Sind Sie sicher? Andacht zum 20.7.2018

ANDACHT HÖREN

Ich liege und schlafe ganz mit Frieden, denn allein Du, HERR, hilfst mir, dass ich sicher wohne. (Psalm 4, 9)

Aha, Gott hilft also, dass Sie sicher wohnen. Sie können sich Hausratversicherung, Wohngebäu­deversicherung und Sicherheitsgurt sparen. Die Alarmanlage können Sie abklemmen.

Aber sind Sie sicher? Wirklich? Ist zum Beispiel Ihr Herd aus? Haben Sie die Kerze ausgepustet? Ist die Haustür abgeschlossen? Auch die Hintertür? Die Kaffeemaschine ist wirklich abgeschaltet? Wird der Schlauch an der Waschmaschine noch bis zum Ende Ihres Urlaubs halten? Was ist mit Bazillen, Viren, Keimen? Chemie im Bier?

Sind Sie sicher? Ist dieses Herzpochen wirklich nichts Schlimmes? Und der Schwindel? Die Erschöpfungen? Diese unerklärlichen Schmerzen, wenn Sie ganz genau hin fühlen? Haben Sie da was ertastet, was sonst nicht da war? Ist die Liste mit den Telefonnummern der Spezialisten und der Notdienste immer griffbereit? Sind Sie ausreichend versichert?

Sind Sie sicher? Passt die Kleidung? Ist der Reißverschluss zu? Hält das Deo? Wird Ihre Stimme nicht versagen? Werden Sie nicht zittern? Nicht rot werden? Sich nicht verhaspeln? Werden wirklich alle anerkennend nicken? Oder die Stirn runzeln? Gönnerhaft lächeln?

Sind Sie sich sicher? Soll es die Lehre als Schreiner oder als Maurer sein? Am besten Beamter: Da sind Sie sicher, da haben Sie ausgesorgt! Soll es Lieschen Müller oder Lotte Meier sein? Und wie sicher sind Sie, dass eine von denen Sie denn will? Hamburg oder München? Tee oder Kaffee? Den Bestseller X oder Y? Agnostikerin, Buddhistin, Christin oder Atheistin? Pflegedienst X oder Y? Es sagen oder die Klappe halten?

Sind Sie sicher? Führen Ihre freundlich auftretenden Mitmenschen wirklich nichts Böses gegen Sie im Schilde? Was ist das für ein Wagen, der neuerdings dauernd schräg gegenüber parkt? Was tuscheln die Leute? Warum hören die plötzlich auf zu sprechen, wenn Sie erscheinen? Was war das gerade für ein Geräusch mitten in der Nacht?

Und Ihr Auto? Sind die Radmuttern wirklich fest? Ist die Beleuchtung intakt? Würden Sie auf Autogas oder Erdgas umsteigen? Steigen Sie überhaupt noch ins Auto? Was ist mit diesen unbekannten Fahrgeräuschen? Und den Irren im Straßenverkehr? Was mag mit Ihren Lieben passiert sein, die schon mehr als eine Viertelstunde überfällig sind?

Ach, und der liebste Mensch an Ihrer Seite: Diese Anrufe von Unbekannt. Immer öfter hören Sie „Schatz, es wird später!“ Und dieses selige Lächeln – an Ihnen wird‘s wohl kaum liegen. Das Haar auf dem Pullover, das zu keinem hier im Haus recht passt. Diese auffällig langen Zeiten am Computer und am Smartphone.

Sind Sie sich wirklich sicher? Wo wir doch unterwandert werden. Die Lügenpresse. Die Russen. Die Moslems. Die Kapitalisten. Die Politiker. Der CIA. Das System. Das Internet. Die Mafia. Die Außerirdischen. Der Teufel. Und überall Kameras und Abhör-Anlagen. Eines ist sicher: Sie können sich nie so ganz sicher sein. Außer im Atombunker – aber nur, falls die Konserven noch nicht abgelaufen sind.

Ich bin nicht sicher. Und die Patienten in meiner psychiatrischen Klinik sind auch nicht sicher: Leute mit Angst- und Zwangsstörungen, mit Paranoia, Selbstunsicherheit, verhuscht und schüch­tern, auf der Flucht vor Triggern und Flashbacks, in unsicheren Lebens- und Beziehungs­-Situationen, mit bedrohlichen Krankheiten, im Stillstand vor überfordernden Entscheidungen. Und denen soll ich nun Sicherheit geben? Ausgerechnet ich?

Aber dann gibt es ja noch die anderen. Die, die sich allzu sicher sind. Das sind natürlich immer NUR die anderen, das bin niemals ich selbst. Die sind wirklich felsenfest überzeugt: Es wird nichts anders oder gar besser, höchstens schlimmer. Das Leben ist eine Sackgasse, es gibt keine Wende-Möglichkeit. Die Kindheit war verkorkst – und das ist jetzt das unabänderliche Schicksal. Der liebe Gott hat alles vorherbestimmt. Das Leben spielt so und so – und basta. Oder die Sicherheit: Dieses eine Bier nach zehn Jahren Abstinenz, das wird doch wohl mal gehen! Und Überholen, das werde ich gerade noch schaffen! Der Gegenverkehr ist ja wohl noch weit genug weg …

Eigentlich müssen wir uns auch über die Verunsicherten keine Sorgen machen, denn auf eine andere Art sind sich die schwer Verunsicherten ebenfalls sehr sicher: Das Haus wird abbrennen, der Herztod wird kommen, ich werde mich bis auf die Knochen blamieren, ich werde die falsche Entscheidung treffen, alle Menschen sind meine Feinde, mein Partner wird mich verlassen, die Außerirdischen sind unser Untergang.

Allein Du, HERR, hilfst mir, dass ich sicher wohne“, heißt es in unserem Psalm-Vers im Alten Testament. Merkwürdig! Wo es doch keine Sicherheit gibt! Und wo die Rest-Unsicherheit gar nicht klein genug sein kann, um sich daran nicht doch noch kaputt zu zersorgen. Wie kann unser Psalm-Beter so etwas sagen?

Ich habe es recherchiert: In meiner Luther-Bibel kommt die Wendung „sicher wohnen“ im Alten Testament über 30 mal vor. Meine Entdeckung: Im hebräischen Original steht da „Vertrauen“ (בֶטַח). Das ist etwas anderes als „sicher“. Wenn Sie mit Vertrauen eine hohe Autobahnbrücke überqueren, dann gehen Sie davon aus: Die Brücke ist bei der Konstruktion richtig berechnet und gut geprüft worden. Wenn ein anderer die Brücke überquert, aber mit Misstrauen, hat er die Rest-Unsicherheit im Nacken. Es ist dieselbe ziemlich sichere Brücke. Aber die seelische Begleitmusik beim Überqueren ist eine andere. Deswegen: Wenn Sie sich vor allem vom Misstrauen leiten lassen, können Sie die „Sicherheit“ noch sonst wie erhöhen – ein Rest-Risiko wird bleiben. Ihre Angst auch. Und nicht nur ein Rest.

