Gott selbst – unser Ort. Andacht zum 29.4.2016 und zu Christi Himmelfahrt.

von Klaus Honermann, Schermbeck

Im Fernsehen gibt es Sendungen über Menschen, die auswandern, um in einem anderen Land noch mal neu durchzustarten. Oft verbinden sich Träume und Sehnsüchte damit. Und dann erfahren sie nicht selten, dass sie auch dort nicht den Himmel auf Erden haben.
Dann wiederum gibt es Menschen, deren Zuhause die Straße ist, die „keinen festen Wohnsitz“ haben, wie es in der Amtssprache heißt. Manchmal haben sie einen Hund als Begleiter, um so etwas wie Nähe und Wärme zu spüren.
Bundeswehrangehörige werden manchmal an immer neue Standorte versetzt. Wo sind sie zuhause?
Und dann sind da die Flüchtlinge und Migranten, die bei uns Fuß zu fassen versuchen.
Wo sind wir zuhause? Ist schon alles gesagt, wenn ich von mir sage: Ich komme aus Schermbeck?

An diesem Fest Christi Himmelfahrt stellt sich die Frage nach dem Zuhause aus einer ganz eigenen Perspektive. Aus der Perspektive Jesu, der gesagt hat:

„Der Menschensohn hat keinen Ort, wohin er seinen Kopf hinlegen kann.“ (Mt 8,20)

In gewissem Sinn ist also auch er ein Mann von der Straße, ohne festen Wohnsitz. Er lebte mal in Bethanien bei seinem Freund Lazarus und Maria und Martha, er lebte mal hier, mal dort. Und als er von zwei Jüngern von Johannes dem Täufer gefragt wurde: „Rabbi, wo wohnst Du?“, da sagte er lapidar: „Kommt und seht!“
Und doch hatte Jesus ein ganz eindeutiges Zuhause. Er war nicht ruhelos unterwegs, ohne zu wissen, wo er hingehört. Er wusste genau, wo er hingehört. Als seine Eltern ihn als 12jährigen voller Angst gesucht und dann im Tempel gefunden hatten, da sagt er zu ihnen:

„Wusstet ihr nicht, dass ich im Hause meines Vaters sein muss?“ (Lk 2,49)

Mit anderen Worten: „Mein Zuhause ist mein himmlischer Vater!“
Auf Jesus trifft das Wort des Hl. Augustinus in ganz besonderer Weise zu:

„Gott selbst wird unser Ort sein.“

Der „Ort“, wo Jesus ganz zuhause war, ist Gott selbst. Wenn wir seiner Lebensspur folgen, können wir das auch für uns so sehen: Der „Ort“, wo wir ganz zuhause sind, wo wir ganz hingehören, ist Gott selbst, ist der Himmel Gottes.
Wenn wir in dieser Woche das Fest Christi Himmelfahrt feiern, dann führen wir uns vor Augen,
dass Jesus dorthin heimgekehrt ist, wo immer schon sein Zuhause war.
Und Jesus nimmt uns mit bei seiner Himmelfahrt. All das, was er auf Erden erfahren hat, alles Aufgenommen-Werden und alles Abgelehnt-Werden, nimmt er mit heim wie jemand, der von einer Dienstreise zurückkehrt und seiner Familie berichtet, was ihm unterwegs geschehen ist. Heinrich Böll hat mal ein Buch geschrieben mit dem Titel: „Ende einer Dienstfahrt“. Das „Ende einer Dienstfahrt“ der besonderen Art besteht darin, dass die Mission erfolgreich beendet ist: Jesus hat uns heimgeholt in die Wirklichkeit Gottes.
Jesus nimmt uns persönlich mit zum Vater. Es tut gut zu wissen: Da ist jemand im Himmel, der mich mitgenommen hat. „Wir sind jetzt nicht mehr Fremde ohne Bürgerrecht, sondern Hausgenossen Gottes“, sagt der Apostel Paulus in seinem Brief an die Gemeinde in Ephesus (Epheser 2,19).
Sind das nur stimmige theologische Gedanken oder hat das Auswirkungen für unser Alltagsleben?
„Gott selbst wird unser Ort sein.“ Eine erste Folge ist, dass ich an allen Orten ein Zuhause finden kann, ob das jetzt bei mir Schermbeck ist oder anderswo. Auch wenn ich mich irgendwo nicht besonders wohl fühle: Gott ist aber auch dort!
„Gott selbst wird unser Ort sein.“ Eine zweite Folge: Diese Ortbestimmung menschlichen Daseins gilt für alle Menschen und überwindet so einen überzogenen Nationalismus. Denn alle anderen können auch „Hausgenossen Gottes“ sein – und so meine Mitbewohner.
„Gott selbst wird unser Ort sein.“ Eine dritte Folge: Wenn unsere persönliche „Himmelfahrt“ einsetzt am Ende unseres Lebens – ob das jetzt mit 90 Jahren oder 19 Jahren ist – dann dürfen wir glauben: Mein Leben endet nicht auf dem Friedhof. Denn das, was zu Lebzeiten galt – „Gott selbst wird unser Ort sein.“ – das gilt jetzt erst recht!
„Gott selbst wird unser Ort sein.“ Eine vierte Folge: Ich selbst, wir selbst können der Ort Gottes sein. Was für eine wunderbare Dimension unseres Lebens: Andere können in mir, können unter uns Gott finden. Sind wir uns dieser Größe genügend bewusst?

Wenn an diesem Fest Christi Himmelfahrt bei uns in Schermbeck und in vielen anderen Gemeinden Kinder Jesus Christus zum ersten Mal in der Eucharistie empfangen, dann wünschen wir ihnen, dass sie entdecken, dass Christus ihnen den Himmel in seinem Herzen immer offen hält. Dass er – was immer auch geschieht – sein Ohr und sein Herz offen hat für ihre Freuden und Leiden. Wir wünschen den Kindern und ihren Familien, dass ihr Herz bei der Kommunion und im übrigen Leben zum Himmel wird für Christus. Und wir können das uns allen ebenso wünschen.

Frohe Himmelfahrt!

