2. Adventskalendertür: Hoffnung. Andacht zum 2.12.2016

Und? Haben Sie welche? Hoffnung? Schätzen Sie doch mal auf einer Skala von 1 bis 10 ein, wieviel Hoffnung Sie haben …
Wahrscheinlich merken Sie sofort: Das lässt sich gar nicht auf eine einzelne Zahl bringen. Es hängt ja davon ab, worum es gerade geht. Vielleicht ist Ihre Hoffnung groß, dass morgen schönes Wetter ist. Und gleichzeitig die Hoffnung klein, dass Sie von jemandem heute noch ein freundliches Wort hören. Vielleicht erhoffen Sie zu Ihrem Geburtstag, dass Ihr neues Le­bens­jahr gut wird. Gleichzeitig schrumpft bei der Tagesschau die Hoffnung, dass „die Welt“ ein gutes Jahr haben könnte. Vielleicht haben Sie keine Hoffnung, eine schlimme Krank­heit zu überstehen. Und zugleich eine große Hoffnung, dass Gott es mit Ihrem Ende gut macht – und aus dem Ende einen Anfang …
Hoffnung, was ist das? Meine Antwort: Hoffnung richtet sich auf die ZUKUNFT. Die Zukunft ist ja trotz Kristallkugeln und Prognosegutachten offen, es gibt unterschiedliche Möglichkeiten. Hoffnung hat eine „gute“ Möglichkeit im Blick. Sie hat was von Optimismus.
Wenn es Hoffnung mit der Zukunft zu tun hat, dann hat keine Hoffnung, wer nur und ausschließlich in der Vergangenheit lebt. Wobei nicht geklärt ist, ob die Henne oder das Ei eher war: Habe ich keine Hoffnung, weil ich in der Vergangenheit lebe? Oder lebe ich in der Vergangenheit, weil ich keine Hoffnung habe?
Wenn es Hoffnung mit der Zukunft zu tun hat, dann hat ebenfalls keine Hoffnung, wer ganz in der Gegenwart, ganz im Hier und Jetzt lebt. Das tun Sie wohl am ehesten in den seltenen Momenten der Glückseligkeit. Es gibt ja (vielleicht) solche Augenblicke, wo das Planen des nächsten Urlaubs, die Vorfreude auf den neuen „Tatort“ und die Sehnsucht nach dem himmlischen Jerusalem völlig deplatziert sind, weil sie es einem kaputt machen, in der Fülle des Augen­blicks zu verweilen und zu schwelgen.
Wenn dagegen der Augenblick schmerzerfüllt und quälend ist, wird sich der Gedanke an die Zukunft geradezu von selbst einstellen: Die Hoffnung, dass es besser wird. Oder die Be­fürchtung, dass es das nicht wird.
Ein Gelehrter (Arnold Gehlen) meinte: Der Mensch ist ein „teleo­lo­gisches“ Wesen. Das kommt von Telos = Ziel. Der Mensch lebt auf Ziele hin, die vor ihm liegen. Ich meine, da ist was dran. Klar, es gibt die Vergangenheits-Orientierung. Es gibt das Leben im Hier und Jetzt. Aber meistens spielt die Ausrichtung auf die Zu-Kunft eine Rolle. Und damit die Hoffnung oder die Angst, der Optimismus oder der Pessimismus.
Das fängt bei mir schon morgens an: Wenn ich aufstehe und die ersten Schritte tue, dann „hoffe“ ich, dass ich im Bad ankomme. Ich betrete die Dusche in der Hoffnung, dass da oben gleich Wasser rauskommt. Ich greife in die Waschmaschine in der Hoffnung an, keinen Strom­schlag zu bekommen.
Jetzt sagen Sie: „Das ist nicht Hoffnung, das sind Routinen!“ Ich sage: OK, automatisierte Hoffnungen mit Handlungs-Anhang. Aber Hoffnungen! Und sollte eine dieser Hoffnungen „un­er­wartet“ grob enttäuscht werden, werde ich für ein Weilchen „anders“ aus dem Bett steigen, unter die Dusche klettern, die Wäsche aus der Waschmaschine holen.
Fast alle Handlungen haben mit Hoffnung und mit Willen zu tun. Sie können noch so banal und unbedeutend sein – sie sind auf Zukunft angelegt, auf die nächsten Sekunden, Tage, Jahre, kommende Generationen. Sogar „Verzweif­lungstaten“, selbst die „im Affekt“, gesche­hen in einer „Hoffnung“, und sei die noch so absurd.
Ausnahmen sind am ehesten diejenigen Handlungen, die Sie nicht willentlich verhindern können. Handlungen, die gesunde Babies vom ersten Lebenstag an tun: Mit dem Herzen schla­gen; Atmen; Ausscheidungsvorgänge; Schlafen; bei Schmerzen eine Schon-Haltung einnehmen. Vielleicht noch Essen und Trinken, aber da bin ich mir schon nicht so sicher, denn das kann man mit bestimmter Absicht / „Hoffnung“ auch einstellen.
Sie stecken also voller Hoffnung. Mehr, als Sie sich das vielleicht bisher gedacht haben. Hoffnung als Advents-Türchen? Ja klar! Hoffnung ist die Tür in die Zukunft! Hoffnung gibt Motivation für jede Handlung, die auf die Zukunft zielt.
Wer nicht mehr aus dem Bett aufsteht, obwohl er körperlich gesund ist, dem ist diese Tür der Hoffnung gerade verschlossen. Da wäre es gut, es gibt andere, die für ihn mit hoffen, gegen seine Hoffnungslosigkeit hoffen, ihn nicht aufgeben.
Hoffnung motiviert. Hoffnungslosigkeit lähmt. In einer Jesus-Geschichte geht es um so einen Gelähmten. Den schleppen seine hoffenden Freunde zu Jesus. Über Hindernisse hinweg, ohne seine Mithilfe, vielleicht seiner Verzweiflung zum Trotz. „Als Jesus ihren Glauben sah …“ – nämlich den der Freunde – heilt er den Gelähmten: Er erlöst ihn aus seiner Vergangenheits-Fixierung („Dir sind Deine Sünden vergeben“) und befiehlt ihm eine absichtsvolle Handlung, die der Gelähmte nicht mehr zu hoffen gewagt hätte: „Steh auf, nimm deine Matte und geh nach Hause!“ (alles: Mk 2) Sie sehen: Auch die stellvertretende Hoffnung der Freunde öffnet Türen. Oder, wenn Sie die Geschichte nachlesen: Dächer.
Christ-Sein hat mit Hoffnung zu tun. Besonders Paulus spricht viel von Hoffnung, einmal bezeichnet Gott geradezu als „Gott der Hoffnung“. Das wäre geradezu Gottes Wesenszug.
Ja, hat denn Gott Hoffnung? Ich fände den Satz „Gott hat Hoffnung“ irgendwie schräg. Denn Gott ist ja kein „zeitliches Wesen“, das die Hoffnung oder Befürchtung hätte, dass die Zu­kunft so oder so werden könnte. Nein, die Fülle der Zeit liegt in den Händen des Ewigen. Gott „hat“ in dem Sinne keine Hoffnung. Aber: Gott GIBT Hoffnung. Zumindest kann man sich das wünschen und erbitten. Jetzt Paulus im ganzen Satz:

Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben, dass ihr immer reicher werdet an Hoffnung durch die Kraft des Heiligen Geistes. (Römer 15, 13)

Sind Christen also die größeren Optimisten? Oder, wertend formuliert, die intensiveren Tagträumer, Traumtänzer? Irgendwie schon. Da ist Jesus, der in einem brutal regierten Landes die Hungernden, Weinenden, Friedliebenden, nach Gerech­tig­keit Dürstenden selig preist – nicht, weil das so toll wäre, sondern auf Hoffnung: Gott wird es wenden!
Da sind seine Jüngerinnen und Jünger, die den Auferstandenen erlebt haben und in seinem Geist aller Welt verkünden: Der Tod ist besiegt! – Wo doch tägliche Erfahrung ist: Der Tod kriegt jeden klein. Und nicht nur in schönen Hospizzimmern, sondern auch in Hunger­gebieten, auf Schlachtfeldern, auf Straßen und in Folterkellern. Was für eine Hoff­nung!
Sie merken schon: So eine Hoffnung ist von einem ganz anderen Kaliber als der platte Optimismus von „Wird schon wieder!“ und „Halb so wild!“ Diese Hoffnung ist weit davon entfernt, sich sein Leben und die Welt schön und vor allem heil zu reden. Nochmal Paulus:

Wer will uns scheiden von der Liebe Christi? Trübsal oder Angst oder Verfolgung oder Hunger oder Blöße oder Gefahr oder Schwert? (…) Aber in dem allen überwinden wir weit durch den, der uns geliebt hat. Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn. (Römer 8, 35 ff.)

