Leben – mehr als Stoffwechsel. Andacht zum 26.8.2016

Leben ist Stoffwechsel. So habe ich es im Biologie-Unterreicht gelernt. Das ist natürlich nur EINE Antwort. Ein etwas bösartiger Witz behauptet: Das Leben fängt da an, wo die Kinder aus dem Haus sind, der Hund begraben ist und der Partner / die Partnerin ganztägig außer Haus ist. Mag ja sein. Aber für manch einen fängt das Leben da nicht an, sondern es endet dort. Dieser oder jene versumpft dann neben der Kiste Bier auf der Terrasse. Der Traum von „Endlich frei!“ wird zum Albtraum.
Was ist Leben? LEBEN Sie? Wo ist der Punkt, an dem Sie sagen: „Also das ist doch kein Leben mehr!“? Manch einem, der so spricht, geht die Hoffnung verloren, dass es wieder Leben werden könnte. Gut, wenn man dann trotzdem Durchhaltevermögen hat. Wenn man der Hoffnung eine Chance gibt, dass sie zurückkommen kann. Und das Leben dann auch.
Wann ist das Leben kein Leben mehr? Wann ist es nicht lebenswert? Wie groß ist die Hoff­nung, dass sich das nochmal ändert? Und wenn Leben eigentlich ein Geschenk ist, ich es aber nur noch als Last empfinde, darf ich das Geschenk auch zurück geben? Was kann helfen, das Leben auch unter schwierigen Bedingungen wirklich zu leben, mit Leben zu füllen?
Wir sind da schnell bei solchen Fragen wie: Was ist mit passiver und aktiver Sterbehilfe? Wie steht es mit lebens- bzw. sterbens- verlängernden Maßnahmen? Wie wünsche ich mir die allerletzte Phase meines Erdenlebens? Habe ich meine Patientenverfügung und Vorsorgevoll­macht fertig? – Aber mit diesen Fragen möchte ich uns jetzt nicht befassen – nicht mit dem Leben am Ende des Lebens, sondern mit dem Leben und dem Tod IM Leben.

Was steht in der Bibel, was Leben ist? Es gibt unterschiedliche Antworten. Gleich ganz vorn: Der göttliche Lebensatem, der aus dem Erd-Kloß den Menschen macht und dann auch das Tier. Im Neuen Testament ist es besonders das Johannes-Evangelium, das das eigentliche Leben mit Jesus Christus in Verbindung bringt: „Wer an mich glaubt, (…) der ist vom Tod ins Leben hindurch ­gedrungen!“; „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben!“; „Ich bin gekommen, dass sie das Leben in Fülle haben!“ Und dann natürlich die Osterbotschaft. – Auferweckung! Leben ganz bei Gott! Da endet das Leben nicht mit dem Stoffwechsel, son­dern es beginnt mit dem Ende des Stoff­wechsels.
Auch damit möchte ich Sie heute nicht beschäftigen, sondern mit drei Jesus-Geschichten: Geschichten, in denen Jesus Tote „wiederbelebt“. Ich spreche von Wiederbe­lebung, nicht von Auf­erweckung. Denn Auferweckung, das bedeutet ein ganz neues Sein, das ist etwas „anderes“. Aber unsere „Wiederbelebten“ setzen ihr Erdenleben fort. Bis sie dann doch irgendwann („wieder“) sterben.

  • Die erste Geschichte: Die „Tochter des Jairus“. Die ist schwer krank. Die Eltern holen Jesus zur Hilfe, aber da ist sie schon gestorben. „Und er ergriff die Hand des Kindes und spricht zu ihm: Talita kum! Das ist übersetzt: Mädchen, ich sage dir, steh auf! Und sogleich stand das Mäd­chen auf und ging umher.“ (Markus 4, 41 f.)
  • Die zweite Geschichte: Der „Jüngling zu Nain“. Jesus trifft auf einen Trauerzug: Einer Witwe ist nun auch noch der Sohn gestorben. Jesus hat Mitleid mit der Mutter. „Und er trat hinzu und rührte die Bahre an, die Träger aber standen still; und er sprach: Jüngling, ich sage dir, steh auf! Und der Tote setzte sich auf (…)“ (Lukas 7, 14 f.)
  • Die dritte Geschichte: „Lazarus“. Lazarus, ein enger Jesus-Freund, ist schwer krank, seine Schwestern schicken nach Jesus um Hilfe. Aber der lässt auf sich warten. Als er schließlich doch kommt, liegt Lazarus schon seit Tagen in der Grabhöhle. „Und er rief mit lauter Stimme: Lazarus, komm heraus! Und der Ver­storbene kam heraus, an Füßen und Händen mit Grabtüchern umwickelt, und sein Gesicht war mit einem Schweißtuch umbunden.“ (Johannes 11, 43 f.)

