Jesus tickt anders. Andacht zum 24.3.2917

Während sie auf dem Weg hinauf nach Jerusalem waren, ging Jesus voraus. Die Leute wunderten sich über ihn, die Jünger aber hatten Angst. Da versammelte er die Zwölf wieder um sich und kündigte ihnen an, was ihm bevorstand. Er sagte: „Wir gehen jetzt nach Jerusalem hinauf. Dort wird der Menschensohn den Hohenpriestern und den Schriftgelehrten ausgeliefert. Sie werden ihn zum Tod verurteilen und den Heiden übergeben. Sie werden ihn verspotten, anspucken, geißeln und töten. Aber nach drei Tagen wird er auferstehen.

Was lösen „Leidens-Ankündigungen“ in Ihnen aus? Oder „Leidens-Bot­schaf­ten“? Also zum Beispiel: Jemand kommt vom Arzt und berichtet Ihnen von einer „ernsten“ Diagnose. Oder Sie fragen jemanden, wie’s ihm denn geht, und der antwortet: „Schlecht!“

Was löst das aus? Ich frage NICHT: „Was wäre jetzt eine GUTE Reaktion? Was wäre die RICHTIGE Antwort?“ Sondern: Was löst das aus? Und: Was wäre Ihr erster Impuls – im Sinne von: „Ich würde jetzt am liebsten …“ / „ich könnte jetzt …“

Zum Beispiel: Weglaufen. Mir die Ohren zu halten. Denken: „Da trifft es mal den Richtigen!“. Den anderen in den Arm nehmen. Denken: „Der schlägt mal wieder ´ne riesen Welle!“ Laut losheulen. Denken: „Und was soll ICH da erst sagen?“ Er­starren. Es klein reden. Etwas „Positives“ sagen, was mit „Aber“. „Trostworte“. Hinhö­ren. Nachfragen. Eine Tasse an die Wand pfeffern. Und, und, und …

Was löst es in mir aus? Das sollten Sie ruhig und selbst-interessiert zur Kenntnis nehmen. – Das wäre viel wert. Interessant auch: Welche Impulse habe ich NICHT?

Zur Kenntnis nehmen. Und NICHT jedem ersten Impuls folgen. Sondern jetzt wieder beim anderen ankommen! – Was braucht DER oder DIE denn jetzt? Oder: Nicht sich, sondern direkt den anderen fragen: „Was brauchst Du jetzt?“

Zwei Leidensankündigungen Jesu gab es vorher schon. – Die Reaktionen seiner Jünger: Nach der ersten Leidensankündigung: Abwehr! – „Petrus nahm Jesus beiseite und fing an, ihm zu wehren“ (Markus 8, 32 b). Nach der zweiten Leidensankündigung: Streit unter den Jüngern: „Wer ist der Größte von uns?“ (Markus 9, 33 ff.). Sie sind kein bisschen bei Jesus, sie sind ganz mit ihrer Position in der Gruppe beschäftigt und streiten darum.

Was passiert nach der dritten Leidensankündigung?

Da traten Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, zu ihm und sagten: „Meister, wir möchten, dass du uns eine Bitte erfüllst.“ Er antwortete: „Was soll ich für euch tun?“ Sie sag­ten zu ihm: „Lass in deinem Reich einen von uns rechts und den andern links neben dir sitzen.“

Das ist wie dieser Streit „Wer ist der Größte?“ Es geht um die eigene Position. Was Jesus gerade von sich gesagt hat, seine „Leidens-Ankündigung“, schieben die beiden Jünger völlig in eine dunkle Ecke, davon wollen sie nichts hören, nichts sehen, nichts wissen.

Es geht Jakobus und Johannes um Ministerposten. Wenn bald hier in Israel das Reich Gottes losgeht und die Römer erst rausgeflogen sind, dann wird Jesus ganz oben im Staat sitzen, ist doch klar. Und da schlagen Jakobus und Johannes sich selbst für die Positionen direkt darunter vor. – „Bescheidenheit ist eine Zier – doch weiter kommt man ohne ihr!“, sagt der Volksmund. Und weiter kommen wollen die beiden, das ist klar.

Ja, haben die Zwei denn gar nichts kapiert von dem, was Jesus vorher gesagt hat? Haben sie überhaupt zugehört? Oder haben sie gehört – und gleich wieder „vergessen“? Ich nehme an, das hat Jesus verletzt. Und er könnte jetzt offen gekränkt reagieren. Oder die beiden knapp abwimmeln, er muss sich nicht weiter von ihnen nerven lassen.

Aber nein: Jesus nimmt ihre Bitte auf – und spricht von dem, was ihn bewegt: Denn wenn gleich vom „Kelch“ die Rede ist, dann ist das sein Leidens-Kelch. Und „Taufe“ ist nicht die Feier in der Kirche, sondern die „Blut-Taufe“ am Kreuz. Jesus sagt:

Ihr wisst nicht, um was ihr bittet. Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke, oder die Taufe auf euch nehmen, mit der ich getauft werde?“ Sie antworteten: „Wir können es.“

Jetzt spricht Jesus nicht nur von seinem Leides-Weg, sondern er fragt nach der „Leidens­fähigkeit“ und „Leidensbereitschaft“ seiner Jünger. Eine merkwürdige Frage, wenn es um die Besetzung von Ministerposten geht. Da kommt es in Jesu Reich wohl auf andere Dinge an als bei Spitzen-Posten in Politik und Wirtschaft.

Die Antwort „Wir können es!“ kommt mir zu flott. Wer kann das schon sagen, bevor es so weit ist?! Als ich ein Drittklässler war, wusste ich schon: Es gibt Menschen, die wegen ihres Glaubens gequält und getötet werden. Dann verbrannte ich mir eines Nach­mittags eine Ecke meines Bauches mit kochendem Wasser. Es tat fürchterlich weh, die Behandlung auch, und dann noch eine Woche Krankenhaus. Mir war schnell klar, lieber Jakobus, lieber Johannes: „Märtyrer“ ist nichts für mich …Nachher ist man manchmal schlauer.

Da sagte Jesus zu ihnen: „Ihr werdet den Kelch trinken, den ich trinke, und die Taufe emp­fan­gen, mit der ich getauft werde. Doch den Platz zu meiner Rechten und zu meiner Linken habe nicht ich zu vergeben. Dort werden die sitzen, für die diese Plätze bestimmt sind.“ 

Jesus spielt auf den gewaltsamen Tod von mindestens einem der Brüder an: Jakobus, Anfang der 40er Jahre. Und: Ministerposten verteilt Jesus trotzdem nicht.

Und wie finden die anderen Jünger es, dass die beiden Brüder die besten Plätze wollen?

Als die zehn anderen Jünger das hörten, wurden sie sehr ärgerlich über Jakobus und Johannes. Da rief Jesus sie zu sich und sagte: „Ihr wisst, dass die, die als Herrscher gelten, ihre Völker unterdrücken und die Mächtigen ihre Macht über die Menschen missbrau­chen. Bei euch aber soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll der Sklave aller sein. 

Jesus sagt es ganz schnörkellos, wie die Welt tickt. Jesus spricht von Unterdrückung und Machtmiss­brauch. Besonders die Unterdrücker und Macht-Missbraucher in Wirtschaft und Politik würden das nie so sagen, sondern: Die „Machthaber lassen sich Wohltäter nennen“ (Lukas 22, 25).

Ja, sind denn Jakobus und Johannes solche Tyrannen, oder die anderen Zehn? Nein. Aber mit Machthunger und Gier nach der höheren Position fängt es an.

Jesus formuliert für „seine“ Leute ein völlig Gegen-Programm: „Bei euch aber soll es nicht so sein!“ Das Gegenprogramm: „Dienst!“ – Was dient der Gemeinschaft? Was dient denen, die in Not sind? Was dient der „guten Sache“? Was dient „der Welt“? Und natürlich auch: „Was dient MIR?“ Denn in dem „Euch“ von „Euer Diener“ bin ich ja selbst mit drin. Nur eben: „Was dient MIR?“ ist nicht mehr die einzige Frage. Sondern eine unter anderen.

Und wie begründet Jesus dieses „weltfremde“ Programm?

Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele.“ (Alles: Markus 10, 32-45)

Jesus hätte den Dienst an der guten Sache und an Not-Leidenden auch mit Werten wie „soli­da­ri­sche Gesellschaft“ und „Demokratie“ begründen können. Aber für seine Leute ist sein Vor-Bild in Solidarität starkes Argument und überzeugende Motivation.

Sie finden, das sei eine Aufforderung zu Duckmäusertum, Oppor­tu­nismus, Kuschen? Gerade nicht! „Dienen“, wie Jesus es meint, ist es ja gerade NICHT, denen in den Aller­wertesten zu kriechen, die die größte Klappe und stärksten Druckmittel haben. Nicht Kadaver-Gehorsam für die Starken, sondern Einsatz für die Schwachen. Für die, die es wirklich „brauchen“. Und: Gerade Jesus hat NICHT gekuscht. Kuschen hat ihn bestimmt nicht ans Kreuz gebracht.

Also: Lassen Sie sich nicht so schnell wie die Jünger ablenken von Jesu Leidens-Weg der Solidarität. Und folgen Sie seinem Vor-Bild. Ticken Sie anders als „die Welt“.

Christus, das lass mich für diesen Tag erkennen: Was es heute für mich heißen soll, Dir zu folgen.

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Tabu-Thema Tod. Andacht zum 17.3.2017

Jesus hatte einen jungen Mann geheilt. Das war ziemlich dramatisch und hatte Aufsehen erregt. Eigentlich mal wieder eine gute Gelegenheit, die eigene Botschaft unter die Leute zu bringen. Aber das tut Jesus jetzt NICHT:

(Jesus und seine Jünger) gingen von dort weg und zogen durch Galiläa. Und er wollte nicht, dass es jemand erfuhr. (Markus 9, 30)

Jesus zieht sich zurück, er meidet die Öffentlichkeit. Das tut er nicht grundsätzlich, aber immer wieder – und oft vergeblich: Schon ganz vorn im Markus-Evangelium können wir das nachlesen: Jesus hatte einen „Aussätzigen“ geheilt. Der Geheilte sollte das bitte nicht an die große Glocke hängen. Tut der aber doch:

(Der Geheilte …) fing an, die Sache eifrig zu verkünden und auszubreiten, so dass Jesus nicht mehr öffentlich in eine Stadt gehen konnte. Sondern er war draußen an einsamen Orten, und sie kamen von allen Seiten zu ihm. (Markus 1, 45)

Ähnlich jetzt: Wieder zieht Jesus sich zurück, möchte möglichst unerreichbar sein. Nur: Diesmal hat Jesus einen speziellen Grund:

Denn er lehrte seine Jünger …

Wenn Jesus Außergewöhnliches TUT, will sich das niemand entgehen lassen. Wenn Jesus etwas SAGT, ist das schon was anderes. Viele hören ihm zwar stundenlang zu, aber anderen wird das schon mal zu viel. Heute würden das noch weniger Leute aushalten, in der Zeit von Fernsehen und Smartphone ist der schnelle Wechsel angesagt. – Und da möchte ich Ihnen jetzt Honig um den Mund streichen: Dass Sie es aushalten, jetzt gerade Seiten Text zu lesen – da gehören Sie wohl zu einer Minderheit. Na, Sie sind ja noch nicht am Ende damit.

Und nun „lehrt“ Jesus seine Jünger. Also die, die zu ihm gehören. Mir kommt das so vor: Sich von Jesu tollen Taten begeistern lassen, das ist Pommes. Und auf das hören, was Jesus lehrt, das ist Schwarzbrot. Pommes ist gut. Aber NUR Pommes ist nicht gut. Ohne Schwarzbrot geht es nicht, das Jünger-Sein. Auch wenn man daran zu kauen hat.

Jesus will bei seinem „Lehren“ diesmal die Öffentlichkeit nicht dabei haben. Ob es damit zu tun hat, WAS Jesus da lehrt? Meine Antwort: Ja! Hören wir mal rein …

Jesus sprach zu ihnen: Der Sohn des Menschen wird überliefert in der Menschen Hände, und sie werden ihn töten. Und nachdem er getötet worden ist, wird er nach drei Tagen auferstehen.

Jesu „zweite Leidensankündigung“. – Wieso nicht vor den Ohren der Öffent­lichkeit?

Meine erste Antwort: Jesus fürchtet vielleicht: Der Durschnitts-Hörer oder die Durch­schnitts­­-Hörerin versteht ihn da einfach nicht. Das mit dem Tod nicht, das mit der Auferstehung schon mal überhaupt nicht.

Vielleicht fürchtet Jesus auch „guten Rat“ und billigen Trost. Sie können das ausprobieren: Falls Sie körperlich halbwegs gesund sind, erzählen Sie mal, dass Sie sich Gedanken über Ihren Tod machen. Vielleicht sprechen Sie sogar von Todes-Angst. Dann können Sie solche Sachen hören wie: „Ach, sterben müssen wir alle mal!“; „Na ja, das wird aber noch lange hin sein!“ Oder wenn Sie tatsächlich bedrohlich krank sind: „Na, das wird schon wieder!“; „Man soll die Hoffnung nicht aufgeben!“ usw. Die Sprüche an sich sind für mich noch nicht mal das Schlimmste. Richtig schlimm finde ich, wenn sie so schnell aus dem Hut gezaubert werden – um ein Gespräch zu beenden, bevor es überhaupt begonnen hat.

Oder umgekehrt: Nicht die Todes-Angst, sondern die Todes-Sehnsucht. – Da sollten Sie sehr dringend drüber reden! Aber auch hier: Eher nicht mit denjenigen, die Ihnen platt erklären, wie schön doch die Welt im Allgemeinen ist und Ihr Leben im Besonderen. Und: Eher nicht mit denjenigen, die damit überfordert sind.

Meine zweite Antwort, warum Jesus das im kleinen Kreis anspricht: Der eigene Tod ist etwas sehr Persönliches. Das muss und will er vielleicht nicht vor jedem ausbreiten.

Jedoch: Auch wenn Jesus zu seinen engsten Mit-Menschen über das spricht, was ihm bevorsteht: Ich finde, so richtig Glück hat er mit ihnen nicht:

Sie aber verstanden die Rede nicht und fürchteten sich, ihn zu fragen.

Also: Die Öffentlichkeit hätte nichts verstanden – ja. Aber seine Jünger verstehen auch nichts.

Na, die Jünger können ja FRAGEN. Das Fragen hilft, um besser zu verstehen. Die Fragen der Jünger würden Jesus außerdem ermutigen zu erzählen, was ihn bewegt. Jesus würde sich etwas besser verstanden fühlen. – Wissen Sie, ich finde, „Verstehen“ ist unter Menschen sowieso kaum möglich, weil ich nie wirklich in den Schuhen des anderen stehe. Aber allein schon das BEMÜHEN um Verstehen kann helfen und trösten. Jedenfalls mehr trösten als all die flotten Gesprächsverhinderungs-Trostsprüche.

Aber nein, die Jünger fürchten sich zu fragen. Eher so: Wenn ich mir die Hände vor’s Gesicht halte, dann kann ich es nicht sehen, dann gibt es das auch nicht und alles ist gut.

Was machen die Jünger stattdessen? Lesen wir noch ein bisschen weiter …

Sie kamen nach Kapernaum, und als Jesus im Hause war, fragte er sie: Was habt ihr unterwegs besprochen? Sie aber schwiegen. Denn sie hatten sich auf dem Weg unter­einander besprochen, wer der Größte sei.

Es ist wie schon direkt nach der Leidensankündigung: Die Jünger schweigen. Diesmal aus einem anderen Grund: Ihr Gezänk, wer denn der Größte unter ihnen ist, wird ihnen schreck­lich peinlich sein. Sie wissen ja sehr genau, dass ausgerechnet Jesus, ihr Meister, gerade nicht derjenige ist, der sich als Chef aufplustert, sondern der allen dient. Jesus – der sich regelrecht „aufopfert“. Und von der äußer­sten Konsequenz dieser Selbst-Aufopferung hatte Jesus ja gesprochen: die Leidensankündigung. Aber das verstanden die Jünger ja nicht, und das wollten sie lieber nicht so genau wissen.

