Gewissens-Frage. Andacht zum 20.1.2017

– im Andachten-Newsletter auch zum Hören (mp3) –

Na, haben Sie ein schlechtes Gewissen? Oder ein gutes? Wann hat es sich das letzte Mal gemeldet, Ihr Gewissen? – Ich ahne das Antworten-Spektrum. Von „mein Gewissen sitzt mir dauernd im Nacken“ bis „keine Ahnung, kann mich nicht erinnern! Kenne ich gar nicht!“
Was ist das überhaupt, Ihr Gewissen? Haben Sie eines? Oder sind Sie gewissen-los? Haben Sie womöglich mehrere Gewissen, je nach Situation mal das eine, mal das andere? Oder je nach den Leuten, mit denen Sie gerade zusammen sind?
Das griechische Wort für „Gewissen“ (συνείδησις) bedeutet ungefähr „Mit-Wisser“. Ich stelle mir darunter eine Art Privatdetektiv vor, der mir dauernd auf die Finger, auf den Mund, ins Gehirn, ins Herz guckt und mir sagt, wie er das findet, was ich tue, sage, denke, fühle.
Ich meine: So einem Mit-Wisser ist nicht immer zu trauen. Und schon gar nicht ist das Gewissen die Stimme Gottes. Gelegentlich im Gegenteil! Ein paar Hinweise:

  • Das Gewissen schert sich oft nur um das, was vor Augen ist. Und nicht um das, was man nicht sieht. – Der Wellensittich wird bestens versorgt, und gleichzeitig gibt es Hähnchen aus der Discount-Kühltheke. Für die eigenen Kinder / Enkel nur das Beste! – Und die Pflastersteine im Garten haben Kinderhände in Indien behauen.
  • So manches Gewissen hat so eine Ganoven-Ehre: Ein Dieb bestiehlt nicht andere Diebe. Allgemeiner: Die Unterscheidung von „wir“ und „die anderen“! Wenn „die anderen“ weniger Respekt, Recht, Zuwendung bekommen, dann ist das auch Ganoven-Ehre.
  • Das Gewissen und die Eltern: Von den Eltern kommt nämlich oft, was Ihnen Ihr Gewissen heute sagt. Vielleicht ist das gut so! Vielleicht aber auch nicht! Speziell dann, wenn Sie Ihren Eltern niemals recht waren und Sie ihnen nichts recht machen konnten. Dann könnte Ihr Gewissen heute ähnlich unbarmherzig zu Ihnen sein.
  • Es gibt nicht nur das knallharte, verurteilende, gnadenlose Gewissen, sondern auch das Gegenteil: Ein Gewissen, das Sie immer so biegen können, wie es Ihnen in den Kram passt. Sie wären im Ergebnis „skrupellos“, „gewissenlos“.

Wenn das Gewissen aber manchmal so verkorkst ist, sollten wir es nicht besser ab­schaffen? Ich finde: Nein. Erstens KÖNNEN wir das gar nicht einfach so beschließen, und weg ist es. Zweitens muss das Gewissen weder ein bissiger Hofhund bleiben noch ein schlafendes Schoßhündchen, sondern es könnte zu einem wachen, treuen Begleiter werden. Wir können das Gewissen formen und schulen. Hundeschule für’s Gewissen!
Da kommt für mich nun der Apostel Paulus ins Spiel. An mehreren Stellen in seinen Briefen geht es ums „Essen“ – als Gewissens-Thema. Ja, Essen hat mit Moral und Gewissen zu tun. Ich sage nur: „Essen und Gesundheit“; „Essen und Tierwohl“; „Essen und Ökolo­gie/ Schöpfungsbewahrung“; „Essen und soziale Verantwortung“.
Aber um das alles geht es Paulus und seine Zeitgenossen in den jungen Gemein­den nicht. Sondern: „Essen und Religion“. Wie es kein Schwein bei den Juden und Moslems gibt, kein Rind bei den Hindus, keine Bluttransfusion bei den Zeigen Jehovas, gar nichts Tierisches bei den Siks, so fragen die Christen zur Zeit von Paulus: „Sind für uns die Speise­vor­schriften aus dem Alten Testament verbindlich? Und dürfen wir Fleisch essen, wenn das Schlacht­tier eventuell einem heidnischen Gott geopfert wurde? Man kann das ja nie wissen!“
Was meint Paulus? Er könnte sagen: „Es gibt da keine religiösen Tabus, das und das ist die Begründung, und so, liebe Leute, praktiziert es jetzt bitte!“ Aber das macht er nicht, obwohl er für sich persönlich keine Tabus sieht. Hören wir mal rein – Römerbrief, Kapitel 15:

Den Schwachen im Glauben nehmt an und streitet nicht über Meinungen. Der eine glaubt, er dürfe alles essen. Der Schwache aber isst kein Fleisch.

Eigentlich würde man wohl sagen: „Stark“ ist, wer sich Verzicht antut und das durchhält, „schwach“ ist, wer dem duftenden Braten nicht widersteht. Aber cool: Paulus dreht den Spieß um! „Schwach“ ist, wer sich dem Tabu unterwirft, „stark“ ist, wer so frei ist, das Tabu hinter sich zu lassen! Also: Das „Selbstverständliche“ mal auf den Kopf stellen!

Wer isst, der verachte den nicht, der nicht isst! Und wer nicht isst, der richte den nicht, der isst! Denn Gott hat ihn angenommen. Wer bist du, dass du einen fremden Knecht richtest?
(…) Jeder sei seiner Meinung gewiss. (…) Wer isst, der isst im Blick auf den Herrn, denn er dankt Gott; und wer nicht isst, der isst im Blick auf den Herrn nicht und dankt Gott auch. (…)
Du aber, was richtest du deinen Bruder? Oder du, was verachtest du deinen Bruder? (…) Lasst uns nicht mehr einer den andern richten! Sondern richtet vielmehr darauf euren Sinn, dass niemand seinem Bruder einen Anstoß oder Ärgernis bereitet. Ich (…) bin gewiss in dem Herrn Jesus, dass nichts unrein ist an sich selbst. – Nur für den, der es für unrein hält, für den ist es unrein. Wenn aber dein Bruder wegen deiner Speise betrübt wird, so handelst du nicht mehr nach der Liebe. Bringe nicht durch deine Speise den ins Verderben, für den Christus gestorben ist! (…)
Zerstöre nicht um der Speise willen Gottes Werk! Es ist zwar alles rein. Aber: Es ist nicht gut für den, der es isst mit schlechtem Gewissen. Es ist besser, du isst kein Fleisch und trinkst keinen Wein und tust nichts, woran dein Bruder Anstoß nimmt.
Den Glauben, den du hast, habe für dich selbst vor Gott. Selig ist, der sich selbst nicht verurteilen muss in dem, was er gut heißt. Wer aber zweifelt und dennoch isst, der ist schon verurteilt, denn es kommt nicht aus dem Glauben. Was aber nicht aus dem Glauben kommt, das ist Sünde.

Ein großer Toleranz-Appell ist das! Paulus nötigt seine Überzeugung („ich bin gewiss!“) niemandem auf, sondern: Jeder soll seinem eigenen Gewissen folgen! Denn jeder tut das in Dankbarkeit gegenüber Gott und in Verantwortung vor ihm!
Es ist aber mehr als ein Toleranz.Appell. Nämlich: Rücksicht auf das Gewissen des anderen! Wie ich dem anderen begegne, kommt das aus dem Glauben? Geschieht das in der Liebe? Es kann völlig ok sein, was ich tue – aber wenn ich jemand anderen zu demselben Tun verleite, obwohl es gegen dessen Gewissen ist, schade ich ihm! Also bitte Rücksicht!
Hat also dann doch jedes noch so verkorkse, verklemmte, rigide Gewissen immer Recht? Nein!!! Denn Paulus geht hier von Menschen aus, die ihr Tun und Lassen in Verant­wortung vor Gott verstehen! Und wie unterschiedlich die Christen in Rom ihr Leben auch gestalten – sie betrachten das als Ausdruck der Dankbarkeit gegenüber Gott. Das verbindet sie.
Die kritische Rückfrage an Ihr Gewissen lautet dann: „Liebes Gewissen! Woher hast Du das, was Du mir erlaubst und verbietest? Wofür Du mich anklagst und verurteilst? Welche Auto­ritäten, vielleicht von früher, stecken eventuell dahinter? Welche Ängste? Welche merkwür­digen Perfektio­nismus- und Selbstkasteiungs-Ideale?“
Sie sollten Ihr Gewissen all das nicht nur fragen, sondern ihm auch etwas sagen: „Liebes Gewissen, ich will nur noch auf Dich hören, wenn das, was Du mir sagst, zu Gott passt – Gott, der mich rundheraus liebt, der mir Gutes will, der mir Christus geschickt hat! Ihm will ich danken mit meinem Leben, und dem sollst Du, Gewissen, nicht in die Parade fahren mit solchen Verboten und Verurteilungen, die Du ganz woanders her hast und die nicht zu Gott passen!“
Kurz und knapp: Kommen Sie Ihrem Gewissen auf die Spur – woher es welche Einflü­sterungen hat! Gehen Sie mit ihm in die „Hundeschule des Gewissens“! Erziehen Sie es! Trennen Sie sich von Altlasten und stellen Sie Ihr Gewissen unter die Liebe Gottes! Leben Sie dankbar als Gottes Kind, nicht als Sklave Ihres Gewissens!

