Dankbarkeit. Andacht zum 30.6.2017

Von Marten Beckmann. Predigt zum Erntedank 2016 in der FeG Münster.

Wir haben ja alle unsere kleinen Momente der Dankbarkeit. „Gott sei Dank“ ist zwar selten so gemeint, aber es geht uns manchmal als Ausruf der Erleichterung von den Lippen.

Wer mich etwas näher kennt, weiß, dass ich unter einem gewissen Ausmaß der Zerstreuung leide. Vor wenigen Wochen habe ich im morgendlichen Gewühl feststellen müssen, dass mein Schlüssel­bund nicht auffindbar war. Das ist nicht allzu selten, in der Regel finde ich es dann recht schnell wieder. Diesen Morgen nicht. Da ich Lehrer bin, brauche ich meinen Schlüssel ständig, also bin ich mit flauem Gefühl zur Arbeit gefahren. Zuhause habe ich angefangen zu suchen. Ich hatte das Gleichnis mit dem verlorenen Groschen im Kopf – „und sie fegte ihr Haus mit Fleiß“ – und habe alles auf den Kopf gestellt. Ich habe in entlegenen Ecken Staubmäuse im Vorschulalter gefunden, aber mein Schlüsselbund blieb verschwunden.

Was tun? Ich habe irgendwann gedacht: Du hast jetzt alles abgesucht. Wir haben im Hauskreis zusammen gebetet, und ich habe die Sache – was blieb mir auch sonst übrig – in Gottes Hand gelegt. Natürlich gibt es für Gott global Wichtigeres als mein Schlüsselbund, aber glaubt mir, es ging mir nicht gut mit 10 Schlüsseln weniger.

Eine mit uns befreundete Familie irakischer Flüchtlinge ging an unserm Garten vorbei, und bei unserer Plauderei erwähnte ich, dass mir mein Schlüsselbund abhanden gekommen ist. Kurz darauf rief er an und sagte, dass er zwei Schlüsselbunde in der Dieckmannstraße gefunden hätte. Meine Hoffnung hielt sich in Grenzen, ich wusste nicht, wie meine Schlüssel zur Dieckmannstraße gekom­men sein sollten. Als Maher – so sein Name – vorbei kam, sah ich schon durch die Tür die lange Kette, an der mein Schlüsselbund befestigt war. Ich konnte es kaum glauben, riss die Tür auf, gab Maher einen dicken Schmatzer auf seine stachelige Wange und war dankbar. Ich war ihm dankbar, ich war aber auch Gott dankbar. Mir ist in der Woche schmerzhaft bewusst geworden, wie wichtig diese Schlüssel für mich sind, und wie sehr sie mir gefehlt haben. Ich war – für eine kurze Zeit – sehr dankbar. Ich verschwende wenig Zeit an meine Schlüssel, wenn ich sie habe. Als sie mir fehlten, haben sie einen großen Teil meines Denkens beherrscht.

Es ist leider eine der traurigen Erkenntnisse, die ich über mich gewinnen musste, dass meine Dankbarkeit, die ich über die wiedererhaltenen Schlüssel empfunden habe, nicht ansatzweise so dauerhaft war wie die Frustration, die mich zuvor gequält hat. Im Klartext heißt das: Dankbarkeit ist für mich nichts Selbstverständliches, sie ist für mich eine Herausforderung.

„Seid allezeit fröhlich, betet ohne Unterlass, seid dankbar in allen Dingen, denn das ist der Wille Gottes in Christus Jesus an euch.“ (1. Thessalonicher 5, 18)

Dieser Vers enthält eine interessante Antwort auf eine zentrale Frage, die wir als Christen haben: was will Gott von mir? Dankbarkeit. Gott will, dass wir dankbar sind, und zwar in allen Dingen. In allen Dingen. Was ist damit gemeint?

Werfen wir einen Blick auf unsere Situation hier in der westlichen Welt. Der Autor Gregg Easter­brook beschreibt in seinem Buch „Progress Paradox: How Life Gets Better While People Feel Worse“ die seltsame Situation, in der wir uns befinden. Im Prinzip hat sich alles in unserem Leben seit dem II Weltkrieg stetig zum Positiven verändert: das Pro-Kopf–Einkommen, die Größe unserer Wohnungen, die Anzahl der Autos pro Person ebenso wie die der Urlaube. Die soziale Sicherheit hat sich extrem verbessert.

Ein kurzer Blick zurück: Hätten wir nur 150 bis 200 Jahre früher gelebt – eine historisch gesehen sehr kleine Zeitspanne – wäre unsere Situation eine andere. Die freie Berufswahl wäre in vielen Fällen nicht möglich, eine Mutter hätte damit zu leben, von ihren 7-8 Kindern 3-4 zu verlieren. Operationen wurden ohne Narkose und ohne das Bewusstsein für Hygiene durchgeführt. Die Rechte der Frau waren praktisch nicht vorhanden, Seuchen war man weitgehend hilflos ausgesetzt. Die Lebenserwartung war noch vor einem Jahrhundert um die Hälfte niedriger, und gute oder schlechte Ernten wirkten sich direkt auf die Menge der Nahrung aus, die einem zur Verfügung stand. Die hygienische Situation war unbeschreiblich viel schlechter. Ich erinnere mich daran, dass meine Groß­mutter mir erzählt hatte, dass die Wohnung, in der sie lebte, eine der ersten war mit einem Wasserklosett. Andere Kinder sind gekommen, um das zu bestaunen. Die Kluft zwischen arm und reich, gebildet und ungebildet war unvergleichlich viel undurchdringlicher, als sie es heute ist.

Also: Insgesamt hat sich vieles verbessert. Extrem verbessert. Während sich Menschen in Münster vor nicht all zu langer Zeit noch häufig mit leerem Magen schlafen legen mussten, stehen heute praktisch Jedem preiswerte Lebensmittel aus unseren modernen Füllhörnern, den Supermärkten, zur Verfügung. Ich habe mal gehört, dass wir, was Wohlstand und Sicherheit angeht, hier in unserem Land besser leben als etwa 99 % aller Menschen, die je gelebt haben.

Das Buch „Progress Paradox“ beschreibt ein seltsames Phänomen: während sich praktisch alles verbessert, wurde die Anzahl der Menschen, die sich als „glücklich“ bezeichnen, laufend geringer. Hingegen entwickeln sich Depressionen zur Volkskrankheit.

Was ist das Geheimnis hinter dieser unheimlichen Diskrepanz?

Halten wir zunächst mal fest: alle Gaben, die wir erhalten – Nahrung, Gesundheit, Partner, Haus, schickes Auto, Anerkennung, eine interessante Arbeit, eine Begabung, egal ob künstlerischer oder sportlicher Art – können uns erfreuen. Sie können uns nicht erfüllen. Erfüllen kann uns nicht die Gabe, sondern nur der Geber. Und Dankbarkeit – ich zitiere hier Bonhoeffer – Dankbarkeit sucht über die Gabe den Geber.

Es ist also auf eine brutale Art offensichtlich, dass Wohlstand, Reichtum, Anerkennung, ekstatische Erlebnisse aller Art kein Glück, keine Zufriedenheit, keine innere Erfüllung produzieren. Dennoch verhalten sich viele Menschen – auch wir Christen – häufig so wie durstige Schiffbrüchige auf dem Meer. Wir saufen salziges Meerwasser, und mit jedem Schluck wird unser Durst größer. Mindestens ein guter Grund, uns mit der Dankbarkeit zu beschäftigen.

Ich bin über folgenden Satz gestolpert, der mir eine tiefe Wahrheit zu enthalten scheint: „Nicht immer ist der Glückliche dankbar, aber der Dankbare ist immer glücklich.“ Was soll dieser Satz? Ist das eine Kalenderblattweisheit, oder berührt dieser Satz eine Kernfrage unserer Existenz: Wie werde ich ein glücklicher und zufriedener Mensch?

Was bewirkt Dank? Wenn ich für etwas danke, mache ich mir bewusst, dass es nicht verdient ist, dass ich meine eigene Aufgeblasenheit ablege und Gott die Ehre für etwas gebe. Es macht mir bewusst, dass ich von Gott etwas geschenkt bekommen habe. Meine Nahrung beispielsweise. Meinen Partner. Meinen Arbeitsplatz. Meine Wohnung, mein Haus. Den Sonnenuntergang. Den schönen Tag. Indem ich das tue, sehe ich all das immer weniger als selbstverständlich an. Ich fühle mich in einem immer stärkeren Maße als Beschenkter.

