Gott macht es schlimmer. (Exodus, Teil 5) Andacht zum 20.10.2017

Als wäre alles nicht schon schlimm genug. Jetzt macht es Gott noch schlimmer! – Was war passiert? Noch immer waren die Israeliten in Ägypten versklavt. Arbeit von morgens bis abends: Ziegel­fertigung für Städte und Pyramiden. Kein fairer Lohn, keine Chancen für die Kinder. Keine Bildung, keine Kultur. Religion schon ein bisschen: Diese unterdrückten Menschen schreien nämlich zu ihrem Gott um Hilfe.

Verrückte Welt: Bis heute sind gigantische Felsengräber und Pyramiden erhalten, man kann feinste Kunstwerke und Goldschätze bewundern. Aber alles auf dem Rücken ausgebeuteter Menschen. Die einen kommen vor Hunger nicht in den Schlaf, werden geschlagen, die anderen wissen nicht, wohin mit ihrem vielen Geld. Wie heute. Die einen haben nichts, bekommen keine Chance, verhungern und verrecken an behandelbaren Infektions­krank­heiten, werden schon als Kinder durch harte Arbeit körperlich und seelisch gebrochen. Und die anderen lassen sich auch von einem sechs- und siebenstelligen Jahres­einkommen nicht davon abhalten zu klagen und zu raffen. – Und können ihren Lebenshunger doch nicht stillen. Manche Mittel­ständ­ler arbeiten Tag und Nacht, um ihren Betrieb zu erhalten und die Arbeitsplätze zu sichern, andere Leute werden fürstlich dafür bezahlt, Großkonzerne zu zerschlagen und Arbeitnehmer „freizusetzen“.

Und Gott? Durch Gott wird alles schlimmer: Gott schickt Mose und seinen Bruder Aaron zum Pharao – mit einer Bitte, die sich sehr bescheiden ausnimmt: Freie Religionsausübung. Israel soll drei Tagereisen weit in die Wüste Sinai dürfen, um da Gottesdienst zu feiern …

Mose und Aaron gingen hin und sprachen zum Pharao: So spricht der HERR, der Gott Israels: „Lass mein Volk ziehen, dass es mir ein Fest halte in der Wüste.“ Der Pharao antwortete: „Wer ist der HERR, dass ich ihm gehorchen müsse (…)? Ich weiß nichts von dem HERRN, will auch Israel nicht ziehen lassen. (…) Warum wollt ihr das Volk von seiner Arbeit frei machen? Gehet hin an eure Dienste!“

(…) Darum befahl der Pharao am selben Tage den (…) Vögten und sprach: „Ihr sollt dem Volk nicht mehr Häcksel geben, dass sie Ziegel machen, wie bisher. Lasst sie selbst hingehen und Stroh dafür zusammenlesen. Aber die Zahl der Ziegel, die sie bisher gemacht haben, sollt ihr ihnen gleichwohl auferlegen (…), denn sie gehen müßig. Darum schreien sie und sprechen: Wir wollen hinziehen und unserm Gott opfern. Man drücke die Leute mit Arbeit, dass sie zu schaffen haben und sich nicht um falsche Reden kümmern.

Da zerstreute sich das Volk ins ganze Land Ägypten, um Stroh zu sammeln, damit sie Häcksel hätten. Und die Vögte trieben sie an und sprachen: Erfüllt euer Tagewerk wie damals, als ihr Häcksel hattet! Und die Aufseher aus den Reihen der Israeliten, die die Vögte des Pharao über sie gesetzt hatten, wurden geschlagen, und es wurde zu ihnen gesagt: „Warum habt ihr nicht auch heute euer festgesetztes Tagewerk getan wie bisher? (…)“

Die Aufseher der Israeliten sahen, dass es mit ihnen übel stand. (…) Da begegneten sie Mose und Aaron (…) und sprachen zu ihnen: „Der HERR richte seine Augen gegen euch und strafe es, dass ihr uns in Verruf gebracht habt vor dem Pharao und seinen Großen (…)!“

Mose aber kam wieder zu dem HERRN und sprach: Herr, warum tust du so übel an diesem Volk? Warum hast du mich hergesandt? Denn seitdem ich hingegangen bin zum Pharao, um mit ihm zu reden in deinem Namen, hat er das Volk noch härter geplagt, und du hast dein Volk nicht errettet.

Da sprach der HERR zu Mose: Nun sollst du sehen, was ich dem Pharao antun werde. Denn durch eine starke Hand gezwungen, muss er sie ziehen lassen, ja er muss sie (…) aus seinem Lande treiben.“ (aus Exodus 5 sowie 6,1)

Freie Religionsausübung? Für solche Flausen hat der Pharao nichts übrig. Das passt nicht in die Zeit. Arbeiten sollen sie, dass sie auf andere Gedanken kommen und sich solche Flausen aus dem Kopf schlagen! Die Arbeitsnormen werden erhöht, die Pflichten werden mehr, die Arbeitszeit steigt.

Und der Gott Israels? Von dem hat der Pharao nie gehört. Interessiert ihn auch nicht. Er hat andere Sorgen.

Bei den Israeliten wachsen Not, Unmut, Hilflosigkeit. Dauernd der Druck, das Unerreich­bare erreichen zu müssen. Stress ohne Ende. Mehr Herzinfarkte, Suizide, verwahr­lo­ste Kinder, Depressionen, unterversorgte Alte und Behinderte. Die Solidarität schwindet. Man muss schließlich selber sehen, wo man bleibt.

Nun gibt es zwei Sorten Israeliten: die Nur-Sklaven und die Aufseher. Die Aufseher stehen zwischen den Nur-Sklaven und den Ägyptern. Die Sandwich-Position. Bisher kamen sie mit diesem Beruf über die Runden. Aber nun? Plötzlich schlägt man auch sie. Sie stehen unter demselben Druck, rutschen ab in das Heer der namenlosen Arbeits­sklaven.

Ihr Zorn richtet sich gegen Mose und Aaron. Die haben das schließlich verschuldet. – „Der HERR richte seine Augen gegen euch und strafe es, dass ihr uns in Verruf gebracht habt vor dem Pharao und seinen Großen!“

Und Mose? Mose liefert ganz genau so seine Vorwürfe bei dem ab, den er für verantwortlich hält: Gott. – „Herr, warum tust du so übel an diesem Volk? Warum hast du mich hergesandt? Denn seitdem ich hingegangen bin zum Pharao, um mit ihm zu reden in deinem Namen, hat er das Volk noch härter geplagt, und du hast dein Volk nicht errettet.“ Mose fühlt sich von Gott verraten. Sein Ruf beim Volk ist ruiniert, sein Gewissen quält ihn: Er hat so viel zusätz­liches Leid über die Menschen gebracht – und das im Namen Gottes. Kann man Gott überhaupt noch trauen, wenn man genau das tut, was man als Gottes Willen erkannt hat, und dann endet alles in eine Katastrophe, dann lässt Gott einen im Stich?