Gebet:
Lieber Gott, manchmal kann ich gar nicht sagen, was richtig und was falsch ist. Ich stelle mir diese Frage zu selten. Oder zu oft. Ach Gott, sei Du mir Orientierung! Und lass mich Deine Großherzigkeit erfahren, wenn ich es falsch gemacht habe! Amen.

Veröffentlicht unter Andachten | Kommentar hinterlassen

„Wenn der Herr nicht das Haus baut …“. Andacht zum 13.1.2017

Hausbau. Damit hatte ich vor ein paar Monaten zu tun. Nur ein Gewächshaus. Und kein besonders großes. Aber wenn Sie mal eines zusammengebaut haben, wissen Sie: Das ist zuerst ganz schön unübersichtlich. So viele Stangen, Schrauben, Klammern, Scheiben! Also sehr genau auf die Bau-Anweisung achten! Schritt für Schritt. Aber vor allem: Erstmal anfan­gen! Es nicht auf die lange Bank schieben!
Als es nach ein paar Stunden der Werkelei Abend wurde, war das Grundgerüst fertig. Alles prima. Meine Frau war auch ganz angetan vom Zwischen-Ergebnis. Ich war richtig ein bisschen stolz. Morgen dann noch die Schiebetür bauen und einhängen, dann die Scheiben einsetzen. Zum Schluss das Haus an die richtige Stelle im Garten tragen und mit dem Fundament verschrauben. Das Meiste war aber jetzt schon geschafft.
Dachte ich. Bis zum nächsten Morgen. Die Tür war tatsächlich schnell fertig. Aber dann: Das mit dem Einhängen der Tür ging irgendwie nicht. Es brauchte ein paar Ver­suche, bis mir dämmerte: Die Stange über der Tür war verkehrt rum! Da ließ sich so nichts einhängen!
Was jetzt? Lässt sich da noch was improvisieren? Irgendwelche Hilfskonstruktionen? Wie konnte mir das überhaupt passieren? Na klar, im Zweifelsfall sind die anderen schuld, es wird an der Anleitung gelegen haben. – Mhm, dabei hatte alles so wunderbar gepasst, alles hatte so prima dagestanden gestern Abend. Jetzt alles nochmal losschrauben? Es gibt ja kaum etwas an diesem doofen Gewächshaus, was nicht irgendwie mit dieser verkehrten Stange mittelbar oder unmittelbar verbunden ist!
Na ja, ich hab’s dann eingesehen: Es blieb mir nichts anderes übrig, als große Teile abzu­bauen und nochmal neu aufzubauen.

Wenn der HERR nicht das Haus baut, so arbeiten umsonst, die daran bauen. Wenn der HERR nicht die Stadt behütet, so wacht der Wächter umsonst. (Psalm 127, 1)

Heißt das: Wenn ich vorher brav gebetet hätte, wäre mir das nicht passiert? Quatsch. Aber so, wie es gelaufen ist und mitsamt der Panne, hatte es schon etwas „Göttliches“, auch ohne Gebet: Erstes, dass ich mit meinen beiden linken Händen das überhaupt angefangen habe. Und zweitens, dass ich es nach meinem offenkundigen Scheitern nochmal probiert habe – und nicht die Brocken endgültig hingeworfen habe.
Leben ist wie Gewächshaus-Bau. – Na ja, nicht ganz. Beim Gewächshaus gibt es nämlich nur eine einzige „Lösung“, wie es denn „richtig“ ist. Alle anderen sind verkehrt. Wie ich dagegen mein Leben gestalte, da gibt es sehr unterschiedliche Mög­lich­keiten. Die können alle mehr oder auch weniger passend und gelungen sein. Es gibt nicht DIE eine „richtige“ Version.
Und: Für mein Leben gibt es keinen festen und verlässlichen Bauplan. Wenn Sie geboren werden, haben Sie sowieso keinen Plan. Kann sein, dass Ihre Eltern für Sie schon fest den Nobelpreis vorgesehen haben oder andere anspruchsvolle Pläne haben, aber das klappt nicht unbedingt. Und wenn doch, ist noch längst nicht gesagt, dass es Ihnen gut damit geht. Völlig planlose Eltern sind aber auch nicht das Wahre. Zumindest dann nicht, wenn diese Eltern mit Ihnen gar nichts anfangen können und Sie im Grund nur stören – nicht nur „mal“, sondern grundsätzlich „stören“. Ziehen Sie sich diesen Schuh bloß nicht an! Es liegt NICHT an Ihnen!
Nun sagen Sie vielleicht: „Hoppla, Klute, Dir als Pastor sollte doch wohl die Bibel als Bauplan einfallen! Die Zehn Gebote zum Beispiel! Und vor allem: Gott als Fundament!“
Ich antworte: Na klar, der Gott der Bibel ist ein super Fundament. Und die Bibel bietet probate Leitlinien. Aber wie ich dieses Buch für mich heute zu lesen habe und wie nicht, was davon mich heute angeht und was weniger oder gerade gar nicht, dafür gibt es keinen Bauplan. Das habe ich immer wieder neu rauszufinden.
Vor allem steht in der Bibel nicht, welchen Beruf ich zu wählen habe, ob ich Lieschen Müller heiraten soll. Ob ich einem unver­schämten Mitmenschen gerade mit Geduld begegne oder besser mit meiner unbequemen Wahrheit konfrontiere. Ob ich demnächst ins Pflegeheim ziehen sollte, und wenn ja, in welches. Kein Bauplan. Ich bin zum Gutteil mein eigener Architekt. Oder ich überlasse meine Entscheidungen anderen. Das kann manch­mal richtig sein, meistens ist es verkehrt. „Du stellst meine Füße auf weiten Raum!“, heißt es in Psalm 31. Gott eröffnet Spiel-Raum! Wohl dem, wer das so empfindet! Und wer Spiel-Räume nutzt. Selbst wenn das anstrengender ist, als die Rezepte und Baupläne anderer zu leben.
Aber es gibt auch Gemeinsames zwischen meinem Gewächshaus und meinem Lebens-Haus: Sooo viele Stangen, Schrauben, Fenster, sonstige Kleinteile! So viel Unübersichtlichkeit! Ob am Anfang des Lebens oder mittendrin: Manchmal mag man die Dinge erst gar nicht in die Hand nehmen, keine Entscheidungen treffen, lieber das Schwierige ausblen­den, aussitzen, wegschieben. Jedenfalls dann, wenn „man“ sich von der Angst leiten lässt, was alles verkehrt laufen könnte. Mehr als von der Hoffnung, dass auch mal was klappt, dass es gut wird. – Wie ist das bei Ihnen als Architekt/in Ihres Lebens? Wie sehr leitet Sie die Angst, wie sehr die Hoffnung? Ich meine: Die Angst ist ein guter Ratgeber. Manchmal. Meistens aber nicht.
So, und dann kann es sein: Trotz aller Ängste läuft alles ziemlich gut. Sie sind immer überzeugter von sich als Ihr Lebens-Architekt/in, Sie brauchen immer weniger Rat oder einen Plan, denn Sie haben’s drauf. Sie wissen, wo es lang geht und wie es passt. Das Zwischen­ergebnis kann sich sehen lassen. Das Grundgerüst steht: Beruflich und privat, Sie haben es gut auf die Kette bekommen, Sie können sich das mit Zufriedenheit und Stolz anschauen, was Sie sich da aufgebaut haben, und andere sehen das auch – mit Anerkennung oder mit Neid.
Bis zum nächsten Morgen: Die Tür lässt sich nicht einhängen! Was gestern noch gelun­gen aussah, hatte einen Konstruktionsfehler. Es kann unmöglich einfach so weitergehen. Was jetzt? Irgendwie improvisieren? Hilfskonstruktionen? Es akzep­tieren, dass es nun doch nicht so geworden ist, wie es werden sollte? Manche Fehl-Ent­scheidungen lassen sich zum Glück revidieren. Andere nur mit Mühe. Und ein paar gar nicht. Da muss man dann „das Beste“ draus machen. Oder wenigstens „Gutes“. Oder aller­wenig­stens „Erträg­liches“.
Oder wirklich alle Schrauben nochmal lösen? Alles Aufgebaute aufgeben? Nochmal ganz oder fast ganz von vorn anfangen? Und alles wäre für die Katz‘ gewesen?
Da ist schwer zu raten. Es gibt ja Leute, die ziemlich oft ihre Berufe, Arbeitsplätze, Lebens­part­ner/innen, Wohnorte, Freunde, Kirchengemeinden, Weltanschauungen, … wech­seln, kaum dass sie merken, dass es nicht ganz 100%ig ist und ein bisschen anstrengend wird.
Und die anderen gibt es auch: Die durchleiden und ertragen die unerträglichsten und hoff­nungs­losesten Lebens­um­stände. Die haben sich ans Unglücklich-Sein gewöhnt – und das noch nicht einmal bemerkt. Aber um keinen Preis mal an ein paar Schrauben drehen! Dabei wäre „Schraube locker“ manchmal wirklich besser auf dem Weg zur Verän­derung.
Was für SIE ein guter Rat wäre, hängt davon ab, ob Sie eher zu den einen oder den anderen gehören. Und was Ihr Rat-Geber Ihnen rät, hängt wahrscheinlich mehr als von Ihnen davon ab, wie der SELBST denn drauf ist im Blick auf: „Hinschmeißen“ oder „Durchhalten“.
„Wenn der Herr nicht das Haus baut …“, heißt es in unserem Psalm. Bedeutet das umgekehrt: „Wenn ich Gott bauen lasse, dann wird der Bau klasse, dann gelingt das Leben!“? Dazu mein klares: Nein! Denken Sie an Jesus: Sein Foltertod am Kreuz ist nicht gerade das, was man sich unter einem gelingenden Leben vorstellt.
Ich verstehe das anders. – Paulus schreibt:

Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt?
(1. Kor. 3, 16)

Tempel sein! Das ist noch ein paar Nummern über „Gewächshaus“. Aber was macht Ihr Leben zum Tempel? Für Paulus sind es nicht Größe, Pracht und Berühmtheit des Bauwerks, sondern: Gottes Geist wohnt darin! Und dieser Geist, der hat Platz in der kleinsten Hütte und sogar im Trümmerhaufen. Das wäre doch eine völlig neue Sicht auf Ihr Leben, Sie Tempel, oder? Durch diesen Geist!
Und – ich sage es mit meiner Gewächshaus-Erfahrung so: Dass Gott mit baut, das muss nicht heißen: Es gelingt und wird sofort prima. Aber vielleicht: Ich habe den Mut, es überhaupt anzufangen. Und ich habe den Mut, NEU anzufangen, wenn alles schief gegangen ist.

Gebet:

Gott, lass mich Dein Tempel sein! Zieh Du ein in mein Leben mit Deinem Geist! Erfülle mich, beseele mich, durchwehe mich! Amen.

Veröffentlicht unter Andachten | Kommentar hinterlassen

Eltern und Kinder. Andacht zum 6.1.2017

Ich mag „wildes Denken“. Wildes Denken ist das Gegenteil von geordnetem Denken. Geordnetes Denken bewegt sich in festen logischen oder wenigstens anerkannten Bahnen. Geordnetes Denken kommt dann zu „richtigen“, halbwegs akzeptablen Ergebnissen.
Wildes Denken dagegen ist ein bisschen „neben der Spur“, etwas verrückt, assoziativ, kreativ. Und so, dass die Experten mit dem Kopf schütteln. Und nicht nur die.
Die Bibel ist ein ausgezeichnetes Buch für wildes Denken. Würde man sie nämlich nur „geradlinig“ lesen, man wäre schnell damit fertig: Man müsste ein paar dicke Bücher schreiben, wo „die“ richtigen Deutungen drin stehen, und dann ist die Sache erledigt.
Aber wenn Sie sich die Bibel als Lebensbegleiterin erwählen, dann wird sie Ihnen immer wieder anders begegnen. Dann werden Sie z.B. an ein und derselben Geschichte immer neue Aspekte entdecken und weitere, vielleicht völlig andere „Les-Arten“ finden. Je nach dem, wer Sie gerade sind, wie Sie drauf sind, was bei Ihnen im Leben zur Zeit ansteht. Und auch: Was denn die Les-Arten derjenigen Leute sind, mit denen Sie sich darüber unterhalten.
Gerade die verschiedenen Les-Arten „der anderen“ finde ich immer wieder spannend. Ich erlebe das oft beim „Bibel-Café“: In manchen Wochen bringe ich denselben Text montags in Lengerich mit, mittwochs in der Forensik in Rheine, donnerstags in der psychiatrischen Abteilung in Rheine. Und meistens laufen die Gespräche in sehr verschiedene Richtungen. Auch innerhalb einer Runde gibt es ungefähr so viele Lesarten wie Teilnehmende.
Ich mag wildes Denken, aber manchmal ist es „zu“ wild. Das ging mir so bei folgender Geschichte:

Und es begab sich (…), dass Jesus in eine Stadt mit Namen Nain ging; und seine Jünger gingen mit ihm und eine große Menge. Als er aber nahe an das Stadttor kam, siehe, da trug man einen Toten heraus, der der einzige Sohn seiner Mutter war, und sie war eine Witwe; und eine große Menge aus der Stadt ging mit ihr.
Und da sie der Herr sah, jammerte sie ihn, und er sprach zu ihr: Weine nicht! Und trat hinzu und berührte den Sarg, und die Träger blieben stehen. Und er sprach: Jüngling, ich sage dir, steh auf! Und der Tote richtete sich auf und fing an zu reden, und Jesus gab ihn seiner Mutter. (Lukas 7, 11-15)