Liebe Geschwister, es geht im Kern um eine Entscheidung, und wie oft gilt folgende Regel: Je wichtiger die Frage, desto weniger Auswahl. Entscheiden wir uns dafür, dankbar zu sein, oder entscheiden wir uns dafür, undankbar zu sein? Machen wir uns nichts vor, unser natürlicher Zustand steht auf „undankbar“.

Wenn ich jetzt an eurer Stelle wäre, würde ich mir denken: Junger Freund, Du machst es dir ein wenig zu leicht. Ja, ich bin ja dankbar dafür, dass ich was zu essen habe. Ich bin auch dankbar für die ein oder andere Sache in meinem Leben. Aber es gibt Zustände, Situationen, Ereignisse, die mich so runterziehen, die mich so niederschmettern, davon machst Du dir keinen Begriff. Wie soll ich dafür danken?

Ich verrate Euch was: Ich, Marten Beckmann, würde hier aufhören. Es gäbe einige von euch, die mich schnell überzeugen würden, dass es nun wirklich Dinge in ihrem Leben gibt, die einem die Dankbarkeit gründlich austreiben. Warum rede ich weiter? Weil ich der Überzeugung bin, dass die Bibel Gottes Wort ist, und darum kehre ich zu unserem Vers: „Seid dankbar in allen Dingen; denn das ist der Wille Gottes in Christus Jesus an euch!“

In allen Dingen. Nicht nur in guten Dingen. Betrachten wir mal eine Geschichte aus der Bibel: Josef, der aus dem Alten Testament, geht seinen Brüdern mehr als nur auf die Nerven. Die wollen ihn loswerden und – mit böser Absicht – verkaufen ihn an eine Karawane nach Ägypten, seinem Vater erzählen sie einfach, er wäre tot. Wie viel Leid für Josef, wie viel für seinen Vater. Die Geschichte endet damit, dass Josef – nach wirklich finsteren Zeiten, fern der Heimat und zwischenzeitlich sogar im Gefängnis – seine Brüder wieder trifft. Und er sagt ihnen folgendes: „Ich bin Josef, euer Brüder, den ihr nach Ägypten verkauft habt. (Was könnte er ihnen jetzt sagen!!!) Und nun bekümmert euch nicht und denkt nicht, dass ich darum zürne, dass ihr mich hierher verkauft habt; denn um eures Lebens willen hat mich Gott vor euch her gesandt.“ Hintergrund war eine Hungersnot. Hören wir da recht? Josef erklärt die Tat der Brüder so?

Dankbarkeit ist mehr als ein Gefühl. In allen Dingen dankbar zu sein ist der Entschluss, Gott zu vertrauen, dass er es letztlich gut mit mir meint. Gerade in Dingen, die mir schwer, vielleicht sogar unsagbar schwer sind, ist Dankbarkeit das trotzige Festhalten an dem Vertrauen auf Gott. Mir fällt die Missionarin Corrie ten Boom ein, die mit ihrer Schwester in ein deutsches Konzentrationslager kam. Sie und ihre Familie taten Gutes – sie haben Juden bei sich versteckt. Die Folge war die Einlieferung in ein namenloses Elend. Corrie ten Boom und ihre Schwester haben heimlich Bibel­stunden abgehalten. Schließlich starb ihre Schwester im Lager. WIE, bitte wie, kann man da noch Vertrauen auf Gott haben? Wie kann man da Gott noch danken? Corrie ten Boom hat an dem Vertrauen auf Jesus Christus festgehalten, und eine eigentümliche Sicht auf ihre Zeit im KZ entwickelt. So sagte sie: „Glaube wird stark im Dunkel der Anfechtung!“ Und: „Fotos werden in dunklen Räumen entwickelt!“

Ist das denn nicht eine elende Heuchelei, wenn ich dankbar bin, auch wenn alles in mir dagegen schreit? Lesen wir die Psalmen. Ja, wir dürfen vor Gott klagen. Wir dürfen authentisch, ehrlich mit Gott umgehen. Jesus war ehrlich im Garten von Gethsemane.

Aber am Ende steht das Vertrauen auf Gott, das Danken, und wenn es ein Danken in das Dunkel hinein ist. „Ich danke dir Herr, dass Du einen Ausweg hast für das, was mich niederdrückt. Ich weiß nicht, warum Du manches zulässt, aber ich weiß, dass ich Dir vertrauen kann, dass Du es gut mit mir meinst.“ Spurgeon sagte es so: „Ich fürchte, dass all die Gnade, die ich aus meinen sorgenfreien und angenehmen Stunden empfangen habe, einen Groschen wiegt, aber das Gute, dass ich empfangen habe durch Leiden, Schmerz und Trauer, ist nicht berechenbar.“

Dankbarkeit ist eine Entscheidung! Beschäftigen wir uns kurz mit der Alternative. Ich beschließe für mich, NICHT dankbar zu sein. Auf welches Ziel steuern wir zu, wenn wir den Weg der Undankbarkeit wählen? Ich erreiche etwas, und ich bin stolz. Auf meine Leistung. Das viele Gute, das mich umgibt, wird mir eine Selbstverständlichkeit, die ich kaum noch bemerke, und Selbstver­ständ­lichkeiten erfreuen mich nicht. Negative Ereignisse machen mich wütend auf andere und – wenn ich denn glaube – auf Gott. Andere haben etwas, das ich nicht habe, aber gerne hätte. Geld, Beruf, Partner, Kinder, Haus, Fähigkeiten… Normalerweise reagieren wir darauf a) mit Neid und b) mit Selbstmitleid. Den anderen geht es besser als mir. Die haben mehr und können mehr und sehen besser aus. Armer Ich. – Mir sind solche Gedanken und Gefühle übrigens alles andere als fremd.

Undankbarkeit nimmt uns die Gelassenheit und die Freude. Sie verändert unseren Fokus von der Freude am Empfangenen zum Ärger über den vermeintlichen oder tatsächlichen Mangel. Wir freuen uns nicht mehr an unserem Garten, sondern wir ärgern uns über die kreischenden kleinen Kinder im Nachbargarten.

Zwei Sätze, die ich in einer Predigt von Hans-Peter Royer, einem kürzlich verstorbenen Bibellehrer, gehört habe: „Nicht immer ist der Glückliche dankbar, aber der Dankbare ist immer glücklich.“ Und: „Willst Du bitter, selbstmitleidig, hässlich werden? Sei NICHT dankbar! Undankbarkeit ist selbstzerstörerisch.“

Um es klar zu sagen: Es ist möglich, dass Du gute und schlechte Zeiten erlebst, unabhängig davon, ob du dankbar oder undankbar bist. Eine Zeitlang kannst Du dich vielleicht auch als Undankbarer ganz gut vergnügen. Aber es ist das Danken, das unser Denken verändert! Das Danken verändert unser Denken!

Ein Christ ist jemand, der glaubt, dass es einen Schöpfergott gibt. Er glaubt, dass die Menschheit verloren ist, aber dass Gott in Christus in die Welt gekommen ist, um den Menschen Erlösung zu bringen. Dass Jesus Christus die Schuld der Welt auf sich genommen hat. Ich kann mein Leben dem anvertrauen, der meine Schuld getragen hat. Gott hat sein Problem – er liebt den Menschen, aber er ist ein unbestechlich gerechter Gott – gelöst, und er hat einen hohen Preis dafür bezahlt. Dafür kann man dankbar sein. Am Kreuz kann man Dankbarkeit lernen.

Wenn Christen undankbar sind, dann hat das Auswirkungen. – „Gott liebt mich nicht genug, denn ich bin ja nicht dafür dankbar, was er mir schenkt, sondern schaue auf das, was mir fehlt. Ich schaue nicht dankbar auf die lieben, wenn auch manchmal schwierigen Geschwister, sondern ich bin bitter auf die, die nicht so wollen wie ich. Ich bin nicht dankbar dafür, dass ich eine Gemeinde habe, in der ich Gott dienen darf, sondern ich bin bitter darüber, dass sie nicht so ist, wie sie meiner Meinung nach sein müsste.“

Wie kann Dankbarkeit praktisch werden? Ich habe da ein paar gute Tipps gehört, zum Teil prakti­ziere ich sie:

  • Schreiben wir uns doch mal fünf Dinge auf, für die wir dankbar sind! Danken wir regelmäßig dafür! So weit, so gut.

  • Dann: Danke doch mal für einen Menschen, für den zu danken Dir schwer fällt! Danken verändert ja unser Denken. Möglicherweise wirst Du zunehmend Probleme kriegen, diese Person abzulehnen.