Was ich nun NICHT empfehle: Diese Geschichten zu nehmen, um auf die „Wiederbelebung“ eines geliebten Menschen zu hoffen, wenn schon der Totenschein ausgestellt ist. Selbst wenn es das mal geben mag: Die Enttäuschung solcher Hoffnung wäre die Regel. „Christlich“ aus meiner Sicht wäre nicht die Hoffnung auf Wiederbelebung, sondern auf Auferweckung, und das ist etwas völlig anderes. Und es schafft Raum für Trauer.
Nein, ich will lieber so fragen: Was brauche ich, was brauchen Sie, wenn Sie innerlich erstorben sind? Innerlich – und vielleicht äußerlich erstarrt. Verstummt. Wenn Sie wie abge­schnitten von den anderen sind. – Sei es, dass Sie „weg“ sind, auch wenn andere um Sie herum sind (Tochter des Jairus, Jüngling zu Nain). Sei es, dass Ihre Wohnung zu so einem Schneckenhaus geworden ist wie die Gruft des Lazarus. Also: Was brauchen Sie da, um wieder zu leben?
In unseren Geschichten können wir dazu lesen, was Jesus diesen „Erstorbenen“ gibt:

  • In zwei der drei Geschichten ist das Allererste die BERÜHRUNG. Nun müssen Sie wissen: Tote galten damals als kultisch unrein. Die packte man nicht einfach an. Aber Jesus tut das. Wer sich berühren lässt, der spürt neues Leben. Und ich meine das nicht nur im übertragenen Sinne, sondern auch wörtlich. – Wer könnte Ihnen mal die Hand geben? Wer würde Sie in den Arm nehmen? Und auch wenn es schwer fallen mag: Diesen Wunsch zu SAGEN, wird Ihnen leichter fallen als der Tochter des Jairus oder dem Jüngling zu Nain. Versuchen Sie’s!
  • Jesus spricht alle drei „Erstorbenen“ direkt an. Er redet nicht als seine „Fälle“ ÜBER sie, sondern er redet MIT ihnen.
  • Jesus fordert sie alle zum AUFSTEHEN (bzw. Hervorkommen) auf. Er nimmt ihnen das Aufstehen nicht ab, er traut es ihnen zu. Und so tun sie das Unmögliche.

Und nun? Alles wieder gut mit den Dreien? Nein, keine der Geschichten ENDET mit dem Aufstehen. Es kommt noch was hinter. Etwas, was die Betroffenen offenbar „zum Leben brauchen“:

  • Den Eltern des Mädchens sagt Jesus, sie sollen ihr zu essen geben. So praktisch. Na klar, Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen. Vielleicht ist das auch auf Sie gemünzt – wenn gerade so eine Zeit ist, wo Ihnen nichts mehr schmeckt, wo Sie keinen Bissen mehr runter kriegen können, wo Sie am liebsten dünner und dünner wären und ganz verschwinden.
  • Vom Jüngling heißt es: Er setzte sich auf – „und fing an zu reden“. WAS er da redet, lesen wir nicht. Ist wohl zweitrangig. Aber DASS er redet! Jesus muss ihm das noch nicht mal sagen. Neu leben und endlich den Mund aufbekommen, das ist hier geradezu dasselbe. Ob das bei Ihnen auch dran ist? Den Mund aufbekommen? Reden? Mag sein, Ihnen haben andere Menschen immer wieder den Mund verboten. Oder die anderen haben gelacht, wenn Sie was sagten. Oder weggehört. Vielleicht hat Ihre Angst Ihnen das Reden verbo­ten, gerade über die schlimmen Dinge. – Und heute? Reden Sie! Trotzdem!
  • Bei Lazarus hat Jesus eine Aufforderung an seine Mitmenschen. Denn als Lazarus vor die Grabhöhle tritt, ist er in seine Grabtücher eingewickelt. – Was sagt Jesus? „Macht ihn frei und lasst ihn gehen!” Wäre toll gewesen, wenn Lazarus selbst all das hätte abstreifen können, was ihn da bindet und knebelt. Jetzt sind die Leute gefragt. Die haben ihn ja schließlich eingewickelt und begraben. Die haben keinen Zweifel zugelassen: „Der ist für uns gestorben!“ Also: Dem Lazarus abnehmen, was ihn bindet. Und: „Ihn gehen lassen!“ Auch das muss manchmal sein, damit jemand leben kann.