Wegen des „Vertrauens“ finde ich deshalb an dieser Stelle die „Einheitsübersetzung“ besser als die Luther-Bibel: „Du allein, HERR, lässt mich sorglos wohnen.“

Und wenn dann doch die Einbrecher kommen oder der Blitz einschlägt? Vertrauen auf Gott ersetzt nicht den Blitz-Ableiter und schafft kein Null-Risiko. Aber wo mir Vertrauen auf Gott geschenkt wird, da „weiß“ ich – wenigstens für den Moment: So groß das Unheil auch ist, das mich treffen kann: Gottes Liebe ist größer!

Keiner hat das schöner gesagt als Paulus. Der ist sich übrigens auch nicht „sicher“, sondern „gewiss“:

Ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch irgendeine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn. (Römerbrief 8, 38 f.)

Gebet:

Gott, Du weißt um meine Sorgen, und wie die Angst immer wieder übermächtig nach mir greift. Bitte stärke mein Vertrauen in Dich! Dass es mir mit Dir an meiner Seite leichter wird mit dem, was mich bedroht! Bereite vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde! Amen.

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Steuern, Gott und Gewissen. Andacht zum 13.7.2018

von Reinhard Gaede, Herford

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Zahlst Du gerne Steuern? Gibst Du dem Finanzamt, was ihm gehört? Gibst Du alle Einkünfte genau an? Wie ist es mit den übrigen Ansprüchen des Staates? Schulpflicht? Militärdienst? Würden wir eine Umfrage halten, käme heraus, dass mancher Bürger und Christ ein zwiespältiges Verhältnis zum Staat hat.

Das Thema Geld überhaupt greift tief in unsere persönliche Sphäre. „Geld verdirbt den Charakter“, sagt man. Oder ist es nicht vielmehr so: Wenn’s ans Geld geht, zeigt sich der wahre Charakter. Und die Ansprüche des Staates? Eigentlich kommt es darauf an, auf welchen Zweck und welches Ziel sie sich richten? Was tut der Staat mit den Steuer-Milliarden? Und wie beschäftigt er seine Beamten und Soldaten? Fragen, die eigentlich immer neu zu stellen sind.

Die christliche Gemeinde sieht auf ihren Herrn. Wie hat er sich verhalten gegenüber den Ansprüchen des Staates? Wir lesen dazu, was das Evangelium sagt:

Da gingen die Pharisäer hin und hielten Rat, dass sie ihn fingen in seinen Worten, und sandten zu ihm ihre Jünger samt den Anhängern des Herodes. Die sprachen: Meister, wir wissen, dass du wahrhaftig bist und lehrst den Weg Gottes recht und fragst nach niemand; denn du achtest nicht das Ansehen der Menschen. Darum sage uns, was meinst du: Ist’s recht, dass man dem Kaiser Steuern zahlt, oder nicht? Da nun Jesus ihre Bosheit merkte, sprach er: Ihr Heuchler, was versucht ihr mich? Zeigt mir die Steuermünze! Und sie reichten ihm einen Silbergroschen. Und er sprach zu ihnen: Wessen Bild und Aufschrift ist das? Sie sprachen zu ihm: Des Kaisers. Da sprach er zu ihnen: So gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist! Als sie das hörten, wunderten sie sich, ließen von ihm ab und gingen davon. (Matthäus 22, 15-22)

Da kommen sie zu ihm, nur um ihm diese schwierigen Fragen vorzulegen. Nicht in ehrlicher Ratlosigkeit, nicht um sich durch einen Rat helfen zu lassen, sondern listig, um ihm eine Falle zu stellen, um sich daran zu weiden, wie er an bekannten Schwierigkeiten scheitern wird. Mit schmeichlerischen Worten wird die Frage gestellt, um die Schlinge zu verbergen. Und sie merken nicht, dass doch Wahrheit ist, was in Wirklichkeit keine ernst gemeinten Worte sind: „Du bist wahrhaftig und lehrst den Weg Gottes recht.“ Und nun die raffiniert gestellte Frage: „Ist’s recht, dass man dem Kaiser Steuern zahlt oder nicht?“

Jedem der Zuhörenden ist klar, was gemeint ist. Juda war im Jahr 6 n. Chr. eine römische Pro­vinz geworden, der Steuerpflicht unterworfen. Ab 14 Jahren musste jeder eine Kopfsteuer von einem Silber-Denar zahlen, was dem Tageslohn eines Arbeiters entsprach. Dagegen waren die Zeloten aufgestanden, die „Eiferer“, die einen 60jährigen Guerilla-Krieg gegen die Besatz­ungs­­macht führten, auch gegen kollaborierende Juden – bis sie den Krieg auslösten, der zur Zerstörung des Tempels 70 n. Chr. führte.

Würde Jesus antworten: „Klar müsst ihr dem Kaiser Steuer geben“, würde er bei den Zeloten als vaterlandsloser Geselle beschimpft oder bedroht. Würde er aber sagen: „Bloß nicht zahlen!“, würden ihn die Anhänger des Königs Herodes, die mit den Römern kollaborierten, als Revolutionär verklagen können.

Was wird Jesus antworten? „Ihr Heuchler!“ so entlarvt er sie. Sie sollen merken, er hat sie durchschaut, ihr Taktieren, ihre Tricks, ihre Scheinheiligkeit. „Zeigt mir die Steuermünze!“ sagt er. Er selbst hat also kein Geld in der Tasche. Er ist also nicht auf Gewinn aus. Eine prophetische Zeichenhandlung beginnt. An einem Zeichen soll deutlich werden, was über Gott und die Welt zu sagen ist. An einem Geldstück wird´s erklärt.

Der Denar zeigt eine Aufschrift, die jeden Juden zurückschrecken lässt: „Tiberius Cäsar, anbetungswürdiger Sohn des anbetungswürdigen Gottes“ stand da; auf der Rückseite: „Ponti­fex maximus“, oberster Priester. Zu sehen war das Bild des Kaisers und der Kaiserin-Mutter. Eigentlich war das ganze eine doppelte Gotteslästerung: Erst einen Menschen zum Gott erklären. Und dann ihn noch als Gott abbilden. Und schließlich noch eine Drohung: Wer Steuern verweigert, wird bestraft.