  • Danken wir, wenn wir im Dunkel sitzen, in das Dunkel hinein! – „Gott, ich weiß, dass Du es letztlich gut meinst, und dafür danke ich Dir! Du wirst mich nicht im Dunkeln lassen!“

Ich bitte Gott vorsichtig darum, mich dankbarer zu machen. Ich möchte immer bewusster dankbar für das werden, was mir Gott schenkt. Und je länger ich darüber nachdenke, umso mehr beginne ich zu staunen. Hab ich alles, kann ich alles, was ich will? Nein. Aber man kann ein erfülltes Leben haben, ohne alle Wünsche erfüllt zu bekommen.

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Die Himmelsleiter und die Folgen. Brief zum 23.6.2017

Letzte Woche: Jakob „kehrt zurück“ zu seiner Gotteserfahrung von vor vielen Jahren. Mir ist dazu Flora Z. eingefallen. Sie hatte mir vor langer Zeit von so einer Erfahrung berichtet – eine Erfahrung, die ihr in vielen teils sehr schweren Jahren danach nicht untergegangen ist.

Ich habe sie nun gebeten, mir davon zu schreiben. Voilà:


Lieber Dirk!

Also, ich war ca. 17, war im Jugendhaus am Kloster Jakobsberg bei Bingen auf Fortbildung, es ging um Gruppenleitung der Katholischen Jungen Gemeinde.

Zu der Zeit war das christliche Element sehr nebensächlich. Also es ging mehr um Basteltechniken und Kindermitbestimmung. Abends wurde wild gefeiert, mit lauter Musik und viel Alkohol, den diejenigen, die nahe bei wohnten, regelmäßig importierten.

Ich hab schon damals nicht getrunken, und das, was die Kombination aus lauter Musik und viel Alkohol aus meinen Kollegen machte, gruselte mich sehr. Also fühlte sich das alles sehr falsch und sinn-entleert an.

Ich kannte das Haus, weil ich öfter mit Gruppen dort war. (Kirchenmusik, Jugendgottes­dienstkreis, …) Und einer der schönsten Orte war für mich der sogenannte Meditationsraum.

Ein kleiner Raum, mit Teppich ausgelegt. Es gab Kissen zum Draufsetzen und Liederhefte. Sonst nichts. Also viel Raum, trotz geringer Größe.

Und das Special Feature ist ein Tageslichtfenster. Bei Lichteinfall von außen werfen die Glasbausteine sanftes Licht nach innen. (Ich hab ein Foto im Netz gefunden von Raum …)

Als mir das alles zu viel wurde, habe ich mich dorthin zurück­gezogen, auf der Suche nach Ruhe. Kann sein, dass ich auch etwas geweint habe. Es hört sich pathetisch an, aber mich hat das in exi­stenzielle Not ge­bracht, dass die Peers nur saufen und feiern wollten, und ich war auf der Suche und wusste nur: „So will ich nicht!“ Das war eine sehr einsame Zeit in mei­nem Leben.

Jedenfalls habe ich mich bäuchlings auf den Fußboden gelegt, die Augen geschlossen und ruhig geatmet, um etwas zu entspannen. 

Da passierte plötzlich etwas. Ich sah den Raum und es war hell. Dabei hatte ich zuvor kein Licht angemacht.

Es war eine absolute, liebevolle Geborgenheit und Präsenz von dem Guten um mich herum, und ich konnte hören, wie all meine Fragen eine sinnvolle Antwort bekamen.

Es war ungeheuer tröstlich, und ich konnte nur genießen. Ich war ganz im Gefühl, und der einzige Gedanke, der zustande kam, war: „Scheiße, ich habe weder Papier noch Stift!“

Was sich wie ewige Seligkeit anfühlte, kann nicht sehr lange gedauert haben. 

Was es mit mir gemacht hat, war ein bisschen Fluch und viel Segen.

Ich wusste nun, dass dieser Gott real ist. In Zeiten, wo ich so „zu“ war vor Leid und nicht mal beten konnte, konnte ich nicht verstehen, wieso das möglich ist, wenn ich Gott doch kenne und er mich. Das war der Fluch Teil. Und auch, warum Gott nicht handelt, Blitze auf die Schurken schleudert, die verhungernden Kinder rettet, auch die, denen Gewalt geschieht. Ich weiß ja, es gibt ihn.

Meine Schlussfolgerung: Es ist unsere Verantwortung, auf Erden zu handeln. Hunger und Gewalt sind nicht Gottes Fehler, sondern der der Menschen.

Der Segen war riesig. Durchs Leben zu gehen und zu wissen, dass es einen tragfähigen Sinn gibt, auch wenn ich mich nicht mehr an die Antworten und Zusammenhänge erinnern kann. Vielleicht war es ja damals auch Herzenssprache, nicht Hirnlogik. Meist sucht man Sinn ja mit Vernunft.

Also auch wenn ich die Kirche reformieren wollen würde, sie oft vor Frust verlassen möchte, weiß ich, dass mein Glaube an Gott damals zum Wissen wurde.

Ich bin getragen und auch wenn meine Lebensumstände oft schrecklich sind, fühle ich „Gottes Hand unter mir“.

Damals, als es passierte, hatte ich übrigens einen totalen Gewissenskonflikt: Wir hatten einen total spinnerten Reli-Lehrer. Der war jung und hat ab der 5. Klasse Meditationsübungen mit uns gemacht. Dazu erklärte er, dass sein Ziel eine spirituelle Erfahrung sei, er aber trotz jahrelanger Übung erfolglos geblieben sei.

Als ich meine „spirituelle Erfahrung“ gratis bekam, dachte ich „Lass mal locker, Herr L.!“ Aber sagen konnte ich ihm das nicht.

So, Dirk, das war das kurze, riesige Erlebnis in mittelmäßig vielen Worten.

Flora

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Back to the roots! Andacht zum 16.6.2017

Es gibt Leute mit besonderen Momenten im Gepäck: Augenblicke in ihrem Leben, die besonders dicht, intensiv, schön, erhebend waren. Ihnen fällt da hoffentlich ebenfalls dies und das ein.

Auch in Sachen „Glauben“? Besondere Gottes-Erfahrung? Denken Sie mal nach, blicken Sie zurück! – Gibt es da eine Begebenheit, an die Sie sich erinnern? – Wo war das? Wann war das? Waren da vielleicht auch andere dabei? Weitere Details? Und was für Dinge, Themen, Menschen waren damals gerade aktuell in Ihrem Leben?

Vielleicht verstehen Sie jetzt nur Bahnhof, Sie hatten sowas noch nie. Aber wenn doch, dann denken Sie von dort an jetzt mal weiter: Was ist aus diesem Erlebnis geworden? Hat es was verändert für Sie? In Ihnen? In Ihrer Lebensgestaltung? Oder Sie haben diesen „unvergess­lichen“ Moment doch wieder vergessen. Oder Sie sehen Ihre Erfahrung von damals heute kritisch. Oder abschätzig – was für spinnerte Dinge Ihnen damals durch Kopf und Herz gegangen sind …

Ich selbst bin „erfahrungs-mäßig“ eher hölzern, oder, um eine Habermas-Formulierung zu klauen, „religiös unmusikalisch“. Sehr viel Ergreifendes und Erschütterndes habe ich nicht vorzuweisen. Andere schon eher. Und da ist mein Eindruck: Manch einer macht seine besondere und lange prägende Gotteserfahrung ausgerechnet an einer Stelle im Leben, die so gar nicht nach Glück und Gelingen aussieht, sondern mehr nach Krise, Ungewissheit, Untergang, Verzweiflung. Ausgerechnet im Angesicht von Krankheit, Tod, Abschied. Wenn das Leben am Ende zu sein scheint. Oder zumindest das bisherige Leben, und das Kommende liegt im Dunkeln. Ausgerechnet dann.

Das ist nicht nur diesem und jenem „aktuellen“ Mit-Menschen so, sondern auch: bei Jakob aus der Bibel. Der hatte seinen halbblinden Vater und seinen Bruder betrogen und ist nun auf der Flucht. Sein Gepäck: die Schuld. Sein Ziel: Haran in Syrien. Da hat er Verwandtschaft, heißt es. Aber er war noch nie dort, er kennt die nicht. Also: Alles dunkel und ungewiss.

Ausgerechnet an dieser Krisen-Umbruchstelle auf der Flucht hat Jakob nun seine Gottes­erfahrung, und zwar als Traum: Eine Leiter zum Himmel. Und Gott selbst, der zu ihm spricht. Gott sagt Jakob und seinen Nachkommen seine Begleitung und seinen Segen zu. Als Jakob aufwacht, ist er schwer ergriffen. Er stellt einen Stein auf als eine Art Denkmal: Dieser Ort ist für ihn etwas Besonderes passiert. Jakob gibt diesem besonderen Ort einen Namen: Beth-El, „Haus Gottes“.