Also: Paulus wirbt NICHT für die Hoffnung „So schlimm wird’s schon nicht kommen!“ Sondern für die Zuversicht: „Das kann uns nicht von der Liebe Christi trennen!“
Da schließt sich der Kreis zum Advent: Christen setzen auf die Liebe Christi und auf das, was er für uns durchlebt und durchlitten hat. Und dann ist der Gott, der in Christus in unsere Welt, zu Ihnen und mir gekommen ist, der „Gott der Hoffnung“.
Der „Gott der Hoffnung“. Ich habe etwas entdeckt: Wenn in der Bibel von Hoffnung und Hoffen die Rede ist, dann zum einen so, wie „wir“ das auch meistens tun: Hoffen, dass das und das in der Zukunft eintreten wird. Aber sehr oft noch anders: „Auf Gott hoffen“, „Gott, ich hoffe auf Dich!“ usw. Zugespitzt: Christen hoffen nicht in erster Linie auf „etwas“, sondern auf „jemanden“!

Gebet (nach Römer 15, 13):
Du Gott der Hoffnung, erfülle uns mit aller Freude und Frieden im Glauben, damit wir immer reicher werden an Hoffnung! Durch die Kraft Deines Geistes!

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Adventskalendertür: Barmherzigkeit. Andacht zum 1. Advent 2016

Sie haben es wahrscheinlich mitbekommen: In der Katholischen Kirche wurde gerade das „Jahr der Barmherzigkeit“ begangen. In und an vielen Kirchen haben Sie da buchstäblich solche Pforten der Barmherzigkeit erleben können. Da konnte man direkt durchgehen.
Dabei tue ich mich ja ein bisschen schwer mit diesem Wort „barmherzig“. Wenn ich barmherzig zu jemandem bin oder mich über jemanden erbarme, dann hat das für mich was Gönnerhaftes. „Von oben herab“. Als Barmherziger gebe ich, und der andere ist der Bedürftige, der empfängt. Der sollte mir dankbar sein, und ich kann mich toll fühlen, dass ich so barmherzig bin. Denn zu Barmherzigkeit bin ich ja nicht verpflichtet. – Oder doch?
Dabei gerät leicht aus dem Blick: Es ist ein WECHSELSEITIGES Geben und Nehmen. Oder das sollte es wenigstens sein, dass ich NICHT von oben herab mein Erbarmen ausgieße. Sondern dass ich „auf Augenhöhe“ dem anderen begegne – und dabei vielleicht erkenne, was der andere alles ist und hat, was ich nicht bin und nicht habe – was ich vielleicht aber brauche. Und was ich bei diesem Mitmenschen lernen oder bekommen oder mir abschauen kann.
Wenn Barmherzigkeit eine TÜR sein soll zu anderen Menschen, dann darf sie auf keinen Fall „von oben herab“ erfolgen, es wäre eine Fall-Tür. „Von oben herab“ hält Distanz oder vergrößert sie. „Von oben herab“ schafft keine wirklichen Verbindungen, „von oben herab“ schließt Türen. Eine Frage der Haltung. Mein Ideal: „partnerschaftlich“.
Wie kriege ich das hin, partnerschaftlich, „auf Augenhöhe“, barmherzig zu sein? Meine Antwort: Wenn ich selbst Barmherzigkeit erfahre und auch darum WEISS, dass ich sie erfahre und dass ich davon lebe. Dazu später mehr.
Übrigens haben die verschiedenen Bibel-Übersetzer auch ihre Probleme mit diesem alten, vielleicht altmodischen Wort. Um mal die beiden Extreme zu nennen: In der Luther-Bibel (Revision 1984) kommt „barmherzig“, „Barmherzigkeit“ usw. 142 mal vor, in der „Guten Nachricht“ nur neun mal. Eine dieser neun Stellen: Ein Jesus-Wort …

»Werdet barmherzig, so wie euer Vater barmherzig ist! Verurteilt nicht andere, dann wird Gott auch euch nicht verurteilen. Sitzt über niemand zu Gericht, dann wird Gott auch über euch nicht zu Gericht sitzen. Verzeiht, dann wird Gott euch verzeihen. Schenkt, dann wird Gott euch schenken; ja, er wird euch so überreich beschenken, dass ihr gar nicht alles fassen könnt. Darum gebraucht anderen gegenüber ein reichliches Maß; denn Gott wird bei euch dasselbe Maß verwenden.« (Lukas 6, 36-38)

In diesem Jesus-Wort wird für mich deutlich: Der platte moralische Appell „Nun seid mal alle schön barmherzig!“ greift zu kurz. Jesus rückt nämlich Gott selbst in den Blick: Der barmherzige „Vater“; der Gott, der nicht verurteilt; der, der nicht zu Gericht sitzt; Gott, der verzeiht; Gott, der überreich, unfassbar, maßlos beschenkt! Großherzigkeit Gottes pur.
Es gibt allerdings einen Haken: Jesus formuliert all das so, dass MEINE Barmherzigkeit sozusagen der Schlüssel zu diesem überschießenden Barmherzigkeits-Strom Gottes ist. Und umgekehrt: Meine Un-Barmherzigkeit, meine Hart-Herzigkeit ist der Schlüssel, mit dem ich Gottes Tür zu mir ZU-schließe, mich abschotte von Gottes Liebes- und Gnadenstrom.
Nun könnte ich mir einreden: Ich lebe gar nicht von Gottes Barmherzigkeit, und auf die Barmherzigkeit anderer Menschen kann ich auch verzichten, oder ich hätte Barmherzigkeit „nicht verdient“ und kein Anrecht darauf. Das hieße ja: Ich bilde mir ein, ich hätte mir selbst alles zu verdanken, was ich bin, habe und kann. Oder ich hätte mir selbst vorzuwerfen, was ich alles NICHT bin, NICHT habe, NICHT kann. – Wie unbarmherzig mir selbst gegenüber! Entweder in der Fassung „Ich bin eingebildet und eingenommen von mir!“ Oder in der Fassung: „Ich klage mich pausenlos an und verurteile mich!“
Damit habe ich für Sie einen ganz wichtigen weiteren Aspekt: Barmherzigkeit ist nicht nur Tür zwischen mir und den Menschen; Barmherzigkeit ist nicht nur Tür Gottes zu mir; sondern auch: Barmherzigkeit ist die Tür zu mir selbst!! All das hängt miteinander zusammen:

  • Wenn ich barmherzig mit mir selbst bin, kann ich Gott als barmherzigen, liebenden Vater glauben und meinen Mitmenschen barmherzig, großmütig begegnen; ich kann mich wichtig nehmen, ohne mich wichtig machen zu müssen.
  • Wenn ich mich in den Strom von Gottes Barmherzigkeit stelle, werde ich barmherzig mit mir selbst.
  • Wenn ich „auf Augenhöhe“ barmherzig zu anderen bin, öffne ich mich für Gottes Barmherzigkeit und werde barmherzig mit mir.