Nun ist die Spannung unerträglich. Wie wird Jesus antworten? Seine Worte sind so einfach und klar, dass sie künstliche Gebäude von Gelehrsamkeit durchleuchten.

Man kann Bibliotheken voller Bücher schreiben über das Verhältnis Kirche, Christen und Staat. Es hat das Bündnis von Kirche und Staat gegeben seit Kaiser Konstantins Sieg über seinen Rivalen Maxentius an der Milvischen Brücke 312 n. Chr., das Gottesgnadentum der abso­lutistischen Herrscher, den Bund von Thron und Altar im Kaiserreich, den Bund von Altar und Nation in der Weimarer Republik. Vergöttert kann der Staat werden wie im römi­schen Reich oder die Obrigkeit kann zumindest kritiklos verehrt werden.

Der Staat kann aber auch verspottet und missachtet werden, wie das heutzutage geschieht, wenn im Kapitalismus Staat durch Markt ersetzt wird. Bisherige Funktionen kommunaler oder staatlicher Ver­sorg­ung wie Verkehr, Gesundheit, Schulen sind auf dem Wege der Pri­vati­­sierung Spielball von Gewinn-Interessen geworden.

Für Risiken des Lebens wie Krank­heit, Armut usw. soll nicht mehr der Sozialstaat solidarisch zuständig sein, sondern jeder einzel­ne soll für sich selbst sorgen, ihm wird scheinheilig „Eigenverantwortlichkeit“ empfoh­len: Renten? Jeder soll sich zusätzlich selbst versichern! Bildung? Soll man zusätz­lich kaufen in Privatschulen, je nach Geldbeutel. Sicherheit? Wozu gibt es Sicherheits­dienste usw. Wenn staatliche und kommunale Leistungen privatisiert werden, wandelt sich der Bürger zum Kun­den.

Das geht so lange gut, bis der Casino-Kapitalismus in der weiten Welt kollabiert, weil die Blasen der Spekulation platzen und die Finanzwirtschaft an die reale Wirtschaft wieder angekoppelt werden muss. Das geschieht dann so: Nachdem die Gewinne privatisiert waren, sollen die Verluste sozialisiert werden, d.h. alle Bürgerinnen und Bürger sollen die Verluste der Kapitaleigner und Banken bezahlen. Nach dem Streit über geringe Er­höh­ungen beim Kindergeld, bei den Renten, beim Arbeitslosengeld soll plötzlich mit Schwindel erregender Summe (damals 500 Milliarden) das Bankensystem gestützt werden.

Wie das die Steuerzahlenden und die nächste Generation tragen sollen, ist noch ungewiss. Das Bankgewerbe selbst entzieht sich weitgehend seiner Verantwortung. Es ist sich seines Poten­tials an Erpressung wohl bewusst.

Was sagt Jesus? „Gebt also dem Kaiser, was ihm gehört und Gott, was Gott gehört!“ Der Kaiser, wer ist das? Nicht der, der er zu sein beansprucht. Die Parallele ‚Kaiser und Gott’ ist ironisch, denn weder Kaiser noch Staat sind unvergängliche göttliche Wesen. Der vorläufigen Welt gehören sie an, der Welt, die sich wandelt, die einmal alt sein und vergehen wird. Kaiser bzw. Staat prägen Geld, aber Gott will unser Leben prägen. Dem himmlischen Vater verdan­ken wir unser Leben, er allein kann den letzten Anspruch auf unser Leben erheben. Johannes Rau (1931-2006) sagte dazu mit Recht: Es geht um die Begrenzung des Staates. Die Grenze verläuft dort, wo die Antwort auf die Frage fällig wird, wessen Bild die Menschen tragen und nach wessen Bild sie geschaffen sind. Der Mensch gehört Gott und nicht dem Staat.

Hier beginnen die Gewissensentscheidungen. Immer wieder sind Einzelne oder Gruppen in Widerspruch zur staatlichen Ordnung geraten, z.B. in der Frage Wehrdienst und Friedens­poli­tik: Mennoniten und Hutterische Brüder, Quäker und Bruderhöfer. Sie haben Friedenskirchen gebildet, sind um den ganzen Erdkreis gezogen, um ein Fleckchen Erde zu finden, wo sie ihrem Gelübde treu bleiben konnten, konsequent für Gewaltlosigkeit einzutreten.

Der römische Kaiser schreckt uns nicht mehr. Aber viele kleine Kaiser sind geblieben. Sie hämmern uns in den Kopf und blasen uns ins Ohr. Druck von Erwartungen, gleichförmige Lenkung von Informationen und Kampagnen der Kartelle von Meinungsmachern, zwanghafte Vorstellungen, vermittelt von außen, innerlich dann akzeptiert.

Die Freiheit der Gewissens­entscheidung muss ständig neu gefunden werden. Gott verdanken wir, was wir sind und haben. Wir haben Grund zur Dankbarkeit. Dass wir deshalb Gott geben, was Gott gehört, soll unser Leben frei und fröhlich machen.

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Gelassenheit. Andacht zum 6.7.2018

Von Klaus Honermann, Schermbeck

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Am Abend sagte Jesus zu seinen Jüngern: Wir wollen ans andere Ufer hinüberfahren. Sie schickten die Leute fort und fuhren mit ihm in dem Boot, in dem er saß, weg; einige andere Boote begleiteten ihn.

Plötzlich erhob sich ein heftiger Wirbelsturm, und die Wellen schlugen in das Boot, so dass es sich mit Wasser zu füllen begann. Er aber lag hinten im Boot auf einem Kissen und schlief. Sie weckten ihn und riefen: Meister, kümmert es dich nicht, dass wir zugrunde gehen?

Da stand er auf, drohte dem Wind und sagte zu dem See: Schweig, sei still! Und der Wind legte sich und es trat völlige Stille ein.

Er sagte zu ihnen: Warum habt ihr solche Angst? Habt ihr noch keinen Glauben? Da ergriff sie große Furcht und sie sagten zueinander: Was ist das für ein Mensch, dass ihm sogar der Wind und der See gehorchen? (Markus 4, 35-41)

Kleine Kinder haben die Gabe, mitten in Lärm und Unruhe tief zu schlafen. Da können wir Erwachsenen nur staunen. Wie schafft man das? Wie kommt das, dass diese Kinder in dem Krach nicht wach werden? Jesus hatte offenbar auch in diesem Sinne die Ruhe weg.

Die Jünger haben nicht schlecht gestaunt, als sie im Seesturm waren, das Boot voll Wasser lief und unterzugehen drohte – und Jesus schläft da seelenruhig auf einem Kissen. Die Jünger fanden das gar nicht cool, sie waren nicht im positiven Sinne erstaunt – dazu hatten sie viel zu viel Angst und Panik. Sie sind wie wahnsinnig am Wasserschippen, schauen voller Angst auf die nächste Sturmwolke – und Jesus schläft.