Nein, das verdrängen sie. Das mit dem Tod. Das mit dem Sich-Aufopfern. Und die Konsequenz? Dieses unsinnige, unsägliche Gesellschafts-Spiel: „Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist der Größte im ganzen Land?“

Was kann es uns bringen, uns all das zu Gemüte zu führen? Hier meine Antworten:

  • Wenn Sie viel von Jesus halten und wenn Sie sich zu ihm halten wollen, dann gucken Sie nicht nur auf seine Taten! Hören Sie auch auf seine Worte! – Seine „Lehre“ …

  • Hüten Sie sich vor billigem Trost! Muten Sie Ihren billigen Trost nicht anderen zu! Muten Sie sich nicht den billigen Trost anderer für Sie zu!

  • Haben Sie, wenn möglich, Zeit, große Ohren und Erzähl-Ermutigungen für Ihren Mit-Men­schen in Not! Bilden Sie sich nicht ein, den anderen von vornherein „gut“ zu verstehen! Und wenn Sie keine Zeit und keine Ohren haben, tun Sie nicht so, als hätten Sie sie!

  • Bei allem, was gegen den Tod zu sagen ist: Der Tod kann ein guter Lehrmeister darin sein, was im Leben wichtig ist und was nicht! Schieben Sie ihn nicht vorschnell weg!

Gebet:

Christus, Du bist Deinen Weg fast allein gegangen. Du musstest den Hass Deiner Fein­de und das Unverständnis Deiner Freunde tragen. Danke, dass Du Deinen schwe­ren Weg gegangen bist! Auch für mich! Amen.

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Leben ist nicht käuflich. Andacht zum 10.3.2017

Letzte Woche: Jesus spricht zu seinen Jüngern von seinem Leiden-Weg. Als Petrus ihm das ausreden will, da weist Jesus ihn zurecht: Sein Leidensweg gehört dazu. Zum Glauben an Jesus gehört auch sein Kreuz.

In unserem Text heute wird es noch unbequemer: Jesus bekommt es auf seinem Weg mit dem Kreuz zu tun – und die, die ihm nachfolgen, auch.

Jesus rief zu sich das Volk samt seinen Jüngern und sprach zu ihnen: Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben erhalten will, der wird’s verlieren. Und wer sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird’s erhalten. Denn was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme an seiner Seele Schaden? (Markus 8, 34-37)

Jesus ruft zu sich, heißt es zu Anfang. Und WEN? „Das Volk samt seinen Jüngern“. Also ALLE: Die einen, die schon ganz nah dran sind. Und die anderen, die bisher weiter weg sind.

WIE ruft er? Vielleicht: „Kommt mal alle her!“ Oder: „Ich möchte was sagen!“ Oder Jesus sagt seinen Jüngern: „Ruft mal die Leute zusammen!“ Jedenfalls: Die Leute müssen erstmal auf Hörweite kommen, durch direkten Zuruf oder durch andere. Dazu muss irgendwie überkommen: „Jesus ruft uns! Wir sollen zu ihm kommen!“

Und dann spricht Jesus darüber, was dazu gehört, ihm nachzufolgen. Dabei hat die Nachfolge schon angefangen: Die Leute sind ja schon zu ihm gekommen. Sie haben GEHÖRT, sie sind AUFGESTANDEN, sie haben ihre POSITION GEÄNDERT. Jetzt sitzen oder stehen sie gespannt um Jesus herum, sind ganz still, hören hin. Jesus nachzufolgen, das hat also zu tun mit: Hören, Aufstehen, Still-Werden, wieder Hören.

Wieso haben sich die Leute überhaupt rufen lassen? Vielleicht war es Neugier, sie wollten sich nichts entgehen lassen. Oder die anderen haben einen einfach mitgeschleppt. Vielleicht war es die Hoffnung, etwas zu hören, was man für sich irgendwie verwerten kann.

Und die Jünger, die gehörten ja sowieso schon zu Jesus, die waren oft und ohne großes Nachdenken bei ihm, das brauchte keinen besonderen Grund. So unterschiedlich die Leute sind, ihre Motive und ihre Voraussetzungen: Jetzt hier um Jesus herum und beim Zuhören sind sie alle gleich. Es gibt jetzt keinen bedeutenden Unterschied.

Wer mir nachfolgen will …“, so fängt Jesus an. Er hätte ja sagen können: „Schön, dass Ihr alle hier seid! Dass Ihr Euch habt rufen lassen! Vor allem schön, liebe Jünger, dass Ihr schon längst mit mir unterwegs seid!“ – Aber nein: „Wer mir nachfolgen WILL“. WOLLEN die Leute wirklich, was sie schon angefangen haben? Jetzt? In diesem Moment? Vielleicht ist das Wollen der feine Unterschied zwischen Nachfolge und Mitlaufen, zwischen Nachfolge und Routine, zwischen Nachfolge und Gewohnheit. – Und da fühle ich mich ertappt: Wie oft ist bei mir Christsein Gewohnheit?!!

Jesus nachfolgen, das ist NICHT Achterbahn-Fahren. Bei der Achterbahn steigen Sie ein, schließen den Sicherungs-Bügel – und dann geht’s los. Von jetzt an geht alles von ganz allein – eine bestimmte Strecke in einer bestimmten Zeit, egal, was Sie dabei fühlen oder sich wünschen. Keine Chance, mal eben anzuhalten oder nach rechts und links abzubiegen.

Nein, Nachfolge ist eher wie eine BERGTOUR – mit anderen zusammen und von Hütte zu Hütte. Eigentlich haben Sie einen bestimmten Weg vorgesehen. Aber prinzipiell steht Ihnen jeden Morgen alles neu offen: Sie könnten liegen bleiben, einen ganzen Tag verweilen. Sie können zurück wandern. Einen anderen Weg einschlagen. Sich einer anderen Gruppe anschließen. Nachfolge ist: Sich täglich NEU auf den Weg einzulassen, Nachfolge WIRD jeden Tag neu. Nachfolge ist nicht als Achterbahn gedacht. Aber sie ist es bei mir trotzdem oft.

Wer mir nachfolgen will, der … folge mir nach!“ – Komischer Satz! So ähnlich wie: „Wer ein Butterbrot essen will, der esse ein Butterbrot!“ Hat so eine Aufforderung Sinn? Nein! – Es sei denn, Jesus sagt damit den Leuten: „GEWOLLT ist noch nicht GETAN! Wer sich nur bewegen WILL, HAT sich noch nicht bewegt!“ Ich finde das ausgesprochen treffend – für mich selbst und für manche anderen: Ich kann es mir ja so schön einrichten in meinen guten Absichten. Und mir DENKEN, ich hätte damit schon etwas geändert. Und wundere ich mich ein Weilchen später, dass ich mit mir und meinem Leben trotz aller Absichten nicht so richtig weiter gekommen bin. – Man sollte eben im GEBIRGE wandern, nicht nur mit dem Finger auf der Landkarte; man liebt in der direkten Begegnung, und nicht (nur) in seinen Träumen; man folgt Jesus nicht beim Andacht-Lesen und -Schreiben, sondern im Anschluss daran …

Wieso ist dieser Graben zwischen der Nachfolge-Absicht und konkreten Schritten manchmal so garstig breit? Mein Verdacht: Genau da kommt das „Kreuz“ ins Spiel: „… Der nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach!“ Das ist nicht gerade Werbung. Das schreckt ab. Nicht die soundso vielte neue Methode, mit der man echt tolle spirituelle Erfahrungen machen kann. Kein „Finde Dich selbst – in 15 Schritten“. Sondern: Kreuz. Mühe. Leid. Kein Modell, das in einer Wohlfühl-, Erlebnis- und Spaßgesellschaft den neuesten Trend setzt.

Dann kommt es noch dicker bei dem, was Jesus sagt. Dann kommt die Stelle, wo jeder Therapeut die Augenbrauen hochzieht: „Wer sein Leben erhalten will, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird’s erhalten.“ Etwa Selbst-Verleugnung? Selbst-Aufopferung? Ich glaube, das ist nur zu verstehen, wenn man weiß: Es kann einen Unterschied geben zwischen dem, was „ich“ für das eigentliche Leben HALTE, und dem, was das eigentliche Leben IST – oder sein könnte.