Man kann vielleicht Gott nicht mehr trauen, aber Mose tut es trotzdem. Trotz seiner Vor­würfe. Obwohl sein Atem kürzer ist als Gottes Atem. Obwohl Mose auch später immer wieder aus den eigenen Reihe angefeindet wird. Von denen, die meinen: Besser, man arran­giert sich mit den Verhältnissen – und mit den Unterdrückern.

Dennoch: Es endet nicht in der Katastrophe, sondern es geht durch die Katastrophe hindurch in die Freiheit. Später. Die Befreiung der Sklaven wurde zum zentralen Glaubensbekenntnis des Gottesvolkes – bis heute. Gott hat die Menschen nicht mit gebeugten Rücken und hängenden Köpfen gewollt, sondern aufrecht und frei. Diese Freiheit hat Gott den Israeliten schließlich geschenkt, trotz Rückschlag, trotz Spaltungen, Zaudern, Zweifeln, Pharaonen.

Was können Sie aus dieser Geschichte vom Rückschlag lernen? Meine Vorschläge:

  1. Gott will, dass Sie frei sind. Nehmen Sie zur Kenntnis, was Sie unfrei macht – äußerlich, aber auch innerlich! Wovon Sie abhängig sind, was Sie lenkt und leitet. Menschen, Geld, Güter, Gedanken, Gefühle, … Was bindet Sie, was versklavt Sie?

  2. Sehen Sie hin, wenn Menschen in Ihrer Umgebung oder weit weg unfrei sind und ausgenutzt werden! Seien Sie wachsam, wo Werte und Regeln aufgegeben oder verwässert werden. Wenn nur noch solche Ziele und Werte zählen, die sich in Euro und Cent bemessen lassen.

  3. Machen Sie den Mund auf! Arrangieren Sie sich nicht zu oft und nicht zu früh. Halten Sie nicht zu denen, die andere unfair behandeln und ihnen ihre Lebens-Chancen nehmen.

  4. Lassen Sie sich nicht von Rückschlägen entmutigen! Auch Israels Weg in die Freiheit war zunächst von Rückschlägen gepflastert.

  5. Klagen Sie Gott Ihre Rückschläge, aber lassen Sie ihn nicht los. Auch wenn es quält, dass Gott manchmal einen so langen Atem hat.

  6. Wenn Sie wie die israelitischen Aufseher Nachteile fürchten oder erleben, weil Leute wie Mose den Mund aufmachen, dann machen Sie Ihrem Ärger Luft – aber nicht bei Leuten wie Mose, sondern bei den Pharaonen und ihren Vögten!

Gebet:

Gott, Du willst, dass ich aufatmen kann. Hilf mir zu merken und zu lösen, was mir die Luft nimmt. Gib mir die Liebe und den Mut, bei denen zu sein, die meine Unterstützung brauchen. Und die Stärke, auch Rückschläge zu verkraften. Amen.

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Warum überhaupt noch kämpfen? Von Rike Ahlbrand

Diesmal als Gast-Autorin Rike Ahlbrand mit ihrer sehr persönlichen Auslegung einer Geschichte von Elia …

Elija geriet in Angst, machte sich auf und ging weg, um sein Leben zu retten. Er kam nach Beerscheba in Juda und ließ dort seinen Diener zurück. Er selbst ging eine Tagesreise weit in die Wüste hinein. Dort setzte er sich unter einen Gingsterstrauch und wünschte sich den Tod. Er sagte: Nun ist es genug, Herr. Nimm mein Leben; denn ich bin nicht besser als meine Väter. Dann legte er sich unter den Gingsterstrauch und schlief ein. Doch ein Engel rührte ihn an und sprach: Steh auf und iss! Als er um sich blickte, sah er neben seinem Kopf Brot, das in glühender Asche gebacken war, und einen Krug mit Wasser. Er aß und trank und legte sich wieder hin. Doch der Engel des Herrn kam zum zweiten Mal, rührte ihn an und sprach: Steh auf und iss! Sonst ist der Weg zu weit für dich. Da stand er auf, aß und trank und wanderte, durch diese Speise gestärkt, vierzig Tage und vierzig Nächte bis zum Gottesberg Horeb. (1. Könige 19, 3-9)

Es gibt Tage, da frage ich mich, warum ich überhaupt kämpfe. Ich kämpfe gegen das Monster in mir drin. Die Ärzte haben es Depression genannt. Für mich ist es der tägliche Kampf zu überleben. Und vor allem will ich nicht nur überleben, sondern ich will leben.

Obwohl ich das weiß, gibt es Tage, an denen ich wie Elija sage: „Herr! Nimm mein Leben! Denn ich bin nicht besser als meine Väter.“ Elija legt sich unter einen Gingsterstrauch und wartet dort auf den Tod. Ich liege dann meistens irgendwann auf dem Fußboden und wünsche mir nichts weiter als zu sterben.

Ich lebe noch, ich sterbe nicht dadurch, dass ich mir das wünsche. Genauso Elija. „Doch ein Engel rührte ihn an und sprach: Steh auf und iss! Als er um sich blickte, sah er neben seinem Kopf Brot […] und […] Wasser.“ Mein Brot und mein Wasser sind die Dinge, die mein Leben ausmachen. Ich denke dann an all die lieben Menschen in meinem Leben: meine Familie, meine Freunde, meine Arbeitskollegen, die Kinder aus den Sportverein oder auch an den Nachbarshund. Ich denke an all die Dinge, die mir zeigen, dass sie mich gern haben. Das Aufstehen danach ist schwer. Ich bin schon so oft gefallen, so dass ich mich frage, ob es überhaupt lohnt, wieder aufzustehen. Doch auch darauf finde ich in der Bibel eine Antwort: „Doch der Engel des Herrn kam zum zweiten Mal, rührte ihn an und sprach: Steh auf und iss! Sonst ist der Weg zu weit für dich.“ Man darf auch öfter fallen und Gott gibt einem trotzdem die Nahrung, die man braucht.

Und wofür sich das Aufstehen lohnt, zeigt sich einige Verse später: „Ein starker, heftiger Sturm, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, ging dem Herrn voraus. Doch der Herr war nicht im Sturm.“ Genauso wenig ist der Herr in dem Erdbeben, das folgt, oder in dem Feuer.

Nach dem Feuer kam ein sanftes, leises Säuseln.“ Darin steckt der Herr. Für mich bedeutet das: Es sind nicht die großen, mächtigen Dinge, denen man im Leben die Beachtung schenken sollte, sondern den kleinen Dingen. Gott steckt in all diesen Kleinigkeiten, die innerhalb eines Tages so passieren und die man schnell übersieht oder überhört. Aber das sind die Dinge, für die es sich lohnt aufzustehen. Sei es ein kleines Lächeln, ein intensiver Blick, der Wind in den Haaren, die Sonne im Gesicht, die Melodie im Ohr oder eine Umarmung. Und genau dafür möchte ich leben.