Klaus Honermann

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Beten – ein Gräuel (?) Andacht zum 22.4.2016

Als Christ finde ich Beten wichtig. Beten ist Hinwendung zu Gott. Ihm sagen, was mir an Schönem oder Schwerem auf dem Herzen liegt. Ihm erzählen, was mich beschäftigt. Ihm für Gutes danken und für Schweres und Schlimmes bitten. Vor Gott diejenigen Leute und Anlie­gen bringen, an die ich denke, denken will, denken muss. Mit eigenen Worten. Oder mit Worten, die ich mir bei anderen geliehen habe. Oder direkt von Jesus: das Vaterunser. Allein oder mit anderen; gesprochen, gedacht, gesungen …
Beten ist Beziehungspflege. Sicher nicht die einzige Form, wie ich meine Beziehung zu Gott pflegen kann. Aber eine ganz wichtige. Beziehung zu Gott ohne Gebet, dass kann und mag ich mir nicht vorstellen. Selbst in Zeiten, in denen mein Gebet eher flau, „geronnen“, routiniert und ohne viel Begeisterung ist.
So, und gleich kommt der Hammer, den ich vor kurzem in der Bibel im Sprüche-Buch ausgegraben habe: Das Gebet – ein Gräuel! Grauenhaft! Fürchterlich! – Wie kann sowas in der Bibel stehen, ausgerechnet dort?
Also: Was kann ein Gebet zu einer grauenhaften Angelegenheit machen? Vielleicht, wenn es nicht ehrlich ist? Oder wenn ich dabei nicht Gott, sondern eventuelle Mit-Hörer im Blick habe? Oder nichts als eine lange Wunschliste an den lieben Gott? Oder geschwollene und gestelzte Worte? Oder eine gedankenlos heruntergerasselte Litanei? Oder: Beten nur in Notfällen? Oder Gott nur auswendig gelernte oder vorgelesene Texte vortragen? Oder aber: Immer nur aus der faden Suppe der eigenen Begriffe und Phrasen geschöpft? Oder, oder …?
Nein, die Antwort lautet ganz anders – jedenfalls in diesem Spruch. Hier ist er:

Wer sein Ohr abwendet, um die Weisung nicht zu hören, dessen Gebet ist ein Gräuel. (Sprüche 28, 9)

Aha! Beten wird hier nicht zum Gräuel dadurch, was ich SAGE. Sondern: Ob ich HÖRE!
Wenn Sie sich jetzt den Anfang dieser Andacht nochmal vergegenwärtigen, werden Sie entdecken: Das, was ich da ganz positiv als „Beten“ beschrieben habe, hat genau diesen Haken: Es ist ein Auf-Gott-Einreden. Von Stille und von Hören war da nicht die Rede! Aber genau das gehört dazu!
Es ist, wie wenn Sie sich mit einem anderen Menschen unterhalten: Wenn nur der andere redet, ist es bestenfalls ein Vortrag. Oder eine „Predigt“, so wie jetzt . Aber es kann auch sein, dass Sie sich zugequatsch, zugemüllt fühlen. Dann nämlich, wenn sich der andere in seinem Wortschwall scheint’s gar nicht dafür interessiert, ob das überhaupt bei Ihnen ANKOMMT, WIE es ankommt und was SIE denn dazu meinen.
So auch beim Beten: Wenn Sie oder ich bei Gott einfach nur unsere Freude oder unsere Beschwerden und Wunschlisten abliefern und uns gar nicht dafür interessieren, wie das bei Gott ankommt und was er uns eventuell zu sagen, zu schenken, zu ermutigen oder zu kritisieren hat, dann machen wir Gott faktisch zu unserem „Mülleimer“. Und das ist ein Gräuel.
Positiv gewendet, sage ich es so: Es wäre schon gut, wenn unsere Gebete nicht gehetzt sind, sondern langsam. Wenn auch Stille darin vorkommt. Und: Die Bereitschaft, uns in Frage stellen zu lassen! Neues aufzunehmen. Unser Spruch könnte dann so lauten:

Wer sein Ohr Gott hinhält und bereit ist, seine Weisung zu hören, dessen Gebet ist ein Geschenk für den Betenden und eine Freude für Gott.

Gebet (von Otto Rietmüller):

Zeig uns dein königliches Walten. // Bring Angst und Zweifel selbst zur Ruh. // Du wirst allein ganz Recht behalten: //Herr, mach uns still – und rede Du!

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Wie gelähmt. Andacht zum 15.4.2016

Bitten Sie manchmal um Hilfe? Können Sie das – um Hilfe bitten? Wahrscheinlich schon. Sie haben ja schließlich einen Mund. Und ein Telefon.
Wenn Sie trotzdem sagen: „Ich kann schlecht um Hilfe bitten!“, dann ist das eigentlich das falsche Wort: Sie KÖNNEN schon, aber Sie WOLLEN nicht. Was dahinter steckt: Vielleicht wollen Sie niemandem „zur Last fallen“. Oder Sie „müssen“ alles allein schaffen. Oder Sie wollen nicht „in der Schuld“ von jemandem stehen und es „wieder gutmachen müssen“. Oder Sie finden, dass Sie es nicht wert sind, dass sich jemand um Sie kümmert. Na ja. „Eigentlich“ finde ich ja, dass das alles Quatsch ist. Auf der anderen Seite bin ich in einer fremden Gegend auch nicht der Erste, der nach dem Weg fragt.
Ein richtiges Positiv-Beispiel für „um Hilfe bitten“ ist ein blinder Bettler namens Bartimäus. Als der am Wegesrand mitbekommt, dass Jesus in der Nähe ist, fängt er an, lautstark nach ihm zu schreien. Und als die Leute ihn zur Ruhe bringen wollen, da schreit er nur noch mehr – bis Jesus ihn zu sich holen lässt. Als Jesus ihn dann fragt, was er denn will, da sagt er es ganz klar: Er will sehen! Und das passiert dann auch: Er sieht! Und er folgt Jesus auf seinem weiteren Weg.
Es gibt aber auch noch ein Kontrast-Beispiel: Jesus kommt nach Jerusalem und geht zum Teich Bethesda – eine Art Kurbad mit Säulengängen drumherum. Dort liegen Scharen von Kranken, Blinden, Lahmen, Ausgemergelten. Wieso? Manchmal bewegt sich das Wasser. Und wer dann zuerst im Teich ist, wird geheilt. So sagt man es jedenfalls.
Einer liegt dort, der ist schon 38 Jahre lang gelähmt. Und lange, lange liegt er nun schon jeden Tag an diesem Teich. Anders als in der Bartimäus-Geschichte scheint der Gelähmte aber nichts von Jesus mitzubekommen. Es läuft andersrum:

Als Jesus diesen daliegen sah und wusste, dass es schon lange Zeit so mit ihm steht, spricht er zu ihm: Willst du gesund werden?

Also kein Bartimäus, der nach Jesus schreit, kaum dass der auftaucht. Nein, Jesus „entdeckt“ den Gelähmten, spricht ihn an. Die Frage ist ein bisschen wie bei Bartimäus. Hier: „Willst Du gesund werden?“ Na, was meinen Sie? Was antwortet dieser Gelähmte nach 38 Jahren?
Genau diese Frage habe ich vor einiger Zeit bei einer Gesprächsrunde in meiner forensischen Klinik gestellt. Zwei Teilnehmer waren da, beide schon mehrere Jahre hinter Gittern sind. Beide, sehr spontan: „Nein!“ In dem Moment wurde mir klar: Nach mehreren Jahren Forensik „kennt“ man den so lange Gelähmten ziemlich gut. So direkt sagt der zwar nicht „Nein!“ zu Jesus, aber es geht in dieselbe Richtung:

Der Kranke antwortete ihm: Herr, ich habe keinen Menschen, dass er mich, wenn das Wasser bewegt worden ist, in den Teich werfe. Während ich aber komme, steigt ein anderer vor mir hinab.