Gottes Barmherzigkeit zu mir, meine Barmherzigkeit zu anderen, meine Barmherzigkeit mit mir selbst – die drei sind wichtig, sie gehören zusammen, sie brauchen einander. Mein Augenmerk möchte ich hier nun besonders auf die „Barmherzigkeit mit mir selbst“ lenken – nicht, weil sie wichtiger wäre. Sondern weil sie manchmal so unterbelichtet ist, so leicht übersehen wird.
Ich möchte das an einem Jesus-Gleichnis tun – nein, NICHT der Barmherzige Samariter, sondern: die „verlorenen Söhne“: Ein Vater, zwei Söhne. Der Erste mustergültig, brav, bescheiden – ein Vorzeige-Sohn. Der Zweite – das Gegenteil: Er bricht mit der Familie und bringt seinen Anteil am Erbe leichtfertig durch. Der Vater ist der Inbegriff von Barmherzigkeit: Als der Zweite reumütig zurück kommt, lässt ihn der Vater in allen Ehren wieder Sohn sein und veranstaltet für ihn ein großes Fest. Der Ältere, der „Brave“, kommt von der Arbeit – und will nicht mitfeiern. Da kommt der Vater auch ihm entgegen und bekniet ihn, doch mit herein zu kommen.
Was hat das mit der Barmherzigkeit zu mir selbst zu tun?
Klar, die Barmherzigkeit des Vaters liegt auf der Hand: Am Anfang teilt er seine Habe unter beide Söhne, und dem Zweiten sagt er später ausdrücklich: „Was mein ist, ist auch Dein!“ Beiden Söhnen kommt er entgegen – an der Stelle, wo es denen gerade schwer fällt, zu ihm zu kommen. Aber die Söhne, die haben ein ganz anderes Bild von ihrem Vater. Der Jüngere legt sich noch in der Fremde eine Entschuldigungsrede zurecht. Dass er wieder „Sohn“ wird, hält er nach allem, was war, für ausgeschlossen. Vielleicht ja Tagelöhner, mehr ist nicht drin …
Der Ältere, der doch auch sein Erbteil bekommen hat, und mit dem der Vater alles gemeinsam hat, meint: Ich strenge mich noch so an – und kann es doch meinem Vater nie recht machen. Und er gönnt es mir nicht mal, dass ich mit meinen Freunden auf seine Kosten grille!
Wie kommen diese Söhne dazu, so ein „schräges“, engherziges Bild von ihrem großherzigen Vater zu entwickeln? MEINE Antwort: Die Unbarmherzigkeit zu sich selbst! Das Selbstbild als Versager oder als Zu-Kurz-Gekommener, das Selbstbild von einem, der es dem Vater unmöglich recht machen kann. Und beide unterstellen ihre eigene Sicht auch ihrem Vater. Sie meinen: „Der sieht mich auch so!“ Aber sie irren. Beim Jüngeren überwindet die Großherzigkeit des Vaters die eigene Selbst-Unbarmherzigkeit. Beim Älteren bleibt das offen.
Wenn Sie nun gerade eng- und unbarmherzig mit sich selbst sind, dann wünsche ich Ihnen dass: Dass Sie Ihren finsteren Blick auf sich selbst nicht auch noch Gott unterstellen, sondern dass Sie anfangen, sich neu zu sehen mit den Augen des barmherzigen Gottes.

Gebet (aus dem Lied: „Mir ist Erbarmung widerfahren“):
Gott, der du reich bist an Erbarmen, reiß dein Erbarmen nicht von mir
und führe durch den Tod mich Armen / durch meines Heilands Tod zu dir;
da bin ich ewig recht erfreut und rühme die Barmherzigkeit.

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Schadenfreude. Andacht zum 18.11.2016

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Schadenfreude ist die schönste Freude, sagt der Volksmund. Auch IHRE schönste Freude? Das werden Sie auf Anhieb klar verneinen. So eine, so einer sind Sie nicht!
Aber wenn Sie nachdenken, werden Sie bei sich wohl doch fündig, was die Schadenfreude angeht. Wenigstens als stille Freude. Auf ein paar Beispiele werden Sie wohl schon kommen, wo Ihnen Pleiten, Pech und Pannen bestimmter Mitmenschen Freude bereitet haben. Jedenfalls kleine Freuden.
Das mit der Schadenfreude ist natürlich geheim. Sonst geht es Ihnen so wie Fritzchen:

Mutter: Aber Fritzchen, warum weinst Du denn???
Fritzchen (heult): Papa hat sich mit dem Hammer auf den Daumen gehauen!
Mutter: Aber Fritzchen, das ist doch nicht zum Weinen, das ist zum Lachen!
Fritzchen: Das habe ich ja zuerst auch getan …

Tja, wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Sagt der Volksmund. Und wer den Schaden hat und den Spott der anderen hört, kann sich nicht unbedingt mitfreuen, siehe Fritzchens Vater.
Wenn Sie als der oder die Geschädigte aber doch mit lachen können, dann wird Ihre Pleite, Ihr Pech, Ihre Panne, Ihre Peinlichkeit wohl nicht gar so groß gewesen sein. Und: Es zeugt von Ihrer persönlichen Größe, über sich selbst lachen zu können, und zwar nicht nur über Ihren tollen Witz, sondern auch über Ihr Missgeschick. Wer sich an solchen Stellen nicht gar so bierernst nimmt, hat wohl ein ganz gutes Selbstwertgefühl. Da ist es dann nicht so schlimm, wenn was schief geht oder wenn Sie ein Fettnäpfchen erwischt haben. Na ja, die Größe hatte Fritzchens Vater nicht. Oder der Daumen tat zu weh. Wollen wir hoffen, er hat später Fritzchen um Verzeihung gebeten. Um Verzeihung bitten – auch ein Symptom persön­licher Größe.
Sie sind noch nicht von der Kraft Ihrer Schadenfreude überzeugt? Dann erinnern Sie sich bitte, wie das war, als Sie mal Stan Laurel und Oliver Hardy geguckt haben. Allein schon die Bezeichnung „Dick und Doof“ ist ja nicht sehr charmant und hat was von Schaden­freu­­de. Aber worüber Sie vor allem lachen: Da folgt ja ein Missgeschick und eine Katastrophe der anderen. Das Publi­kum lacht genau an den Stellen, wo die Betroffenen gerade gar nicht zu lachen haben.
Es gibt da aber noch einen Unterschied zwischen dem Dicken und dem Doofen: Der Doofe ist doof, aber gut­mü­tig. Der Dicke dagegen weiß alles besser, ist über­heb­lich und manchmal gemein. Deswegen trifft vor allem ihn das Unglück, deswegen können wir im Zusam­men­hang mit Oliver Hardy an unserem eigenen Leibe am besten spüren, wie sich Schadenfreude an­fühlt. Wenn es den Dicken trifft, dann geschieht ihm das recht! Der hat es nicht anders verdient! Und die Welt ist manchmal DOCH gerecht!
Das gilt auch jenseits von Dick und Doof. Sie werden unmöglich auch nur den Hauch von Schadenfreude empfinden, wenn einen lieben Menschen völlig unschuldig ein großes Un­glück trifft. Aber wenn einen bösen Menschen wenigstens so ein kleines selbstverschul­detes Unglück trifft, dann schon. Wer im Unglücks-Fall am ehesten Ihre Schadenfreude bekommt, würde im Glücks-Fall am ehesten Ihren Neid und Ihre Missgunst bekommen. Missgunst und Schadenfreude sind Geschwister, sind eineiige Zwillinge. „Dieser Misserfolg geschieht dem recht!“ und „Ich missgönne ihm seinen Erfolg!“, das ist das Gleiche in grün.
Ob Neid, Missgunst und Schadenfreude besonders häufig unter Geschwistern vorkommt, weiß ich nicht. Könnte aber sein, wegen der Konkurrenz um die Liebe der Eltern. Also dann, wenn die Eltern ihre Zuwendung sehr ungleich verteilen – oder wenn es sich wenigstens so anfühlt. So ein vermurkstes Geschwister-Verhältnis haben wir in der Bibel ausgerechnet bei den Zwillingen Jakob und Esau. Jakob ist Mamas Liebling, Esau der von Papa. Daraus ent­spin­nen sich Hass, Intrige, Mordabsichten. Die Versöhnung kommt erst Jahr­zehnte später, und ganz zum Schluss werden beide gemeinsam ihren alten Vater bestatten. Aus Jakobs Nachkommen wird das Volk Israel, aus Esaus Nachkommen das Volk Edom.
Und nun zum Propheten Obadja. Von dem haben Sie wahrscheinlich noch nie etwas gehört. Das Buch Obadja hat auch nur ein einziges Kapitel. Man weiß noch nicht mal, ob Obadja so hieß oder ob das mehr eine Art Titel ist („Knecht Gottes“).
Was man weiß: Israel ist am Boden zerstört. Da steht wohl das Katastrophenjahr 587 v.Chr. im Hintergrund, als die Babylonier nach Jahren der Belagerung Jerusalem mit dem Tempel zerstören und viele Menschen deportieren und andere töten.
Und die Edomiter? Denen passt es gut, dass der Zwillingsbruder so am Boden ist. Schaden­freude. Dafür greift Obadja nun die Edomiter an und sagt ihnen allerlei Schlimmes voraus. Vielleicht eine Art vorweggenommene Gegen-Schadenfreude? Eine Rache-Phantasie? Viel­leicht. Propheten sind ja auch nur Menschen. Fakt ist, dass Edom im Jahre 332 v.Chr. unter­geht. Fakt ist allerdings auch, dass die Reiche der Menschen sowieso alle paar Jahrhunderte untergehen, und die, die sich „1000jährig“ nennen, halten nur 12 Jahre.
Hier ein Auszug aus dem Obadja-Buch – an die Edomiter:

Du sollst nicht mehr herabsehen auf deinen Bruder zur Zeit seines Elends und sollst dich nicht freuen über die Kinder Juda zur Zeit ihres Jammers und sollst mit deinem Mund nicht so stolz reden zur Zeit ihrer Angst. Du sollst nicht zum Tor meines Volks einziehen zur Zeit seines Jammers; du sollst nicht herabsehen auf sein Unglück zur Zeit seines Jammers; du sollst nicht nach seinem Gut greifen zur Zeit seines Jammers. Du sollst nicht stehen an den Fluchtwegen, um seine Entronnenen zu morden; du sollst seine Übriggebliebenen nicht verraten zur Zeit der Angst. (Obadja 12-14)

„Du sollst nicht!“ Das klingt wie in den Zehn Geboten. Hier aber nur achtmal. Wie einge­hämmert. Obadja diskutiert nicht. Er geht nicht auf die Vorgeschichte zwischen den Völkern ein und wer wem was angetan hat. Er wägt auch nicht die Mitschuld seines eigenen Volkes an seiner „Zeit des Jammers“ ab – das tun andere Propheten. Nein, einfach dieses: „Du sollst nicht!“ Klingt nach „Basta!“
Das „Du sollst nicht!“ ist hier wie in den Zehn Geboten sehr ehrlich: Das „Du SOLLST nicht!“ muss ich mir nur sagen lassen, wenn ich das Verbotene eigentlich gern WILL, wenn es mich lockt, das zu tun. Eigentlich unterstellen uns die Zehn Gebote, dass wir potentielle Diebe, Mörder und Ehebrecher sind. Das ist wohl nicht ganz Ihr oder mein Selbstbild. Aber vielleicht zutreffender, als uns lieb ist.
„Du sollst nicht“ – ja, was denn nicht?

  • Mein Blick, meine Haltung zum anderen: „nicht herabsehen“.
  • Mein Gefühl: Eben keine Schadenfreude: „dich nicht freuen …“
  • Meine Worte: „nicht stolz reden“.
  • Achten, was der andere hat: „nicht zum Tor einziehen“, „nicht nach seinem Gut greifen“.
  • Das Leben achten: „nicht morden“.
  • Solidarität, Beschützen: die „Übriggebliebenen nicht verraten“.

Da steckt natürlich ganz viel drin im Blick auf unsere ganz klaren Pflichten gegenüber Verfolgten auf der Welt. Für unser Thema „Schadenfreude“ würde ich es so sagen:

  • Lachen Sie weiter über Dick und Doof!
  • Lernen Sie, sich nicht zu ernst zu nehmen; lachen Sie über sich selbst!
  • Lachen Sie über andere – WENN die anderen ehrlich mit lachen können!
  • Und wenn der andere nichts zu lachen hat: Bleiben Sie bei seiner Not, statt aufzurechnen!

Basta. – Um Gottes willen, von dessen Liebe, Freundlichkeit und großer Güte auch Sie und ich leben.

Gebet (aus: Die güldne Sonne):

Lass mich mit Freuden / ohn alles Neiden / sehen den Segen, / den du wirst legen / in meines Bruders und Nächsten Haus.
Geiziges Brennen, / unchristliches Rennen / nach Gut mit Sünde, / das tilge geschwinde /
von meinem Herzen und wirf es hinaus.

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„Hütet Euch!“ Andacht zum 11.11.2016

„Hütet Euch …!“,  … sagt Jesus. Klingt nach einer Warnung. Wenn ich zu auffällig meine Hand nach Ihrem Portemonnaie strecke, dann werden Sie mir das sagen: „Hüten Sie sich!“ Die Warnung dahinter: „Denn sonst, Freundchen, wird es Dir übel ergehen!“
Bösewichte sollen sich hüten. Und Sie, Sie sollen sich vor ihnen hüten: unseriöse Anlageberatern, windige Gebrauchtwagenhändler, Heiratsschwindler, Quacksalber, falsche Freunde. Alle, die um Ihr Vertrauen werben, es aber nicht wert sind, weil sie verkehrte Absichten hegen.
Ja, das ist vielleicht das Gemeinsame derjenigen, vor denen Sie sich hüten sollen: dass sie intensiv um Ihr Vertrauen werben. Allerdings gibt auch Leute, die Ihr Vertrauen wert sind: Nicht jeder, der Ihnen einen Geld-Tipp gibt, Ihnen ein Auto verkauft, um Ihren Hand anhält, Sie medizinisch behandelt, Ihre Freundschaft sucht, führt Böses im Schilde. Und dann soll es ja noch vorkommen, dass jemand gute Absichten hat, aber trotzdem etwas Falsches sagt oder tut. Da ziehen Sie besser nicht zu schnell Mauern hoch und schütten das Kind nicht mit dem Bade aus.
Sollten Sie sich gerade auch vor MIR hüten? Na ja. Am Ende der Andacht kommt kein Vertrag über die neue Waschmaschine, von daher ist die Sache harmlos. Aber ich breite Ihnen meine Gedanken über wichtige Themen aus – schließlich geht es ja um Gott, um Jesus, um Vertrauen und Sich-Hüten. Da sind Sie gut beraten, nicht zu leichtgläubig zu sein, genau hinzuschauen.
Sollen sich andere vor IHNEN hüten? Wahrscheinlich auch „Na ja“. Ihnen werden Situationen einfallen, wo Sie wie ein Elefant im Porzellanladen waren, wo Sie das Vertrauen anderer enttäuscht haben, wo Sie vielleicht absichtlich Schlimmes taten. Und dann waren da noch Begebenheiten, wo sich jemand von Ihnen enttäuscht oder getäuscht fühlte, aber Sie ziehen sich den Schuh nicht an. Oft ist es schwer zu sagen, wer nun Recht hat mit seiner Sicht der Dinge. Meistens beide. Die Welt ist eben kompliziert.
„Hüte Dich!“, das mag als Warnung gemeint sein, aber von der Wort-Bedeutung her ist es etwas sehr Positives: Die Hirtin hütet ihre Schafe. Die Henne be-hütet ihre Küken unter ihren Flügeln. Da ist also jemand, die mir, dem Schaf oder dem Küken, Sicherheit und Geborgenheit gibt, die auf mich acht gibt. „Hüte Dich!“, das heißt dann auch: Sorge gut für Dich! Pass auf Dich auf! Sei beides: achtsam und wachsam! – „Der Herr ist mein Hirte!“ – Ja! Aber sei Dir auch selbst ein guter Hirte! Fahre DEM „guten Hirten“ nicht in die Parade im Gut-Sein zu Dir!
Nun aber zu Jesus und zu seinem „Hütet Euch!“ Jesus sagt das zu seinen Jüngern – zu Leuten, die sich zu Jesus halten, auf ihn hören, auf ihn schauen, ihre Hoffnung auf ihn setzen. Die haben, was die Vertrauens-Frage angeht, eine Antwort: Sie vertrauen auf Jesus. Dass andere vor Jesus warnen, davon lassen sie sich nicht sehr verunsichern. Sie haben „sich positioniert“, sie haben sozusagen ihr Herz vergeben.
Das ist wichtig, ein „Standpunkt“: Es ist gut zu, klar zu haben, wo ich bin und hingehöre. Das betrifft den Glauben, aber auch: Z.B. die Frage, wer ich als Peron bin oder sein möchte; welche Ideale ich habe; wie ich leben möchte – und mit oder ohne wen; was meine politischen Überzeugungen sind usw. Alles eine Frage des Standpunkts.
Aber bitte seien Sie nicht starr und in Beton gegossen auf Ihrem Standpunkt! Sondern: „weicher“, flexibler. Dazu habe ich ein neues Wort gelernt: „Fallibilismus“. Das bedeutet: Ich habe eine Überzeugung, ich halte sie für richtig und für „besser“ als andere, sonst hätte ich sie nicht. Ich vertrete meine Überzeugung und werbe dafür. Aber ich halte es für möglich: Es könnte Gründe geben, die mich eines Besseren belehren. Dann würde ich meinen Standpunkt ändern.
Fallibilismus: Sie vertreten einen Standpunkt – Sie können ihn aber auch ändern. Wenn Sie so ticken, sind Sie dreierlei NICHT:

  • Nicht Fanatiker. Als Fanatiker halten Sie Ihren Standpunkt für unumstößlich, da lassen sie kein bisschen dran wackeln.
  • Nicht Skeptikert. Als Skeptiker können Sie sich zwar vorstellen, dass es endgültige Wahrheiten gibt. Aber was wirklich wahr ist und gilt, das kann man nie wissen.
  • Nicht Relativist. Als Relativist meinen Sie, dass es sowieso nur persönliche Wahrheiten gibt, und keine Wahrheit, die für alle richtig ist und bleibt und gilt.

Mit all diesen Leuten ist schwer zu sprechen: Fanatiker hören Ihnen gar nicht richtig zu, die wissen es sowieso besser. Mit Skeptikern und Relativisten können Sie sich nett über Ihre Anschauungen austauschen. Sie können aber mit solchen Leuten nicht um DIE Wahrheit ringen. Es lässt sich mit diesen Leuten nicht streiten, was denn nun „wirklich“ gilt.
Jetzt nehmen wir mal an: Sie sind in Sachen „Glauben“ Fallibilist: Sie haben Ihren Standpunkt gefunden, Sie haben ihn durchdacht und tun das auch weiter. Sie haben ihn auch „durchlebt“, haben ihn mit hinein genommen an Ihrer Lebensgestaltung. Sie haben schwierige Erfahrungen daran rütteln lassen, Ihr Glaubens-Standpunkt hat sich verändert, aber im Ganzen doch bewährt. – Müssen Sie sich dann wirklich hüten vor anderen Standpunkten?
Ich meine: Nein! Sie können sich entspannt auf „andere“ und ihre anderen Sichten einlassen. Sie müssen keine Angst haben, dass bei Ihnen alles zusammenbricht. Sie müssen Anders-Denkende und Anders-Lebende nicht schlecht machen, nicht verteufeln, schon gar nicht die „Ungläubigen“ wegbomben. Kurz: Haben Sie Ihren Standpunkt – und fürchten NICHT um ihn!
Aber wieso sagt Jesus dann: „Hütet Euch!“? Lesen Sie’s im Zusammenhang:

Hütet euch vor den Schriftgelehrten, die es lieben, in langen Gewändern einherzugehen, und lassen sich gern grüßen auf dem Markt und sitzen gern obenan in den Synagogen und bei Tisch; sie fressen die Häuser der Witwen und verrichten zum Schein lange Gebete. (Alles: Lukas 20, 45-47)

Aha! Jesus warnt seine Jüngerinnen und Jünger mit keinem Wort vor der „Lehre“ jener Schriftgelehrten. Er selbst hat ja mit ihnen viel diskutiert, und er gab manchmal seinen Gegnern inhaltlich Recht (z.B. Mt 23, 3a). Nein, vor der anderen „Lehre“ sollen sich die Anhänger Jesu nicht hüten. Sondern: Vor Leuten, die ein hohes Ansehen haben, die dieses Ansehen im doppelten Wortsinn „genießen“, die ganz wild darauf sind, toll da zu stehen, die sich großartig inszenieren. Und vor allem: Die Doppelmoral! Hüten Sie sich vor Leuten mit Doppelmoral! Vor denen, die das eine sagen und das andere leben!
Umgekehrt heißt das: Seien Sie offen gegenüber Menschen, die nicht viel Aufhebens darum machen, wie sie „ankommen“, wie sie sich präsentieren. Und offen gegenüber Leuten, die vielleicht nicht toll reden, aber (überwiegend) glaubwürdig leben!
Und jetzt der Blick in den Spiegel. Sehen Sie da jemanden, vor dem Sie sich hüten sollten? Oder dem gegenüber Sie offener sein könnten? Und wenn Sie da im Zweifel sind, dann nehmen Sie das als Appell mit: Machen Sie weniger Aufhebens davon, wie Sie vor anderen dastehen. Und versuchen Sie, glaubwürdig zu leben. Stimmig mit Ihrem Standpunkt!

Gebet:
Gott, zumindest hier auf der Erde bin ich wohl nie ganz fertig mit dem, was wirklich gilt. Und nur selten ganz stimmig mit dem, was ich glaube. Ich bin ja noch auf dem Weg. Geh‘ Du ihn mit! Amen.

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Das Kyrus-Prinzip. Andacht zum 4.11.2016

Ein Blick zum Wandkalender genügt: Wir schreiben das Jahr 538 vor Christus. Kyrus, der König der Perser und Meder, sitzt in seinem Präsidialbüro und regiert. Es ist noch sehr früh morgens. Na ja, wir sind ja auch im „Morgenland“, in der Stadt Ekbatana in Medien. Später wird man mal Nord-Iran dazu sagen. Etwas weiter im Westen ist Babylonien. Babylonien hat Kyrus gerade erst dazu bekommen. Mehr als eine Filiale ist das. Auch ein Weltreich wie sein eigenes.
Kyrus hat die Beine hochgelegt und studiert die „Babylon Post“. Er muss ja wissen, was in seinem neuen Land los ist, wie die Leute ticken, was sie bewegt. Die Sekretärin bringt den zweiten Kaffee. Anrufe durchstellen darf sie jetzt nicht. Nicht bei der Zeitung.
Gerade fällt sein Blick auf einen Hintergrundbericht aus dem westlichsten Teil Babyloniens, kurz vor dem Mittelmeer: Jerusalem. Das war früher die Hauptstadt eines selbständigen Staates, liest er. Und die Tempel-Ruine dort hatte mal zum „Gott des Himmels“ gehört. Alles zerstört, seit 50 Jahren. Das Werk der babylonischen Vorgänger-Könige.
Kyrus greift zum Telefon und klingelt seinen Religionsminister aus dem Bett, denn er hat noch ein paar Fragen. Der Religionsminister weiß sehr interessante Zusatz-Infor­mationen: Damals waren viele Leute aus dem Volk dieses „Gottes des Himmels“ deportiert worden. Wohin? Direkt nach Babylon!
Religion interessiert den Perser-König. Nicht nur die eigene. Deswegen ist er religiös tolerant, jeder soll nach seiner Facon selig werden. Das unterscheidet ihn von fast allen bisherigen Weltreich-Herrschern. Also: Das Volk der Juden – in Babylonien. Die glauben immer noch an ihren Gott, auch in der Fremde. Merkwürdig – wie geht das ohne Tempel? Ohne Gottes-Wohnung? Ach klar, es ist ja der „Gott des Himmels“!
Und die Juden, so erfährt er von seinem Minister, sie haben hier neue Schwerpunkte ihrer Religionsausübung gefunden: Sie feiern jeden siebten Tag strikt ihren Ruhetag. Sie praktizieren bei den Jungs die Beschneidung – ein Bundeszeichen zu ihrem Gott. Und obwohl sie nur ein paartausend Leute hier in der Verbannung sind, können sehr viele von ihnen lesen und schreiben. Und sie tragen alles Schriftliche zusammen, was sie von ihrer Religion mitgebracht haben, und schreiben daraus neue Werke mit ihrer Geschichte, ihren Geboten, alten Prophezeiungen. Die sind auf dem besten Weg zur Buch-Religion, sagt der Minister.
Was der Religionsminister noch weiß: Sie haben fast alle Heimweh. Nach dem Land, das sie von ihrem Gott bekommen hatten. Und speziell nach Jerusalem und der Tempel-Ruine. Auch die Nachgeborenen, die also noch nie dort waren. Dass es mal eine Rückkehr gibt, das haben ihnen früher ihre Propheten gesagt. Und gerade noch vor ein paar Jahren ist einer ihrer Propheten in Babyloniern aufgetreten, als er, Kyrus, schon König in Persien war. Dieser Prophet hatte ihn sogar namentlich als Befreier angekündigt. Der hatte ihn „Gesalbter“, genannt, „Messias“. Whow, Kyrus fühlt sich geschmeichelt, als er das jetzt hört.
Und dann kommt der Religionsminister noch ungefragt auf eine Kostbarkeit zu sprechen: Der Jerusalemer Tempelschatz! Tausende goldene Gefäße und so. Beutekunst. Ein paar davon stehen im Museum für Alterum, die meisten liegen in Kisten in der Schatzkammer des Tempels vom Babylonier-Gott Marduk.
Kyrus hört weiter aufmerksam zu. Zugleich erinnert er sich an sein Prinzip religiöser Toleranz. Er sollte diesen Heimweh-Leuten entgegen kommen. Er sollte was für den kaputten Tempel tun. Die Leute würden es ihm danken. Und den Gott des Himmels, den hätte er dann auch für sich gewonnen. Nun weiß Kyrus genug, legt freundlich-flott auf, bittet seine Sekretärin um einen dritten Kaffee und zum Diktat. Hier seine Zeilen, wie sie in der Bibel in Esra 1 überliefert sind:

Kyrus, der König von Persien, gibt bekannt: Der Herr, der Gott des Himmels, hat alle Kö­nig­reiche der Erde in meine Gewalt gegeben. Er hat mich beauftragt, ihm in Jerusalem in Judäa einen Tempel zu bauen.
Hiermit ordne ich an: Wer von meinen Untertanen zum Volk dieses Gottes gehört, möge im Schutz seines Gottes nach Jerusalem in Judäa zurückkehren und dort das Haus des Herrn, des Gottes Israels, bauen; denn er ist der Gott, der in Jerusalem wohnt. Wer an irgendeinem Ort in meinem Reich vom Volk dieses Gottes übrig geblieben ist, soll dabei von seinen Nachbarn am Ort unterstützt werden. Sie sollen ihm Silber und Gold, Vieh und was er sonst noch braucht, sowie freiwillige Gaben für das Haus dieses Gottes in Jerusalem mitgeben.

Und so kommt es dann:

Alle, die Gott dazu bereitgemacht hatte, sein Haus in Jerusalem zu bauen, brachen unverzüglich auf: die Sippenoberhäupter der Stämme Juda und Benjamin mit ihren Angehörigen, die Priester, die Leviten und viele andere. Von ihren Nachbarn wurden sie unterstützt mit silbernen Geräten, Gold, Vieh und vielen anderen wertvollen und nützlichen Dingen; dazu kamen noch die freiwilligen Gaben für den Tempel. König Kyrus gab auch die heiligen Geräte aus dem Tempel des Herrn zurück, die Nebukadnezzar in Jerusalem erbeutet und in die Schatzkammer im Tempel seines Gottes gebracht hatte. (…) (Esra 1; Übersetzung „Gute Nachricht“)

OK, die Szene im Präsidialbüro von König Kyrus wird sich nicht haarscharf so zugetragen haben. Und das Kyrus-Edikt in Esra 1 ist sicherlich auch nicht 1:1 das Original, lesen Sie nur mal die Angaben zu diesem Edikt in Esra 6, die sind etwas nüchterner.
Jedenfalls: Kyrus wird sich nicht so 100%ig unter dem Gott Israels gesehen haben. Und die einheimische Bevölkerung wird die Rückkehrer nicht ganz so üppig mit Gold, Silber, Vieh und sonstigem ausgestattet haben. Da geht die Begeisterung des Bericht-Erstatters über diese große königliche Tat mit ihm durch. Für ihn ist es ja zugleich GOTTES große Tat, die Erfüllung seiner Verheißung. Der Tempelschatz jedenfalls kommt tatsächlich zurück. Kyrus – ein Herrscher, der nicht nur die Dollar-Zeichen in den Augen hat …
Ich finde es faszinierend, wie unverhohlen positiv hier dieser heidnische Herrscher geschildert wird: Als Heide handelt er im Auftrag Gottes, als Heide erfüllt er Gottes Verheißungen, als Heide leistet er seinen nicht ganz kleinen Beitrag dazu, dass der Glaube an den Gott Israels durch die Jahrtausende hindurch weitergegeben wird – bis zu Ihnen und zu mir heute.
Ich meine: Kyrus ist so ein heilsamer Stolperstein für all jene Christen, denen vor lauter Christsein die Toleranz und die Wertschätzung für Anders- und Un-Gläubige abhanden gekommen ist. Falls Sie z.B. meinen, eine Politikerin tauge deshalb nichts, weil sie nicht oder anders glaubt: Denken Sie an Kyrus! Wenn Sie meinen, ein Therapeut könne Ihnen deshalb nicht helfen, weil er kein Christ sei: Denken Sie an Kyrus! Und wenn Sie entdecken sollten, dass Ihr Glaube mehr von einer Zwangsjacke als von Flügeln hat, dann denken Sie an die Weite des Heiden Kyrus! Gott hat durch ihn Geschichte geschrieben.
Übrigens: Das „Denken-Sie-an-Kyrus“-Prinzip können Sie ganz ähnlich anwenden, wenn es um Überzeugungen geht, die nichts mit Glauben zu tun haben, aber wo Sie sich auch allzu sicher sind: Ob Politik oder wie man etwas im Haushalt macht, ob Lebensweisheiten oder klare Freund-Feind-Bilder: Denken Sie immer mal wieder an Kyrus! Lernen Sie von seiner Größe, Weite, Toleranz! Und wenn Sie mal besonders mutig sein wollen, dann rechnen Sie damit, dass der andere es vielleicht manchmal sogar wirklich besser wissen könnte als Sie selbst!

Gebet:

Gott, heute danke ich Dir für all jene Menschen, die so ganz anders sind, anders denken, anders leben als ich selbst, und durch die ich trotzdem – oder deswegen? – schon so viel Gutes erfahren habe! Amen.

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Singen, dass die Wände wackeln. Andacht zum 28.10.2016

Wir befinden uns im Zuchthaus, Anfang des 20. Jahrhunderts. Die Zuchthäusler sitzen in ihren Anstaltsuniformen im Gottesdienst. Einer von ihnen ist Wilhelm Voigt, der spätere “Hauptmann von Köpenick”. Sie singen einen Choral: “Bis hierher hat mich Gott gebracht / durch seine große Güte!” Ein zynischer Scherz, den sich Carl Zuckmeyer als Autor da ausgedacht hat.
Gott ein Loblied zu singen dafür, DASS man in eine schlimme Lage geraten ist, das ist zynisch. Oder ironisch. Aber zu singen, OBWOHL es so fürchterlich ist, das kann eine enorme Kraft entfalten. Das kann Hoffnung machen, das kann Mut geben. Denken Sie an die Spirituals der Sklaven in Nordamerika – voller Glauben, Hoffnung, Freiheit. Oder an die „Moorsoldaten“ aus einem KZ im Emsland: „… doch für uns gibt es kein Klagen, / ewig kann’s nicht Winter sein. / Einmal werden froh wir sagen: / Heimat, du bist wieder mein …!“ Manche Lieder in den osteuropäischen Ghettos aus der Nazi-Zeit hatten eine atemberaubende Dichte und Kraft.
Singen in Gefangenschaft, Singen trotz ungewissen Ausgangs, Singen an einem „gottverlassenen“ Ort und zu unmöglicher Uhrzeit. Gott trotz allem loben. Das alles begegnet uns in einer Geschichte um die Missionare Paulus und Silas.
Was ist passiert? Paulus, Silas und Timotheus sind in Philippi im heutigen Griechenland angekommen. Kurz danach gibt es schon die erste Christin: Lydia.
Schön und gut so weit. Aber wenn das Evangelium für gewisse Leute geschäftsschädigend wird, dann gibt es Ärger. Und genau das passiert: Paulus heilt eine Sklavin mit ihrem „Wahrsagegeist“. Schlimm, wenn man als Sklavin von anderen Menschen besessen wird. Schlimmer, wenn man obendrein „innen drin“ unfrei ist, eben „besessen“. Gut für die Frau, dass sie nun Befreiung erlebt. Gut für die Frau – aber schlecht für‘s Geschäft ihrer Besitzer …