Welches Leben will ich denn erhalten – und erleide damit Schiffbruch? Ein Beispiel: Die Suche nach Anerkennung. Oft wird aus dieser Suche eine Sucht. Anerkennung von anderen, von sich selbst, von Gott. Es ist ja wirklich wichtig, gesehen und anerkannt zu werden. Aber man kann die Anerkennung auch ZU wichtig machen: Z.B. wenn Sie deswegen meinen, Sie müssten mehr besitzen und vorweisen als die Nachbarn; Sie müssten jeden Menschen des anderen Geschlechts beeindrucken und erobern; Sie müssten die allerbeste Mutter und Ehefrau sein; Sie müssten es auf der Arbeit bis ganz oben schaffen müssen; Sie müssten immer sportlich, fit und drahtig sein; Sie müssten der engagierteste, hilfsbereiteste, demütigste Mensch sein. Sie müssten, Sie müssten, Sie müssten …

Das, was Sie dann für Ihr Leben halten, steht auf tönernen Füßen. Es zeichnet sich aus durch die Gier nach Anerkennung, durch Hervorstechendes, durch das dauernde „Müssen“. Durch Ziele, die nie von Dauer sein können. Ziele, die mehr Wert auf das „Haben“ statt auf das „Sein“ legen. Wenn also z.B. Ihr Therapeut Sie dafür gewinnen will, dass Sie sich selbst finden, und sich eben NICHT ver­leug­nen, dann ist das ganz im Einklang mit Jesus!

Jesus bringt es so auf den Punkt: „Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne – und nähme an seiner Seele Schaden?“ Es gibt Wichtigeres als „die ganze Welt“: Wichtigeres, als die ganze Welt zu besitzen; Wichtigeres, als die Welt und alle Menschen um mich kreisen zu lassen: meine „Seele“ nämlich – das, was ich im Innersten BIN: das, was Gott in mir hinter allen Fassaden und hinter allem Selbstbetrug sieht. Und sehen möchte. Und so sehr liebt, auch wenn es für mich oder andere so unansehnlich, so zerbrechlich oder von Schuld entstellt ist: Die Seele soll nicht Schaden leiden, um nichts in der Welt!

Und da schließt sich der Kreis zur „Nachfolge“: Nachfolge bedeutet nämlich, auf den zu sehen und dem hinterher zu gehen, den „die Welt“ ans Kreuz geschlagen hat, der in den Augen „der Welt“ verloren hat. Der einfach konsequent seinen – nein, Gottes – Weg gegangen ist. Der nicht die Welt gewonnen hat, sondern der körperlich gebrochen wurde. Aber dessen Seele heil geblieben ist. Und dem Gott Recht gegeben hat – am Ostermorgen.

Jesus nachfolgen und das Kreuz auf sich nehmen, das darf auch heißen: Ich lasse mir durchkreuzen, was ich für mein Leben gehalten habe – was aber nicht mein Leben bleiben soll.

Gebet:

Christus, so oft habe ich mich schon betrügen lassen oder mich selbst betrogen mit dem, was das Leben sein soll, worauf es denn wirklich ankommt im Leben. An manchen Stellen habe ich merken müssen: „Das kann’s nicht sein!“, an anderen Stellen steht mir diese Erfahrung vielleicht noch bevor.

Christus, lass mich auf Dich sehen! Hilf mir, Dir nachzufolgen! Behüte meine Seele! Amen.

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Petrus – ein Satan? Andacht zum 3.3.2017

Passionszeit – Jesu Leiden und Sterben. Letzte Woche waren wir noch fast ganz vorn im Markus-Evangelium: Wir lasen schon dort von Plänen, Jesus zu beseitigen.
Und wer ist Jesus, dass er bei seinen Gegnern so schnell so viel Ablehnung weckt? Die Leserinnen und Leser des Markus-Evangeliums können es vom allerersten Satz an wissen:

Dies ist der Anfang des Evangeliums von Jesus Christus, dem Sohn Gottes. (Mk 1,1)

„Jesus“, das ist der Name. Eigentlich „Jeschua“ oder „Joschua“. Das bedeutet „Er rettet“ und war damals ein Allerweltsname. Aber „Christus“ ist kein Name. „Christus“ bedeutet: „Gesalbter“. Könige wurden ganz früher in Israel gesalbt. Und den großen König, den von Gott gesandten Befreier, den ersehnten die Leute sich gerade zu Jesu Zeiten, wo man der Gewalt der Römer ausgeliefert war. Und dann noch: „Sohn Gottes“! Wie immer das genau zu verstehen ist – größer und bedeutender geht es nicht.
Jesus – der Christus, der Sohn Gottes. Was WIR gleich im ersten Satz erfahren, das wissen Jesu Zeitgenossen nicht. Nicht die Leute allgemein, auch nicht seine Jünger. Sondern von Anfang an nur und ausgerechnet – die Dämonen. Einer sagt es so:

Was haben wir mit dir zu schaffen, Jesus von Nazareth? Bist du gekommen, uns zu vernichten? Ich weiß, wer du bist: der Heilige Gottes! (Mk 1, 24)

Erst einige Kapitel später fängt ein Mensch an, etwas mehr zu erfassen, wer Jesus ist:

Jesus ging fort mit seinen Jüngern in die Dörfer bei Cäsarea Philippi. Und auf dem Wege fragte er seine Jünger und sprach zu ihnen: Wer, sagen die Leute, dass ich sei?  Sie aber sprachen zu ihm: Sie sagen, du seiest Johannes der Täufer; andere sagen, du seiest Elia; wieder andere, du seiest einer der Propheten. (Mk 8, 27-28)

„Was sagen die Leute?“ So fängt Jesus an, und darauf geben die Jünger Antworten. Sie erzählen, was sie so gehört haben. Aber was die Leute sagen, ist zweitrangig. Wichtiger ist, was SIE, liebe Leserin, lieber Leser, sagen. So war das damals auch. Darum stellt Jesus jetzt die WIRKLICH wichtige Frage:

Ihr aber, wer, sagt ihr, dass ich sei?

An dieser Stelle könnten Sie mit der Andacht schon Schluss machen und überlegen, was jetzt IHRE Antwort ist. Falls Sie Christin oder Christ sind, haben Sie natürlich ein paar vorgestanzte Antworten parat, zum Beispiel „Gottes Sohn“, „Messias“, „Erlöser“, „der Herr“, „Heiland“ und so. Aber Vorsicht mit den schnellen Antworten! Die „schnellen“ sind oft nicht die „eigenen“, nicht die „persönlichen“. Und die „eigene“, die „persönliche“ Antwort lautet wohl immer etwas anders, je nach dem, wo Sie im Leben gerade stehen.

Da antwortete Petrus und sprach zu ihm: Du bist der Christus!

Sicher keine vorgestanzte Antwort. Denn das hatte vor Petrus noch niemand auf der Welt gesagt. Die „richtige“ Antwort? Ja und Nein. Ja, denn Jesus widerspricht nicht. Ja, denn so hatte es der Evangelist doch schon in seinen allerersten Satz im Evangelium geschrieben: „Christus“. Aber: Es macht stutzig, wie Jesus reagiert:

Jesus bedrohte sie, dass sie niemandem von ihm sagen sollten.

Wieso das, wenn die Antwort doch „richtig“ ist? Dann soll sie doch jeder wissen! Na ja, vielleicht will Jesus, dass jeder selbst drauf kommt. Genau wie Kinder ihre eigenen Erfahrungen machen müssen – es nützt ja meistens nichts, ihnen die eigenen Weisheiten vorzukauen. – Und bei Erwachsenen ist es dann auch noch so.
Aber ich meine, die eigentliche Begründung kommt erst jetzt:

Jesus fing an, sie zu lehren: Der Menschensohn muss viel leiden und verworfen werden von den Ältesten und den Hohenpriestern und den Schriftgelehrten und getötet werden und nach drei Tagen auferstehen. Und er redete das Wort frei und offen.