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Exodus IV: auf den Mund gefallen. Andacht zum 6.10.2017

Mose ist seit vielen Jahren – Hirte. Schafe und Ziegen. Aber dann: Ein brennender Dornbusch. Gott spricht zu Mose. Mose soll die Israeliten aus der Sklaverei in die Freiheit führen! – Aber Mose will nicht. Mose ist nicht gut im Reden. Bei den Schafen und Ziegen müssen es nicht viele Worte sein. Aber wenn man mit dem Pharao verhandeln muss? Und ein Volk anführen soll?

Das kennen Sie womöglich: Sie müssten etwas sagen – und Sie bekommen kein Wort heraus. Oder nur mit Mühe. Jedenfalls nichts, womit Sie zufrieden wären.

Nun denken Sie vielleicht: „Na ja, mir fehlen halt die passenden Worte. Ich kann mich nicht so gut ausdrücken. Ich bin nicht so schlagfertig wie die anderen.“ Kann sein. Aber vielleicht steckt mehr dahinter. Dieses „Mehr“ hat womöglich zu tun mit Angst. Hier eine Angst-Auswahl:

  • „Ich bin nicht witzig genug oder nicht geistreich genug.“

  • „Alle merken, wie dumm und ahnungslos ich bin.“

  • „In der Arbeitsgruppe rede ich zu wenig zur Sache. Nur Unpassendes.“

  • „In der Therapie-Gruppe rede ich zu sachlich, zeige keine Gefühle.“

  • „Die anderen werden mich nicht beachten, nicht ernst nehmen, mich übergehen.“

  • „Ich werde belächelt, wenn ich etwas von mir selbst sage.“

  • „Ich werde mit meinen Problemen anderen zur Last fallen.“

  • „Meine Stimme klingt so komisch, ich werde rot, verhasple mich, sage dauernd ‚äh‘, fange an zu zittern. Die anderen merken, wie aufgeregt ich bin.“

  • „Ich kann meine Sache nicht vertreten und setze mich nicht durch.“

Auch wenn Sie super gebildet sind: Mit solchen Ängsten können Sie sich völlig blockieren. Umgekehrt können Sie ein zweijähriges Kind sein und kaum ein Wort richtig beherrschen – aber ohne diese Ängste reden Sie trotzdem unbekümmert drauflos.

Gehemmt im Reden? Da sind Sie also in guter Gesellschaft mit Mose. Genau deswegen will er ja die Aufgabe nicht, für die Gott ihn ausgesucht hat. Reden, verhandeln, überzeugen, selbstbewusst auftreten – alles nicht seins. Was für eine Katastrophe, wenn ausgerechnet er, der Stammler, diesen Job übernehmen soll! Und was für ein Gott, der gerade Mose so etwas zumutet! Hören wir mal rein in das Gespräch am brennenden Dornbusch …

Mose sprach zu Gott: Ach, mein Herr, ich bin von jeher nicht beredt gewesen. Auch jetzt nicht, seitdem du mit mir redest. Denn ich hab eine schwere Sprache und eine schwere Zunge.

Was kann man da machen? Ein Rhetorik-Training? Soziales Kompetenz-Training? Das würde vielleicht nicht für die Verhandlungen mit dem Pharao reichen. Aber ein guter Anfang wäre es. Mose will aber etwas ganz anderes, und das würde wirklich durchschlagend helfen: Gott soll sich bitteschön einen anderen für diesen Job suchen!

Und Gott? Er entlässt Mose nicht einfach aus der Pflicht. „Typisch Gott“, dass er gern zurück greift auf Menschen mit Unzulänglichkeiten, Schwächen, Versagen, Schuld. Dem Argument „schwere Sprache und schwere Zunge“ widerspricht Gott gar nicht. Gottes Antwort:

Wer hat dem Menschen den Mund geschaffen? Oder wer hat den Stummen oder Tauben oder Sehenden oder Blinden gemacht? Habe ich’s nicht getan? So geh nun hin: Ich will mit deinem Munde sein und dich lehren, was du sagen sollst.

Gott zaubert dem Mose nicht einfach sein Problem weg – das mit der Sprache und mit dem Mangel an Mut und Selbstvertrauen. Sondern Gott fordert Mose zu Vertrauen auf – und zwar auf ihn, Gott. Gott – der Schöpfer des Mundes und der Gehörlosen, der Sehenden und der Blinden. Wenn Gott, mein Schöpfer, mich mitsamt meiner Schwächen für etwas gebrauchen will, dann kann dieses „Defizit“ für diese Sache gar kein Defizit sein. Vielleicht sogar ein Vorteil? Etwa so: Leute, die immer aalglatt daher reden, die nichts aus dem Konzept und ins Stottern bringt, die können vielleicht Gottes Sache gar nicht glaubwürdig vertreten. Jesus Christus hat sein Kreuz ja auch nicht als kraftstrotzender Supermann getragen. Andernfalls ich könnte nicht an ihn glauben.

Aber Mose will nun mal nicht. Jetzt wird er deutlich:

Mein Herr, sende, wen du senden willst!

Ein Wunder! Auf einmal ist Mose kein bisschen auf den Mund gefallen, jetzt redet er Klartext. Und das auch noch – nein, nicht zu irgendwem, sondern zu Gott selbst! Na bitte, es geht doch!

Gott gratuliert Mose trotzdem nicht zu diesem Sprech-Erfolg:

a wurde Gott sehr zornig über Mose …

Also: Gott will Freiheit für seine unterdrückten Kinder. Mose, Sie und ich sollen uns dafür einsetzen. Aber Mose, Sie und ich sind vielleicht voller Schüchternheit und Angst, was die anderen wohl von uns denken. Wenn wir uns dann ausschweigen oder den Unterdrückern „Ja und Amen“ sagen – und so zu Gott und seinem Willen „Nein“ sagen, dann macht das Gott „sehr zornig“. Nein-Sagen-Können ist wichtig. Aber bitte: „Nein“ zum Unterdrücker, nicht zum Befreier!

Für Gott ist sein Zorn aber kein Anlass, das Gespräch abzubrechen. Gott stellt seine Bemühungen um Mose nicht ein. Sondern: Gott baut eine goldene Brücke für Mose:

Weiß ich denn nicht, dass dein Bruder Aaron (…) beredt ist? Und siehe, er wird dir entgegen kommen. Und wenn er dich sieht, wird er sich von Herzen freuen. Du sollst zu ihm reden und die Worte in seinen Mund legen. Und ich will mit deinem und seinem Munde sein und euch lehren, was ihr tun sollt. Und er soll für dich zum Volk reden. Er soll dein Mund sein und du sollst für ihn Gott sein. (alles: aus Exodus 4)

Moses Bruder Aaron. Der soll Moses rechte Hand sein – nein, besser: sein Mund. Aaron als Moses Chef-Diplomat und Pressesprecher. Ich weiß nicht, warum Gott diesen Joker nicht schon vorher gezogen hat. Vielleicht sollte Mose von allein drauf kommen.