Als aber ihre Herren sahen, dass sie keinen Gewinn mehr erwarten konnten, ergriffen sie Paulus und Silas, schleppten sie auf den Markt vor die Stadtbehörden, führten sie den obersten Beamten vor und sagten: Diese Männer bringen Unruhe in unsere Stadt. Es sind Juden; sie verkünden Sitten und Bräuche, die wir als Römer weder annehmen können noch ausüben dürfen. Da erhob sich das Volk gegen sie und die obersten Beamten ließen ihnen die Kleider vom Leib reißen und befahlen, sie mit Ruten zu schlagen. Sie ließen ihnen viele Schläge geben und sie ins Gefängnis bringen; dem Gefängniswärter befahlen sie, sie in sicherem Gewahrsam zu halten. Auf diesen Befehl hin warf er sie in das innere Gefängnis und schloss zur Sicherheit ihre Füße in den Block. (Apg 16, 19-24)

Da sitzen sie nun im finstersten Verließ, nackt, mit unversorgten Wunden, die Füße im Block. Wie wird das ausgehen? Kommen sie nochmal hier raus? Werden sie hier verenden?
Manch einer wird jetzt wimmern oder schreien. Oder in Schweigen und Apathie verfallen. Aber Paulus und Silas machen es anders. Machen es wie später die Sklaven auf den Baumwollfeldern. Sie singen. Laut. Zu Gott. Lob-Lieder:

Um Mitternacht beteten Paulus und Silas und sangen Loblieder; und die Gefangenen hörten ihnen zu. (V 25)

Wohlgemerkt: Sie singen NICHT “Bis hierher hat mich Gott gebracht!” Sie reden sich nichts schön, sie reden sich nicht irgendeinen Sinn ein. Nein, sie loben Gott. Trotz allem. Und wer zu Gott singt, der hofft auch: Gott hört das! Gott ist hier! Gott ist sogar an diesem gottverlassenen Ort!
Die Mitgefangenen hören es auch. Keine Ahnung, wie sie reagiert haben. Der eine schweigt vielleicht betroffen. Ein anderer schreit ihnen sein verzweifelt-aggressives “Haltet doch das Maul!” entgegen. Noch ein anderer fängt an mit zu summen. Oder, oder.
Paulus und Silas singen für Gott. Nicht für die anderen. Eher trotz der anderen. Sie trauen sich das. Sie erheben ihre Stimme. Sie lassen sich hören.
Was nun folgt, ist im Wortsinn “erschütternd”:

Plötzlich begann ein gewaltiges Erdbeben, so dass die Grundmauern des Gefängnisses wankten. Mit einem Schlag sprangen die Türen auf, und allen fielen die Fesseln ab. (V 26)

Es ist wie mit den Posaunen vor Jericho: Die Mauern stürzen, Türen springen auf, Fesseln fallen ab. Ein Wunder! Singen befreit!
Wobei: Sie und ich wissen doch: Längst nicht jede Sing-und-Bet-Geschichte endet so wunderbar, so “gut”. Jedenfalls nicht, so weit unsere Augen das Ende einer Geschichte sehen können. Trotzdem: Singen befreit! Die Lieder zu Gott haben Paulus und Silas ihre innere Freiheit gegeben, obwohl die Mauern zunächst noch fest standen, obwohl die Füße im Block waren, die Wunden schmerzten und ein “Happy End” nicht in Sicht war.
Also: Es gibt kein Abo auf ein befreiendes Erdbeben. Nehmen Sie dieses Erdbeben als ein Ausrufezeichen hinter der inneren Freiheit, die Paulus und Silas hier beim Singen zu Gott gewinnen.
Die Geschichte ist noch nicht zuende: Für den Gefängniswärter sind die offenen Türen eine Katastrophe. Er will sich ins Schwert stürzen. Paulus kann ihn gerade noch hindern.
Und dann beginnt für den Wärter noch in dieser Nacht im Gespräch mit den Aposteln seine eigene Befreiungs-Geschichte. Sie endet damit, dass der Wärter und seine Angehörigen sich taufen lassen, dass dieser Vollstrecker des Üblen nun die Striemen seiner Opfer wäscht und sie zu Tisch bittet. Aber diese Befreiung ist schon fast wieder eine andere Geschichte …

Aber was geht’s uns an? Wo wir doch nicht im Gefängnis sitzen und Ihnen vielleicht Erfahrungen von Gefangenschaft oder Gewalt erspart geblieben sind?
Zunächst: Es gibt auch Gefängnisse, die nichts mit “JVA” zu tun haben. Gefängnisse, deren Insassen fast alle schon mal waren – oder sind: Das Gefängnis der sorgenvollen Grübel-Gedanken, die sich einfach nicht stoppen lassen. Das Gefängnis der Angst. Das Gefängnis einer Krankheit oder Behinderung – mit all den Schmerzen oder Einschränkungen. Beziehungen zu anderen Menschen können zum Gefängnis werden. Oder die Fesseln einer Sucht. Oder wenn Sie arm sind und viele Möglichkeiten Ihnen versperrt sind. Oder ein Stigma, ein schlechter Ruf. Oder, oder … Vielleicht überlegen Sie für an dieser Stelle: Was könnte heute gerade IHR Gefängnis sein? (…)
Jetzt denken Sie vielleicht: “Gleich erzählt er mir, dass all diese Gefängnis-Mauern einstürzen, wenn ich wie Paulus und Silas Gott meine Loblieder singe!” Nein, falsch gedacht. Manche Mauern bleiben lange, sehr lange stehen.
Gott laut zu loben, das wird Sie zwar vielleicht auch mal AUS Ihrem Gefängnis befreien, aber wahrscheinlich kann es Sie IN Ihrem Gefängnis befreien! Darum: Wie hoch auch immer die Mauern sind, die Sie umgeben, die Sie erdrücken: Sie können Ihr Lied, Ihr Gebet über die Mauer werfen als Anker. Direkt zu Gott. Gott hört Sie!
Übrigens: Als ein inhaftierter Bekannter von mir vor einiger Zeit in ein anderes Gefängnis verlegt wurde, da hat er mir geschrieben, dass er vor allem das Singen im Chor vermisst. Na, vielleicht findet er in der neuen JVA ja ein paar Sänger. Oder er traut sich das Singen allein.
Und Sie? Heute? Wenn Sie sich durch diese Geschichte anregen lassen, irgendwann im Laufe des Tages ein Lied zu singen, allein oder wie Paulus und Silas mit anderen, oder mit Ihrer Stimme ein Gebet zu sprechen (also nicht nur „im Herzen“), dann könnten Sie etwas von dieser Freiheit, von Kraft, Mut und Hoffnung spüren. Dann wirken die Lieder von Paulus und Silas über die Jahrhunderte hinweg bis in Ihren heutigen Tag hinein.

Gebet:

Gott, Du hast uns eine Stimme gegeben. Mit ihr können wir jubeln und klagen, sagen, was los ist, bitten, danken, fragen. Gott, so gut manchmal Schweigen ist – gibt Du, dass wir auch unsere Stimme erheben! Amen.

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Glückseligkeit. Andacht zum 21.10.2016

Na, alles gut?“ Das hat sich als Redensart breit gemacht, dieses „Na, alles gut?“ Meine Antworten: „Bei mir ist NIE alles gut!“; „Irgendwas habe ich immer zu meckern!“; „Nicht alles, aber bei mir gerade das meiste!“ Das sind natürlich ausweichende Antworten. Wer so fragt, will es auch gar nicht ganz genau wissen. Und es sind Antworten, die irgendwo mitten zwischen „alles gut“ und „alles schlecht“ landen. Und das „passt“. Denn weder bei mir persönlich noch „in der Welt“ ist irgendwann wirklich alles gut. Aber eben auch nicht alles schlecht.

Alles schlecht!“ kann man nur sagen, wenn man das Gute ausblendet oder wenn es weit, weit weg ist. „Alles gut!“ geht umgekehrt nur, wenn Sie alles Schlimme ausblenden oder wenn dieses Schlimme eben weit, weit weg ist.