Und danach? Alles super? Gelingendes Leben? Zum Teil schon: Jakob kommt erst mal an bei seinen Verwandten. Er gründet eine Familie, bekommt viele Kinder, erarbeitet sich eine Kleintierherde mit eigenem Personal. Aber: Zwischen Jakobs beiden Frauen herrschen Eifersucht und Kränkungen, und Jakob immer dazwischen. Bigamie ist eben nicht so ganz das Wahre. Und: Ein Konflikt mit seinem Onkel. Der spitzt sich immer weiter zu. Nach gut 20 Jahren flieht Jakob wieder bei Nacht und Nebel. Diesmal aber mit Familie und Besitz. Zurück in die alte Heimat! Was nun gelingt: die Versöhnung mit seinem Bruder Esau. Jakob hatte bis hierher immer Esaus Rache gefürchtet.

So hat Jakob es sich nun in schon etwas vorgerücktem Alter eingerichtet in seinem neuen Leben.

Und Gott? Was ist aus Gott geworden? Aus dem Erlebnis von damals auf der Flucht, dem Traum? Gottes Segen? Seine Verheißungen? Beth-El, der Stein, die Flucht damals … Schlag­artig kehrt das nun nach Jahrzehnten zu Jakob zurück:

Gott sagte zu Jakob: »Zieh von hier weg und geh nach Beth-El! Bleib dort und baue mir einen Altar! Denn dort bin ich dir erschienen, als du vor deinem Bruder Esau fliehen musstest.«

Aha! Zurück zu dem Gottes-Ort von damals! Das ist mehr als „Sich-Erinnern“. Sie kennen das wahrscheinlich: Sie kommen nach Jahren, vielleicht nach Jahrzehnten, mal wieder an einen Ort, der Ihnen mal sehr wichtig war. Wenn Sie nun dort sind, ganz leibhaftig, dann kann die Erinnerung ganz gegenwärtig, ganz lebendig werden. – Vorsicht, wenn für Sie Ihr „wichtiger“ Ort ein „schlimmer“ Ort war! Sie sollten sich dann gut überlegen, ob die Zeit für eine Rückkehr wirklich schon reif ist. Und ob Sie sich besser begleiten lassen.

Aber Beth-El ist für Jakob ein „guter“ Ort, er wird dorthin aufbrechen. Es ist für ihn Gottes Wille, diese Gott-Vergegenwärtigungs-Reise anzutreten. Doch vorher gibt es etwas zu erledigen. Eine Art Reise-Vorbereitung auf dem Weg zum „Haus Gottes“:

Da befahl Jakob seiner ganzen Familie samt den Sklaven und Sklavinnen: »Schafft alles fort, was mit fremden Göttern zu tun hat! Reinigt euch und zieht frische Kleider an! Wir gehen miteinander nach Beth-El. Dort will ich einen Altar bauen für den Gott, der mich in der Not gehört hat und mir auf dem ganzen Weg zur Seite gestanden ist.«

Alle gaben Jakob ihre Götterfiguren und die Ohrringe, die sie als Amulette trugen, und er vergrub sie unter der großen Eiche bei Sichem.

Flapsig formuliert: Seit damals in Beth-El hatte sich so manches angesammelt im Leben dieses ehemals alleinstehenden und mittellosen Flüchtlings: Frauen, Kinder, Personal, Her­den. Und auch „Religion“: Fremde Götter, Amulette. Machen Sie mal einen Ausflug ins Bibel-Dorf nach Rietberg, da können Sie solche Hausgötter begucken, die die Menschen damals besaßen und verehrten. Ein paar Kapitel vor unserem Text berichtet uns der Erzähler unbefangen, wie Jakobs Lieblingsfrau Rahel ihrem Vater so einen Hausgott klaute.

Aber jetzt bringt sich Gott bei Jakob kurz und knapp in Erinnerung. Gott fordert Jakob nur zur Beth-El-Reise auf und zum Bau eines Altars. Sonst nichts. Jakob selbst ist es, der jetzt schlagartig spürt: Es hat sich was angesammelt, das passt nicht zu Gott. Bisher konnte Jakob das gut akzeptieren oder darüber hinweg sehen. Aber jetzt, wo er sich wieder vor Gott sieht, jetzt, wo er nach Beth-El aufbricht, muss das weg. Es wird verbuddelt. Die Archäologen in ein paar Jahrtausenden sollen auch noch was zu finden haben.

Schließlich kommen sie in Beth-El an:

Jakob baute dort einen Altar und nannte die Opferstätte „Gott von Beth-El“. Denn hier war ihm Gott erschienen, als er vor seinem Bruder fliehen musste.

Es hat was von einem Erinnerungs-Ritual: Der Altar ist fast wie der Stein damals. Wenn Sie hier weiter lesen, werden Sie nochmal von Gottes Verhei­ßungen an Jakob lesen, nochmal von einem Steinmal, nochmal vom Namen Beth-El.

Beth-El, das ist: Sich Gott vergegenwärtigen. Spüren, was nicht passt und was verbuddelt gehört. Den Strom des Lebens unterbrechen, innehalten. Zurückkehren zu den Wurzeln. Sich bei Gott erden, sich sein gutes Wort, seine Verheißungen wieder zusprechen lassen.

Und dann? Das Leben geht weiter. Wieder Aufbruch. Wenig später stirbt Jakobs geliebte Rahel bei der Geburt ihres Sohnes Benjamin. Und der unsägliche Neid-Streit um den bevorzugten Sohn Josef, der ist auch nicht mehr fern. Sie sehen: Die Rückkehr zu den Wurzeln, das Einkehren bei Gott, das heißt nicht: Das Leben ist jetzt frei von Unheil und Schuld. Umso wichtiger ist diese Hinwendung. Sich auf das zu besinnen, was letztlich hält und trägt.

Manch einer findet Gottesdienste langweilig: Jeden Sonntag dasselbe. Manchmal sind sie es ja auch. Aber wissen Sie: Das liegt dann meistens NICHT an der Wiederholung. Etwas „wieder-holen“, das kann nämlich sehr heilsam und stärkend sein. Nicht nur in der Kirche.

Christus, Du hast gesagt: „Ich bin der Weinstock – ihr seid die Reben!“ Dazu hilf, dass ich in Dir verwurzelt bleibe! Sei und bleibe meine Quelle der Kraft und des Lebens!

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Judit. Andacht zum 9.6.2017

Judit – eine Geschichte von Unheil und Rettung, von Verzweiflung und Gottvertrauen, von Erotik, Gewalt und Erlösung.

Ein spannender Roman ist nach dieser Frau benannt, wahrscheinlich um 100 vor Christus geschrieben. Die Handlung spielt Jahrhunderte davor. Ein historischer Bericht ist das nicht, dazu enthält die Geschichte zu viele Dinge, die ganz klar „unhistorisch“ sind. Manchmal stecken in Romanen, Sagen, Märchen ja tiefere „Wahrheiten“ als in Tatsachenberichten, oft sind diese „Wahrheiten“ wichtiger als das Historische.

Und darum geht es: Ein Heer von weit über 100.000 Soldaten belagert die israelische Festungs-Stadt Betulia. Die Eingeschlossenen sind nahe am Verhungern und Verdursten. Sie sehen nur einen Ausweg: Wenn in 5 Tagen keine Rettung da ist, wird die Stadt den Feinden übergeben!

Jetzt kommt Judit ins Spiel – eine Frau, wie sie im Buche steht, jedenfalls im frommen Buche: eine attraktive, wohlhabende, gläubige Witwe. Sie wirft den Ältesten der Stadt mangelndes Gottvertrauen vor – man kann doch Gott kein Ultimatum setzen!

Judit nimmt die Dinge nun selbst in die Hand: Sie bittet Gott um seinen Segen für ihren Plan. Dann verlässt sie die Stadt und geht in das Lager der Feinde. Sie gibt sich als Überläuferin aus und fasziniert den Oberbefehlshaber Holofernes mit ihrer hinreißenden Schönheit und ihren ebenso hinreißend klugen Plänen für die Einnahme der Stadt. Sie darf sich – jetzt als Schützling des Chefs – im Lager frei bewegen und es auch zum Beten verlassen.

Dann, am Ende eines Gelages zu Ehren von Judit, ist sie mit dem Oberbefehlshaber allein. Er ist sturzbetrunken. Da nimmt sie sein Schwert – und schlägt ihm den Kopf ab. Sie kehrt mitsamt dem Kopf nach Betulia zurück. – Ein prägnantes Beispiel dafür, dass heiße Liebe kopflos machen kann, erst recht in Verbindung mit Alkohol.