Aber wenn Mose nicht darauf gekommen ist, dann wenigstens wir! Von selbst drauf kommen: Sie müssen als Einzelne/r nicht alles gleich super und auch noch gleichzeitig können. Wir ergänzen einander! Wir dürfen unsere Stärken für andere einsetzen und uns bei unseren Schwächen helfen lassen.

Im Blick auf meine Worte: Ich darf andere um Hilfe dabei bitten, die richtigen Worte zu finden für schwierige Gespräche, Briefe, Bewerbungsschreiben, Partnerschaftsanzeigen. Ich darf andere für mich sprechen lassen, wo es mir die Sprache verschlägt oder wo die eigenen Worte im Weinen untergehen. Ich darf andere in Anspruch nehmen für mein Schweigen und Gestammel. Ich darf die 0800-111-0-111 oder 0800-111-0-222 wählen: die Telefonseelsorge.

Mein Vorschlag für den Alltags-Gebrauch: Erlauben Sie es Ihrer Angst nicht, Ihre Zunge zu lähmen! Sondern lassen Sie sich von Vertrauen leiten! Davon ist die Angst nicht weg. Aber sie darf Ihnen nicht den Mund verbieten. Also: Mut zum Stammeln!!

Gebet:

Gott, Du hast mir Lippen und Zunge gegeben. Du willst mich nicht als Sklaven, sondern als Dein freies Kind. Gib mir genug Mut gegen die Angst, Zunge und Lippen in aller Freiheit zu gebrauchen!

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Weisheit. Andacht zum 29.9.2017

„Was brauchen Sie?“

Ein simple Frage. Eine gute Frage. Ich stelle diese Frage gern, wenn mir jemand von der Last seines Lebens erzählt. Und: Ich stelle mir selbst die Frage „Was brauche ich?“ – zu selten. Hätten Sie da für sich Antworten? Was brauchen Sie?

Und wenn Sie schnelle Antworten haben, gleich eine Frage hinterher: Was brauchen Sie WIRKLICH? Vielleicht kommen nun andere Antworten. Es gibt nämlich Bedürfnisse HINTER den Bedürfnissen. Aber die sind einem oft gar nicht auf Anhieb klar.

Beim Beten geht es auch oft um das, was man braucht oder zu brauchen meint. Ich rede hier vom BITTEN. Jetzt nicht für andere und nicht für weit weg, sondern Bitten für sich selbst. Es gibt unter den Betenden solche Leute, die loben und danken, die klagen, die bitten für andere – aber NIE für sich selbst. Weil sie das für egoistisch halten. Weil sie meinen, das sind sie nicht wert. Und: Es gibt andere Betende, die kaum etwas anderes beten als eben Bitten in eigenen Angelegenheiten.

Ich halte beides für falsch. Nein, ich muss mich nicht ausschließlich um mich selbst drehen. Und ja, ich muss mich wichtig nehmen. Jawohl, „muss“. Allein schon, weil ich für Gott wichtig und wert­voll bin. Und deswegen soll das, was ich brauche, mein Wünschen und Sehnen, Raum haben vor Gott und Resonanz in Gottes Ohren.

Wie ist das bei Ihnen, falls Sie Beterin oder Beter sind? Gibt es in Ihren Gebeten Bitten in eigener Sache? Was sind bei Ihnen typische Bitt-Inhalte? Vielleicht wissen Sie noch: Um was haben Sie Gott gestern oder heute gebeten?

So, und nun geht es um etwas, worum Sie Gott vermutlich nicht gerade jeden Tag bitten:

Wenn aber jemand von euch Weisheit mangelt, so bitte er Gott, der allen willig gibt und keine Vorwürfe macht, und Weisheit wird ihm gegeben werden. (Jakobusbrief 1, 5)

Weisheit! Das ist jetzt mal nicht „etwas“, was jemand braucht. Nichts Materielles, kein gutes Wetter, nichts Nettes von den Mitmenschen, auch nicht gute Besserung einer angeschlagenen Gesundheit. Nein, Weisheit ist wohl mehr Haltung und Einstellung.

Ich finde es gar nicht leicht zu sagen, was denn Weisheit überhaupt ist. Mit Klugheit hat es wohl nur wenig zu tun. Jedenfalls soll es ja sehr kluge Menschen geben, die trotzdem „Fach-Idioten“ sind. Ich vermute: Weise Menschen haben gar nicht immer die besseren Antworten, aber oft die besseren Fragen. Überhaupt: „Selbstverständliches“ zu hinter­fragen, das hat was von Weisheit. Auch, sich selbst zu hinterfragen. Und sich hinterfragen zu lassen. Weise Menschen stelle ich mir so vor, dass sie nicht sehr viele Worte machen (jedenfalls weniger Worte als in dieser Andacht). Aber die wenigen Worte sind gut gewählt. Solche Worte „sitzen“. Sie regen an. Weisheit verbinde ich mit Einsicht in die eigenen Grenzen. Mit Geduld, Gelassenheit, Güte. Zu sich und zu anderen.

Und, sorry, liebe Jugend: Ich stelle mir unter einem weisen Menschen eher einen Älteren vor. Lebenserfahrung, Lebenskunst. An Krisen gereift. Was aber keineswegs für mich stimmt: „Je älter, desto weiser!“ Sondern wie der Volksmund sagt: „Alter schützt vor Torheit nicht!“

„Wenn aber jemand von euch Weisheit mangelt …“ – Mangelt es Ihnen an Weisheit? An dieser Stelle sind Sie gut beraten, „Ja!“ zu sagen. Die Einsicht in den eigenen Weisheits-Mangel scheint mir ausgesprochen weise zu sein. Denn was sind das für Leute, die meinen, ihnen würde es nicht an Weisheit mangeln? Solche Leute wissen alles besser. Sie sind resistent gegenüber Argumenten für eine andere Sicht, sie sehen an sich selbst keinen Veränderungs-Bedarf, man kann schlecht mit ihnen reden, denn sie haben etwas Arrogantes, Neunmalkuges, Besserwisserisches. Es ist kein Kompliment, wenn es heißt: „Der hat die Weisheit mit Löffeln gefressen!“

Lassen Sie sich von seeeehr ausgeprägter Selbstsicherheit Ihrer Mitmenschen oder auch der eigenen nicht täuschen: Wer so ist, hat es besonders nötig. Der oder die ist „eigentlich“ selbst-un-sicher. Und kann sich deswegen keine Verunsicherungen leisten. Alles muss klar und richtig und eindeutig sein.