Für „Alles gut!“ gibt es ein Wort, das ist wie ein Edelweiß: Ich treffe es so gut wie nie an, aber es ist wunderschön. Dieses Wort heißt: „Glückseligkeit“.

Bei der frommen Variante dieses Wortes fehlt peinlicherweise das „Glück“. Es ist dann nur die „Seligkeit“. Übrigens kommt die „Seligkeit“ in der Bibel nirgendwo vor. Das Wörtchen „selig“ fast nur in den ersten drei Evangelien (besonders in den „Selig-Preisungen“). Und nirgendwo steht „selig“ in der Bibel in Verbindung mit „Himmel“, mit dem „Jenseits“.

Trotzdem hat sich das im frommen Sprachgebrauch eingebürgert: Die Seligkeit ist nicht ganz von dieser Welt, sondern sie ist etwas Jenseitig-Himmlisches. Mit Recht! Denn die irdische Seligkeit, der „Himmel auf Erden“, das sind immer nur sehr begrenzte Ereignisse: Nicht total und nicht von Dauer.

Und wie stellen Sie sich die jenseitig-himmlische Seligkeit vor? Ihre Antwort hängt wohl damit zusammen, was Ihnen „hier auf der Erde“ besonders wichtig ist und was Ihnen besonders fehlt: Den einen kommt es darauf an, dort ihre Lieben wiederzusehen. Für andere wäre es vollendete Seligkeit, ihre „Lieben“ NICHT wiederzusehen. Dann gibt es welche, die denken ans Essen – das Jenseits ist ein Schlaraffen­land. Und wenn ein Selbstmordattentäter wegen der siebzig Jungfrauen sein übles Werk tut, steht dahinter auch eine spezielle Seligkeits-Vorstellung. Allerdings: So jemand hat ersten keine Ahnung vom Islam. Und zweitens keine Ahnung von dem Stress, in so einer WG leben zu müssen. Übrigens habe ich noch nie jemanden getroffen, in dessen Himmel die neuesten Smart­phones an den Bäumen wachsen. Vermutlich können die Smartphone-Süchtigen gar nicht (mehr) träumen.

Die traditionelle Antwort der Christenheit hat nun eine Vorstellung von (ewiger) Seligkeit zu bieten, die so ganz anders ist als das, was für die meisten von uns „himmlische“ Momente ausmacht. Nämlich: die „Schau Gottes“. Sozusagen die ungetrübte Gottes-Begegnung, ganz und gar mit Gott verbunden sein.

Nun gab es schon zu biblischen Zeiten den Gedanken: Gott so unmittelbar zu begegnen, „von Angesicht zu Angesicht“ sozusagen, das hält keiner aus, da muss man sterben.

Mose zum Beispiel sucht die unmittelbare Gottesbegegnung, aber Gott sagt: „Mein Angesicht kannst du nicht sehen. Denn kein Mensch wird leben, der mich sieht.“ Nein, Gott selbst muss Mose davor schützen: „Wenn dann meine Herrlichkeit vorübergeht, will ich dich in die Felskluft stellen und meine Hand über dir halten, bis ich vorübergegangen bin. Dann will ich meine Hand von dir tun und du darfst hinter mir her sehen. Aber mein Angesicht kann man nicht sehen!“ (alles: Exodus 33). Oder der Prophet Jesaja: Er wird in seiner Berufungs-Vision (Jesaja 6) in den himmlischen Thronsaal versetzt und denkt erschreckt: „Weh mir, ich vergehe!“

Gott schauen – einerseits nichts, was ein Sterblicher übersteht. Andererseits der Inbegriff ewiger Seligkeit. Da möchte ich Ihnen erzählen, wie ich überhaupt auf dieses Thema komme. Eine treue Leserin dieser Andachten schrieb mir – sinngemäß – einmal so: „Man sagt ja, wer Gott berührt, muss sterben. (Sie schrieb vom Berühren, nicht vom Sehen.) Aber ich sage: Wenn ich Gott berühre, DARF ich sterben!“ Ich glaube, die Frau hat Recht. Das Leben ist immer auch irgendwie Einüben in das Sterben, und der Tod ist das Tor in Gottes Ewigkeit. Was kann es da für eine bessere Einübung geben, als auf Tuchfühlung mit Gott zu gehen? Sein Angesicht zu suchen?!

Jetzt sagen Sie vielleicht: „Hoppla, ich habe Gott aber noch nie getroffen, und ein Foto habe ich auch nicht!“ Aber darum geht es auch nicht. Der Basler Theologieprofessor Reinhold Bernhardt sagt dazu:

Bei der biblischen Rede vom «Angesicht Gottes» (…) wird (…) die Erfahrung der Nähe und Ferne Gottes zum Ausdruck gebracht. Gottes «Angesicht» steht (…) aber nicht für seine bloße Anwesenheit, sondern für seine heilshafte Zuwendung oder umgekehrt für deren Entzug: Gott zeigt sein Angesicht oder verbirgt es, wendet es hin oder weg, erhebt es oder senkt es, bedeckt es, lässt es milde und hell oder verhärtet und finster werden. (…) Wenn es im sogenannten aaronitischen Segen (4. Mose 6,25f) heisst: «Gott lasse sein Angesicht leuchten über Dir und sei Dir gnädig», dann bedeutet das Leuchten Segen. (…) Gott hat kein Angesicht – er ist Angesicht.” (aus: https://www.unibas.ch/de/Forschung/Uni-Nova/Uni-Nova-116/Uni-Nova-116-Angesicht.html)

Wenn Gott so segnet, also sein Angesicht leuchten lässt, sich zu-wendet und sich mit-teilt, dann ist das wirklich ein Segen! Auch wenn dabei kein Schlaraffenland und keine 70 Jungfrauen oder Jünglinge dabei herausspringen oder was Sie sich sonst so wünschen für’s Diesseits und erhoffen für’s Jenseits. Gottes heilshafte Zuwendung – DAS ist der Segen.

Segen – das ist GOTTES Sache, sein Geschenk. Was kann IHR Beitrag sein? Meine Antwort: Das Geschenk auspacken! Das heißt: Sein Angesicht suchen! Sich nach ihm strecken! Das Fremdwort für Anschauung / Betrachtung heißt: Kontemplation. Das ist so ähnlich wie Meditieren. Es hat mit Ruhe, Entspannung, Konzentration, Achtsamkeit zu tun. Wer immer nur rumrennt „in echt“ oder in Gedanken, hat es schwer mit der „Anschauung Gottes“. Gottes Angesicht suchen, das heißt doch wohl auch: Andere Bilder loslassen. All das, wovon Sie in Ihrem kleinen Leben sonst noch Glückseligkeit erhoffen und doch so selten finden. Die anderen Bilder loslassen! Ruhe. Stille. Schweigen. Zu Gott hin. Kontemplation.

In allen großen Religionen gibt es – meist in kleiner Zahl – Menschen, die ihren Glauben „kontemplativ“ verstehen und leben. Es gibt aber bei dieser „Schau Gottes“ noch eine christliche Spezialität:

Niemand hat Gott je gesehen; der Eingeborene, der Gott ist und in des Vaters Schoß ist, der hat ihn uns verkündigt. (Johannes 1, 18)

Damit ist Jesus Christus gemeint. „Schau Gottes“ auf christlich heisst: Auf Christus sehen! Und: Auf seine Worte hören!

Schauen Sie sich doch heute im Laufe des Tages über die eigene Schulter: Welche „Bilder“ sind es, die Sie sich vor die Nase stellen – „in echt“ oder im Kopf? Auch: Welche Wunschbilder trage ich in mir? Und welche Schreckensbilder? Welche Bilder verbinde ich mit Glückseligkeit? Welche Bilder kann ich gut loslassen, welche weniger gut?

Und: Nehmen Sie sich Zeit für’s Gebet! Heute mal: Etwas mehr Zeit. An einem ruhigen Ort. Ohne viele Worte, vielleicht ganz ohne Worte. Gott zugewendet.

Gebet (nach Psalm 27):

Gott, höre meine Stimme, wenn ich rufe! Sei mir gnädig und erhöre mich! Mein Herz hält Dir vor dein Wort: »Ihr sollt mein Antlitz suchen!« Darum suche ich auch, Gott, Dein Antlitz. Verbirg dein Antlitz nicht vor mir!

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