Wie kann Jesus da in einer solchen Situation schlafen? Ist ihm die Gefahr für ihn selbst und seine Freunde total egal? Könnte er nicht wenigstens mithelfen, das Wasser aus dem Boot zu schippen, auch wenn er kein Fischer ist? Aber nein! Er schläft. Man könnte das als Dickfelligkeit ansehen oder naive Verkennung der Lage. Aber das war es ja wohl nicht. Ich denke da an das Wort der Heiligen Schrift, das manchmal auch eher ironisch verwendet wird: „Den Seinen gibt’s der Herr im Schlaf.“

Und wir selbst? Neigen wir eher dazu, den Sorgen großen Raum zu geben, in Hektik und Stress zu verfallen? Fühlen wir schnell eine Überforderung und geraten in Panik angesichts dessen, was zu schaffen ist?

Wenn wir so veranlagt sind, dann beneiden wir schon mal Menschen, die nichts aus der Ruhe bringen kann – oder aber wir sind sauer auf sie, weil sie unsere Notlage gar nicht nachempfinden und vielleicht noch mit einem Spruch reagieren wie: „Immer mal cool bleiben!“

Jesus auf seinem Kissen war nicht einfach cool drauf. Er lebte aus einem tiefen Vertrauen zu seinem himmlischen Vater. Und uns wird diese wie auch andere Erfahrungen aus den Evangelien erzählt, um uns in dieses Vertrauen zu Gott hinein zu holen. Das können wir uns nicht wie einen Befehl zukommen lassen – und „dann klappt das“. Für besorgte und ängstliche Menschen ist jedes Mal, wenn Vertrauen und das Sich-fallen-lassen gelebt werden kann, ein enormer „Erfolg“.

Wir hatten vor einiger Zeit den Jugendaktionstag mit einer Jugendmesse. Für die Messe fehlte mir bis kurz davor die Musikgruppe, die ja gerade auch für einen solchen Gottesdienst eine besondere gefühlsmäßige Bedeutung hat. In den Tagen begleitete mich das Wort aus dem Lukasevangelium: „Eines nur ist notwendig.“ (Lk 10,42) Die Einladung, in der vertrauensvollen Nähe zu Jesus das letztlich Entscheidende zu suchen, bei aller Notwendigkeit, zur gegebenen Zeit für das zu sorgen, was getan werden muss. Ich ging in die Kirche, um jemandem einen Gefallen zu tun. Und siehe da: Eine Band probte für den 10er Entlass-Gottesdienst. Ich fragte sie – und sie waren sofort bereit, bei der Jugendmesse zu spielen. Ich wünschte mir, dass es mir gelänge, öfter so ruhig zu bleiben.

Gelassenheit – darin steckt ja das Wort LASSEN. Wir können wohl nur dann lassen und loslassen, wenn wir die innere Gewissheit haben, dass im Letzten nichts passieren kann, dass Gott uns zur Seite steht.

Loslassen, zum Beispiel auch Kinder frei lassen ohne allzu große Besorgtheit, das betrifft auch die sogenannten Helikopter-Eltern, die ständig von oben überwachen, ob dem Kind auch ja nichts passiert.

Gelassenheit ist eine Gabe, die wir immer wieder neu vom heiligen und heilenden Geist Gottes erbitten können. Das folgende – vielen bekannte – Gebet kann vielleicht dabei helfen:

Gott gebe mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,

den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann,

und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden. (Reinhold Niebuhr)

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Warum der Pastor nicht mehr zum Fußballplatz kommt. Statt einer Andacht. Zum 29.6.2018

TEXT HÖREN

Warum der Pastor nicht mehr zum Fußballplatz kommt:

1. Jedes Mal wird Geld gesammelt.
2. Noch nie kam der Trainer mich besuchen.
3. Die Sitzplätze sind zu hart.
4. Die Leute, neben die man sich setzen muss, sind unsympathisch.
5. Der Schiedsrichter traf mal eine Entscheidung, mit der ich nicht einverstanden war.
6. Das Spiel dauert manchmal länger als vorgesehen.
7. Die Musikkapelle spielte Lieder, die ich noch nie gehört habe.
8. Die Spiele werden zu einer Zeit angesetzt, in der ich etwas anderes vorhabe … und
9. überhaupt, in meiner Kindheit haben mich meine Eltern zu oft zum Fußballplatz mitgenommen.

Aus dem Pfarrbrief Windheim, entdeckt von Frank Kohlmeyer, Münster

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Euodia, Syntyche und das Streiten. Andacht zum 22.6.2018

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Ein Manager von Coca-Cola hat eine Privat-Audienz beim Papst. Sein Anliegen: „Könnten Sie das Vaterunser ändern? ‚Unsere tägliche Cola gib uns heute!‘?“

Der Papst lehnt entrüstet ab. Als der Manager aber eine Spende in Aussicht stellt und immer noch eine Null mehr dran hängt, zieht sich der Papst zurück und fragt seinen Privatsekretär: „Sag mal: Was hat damals eigentlich die Bäcker-Innung gezahlt?“

Kenner ahnen sofort: Dieser Witz kann unmöglich zu Zeiten des gegenwärtigen Papstes entstanden sein. Aber als Konzern werbewirksam an prominenter Stelle in der Bibel vorzukommen, das wäre wahrscheinlich ein Traum für die PR-Manager aller Epochen.

Und wie ist das mit Ihnen? Würden SIE gern in der Bibel vorkommen?

Falls ja, kann ich Sie erfreuen: Sie kommen vor! Denn: Wenn Sie mit Bedacht einen Bibeltext lesen, dann ist das eine der besten Fragen: „Wo komme ICH denn da vor?“ Wenn Sie sich das fragen, wenn Sie vielleicht nicht bei jedem Bibeltext fündig, aber immer wieder. Sie kommen drin vor! Nur deswegen kann Ihnen die Bibel zur „Heiligen Schrift“ und zu „Gottes Wort“ werden.