Leben soll mehr sein als Stoffwechsel. Mehr als „nicht hirntot“, mehr als ein schlagendes Herz und ein hecktischer oder flacher Atem.
WENN Sie leben: Freuen Sie sich dran und geben Sie Gott Ihr „Halleluja!“ Und wenn Sie NICHT leben: Geben Sie Ihre Hoffnung nicht auf! Finden Sie sie wieder! Lassen Sie sich ansprechen und berühren! Essen Sie, trinken Sie! Reden Sie! Lassen Sie sich dabei helfen abzustreifen, was Sie bindet! Um Jesu willen!

Gebet (mit Zitaten aus Psalm 88):

HERR, Gott, mein Heiland, ich schreie Tag und Nacht vor Dir. Lass mein Gebet vor Dich kommen, neige deine Ohren zu meinem Schreien. Denn meine Seele ist übervoll an Leiden, und mein Leben ist nahe dem Tode. Du hast mich hinunter in die Grube gelegt, in die Fin­ster­nis und in die Tiefe. Meine Freunde hast Du mir entfremdet. Ich liege gefangen und kann nicht heraus, mein Auge sehnt sich aus dem Elend. HERR, ich rufe zu Dir täglich. Ich breite meine Hände aus zu Dir. Ich schreie zu dir, HERR, und mein Gebet kommt frühe vor dich.

(Übrigens: Wenn Sie sich in meinen Andachten-Newsletter eintragen, bekommen Sie zur schriftkichen Fassung auch eine mp3-Datei zum Hören.)

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„Nichts mangelt!“-? Andacht zum 19.8.2016

„Nichts mangelt!“ – Klingt nach Schlaraffenland. Nach „Alles gut!“ – Das sagt man ja heute oft: „Alles gut!“ Manchmal werde ich das gefragt. – „Na, alles gut?“ Wenn es einigermaßen gut ist mit mir, antworte ich ungefähr so: „Es ist nie alles gut. Bei mir jedenfalls nicht. Aber das Meiste!“
Bei unserem Psalmbeter IST scheint’s „alles gut“, es mangelt an nichts. Vielleicht wissen Sie jetzt, welcher Psalm gemeint ist: Psalm 23. Der fängt so an:

Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.

Das kann man auch in der Gegenwartsform übersetzen: Mir mangelt es an nichts. Also nicht erst irgendwann in der Zukunft oder am Sankt-Nimmerleins-Tag, sondern „heute“.
Psalm 23 kennen Sie vielleicht auch deswegen, weil er öfters im Fernsehen kommt: Ob im „Tatort“ oder im amerikanischen Spielfilm: Wenn es im Fernsehen eine christliche Bestattung gibt, spricht der Pastor meist diesen Psalm. – Würden Sie das als Pastor/in auch? Nichts mangelt? „Alles gut!“ – ausgerechnet im Angesicht des Todes? Wo vielleicht manchem Trau­ern­den in dieser Stunde ALLES fehlt? Dieser geliebte oder so gebrauchte Mensch! Und die Hoffnung, der Lebensmut, der Trost, die fehlen obendrein. Manch einer, der hinter dem Sarg oder der Urne her geht, hat jetzt auch sich selbst verloren. Das vertraute Leben, dieses Gefühl von Heimat, ist passé. Die Zukunft? Im Dunkeln. Oder nicht vorhanden.
Beim Nachdenken sind mir an dieser Stelle Zweifel gekommen, ob dass eine gute Idee ist, Sie gedanklich ausgerechnet auf eine Bestattung zu stoßen. Manch einem kommen da schlimme Erinnerungen. Oder Ängste. Aber dann habe ich mir gedacht: Bestattungen gehören dazu. Sie werden auch zukünftig zu Bestattungen gehen. Mir fallen drei Gründe ein, NICHT hinzugehen, und die halte ich für die schlimmeren Alternativen:

  1. Ich lebe so isoliert, dass es niemanden gibt, zu dessen Beerdigung ich gehen würde.
  2. Ich vermeide Beerdigungen und überhaupt gemeinschaftliche Trauer – und muss dann irgendwie allein damit klar kommen.
  3. Die nächste Beerdigung ist meine eigene.

