen Trümmern, mit allen Fragen, mit aller Hilflosigkeit, aller Trauer und auch aller Wut.
Ich will glauben, dass es Wege gibt. Auch, wenn ich die im Moment nicht sehen oder glauben kann. Und ich will voller Hoffnung gespannt sein auf die Chancen, die er aufzeigt. Ich möchte lernen, zu erzählen von der Güte Gottes, von seiner Barmherzigkeit im eigenen Leben – auch inmitten von Trümmern. Und vielleicht ist es jene Barmherzigkeit, von der Daniel spricht. Barmherzigkeit für mein Leben, zu akzeptieren, nicht aufgeben, nicht resigniert, sondern wirklich und überzeugend.

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