Ja, die soziale Kälte. Keiner kümmert sich um den armen Kerl. Aber ich glaube ihm die Nummer nicht so ganz. Hätte er wirklich niemanden, er hätte vor Hunger, Durst und Dreck nicht mal ein Jahr geschafft, jedenfalls keinesfalls 38 Jahre. Und: Er kann zum Wasser kommen, nur eben langsam. Wieso ist er in 38 Jahren nicht auf die Idee gekommen, sich direkt ans Wasser zu legen? Und sich hineinplumsen zu lassen, kaum dass es sich bewegt?
Die anderen sind schuld. Und so umschifft er die Frage: „Willst Du gesund werden?“ Er hat es sich im Laufe der Jahre ganz gut arrangiert auf seiner Matte; mit den Almosen; mit seiner festen Über­zeugung, gelähmt zu sein; mit seiner Gewissheit: die herzlosen anderen sind schuld!
Sie merken: Der Typ ist mir nicht sympathisch. Ich kenne ich das, wie anstrengend, wie nervend es sein kann, wenn einem jede Ermutigung und jede konstruktive Idee aus der Hand geschlagen wird. Der Gelähmte am Teich Bethesda auf seiner Matte sitzt – nein: liegt – am längeren Hebel. Es gibt da so Joker, die sind unschlagbar: „Ich kann aber nicht!“; „Ach, es hat sowieso alles keinen Sinn!“; „Sie kennen meinen Mann / meine Frau / meine Eltern / meine Kinder nicht!“
Was denke ich mir dann? „Wer nicht will, der hat schon! Dem geht’s wohl noch zu gut! Das muss er selbst wissen, ist ja schließlich mehr als 3×7 Jahre!“ Vielleicht melde ich ihm noch das Spielchen zurück, das er da gerade mit sich und mir veranstaltet. Jesus reagiert anders:

Jesus spricht zu ihm: Steh auf, nimm dein Bett auf und geh umher!

Der Volksmund nennt so etwas: „Jemandem Beine machen“. Jesus fordert den Gelähmten gerade heraus zu etwas auf, wovon der doch seit Jahrzehnten „weiß“: „Das geht nicht!“ Da hat der Gelähmte doch jetzt sicher ein „Aber“ als Entgegnung, oder? Nein, hat er nicht! O Wunder:

Sofort wurde der Mensch gesund und nahm sein Bett auf und ging umher. (alles: Johhannes 5, 1 ff.)

Da hört einer auf, darauf zu warten, dass andere ihn an sein Ziel tragen. Da fängt einer an, sich etwas zuzutrauen und sich auf seine Beine zu stellen. Da wickelt einer die Matte, sein „Bett“, zusammen, auf der er es sich so lange bequem gemacht hatte. Da fängt einer von jetzt auf gleich ein neues Leben auf zwei Beinen an, obwohl das doch mit vielen Fragezeichen und Unsicherheiten behaftet sein muss. Und all das, weil Jesus ihm das sagt. DAS ist das Wunder.
Als der blinde Bartimäus wieder sieht, da folgt er Jesus auf seinem Weg. Als unser Gelähmter plötzlich wieder läuft, folgt er Jesus nicht. Gibt es Hinweise auf Euphorie? Worte des Dankes? Fehlanzeige, nichts davon ist überliefert. Stattdessen zeigt der Fortgang der Geschichte: Der Geheilte weiß noch nicht mal genau, wer das denn war, der ihn da geheilt hat. Aber immerhin: Er liegt nicht mehr am Boden!
Wieso hat Jesus ausgerechnet DIESEN Menschen unter all den Patienten am Teich Bethesda „gesehen“? Wieso angesprochen? Wieso gerade ihm Beine gemacht?
Dazu steht kein Wort im Text. Meine Vermutung: Jesus sieht vielleicht GERADE Menschen, die nicht nur an den Beinen, sondern auch in der Seele gelähmt sind, die für sich keine Hoffnung haben, die es sich mit ihrem Elend arrangiert haben und gern anderen dafür die Schuld in die Schuhe schieben. Jesus ist mit seiner „Zu-Mutung“ auch noch für diejenigen da, die mich mit ihrer Hoffnungslosigkeit gehörig angesteckt hätten. Und so kommt es dann, dass einer, der sich selbst nichts zutraut, aber den Mitmenschen alles Schlechte, dass der auf die Beine kommt. Einfach weil er es sich von Jesus sagen lässt.
Seine Matte soll der bis dahin Gelähmte nehmen und gehen. – Wieso? Er braucht sie doch nun nicht mehr, die kann doch ein anderer Sieche erben? Oder?
Falsch! Er wird sie immer wieder brauchen! Auch als geheilter, als gesunder Mensch wird er immer wieder zu Boden gehen und alle Viere von sich strecken. Die Meisten tun das jede Nacht. Und er wird vielleicht nochmal für längere Zeit wieder auf der Matte landen – auch geheilte Gelähmte können eine Grippe kriegen. Solche Zeiten sind vonnöten, man kann sie nicht straflos abkürzen. Aber: 38 Jahre müssen es vielleicht ja nicht wieder werden …
Was ich aus dieser Geschichte lernen möchte?

  • Mich nicht so leicht von der lähmenden Hoffnungslosigkeit anderer anstecken zu lassen.
  • Immer mal wieder der Blick auf „meine“ Matte: Wo bleibe ich, wenn ich wie gelähmt bin? Wenn mich die nächsten Schritte überfordern? Wo darf ich dann sein? Wo ausruhen? Was hält mich und meine Last?
  • Die Frage auf der Matte: Ist DIESE Matte die richtige? Erlaube ich mir, noch zu bleiben, wenn es nötig ist?
  • Wem schiebe ICH vielleicht mein Unglück als Ausrede für’s Liegenbleiben in die Schuhe?
  • Ist es – schon – Zeit, mich wieder auf die eigenen Beine zu stellen und einen ersten Schritt zu tun?
  • Die Frage von Jesus möchte ich mitnehmen: „Willst Du gesund werden?“ Und seine klare Ansage: „Steh auf!“

Gebet:
Christus, den anderen kann ich vieles vormachen. Mir auch. Aber Dir nicht. Danke, dass Du mir nicht alles durchgehen lässt, mich hinterfragst, mir Beine machst! Amen.