Aber: Würden Sie auch namentlich drin vorkommen wollen? Also ich fände: Wenn statt Abraham, Mose, David oder Petrus da „Dirk Klute“ stünde, das würde mein Ego enorm streicheln. Jedenfalls auf den ersten Blick. Auf den zweiten Blick ist das ein bisschen anders: Von fast allen biblischen Gestalten finden wir nämlich auch Schattenseiten: Schuld, Versagen, schwierige Cha­rak­ter­züge. Ich weiß es zwar nicht genau, aber mir scheint: Das unterscheidet die Bibel von anderen „heiligen Schriften“ der Weltliteratur: die Schattenseiten ihrer „Helden“ …

Ihr Name in der Bibel? Zwei Frauen haben das geschafft. Ganz ohne Spende an den Papst. Leider auch nicht durch eine Heldentat. Sondern durch Streit. Paulus redet die beiden direkt an in seinem Brief an die Philipper. Ihre Namen: Euodia (nicht: „Evodia“ wie in fast allen Übersetzungen) und Syntyche. Zu Deutsch: „Wohlgeruch“ und „Mit-Glück“. Zu solch lieblichen Namen passt natürlich kein Streit. Es wird wohl auch keine Drei-Tage-Zickerei gewesen sein, sonst wäre die Sache nicht bis zu Paulus ins Gefängnis nach Ephesus durchgedrungen. Vielleicht war es ihnen dann peinlich, dass Paulus ihren Streit im Brief an die komplette Gemeinde kurz anspricht. Vielleicht wäre es ihnen erst recht peinlich, dass sie damit nun seit bald 2000 Jahren in der Bibel stehen.

Schauen wir uns mal indiskret diesen persönlichen Brief-Abschnitt an:

Meine geliebten und ersehnten Geschwister, meine Freude und mein Siegeskranz, steht in dieser Weise fest im Herrn, Geliebte! Die Euodia ermahne ich, und die Syntyche er­mahne ich, dieselbe Gesinnung zu haben im Herrn! Ja, ich bitte auch dich, mein rechter Gefährte, stehe ihnen bei, die in dem Evangelium zusammen mit mir gekämpft haben, auch mit Klemens und meinen übrigen Mitarbeitern, deren Namen im Buch des Lebens sind. (Philipper 4, 1-3)

Sie merken gleich im ersten Satz: Paulus hat richtig viel übrig für seine Glaubens-Geschwister in Philippi. Und dann die Ermahnung an Euodia und Syntyche. Früher erschien mir diesen Stelle nicht spannend. Eher so eine platte Ermahnung wie „Nun zankt Euch mal nicht!“ oder „Nun vertragt Euch mal wieder!“ Aber ich habe da ein paar Dinge gefunden …

  • Paulus ergreift nicht Partei. Es sagt nicht, wer aus seiner Sicht Recht hat. Wir wissen nicht mal: Streiten sich die beiden in einer Sach-Frage? Oder streiten sich die beiden dauernd, und die Streit-Themen sind austauschbar? Das eine wäre eher die Sach-Ebene, das andere die Beziehungs-Ebene. Paulus „ermahnt“ ausdrücklich beide. Das Wort „ermahnen“ fällt zweimal. Auch wer Recht hat oder „mehr“ Recht hat, braucht offenbar die Ermahnung!

  • Ermahnung wozu? „Dieselbe Gesinnung im Herrn“! Das klingt ein bisschen anders als „dieselbe Meinung“ oder „dieselbe Position“. Es ist eine Frage der gemein­samen Grund-Orientierung. Im Bild gesprochen: Es geht nicht darum, ob Schalke oder Dortmund die tollere Mannschaft ist, sondern um die Grund-Orientierung: Fußball! – Nur dass es Paulus eben nicht um Fußball geht, sondern um „den Herrn“. Damit ist Christus gemeint. Um den dreht es sich bei Paulus. Und um den dreht es sich in der Gemein­de. Jedenfalls in Philippi.

  • Beistand für die Streitenden: Paulus spricht seinen „rechten Gefährten“ an. Wörtlich steht da: „Joch-Genosse“. Das ist der andere Ochse, mit dem man zusammen das gemeinsame Joch zieht. Jedem scheint klar zu sein, wen Paulus da meint, den Namen muss er nicht extra sagen. Der soll den beiden beistehen. Was für eine Art von Beistand? Wörtlich steht da: sie „miteinander annehmen“. Auch hier geht es nicht darum zu sagen, wer nun Recht hat. Sondern: Beide (!) sollen Beistand spüren und sich angenommen wissen.

  • Eine gemeinsame Geschichte verbindet! Paulus erinnert daran: Euodia und Syntyche gehörten zusammen mit ihm selbst, mit Klemens und ein paar anderen zum selben Team! Alle haben sich zusammen für das Evangelium eingesetzt, will sagen: die gute Botschaft von Jesus bekannt gemacht! (Übrigens: In der antiken Macho-Gesellschaft hatte Paulus MitstreiterINNEN.)

  • Gemeinsam im Buch des Lebens! – Das sagt Paulus so ganz nebenbei. Aber es ist nicht ohne. Denn: Wenn die andere bei Gott im Buch des Lebens steht, dann kann ICH sie unmöglich verdammen! Kritisieren und streiten – ja! Aber verdammen? Nein!

Und nun meine Frage von eben: Kommen außer Euodia und Syntyche auch SIE in diesem Abschnitt vor? Vermutlich ja. Ihnen wird wohl der eine oder andere Konflikt einfallen, in dem Sie verwickelt sind, und der schon länger als drei Tage schwelt. Oder den Sie offen austragen. Oder Sie schauen vom Rand aus zu und fragen sich: Soll ich mich beteiligen? Oder mir lieber nicht die Finger verbrennen?

Paulus hat für Euodia und Syntyche, für Sie und mich keine flotte Lösung und auch keinen Richter-Spruch dazu, wer nun Recht hat. Gut so! Denn Streiten kann Not-wenig sein. Streiten kann gute Ergebnisse bringen, Streiten kann verbinden und Beziehungen stärken. Es hängt allerdings viel am „Wie“. Und da haben Sie jetzt Dinge erfahren, die das Zeug für eine ungefähre Orientierung haben:

  • Akzeptieren, respektieren; nicht verdammen!

  • Sich auf das Gemeinsame, auf das Verbindende besinnen! Unter Christen kann es etwas verändern, wenn ich mir in der Stille sage: „Wir haben denselben Herrn!“ Und selbst wenn der andere nicht diesen Herrn hat, könnte es wenigstens meinen Streit-Stil ändern, wenn ich mich ermahne: Bitte „christlich“ streiten! Zu meinem Herrn passend!

  • Sich – trotzdem – an die gemeinsame Geschichte und das gemeinsame Team erinnern!

Akzeptieren, Respektieren, Besinnen, Erinnern. Das sind alles Tätigkeiten, die nicht so ganz zum Eifer des Gefechts passen. Und das ist gut so. „Besonnen“ streitet es sich besser. Gut, dass Euodia und Syntyche es mit ihrer Privat-Angelegenheit in die Öffentlichkeit der Bibel geschafft haben – und dass sie dort bleiben bis ans Ende aller Tage. Denn so lange wird noch gestritten.