Im Sprüche-Buch finde ich all das sehr schön auf den Punkt gebracht:

Wenn du einen siehst, der sich weise dünkt, da ist für einen Toren mehr Hoffnung als für ihn. (Sprüche 26, 12)

Nun rät uns der Jakobus-Brief, mit unserem Weisheits-Mangel zu Gott zu gehen. Wieso? Es kommen in unserem Vers zwei „Eigenschaften“ Gottes, die wohl dafür wichtig sind:

a) Gott „gibt allen willig“.

b) Gott macht keine Vorwürfe.

Wenn ich mit meinem Weisheits-Mangel – mit meiner Ungeduld, meiner Unsicherheit, meiner aufbrausenden Art, meinem Mangel an hilfreichen Einsichten, meiner mangelnden Selbstkritik, meinen ungelösten Fragen, meinen allzu starren Antworten … zu Gott komme, dann hilft es, das beides zu glauben: Gott gibt willig. Und: Gott macht keine Vorwürfe.

Keine Vorwürfe: Ich darf mir und Gott meine „un-weise“ Seite eingestehen – und bin damit von Gott angenommen. Gott gibt willig: In seiner Nähe darf ich Geduld und Gelassenheit finden; ich lerne, mich zu hinterfragen; ich sehe mich selbst mit meinen Fragen und mit meiner ganzen Art nochmal mit anderen Augen – wer weiß, vielleicht ein bisschen mit Gottes Augen?

Mir scheint: Kaum eine Bitte wird so verlässlich erhört wie die Bitte um Weisheit. – Wieso?

  • Weil diese Bitte die Einsicht um die engen Grenzen meiner Weisheit voraussetzt – und diese Einsicht ist selbst schon ziemlich weise. Diese Bitte schützt vor Besserwisserei und Über­heb­­lichkeit.

  • Wer betet, unterbricht dafür gewöhnlich sein Tun, „legt die Hände in den Schoß“. Beten ist mehr „Sein“ als Tun, ist mehr Anschauung als Hektik, mehr Innehalten als Hamsterrad. Auch deswegen ist die Bitte selbst schon ziemlich weise.

  • Wenn ich die Grenzen meiner Weisheit vor Gott bringe, dann sehe ich die Dinge und mich selbst nicht mehr nur mit meinen Augen, sondern von Gott her. Das funktioniert übrigens auch, wenn Sie jemandem Ihren Alltag oder Ihre Meinungen erzählen, der so ganz anders lebt und ganz anders tickt als Sie! – Es verändert etwas! Horizont-Erweiterung!

  • Sie öffnen mit der Bitte um Weisheit dem Geist Gottes Ihre Seelen-Tür. – Wenn Sie Gott um 100 Euro bitten, und „es klappt“, dann haben Sie zwar 100 Euro in der Tasche, aber nicht Gottes Geist im Herzen. Bei der Bitte um Weisheit kann das anders sein. Weil Weisheit weniger mit der Brieftasche zu tun hat als mit Ihrer Haltung, Ihrem Herzen, Ihrer Anschauung und wie Sie „ticken“.

Wann hat sich diese Andacht für Sie gelohnt? Ein wenig, wenn Sie Gott um Weisheit bitten. Viel, wenn Sie Gott regelmäßig um Weisheit bitten. Und sich immer wieder Ihren Mangel an Weisheit bewusst machen. Ohne Angst vor Vorwürfen.

Gebet:

Gott, im Rückblick erkenne ich an vielen Stellen in meinem Leben, was für ein Narr ich gewesen bin.

Gott, bewahre mich vor meinen Scheuklappen! Weite meinen Blick! Schenke mir Deinen Geist! Heute neu! Amen.

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Exodus, Teil 3: Eine lange Weile. Andacht zum 22.9.2017

Wissen Sie noch? Die beiden Hebammen Schifcha und Pua letzte Woche? Die haben nicht mitgespielt, als der Pharao alle männlichen Neugeborenen der Israeliten umbringen lassen wollte.

Es hat nicht viel geholfen. Denn nun schickt der Pharao seine Soldaten los:

Da gebot der Pharao seinem ganzen Volk: Jeden Sohn, der geboren wird, sollt ihr in den Nil werfen, jede Tochter aber sollt ihr am Leben lassen! (Exodus 1, 22)

Unter diesen düsteren Vorzeichen passiert nun etwas, was sonst täglich tausendfach passiert und eigentlich doch etwas sehr Schönes sein sollte:

Ein Mann vom Haus Levi ging hin und nahm eine Tochter Levi zur Frau. Und die Frau wurde schwanger und gebar einen Sohn. (Exodus 2, 1-2)

Sie ahnen es schon: Mit diesem Kind hat es etwas Besonderes auf sich! Es ist nämlich der kleine Mose, der viel später das Volk Israel aus der Sklaverei führen wird.

Aber vorher muss Mose als Baby erst einmal überleben. Die Rettungs-Geschichte dazu ist vor allem eine Frauen-Geschichte. In den ersten beiden Kapiteln des Exodus-Buches kommen die Männer sowieso schlecht weg: Der Pharao unterdrückt und lässt töten. Seine Soldaten vollstrecken den bösen Befehl. Und später, als Mose erwachsen ist, wird er einen Sklavenaufseher erschlagen. Moses eigene Leute werden ihn anschließend verraten, so dass er fliehen muss.

Ganz anders die Frauen:

  • Schifcha und Pua als Retterinnen kennen Sie schon.

  • Dann die Mutter von Mose: Erst versteckt sie das Baby zu Hause, dann in einem schwimmenden Körbchen am Ufer des Nils.

  • Dann die große Schwester von Mose, die ein Auge darauf hat, was weiter geschieht.

  • Dann die Tochter des Pharao: Die findet beim Baden das Körbchen. Sie bekommt Mitleid mit dem Baby und rettet es.

  • Schließlich: Die große Schwester vermittelt dem Baby die eigene Mutter als Amme. Die Prinzessin zieht den Jungen später auf bei Hofe.

Wieder taucht Gott nicht ausdrücklich auf. Aber wir ahnen es: Hier spinnt jemand im Hintergrund die Fäden. Es scheint sich etwas zum Guten zu wenden.

Aber dann der Rückschlag, ich hatte ihn eben angedeutet: Als Mose erwachsen ist, tötet er einen Sklaven-Aufseher. Und weil das rauskommt, muss Mose fliehen.

Wer als Leserin oder Leser auf die baldige Rettung Israels wartet, wird langsam ungeduldig: Mose kommt in Midian auf der Sinai-Halbinsel an. Er heiratet, wird Vater, wird Hirte. Und nun ziehen die Jahre ins Land. Stillstand. Außer Spesen nichts gewesen. – Wirklich?

Dazu habe ich mal ein schönes Wort gehört: „Inkubations-Effekt“. Kniffelige Denksport-Aufgaben kann man manchmal besser lösen, wenn man zwischendurch etwas ganz anderes macht, wenn man abgelenkt ist, wenn sich im Blick auf das Problem scheinbar nichts tut. Aber der Witz ist: Es tut sich doch was. Oder es ändert sich der eigene Blick.