Darauf ein Teilnehmer ungefähr so: „Ich glaube gar nicht, dass der junge Mann tot war! Der hat sich nur tot gestellt, um von seiner Mutter weg zu kommen!“
Meine „innere“ Reaktion: Sympathie für diese kreative Idee. Aber ich müsste gleich trotzdem wohl steuernd eingreifen, damit wir jetzt nicht bei dieser ungewöhnlichen Interpretation bleiben.
Dann jedoch konnte ich immer mehr an dieser Deutung finden: Wir kamen nämlich darauf, wie schwer das manchmal für Eltern ist, ihre Kinder loszulassen, sie ziehen zu lassen. Erst recht wohl Mütter, die haben die Kinder ja neun Monate in sich getragen und oft auch an ihrer Brust gehabt. Und hier auch noch eine Witwe, die ihren Mann verloren hat, und der Junge ist ihr Einziger, ihr Ein und Alles.
Das ist jetzt das Dilemma: Die Mutter hält ihren Jungen ganz fest. Aber der wird immer größer, dem wird die Umklammerung zu eng, der will sein eigenes Leben. In solchen Situationen kommt es nicht ganz selten zu so etwas wie dem „sozialen Tod“: Sozialer Tod, das ist Beziehungs­abbruch. – „Der ist für mich gestorben“; „Ich bin für die gestorben!“ Der Zustand nach dem ganz großen Knall zwischen Eltern und Kind, oder eben hier: zwischen Mutter und Kind. Erst „Ich hasse dich!“ – Wer so brüllt, ist wenigstens noch in Beziehung. Und danach: Gleichgültigkeit. – „Die Alte interessiert mich nicht! Die ist für mich gestorben“ Kennzeichen: Wenn man überhaupt noch den anderen erwähnt, dann in der dritten Person. Man redet nicht mehr MIT-einander.
An dem Punkt sind wir hier in der Geschichte: Den lieben Jungen, den sie mal hatte, den hat die Mutter nun endgültig verloren, den muss sie heute zu Grabe tragen. Ein ganzes Dorf begleitet sie, die wissen ja auch, was geschehen ist. Aber im Grunde ist sie allein. Und er, der junge Mann? Er ist jetzt „draußen“. Auf dem Sprung sozusagen. Die engen Mauern des Örtchens hat er hinter sich.
Tote gelten zu biblischen Zeiten als „unrein“ und damit als unberührbar. So ist es hier auch. Den Jungen berührt nichts. Er reagiert auf nichts. Die Tränen der Mutter erreichen ihn nicht. Cool wirkt er. Um nicht zu sagen: eiskalt. Und die Mutter, die hütet sich, ihm zu nahe zu kommen. Auch wenn sie es um alles in der Welt gerne würde, ihn in die Arme schließen, ihn nie wieder loslassen.
Und nun kommt Jesus ins Spiel. Ihn berührt spannenderweise an dieser Stelle nicht der „Tote“. Nicht der, der für seine Mutter nicht mehr ansprechbar ist und der sich auch nicht mehr von ihr berühren lässt. Sondern: Sie, die Mutter, „jammert ihn“.
Und was macht Jesus? Er wendet sich ganz dem zu, der für alle anderen gestorben ist: Er berührt den Unberührbaren; er spricht den an, der auf niemanden mehr hört; mit seiner Autorität fordert er den Toten zu etwas auf, was der schon lange nicht mehr gemacht hatte: Sich aufrichten.
Mhm, dumm gelaufen für den jungen Mann, wenn er sich wirklich nur tot stellte, um aus der Umklammerung seiner Mutter heraus zu kommen. Denn am Ende heißt es: Jesus gab ihn seiner Mutter.
Oder? Na ja, nicht ganz. Der Junge ist nämlich ein anderer geworden: „Der Tote richtete sich auf und fing an zu reden.“ Wieder ganz wild gedacht: Vielleicht hatte er das beides in der Umarmung seiner Mutter gerade nicht gemacht: Sich aufrichten, sich groß machen. Und: Reden. Vielleicht auch manchmal das letzte Wort haben. Wenn JETZT die Mutter ihren Sohn wieder hat, dann ist er nicht mehr ganz derselbe.
Nicht jede Eltern-Kind-Geschichte endet so gut. Manch einer kommt nie aus der Umklammerung heraus und bleibt immer Kind. Manch anderer bleibt „tot“ für seine Eltern: Das bedeutet dann für die Eltern wie für das Kind: verwaist sein müssen. Und trauern. Vielleicht tränenreich vor Hilflosigkeit oder Wut, vielleicht „cool“ verkleistert. Aber Trauer. Die hoffentlich meisten Eltern-Kind-Geschichten enden besser, ohne dass es erst zu so einer großen Dramatik kommt.
Und Jesus? Jesus kann Ihnen als Vater oder Mutter Hoffnung machen: Dass er vielleicht „mein“ Kind noch da erreicht, wo es für mich unerreichbar ist; dass er berührt, wenn sich mir jede Nähe verbietet; dass er ein offenes Ohr findet, wo mein Kind für mich allemal und vielleicht auch für alle anderen taub ist. Das er Leben weckt, wo alles tot und am Ende ist.
Und als Kind? Es ist vielleicht nicht nur angenehm, wenn mich jemand auch da noch erreicht, wo ich unerreichbar sein will und alle schmerzenden, einengenden Beziehungen gekappt habe. Aber eben auch diese wohltuende Erfahrung: Da berührt mich jemand, ohne dass ich mich umklammert fühle. Da richtet mich jemand auf, nachdem ich mich immer klein gemacht fühlte. Da habe ich endlich den Mut zur eigenen Stimme und rede und rede und werde gehört. Und so kann ich irgendwie verwandelt wieder vorsichtig meine Fühler ausstrecken.

Was geht Sie das alles an? Nun ja, „Kind“ waren und sind wir irgendwie alle, ob es uns passt oder nicht.
„Eltern“ sind wir nicht alle. Aber ich meine: Das, was in dieser Geschichte passiert, das gibt es in etwas abgewandelten Formen auch in anderen persönlichen, „engen“ Beziehungen – in Freundschaften, Partnerschaften, unter Geschwistern zum Beispiel. Der „soziale Tod“ muss kein Schicksal sein. Aber er KANN kommen. Vielleicht als Ende, vielleicht als Durchgangsstadium, wie in dieser Geschichte.
Geb‘s Gott, dass wir darin nicht immer nur auf uns selbst und auf die anderen geworfen sind. Sondern dass Christus mit im Spiel ist – mit seinem Mit-Leid, seiner Berührung, seiner Ermutigung und Aufforderung. Dass er aufrichtet, Zungen löst, Ohren öffnet.

Gebet:
Christus, mein Leben soll nicht ohne Dich sein. Und deswegen, auch wenn es manchmal unbequem werden kann: Komm Du auch in meine Beziehungen hinein! Und was nicht tot bleiben soll, das belebe Du neu! Amen.

Veröffentlicht unter Andachten | Kommentar hinterlassen

Neues Herz. Andacht zur Jahreslosung 2017

Vorhang auf! Hier ist sie, die Jahreslosung 2017:

„Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch.“ (Hesekiel 36,26)

Neues Jahr, neues Herz, neuer Geist. Klingt klasse, oder? Vielleicht aber auch nicht. Kann ja sein, Ihnen sitzt viel zu sehr das „Neue“ in den Knochen, das von 2016. Längst nicht alles Neue ist ja gut, oder? Das, was die Tagesschau dieses Jahr brachte, davon will ich jetzt gar nicht erst reden. Sondern: Wie war das bei Ihnen? Was ist in 2016 Neues in Ihr Leben gekommen? Wie war das? Wie ist es jetzt damit? Mehr eine Bereicherung? Eher ein Verlust?
Na? Immer noch Lust auf Neues? Aber außer dass das Neue längst nicht immer gut ist: Dauernd was Neues, das kann einen überfordern. Ständig eine neue Sau durch’s Dorf jagen, dauernd neue Ideen und Pläne ausbrüten und umsetzen, das will ich nicht. Mag ja auch am Alter liegen. Lieber öfter mal Alt-Bewährtes. – Ich nehme konsequenterweise für diese Andacht zum neuen Jahr über das neue Herz und den neuen Geist einige Gedanken einer ALTEN Andacht. „Aufgewärmt“. Aber gut durchgezogen. Und ein paar frische Kräuter eingestreut …
Das Neue ist also nicht immer gut und das Alte nicht immer schlecht. Das „neue Herz“ kommt bei Ihnen wie bei mir wahrscheinlich trotzdem gut an, das trifft eine Sehnsucht. Ihr Herz, das ist ja nicht die Pumpe im Brustkorb, sondern das, wo Sie sich im Innersten anrühren lassen. Wenn Sie mir sagen, wofür Ihr Herz schlägt – oder wofür nicht -, dann sage ich Ihnen, wer Sie sind. Wie es Ihnen ums Herz ist, das zeigt, wofür Sie leben.
Jetzt der Text, in dem die Jahreslosung steht. Gott spricht durch den Propheten Hesekiel, sechstes Jahrhundert vor Christus, fern der verlorenen Heimat in der Verbannung in Babylonien. Viele seiner Zuhörerinnen und Zuhörer sind voller Sehnsucht, endlich „nach Hause“ zu kommen …

Ich will euch aus den Heiden herausholen und euch aus allen Ländern sammeln und wieder in euer Land bringen, und ich will reines Wasser über euch sprengen, dass ihr rein werdet. Von all eurer Unreinheit und von allen euren Götzen will ich euch reinigen.
Und ich will euch ein neues Herz und einen neuen Geist in euch geben und will das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben. Ich will meinen Geist in euch geben und will solche Leute aus euch machen, die in meinen Geboten wandeln und meine Rechte halten und danach tun. (Hesekiel 36, 24-27; Luther-Übersetzung)