Christus, so schnell ist das passiert: Dass ich im Streit Dinge sage oder tue, die ich später bereue. Oder die ich nicht bereue, obwohl ich sie bereuen sollte.

Christus, wie schnell ist das passiert: Dass ich einer nötigen Auseinandersetzung aus dem Weg gehe – um des lieben Friedens willen. Und dabei selbst untergehe. Oder wichtige Anliegen.

Christus, ich bitte Dich um Deinen Geist für mein Streiten: um Mut, Besonnenheit, Respekt, Einsicht. Vielleicht sogar Liebe.

Christus, segne mein Streiten! Amen.

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Lob der Dreiecks-Beziehung. Andacht zum 15.6.2018

ANDACHT HÖREN

Ein Gedicht:

einander ermutigen

sich gegenseitig trösten

Gemeinschaft

tiefes Mitgefühl

Erbarmen

entschlossen zusammenhalten

einander mit Liebe begegnen

gemeinsames Ziel

Ich finde: Das passt auf eine Hochzeits-Anzeige. Und zwar, wenn das Paar schon eine Weile zusammen ist – und trotzdem ein Ja füreinander hat. Es ist nicht die tau-frisch-rosarote Liebe, sondern ein ambi­tioniertes Programm für ein gemeinsames Leben.

Aber: Ich habe diese Worte NICHT aus einer Hochzeits-Anzeige oder aus einer Sammlung von Liebes-Gedichten, sondern vom Apostel Paulus.

Und wer ist diese Geliebte, die Paulus im Blick hat? Das ist die kleine christliche Gemeinde in Philippi. Paulus schreibt eine Art Liebesbrief – aus dem Gefängnis. Wahrscheinlich ist er in Ephesus in Haft, auf der anderen Seite der Ägäis. Paulus lobt seine geliebte Gemeinde über den grünen Klee und hat ganz viel Dank für die Leute dort. Denn schließlich hat diese Gemeinde sich richtig Mühe gemacht, Paulus in der Haft zu unterstützen – mit Besuch und Care-Paketen.

Allerdings: Mit diesen Worten vom Anfang schreibt Paulus nicht als Liebhaber und Geliebter der Gemeinde, sondern eher als Paar-Berater: Er nimmt in den Blick, wie die Christen und Christinnen untereinander ihre Gemeinschaft sehen und gestalten. Der Paar-Berater Paulus würdigt, was er da alles Gutes sieht in der Gemeinschaft. Und Paulus hat noch den einen oder anderen Impuls. Hier seine Worte (in der Fassung der Neuen Genfer Übersetzung):

Nicht wahr, es ist euch wichtig, einander im Namen von Christus zu ermutigen? Es ist euch wichtig, euch gegenseitig mit seiner Liebe zu trösten, durch den Heiligen Geist Gemeinschaft mit­ein­ander zu haben und einander tiefes Mitgefühl und Erbarmen entgegenzubringen? Nun, dann macht meine Freude vollkommen und haltet entschlossen zusammen! Lasst nicht zu, dass euch etwas gegen­ein­ander aufbringt, sondern begegnet allen mit der gleichen Liebe und richtet euch ganz auf das gemeinsame Ziel aus! Rechthaberei und Überheblichkeit dürfen keinen Platz bei euch haben. Vielmehr sollt ihr demütig genug sein, von euren Geschwistern höher zu denken als von euch selbst. Jeder soll auch auf das Wohl der anderen bedacht sein, nicht nur auf das eigene Wohl. Das ist die Haltung, die euren Umgang miteinander bestimmen soll; es ist die Haltung, die Jesus Christus uns vorgelebt hat. (Philipper 2, 1-5)

Eines vorweg: Das „von euren Geschwistern höher denken als von euch selbst“ sehe ich kritisch. Es hängt sehr davon ab, wem man so etwas sagt. Bei Leuten, die dauernd nur um sich selbst kreisen und um das eigene Wohl, hat Paulus völlig recht. Bei Leuten, die immer nur die anderen im Blick haben und dabei kein bisschen für die eigenen Bedürfnisse Sorge tragen oder die die eigenen Bedürfnisse nicht mal kennen, da hat er nicht Recht. Also:

  • Das eigene Wohl: Ja! Aber bitte nicht nur!

  • Das Wohl der anderen: Ja! Aber bitte nicht nur!

Doch auf eines kommt es mir hier vor allem an: Wenn Christen ihre Gemeinschaft leben, dann leben sie eine DREIECKS-BEZIEHUNG!

Die Worte zu Anfang, die „Hochzeits-Anzeige“, hatte ich so aus dem Text gefischt, dass es nach einer „Zwei-Ecks-Beziehung“ aussieht: Das würde zu zwei Menschen passen, die einander haben und einander ganz viel geben, und gut ist es.

Die Zwei-Ecks-Beziehung sieht dann so aus:

PERSON A <—————————————-> PERSON B

Aber ein Paar-Berater würde wohl die Stirn runzeln: Sich als Paar gegenseitig in allem genug sein, sich aus der sonstigen Welt, aus Freundschaften und Familienbezügen, aus eigenen Interessen usw. völlig zurückziehen, das geht gewöhnlich nicht lange gut …

Wenn Sie jedoch den Voll-Text von Paulus lesen, dann kommt außer Person A und Person B und ihrer Gemeinschaft als dritter Bezugspunkt in den Blick: Punkt C. Christus. Das ergibt dann ein Beziehungs-Dreieck:

    C: CHRISTUS

/                              \

PERSON A <————————————> PERSON B

Genauer benennt Paulus:

  • A und B ermutigen einander – im Namen Christi.

  • Sie trösten einander – mit Christi Liebe.

  • Sie haben Gemeinschaft – „durch den Heiligen Geist“. Und das ist der Geist Christi.

  • Es gibt ein gemeinsames Ziel – und das liegt außerhalb der Gemeinschaft von A und B. Die Gemeinschaft ist nicht kompletter Selbst-Zweck.

  • Christus hat diese Gemeinschafts-Haltung vorgelebt, Christus ist Vorbild.

Das mit dem dritten, dem gemeinsamen Bezugspunkt, ist noch nicht mal ein speziell christlicher Gedanke. Beziehungen werden nämlich generell fade und flach, wenn sie als einziges Thema sich selbst als Beziehung haben. Wenn eine Gemeinschaft sich immerzu nur um sich selbst dreht. Nein, gemeinsame Themen, Ziele, Interessen „außerhalb“, die sind schon sehr wichtig.