Der Entwicklungs-Psychologe Eric H. Erikson hat Ähnliches für die Lebensgeschichte beschrieben: Jugendliche profitieren davon, wenn sie ein „psychologisches Moratorium“ bekommen, also die Zeit und den Freiraum, sich auszuprobieren, sich zu finden, ihre Identität zu bilden.

Kurz gesagt: „Umwege“ können ungeheuer wichtig sein. Sie sind keineswegs verlorene Zeit. Ich glaube: Das gilt auch für die Spiritualität im Tageslauf: Zeiten nur für Gott und mich. Zeiten des Nichts-Tuns, „nutzlose“ Zeiten, in denen man doch sooo viel machen könnte. Aber die Seele braucht die Inkubation, das Moratorium, sie braucht ihr „Midian“. Sie braucht vor allem Gott. Und der lässt sich eben längst nicht immer im Tun, in der Aktion, finden. Die drängende Not der Sklaven in Ägypten ist wichtig. Midian ist es aber auch.

Und was macht derweil Israel in Ägypten? Sie erinnern sich: Bis jetzt war von Gott fast gar nicht die Rede gewesen. Ausnahmen waren Schifcha und Pua, die „gottesfürchtigen“ Hebammen. Indirekt ahnen wir Gott bei der wundersamen Rettung von Mose durch die gebündelte Frauen-Power, aber eben nur: indirekt.

Erst jetzt, endlich, endlich holen die Israeliten Gott in ihre Leidens-Geschichte hinein:

Und es geschah während jener vielen Tage, da starb der König von Ägypten. Und die Kinder Israel seufzten wegen ihrer Arbeit und schrien um Hilfe. Und ihr Geschrei wegen der Arbeit stieg auf zu Gott. Da hörte Gott ihr Ächzen, und Gott dachte an seinen Bund mit Abraham, Isaak und Jakob. Und Gott sah nach den Kindern Israel, und Gott kümmerte sich um sie. (alles: Exodus 2)

Der Dichter Paul Gerhardt hat in einem Lied so getextet: „… mit Sorgen und mit Grämen / und mit selbsteigner Pein / lässt Gott sich gar nichts nehmen. / Es muss erbeten sein!“ Nicht das Seufzen an sich ist der Wendepunkt in dieser Geschichte, sondern: Dass aus diesem Seufzen ein Hilfe-Schrei wird. Dieser Hilfe-Schrei steigt zu Gott auf.

Und Gott? Was Gott hier tut, bekommen wir ausgesprochen menschlich beschrieben: Gott hört – Gott erinnert sich – Gott sieht nach – Gott kümmert sich. Dazu war aber nötig: Die „Kinder Israel“ mussten Gott wieder in ihr Leben hinein holen. Sie mussten seufzen, um Hilfe schreien und das alles zu Gott aufsteigen lassen.

Endlich „kümmert“ Gott sich, und alles wird flott wieder gut, oder? Weit gefehlt. Die „Kinder Israel“ merken – nichts. Weit weg in Midian hat ein flüchtiger Straftäter – Mose – eine Gottes-Erschein­ung: Mose soll zurückkehren. Aber in Ägypten ist davon noch gar nichts bekannt. Und als Mose irgendwann zurück ist und mit dem Pharao verhandelt, gibt es erstmal nur Schwierigkeiten.

Als es dann eeendlich zum Exodus kommt, zum Aus-Weg aus Ägypten, da ist dann alles gut? Nein, Quatsch. Sondern: 40 Jahre Wüste. – Wobei: Diese lange Zeit in der Wüste hatten sich die „Kinder Israel“ selbst eingebrockt – und zwar, weil sie im falschen Moment zu viel Angst hatten, in das „Gelobte Land“ einzuziehen. Chance verpasst, wieder warten …

Manchmal ist das Leben eine einzige Geduldsprobe. – Na, wem sage ich das. Aber wir haben jetzt sehr unterschiedliche Hintergründe kennen gelernt, warum es manchmal lange dauert:

  • Die „klaglose“ lange Zeit: Israel war in der Mühle der Sklaverei. Aber die Israeliten hatten lange ihr Ächzen und ihre Hilferufe nicht vor Gott gebracht.

  • Die lange Zeit in Midian: Die Zeit, in der etwas wachsen und reifen muss, auch wenn man nichts sieht (Inkubation, Moratorium).

  • Die lange Zeit in der Wüste: Selber schuld. Vor lauter Angst die gottgegebene Chance nicht ergriffen.

Sicher fällt Ihnen dazu etwas ein, was bei Ihnen „gefühlt“ schon viel zu lange dauert. Sie können ja versuchen, Ihre „zu lange Zeit“ in einer dieser drei Schubladen wiederzufinden:

  • Ist es eine klaglose Zeit? Dann bringen Sie Ihr Ächzen zu Gott! Und zu solchen Mitmenschen, wo Ihre Not gut aufgehoben ist!

  • Ist es eine Midian-Zeit? Dann sagen Sie „Ja!“ und „Danke!“ dazu – und ächzen Sie nicht!

  • Ist es eine verlängerte Wüstenwanderung? Verbannen Sie die Angst aus Ihrem Berater-Stab! Nehmen Sie dafür das Gott-Vertrauen hinein! Ergreifen Sie nicht „blindlinks“ jede Chance! Aber wenn Sie abgewogen und sich beraten haben, dann greifen Sie zu!

Gott, zu selten nehme ich Dich hinein in meine schwere Zeit. Zu oft mache ich mir Druck oder lasse mir Druck machen, statt mir die nötige Zeit zu geben. Zu oft leihe ich der Angst und nur der Angst mein Ohr. Gott, vergib mir! Schenke mir mehr Vertrauen! Und mehr Mut! Amen.

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Exodus, Teil 2: Schifcha & Pua. Andacht zum 15.9.2017

Letzte Woche: Der Pharao, Herrscher über das große Ägypten, hat Angst: Eine Minderheit in seinem Reich, diese Israeliten, die werden immer mehr! Überfremdung! Ein Staat im Staat! Heimliche Verbindungen zu Schurkenstaaten! Untergang der ägyptischen Leitkultur und der ehrwürdigen religiösen Traditionen!

Die Antwort des Pharao auf seine eigene Angst: Er grenzt die Minderheit der Israeliten aus, er beutet sie aus und unterdrückt sie. Der Pharao und sein Staatsvolk machen den Israeliten „das Leben sauer“. Aber: Diese Minderheit wächst trotzdem weiter.

Letzte Woche hatte ich dazu die Frage aufgeworfen: Wo bleibt denn Gott in so einer Andacht über den Teufelskreis von Angst, Fremdenfeindlichkeit und Unterdrückung? Meine Antwort war: Das ist gerade der Punkt, dass Gott dort nicht vorkommt! Wo Menschen Gott „abschieben“ aus ihrem Leben und der Gesellschaft oder wo die Leute Gott zum Museums-Stück machen, da entsteht „Frei-Raum“ – für die Angst. Und für die Folgen der Angst.