Die „erste Leidensankündigung“. Direkt nach dem Christus-Bekenntnis von Petrus. Beides direkt hintereinander – das ist kein Zufall. Das gehört zusammen, das darf man nicht auseinander reißen. Wer von Jesus als dem Gesalbten, Retter, Erlöser, … reden will, darf von seinem Leiden, seinem Kreuz nicht schweigen. Und von seiner Auferweckung auch nicht.
Genau deswegen hatte Jesus wohl seinen Jüngern verboten, das mit dem „Christus“ weiterzuerzählen: Ohne die Verbindung zu seinem Leiden und zu seiner Ermordung KÖNNEN die Leute das gar nicht richtig verstehen, was es mit diesem „Christus“ auf sich hat. Die würden an einen strahlenden König denken, nicht an die Abgründe eines erbärmlichen Lebens.
Also: An „Christus“ bitte nicht ohne sein „Leiden“ glauben! Aber ich meine, das gilt auch umgekehrt: Das „Leiden“ nicht ohne Christus! Nehmen Sie Christus mit hinein in Ihr Leiden! Und in das Mit-Leiden, mit dem Sie bei anderen sind! Sie sollten zwar tunlichst nicht andauernd davon reden, nicht Christus plappernd im Munde führen. Aber ihn mit-glauben, ihn mit im Boot wissen!
Es ist nun ausgerechnet Petrus mit diesem starken Christus-Bekenntnis von eben, der „Christus“ und „Leiden“ getrennt wissen will:

Petrus nahm Jesus beiseite und fing an, ihm zu wehren. 

Im Matthäus-Evangelium steht das noch deutlicher. Petrus sagt dort: „Gott bewahre dich, Herr! Das widerfahre dir nur nicht!“ Wir dürfen Petrus die besten Motive unterstellen. Wer will schon etwas Schlimmes für jemanden, der die besten Absichten hat und der einem persönlich so viel bedeutet? – Umso erschreckender, wie grob, wie ruppig Jesus reagiert:

Jesus aber wandte sich um, sah seine Jünger an und bedrohte Petrus und sprach: Geh hinter mich, du Satan! Denn du meinst nicht, was göttlich, sondern was menschlich ist.

Wie um alles in der Welt kommt Jesus dazu, seinen lieben Petrus mit diesem hässlichen Wort „Satan“ zu betiteln? Meine Antwort: Weil der „Satan“ der „Versucher“ ist. Eine wirkliche Versuchung ist nur etwas, was mich bei meinen Wünschen und Sehnsüchten packt. Mich persönlich kann eine Schüssel Kaviar nicht in Versuchung führen. Vollmilch-Nuss-Schokolade aber sehr wohl. Was ich mit diesem banalen Beispiel sagen will: Der Gedanke des Petrus, Jesus solle doch lieber einen Bogen um alles Leiden machen, stellt für Jesus eine echte und bestimmt auch nachvollziehbare Versuchung dar. Deswegen diese knallharte Zurückweisung. Nicht, weil dieser Wunsch so abwegig wäre, sondern weil er so naheliegend ist.

Was geht es Sie und mich an? Meine Antwort: Nehmen wir doch kritisch unsere Christus-Bilder in den Blick! Vielleicht sehen Sie da das Kind in der Krippe. Oder den, der Blinde sehen und Gelähmte gehen lässt. Oder den, der uns die Seligpreisungen, die Feindesliebe, das Vaterunser und so unvergleichliche Gleichnisse gegeben hat. Oder den kommenden Himmelskönig auf den Wolken.
Alles richtig, alles gut. Nur: Wenn Sie aus Ihrem Jesus-Bild sein Leiden ausklammern, seine Ermordung und seine Auferweckung, dann fehlt das Entscheidende, dann wird aus dem, was an sich gut und richtig ist, etwas völlig Falsches.
Nein, klammern Sie das Kreuz nicht aus! Nehmen Sie den Gekreuzigten mit – in Ihr Leiden; in die Not des anderen; in Ihren Hunger und Durst nach Gerechtigkeit! Gottes Weg mit Jesus ging in das Leid und in den Tod. So wollte Gott als Mensch zu uns kommen, in unser Leid und unseren Tod. Damit es keine Gott-freie, keine Gott-lose Zone für uns mehr gibt, nicht einmal im Tod. Jesu Leidensweg – Gottes heilender Weg zu uns.

Gebet (aus dem Lied „Du großer Schmerzensmann“; leicht geändert):

Dein Kampf ist unser Sieg, dein Tod ist unser Leben.
In deinen Banden ist / die Freiheit uns gegeben.
Dein Kreuz ist unser Trost, die Wunden unser Teil,
Dein Blut floss uns zugut, in Not und Tod zum Heil.

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Doppelmoral. Andacht zum 24.2.2017

„Passionszeit“ – Leidenszeit. Es läuft auf Jesu Kreuzigung zu. Ab Aschermittwoch steht sieben Wochen lang Jesu Leiden und Sterben im Mittelpunkt des christlichen Kalenders.
Die „Passionsgeschichte“ – Jesu letzte Erdenwoche, damals in Jerusalem. Aber „eigentlich“ fängt die Passionsgeschichte viel eher an: Jesus ist erst ein paar Tage alt, als Maria und Josef im Tempel auf den alten Simeon treffen. Simeon erkennt in dem Säugling den Retter. Er lobt Gott. Aber er sagt zu Maria: „Auch durch Deine Seele wird ein Schwert dringen!“ (Lukas 2, 35). Das ist wohl schon eine Anspielung auf das Kreuz. Erlösung geht durch Leid hindurch, und auch Maria als Mutter wird das erleben müssen.
Ich möchte Sie in diesen Wochen mit Texten aus dem Markus-Evangelium in Berührung bringen. Das Markus-Evangelium ist das älteste und kürzeste der vier Evangelien. Man hat es als „Passionsgeschichte mit ausführlicher Einleitung“ bezeichnet: Es ist nicht einfach eine Biographie – allein schon deswegen nicht, weil Markus nicht bei Jesu Geburt anfängt, sondern nur die kurze Zeit des erwachsenen Jesus in der Öffentlichkeit erzählt. Sondern: Es ist sein Leidens-Weg mit Vor­ge­schichte.
Kaum dass Jesus öffentlich auftritt, eckt er schon bei den besonders Frommen an: Er lässt einen Aussätzigen dicht an sich heran, obwohl das verboten ist. Er spricht einem Menschen Vergebung zu, obwohl doch nur Gott vergeben kann. Er isst und trinkt mit Leuten, die als Sünder verrufen sind. Er verteidigt es, dass seine Jünger das übliche Fasten nicht einhalten. Und als diese Jünger beim Ährenrupfen erwischt werden, obwohl doch Sabbat ist, also Ruhetag, da verteidigt er sie.
Die Frommen als die Wächter über die Einhaltung der göttlichen Gesetze, sind alarmiert. Die Ord­nung ist gestört! Aber noch andere sind alarmiert: Hier in Galiläa ist Herodes Antipas der Regional-König. Dem ist Religion ziemlich schnuppe. Aber er ist König von Roms Gnaden, und wenn nicht Ruhe im Staat ist, kann er Schwierigkeiten mit den Römern bekommen. Deswegen haben die Leute des Herodes ein misstrauisches Auge auf alle, die die Ruhe und die Ordnung stören.
Und nun die erste Geschichte im Markus-Evangelium, wo ausdrücklich von Jesu Tod die Rede ist. Sie fängt so an:

Jesus ging wieder in die Synagoge. Und es war dort ein Mensch, der eine verdorrte Hand hatte. Und sie lauerten auf ihn, ob er ihn am Sabbat heilen würde, damit sie ihn anklagen könnten. (Markus 3, 1-2)

Jesus, Sabbat, verdorrte Hand, Lauern, Heilen, Anklage. Diese paar Worte als Ausgangs­punkt für ein Theaterstück, und das Thema des Dramas ist klar. Jesu Gegner wollen etwas gegen diesen Störenfried unternehmen. Es gibt gute Gründe, am Sabbat in ein Gotteshaus zu gehen. Dass ausgerechnet diese besonders Frommen heute da sind, um etwas gegen Jesus protokollieren zu kön­nen, ist allerdings nicht besonders fromm.
Und der Mensch mit der verdorrten Hand? Ist der jeden Sabbat in der Synagoge oder nur wegen Jesus? Dürfen wird er wohl, „verdorrte Hand“ ist ja nicht „aussätzig“. Wäre er extra gekommen, damit Jesus ihn heilt, er wäre wohl direkt zu ihm hingegangen. Aber Jesus muss ihn erst holen:

Jesus spricht zu dem Menschen, der die verdorrte Hand hatte: „Steh auf und tritt in die Mitte!“ Und er spricht zu ihnen: „Ist es erlaubt, am Sabbat Gutes zu tun oder Böses zu tun, das Leben zu retten oder zu töten?“ Sie aber schwiegen. Und er blickte auf sie umher mit Zorn, betrübt über die Verhärtung ihres Herzens …

Jesus hat es plötzlich mit zwei verschiedenen Behinderungen zu:

  • „verdorrte Hand“
  • „verhärtete Herzen“

Aber „verhärtetes Herz“ scheint die schlimmere Krankheit zu sein, und diese Herzens-Krankheit löst bei Jesus die heftigeren Gefühle aus: Zuerst Zorn – denn „verhärtetes Herz“ hat was von „kaltherzig“, „erbarmungslos“, „nach Aktenlage“. Aber darunter ein tieferes Gefühl: „betrübt“. Wörtlich steht im Griechischen: „mit-betrübt“. Das ist wie „Mit-Gefühl“ oder „Mit-Leiden“. Man kann das nur schlecht so bezeichnen, denn unsere Hart-Herzigen selbst würden ja gar nicht sagen, dass sie leiden. Sie empfinden ja eher – nichts. Jesu Mit-Gefühl mit diesen armen Menschen ist eher ein stellvertretendes Leiden.

„Ist es erlaubt, am Sabbat Gutes zu tun oder Böses zu tun, das Leben zu retten oder zu töten?“

„Leben retten“, dass würden auch die frömmsten Pharisäer zulassen. Da hätte jetzt gut einer sagen können: „Moment mal, Jesus, der stirbt aber gerade gar nicht! Mit seiner Hand, da soll er mal lieber morgen wiederkommen!“
Jedoch: „Sie aber schwiegen.“ Wieso schweigen sie? Ich habe zwei Antworten:
Vermeidung von Peinlichkeit. In einem Seminar lässt sich locker darüber diskutieren, wann eine Therapie erlaubt ist und wann nicht. Aber direkt unter den Augen des Menschen mit diesem Handicap? Und vor seiner Angehörigen? Da lässt sich nicht mehr so gut schwadronieren.
In Wirklichkeit wollen diese Frommen die Heilung. Und sie wollen die Heilung nicht durch Diskussionen verhindern. Wieso das? Na, weil sie doch Anklagepunkte gegen Jesus sammeln! Doppelmoral pur: Sie wünschen sich zu sehen, was sie keinesfalls zu sehen wünschen.

Jesus spricht zu dem Menschen: „Strecke die Hand aus!“ Und er streckte sie aus, und seine Hand wurde wiederhergestellt.

Ist das nun wirklich eine Heilung am Sabbat? Jesus veranstaltet ja überhaupt kein großes Hokus­pokus. Sondern Jesus fordert den mit der verdorrte Hand ganz schlicht zu etwas auf, was der seit sooo langer Zeit gar nicht mehr ernsthaft versucht hatte: „Strecke deine Hand aus!“ Und voilà: Er tut es! Von der Verhärtung und Verkrümmung ist nichts mehr zu sehen. – Vielleicht sollten Sie das heute auch noch versuchen: Jemandem die Hand hinstrecken. Verhärtungen und Verkrümmungen könnten sich lösen …
Aber für die Hartherzigen ist die Sache klar: Jesus hat geheilt. Und das durfte er nicht! Das Maß ist jetzt voll:

Und die Pharisäer gingen hinaus und hielten mit den Herodianern sofort Rat gegen ihn, wie sie ihn umbringen könnten. (Markus 3, 1-6)

„Ist es erlaubt, am Sabbat Gutes zu tun oder Böses zu tun, das Leben zu retten oder zu töten?“ Diese Frage von Jesus wirkte eben in der Synagoge ein bisschen dick aufgetragen. Aber nun gewinnt sie ihr schauriges Gewicht. „Leben retten oder töten?“ Die Antwort der Gegner: „Töten!“ Da haben diese sonst so prinzipientreuen Leute auf einmal keine Skrupel. Der mit der verdorrten Hand, der hätte bis morgen warten können – aber die Beratung über den Mord, die muss noch heute sein. Jesus für seinen Umgang mit den Zöllnern im Dienste Roms kritisieren – und nun ausgerechnet mit diesen gottlosen, rom-freundlichen Herodes-Leuten gemeinsame Sache machen. Auch für Moral-Apostel ist die Moral sehr dehnbar. Vielleicht: GERADE für Moral-Apostel …

Was geht es uns an? Ich finde: Man ist schnell dabei, die Pharisäer als Feindbild aufzubauen, sich über sie zu empören und sich darin zu gefallen, selbst anders, toleranter, besser zu sein. – Und schwupps, ist man auch einer …
Nehmen Sie diese Geschichte lieber als Aufforderung zur Selbstkritik: Ob vielleicht uner­kann­te Motive in MIR am Werke sind, die nicht so astrein sein? Die mich dazu verleiten, die direkte Auseinandersetzung durch Schweigen zu umgehen – und stattdessen hintenrum „Böses zu tun“ und Leben zu zerstören, statt zu retten?
Und: Die Geschichte ist eine Ermutigung: Jesus als Vorbild! Jesus hätte die Situation entschärfen können, er hätte den Konflikt vermeiden können, er hätte sich nicht selbst belasten müssen. Hat er aber nicht. Keine Doppelmoral. Klartext. Weil da einer ist mit einer verdorrten Hand. Und der braucht eine heilende Aufforderung. Jetzt. Und nicht erst morgen.

Christus, ich will Dir nachfolgen. Aber es gibt Situationen, da fehlt es mir an Mut, damit ernst zu machen. Bleib mir als Vorbild vor Augen! Und mit Deinem Geist in meinem Herzen! Amen.

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Wo bist Du? – Andacht zum 17.2.2017

Wo bist Du?“ Eine Frage ganz vorn in der Bibel. Nun müssen Sie wissen: Sie haben es in den Geschichten dort nicht einfach mit Personen aus grauer Vorzeit zu tun, die Sie so wenig interessieren müssen wie ein unbekannter Pharao oder ein Kaiser von China, sondern: Die Hauptfiguren dieser Geschichten, das sind Sie und ich.

Deutlich wird das bei „Adam und Eva“: „Adam“ heißt einfach „Mensch“. Oder besser „Erdling“, denn „Adamah“ ist der Erdboden. Wieso Erdboden? Die nüchterne Antwort:

Du wirst wieder zu Erde, davon du genommen bist. Denn Staub bist du und zum Staub kehrst du zurück. (Genesis 3, 19)

Eva“ ist ebenfalls nicht ein Name unter anderen. Sondern:

Adam nannte seine Frau Eva; denn sie wurde die Mutter aller, die da leben. (Gen. 3, 20)

Wo bist du?“ Wie reagieren Sie auf diese Frage? Vor einiger Zeit im Bibelcafé sagte eine Teilnehmerin, da würde sie sofort ein schlechtes Gewissen bekommen, wenn sie jemand so fragt. Da sagt sie sich selbst sofort: „Na, was hast du jetzt wieder angestellt?!“

Eine andere Teilnehmerin unterschied da: Wenn andere Menschen sie so fragen, ist das ok. Die haben ja ebenfalls ihre Macken. Aber Gott? Der Inbegriff von allem Guten? Von allem Perfekten? Neben so viel strahlendem Weiß kann man sich ja nur schmutzig-grau fühlen! Da geht man doch lieber auf Abstand und versteckt sich, oder?

In unserer Geschichte ist es tatsächlich so: Ja, Adam und Eva hatten etwas angestellt. Und ja, nun verstecken Sie sich. – Was war passiert?