Die Geschichte endet schließlich damit, dass die Assyrer er­schreckt die Flucht ergreifen und Israel Ruhe vor allen Feinden hat, so lange Judit lebt.

Hätte dieser Roman auch aus Ihrer Feder stammen können? Vielleicht nein: Im Konfliktlösungs-Handbuch würde „Kopf ab!“ heute nicht das Mittel der Wahl sein. Und eine Judit, die vor allem durch ihre Attraktivität punktet, wirkt auch ein bisschen von gestern. Aber: Judit ist zugleich „ganz anders“: Selbstbewusst, autonom, mutig. Sie blamiert die gottvergessene Verzweiflung ihrer eigenen Leute ebenso wie die brutale Überheblichkeit der Feinde. Zu patriarchaler Zeit ist es hier die Frau, die alle Männer, ob Freund oder Feind, beschämt oder clever austrickst.

Im letzten Kapitel des Buches gibt Judit Gott die Ehre. Judits Lob-Psalm schlägt den großen Bogen von der Rettung Betulias bis zum Jubel über den Schöpfer und seine Gnade (Kap. 16).

So, Märchenstunde zu Ende, zurück zu den Nachrichten der Tagesschau? Das wäre wahrscheinlich ein ziemliches Kontrast-Programm. Die Judit-Geschichte hat ja für die Unterdrückten und Bedrohten ein rundum gutes Ende, und in der Tagesschau nehmen die schlimmen Nachrichten den größeren Raum ein.

Natürlich: Sie können durch den Blick in die Tagesschau die Wirklichkeit der Judit-Geschichte zum Platzen bringen, vielleicht reicht auch schon der Blick ins eigene düstere Leben.

Aber: Sie können es auch umgekehrt: Sie können mit Judit die aktuellen Wirklichkeiten in Frage stellen, die „großen“ Wirklichkeiten, vielleicht auch Ihre persönlichen. Und ich finde: Sie können das nicht nur, Sie SOLLEN das! Die Judit-Geschichte als Gegen-Wirklich­keit.

Für mich hat das etwas mit der „Warum“-Frage zu tun. Ich schätze die Warum-Frage nicht besonders. Die Warum-Frage ist der meist vergebliche – oft gar nicht ernst gemeinte – Versuch, den Dingen, wie sie sind, Grund und Sinn einzuhauchen. Bestenfalls gibt die Warum-Frage der aktuellen Lage, „Grund“ unter die Füße – aber sie verändert sie nicht. Es gab im letzten Jahrhundert ein sehr berühmt gewordenes Buch: „Theologie der Hoffnung“. Vielleicht ist die Hoffnung eine Unterscheidungshilfe zwischen guter und schlechter Theologie: Weckt sie Hoffnung für das Kommende? Oder zementiert sie das, was ist? Redet sie das Schlechte gut und sinnvoll?

Jetzt sagen Sie mir: „Ach Klute, wenn mir mein liebster Mensch zu früh und unschuldig gestorben ist, dann ist daran aber nichts rütteln. Und ob Ewigkeit oder nicht, dieser Mensch fehlt mir, und DAS ist die Wirklichkeit!“ ICH sage: „Ja, Ihr liebster Mensch kommt nicht mehr zurück in Ihr Diesseits. Dass jetzt der Schmerz Ihre einzige Wirklichkeit ist, das ist ebenfalls so. Zementieren müssen Sie das aber nicht für alle Zeiten!“

Manchmal hängt es an Personen. Wäre Judit mit ihrer Hoffnung und ihrem Vertrauen nicht gewesen, die finstere Geschichte hätte genau den Verlauf genommen, den die Verzweiflung den Belagerten vorhergesagt hat. Und die Sieges­gewissheit den Belagerern.

Aber Judit WAR da:

  • Am Anfang: Ihr Gott-Vertrauen. Vertrauen GEGEN die „Wirklichkeit“.

  • Dazwischen: Ihr Mut, ihre Schönheit, ihre Gewitztheit. Und ihre Werte und Überzeugungen. Schließlich hätte sie ja an der Seite vom Oberbefehlshaber völlig gefahrlos bis in ihr Alter ein tolles Leben haben können.

  • Am Ende: Sie gibt Gott die Ehre.

Danach taucht Judit in ein unauffälliges Privatleben ab – ein bisschen wie Oskar Schindler („Schindlers Liste“), der sich nach dem Krieg über Jahre nicht nur unauffällig, sondern ziemlich erfolglos durchschlägt, bis ihn der nachhaltige Dank seiner Geretteten dann noch erreicht.

Ich finde, das verbindet Judit und Oskar Schindler: Dass sie sich mit der Übermacht des Faktischen NICHT arrangiert haben, dass sie sich mit der „unabänderlichen“ Wirklichkeit NICHT abgefunden haben. Bei Judit hatte das mit Gottvertrauen zu tun. Bei Schindler eher mit einer Menschlichkeit, die von Haus aus wohl nicht seine hervorstechendste Eigenschaft war, die aber im entscheidenden Moment da war.

Nun sagen Sie vielleicht: „Ich bin aber nicht so schön wie Judit und nicht so clever. Ich habe nicht ihren Mut und ihre Standfestigkeit. Ich habe nicht die Gelegenheit, mich für eine Gegen-Wirklichkeit einzusetzen.“ Zudem weiß ich, Klute, dass manch eine/r aus dem Kreis der Andachten-Empfänger/innen körperlich oder psychisch so eingeschränkt ist, dass die eigenen Möglichkeiten einfach sehr begrenzt sind.

In dem Drei-Schritt „Anfang – Dazwischen – Ende“ heißt das: Ihr „Dazwischen“ ist eingeschränkt. Die eigenen Möglichkeiten – wenige. Ich sage aber auch: Für jeden, der nicht im Koma ist, sind Möglichkeiten wenigstens da. Ob in der Begegnung mit anderen Menschen oder z.B. als Kundin/Kunde oder Beter/Beterin: Sie HABEN Spielraum, eine andere Wirklichkeit zu leben.

Was uns aber allen bleibt: Der Anfang und das Ende: Das Gott-Vertrauen und das Gott-die-Ehre-Geben. Auf Gott hoffen und Gott danken. Dem Gott, der selbst der Anfang von allem ist – und das Ziel und das Ende sein wird.

Gebet (nach einem Kanon):

Ausgang und Eingang, / Anfang und Ende / liegen bei Dir, Herr, füll Du uns die Hände!

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Was brauchen Sie? Andacht zum 2.6.2017 und zu Pfingsten

Gute Frage. Haben Sie eine Antwort? Mehrere Antworten vielleicht? Womöglich sind Sie diese Frage nicht gewohnt. Vielleicht stehen andere Fragen bei Ihnen weiter oben. Zum Beispiel: Was ist jetzt dran? Was muss erledigt werden? Was will der Chef? Was will meine Frau / mein Mann / mein Kind / meine Mutter / mein Vater / mein Kumpel / mein Nachbar?

Wobei – aufgepasst: Was jemand WILL, und was jemand BRAUCHT, das ist zweierlei. Sollten Sie Vater oder Mutter eines minderjährigen Kindes sein, bin ich ziemlich sicher, dass Ihr Kind gern mehr Taschengeld WILL. Ob Ihr Kind dagegen mehr Geld BRAUCHT, ist damit nicht gesagt.

Klarer ist die Sache, wenn eine äußere Not ganz offenkundig ist. Alle Menschen brauchen etwas zu essen, zu trinken; sie brauchen Schlaf, ein Dach über dem Kopf, eine Umarmung. All das brauchen auch diejenigen, die nicht glauben wollen, dass sie das brauchen.

Was brauchen SIE? Wenn das mit dem Dach und dem Essen sichergestellt ist? Speziell an diesem Tag, an dem Sie das hier lesen? Und jetzt eben mal nicht: „Was brauchen die anderen?“; „Was wollen die anderen?“ Auch nicht: „Was will ich?“ – Sondern: Was BRAUCHE – ICH? (…)

Und wenn Sie etwas gefunden haben – wer kann Ihnen das geben? Beim Nachdenken über dieser Frage habe ich eine Antwort gefunden, die mich selbst überrascht hat: Vieles von dem, was ich brauche, kann ich mir selbst geben. Angenommen, ich brauche: Stille. OK, da sind die Aufgaben, die erledigt werden wollen, meine Lieben mit ihren Erwartungen, das Radio und die laute Straße. Manches ist gerade wirklich unaufschiebbar. Aber vielleicht gebe ich manchem nur den Vorrang vor der Stille „um des lieben Friedens willen“. (Frieden ist oft besser, wenn er nicht „lieb“ ist.) Und manches ist wohl auch nur eine Ausrede. Weil das, was ich brauche (also hier: die Stille) leider manchmal genau das ist, was mich am meisten fordert, anstrengt, „konfrontiert“.