Aber nun kommt Gott doch ins Spiel: Da sind zwei unbedeutende hebräische Frauen. Kein Vergleich zum Herrscher Ägyptens. Trotzdem: Vom diesem Pharao ist uns kein Name überliefert. Die Namen der beiden Frauen kennen wir bis heute: Schifcha und Pua.

Der König von Ägypten sprach zu den hebräischen Hebammen, von denen die eine Schifcha hieß und die andere Pua: „Wenn ihr den hebräischen Frauen helft und bei der Geburt seht, dass es ein Sohn ist, so tötet ihn! Ist es aber eine Tochter, so lasst sie leben!“

Aber die Hebammen fürchteten Gott und taten nicht, wie der König von Ägypten ihnen gesagt hatte. Sondern sie ließen die Kinder leben. Da rief der König von Ägypten die Hebammen und sprach zu ihnen: „Warum tut ihr das, dass ihr die Kinder leben lasst?“ Die Hebammen antworteten dem Pharao: „Die hebräischen Frauen sind nicht wie die ägyptischen, denn sie sind kräftige Frauen. Ehe die Hebamme zu ihnen kommt, haben sie geboren.“

Darum tat Gott den Hebammen Gutes. Und das Volk mehrte sich und wurde sehr stark. Und weil die Hebammen Gott fürchteten, segnete er ihre Häuser.

Da gebot der Pharao seinem ganzen Volk und sprach: „Alle Söhne, die geboren werden, werft in den Nil! Aber alle Töchter lasst leben!“ (aus Exodus 1)

Schifcha und Pua. Zwei hebräische Hebammen. Der Pharao will sie in seine Mordmaschinerie mit einbinden.

Zur Zeit ist eine Ausstellung in meiner Klinik über die „Euthanasie“-Morde der Nazis an Kranken und Behinderten. Die Nazis brauchten dazu ebenfalls die Mitarbeiter im Gesundheitswesen: Ärzte und Pflegende vor allem. Viele haben mitgemacht, teils mit Eifer und Gier auf eigene Vergünstigungen. Andere tat es, ohne dabei zu viel zu denken und zu fühlen. Wieder andere haben eher hilflos mitgemacht – man kann ja doch nichts machen. Wenige waren es, die sich verweigert haben oder sich dem Morden entgegen gestellt haben. Leute wie Schifcha und Pua waren selten, sie wären es heute vielleicht auch.

Ich stelle mir vor, was Schifcha und Pua sich zunächst gedacht haben: „Wir sind doch kleine Lichter! Wir können sowieso nichts dagegen machen! Wenn wir es versuchen – ach, es nützt ja nichts, und wir, wir bekämen ziemliche Probleme!“ Aber diese „vernünftigen Überlegungen“ geben nicht den Ausschlag für das, was diese Hebammen jetzt tun oder lassen.

Sondern: „Die Hebammen fürchteten Gott und taten nicht, wie der König von Ägypten ihnen gesagt hatte“. „Gottesfurcht“ – Was für eine so ganz andere Furcht als die Angst, die der Pharao hat! Der Pharao sieht sich von Feinden und Bedrohung umzingelt, trotz aller seiner Macht. Dagegen nun die beiden Frauen, die Gott fürchten, trotz aller ihrer Ohn-Macht. Gottesfurcht ist allerdings auch keine Angst: Das ist Ehr-Furcht. Es hat etwas mit Ehr-Erbietung und heiligem Erschaudern zu tun. Wohl auch mit dem Ersten Gebot, das es damals schriftlich noch gar nicht gab: „Ich bin der Herr, Dein Gott … Du sollst keine Götter neben mir haben!“ Und Menschen sind niemals Götter. Auch nicht Pharao. Auch nicht andere Menschen, die sich dafür halten.

Diese Ehr-Erbietung zu Gott, die leitet nun die beiden Frauen an bei dem, was sie tun. DAS ist das Maß für ihr Tun. Und nicht die „vernünftige“ Einsicht von „wir können ja doch nichts ausrichten!“ Die Hebammen unterlaufen den Befehl des Führers. Sie lassen die Kinder leben. Und als sie vom Diktator zur Rede gestellt werden, ist es ebenfalls die Gottesfurcht, die sie dazu bringt, dem Pharao dreist ins Gesicht zu lügen. In bestimmten Ausnahme-Situationen ist nämlich die Lüge auf Gottes Seite und die „Wahrheit“ teuflisch. – „Darum tat Gott den Hebammen Gutes …“. Der einzige Richter, der Anzeige erstattete gegen die NS-Euthanasie-Morde, wurde übrigens „nur“ in den Ruhestand versetzt. Er hatte Schlimmeres für sich befürchtet, dieser anständige Mensch.

Die Hebammen werden das alles mit pochendem Herzen und zitternden Knien getan haben. Aber davon redet die Bibel nicht. Sie spricht allein von der Gottes-Furcht der beiden Frauen, und das allein zählt. Gottesfurcht und Mut sind Zwillinge. Mut bedeutet NICHT: „ohne Angst“. Sondern: Mutet bedeutet: „trotz der Angst“.

Ein paar Menschenleben werden die Hebammen auf diese Weise gerettet haben. Mehr nicht. Noch manches Leben sollte auf andere Weise dem ängstlichen und misstrauischen Gott-gleichen Diktator zum Opfer fallen.

Nicht mehr, aber auch nicht weniger: Wer die anderen mit den Augen der Gottesfurcht sieht, sieht vor allem das Leben und Wohlergehen des einzelnen Mit-Menschen. Er oder sie lässt sich nicht davon entmutigen, nicht gleich die ganze Welt retten zu können.

Angst oder Gottes-Furcht? Angst oder Mut? Dazu mein konkreter Vorschlag:

Beobachten Sie doch einmal für diesen Tag und den nächsten, wobei, wann und wie genau Ihre Angst zu Ihnen spricht! Beobachten Sie, wozu die Angst Sie drängen will! Vielleicht zu ganz bestimmten Handlungen. Vielleicht zum Rückzug. Vielleicht zum Verzagen. Vielleicht dazu, etwas nicht mehr zu versuchen.

Nicht immer ist die Angst ein schlechter Ratgeber, aber oft. Darum fragen Sie sich: „Will mich die Gottes-Furcht in eine ähnliche Richtung drängen?“ Falls ja, dann ist es gut.

Aber falls nein, dann sollen Sie Gott die Ehre geben und die Gottesfurcht zum Maß Ihres Tuns machen! Bitten Sie Gott, dass er Ihnen dazu die Kraft gibt! Vielleicht können Sie und ich es heute noch erleben, wie Gott uns aus der Sklaverei der Angst heraus in die Freiheit führt!

(Aber: Hadern Sie nicht zu lange und zu sehr mit sich, wenn die Angst doch wieder siegt. Nicht Hinfallen ist eine Katastrophe. Sondern Liegenbleiben.)