Was für Verheißungen! Befreiung! Rückkehr in die Heimat! Und zudem: Eine „innere“ Befreiung: Gott will die Leute „reinigen“, sie sollen ihre „Götzen“ loswerden – alles, was sie „innen drin“ bindet, weil sie es mit geradezu religiöser Inbrunst verehrten. Alles, woran sie bisher allzu sehr ihr Herz gehängt hatten.
Kommen SIE da zweieinhalb Jahrtausende später vor? Was bewegt IHR Herz? Vielleicht ein paar wunderbare Erfahrungen, wunderbare Mitmenschen, tolle Pläne. Das ist wahrscheinlich sehr wichtig und auch gut so. Und: Es kann einem ZU wichtig werden, man kann sich „verrennen“.
Aber wohl problematischer sind jene „Götzen“, die Ihr Herz in der letzten durchwachten Nacht bestimmt haben: Ihre Grübel-Gedanken. Die unerledigten Dinge. Die ungelösten Konflikte. Das, was Sie sich oder anderen noch nicht verzeihen konnten. Ihre Ängste. Ihre Sorgen um andere … – Was das alles zu Götzen macht: Sie nehmen mehr Raum ein, als ihnen zukommt, sie beherrschen einen. Da habe nicht ich mehr Grübel-Gedanken, sondern: Die Grübel-Gedanken haben mich! Fest im Griff!
Nun sagt Hesekiel: Wo die Götzen im Herzen waren, da will Gott selbst einziehen. „Ich will euch ein neues Herz und einen neuen Geist in euch geben und will das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben.“
Nun hatten die Leute damals ja schon manches von Gott gehört. Aber Gott war für sie eher etwas Äußeres: Rituale, alte Geschichten, Bücher mit Regeln und Gesetzen. Gerade in der Fremde waren solche Dinge ja auch wichtig, damit man als Israeliten überhaupt eine gemeinsame Identität behielt. Aber nun, nun soll es nicht bei einem Gott und seinem Willen zwischen zwei Buchdeckeln bleiben:

„Ich will meinen Geist in euch geben und will solche Leute aus euch machen, die in meinen Geboten wandeln und meine Rechte halten und da­nach tun.“

Gott bleibt nicht „außen“. Sein Geist will ins Herz einziehen, sein Wille wird zur „Herzens­sache“. Was Gott will und was das Herz will, beides kommt da zur Deckung. Und: Was solchermaßen „beherzte“ Leute dann wollen, das tun sie auch. Wollen und Tun passen auf einmal zusammen – ein uralter Traum. Jedenfalls meiner: Dass ich auch wirklich tue, was ich als gut und richtig erkannt habe. Und dass ich lasse, was ich als falsch erkannt habe.
Alles Zukunfts-Musik? Ja. Oder finden Sie, dass dieser Geist meistens Ihr Herz erfüllt? Meinen Sie, dass Sie Gottes Willen erkennen – und dass Sie selbst dasselbe wollen? Und tun Sie wirklich das, was Sie wollen? Aber selbst wenn es bei Ihnen mal stimmt mit dem Erkennen, Wollen, Tun: Es ist nicht immer so. Nicht bei Ihnen, nicht bei Ihren Mitmenschen.
Aber vielleicht ja trotzdem auch eine Heute-Musik. Oder, geb’s Gott, eine 2017-Musik. Denn sooo „geistlos“ im Blick auf Gottes befreienden, belebenden Geist sind wir wohl nicht immer. Vielleicht haben Sie ja auch schon Ihre Geist-Wunder erlebt. Klitzeklein oder riesengroß. Mit oder ohne Langzeit­wirk­ung. Ein Geist, der Sie berührt, vielleicht erfüllt, manchmal belebt und kraftvoll verändert. Und dann kann dieser Geist sehr wohl damit zu tun bekommen, was Sie alles in Ihren Schlaf mitnehmen. Und in den neuen Tag. Nur können wir das nicht „machen“. WIR nicht. „Der Wind weht, wo er will“, sagte Jesus. – Er weht nicht immer, wo ICH will.
„Gottes Geist“ – eine Herzens-Angelegenheit, sagt unsere Jahreslosung. Also KEINE bloße Sache eines religiösen Sonderplätzchens in Ihrem Kopf. Und: Wenn Gottes Geist mein Herz bewegt, dann bewegt er durch’s Herz hindurch auch meine Hände und Füße.
Vielleicht ahnen oder spüren Sie nun, wo Ihnen Gottes Geist FEHLT. Wo Sie ihn von Gott besonders erbitten sollten. Und wo es Zeit wird, die Luft aus bestimmten aufgeblähten Götzen heraus zu lassen, statt ihnen zu dienen: Luft raus aus aufgeblasenen Ängsten, Sorgen, Gedanken, Sehn­süchten! Damit sie auf Normalmaß kommen. Oder wo es Zeit ist, den Blick endlich von den Trümmern der Vergangenheit zu lösen. Aus der Erstarrung heraus kommen, damit das Stein-Herz wieder zum lebendigen Herzen wird!
Fragen Sie mich jetzt nicht, WIE dieses Luftrauslassen, dieses Auf-Normalmaß-Bringen geht. Da gibt es verschiedene Antworten, bessere und schlechtere. Keine, die allgemein gilt. Trotzdem wäre die Einsicht schon viel wert, DASS da etwas passieren muss. DASS aufgeräumt wer­den muss, DASS Platz geschaffen werden muss. DASS der Blick eine neue Richtung braucht.
Ohne diese Erkenntnis behalten Sie Ihre 1000 Gründe, weswegen Ihre Ängste und Sorgen berechtigt sind. Weshalb Sie sich über bestimmte Dinge immerzu Gedanken machen MÜSSEN. Weswegen die Erfüllung dieser oder jener Sehnsucht zwingend erforderlich ist – und Ihr Leben verpfuscht ist, weil Sie genau das eben nicht erreichen. Und dass der Schutthaufen von Früher so übermächtig ist, dass er es VERDIENT, ihn sich jeden Moment vor Augen zu stellen.
Aber vielleicht fängt Gottes Geist schon da an zu wirken, wo Folgendes klappt: zwei oder drei der 1000 Gründe loszulassen, an denen Sie festhalten, um nur ja in dem inneren Kerker zu bleiben, in dem Sie sind.
Gott schenke Ihnen und mir in 2017 immer wieder einen neuen Geist! SEINEN Geist! Und ein lebendiges Herz statt des steinernen!

Gebet:
Gott, Dein Geist lässt mich nicht, WIE ich bin. Er lässt mich nicht, WO ich bin. Gott, wenn Dein Geist kommt, kann ich mich auf nichts mehr verlassen. Außer auf Dich. Dazu gib mir bitte Mut!

Veröffentlicht unter Andachten | 2 Kommentare

Christus, die Tür. Andacht zum 23.12.2016 und zu Weihnachten

Nun ist es fast so weit: Weihnachten! Jesus ist geboren! Gott öffnet die Tür zu uns und kommt in unsere Welt. Besser gesagt: Gott kommt in Ihre und in meine Welt. Ich sage das so, weil zwei verschiedene Menschen nie in genau derselben Welt leben. Jeder Mensch ist einmalig. Seine Welt ist es auch. Und wenn Gott in „Ihre“ Welt kommt, kann das etwas anderes bedeuten, als wenn er in „meine“ Welt kommt. Deswegen ist auch Glaube nichts von der Stange.
Ein paar Türen haben wir uns in den Adventswochen angeschaut: Die Tür der Barmherzigkeit; die Tür der Hoffnung; die Tür des Vertrauens; die Tür der Liebe. Sie konnten sehen: Alle diese Türen haben mit Christus zu tun und mit seiner Ankunft bei Ihnen, bei mir.
Heute nun: Weihnachten. Ich war bei meiner Recherche überrascht, in wie vielen biblischen Geschichten die Tür eine zentrale Rolle spielt. Aber ausgerechnet in der Weihnachtsgeschichte kommt sie überhaupt nicht vor. Im Gegenteil: Man kann sich doch kaum eine zugänglichere, offenere Behausung vorstellen als den Stall von Bethlehem, oder? Falls Sie zu Hause eine Krippe aufgebaut haben: Ihr Stall von Bethlehem strotzt vor Offenheit. Sie können dem Jesus-Kind auf die Bettdecke gucken. Und nicht nur Sie, auch die Hirten, die Schafe und überhaupt alle haben freien Zutritt. Der tür-lose Stall von Bethlehem – ein Symbol dafür, wie Gott uns ohne Grenzen, geradezu distanzlos entgegen kommt. Auch ein wunderbares Symbol für eine „offene Gesellschaft“: Gekrönte Häupter und Hirten; Menschen, Engel, Tiere; und kurz vor der Flucht ins sichere Ausland bekommen den Flüchtlingen Josef, Maria und Jesus ausgerechnet Gold, Weihrauch, Myrrhe ins Gepäck.
Wie kriegen wir bei so viel Offenheit denn nun die Tür ins Spiel?
In der Weihnachtsgeschichte gar nicht. Aber Jesus bringt sie später selbst ins Gespräch: In Johannes-Evangelium (Kap. 10) sagt zweimal von sich:

„Ich bin die Tür!“

Übrigens nun doch die Tür eines Stalles: des Stalles „seiner Schafe“. Er selbst als die Tür eröffnet den Schafen den Weg in die Weite, zu erfülltem Leben: „Wenn jemand durch mich hineingeht, wird er selig werden und wird ein und aus gehen und Weide finden.“ Zu Christus gehören, das verträgt sich scheint’s nicht mit Enge und Scheuklappen.
Ein anderes Tür-Zitat – aus dem Buch der „Offenbarung“. Der Seher Johannes hat eine Vision: Christus erscheint ihm und gibt ihm Botschaften für sieben Gemeinden in der Gegend. Und in einer heißt es:

Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme hören wird und die Tür auftun, zu dem werde ich hineingehen und das Abendmahl mit ihm halten und er mit mir. (Offenbarung 3, 20)

Da sitzen Sie also in einem Haus. Die Tür ist geschlossen, vielleicht von Innen verriegelt. Sie haben „dicht gemacht“. Aber draußen ist wer. Und nicht auf gehörigem Abstand. Nein, es klopf. Und Sie hören eine Stimme. Der da draußen will partout zu Ihnen hinein kommen, will Ihr Gast sein, will mit Ihnen zu Abend essen. Der da draußen WILL. Sie da drinnen auch? Wenn ja, müssten Sie ihm schon öffnen. Oder Sie bleiben weiter allein da drinnen. Was in diesem Bild NICHT vorgesehen ist: ein Gespräch durch die verschlossene Tür hindurch. Es gibt auch keine Klappe in der Tür. Nein, die Tür muss schon geöffnet werden, sonst läuft nichts.

Das erste Bild: Jesus als die Tür – das ist eine freundliche Einladung in die Weite.
Das zweite Bild: Jesus, der an der Tür klopft. – Eine eindringliche Aufforderung zu öffnen.

Es geht aber noch „eindringlicher“: Jesus ÜBERWINDET verschlossene Türen. Dazu schlage ich jetzt den großen Bogen von Weihnachten zu Ostern. Ostern ist bei Jesu Jüngern noch nicht angekommen, sie wissen nichts von Jesu Auferweckung. Nicht mit den Augen und Ohren, nicht mit dem Verstand, schon gar nicht mit dem Herzen. Ihre Welt endet an der Mauer des Todes. Jesus ist für sie tot. Ihnen selbst droht dasselbe, meinen sie. Nicht irgendwann, sondern es gibt ganz konkrete Befürchtungen. Die Angst leitet sie.
Mauer des Todes, Riegel der Angst. In so einer Welt sind sie eingeschlossen …

Es war Abend geworden an jenem Sonntag. Die Jünger waren beisammen und hatten aus Angst vor den führenden Juden die Türen abgeschlossen. Da kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte: »Frieden sei mit euch!« Dann zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite. Als die Jünger den Herrn sahen, kam große Freude über sie. (Johannes 20, 19 f.)

Da passiert etwas, was sich die Jünger nicht mal gewünscht haben. Weil sie es nicht für möglich gehalten haben.
Man könnte jetzt darüber philosophieren, ob Jesus das denn darf: Sich einfach so über Schloss und Riegel und die Angst seiner Jünger hinweg setzen. Aber das „Ergebnis“ gibt ihm recht: Die Angst weicht. – Als sie ihren Herrn sehen, macht die Angst der „großen Freude“ Platz.
Ich wünsche Ihnen und mir zu Weihnachten:

  • Dass wir sie öffnen und durch sie hindurch treten, durch die Türen der Barmherzigkeit, der Hoffnung, des Vertrauens, der Liebe.
  • Dass uns der Stall von Bethlehem so offen und so einladend ist, dass wir nicht draußen bleiben; dass wir uns hineinziehen lassen in die Szene, zwischen Schafen und Eseln, Hirten und Weisen.
  • Dass wir es hören, wenn Christus an unsere Tür klopft, und dass wir ihm Einlass geben.
  • Dass Christus selbst Schloss und Riegel überwindet, wo wir gefangen sind in Angst und Tod und aus uns heraus gar nichts mehr können.
  • Und über allem: Dass Christus selbst uns die Tür ist und bleibt – in die Weite, ins Leben. Jetzt zu Weihnachten. Und im neuen Jahr. Und auch noch die Tür am Ende unserer Zeit.

Gebet (aus: Ich steh an Deiner Krippen hier; EG 37):

Eins aber, hoff ich, wirst Du mir, mein Heiland, nicht versagen:

dass ich dich möge für und für / in, bei und an mir tragen.

So lass mich doch dein Kripplein sein; komm, komm und lege bei mir ein

Dich und all Deine Freuden.

 

Veröffentlicht unter Andachten | Kommentar hinterlassen

Adventstürchen Liebe. Andacht zum 16.12.2016 und zum 4. Advent

Wow, so ein großes Wort für eine kleine Andacht! Alles dreht sich ja um die Liebe. Die meisten Lieder im Radio: Lieder um Liebe und Liebeskummer. In jedem Spielfilm muss die Liebe auch sein, mindestens als Nebenthema.
Und die Bibel ist auch voller Liebe: Liebe von Gott und Liebe zu Gott, Liebe zum Nächsten, Liebe zu sich selbst. Partnerschaftliche Liebe, Fremden-Liebe, geschwisterliche Liebe, Feindesliebe. Dazwischen dieser Spitzensatz: „Gott ist die Liebe!“
Und bei Ihnen persönlich? Ob Sie 15 sind oder 100, Sie könnten Ihre Lebens­ge­schich­te schreiben als eine Geschichte der Liebe – oder der fehlenden Liebe. Vom Moment Ihrer Zeu­gung an bis auf den heutigen Tag. Erfahrene Liebe, versagte Liebe. Gelebte Liebe, ungelebte Liebe. Liebe und Vernunft, Liebe und Hass, Liebe und Gleichgültigkeit, Liebe und Angst, Liebe und Routine. Liebe zu Menschen, zu Tieren, zu Dingen, zu Themen, zu Tätig­keiten.
Eines Donnerstags morgens, als ich anfing, mich mit diesem Andachtsthema zu beschäftigen, habe ich mich in aller Frühe gefragt: „Dirk, wen oder was hast Du denn heute schon geliebt?“ Na klar, ich habe die Echsen, die Schildkröten und die Katzen gefüttert. Meine Frau war schon vor mir aus dem Haus, der habe ich auf eine liebe SMS lieb geantwortet. Habe ich mich selbst geliebt? Ja, gut gefrühstückt. Habe ich Gott geliebt? Schon, der erste Gedanke war ein Dankeschön an Gott. Und der Blick auf’s Smartphone mit der Tageslosung ging auch in die Richtung. Und wenn ich den Abend vorher mit rein nehme: Liebe zu Leuten, die ich im Gebet Gott namentlich ans Herz gelegt habe.
Nun können Sie natürlich sagen: „Klute, das machst Du doch so ähnlich fast jeden Morgen! Das ist nicht Liebe, das ist Routine!“ Ich antworte: Liebe und Routine schließen sich nicht aus. Aber es stimmt schon: Wenn ich es abwickle wie ein Roboter, das wäre keine Liebe. Den Schildkröten kann das egal sein, die schlafen noch, wenn ich sie füttere. Aber für MICH macht es einen Unterschied. Und für den „Empfänger“ meiner Hin-Wendung oder Zu-Nei­gung manchmal doch: Ohne Liebe kann es passieren, dass ich nachlässig bin. Und der/die andere könnte meine Lieb-Losigkeit spüren. (Allerdings gibt es auch Leute, die sich lieblos behandelt fühlen, obwohl es mit viel Liebe geschieht.)
„Alle eure Dinge lasst in der Liebe geschehen!“, empfiehlt der Apostel Paulus (1. Korinther 16, 14). „ALLE eure Dinge“ – also nicht irgendwelche Liebes-Worte und Liebes-Taten zu­sätz­lich zum Üblichen, sondern: Die Liebe mit hineinnehmen in das Übliche!
In den letzten Jahren ist das Wort „Achtsamkeit“ populär geworden. Ich glaube, darum geht es: Zu-Neigung oder Hin-Wendung MIT ACHTSAMKEIT. Zu-Neigung ohne Acht­sam­keit mag für die Schildkröten o.k. sein, aber es ist noch keine Liebe. Und Achtsamkeit ohne jede sichtbare oder hörbare Hin-Wendung und Zu-Neigung ist auch noch nicht richtig Liebe. Neh­men Sie den Teenie, der nach seinem Pop-Idol schmachtet. So lange das ausschließlich „im Herzen“ passiert, aber er nicht mal ein Poster aufhängt, ist es auch keine Liebe. Also: Hinwendung PLUS Achtsamkeit! Achtsamkeit PLUS Hinwendung!
Liebe als Tür? Ja! Eine Tür schafft Verbindung. Jedenfalls wenn man sie öffnet. Liebe auch. Liebe bringt mich dazu, mich auf etwas oder jemanden zuzubewegen, vielleicht Hürden zu überwinden. Wenn ich Gleichgültigkeit statt Liebe habe, habe ich erst gar keine Motivation, mich zu bewegen. Wenn ich Abscheu habe, werde ich mich ab-wenden statt zu-wenden. Wenn ich Angst habe, bremst diese Angst die Kraft der Liebe aus, ich bleibe vor den Hürden stehen. Manchmal ist dann doch die Liebe stärker als die Angst. Ich weiß noch, wie ich mit meinem ersten Liebesbrief länger um den Postkasten herum schlich. Und dann habe ich ihn doch abgeworfen. Die Liebe war größer als die Angst.
Advent – Ankunft. Jesus wird geboren. Gott öffnet die Tür, kommt bei uns an. Diese offene Tür ist Gottes Liebe zu uns. Eine sehr bekannte Bibelstelle bringt das auf den Punkt:

So hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern ewiges Leben hat. (Johannes 3, 16)

Zu-Neigung total. Gott neigt sich in die „Welt“ hinab, kommt in die Welt hinein, geht in ihr unter. Sie müssen dazu wissen: Gerade im Johannes-Evangelium, aus dem der Vers stammt, ist „die Welt“ nichts Positives. Ich finde das sehr nachvollziehbar, dass „die Welt“ so, wie sie nun mal ist, aus göttlicher Sicht keine attraktive Geliebte ist. Gottes selbst-hingebungsvolle Liebe zur „Welt“ ist eine Trotzdem-Liebe, keine Weil-Liebe. Gott liebt die Welt nicht, WEIL sie so klasse ist, sondern TROTZDEM – obwohl sie es so oft nicht ist.
Können Sie das außer für „die Welt“ auch für sich selbst so nehmen? Gott liebt Sie, wie Sie sind. Aber nicht, WEIL Sie so sind, sondern in manchem, OBWOHL Sie so sind.
Vielleicht empfinden Sie das als kleine Unverschämtheit und als Kritik. Aber was es eigent­lich ist: Befreiung! Sie müssen sich Gottes Liebe nicht verdienen, und Sie müssen sich selbst auch nicht mit aller Macht schön und gut reden. Sondern: Gott will Sie annehmen, so unannehmbar Sie sich auch finden und vielleicht manchmal sogar sind.
Weihnachten – der „eingeborene Sohn“. Gottes Liebeserklärung aus Fleisch und Blut. „An ihn glauben“, so sagt unser Vers, bedeutet das Ende der Verlorenheit, bedeutet „ewiges Leben“. Im Johannes-Evangelium ist „ewiges Leben“ nicht, dass es erst NACH dem irdischen Leben beginnt, nicht: „Ich komme mal in den Himmel!“ Sondern: „… der HAT das ewige Leben“! Gegenwartsform! Aus der Liebe Gottes heraus zu leben, aus ihr zu schöpfen, das ist wahres Leben. Selbst wenn dieses Leben alles andere ist als das, was die Familie, die Nachbarn und Bekannten für ein besonders gelungenes Leben halten. „Wahres Leben“ auch inmitten von Versagen und Misserfolgen, auch von Krankheit und Tod.
Und was hat das mit den Schildkröten, den Echsen, den Katzen, meiner Frau und meinem Frühstück zu tun? Eines vorne weg: Auch Menschen, die so gar nichts mit Gott und Glauben anfangen können, können gut und liebevoll zu ihren Haustieren, Partnern und zu sich selbst sein, manche können es besser als die Christen, andere schlechter.
Aber: Auf Jesus schauen, in ihm Gottes Liebe zu mir erkennen und sie verinnerlichen, das ist schon hilfreich dabei, selbst zu lieben: Wenn ich mich von Gottes Trotzdem-Liebe umgeben weiß, kann ich es mir besser leisten, meine Liebes-Vorbedingungen abzusenken – für die Liebe zu mir selbst und auch zu meinen Mitmenschen. Ich könnte nachsichtiger, toleranter, „lockerer“ lieben. Nicht so verbissen, nicht so eifer­süchtig, nicht so leicht kränkbar.
Noch was: Meine Liebe zu meiner Frau, zu unseren Haustieren, zu mir selbst, zu „meinem“ Gott, das sind alles Liebes-Türen „innerhalb“ des eigenen Hauses. „Binnen-Liebe“. Auch Freundes-Liebe oder „geschwisterliche“ Liebe unter Mitchristen ist Binnen-Liebe. Aber Gottes Liebe „zur Welt“, zur schuldbeladenen Welt, ist AUSSEN-Liebe. Damit liefert er uns ein Vorbild. Jesus sagt es seinen Leuten ins Stammbuch:

Wenn ihr die liebt, die euch lieben, welchen Dank habt ihr davon? Denn auch die Sünder lieben ihre Freunde (Lukas 6, 32).

Jesu Beispiel für Nächsten-Liebe ist eben nicht, dem Freund beim Umzug zu helfen (Binnen-Liebe), sondern der „barmherzige Samariter“: Da hilft einer über die Grenzen von Religion und Volksgruppe hinweg einem Fremden – einfach weil der in Not ist. Außen-Liebe!
Die Außen-Liebe in Höchst-Form ist die Feindesliebe:

Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen!

Wie ist das möglich? Für Jesus geht das durch die „Feindes-Liebe“ des himm­lischen Vaters:

Er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. (Matthäus 5, 44 f.)

Ich finde, von „Liebe als Tür“ sollten Sie dreierlei mitnehmen:

  • Allererstens: „So hat Gott die Welt geliebt“ – und so sind SIE geliebt!
  • Zweitens: „Alle eure Dinge lasst in der Liebe geschehen!“ Legen Sie liebende Acht­samkeit hinein in Ihren Alltag – Ihr Tun, Ihr Sprechen, Ihr Hören!
  • Drittens: „Er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute!“ – Mut zu Außen-Liebe!

Gott, danke für Deine Liebe – dass Du die Tür zu mir aufgeschlossen hast, und niemand kann sie schließen. Gib doch, dass Deine Liebe in mir Wurzeln schlägt und Früchte trägt! Gib mir Liebe ins Herz, in meine Worte, in mein Tun! Auch heute!