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Das Ende vom Lied … Andacht zum 8.4.2016

Besser noch könnte man sagen: Sage mir deine Geschichten (Mehrzahl), und ich sage Dir, wer Du gerade bist!
Ich kann das in meiner Klinik öfters erleben. Wenn Leute als Patienten neu in die Klinik kommen, erzählen sie manchmal auch Geschichten. Eine Krankheitsgeschichte. Eine Trauer-Geschichte. Eine mehr oder weniger unglückliche Liebesgeschichte. Eine Geschichte mit Suchtmitteln. Eine Kindheits-Geschichte. Eine Geschichte von Enttäuschungen im Berufs und Arbeitsleben. Wem es schlecht geht, der erzählt keine glücklichen und fröhlichen Geschichten. Höchstens mit großem zeitlichen Abstand und mit Wehmut.
Am Ende des Klinikaufenthaltes kann das anders sein. Da erzählt der- oder diejenige vielleicht andere Geschichten. Oder dieselben Geschichten, aber anders und mit neuen Aspekten. Und es ist oft eine neue Geschichte hinzukommen: Die Geschichte dessen, was er oder sie in der Klinik erlebt hat, was da anders geworden ist an seinen, ihren Sichtweisen. Welche neuen Kontakte, Verbin­dungen entstanden sind. Geschichten von neu entdeckten Interessen und Fähigkeiten …
In manchen Spielfilmen verlieren die Hauptpersonen gleich am Anfang ihr Gedächtnis. Sie haben ihre Geschichten und ihre Geschichte verloren. Ein ganz verzweifelter Zustand. Im Laufe des Films kommen dann nach und nach die Geschichten und die Mit-Menschen wieder. Damit finden sie sich selbst. Sie entdecken, wer sie denn eigentlich sind. Ein Happy End. Oder auch nicht …
Wenn Sie wissen wollen, wer Sie gerade für sich selbst sind, wie Sie sich sehen und empfinden, dann erzählen Sie doch jemandem Ihre Geschichte/n! Hören Sie sich selbst dabei zu! Erzählen Sie überhaupt etwas von sich? Welche Geschichten? Mehr als Auflistung von Ereignissen, oder eher lebendig, dramatisch? Welche Geschichten verschweigen Sie? Gibt es so etwas wie einen roten Faden? Wo fangen Ihre Geschichten an? Wo enden sie?

„Erzähle mir Deine Geschichten, und ich sage Dir wer Du im Moment gerade bist.“
Sehnenwechsel. Wir befinden uns im sechsten Jahrhundert vor Christus im Zentrum des Groß­reiches der Babylonier. Hier gibt es eine Ansiedlung von mehreren tausend Juden. Sie oder ihre Eltern waren vor Jahrzehnten hierher deportiert worden. Und manch einer dachte täglich daran, was er verloren hatte. Nicht nur persönlich, sondern vor allem als Volk. Und als Glaubensgemeinschaft. Ihr Königreich in Palästina gab es nicht mehr. Die so stolze Hauptstadt Jerusalem lag in Trümmern, der Tempel war zerstört. Und ihr Glaube? Und ihr Gott? Wie hatte der sich gegen sie gewandt!?
Diese Zeit im babylonischen Exil nach der kollektiven Katastrophe ist im Glauben Israels enorm produktiv. In der ersten Zeit des Exils wirkt hier der Prophet Hesekiel. Später entsteht hier die sogenannte Priesterschrift, deren Texte wir heute verstreut in den fünf Büchern Mose wiederfinden. Gegen Ende der Verbannungszeit verbreitet ein namentlich unbekannter Prophet Hoffnung auf Befreiung und Heimkehr. Wir nennen ihn heute den zweiten Jesaja, seine Texte finden sich in Jesaja 40 bis 55.
Und: In der Zeit der Verbannung entsteht DAS große Geschichtswerk der Bibel. (In der Bibel sind das die Bücher Josua, Richter, 1. & 2. Samuel, 1. & 2. Könige.) Auch damals machen sich nämlich Leute daran zu sagen, wer sie sind, indem sie eine Geschichte erzählen. Es ist die Geschichte ihres Volkes. Oder besser noch: Die Geschichte ihres Gottes mit seinem Volk. Sie können dabei viele alte Texte benutzen und einarbeiten. Man nennt dieses Werk das „Deuterono­mistische Geschichtswerk“, weil es viele Gedanken des 5. Buches Mose, des „Deutero­nomiums“, aufnimmt.
Diese gelehrten jüdischen Geschichtsschreiber in Babylonien lassen die Geschichte dort beginnen, wo vor vielen Jahrhunderten ihre Vorfahren als ehemalige Sklaven in das Land der Verheißung einwandern. Der Startpunkt ist also die Befreiung durch Gott und das Geschenk des Landes.
Es folgt eine Geschichte mit Höhepunkten und Tiefpunkten. Die Tiefpunkte überwiegen. Immer wieder werden die Menschen, speziell die Herrscher, ihrem Gott untreu. Sie folgen ihrem Hunger nach Macht und Reichtum und ihren religiösen Vorstellungen, die oft wenig mit Gott zu tun haben. Das soziale Unrecht nimmt zu, Gott und der ganze Kultbetrieb geraten zur religiösen Deko.
So geht es allmählich abwärts mit Israel, das sich irgendwann in zwei Königreiche teilt und so nebeneinander lange existiert. Bis dann im Jahre 722 vor Christus das Nordreich durch die Großmacht der Assyrer zerstört wird, im Jahre 587 geht dann das Südreich Juda brutal unter.
Eine traurige Geschichte. Eine Geschichte voller Schuld. Eine Geschichte ohne Hoffnung. – Ohne Hoffnung??? Wenn Sie Ihre eigenen Geschichten hören oder die von anderen, achten Sie doch besonders auf das Ende! Sie können speziell am Ende etwas darüber hören, wie es um die Hoffnung bestellt ist! – Das Ende unseres großen Geschichtswerkes jedenfalls endet so:

Als Ewil-Merodach König von Babylonien wurde, begnadigte er noch im selben Jahr König Jojachin von Juda und holte ihn aus dem Gefängnis. Das geschah im 37. Jahr der Gefangen­schaft Jojachins, am 27. Tag des 12.Monats. Der neue König behandelte Joja­chin freundlich und gab ihm eine Ehrenstellung unter den fremden Königen, die genau wie Jojachin nach Babylon gebracht worden waren. Jojachin durfte seine Gefängniskleidung ablegen und zeitlebens an der königlichen Tafel speisen. Auf Anordnung des babylo­ni­schen Königs wurde ihm bis zu seinem Tod täglich alles geliefert, was er zu seinem Unter­halt brauchte. (2. Könige 25, 27 ff.)