Gebet:

Gott, ich bringe vor Dich die Ängste, die mich beherrschen: (…)

Ich bitte Dich: Lass nicht zu, dass diese Ängste das letzte Wort behalten über meinem Leben – über meinem Fühlen und meinem Tun. Sei Du allein mein Gott! Amen.

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„Exodus“, Teil 1: Die Angst-Spirale. Andacht zum 8.9.2017

Exodus“ heißt das 2. Buch Mose. Das kommt aus dem Griechischen: „ex“ ist „heraus“, und „Hodós“ ist der „Weg“. „Exodus“ ist also der „Weg heraus“, der „Aus-Weg“. Ein wunderbares Wort. – Wo brauchen SIE aktuell Ihren persönlichen Aus-Weg? Aus welcher Not heraus soll ein Weg führen? Da fällt Ihnen sehr wahrscheinlich etwas ein. Nur: Welcher Weg das sein kann, das ist schon schwieriger. Und dann ist da noch dieser garstige Graben zwischen „den Ausweg KENNEN“ und „den Ausweg GEHEN“.

Das Buch „Exodus“ handelt von dem Aus-Weg der Israeliten aus der Sklaverei in Ägypten. Und wie sind sie da hinein gekommen, in die Sklaverei? Nun, vor langer Zeit hatten sich Jakob und die Familien seiner Söhne in Ägypten angesiedelt. Es war Hungersnot, und Ägypten war die Rettung. Alles war nochmal gut gegangen. Aber dann:

Josef und seine Brüder waren gestorben. Von ihrer ganzen Generation lebte niemand mehr. Aber ihre Nachkommen, die Israeliten, waren fruchtbar und vermehr­ten sich. Sie nahmen überhand und wurden so zahlreich, dass sie das Land füllten.

Da kam in Ägypten ein neuer König an die Macht, der von Josef nichts mehr wusste. Er sagte zu seinen Leuten: »Die Israeliten sind so zahlreich und stark, dass sie uns gefährlich werden. Wir müssen etwas unternehmen, damit sie nicht noch stärker werden. Sie könnten sich sonst im Kriegsfall auf die Seite unserer Feinde schlagen, gegen uns kämpfen und dann aus dem Land fortziehen.«

Die Ägypter setzten deshalb Aufseher ein, um die Israeliten mit Fron-Arbeit unter Druck zu halten. (…) Aber je mehr man die Israeliten unterdrückte, desto zahlreicher wurden sie und desto mehr breiteten sie sich aus. Den Ägyptern wurde das unheim­lich. Darum ließen sie die Männer Israels als Sklaven für sich arbeiten, misshandel­ten sie und machten ihnen das Leben zur Hölle. Sie zwangen sie, aus Lehm Ziegel herzustellen und harte Feldarbeit zu verrichten. (aus Exodus 1)

Mir scheint: Was hier aus dem Ruder läuft, das ist die ANGST. Ein neuer Pharao sieht sich und sein Reich durch eine wachsende Minderheit bedroht. Diese Jakob-Nachkommen, die sind irgendwie „fremd“, auch wenn sie schon so lange in Ägypten leben. Sie bedrohen die ägyptische Leitkultur. Ihr Gott passt nicht zu den ägyptischen Göttern. Und wer weiß, welche fremden Mächte sich hier durch die Israeliten Einfluss verschaffen und das Ruder über­nehmen. – Es gibt Parallelen zu heutigen Verschwörungstheorien. Also Obacht am 24. September!

Zurück zu Ägypten: Folgen der Verschwörungstheorien sind Ausgrenzung und Unter­drückung. Was Sie hier beobachten können, ist eine Prophezeiung, die sich selbst erfüllt: Aus Angst vor den angeblichen Feinden tun die Ägypter Dinge, mit denen sie sich die Israeliten überhaupt erst zu Feinden machen.

Doch die Israeliten werden immer mehr. – Trotz der Unterdrückung? Vielleicht: Wegen der Unterdrückung? Und die Angst der Ägypter wird nicht kleiner, sondern größer. Ägypten wird die Schraube der Gewalt weiter anziehen „müssen“ … Wie, davon können Sie hier das nächste Mal erfahren …

Übrigens: In unserer Geschichte ist ein Verbündeter der Angst: der PROFIT. Die Angst mag den Anstoß zur Unterdrückung geben. Aber es gibt auch diejenigen, die davon profitieren, wenn die anderen die Sklavenarbeit verrichten müssen.

Jetzt sagen Sie vielleicht: „Hoppla, Klute, von einer ANDACHT hätte ich eigentlich etwas anderes erwartet: Dass es um Gott geht. Um den Glauben an Gott. Oder dass Gott irgendwie eingreift. Stattdessen bekomme ich präsentiert, wie Verschwörungstheorien sich verselb­ständi­gen, wie sie das gesellschaftliche Klima vergiften und zu Ausgrenzungen führen.“

Stimmt, Sie haben recht. Bis hierher eine „gottlose“ Andacht. Wie unser Bibeltext selbst: Gott kommt darin einfach nicht vor, Gott glänzt durch Abwesenheit.

Aber wissen Sie: Das, glaube ich, ist genau die Pointe! So kann das werden, wenn Gott nicht vor­kommt: Angst, Misstrauen, Feindbilder, Ausgrenzung können eine ungebremste Eigen­dyna­mik entwickeln. Angst und Glaube sind geradezu Gegenbegriffe. Wohl nicht so, dass Glaubende keine Angst hätten. Aber so, dass die Angst und ihre schlimmen Folgen nicht ungebremst wuchern dürfen. Ich darf mir das immer wieder sagen lassen, wie es über 100 mal in der Bibel steht: „Fürchte Dich nicht!“ Oder: „Fürchtet Euch nicht!“

Wie ist das aktuell bei Ihnen mit der Angst? Mit dem Glauben? Was macht Ihnen Angst? Und was ist das bei Ihnen: Glaube?

Es könnte sein, dass es bei Ihnen aktuell so ist wie in unserem Bibel-Abschnitt: Gott kommt gerade nicht darin vor. Oder Gott kommt mehr pro forma vor – also „eigentlich“ nicht, aber doch so, dass Sie das noch nicht bemerkt haben. Ich finde: Dann könnte dieser Abschnitt ein Anstoß sein, dass Sie Gott neu hinein holen in den aktuellen Abschnitt Ihrer Lebens-Geschichte.

Übrigens: Unsere Exodus-, unsere Aus-Weg-Geschichte fängt ohne Gott an, aber sie endet nicht so. Noch im selben Kapitel kommt Gott ins Spiel: durch zwei Hebammen, Schifra und Pua. Die sind nämlich „gottes-fürchtig“. Und deswegen zeigen sie gegen alle Furcht Zivil­courage. Den Pharao belügen sie dabei auch. Für die gute Sache. Aber davon nächste Woche.

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