Eigentlich könnten Sie oft: Sich selbst das geben, was Sie brauchen. Und wenn nicht? Dann können Sie sich ärgern über alle, die Ihnen das nicht geben, was Sie brauchen: Ihre Lieben, die Gesellschaft, der Staat, der liebe Gott. (Auch da: Mit „Gott“ ist manchmal mehr anzufangen, wenn er nicht „lieb“ ist.) Sie können sich darüber ärgern, dass Sie in Ihrer Not und Ihren Bedürfnissen einfach nicht gesehen, nicht wichtig genommen werden.

Aber bevor Sie sich ärgern, sollten Sie eines nicht versäumen: BITTEN Sie! Nicht durch Blicke, sondern mit Worten. Nicht „durch die Blume“, sondern direkt. Nicht als Forderung, nicht als Anspruch, sondern eben als Bitte – und auch mit dem Wörtchen „Bitte“. Und – bitte – nicht erst im Nachhinein, nach dem Motto: „Ich hätte mir von Dir gewünscht, dass Du …“

Eine Bitte darf man Ihnen natürlich abschlagen, aber manchmal klappt es. Ich meine: Es ist Ausdruck übertriebener Selbstverliebtheit, mir einzureden, die anderen müssten doch von allein wissen, was ich brauchen, und dann ungefragt dafür sorgen. Das klappt aber nicht. Und zwar nicht, weil alle (außer mir selbst) so schlecht sind, sondern weil die Menschen eben so sind. Ich auch. Und Sie ebenfalls.

Andere bitten. Für einen glaubenden Menschen bedeutet das auch: Gott bitten. Ihn in Verbindung bringen mit meiner Not, mit meinem Mangel. Jesus spricht öfters über das Bitt-Gebet an Gott. Hier zum Beispiel:

Wen von euch, der Vater ist, wird der Sohn um einen Fisch bitten – und wird er ihm statt des Fisches etwa eine Schlange geben? Oder auch, wenn er um ein Ei bäte – er wird ihm doch nicht einen Skorpion geben? (Lukas 11, 11-12)

Na klar, so sind liebende Eltern: Fisch und Ei, nicht Schlange und Skorpion. Das allein finde ich schon mal bemerkenswert: Jesus stellt uns Gott als liebenden Vater vor, der das Beste will für sein Kind und ihm auch das Beste gibt. Ein völlig anderes Bild als das von einem gnadenlosen Richter oder kleinlichen Buchhalter oder vom Gesetz-Geber mit tausend Paragraphen. Nein, ein liebevoller Vater. Auch noch einer, der sich um das Essen für die Kinder kümmert. Ich vermute, das war nicht unbedingt typisch für die damalige Rollenaufteilung zwischen den Geschlechtern, und das ist es heute ja auch nicht immer.

Tja, aber gibt denn Gott immer seinen Kindern das, um was sie ihn bitten und was sie brauchen? Ich meine, daraus kann man keine feste Regel machen. Ich glaube schon, dass Gott „am Ende“ alles gut macht. Aber auf dem Weg dahin? Wenn es am Not-Wendigsten mangelt, trotz Bitten und Flehen? Wenn schlimme Menschen anderen aus Gier, Gleichgültigkeit oder Sadismus die guten Gaben Gottes vorenthalten? Wenn ich in meiner Verblendung einfach nicht an mich heran lasse, was Gott mir vor die Füße legt und was meine Seele so dringend braucht? – Na ja, um solche Dinge würde ich dann ja gar nicht erst bitten, obwohl ich sie brauche.

Was nennt Jesus denn genauer, was Gott als der liebende Vater seinem bittenden Kind gibt? Dazu gibt es zwei Fassungen, je nach dem, ob Sie in das Lukas-Evangelium schauen, aus dem ich eben zitiert habe. Oder ob Sie bei Matthäus nachlesen.

Bei Matthäus heißt es so:

Wenn nun schon ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gebt, was gut ist, wie viel mehr wird euer Vater im Himmel denen Gutes geben, die ihn bitten. (Matthäus 7, 11)

Aha! „Gutes“ also. Wörtlich steht da: „gute Dinge“. Es steht da nicht, was denn genau „Gutes“ ist. Schon gar nicht, dass es das ist, was das Kind erbittet. Also: Es gibt keine Schlange statt des erbetenen Fisches. Aber vielleicht eine Stulle. Oder eine Möhre. Oder Paprika. Und es steht auch nicht da, wann es das Gute gibt. Manchmal muss der Nachwuchs vielleicht warten, bis das Essen fertig ist, statt mit einem Schokoriegel abgefüttert zu werden. Es ist also ein bisschen schwammig. Aber es bleibt dabei: Der Vater im Himmel gibt denen Gutes, die ihn darum bitten.

Besonders überraschend finde ich nun, wie es bei Lukas weitergeht:

Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben zu geben wisst, wie viel mehr wird der Vater, der vom Himmel gibt, den Heiligen Geist geben denen, die ihn bitten! (Lukas 11, 13)

Der „Heilige Geist“ also! Für diejenigen, die Gott um eben diesen Geist bitten! – Und jetzt Rückfrage an Sie: Wann haben Sie das letzte Mal Gott um seinen Geist gebeten? Dass dieser Geist Sie erfüllt und leitet? Haben Sie das überhaupt schon mal getan?

Und falls Sie Gott darum noch nicht oft oder noch nie gebeten haben, habe ich eine Vermutung, woran das liegt: Weil der Heilige Geist nicht gerade das Allererste ist, was einem einfällt bei der Frage, was man gerade braucht. Oder gar, was man dringend braucht.

Aber das finde ich eben die Pointe an dieser Stelle: Gerade diesen Geist brauchen wir! Immer neu! Und in unserer oft satten, wohl genährten Gesellschaft manchmal dringender als unser täglich Brot. Denn wissen Sie: Wenn es nicht Gottes Geist ist, der mich erfüllt und leitet, dann sind es beinahe automatisch andere „Geister“, Impulse, Ideale, Sorgen, Ängste. Beileibe nicht immer „gute“. Sie können sich dazu ja mal zwei, drei Dinge vor Augen führen, die Sie in Ihrem Leben für sich selbst vermasselt haben. Und sich dann fragen: Welcher Geist hat mich denn da geleitet? Was hat mich denn dazu gebracht?

Oder im Großen: In den letzten Jahren ist bei vielen Menschen das Bewusstsein gewachsen, dass die Welt gefährdet ist oder am Abgrund steht. Da können Sie sich auch mal fragen: Welche „Geister“ haben die richtig schlimmen Probleme so groß werden lassen? Mein Kandidat: die Gier. Nach Macht, nach Geld, nach Ewigkeit. Vielleicht hätten Sie noch andere Geister. Aber einem Geist können Sie das nicht anhängen: dem Geist Gottes, wie wir ihn in Jesu Worten und Tun kennen lernen. Dem Geist, der uns Gottes Liebe glauben lässt und uns ermutigt, Liebe zu leben.

Was brauchen Sie? Was brauchen wir? Was braucht unsere Gesellschaft? Was braucht die Welt? Es gibt viele gute Antworten. Eine wichtige haben Sie – vielleicht ganz neu – gerade kennen gelernt: Gottes Geist. Und um diesen Geist dürfen wir Gott bitten.

Gebet (Psalm 31, 12-14)

Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz, und gib mir einen neuen, beständigen Geist! Verwirf mich nicht von deinem Angesicht, und nimm deinen Heiligen Geist nicht von mir. Erfreue mich wieder mit deiner Hilfe, und mit einem willigen Geist rüste mich aus!

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Opfer. Andacht zum 26.5.2017

Es wird viel geopfert. Beispiele? Vielleicht helfen Sie kommenden Samstag in den Außenanlagen des Kindergartens mit – und Sie „opfern“ Ihre Freizeit. Sie hören die Nachrichten. Heute (bei mir: 24.5.2017) zum Beispiel: Die Anschlags-Opfer von Manchester. Die Todesopfer eines gekenterten Flüchtlings-Bootes. Oder: Die Statistik weist jedes Jahr ein paar tausend Unfall-Opfer im Straßenverkehr aus. Wenn es weniger Geld vom Chef gibt: „Wir müssen alle Opfer bringen.“ Wenn Sie diese Zeilen lesen, statt im Bett zu liegen, dann opfern Sie gerade Ihren Schlaf. Und wenn Sie sich für eine ehrenwerte Sache so einsetzen, dass Sie selbst anschließend am Stock gehen, dann opfern Sie sich auf, Sie opfern Ihre Gesundheit oder, oder.