Das klingt nach einer historischen Randnotiz. Einer der letzten Könige Judas, Jojachin, war als junger Mann nach nur drei Monaten Regierung schon elf Jahre vor dem eigentlichen Untergang des Reiches nach Babylonien deportiert worden und fristete dort sein Schicksal als Gefangener.
Und nun, 37 Jahre später, diese überraschende Wendung: Der Gefangene kommt frei! Mehr noch: Er kommt zu allen Ehren und hat sein gutes Auskommen.
Aber es ist keine Randnotiz. Es ist das vorläufige Ende dieser Geschichte. Dieser entfernte Nachkomme des großen Königs Davids steht hier für die Hoffnung auch all der anderen De­portierten. Die Geschichte des Niedergangs bekommt eine Wendung. Licht am Ende des Tunnels! Und auch wenn es um die Gnade des neuen Babylonier-Königs geht und hier von Gott mit keinem Wort die Rede ist – dem kundigen Leser damals ist es völlig klar: Gott hat hier das letzte Wort! Aber nicht sein Zorn. Sondern seine Liebe zu seinem Volk, seine Treue, seine Barm­herzig­keit.
Eine dunkel gehaltene Geschichte, die die jüdischen Gelehrten in Babylon uns da erzählen. Aber eben mit diesem kleinen Licht am Ende des Tunnels.
Und Ihre Geschichte? Ich weiß nicht, ob Ihre Geschichte im Moment eine in dunklen oder in hellen Farben gehaltene Geschichte ist. Was vielleicht der rote Faden wäre. Ob Sie Ihre Geschichte als Geschichte Gottes mit Ihnen erzählen würden oder vielleicht ganz anders.
Aber: Ihre Geschichte ist nicht zuende! Wie die Geschichte des Gottesvolkes für die Gelehrten in Babylonien auch nicht zu Ende war. Und wie sie bis heute nicht zu Ende ist.
Auch über Ihrer Geschichte dürfen Sie – allen dunklen Argumenten zum Trotz – Gottes Liebe, Treue und Barmherzigkeit sehen. Darum: Erzählen Sie das Ende Ihrer bisherigen Geschichte nicht ohne Hoffnung! Nicht ohne Licht am Ende des Tunnels! Und selbst wenn in Ihrer Geschichte noch kein Nachkomme Davids an der Tafel des Babylonierkönigs gelandet ist, so bleibt doch: Dass Gott selbst das Licht am Ende des Tunnels ist. Denn: Gottes Geschichte mit Ihnen will niemals enden!
Gott schenke uns: Dass von diesen Licht der Hoffnung von vorn etwas in unseren Tag heute hineinfällt!

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Gott als Kombi-Zange? Andacht zum 1.4.2016

Sende dein Licht und deine Wahrheit, dass sie mich leiten und bringen zu deinem heiligen Berg und zu deiner Wohnung! (Psalm 43, 3)

Ich weiß ja nicht, ob Sie beten. Und wenn ja: Bei welchen Gelegenheiten oder zu welchen Zeiten; allein, mit anderen; mit eigenen Worten, auswendig gelernt oder dem lieben Gott vorgelesen.
Und falls Sie mit eigenen Worten beten: Erzählen Sie Gott etwas? Danken Sie ihm – und wenn ja, wofür? Bitten Sie – und wenn ja, was denn meist so? Oder haben Sie es sich abgewöhnt, so viele Bet-Worte zu machen, und verbringen lieber Zeit mit Gott in bewusster Stille?
Von mir kann ich sagen: Meistens eigene Worte. Schlecht sortierte Gedanken. Mal viel Dank, mal reichlich Bitten. Nur: So wie unser Psalm-Dichter habe ich wohl noch nie von allein gebeten:

Sende dein Licht und deine Wahrheit!

Nein, wenn es bei mir Bitten sind, dann morgens beim Aufwachen meistens die Bitte um Gottes Segen für den Tag. Abends sind es eher konkrete Menschen (mich eingeschlossen) und sonstige Anlie­gen, auch manches aus der weiten Welt. Aber die Bitte um Licht? Und um Wahrheit?
Das mit der Bitte um Gottes Wahrheit ist schon eine Zumutung. Ich müsste meine eigenen Wahrheiten, Sichtweisen, Überzeugungen in Frage stellen, sie eventuell loszulassen, ersetzen. Das passiert nicht oft. Oder haben Sie in den letzten Jahrzehnten Ihre politischen Überzeugungen, Ihre Haltung zu bestimmten Menschen oder Ihre Antworten zu bestimmten Themen grundlegend geändert? Wenn überhaupt, werden Ihnen wohl nur ein paar Beispiele einfallen .
Aber ich kann Entwarnung geben: In unserem Psalm-Zitat ist das hebräische Wort אֲמִתְּךָ schlecht mit „deine Wahrheit“ übersetzt. Es sollte besser heißen: „Deine Treue“! Also eher so: „Sende dein Licht und deine Treue!“
Gottes Licht, Gottes Treue. Also wenn ich ins Bitten komme – und Sie vielleicht auch -, dann habe ich Anliegen im Blick, mit denen ich nicht klar komme, wo mir die Hände gebunden, wo ich mir Sorgen mache. Und dann bitte ich Gott darum, die Dinge zu regeln oder wenigstens dabei zu helfen oder mir dafür die nötige Geduld oder Kraft zu geben. Bei unserem Psalm-Dichter ist das anders: Er nimmt nicht „die Anliegen“, sondern Gott selbst in den Blick! Gott, von dem das Licht herab strahlen soll. Gott, der dem Beter treu bleiben soll.
Oder hat unser Beter gerade nichts Konkretes zu bitten? Unser Doppelpsalm 42/43 (eigentlich ist das ein einziger Psalm) spricht eine andere Sprache: Da lesen Sie von einer schreienden, dürstenden, betrübten, unruhigen Seele; von Tränen Tag und Nacht; von Traurigkeit, bedrängen­den Feinden und einem Gott, der einen in all dem verstoßen und vergessen hat.
Sie finden in diesem Psalm also reichlich Klagen. Auch einige Fragen. Und eine (einzelne) Bitte, die sich auf ein konkretes Anliegen bezieht:

Gott, schaffe mir Recht / und führe meine Sache wider das unheilige Volk und errette mich von den falschen und bösen Leuten! (Psalm 43, 1)

Davon abgesehen, ist es eben diese Bitte um Gottes Licht und Gottes Treue. DAS steht im Zentrum. Sonst nichts.
Aber wofür kann ich Gottes Licht und Treue denn gebrauchen? Na, ich würde dann manche Probleme klarer sehen, hoffentlich auch die Antworten. Ich hätte den treuen Gott an meiner Seite und könnte dann so Manches in den Griff bekommen. – Und schwupp, habe ich meinen Blick wieder fest auf „meine“ Anliegen, Probleme, Sorgen gerichtet, und nicht mehr ganz auf Gott. Etwas bösartig formuliert: Ich mache Gott zu so einer Art Kombizange. Zum Hilfsmittel bei der Lösung meiner Probleme.
Das ist jetzt sehr zugespitzt formuliert. Dabei finde ich es doch eigentlich gut, Gott um Klarheit und Hilfe bei konkreten Anliegen zu bitten.
Nur: Unser Dichter macht das hier nicht. Er braucht Gottes Licht und seine Treue nicht als die Kombizange zum Beheben seiner Probleme. Sondern wofür braucht er Gottes Licht und Treue?