Veröffentlicht unter Andachten | 1 Kommentar

Advents-Türchen Vertrauen. Andacht zum 9.12.2016 und zum 3. Advent

Hatten wir nicht letzte Woche ein ganz ähnliches Türchen? „Hoffnung“? Was ist der Unterschied zwischen Hoffen und Vertrauen? Meine Antwort: Hoffen richtet sich auf ETWAS in der ZUKUNFT. Vertrauen richtet sich auf JEMANDEN in der GEGENWART.
Beispiel: „Ich vertraue Gunther Tiersch von den Wetternachrichten und hoffe, dass es morgen schönes Wetter gibt!“ Das Vertrauen richtet sich auf jemanden – den Meteorologen. Ich nehme an: Der Mann hat sauber gearbeitet und belügt mich auch nicht. Beides ist wichtig: Dem anderen zutrauen, dass er das kann. Und dass er ehrlich ist. Dem Viertklässler würden Sie seinen Wetterbericht nicht glauben (er kann es nicht), und dem Wetterfrosch in einer kabarettistischen Nachrichtensendung auch nicht (der sagt nicht die Wahrheit).
Ich kann auch ohne Wetterbericht auf gutes Wetter hoffen, aber wenn Herr Tiersch das ankündigt, wächst die Hoffnung. Sie ist dann eine BEGRÜNDETE Hoffnung. Wenn dagegen Herr Tiersch Dauerregen ankündigt, sinkt die Hoffnung auf gutes Wetter. In diesem Fall gilt leider: Je größer das Vertrauen in Herrn Tiersch, desto KLEINER die Hoffnung!
Vertrauen und Hoffnung können also auch gegenläufig sein! Und nicht jeder, der Ihnen das Blaue vom Himmel verspricht, ist deswegen vertrauenswürdig. Im Gegenteil: Auf Menschen, die auch vor unbequemen Wahrheiten nicht zurückschrecken, ist meist mehr Verlass.
Überhaupt – „Verlass“! Eine andere Formulierung für „jemandem vertrauen“: „Sich auf jemanden verlassen“. Ja ist das denn gut, sich zu verlassen? Statt sich zu verlassen, wäre es doch besser, zu sich zu kommen, zu sich zu finden, oder?
Nur: Ich kann mich eben oft nicht „auf mich selbst verlassen“, manchmal ist mir nicht zu trauen, manches kann ich schlecht, anderes gar nicht. Es gibt Dinge, da verlassen sich andere besser NICHT auf mich. Und genau bei diesen Dingen ist es gut, wenn ich mich auf andere verlassen kann. Einen Herd anschließen zum Beispiel. Da sollte mir keiner trauen. Aber gut, wenn ich da jemanden kenne, auf den ich mich verlassen kann.
Vor allem verbindet man gern Vertrauen mit Freundschaft und Liebe. Was kann ich über eine Freundschaft oder eine Liebe Größeres sagen als: „Ich kann mich 100%ig drauf verlassen!“ Da ist der andere dann das Fundament, auf das ich mich stelle. Genauer: Es ist die Treue des anderen, auf die ich mich verlasse. Vertrauen – trauen – Treue, das gehört ja schon vom Wort her alles zusammen.
Eine gesteigerte Form von „vertrauen“ ist „sich anvertrauen“. Wenn ich mich dem besten Freund anvertraue, dann erzähle ich ihm – „alles“, „die ganze Wahrheit“. Auch das Peinliche, das Hässliche. Ich liefere mich seiner Treue und Verlässlichkeit aus – denn wenn ich mich täusche, dann weiß das bald jeder, dann bin ich tatsächlich „geliefert“. Oder die OP unter Vollnarkose: Da liefere ich mich auch aus. Die können alles machen, ich selbst bin hilflos.
Vertrauen als Tür? Vor Wochen wünschte sich eine Teilnehmerin in einer Gesprächs­runde eben dieses Thema „Vertrauen“. Sie wollte wieder mehr vertrauen. Aber die Statements man­cher anderen klangen nicht nach „Vertrauen als Tür“. Eher so: „Ich misstraue jedem. Bin zu oft enttäuscht worden. Die verarschen einen doch alle. Mir selbst traue ich auch nicht!“
Es stimmt schon: Wer misstraut, kann nicht enttäuscht werden. Misstrauen bedeutet mehr Sicherheit. Wer sein ganzes Leben im Keller sitzt, kann nicht vom Blitz erschlagen werden. Vertrauen ist Wagnis. Man riskiert was. Vertrauen kann wachsen. Das braucht Zeit. Einander vertraut werden. Die wiederkehrende Erfahrung: Auf den anderen ist Verlass!
Ich kann aber auch mein Vertrauen durch falsche Erwartungen töten. Manche meinen ja: Wahre Freunde müssen immer für mich da sein, alles akzeptieren und nichts kritisieren, rund um die Uhr Zeit für mich haben, mich total verstehen usw. Wer so spricht, erinnert mich an die Sonne, um die sich alle Planeten drehen. Auffällig auch: Viele Leute berichten, dass sie von Freunden enttäuscht wurden. Aber fast keiner sagt von sich, seine Freunde enttäuscht zu haben. Die falschen oder schlechten Freunde, das sind immer die anderen.
Wo wir „Vertrauen“ sagen, da ist in der Bibel meist von „Glauben“ die Rede. „Glaube“ und Vertrauen, das ist – biblisch – dasselbe. Deswegen finden Sie in der Bibel kaum mal „ich glaube, dass …“ Das würde nämlich nur bedeuten: Ich halte das und das für wahr oder für wahr­scheinlich. Sondern: Das biblische Glauben ist meist so gemeint: „Ich glaube jemandem“ oder gar „ich glaube AN jemanden“. Und das entspricht dem „ich vertraue, ich vertraue mich an, ich verlasse mich auf, ich liefere mich aus“.
Besonders Paulus betont immer wieder: Vertrauen bringt Heil! Und zwar das Vertrauen auf Gott: Gott hat zum Heil und zur Heilung meines Lebens alles getan – durch Christus. Christus ist meinen Tod gestorben und ist mir voran aufer­standen.
Gott zu vertrauen heißt also nicht, dass ich vor Krankheit, Armut, bösen Nachbarn, Radar­fallen, Fußpilz, Kleidermotten oder gar dem Tod sicher bin. Wer Gott vertraut wie einem Sicherheitsdienst, wird enttäuscht. Sondern: Vertrauen, dass mein ganzes Leben durch ihn heil und in Ewigkeit gut aufgehoben ist. Dass ich angenommen bin.
Im Johannes-Evangelium ist ebenfalls viel vom Glauben die Rede – auch da nicht der „Glaube, dass …“, sondern der „Glaube AN …“ – nämlich an Jesus als den von Gott ge­sandten Gesalbten („Christus“). Dieser Glaube gibt wahres, ewiges Leben, dieser Glaube lässt mich Kind Gottes sein.
Große Worte. Geht‘s ein bisschen kleiner? Ja, noch viel kleiner! Hier eine sehr „undogma­tische“ Geschichte, wo jemand es wagt, die Tür des Vertrauens zu Jesus zu durchschreiten.

Eine Frau hatte den Blutfluss seit zwölf Jahren; die hatte alles, was sie zum Leben hatte, für die Ärzte aufgewandt und konnte von niemandem geheilt werden.

Bis hierher: enttäuschtes Vertrauen. Die Frau hatte sich ihr Leben anders vorgestellt. Aber nun: krank, schlapp, Schmerzen. Und: Kultisch unrein. Also isoliert, ausgegrenzt. Und immer wieder: das enttäuschte Vertrauen in die Ärzte. Außer hohen Kosten nichts gewesen.
Und trotzdem: Wieder ist da Vertrauen. Diesmal zu Jesus. Dieses Vertrauen ist die Tür aus ihrem Schneckenhaus heraus. Sie wagt sich buchstäblich aus ihrer Wohnung unter die Leute. In Jesu Nähe:

Sie trat von hinten heran und berührte den Saum seines Gewandes; und sogleich hörte ihr Blutfluss auf.

Mit Jesus in Berührung kommen – darauf setzt sie ihre Hoffnung. Kann denn Gewand-Berühren gesund machen? Christlich wäre solch ein Glaube nicht. Aber genau so vertraut diese Frau, und genau so wirkt es sich aus: Der Blutfluss kommt zum Stehen!

Jesus sprach: Wer hat mich berührt? Als es aber alle leugneten, sprach Petrus: Meister, das Volk drängt und drückt dich. Jesus aber sprach: Es hat mich jemand berührt; denn ich habe gespürt, dass eine Kraft von mir ausgegangen ist. Da aber die Frau sah, dass sie nicht verborgen blieb, kam sie mit Zittern und fiel vor ihm nieder und verkündete vor allem Volk, warum sie ihn angerührt hatte und wie sie sogleich gesund geworden war. Er aber sprach zu ihr: Meine Tochter, dein Glaube hat dir geholfen. Geh hin in Frieden! (aus Lukas 8)

„Dein Glaube hat Dir geholfen!“ Heilendes Vertrauen! Jesus ist nicht der große Wunderheiler, und hier schon mal gar nicht, denn er „heilt“ unbeabsichtigt, „versehentlich“.
Vertrauen heilt! – Hier nicht nur vom Blutfluss. Nein, die Frau tritt jetzt auch aus ihrer Verbor­gen­heit heraus. Und sie kommt aus ihrem Schweigen heraus. Sie spricht. Von sich. Und das auch noch „vor allem Volk“. Sie ist geradezu ein neuer Mensch geworden. Weil sie durch die Tür des Vertrauens aus ihrem Schneckenhaus heraus zu Jesus gegangen ist und schlicht die Berührung mit ihm gesucht hat.
Die Tür des Vertrauens. Nehmen Sie sich doch für heute zwei Dinge vor: 1. In einer bestimm­ten Angelegenheit oder im Blick auf einen bestimmten Menschen Vertrauen zu wagen – trotz Ihrer Enttäuschungsgeschichte. 2. Das eigene Schneckenhaus (auch) im Gebet zu verlassen und die Berührung mit Christus zu suchen. – Wer weiß, vielleicht können Sie am Ende des Tages sagen: „Mein Vertrauen hat mir geholfen!“

Gebet:
Christus, das bitte ich Dich: Dass ich aus der Berührung mit Dir Mut, Kraft, Motivation, Hoffnung schöpfe! Ich will Dich nicht loslassen. Lass Du mich auch nicht los!

Veröffentlicht unter Andachten | Kommentar hinterlassen