Dabei war das Opfer früher speziell etwas Religiöses, und in vielen Religionen gibt es auch heute Opferfeiern. Bei den Juden übrigens nicht: Dort wurde nur im Tempel geopfert – und der ist im Jahre 70 nach Christus zerstört worden. Bei den Christen gibt es auch keine klassischen Opfer-Feiern. Grund: Jesus Christus ist am Kreuz gestorben. Und damit hat sich Gott selbst auf-geopfert, ist in unseren Tod gegangen. Dieses Opfer ist einmalig. Es ist nicht zu wiederholen, nicht zu toppen, nicht irgendwie zu „ergänzen“. „Ein für alle mal“.

Aber wie sind die Menschen denn überhaupt dazu gekommen, irgendetwas für ihre Gottheiten zu opfern? Dazu habe ich eine Theorie, und die lautet:

Beziehung ist immer ein Geben und Nehmen.

Zumindest wenn wir diese Beziehung als positiv empfinden. Das gilt für die ganz alltäglichen Beziehungen zu Ihren Mitmenschen: Sie geben und bekommen Zeit. Sie bekommen Brötchen und geben Geld. Sie geben einander einen Blick, ein Lächeln, einen Gruß. Sie tauschen mehr oder weniger bedeutende Worte oder eine Umarmung. Oder Sie „bekommen“ eine Einladung – und „geben“ ein Mitbringsel.

Überhaupt: Essen und Trinken. Ob die Tasse Kaffee, das Bonbon am Messestand oder das große Festbankett: Liebe geht durch den Magen. Oder zumindest soll das, was durch den Magen geht, etwas Nährendes in der Beziehung signalisieren. Wo immer Sie in „Austausch“ treten, tauschen Sie etwas aus. Achten Sie mal auf Ihre Begegnungen heute und registrieren Sie kurz, was genau Sie da gerade miteinander austauschen, was Sie einander geben und voneinander nehmen.

Menschen gestalten offenbar auch ihre Gottesbeziehung gern durch Geben und Nehmen. Deswegen ist das christliche „Gott gibt Dir alles – aber Du kannst ihm nichts geben“ eine harte Nuss für alle Religiösen. Als Christ kann ich Gott immerhin meinen Dank und meine Liebe geben in Wort und Tat, auch wenn ich eigentlich nichts „für Gott tun kann“.

Andererseits: So hart die Nuss vielleicht ist, dass ich für Gott gar nichts opfern kann, so entlastend ist das auch. Es soll ja Leute geben, die gehen „für Gott“ in die Kirche, die beten „für Gott“ ein bestimmtes Pensum, die spenden etwas „für Gott“ oder tun „für Gott“ etwas Gutes – kurz: Die leben in der Vorstellung, Gott etwas opfern zu MÜSSEN.

Wenn Sie frei sind von dieser Vorstellung und diesem Druck, wenn Sie mehr von Dank oder Liebe zu Gott bestimmt sind, dann tun Sie womöglich dasselbe, jedoch immer mit einem „Aber“:

  • Sie gehen in die Kirche – ABER weil Sie das für SICH, für IHRE Gottesbeziehung und für IHRE Gemeinschaft wichtig finden.

  • Sie beten – ABER weil Sie meinen: das ist eine gute Beziehungs-Pflege, und Sie können Gott alles sagen, was Sie in Freude und Schmerz bewegt.

  • Sie spenden – ABER weil Sie finden: Das Anliegen ist förderungswürdig! Oder: Diejenigen, die davon profitieren, liegen mir am Herzen.

  • Sie tun etwas GUTES – ABER für denjenigen, der etwas davon hat.

Kurz: Wenn Sie sich vom Opfer-„Muss“ frei gemacht haben, tun und lassen Sie womöglich dieselben Dinge wie der, der dauernd Gott etwas opfern „muss“. Der Unterschied: Sie gucken zufriedener. Sie sind das Kind liebender Eltern, nicht Sklave eines strengen Herrn.

Schon im Alten Testament finden Sie eine ganze Reihe Stellen, die das kritisch sehen mit den Opfern. Beispiele: Man kann doch auch Gott seinen Dank „opfern“ (Psalm 50, 23); Opferfeiern geraten zur unerträglichen Show, wenn die Leute gleichzeitig Recht und Gerechtigkeit mit Füßen treten (Amos 5, 21-24); auch wer Opfertiere tötet, tötet eben auch (Jesaja 66, 3).

Einmal sagt Gott durch den Propheten Hosea zu seinem treulosen Volk:

Ich habe Lust an der Liebe und nicht am Opfer, an der Erkenntnis Gottes und nicht am Brandopfer. (Hosea 6,6)

Als Jahrhunderte später Jesus Tischgemeinschaft mit den verachteten „Zöllnern und Sündern“ pflegt und von den Frommen dafür kritisiert wird, zitiert er sinngemäß Hosea:

Geht aber hin und lernt, was das heißt: »Barmherzigkeit will ich und nicht Opfer.« Ich bin nicht gekommen, Gerechte zu rufen, sondern Sünder. (Matthäus 9, 13)

Etwas später bringt Jesus dieses Zitat noch einmal – wieder gegen sehr, sehr Fromme, die all ihre Kraft dafür investieren, das Ruhe-Gebot für den Sabbat möglichst streng auszulegen (Mt 12, 7).

Ich betrachte dieses Hosea-Jesus-Wort als Einladung, oder besser: ernsthafte Aufforderung, meine persönliche „Opfer-Praxis“ kritisch in den Blick zu nehmen. Was Gott angeht, habe ich das ja eben schon getan: ICH kann Gott gar nichts opfern und ich muss es auch nicht. Stattdessen kann ich Gott meinen Dank und meine Liebe bringen.

Und meine sonstige „Opfer-Praxis“? Wofür opfere ich meine Zeit? Meine Gesundheit? Meine Kräfte? Meine Freundschaften? Meine Habe? Meine Spontaneität? Meine Partnerschaft? Meine Träume? Meine Freiheit? Meine …

Hosea sagt: „Liebe, nicht Opfer! Gotteserkenntnis, nicht Brandopfer!“ Jesus sagt: „Barmherzigkeit statt Opfer!“ Barmherzigkeit mit denen, die das besonders brauchen. Das kann auch heißen: Barmherzig mit mir selbst! GEGEN alle unbarmherzigen Ansprüche, die ich an mich habe und gegen mich richte.

Manchmal ist es dran, „alles zu geben“. Sich mit ganzer Kraft, mit ganzem Einsatz und aller Leidenschaft einzusetzen. Das ist aber selten etwas von Dauer. Leben Sie nach dem Maß der Liebe und der Barmherzigkeit!

Auch wenn im Alten Testament das Opfern meist unproblematisch gesehen wird – eines ist völlig tabu, das ist Gott ein Greuel: Menschen-Opfer. Die Israeliten sollen auf keinen Fall das tun, was es in den Nachbar-Völkern gibt: Die eigenen Kinder opfern.

Menschen – spätestens da ist eine Grenze! Opfern Sie ETWAS. Aber opfern Sie keinesfalls SICH! Nie das Kind in sich, das Sie doch auch sind! Und keinen anderen Menschen.

Liebe! Gottes-Erkenntnis! Barmherzigkeit!

Gott, Du hast mich geschaffen. Du hast mich erlöst. Du bist der Anwalt und Freund allen Lebens, auch meines Lebens. Danke für Deine Liebe! Danke für Deine Barmherzigkeit! Danke, dass Du Dich zu erkennen gibst! Amen.

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Ein Koffer im Himmel. Andacht zu Himmelfahrt 2017

Nein, Quatsch, „in Berlin“ muss es heißen. „Ich hab‘ noch einen Koffer in Berlin.“ Marlene Dietrich hat das gesungen:

Ich hab noch einen Koffer in Berlin. / Deswegen muss ich da nächstens wieder hin. / Die Seligkeiten / vergangener Zeiten / sie sind alle immer noch in diesem kleinen Koffer drin.
Ich hab noch einen Koffer in Berlin. / Das bleibt auch so und das hat seinen Sinn. / Auf diese Weise / lohnt sich die Reise / und wenn ich Sehnsucht hab, / dann fahr ich wieder hin.

Die Seligkeiten vergangner Zeiten“ – dafür steht dieser Koffer. Diese Sehnsucht lässt sich schnell stillen: Marlene Dietrich fährt einfach wieder hin. Es hat was mit Identität zu tun. Wer ich eigentlich bin, hat nicht nur damit zu tun, wer ich jetzt gerade an diesem Ort zu dieser Zeit in meinem Leben bin, sondern auch damit, wer ich war, wo ich war. Und wohin meine Sehnsucht sich streckt. Ein Glück, wenn’s Berlin ist: Da kann Marlene schnell wieder hin.