… dass sie mich leiten und bringen zu deinem heiligen Berg und zu deiner Wohnung, dass ich hineingehe zum Altar Gottes, zu dem Gott, der meine Freude und Wonne ist, und dir, Gott, auf der Harfe danke, mein Gott.

In Klartext: Unser Psalm-Dichter will zum Tempel nach Jerusalem, will dort Gottesdienst feiern, will Gott als seine Freude und Wonne erleben und ihm mit Musik danken. Das ist für ihn Inbegriff von Gottes Nähe. Aber er ist nicht im Tempel, sondern weit weg: „Darum gedenke ich an dich aus dem Land am Jordan und Hermon, vom Berge Misar“ (Psalm 42, 7). Das steht für Gottesferne.
Und nun braucht er Gottes Licht und seine Treue dafür, um ihm wieder näher zu kommen. Denn wie das früher war, daran kann er sich noch erinnern: „… wie ich einherzog in großer Schar, mit ihnen zu wallen zum Hause Gottes mit Frohlocken und Danken in der Schar derer, die da feiern“ (Psalm 42, 5). Vielleicht ist ja auch so eine sehnsuchtsvolle Erinnerung manchmal ein Licht, das einen leiten kann …
Die Nähe Gottes ersehnen, suchen. Sich auf den Weg machen. Unser Problem heute: Den Tempel in Jerusalem gibt es nicht mehr. Immerhin gibt es ja um die Ecke: Kirchen.
Vielleicht beschleicht Sie an dieser Stelle der Verdacht, der Klute will Sie in den Gottesdienst kriegen. Ich antworte: Stimmt! Gerade eine Kirche könnte Ihnen zum Ort der Nähe Gottes werden. Vielleicht allein schon der Kirch-RAUM, ohne weitere Men­schen drin. Allein mit Gott. Oder eben im Gottes­dienst: Gott nahe sein zusammen mit den anderen, im gemeinsamen Singen, Beten, Hören, Abendmahl.
Jetzt sagen Sie vielleicht: „Gott ist mir aber überall nahe!“ Stimmt vermutlich. Aber die Frage ist, wo Sie umgekehrt Gott nahe sind und sein können. Der Raum ist nicht egal …
Natürlich können Sie im Bett fernsehen, telefonieren, Akten wälzen, lernen usw. Nur: Wenn Sie Schlafstörungen haben, sollten Sie Ihr Bett und am besten Ihren Schlafraum von solchen Dingen frei halten. Ein Ort nur zum schlafen. – Na ja, fast.
Wenn Sie komfortabel wohnen und Besuch bekommen, werden Sie hoffentlich wissen, wen Sie ins Wohnzimmer bitten, wen in die Küche, wen ins Schlafzimmer, wen in der Garten. Und wen Sie vor der Tür lassen. Sie werden vielleicht auch das eine oder andere aufräumen, damit der Gast sich willkommen fühlt und damit Sie Aufmerksamkeit füreinander haben.
Wenn Sie Gottes besondere Nähe suchen, ist der Raum ebenfalls nicht egal. Die Kirche geht besser als der Supermarkt, der Wald besser als die Fußgängerzone, zu Hause ist es mit Kerze, Kreuz und Bibel besser als mit hochgelegten Beinen vor dem laufenden Fernseher. Und wenn mit anderen Menschen, dann ist der Gottesdienst, egal ob in Kirche oder Wohnzimmer, geeigneter als Kaffeekränzchen und Doppelkopfrunde, die zu ihrer Zeit auch wichtig sind.
„Sende Dein Licht und Deine Treue!“ – Nicht als die Bitte, dass Gott mir nahe kommt, denn das ist er schon. Sondern als Bitte um Gottes Hilfe dabei, dass auch ich ihm nahe komme.
Und – hinten herum – als Aufforderung an uns: Lass mal „die Dinge“, „die Anliegen“, „die Probleme“, „die Mitmenschen“ und Deinen Kummer mit Dir selbst los! Stell Gott selbst ins Zentrum und suche seine Nähe!

Gebet (aus einer Übertragung von Psalm 139 von Jörg Zink):

Ich bin in dir, mein Gott, du siehst in mein Herz. Du kennst mich. Wie schön, dass du mir nahe bist und ich geborgen bin bei dir. Keinen Schritt kann ich tun, den du nicht begleitest. Kein Wort kann ich reden, das du nicht hörst, ehe es laut wird. Wie in zwei großen Händen hältst du mich. Ich bin darin geborgen wie ein Vogel im Nest.
Mein Gott, du siehst in mein Herz. Du kennst mich. Wie gut, dass du mir nah bist und ich geborgen bin bei dir.

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Der Auferstandene im Alltag. Andacht zu Ostern 2016

Es ist alles gesagt. Das Johannes-Evangelium ist zuende. Jesus ist gekreuzigt, begraben, auferweckt wor­den und seinen Freundinnen und Freunden erschienen: zuerst der Maria Magdalena, dann dem Jünger­kreis, zum Schluss noch dem zweifelnden Thomas. Am Ende dann ein Satz an die Leserinnen und Leser, also an uns:

Was aber in diesem Buch steht, wurde aufgeschrieben, damit ihr fest bleibt in dem Glauben, dass Jesus der versprochene Retter ist, der Sohn Gottes. Wenn ihr das tut, habt ihr durch ihn das Le­ben. (Johannes 20,31)

Aber dann, vielleicht zu einem späteren Zeitpunkt, fängt der Evangelist doch noch mal an. Es ist offenbar doch noch nicht alles gesagt:

Später zeigte sich Jesus seinen Jüngern noch einmal am See von Tiberias. Das geschah so: Einige von ihnen waren dort am See beisammen – Simon Petrus, Thomas, der auch Zwilling genannt wurde, Natanael aus Kana in Galiläa, die Söhne von Zebedäus und zwei andere Jünger. Simon Petrus sagte zu den anderen: »Ich gehe fischen!« »Wir kommen mit«, sagten sie. Gemeinsam gingen sie zum See und stiegen ins Boot. Aber während der ganzen Nacht fingen sie nichts. (Joh 21,1 ff.)