Es fängt damit an, dass Adam und Eva in paradiesischen Zuständen leben. Alles ist erlaubt, grenzenlose Freiheit, kein Mangel. Sie dürfen sich in ihrem Garten Eden nach Herzenslust von allem bedienen. Außer vom „Baum der Erkenntnis“, der ist tabu.

Aber gerade an den Biss in die verbotene Frucht knüpft die Schlange ein großes Versprechen:

An dem Tage, da ihr davon esst, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist. (Gen. 3, 5)

Das heißt doch wohl: Vor dem Biss in die Frucht haben die Menschen überhaupt gar keinen Begriff von „gut und böse“. Besser übersetzt hieße es: „gut und schlecht“.

Wenn vor dem Biss in die Frucht jemand sie gefragt hätte: „Wo bist Du?“, dann wären sie nicht von fern darauf gekommen, ein schlechtes Gewissen zu bekommen oder sich schmuddelig zu fühlen. Sie haben ja keinen Begriff von gut und schlecht, sie könnten sich gar nicht bei „schlecht“ einsortieren. Und sie hätten auch keinen Ansporn oder Druck, unbedingt „gut“ zu sein. Es ist ja schließlich alles gut. Und sie selbst, sie sind es auch. Sie müssen sich für nichts schämen. Unsere Geschichte macht das am Nackt-Sein fest. Zu Anfang heißt es noch:

Sie waren beide nackt, der Mensch und seine Frau, und schämten sich nicht. (Ge­n. 1, 25)

Und dann: Der Biss in die Frucht vom Baum der Erkenntnis. Die große Erkenntnis, die sich jetzt einstellt, ist aber nicht über Gott und die Welt, sondern eine Selbst-Erkenntnis:

Da wurden ihnen beiden die Augen aufgetan und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren … (Gen. 3, 7a)

Nackt sein – wie schön! Jedenfalls bei paradiesischen Temperaturen. Frei und ungezwungen. OK, man wüsste nicht, in welcher Hosentasche man Brieftasche und Smartphone lassen sollte, aber im Paradies geht es ohne Geld und Erreichbarkeit. Und jetzt auch noch gewahr werden, dass man nackt ist – why not? Aber die Menschen reagieren völlig anders: Sie …

flochten Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze. (Genesis 3, 7b)

Wieso das? Nun, vorher waren sie ganz eins mit sich, auch mit ihrem Körper. Und nun, mit der Schere „gut und schlecht“ im Kopf, tritt der innere Zensor aus einem heraus, schaut am Spiegelbild herunter – und sagt: „Unansehnlich! Hässlich!“ Übrigens: Ob jemand sich schön oder hässlich findet, hat so ziemlich nichts damit zu tun, ob er oder sie in einer Schönheits­konkurrenz den ersten oder den letzten Platz belegen oder eher hinten landen würde. Man denkt, man sei äußerlich nicht ok. Doch es kommt von „innen“: das Selbstwertgefühl.

Aber nicht nur: „Was denke ich über mich, wenn ich mich so sehe, wie ich bin?“ Sondern auch: „Was denkt mein Mit-Mensch über mich?“ Das An-Sehen bei den anderen wird wichtig. Ich möchte gefallen! Aber was, wenn ich mich selbst hässlich finde? Dann wird das der andere auch tun! Oder ich könnte – im Falle von Nacktheit – in seinen Augen zum Sexualobjekt degradiert werden.

Da müssen dann die Feigenblätter her. Es hat was von Sich-Verstecken: Ich begegne mir selbst und dem anderen nicht mehr unmittelbar und unverstellt. Sich verbergen – vor mir selbst; vor anderen; und das Dritte: vor Gott:

Sie hörten Gott (…), wie er im Garten ging, als der Tag kühl geworden war. Und Adam ver­steck­te sich mit seiner Frau vor dem Angesicht Gottes (…) zwischen den Bäumen im Garten. (Gen. 3, 8)

Aber Gott will das Versteckspielen nicht:

Gott (…) rief den Menschen und sprach zu ihm: Wo bist du? Und er sprach: Ich hörte dich im Garten und fürchtete mich; denn ich bin nackt, darum versteckte ich mich. (Genesis 3, 9)

Wieder die Begründung: „nackt“. Und wieder nicht im Sinne von: „So schön, wie Du mich geschaffen hast!“, sondern im Sinne von: „schlecht“. In der Folge kommt die Sache mit dem verbotenen Baum heraus. Das Paradies ist nun futsch. Aber die Menschen müssen nicht, wie angekündigt, am selben Tag sterben (Genesis 2, 17), sondern sie dürfen weiterleben. Und sie müssen weiterleben mit ihrer Schere im Kopf: gut und schlecht. Gott respektiert das in fürsorglicher Weise. Die albernen Feigenblätter – weg damit! Sondern:

Gott (…) machte Adam und seiner Frau Röcke von Fellen und zog sie ihnen an. (Gen. 3, 21)

Wo bist Du?“ Hätte Gott sich dafür gar nicht interessieren sollen? Einfach darüber hinweg sehen, dass sich etwas verändert hat? Das wäre schlimm – die Menschen wären einfach wortlos in ihren Verstecken voreinander und vor Gott geblieben.

Und: Da Gott doch weiß, wo seine Menschen sind – hätte er sie sich nicht ohne diese Frage direkt vornehmen können? Das wäre auch schlimm. Nur mit dieser Frage „Wo bist Du?“ kann der Mensch drei Dinge erkennen, die allemal wichtiger sind als die, dass er nackt ist:

  1. Gott geht mir nach. Er sucht mich. Er will nicht, dass ich ihm verloren gehe!“

  2. Ja, wo bin ich eigentlich? Wovor verstecke ich mich? Wie bin ich da hin geraten? Will ich da bleiben? Wie soll das weitergehen?“

  3. Gott will, dass ich mich melde, mich zeige, antworte! – Mich nicht länger verstecke!“

Man kann ja in dieser Geschichte wenig finden, was der Mensch gut hingekriegt hat. Aber das eine schon: Dass er Gottes „Wo bist Du?“ gehört hat. Dass er gewagt hat zu antworten und sich zu zeigen.

Gott, wo bin ich? Ich weiß es ja selbst manchmal gar nicht. Will es gar nicht so genau wissen. Verstecke mich so gut vor anderen und vor Dir, dass ich mich selbst verloren habe. Gott, danke, dass Du mich suchst und rufst! Finde mich! Und hilf, dass ich mich selbst wiederfinde! Und Dich! Amen.

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Verfolgt und befreit. Andacht zum 10.2.2017

Heute wird mal richtig auf die Pauke gehauen, denn es gibt Grund zum Jubeln! – Wie, damit hätten Sie nicht gerechnet? Ihnen ist nicht nach Jubeln? Ihnen ist nach Klagen und Trauern? Oder bei Ihnen herrscht verängstigtes Schweigen?

Gestern noch ging es den Israeliten auch so: Klagen, Trauer, Angst. Eingekesselt. Dabei hatte es so gut angefangen: Nach langer, langer Sklaverei endlich der Aufbruch aus Ägypten – in die Freiheit! Dem „gelobten Land“ entgegen, dem „Land, wo Milch und Honig fließen“!

Aber dann – gleich hinter der Grenze: Nein, nicht das Gelobte Land, sondern: Wüste! Und etwas später, da stockt dieser mutige und hoffnungsvolle Aufbruch komplett: Die Israeliten stehen vor dem Schilfmeer. Hier geht nichts weiter. Ende der Reise.

Und als wäre das nicht alles schon schlimm genug, erhebt sich nun hinter ihnen auch noch eine Staubwolke. Das können nur die Streitwagen des Pharao sein! Seine bis an die Zähne bewaffnete Armee! Die werden sie alle einfangen und zurückbringen – im günstigen Fall. Oder ein „Exempel statuieren“. Das wird dann ein Massaker. Ein Blutrausch. Das Ende des Gottesvolkes im Wüstensand.

Das alles war gerade noch gestern: Ausweglos eingeklemmt zwischen Schilfmeer und ägyptischer Streitmacht. Kein Vor und Zurück. Klage, Trauer, Angst. Verzweiflung.