Pech aber bei Heidelberg: Wenn man sein Herz in Heidelberg verloren hat, macht das große Sehnsucht für den ganzen weiteren Lebensweg. Dabei klingt es erst mal ganz wunderbar:

Ich hab‘ mein Herz in Heidelberg verloren / in einer lauen Sommernacht.
Ich war verliebt bis über beide Ohren, / und wie ein Röslein hat ihr Mund gelacht.
Und als wir Abschied nahmen vor den Toren / beim letzten Kuss, da hab ich’s klar erkannt:
Dass ich mein Herz in Heidelberg verloren. / Mein Herz, es schlägt am Neckarstrand.

Klingt so schön, ist aber Pech, wie wir später erfahren:

Was ist aus dir geworden, / seitdem ich dich verließ,
Alt-Heidelberg, du Feine, / du deutsches Paradies?
Ich bin von dir gezogen, / ließ Leichtsinn, Wein und Glück.
Und sehne mich, und sehne mich / mein Leben lang zurück.

Die Stadt, die Liebste, die glorifizierte Vergangenheit, sie sind weg. Unerreichbar. Mit einer Fahrt ist es nicht getan. Ungestillte Sehnsucht, nicht enden wollender Schmerz. Auch das hat was mit Identität zu tun. Nur dass der Sänger so in der Vergangenheit lebt, dass er in der Gegenwart und für die Gegenwart nur noch ein Schatten seiner selbst ist. Pech, oder?

Berlin oder Heidelberg – unsere Schlager-Sänger/innen haben das Entscheidende ganz woanders: Anderer Ort, andere Zeit. Der Unterschied: Berlin ist erreichbar, Heidelberg bleibt verloren in der Vergangenheit.

Und nun: Der Himmel! Jetzt nicht diese blaue Hülle, zu der die Engländer „sky“ sagen. Sondern „heaven“. Dieses ganz Andere. Es gibt Gemeinsamkeiten zwischen „sky“ und „heaven“: Der blaue „sky“ umgibt einen. Man kommt ohne Flügel trotzdem nicht hin und kann ihn sich nur von unten begucken. Und man kann am Tag die Vögel und nachts die Sterne beneiden.

So kann einem das auch mit dem „heaven“ ergehen: Da wissen Sie sich von ihm umhüllt, aber Sie kommen trotzdem nicht mal eben hin. Selbst die richtig „himmlischen“ Momente auf der Erde bringen Sie dem „heaven“ ungefähr so viel näher wie der Stabhochspringer dem „sky“ näher kommt: Es hält sich in Grenzen.

Oder Sie gehören zur Maulwurf-Fraktion: Maulwürfe sind ja blind, leben Erd-verbunden und sind überhaupt sehr diesseitig eingestellt. Für Maulwürfe ist dieses ganze Gefasel vom blauen „sky“ eine ziemlich haltlose Träumerei als Vertröstung beim täglichen Buddeln. „Sky“ haben sie nie gesehen, es gibt keine „sichtbaren“ Belege. Die gefiederten Gesellen, die das behaup­ten, haben ein Spatzenhirn. Oder erkennbar eine Meise. Oder sind reichlich abge­ho­ben.

Die Bibel ist auch nichts für Maulwürfe. Auch, weil in vielen ihrer Texte vom „Himmel“ die Rede ist. Und wer ist im Himmel?

Klare Antwort: Gott! So jedenfalls viele, viele Zitate in der Bibel. Aber Gott ist nicht einfach nur „etwas“ im Himmel. Sondern: Er ist der Schöpfer des Himmels UND der Erde. Gott umfasst BEIDE „Welten“.

Bin ich es nicht, der Himmel und Erde erfüllt?“, spricht der HERR. (Jeremia 23,24)

Aber für die Menschen: Unerreichbar! Wie der „sky“ für die Maulwürfe. Oder? „Kohelet“, der „Prediger“ aus dem Alten Testament, spürt immer wieder diesen Abstand:

Sei nicht schnell mit deinem Munde und lass dein Herz nicht eilen, etwas zu reden vor Gott. Denn Gott ist im Himmel und du auf Erden. Darum lass deiner Worte wenig sein. (Pred. 5,1)

Unerreichbar? Nein, ich hab‘ noch einen „Koffer im Himmel“. Da sind Sachen drin, die machen mich aus, die sagen, wer ich bin und wo ich hin gehöre! Jesus sagt:

Ihr sollt niemanden unter euch Vater nennen auf Erden. Denn einer ist euer Vater, der im Himmel ist. (Matthäus 23, 9)

Gott im Himmel – das hatten wir schon!“, sagen Sie jetzt vielleicht. Aber Jesus setzt hier einen speziellen Akzent: Gott – Dein Vater! Dein WAHRER Vater! Und für alle, die es mit ihren irdischen Eltern sehr schlecht angetroffen haben: Dein GUTER Vater! Das bedeutet dann auch: Das, wo ich meine Wurzeln habe, das ist nicht ganz von dieser Welt. Ich komme woanders her und gehöre woanders hin.

Was ist noch „im Koffer“? Lesen Sie, wozu Jesus einen reichen jungen Mann auffordert:

Eines fehlt dir. Geh hin, verkaufe alles, was du hast, und gib’s den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben. Und komm und folge mir nach!“ (Markus 10, 21)

Ein Schatz im Himmel! Für diesen jungen Mann scheint es wohl gut zu sein, sich von dem zu lösen, was er HAT, um mehr das zu sein, was ihn „eigentlich“ reicht macht. Befreit von der Last der Habe – mit Jesus unterwegs. – Ein Schatz im Himmel!

Als einmal die Jünger zu Jesus zurückkommen und von ihren Erfolgen berichten, sagt ihnen Jesus etwas, was noch wichtiger ist als diese Erfolge:

Freut euch aber, dass eure Namen im Himmel geschrieben sind! (Lukas 10, 20b)

Namentlich bekannt. Notiert im Himmel. Das heißt: Gott denkt an mich! Bei ihm bin ich nicht vergessen und werde nie vergessen sein! Da bin ich aufgehoben!

Und dann eine meiner Lieblingsstellen über den Himmel. Vom Apostel Paulus:

Unser Bürgerrecht aber ist im Himmel. (Philipper 3, 20a)

Meine Staatsbürgerschaft – im Himmel. Ich habe also den himmlischen Pass in der Tasche, auch wenn ich in der Fremde unterwegs bin. Ein Blick auf diesen Pass erinnert mich daran, wo ich hingehöre. Und wo mir alle Türen offen stehen, wenn die Zeit gekommen ist.

Zu dieser Staatsbürgerschaft passt noch etwas, was für Heimat steht – aber in keinen Koffer passt:

Wenn unser irdisches Haus, diese Hütte, abgebrochen wird, so haben wir einen Bau, von Gott erbaut, ein Haus, nicht mit Händen gemacht, das ewig ist im Himmel. (2. Korinther 5, 1)

Das irdische Haus, das ist mein Leib. Nun ist es nicht besonders charmant von Paulus, ihn als Abbruch-Hütte zu beschreiben, aber das ist schon so: Mensch-Sein auf Erden ist immer nur eine Übergangslösung. Nichts von Dauer. Da ist es gut zu wissen: Die Bleibe auf Dauer, die ist woanders. Richtfest war auch schon. Es ist alles bereit.

Mein „Vater“ im Himmel. Ein „Schatz“ im Himmel. Mein Name – im Himmel notiert. Mein spiri­tueller Pass nennt den Himmel als Heimat. Mein „Haus“ – einzugsfertig! Und nun noch: „Himmelfahrt“. Jesus Christus, der Herr. Im Himmel – und zugleich „bei Euch alle Tage“. Christus ist die Verbindung. Meine Verbindung zur Heimat. Durch Christus ist es wie mit dem Koffer in Berlin. Und nicht wie mit dem verlorenen Herzen in Heidelberg.

Gebet (aus dem Lied „Auf, auf, mein Herz, mit Freuden“; etwas umgedichtet):

Ich hang und bleib auch hangen / an Dir, Herr, als ein Glied. / Wo Du selbst durch bist gangen, / da nimmst Du mich auch mit. / Du reißt mich durch den Tod, / durch Welt, durch Sünd, durch Not, / Du reißt mich durch die Höll; / ich bin stets sein Gesell.

Du dringst zum Saal der Ehren, / ich folg Dir immer nach / und will mich gar nicht kehren / an einzig Ungemach. / Es tobe, was da kann, / Du nimmst Dich meiner an, ja, Du, Herr, bist mein Schild, der alles Toben stillt!

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