Na, kommt Ihnen da was bekannt vor? Ja klar, ganz am Anfang der Evangelien! Damals, als das alles losging mit Jesus für seine Jünger! Fischen im See Genezareth, wie damals. Teilweise die­selben Namen der Jünger. Und der erfolglose Fang. Auch wie damals.

Es wurde schon Morgen, da stand Jesus am Ufer. Die Jünger wussten aber nicht, dass es Jesus war. Er redete sie an: »Kinder, habt ihr nicht ein paar Fische?« »Nein, keinen einzigen!«, antworteten sie. Er sagte zu ihnen: »Werft euer Netz an der rechten Boots­seite aus! Dort werdet ihr welche finden.« Sie warfen das Netz aus und fingen so viele Fische, dass sie das Netz nicht ins Boot ziehen konnten. 
Der Jünger, den Jesus besonders lieb hatte, sagte zu Petrus: »Es ist der Herr!« Als Simon Petrus das hörte, warf er sich das Obergewand über, band es hoch und sprang ins Wasser. Er hatte es nämlich zum Arbeiten abgelegt. Die anderen Jünger ruderten das Boot an Land – es waren noch etwa hundert Meter – und zogen das Netz mit den Fischen hinter sich her. 

Zuerst wie beim „wunderbaren Fischzug“ damals, als Petrus es zum ersten Mal mit dem Rabbi Je­sus zu tun bekam. Aber dann: Als Petrus jetzt begreift, mit wem er es zu tun hat, sagt er nicht wie da­mals: „Herr, geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch!“ Nein, diesmal will er nicht weg, son­dern er kann gar nicht schnell genug hinkommen zu Jesus. Also springt er ins Wasser.

Als sie an Land gingen, sahen sie ein Holzkohlenfeuer mit Fischen darauf, auch Brot lag dabei. Jesus sagte zu ihnen: »Bringt ein paar von den Fischen, die ihr gerade gefangen habt!« Simon Petrus ging zum Boot und zog das Netz an Land. Es war voll von großen Fischen, genau 153. Aber das Netz riss nicht, obwohl es so viele waren.

Die Geschichte wird immer skurriler: Da mühen sich die Fischer noch mal richtig ab, und sie brin­gen nun einen prächtigen Fang mit – und dann sind da plötzlich schon Fische, Brot, ein Grill-Feuer. Weiß der Himmel, wo das auf einmal alles her kommt. Brot und Fische – wie früher bei der wundersamen Speisung der Vielen. Damals war klar, woher es kam, aber es war unklar, warum es auf einmal für so viele reichte.
Die Fischer sollen noch ein paar von ihren Fischen beisteuern, und Simon Petrus holt sie. Erst zusammen mit einigen der 153 Fische der Jünger ist das Mahl komplett.

Jesus sagte zu ihnen: »Kommt her und esst!« Keiner von den Jüngern wagte zu fragen: »Wer bist du?« Sie wussten, dass es der Herr war. Jesus trat zu ihnen, nahm das Brot und verteilte es unter sie, ebenso die Fi­sche. Dies war das dritte Mal, dass sich Jesus seinen Jüngern zeigte, seit er vom Tod auferstanden war.

Der Höhepunkt. Fischer, die zusammen sitzen und essen. Schweigend, ergriffen. Weil Christus lebendig unter ihnen ist – und unter ihnen lebendig ist. Und weil er ihnen gibt, wovon sie leben.
Eine ganz fremd anmutende Geschichte. Sie wirft so viele Fragen auf: Wieso die An­rede „Kinder“? Wieso sollen die Netze zur rechten Boots-Seite ausgeworfen werden? Woher kommen die Fische, die schon auf dem Feuer liegen, woher das Brot? Warum ausgerechnet 153 große Fische? Sollte es etwa Zufall sein, dass man damals weltweit 153 Fischarten kannte? Und wer hat sie in dieser Situation gezählt? Warum sind die Netze nicht zerrissen? Warum erkennen die Jünger Christus nicht sofort? Aber vor allem: Warum musste der Evangelist ausgerechnet diese Geschichte nachschie­ben? Auf die letzte Frage,, meine ich, habe ich eine Antwort:
Es schließt sich ein Kreis. Der Evangelist lässt die Geschichte der Jünger mit Jesus dort enden, wo sie angefangen hat: in Galiläa, am See Tiberias (oder Genezareth), mitten in dem ganz gewöhn­lichen, harten, zuweilen enttäuschenden Berufsalltag von Fischern. Wäre Christus hier nicht erschie­nen, man könnte meinen: die Sache mit Jesus, das war eine schöne Episode mit schrecklichem Tiefpunkt am Kreuz und einem Happy End für die Osterfeiertage, und danach ist alles, wie es war. Wie so ein Fischzug: Hoffnung, Arbeit und Mühe, mehr oder weniger Erfolg – und da­nach muss es dann ja irgendwie weitergehen.
Aber nun wird in diesem Fischer-Alltag von Leuten, die hier überhaupt nichts von Aposteln an sich haben, die erste Begegnung mit Jesus wieder lebendig. Etappen des Weges mit ihm klingen an, alte Geschichten werden gegenwärtig. Die Sehnsucht wird groß, bei ihm zu sein. Aber es bleibt nicht bei der Nostalgie. Sie erkennen ihn zwar nicht sofort, er ist irgendwie verborgen, und trotzdem: Der auferstandene Jesus ist unter ihnen. Ganz anders als gewohnt, so fremd – und doch derselbe. Er lädt sie zu Tisch. Fisch und Brot. Die Jünger steuern von ihrem Fang noch etwas bei. Viele Worte sind jetzt nicht nötig. Die Tischgemeinschaft ist vollständig. Ein Hauch von Ewigkeit mitten im Alltag. Seine Nähe macht das.
Gut, dass der Evangelist nach dem ersten Schluss noch nicht Schluss gemacht hat. Gut, dass Ostern nicht eine Woche nach Ostern endet, als Christus Thomas begegnet ist. Gut, dass Christus nicht nur in der Tempel-Stadt Jerusalem erscheint, sondern dass er bis in den Alltag des Sees Genezareth kommt, in den Berufsstress und in die Misserfolge hinein. Gut, dass auch Erinnerungen des eigenen Glaubensweges neu zum Klingen kommen – auch von damals, als alles anfing.
Und nun zu Ihnen. Die Nachricht, dass Christus auferstanden ist, hat wahrscheinlich bisher nicht Ihren kompletten Alltag umgekrempelt. Aber hoffentlich überdeckt Ihr Alltag auch nicht seine Nähe. Mag sein, Sie erkennen ihn nicht, wie er da am Ufer steht und sagt: „Na, nichts gefangen?“ Mag sein, Sie lassen sich ermutigen, noch mal die Netze auszuwerfen, es nochmal zu versuchen, auch wenn Sie nicht begreifen, wer das ist, der Ihnen da Mut macht. Es kann aber auch sein, dass es Ihnen aufgeht oder auf den Kopf zugesprochen wird – wie dem Petrus: „Es ist der Herr!“ – und Sie einen kühnen Sprung wagen. Und es kann sein, dass Ihnen mitten in Ihrem gewohnten Leben eine Gemeinschaft von Glaubenden geschenkt wird, und Christus ist mitten drin. So, dass es keine Worte und keine Erklärungen braucht. Ein Hauch von Ewigkeit. Mitten im Alltag.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen, dass Ostern immer wieder in Ihrem ganz normalen Leben aufblitzt, auch dann noch, wenn Ostern eigentlich schon wieder vorbei ist. Und dass Ihnen die Sehnsucht nach seiner Nähe groß wird und groß bleibt.