Ich finde: Für eine christliche Gemeinschaft ist dieser gemeinsame Bezugspunkt C, Christus, der entscheidende. Denn für die, die an Christus glauben, ist er ja mehr als nur ein Steckenpferd unter anderen, sondern das Fundament. Christus selbst ist Ermutigung und Trost, Liebe, Erbarmen und Ziel. Idealerweise jedenfalls. Aber wenn ich davon gerade so gar nichts sehe oder spüre oder glaube, dann können mir meine Glaubens-Geschwister mit diesem Bezugspunkt C besonders wichtig werden. Ich kann Trost, Liebe und Ermutigung durch sie erfahren.

Jetzt denken Sie vielleicht: „Ach, der Klute mit seinem verklärten Gemeinde-Bild!“ Stimmt. Schon damals waren die christlichen Gemeinden nicht alle so klasse wie die hier in Philippi. Lesen Sie zum Beispiel mal die beiden Korinther-Briefe. Da bekommen wir ein teilweise ziemlich ange­kratztes Bild von christlicher Gemeinschaft.

Aber: Auch in Korinth ruft Paulus NICHT dazu auf, dass die wenigen „Richtigen“ gemeinsam austreten und ihren eigenen, einzig wahren Verein aufmachen. Paulus selbst schlägt sich mit denen herum, die ihn anfeinden, statt ihnen mal flott die Gemeinschaft aufzukündigen.

Ich würde es so sagen: Wenn Sie mit Ihrem Glauben nicht allein bleiben wollen und die Wahl haben: Docken Sie lieber bei der Gemeinde in Philippi als in Korinth an! Aber weil selbst in Philippi die anderen im Schnitt nicht unbedingt toller und vorbildhafter sind als Sie selbst, wird auch da nur mit Wasser gekocht. Ein bisschen Großmut und auch Kränkungs-Toleranz im Blick auf die Glaubens-Geschwister wäre schon nicht schlecht. So, wie auch die anderen hoffentlich nicht gleich von Ihnen gekränkt sind und hoffentlich großmütig mit Ihnen umgehen.

Das Ideal-Bild für christliche Gemeinschaft ist ja nicht der Schnäppchen-Markt, wo Sie als Kunde König sind, günstigste Preise und beste Bedienung erwarten. Eher die Wohn­gemeinschaft: Füreinander wechselseitig da sein. Ein Geben und Nehmen. Und König – das bin ich nicht. Und auch die anderen nicht. Sondern Punkt C. Der, von dem Paulus nur wenig später schreibt: „Er verzichtete auf alle seine Vorrechte und stellte sich auf dieselbe Stufe wie ein Diener. Er wurde einer von uns – ein Mensch wie andere Menschen.“

Christus, ich danke Dir für meine Geschwister im Glauben! Dazu hilf, dass wir das Kleinkarierte in unseren Beziehungen immer etwas erfolgreicher ablegen. Schenke Du Deinen Geist, dass er uns leitet! Dass wir einander wirklich sehen. Und dass Deine Liebe es ist, die uns prägt! Amen.

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Josef irrt. Andacht zum 9. juni 2018

ANDACHT HÖREN

DAS zentrale Glaubens-Bekenntnis Israels ist: Gott hat unser Volk aus der Sklaverei in Ägypten befreit! Schon zu biblischen Zeiten und bis heute steht Gott als Befreier im Mittelpunkt des Glaubens Israels.

Aber wenn Gott die Israeliten aus Ägypten befreit hat, wie sind sie denn überhaupt dorthin gekommen? Schließlich hatten die „Stamm-Väter“ und „Stamm-Mütter“ Israels doch in Kanaan gelebt, also ungefähr im heutigen Israel! – Abraham und Sarai, Isaak und Rebekka, Jakob und seine beiden Frauen Rahel und Lea. Wissen Sie die Antwort?

Die Antwort ist die Josef-Geschichte, Genesis 37-50. Hier die Kurzfassung: Jakob hat 12 Söhne. Seinen Sohn Josef bevorzugt er. Josefs Brüder sind deshalb neidisch. Dann bietet sich den Brüdern eine günstige Gelegenheit: Weit weg von zu Hause und vom Vater bekommen die Brüder Josef in die Finger. Sie verkaufen Josef als Sklaven an eine Karawane nach Ägypten. Dem Vater Jakob gaukeln sie später vor: Ein wildes Tier hat Josef gerissen.

In Ägypten macht Josef eine atemberaubende Karriere: Erst Sklave, dann führender Verwalter, dann Häftling im Knast, dann – der zweiten Mann im Staat!

Ein paar Jahre später herrscht Hungersnot in der Region. Josefs Brüder reisen deshalb zum Getreide-Kaufen nach Ägypten. Josef ist dort Chef-Verkäufer für ausländische Kunden. Josef erkennt seine Brüder sofort. Aber die Brüder erkennen ihn nicht. Josef verkauft ihnen das Getreide. Nach manchen dramatischen Wendungen gibt Josef sich schließlich zu erkennen. Josef versöhnt sich mit seinen Brüdern. Die Brüder holen ihren alten Vater Jakob und ihre eigenen Familien nach Ägypten und siedeln sich dort an.

So weit, so gut. Später werden die Nachfahren dieser Familien aber versklavt. Das ist dann nicht mehr gut, aber das steht auf einem anderen Blatt.

In der ganzen Geschichte ist Josef einer, dem alles gelingt, was er nur anpackt. Sein Rat hat Gewicht. Seine wechselnden Chefs vertrauen Josef, und er macht seine Jobs wirklich gut. Josef hat sogar besondere Träume. Und Josef kann – mit Gottes Hilfe – die Träume von anderen deuten. Josef hat Erfolg, er ist gesegnet, er macht es gut, es gibt für ihn und dann für seine ganze Sippe ein Happy End.

Allerdings gibt es da ziemlich zu Anfang eine kleine Episode, die fällt aus dem Rahmen. Bevor Josef von seinen Brüdern verkauft werden kann, muss er erst einmal in ihre Hände fallen, also weit genug weg sein von der schützenden Hand seines Vaters …

Als Josefs Brüder fortgezogen waren, um das Vieh ihres Vaters bei Sichem zu weiden, sagte Jakob zu Josef: „Deine Brüder weiden bei Sichem das Vieh. Geh, ich will dich zu ihnen schicken!“ Josef antwortete: „Ich bin bereit.“ Da sagte der Vater zu ihm: „Geh doch hin und sieh, wie es deinen Brüdern und dem Vieh geht, und berichte mir!“ So schickte Jakob Josef aus dem Tal von Hebron fort, und Josef kam nach Sichem.

Laut Karte in meiner Bibel schätze ich: Vom Papa Jakob in Hebron bis nach Sichem zu den Brüdern sind es 60 Kilometer Luftlinie.