Aber dann: Anführer Mose erhebt seinen Stab und schlägt auf das Meer – und es teilt sich! Im Meer bildet sich eine Gasse! Es braucht noch Mut, aber es geht weiter! Trockenen Fußes ziehen diese geschlagenen Menschen mit ihrem Gepäck und Vieh durch das Meer.

Die ersten Israeliten sind schon am anderen Ufer angekommen, als auf der ursprünglichen Seite die ersten Streitwagen der Ägypter folgen und in die Meeresgasse hinein fahren. Nach einer Weile kommen auch die letzten Israeliten drüben an. Und da schließt sich das Meer. Der buchstäbliche Untergang von Ägyptens Stärke.

Da nahm Mirjam, die Prophetin, Aarons Schwester, eine Pauke in ihre Hand, und alle Frauen folgten ihr nach mit Pauken im Reigen. Und Mirjam sang ihnen vor: Lasst uns dem HERRN singen, denn er ist hoch erhaben; Ross und Reiter hat er ins Meer gestürzt. (Exodus 15, 20 f.)

Pauken, Reigentanz, Gesang – was für ein Jubel!

Aber als wir über diese paar Zeilen vor einigen Wochen im Bibelcafé sprachen, regte sich Protest: Kann man sich einfach so daran freuen, wenn das ägyptische Militär absäuft?

Bei dieser Rückfrage fühlte ich mich ertappt: Bei gewissen Mächtigen auf der Weltbühne würde sich mein Bedauern arg in Grenzen halten, wenn sie von dieser Weltbühne abtreten würden. Sagt mein Herz. Der Verstand weiß es besser: Meistens sind es ja bestimmte Gesell­schafts- und Wirtschaftsordnungen, Weltanschauungen und Werte-Sys­teme, bestimmte „machtbewusste“ Kreise, die ihre „Mächtigen“ hervorbringen. Und wenn die einzelnen Mächtigen dann verschwinden, aber nicht „das System“ dahinter, ist nicht viel gewonnen.

Außerdem lässt sich nicht immer so klar sagen, wer die „Guten“ und wer die „Bösen“ sind. Außer man ist Populist, dann weiß man das ganz genau, hat seine einfachen Begründungen und will die komplizierteren gar nicht wissen. Ich habe dazu folgendes gehört, und das leuchtet mir ein: Die wahrhaft Dummen sind nicht die, die es nicht besser wissen, sondern die, die es nicht besser wissen WOLLEN. Das macht man dann z.B. so: Man diskreditiert pauschal diejenigen, die es tatsächlich meist besser wissen. Stichwort „Lügenpresse“.

Bei den entkommenen Sklaven und der waffenstarrenden Armee der Sklaven­halter finde ich allerdings ziemlich klar, wer die „Bösen“ und wer die „Guten“ sind. Allerdings: Passt das auch für jeden einzelnen Soldaten? Und was ist mit den untergehenden Pferden?

Wobei Mirjam in ihrem Lied ja ein bisschen übertreibt, was Gottes Beteiligung angeht: „Ross und Reiter hat er ins Meer gestürzt!“ – Das stimmt nämlich nicht. Kein Gott hat die ägyp­tischen Truppen ins Schilfmeer gezwungen. Außer vielleicht der Gott der Machtver­sessenheit, der Rache und der Großkotzigkeit. Man kann den Gott Israels zwar für die Lücke im Meer verantwortlich machen. Aber nicht für die Entscheidung, da hinein zu reiten. Ich finde diesen kleinen Hinweis auch heute sinnvoll. Denn es kommt ja nicht ganz selten vor, dass Leute Gott verantwortlich machen für Ungemach, das sie höchst selbst verursacht haben. Ein Beispiel habe ich vor kurzem auf einer Zigarettenpackung gelesen: „9 von 10 Lungenkarzinomen sind durch Rauchen verursacht“. Gott darf als Schöpfer der Tabakpflanze gelten. Aber er zwingt niemanden zum Rauchen. – Oder?

Aber jetzt (erst) kommt der Punkt, warum ich Ihnen überhaupt diese Geschichte mit Mirjams Tanz- und Jubel-Versen gebracht habe. Eine Teilnehmerin beim Bibelcafé hatte nämlich eine Deutung, um welche Ägypter es da geht, und die hat mich angesprochen. Die lautete ungefähr so: „Die Ägypter, das sind meine schweren Gedanken, Sorgen, Grübeleien. Die verfolgen mich, die sind hinter mir her, die sind drauf und dran, mich immer wieder einzuholen. Wenn die im Meer hinter mir absaufen, dann kann ich jubeln, dann bin ich frei!“

Da ist viel dran. Manche großen Dramen um Sklaverei und Befreiung, um Flucht und Ver­folgung spielen sich zwar zwischen Nationen ab, zwischen Volksgruppen, Schichten, Reli­gionen usw., also zwischen Menschen, die auf ihrer Unterschiedlichkeit beharren. Aber andere große Flucht- und Verfolgungsdramen ereignen sich im eigenen Kopf! Oder im Her­zen. Ich spreche hier von solchen „Verfolgern“, solchen Grübel-Gedanken, die eine Angst und einen Druck entfalten, die ihnen „objektiv“ nicht zukommen.

Was kann das sein? Zum Beispiel die Schatten einer Vergangenheit, die „eigentlich“ längst abgeschlossen ist. Zukunftsängste, die jeder andere für übertrieben hält. Zwänge, die von außen betrachtet einfach keinen Sinn ergeben und zu nichts gut sind, als die Betroffenen zu quälen. Mücken-Aufgaben, die einem erscheinen wie Elefanten, – Vielleicht überlegen Sie sich jetzt mal zwei oder drei solcher „Ägypter“, die Ihnen in den letzten Tagen im Nacken saßen oder noch sitzen …

Manche solcher Ägypter darf man nicht unterschätzen – sie können geradezu übermächtig sein und überaus zerstörend. Und auch das Schilfmeer vor einem ist für einen selbst nicht unbedingt die kleine Pfütze, die es für andere ist – man springt nicht ohne weiteres drüber.

Aber es kann sein, dass Gott Ihnen einen Weg nach vorn öffnet, wo Ihr Blick noch völlig gebannt ist von der ägyptischen Staubwolke hinter Ihnen.

Es gibt natürlich Gründe, sitzen zu bleiben. Sie könnten sich die Hände vor’s Gesicht halten und sagen: „Ich sehe aber keinen Ausweg!“ Sie könnten sagen: „Am Ende kriegen sie mich sowie­so!“ Und ein paar über jede Kritik erhabene Totschlag-Argumente gibt es auch: „Es hat alles keinen Sinn!“; „Ich kann nicht!“; „Ich habe keine Kraft!“; Oder der sterbende Held: „Ihr kommt weiter, wenn ihr mich einfach liegen lasst!“

Oder: Sie können im Vertrauen auf Gott erste Schritte auf diesem neuen, matschig-beschwer­lichen Weg wagen. Und Sie müssen nicht allein los ziehen. Es könnte sein, dass Sie dazu noch heute die Blickrichtung wechseln müssen und aufstehen.

Seien Sie sicher: Die Streitmacht wird Sie verfolgen. Und wenn das Meer sich schließt, werden nicht alle absaufen, einige können vermutlich schwimmen. Und auch auf der anderen Seite ist vermutlich nicht gleich das Gelobte Land, sondern Wüste, so weit das Auge reicht.

Trotzdem: Es besteht die Aussicht, dass Sie verschnaufen können. Und ausgelassen jubeln. Sie nehmen eine Pauke (oder den Kochtopf) in Ihre Hand, und alle Gefährten folgen Ihnen mit Pauken im Reigen. Und Sie singen heute mit der Mirjam von damals: „Lasst uns dem HERRN singen, denn er ist hoch erhaben; Ross und Reiter hat er ins Meer gestürzt!“

Blick wenden! Aufbruch zu neuen Ufern! Halleluja!

Gott, ich bekenne Dir meinen Kleinglauben, meine Selbst-Entmutigung, meine Scheuklappen. Verzeih mir! Und erhebe Du selbst meinen Blick! Lenke meine Füße auf Deinen Weg der Freiheit! Amen.

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