Gebet:
Christus, so oft gehst Du mir unter. In meinem Alltag. In den Belastungen, Sorgen Ent­täu­schungen. In der Arbeitsmühle. Zwischen den vielen Terminen – oder in der Ödnis von Langeweile und Sinnlosigkeit. Manchmal auch in meinen Freuden und in meiner Begeisterung. Christus, ich möchte Dich glauben, Dich spüren, Dich erkennen! Mitten in meinem Alltag. Verbirg Dich nicht! Und lass mich wach sein für Dich! Amen.

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„Gekreuzigt für uns“. Andacht zum Karfreitag 2016.

von Klaus Honermann, Schermbeck

Das große Kreuz, das über dem Altar hängt, ist verhüllt. Es schimmert leicht hindurch. Verhüllt ist vielen Menschen auch das Geheimnis des Kreuzes. Der Karfreitag will uns dieses Geheimnis nahe bringen; will uns den Gekreuzigten nahe bringen..
Die Kreuze dieser Welt sind vielfältig. So vielfältig, dass wir am liebsten die Augen davor verschließen möchten und unsere Ohren dazu. Ich brauche sie im Einzelnen gar nicht aufzählen. Sie sind uns bekannt – und es würden ohnehin immer noch zu viele Opfer und Leidende unerwähnt bleiben. Oft rücken besonders spektakuläre Katastrophen, die in den Medien große Wellen auslösen bis hin zum medialen Ausschlachten, alles andere Leid in den Schatten.
Das Leid dieser Welt ist so ungeheuerlich und schwer, dass die Gefahr besteht, zu leicht-fertig über diese Belastung unzähliger Menschen zu reden. Eben fromme Gedanken darüber zu machen – zumal in einem Gottesdienst, der durch seinen in gewisser Weise feierlichen Rahmen noch dazu verleiten kann. Mehr jedenfalls, als wenn wir am Bett eines Sterbenden stehen oder als Rettungssanitäter einen Schwerstverletzten bergen. Der tut jedenfalls etwas. Und was tun wir?
Wir versuchen uns am Tag des Sterbens Jesu uns bewusst zu werden, was dieser Tod vor rund 2000 Jahren für uns bedeuten kann.
Es hat Folteropfer und Todkranke gegeben, die haben mehr gelitten als dieser Jesus aus Nazareth – körperlich ganz gewiss, obwohl das qualvolle Ersticken am Kreuz auch keine Kleinigkeit war. Aber es geht ja nicht darum, aus Jesus den zu machen, der am meisten gefoltert wurde.
Es geht – aus der Sicht unseres Glaubens – darum, was dieses Geheimnis für unsere Beziehung zu Gott und seine Beziehung zu uns bedeutet.
Aus unserer Perspektive würden wir sagen, dass Gott den Kreuzen dieser Welt ein Ende bereiten müsste, dass er – bildlich gesprochen – unter Protest von den Kreuzen, welche die Kreuzfahrer und Eroberer der sog. „Neuen Welt“ bei ihrer Gewaltausübung voran-trugen, herabsteigen müsste. Und in seiner Ohnmacht hat er genau das nicht getan.
Was aber ist die Antwort Gottes auf die Kreuze unserer Zeit und aller Zeiten?
Der Glaube sagt uns, dass Gott unsere Schmerzen, unsere Schreie, unsere Verzweiflung, unsere Todeserfahrung, unsere Kreuze zu seinem Schmerz, zu seinem Schrei, zu seiner Verzweiflung, zu seiner Todeserfahrung, zu seinem Kreuz gemacht hat.
Schon Paulus hat gesagt, dass dies – weiß Gott – ein verrückter Glaube ist. Ein Glaube, der die Maßstäbe unseres Lebens buchstäblich ver-rückt.

Klaus Hemmerle hat so gebetet:

Jesus, du weist mich auf dein Kreuz, du weist mich auf Deine Wunde,
führst mich in den Schrei deiner Gottverlassenheit
und in den Schrei deiner Hingabe …
Du holst das Kreuz, das auf der Spitze unserer Kirchen und Berge,
in der Höhe über unseren Altären schwebt,
zugleich herunter und hinein in den Alltag.
Nichts kann mir begegnen,
was nicht drinnen wäre in deiner liebenden Todeshingabe,
in deiner – Tod in Leben verwandelnden – Erlösungstat.

„Du holst das Kreuz … hinein in den Alltag …“
Und genau da in unserem Alltag wollen wird das Kreuz nicht haben. Und das ist zunächst auch gut so. Denn nicht DAS Kreuz kann uns erlösen, sondern nur das Kreuz JESU; nur JESUS selbst kann von uns in den Blick genommen werden – und heute besonders.
darum verehren wir heute eigentlich auch nicht DAS Kreuz, sondern den, der für uns gestorben ist. Heute in besonderer Weise erinnern wir uns daran, dass Jesus für uns das Leben gegeben hat.
Und ich sage bewusst „Leben gegeben“ und nicht einfach nur gestorben. Jesus ist nicht einfach irgendwie gestorben. Es war ein bewusstes Verschenken seines Lebens. So hat er uns in seinem Sterben sein LEBEN hinterlassen.
In all dem, was uns Schmerzen verursacht: Alleinsein, Krankheit, Unsicherheit, Verlust geliebter Menschen, Überforderung, Scheitern, Ausweglosigkeit, Ohnmacht angesichts von Entscheidungen anderer, Glaubensverlust, nicht gelebtes Leben, Ängste …. in all dem ist er da mit uns, bei uns, für uns. Zutiefst verbunden mit uns.
Darum versuchen wir ihm heute zu sagen: In all dem möchte ich mit dir, für dich leben. Wohl wissend, wie oft das nicht gelingt, wie oft wir dieser Begegnung mit ihm ausweichen – unbewusst und bewusst. Manchmal sind Schmerzen auch unerträglich.
Aber in dieser Stunde und jedes Mal, wenn wir das Kreuzzeichen über uns machen, können wir uns neu ihm öffnen, der unseren Schmerz an sich heranlässt ohne Rückhalt.

Amen.

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