Aber als Josef nach Tagen die Gegend von Sichem erreicht, trifft er seine Brüder dort nicht an.

Ein Mann traf Josef, wie er auf dem Feld umher irrte.

Das ist die Stelle, die mich stutzen ließ: Dem großen Traumdeuter Josef gelingt sonst immer alles. Aber nun irrt er umher. Der findet nicht, was er sucht – und nun ist er ratlos und orientierungs­los. Er findet nichts, aber: Er WIRD gefunden – von einem Passanten. Eine Zufallsbegegnung. Keiner von beiden hatte das geplant. Passanten gehen meistens aneinander vorüber, sie „passieren“ einander. Dabei tun Passanten so, als würden sie keine Notiz voneinander nehmen. Aber hier ist das anders. Dieser Passant spricht den umher-irrenden Josef an …

(Der Passant) fragte Josef: „Was suchst du?“ Josef antwortete: „Meine Brüder suche ich. Sag mir doch, wo sie das Vieh weiden!“ Der Mann antwortete: „Sie sind von hier weiter gezogen. Ich habe nämlich gehört, wie sie sagten: Gehen wir nach Dotan.“

Da ging Josef seinen Brüdern nach und fand sie in Dotan. (Genesis 37, 12-17)

Dort in Dotan nimmt das Schicksal seinen Lauf, Josef landet als Frachtgut in einer Karawane für den ägyptischen Sklavenmarkt. Nicht nur in Sichem war Josef also umher geirrt, hier bei der Begegnung mit seinen Brüdern in Dotan irrt er noch einmal. Er, der arrogante Träumer und Liebling vom Papa, ist völlig blind für die zerstörerische Eifersucht, die er bei seinen Brüdern geweckt hatte. Das hat der Träumer sich nicht träumen lassen, dass seine Brüder ihm an den Kragen gehen.

Aber ich bleibe bei der Begegnung vorher in Sichem: Josef irrt umher, und ein Passant hilft ihm auf den richtigen Weg. Zunächst klingt diese Begegnung völlig bedeutungslos: Was trägt das schon für die Handlung aus? Hätte der Erzähler Sichem übersprungen, Josef wäre direkt bei den Brüdern in Dotan gelandet. Die Geschichte hätte danach genau so weitergehen können, oder?

Aber dann ging mir auf: An diesem unbekannten Passanten hängt die ganze weitere Geschichte Israels! Wäre der Passant nicht auf Josef getroffen, hätte er Josef nicht angesprochen, hätte er nicht gesagt, was er da gehört hatte von den Brüdern – Josef wäre unverrichteter Dinge wieder abgezogen. Zurück zu Papa nach Hebron. Nichts mit Karawane, Ägypten, Karriere. Die ganze Sippe wäre später bei der Dürre vielleicht verhungert. Nichts mit Ansiedlung in Ägypten, nichts mit dem großen Volk, nichts mit Gottes Befreiung aus der Sklaverei.

Ich lese diese Geschichte als Mahnung: „Lieber Dirk, schätze auch scheinbar nebensächliche Ereignisse! Schätze auch unauffällige, „namenlose“ Menschen, die leicht irgendwie durch-huschen, ohne großartig aufzufallen! Die, die kaum jemand richtig sieht!“

Und für solche Zeiten, wo ich mich selbst kurz und klein rede, da soll ich das auch auf mich selbst anwenden: „Lieber Dirk, nimm Dich bitte wichtig! Auch Du hast Deinen Platz in Gottes Geschichte! Selbst wenn dieser Platz nicht gleich ins Auge springt!“

Außerdem gefällt mir an dieser Begebenheit in Sichem: Dieser tolle und hochnäsige Josef, um den sich sonst so viel dreht, der irrt jetzt umher und weiß nicht weiter. Das macht ihn menschlich, finde ist. Der „Star“, der mit dem großen Namen, wird ein bisschen kleiner. Und der Namenlose, der wird groß. Der bekommt Bedeutung.

Und dann ist dieser namenlose Passant auch noch ein tolles Vorbild: Er spricht Josef von sich aus an. Wieso macht der Passant das? Ihm muss wohl aufgefallen sein: Mit dem Fremden stimmt was nicht, der „irrt umher“. Und da geht er auf den Irrenden zu. Er fragt ihn, was er denn helfen kann. Er hört sich die Antwort an. Er bringt Josef auf den richtigen Weg. Dann verschwindet er wieder im Dunkel der Geschichte.

Und Gott? Von dem ist in der ganzen Josef-Geschichte nur gelegentlich die Rede. Zum Beispiel bei den Träumen. Und ein paarmal dieser Satz: „Gott war mit Josef“. Gott greift nicht spektakulär in die Geschichte ein, es passieren keine großen Wunder. Auch der Passant ist kein Bote, den Gott extra dem Josef auf den Weg geschickt hätte.

Nein, keine großen Wunder. Aber für den Erzähler ist klar: Gott wirkt in der Geschichte! Ganz unauffällig. Durch Schuld und Katastrophen hindurch. Und doch auf ein gutes Ziel hin.

Es gibt ein Lied: „Gott spinnt leise feine Fäden …“ Ich finde, das trifft es: Feine Fäden im Hintergrund. So auch hier: Eine zufällige Begegnung eines Unbekannten mit einem Irrenden. Kleiner, aber feiner Baustein in Gottes großer Geschichte.

Gerade heute, wo ich dies hier aufschreibe, hat mich ein Zufall auf eine Station in der Klinik geführt, wo ich ebenso zufällig eine Frau traf, die offenbar diese Begegnung brauchte, um sich mit mir zu verabreden. Das haben wir nun getan. Vielleicht wird bei mir irgendwas Wichtiges passieren, wenn wir uns treffen und sprechen. Vielleicht bei ihr. Oder bei beiden. Oder auch nicht. – „Gott spinnt leise feine Fäden …“

Es ist UNSERE Geschichte mit Josef und dem Passanten. Unsere „Zufalls-Begegnungen“. Wie bedeutend oder unbedeutend sie auf die Dauer sind, das haben Sie und ich gar nicht zu bestimmen. Das hat auch nicht die Geschichtsschreibung zu bestimmen. Sondern allein der Ewige. Aber dass ICH und HEUTE diese Begegnung mit Person XY wichtig nehme, das liegt schon in meiner Hand. Jedenfalls: Ein bisschen Aufmerksamkeit für das Besondere im Alltäglichen, das dürfte nicht schaden.

Gott, die feinen Fäden, die lass mich sehen und spüren! Vielleicht kann ich mit-spinnen. Ohne allzu viel zu zertrampeln. Amen.

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