Also – auch wenn es schlimm ist: Gehen Sie hin! Gehen Sie mit! Die drei Alternativen sind nicht besser!

Ihnen mit einem so düsteren Thema zu kommen, hat aber vor allem folgenden Grund: Ich finde, das „Nichts mangelt!“ ist nur dann belastbar und tragfähig, wenn es auch auf der Schattenseite des Lebens hält. Wenn Sie mit allem, was Ihnen lieb und wichtig ist, in einer sonnenumfluteten Bucht an blauem Meer sitzen, ist „Nichts mangelt!“ banal. Keine tiefgründige Erkenntnis. Aber im finsteren Loch des Lebens oder der Seele sehr wohl.
Wie ist das nun mit diesem Psalm, dem GANZEN Psalm? Klingt er mehr nach blauer Bucht oder nach finsterem Loch, nach „Alles gut!“ oder „Alles schlimm!“, nach Fülle oder Mangel?
Mein Vorschlag: Sie sprechen den Psalm beim Lesen laut mit:

Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.
Er weidet mich auf einer grünen Aue / und führet mich zum frischen Wasser.
Er erquicket meine Seele.
Er führet mich auf rechter Straße / um seines Namens willen.
Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück.
Denn Du bist bei mir, Dein Stecken und Stab trösten mich.
Du bereitest vor mir einen Tisch / im Angesicht meiner Feinde.
Du salbest mein Haupt mit Öl /und schenkest mir voll ein.
Gutes und Barmherzigkeit / werden mir folgen mein Leben lang,
und ich werde bleiben im Hause des HERRN immerdar.

Fülle oder Mangel? Nach Fülle klingen die grüne Aue, das frische Wasser, Erquickung, gedeck­ter Tisch, Salböl. Nach Mangel klingen das finstere Tal, das Unglück (auch wenn es nicht gefürchtet ist), das Angesicht der Feinde. Wie im „richtigen Leben“ – jedenfalls wie im „richtigen Leben“ der meisten Mitteleuropäer: Es ist nicht die Hölle. Aber es ist auch kein Schlaraffenland. Jedenfalls nicht auf Dauer. Irgendwo dazwischen. Wobei Licht und Schatten ungleich verteilt sind. Ich habe allerdings den Verdacht: Der typische Mitteleuropäer hat die Neigung, bei sich persönlich mehr Schatten als Licht zu sehen. Was im Vergleich mit anderen Kontinenten überraschen müsste …
Nun steht aber dieses „Nichts mangelt!“ nicht nur über den „Alles gut“-Bildern, sondern über dem GANZEN Psalm. Wie das?
Nun, unser Psalm-Dichter begründet dieses „Nichts mangelt!“ nicht damit, WAS er alles hat, sondern: WEN er hat! Den guten Hirten! Und das ist Gott. Im Hebräischen steht da der Gottes-Name. Der bedeutet ungefähr: Der Ich-bin-da. Und das ist dieser gute Hirte: Er ist da! Auch noch im dunklen Tal, wo nichts mehr zu sehen ist von diesem guten Hirten. Unser Psalm-Dichter SPÜRT aber etwas: Nicht den Hirten selbst, aber seinen Stab. Und das gibt ihm Trost.
Für die Christen hat dieser gute Hirte noch eine Konkretion: Jesus Christus als der gute Hirte!

Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen und die Meinen kennen mich, wie mich mein Vater kennt und ich kenne den Vater. Und ich lasse mein Leben für die Schafe. (…) Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie und sie folgen mir; und ich gebe ihnen das ewige Leben, und sie werden nimmermehr umkommen, und niemand wird sie aus meiner Hand reißen. Mein Vater, der mir sie gegeben hat, ist größer als alles, und niemand kann sie aus des Vaters Hand reißen. Ich und der Vater sind eins. (aus: Johannes 10)

Grüne Auen und frisches Wasser – das ist wichtig. Das sei jedem gegönnt. Übrigens auch ganz wörtlich. Frisches, sauberes Wasser aus dem Wasserhahn, aus der Dusche und sogar in der Toilettenspülung, das hat ja längst nicht jede/r.
Aber der Psalm und auch die Jesus-Worte wollen Ihren Blick auf den Hirten selbst lenken! Auf ihn kommt es an! Dass er die Herde leitet und das einzelne Schaf. Dass sein Stab im Dunkeln Trost und Orientierung gibt. Dass die Schafe seine Stimme hören, ihn unter den vielen Stimmen heraus hören.
Der Hirte genügt. Und darum ist Psalm 23 auch auf einer Beerdigung ganz richtig. Und an Ihrem vielleicht hellen, vielleicht dunklen Tag heute ebenfalls.

Ein Lied von 1778:

Weil ich Jesu Schäflein bin, freu‘ ich mich nur immerhin
über meinen guten Hirten, der mich wohl weiss zu bewirten,
der mich liebet, der mich kennt / und bei meinem Namen nennt.

Unter seinem sanften Stab / geh‘ ich aus und ein und hab‘
unaussprechlich süße Weide, dass ich keinen Mangel leide.
Und sooft ich durstig bin, führt er mich zum Brunnquell hin.

Sollt‘ ich denn nicht fröhlich sein, ich beglücktes Schäfelein?
Denn nach diesen schönen Tagen / werd‘ ich endlich hingetragen
in des Hirten Arm und Schoß: Amen, ja mein Glück ist groß!

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Offene Tür. Andacht zum 12.8.2016

Gibt es Leute, denen Sie lieber nicht begegnen wollen? Denen Sie aus dem Weg gehen? Vermutlich ja. Mir jedenfalls fallen solche Leute ein.
Manchmal liegt es ja auch an der Situation. Wenn ich zum Beispiel im Trubel des Münsteraner Flohmarkts auf Abstand einen Bekannten sehe, dann entscheide ich mich vielleicht, dass ich ihn „übersehe“. Weil ich finde: Nur ein paar hingeworfene Sätze im Vorübergehen, da werde ich mir und dem anderen nicht gerecht. Man könnte sich zwar miteinander irgendwo ein Weilchen in die Ecke stellen. Aber vielleicht sind wir ja beide jeweils in Begleitung, und dann würden wir unserer Begleitung nicht gerecht … Also: Die Situation …
Anderer Fall: Sie haben von Susi vor nun schon einigen Monaten 50 Euro geliehen bekommen – und wollten es ein paar Tage später zurückzahlen. Eigentlich. Da möchten Sie der Susi vielleicht auch nicht begegnen.
Wieder ein anderer Fall: Da „verbindet“ Sie mit jemandem eine schwierige Geschichte. Es gab Streit, Verletzungen, ein Zerwürfnis. Vielleicht gab es Zeiten, da wären Sie ihm am liebsten an die Gurgel gegangen. Aber heute machen Sie lieber einen ganz großen Bogen um ihn.
Übrigens: Wenn man „auseinander geht“, das hat was von „einen Bogen machen“. Sich mit jemandem „auseinander setzen“ ist aber das Gegenteil. Eine Auseinander-Setzung haben, das ist ja: Streiten. Und Streiten verbindet, beim Streit ist man sehr dicht beieinander.

Paulus ist viel auf Reisen. Reisen hat zwei Seiten: Man kann vielen Menschen begegnen. Und: Man kann durch eine Reise um andere einen Bogen machen. Paulus reist nicht als Tourist, sondern: Er ist „im Auftrag des Herrn unterwegs“ (um die Blues Brothers zu zitieren), er macht den christlichen Glauben bekannt und wirbt dafür.
Anfang der 50er Jahre des ersten Jahrhunderts kommt er in die Stadt Korinth (Apg 18). Er geht dort seinem Beruf als Zeltmacher nach und macht unter den Leuten seinen Glauben an Jesus Christus bekannt. Damit hat er Erfolg: Es entsteht eine christliche Gemeinde. Paulus bleibt 1 ½ Jahre. Dann gibt es Krawall um ihn, seinen Glauben, seine Mission. Da zieht Paulus weiter. Man könnte sagen: Er macht erst mal einen Bogen um Korinth.
Aber er bleibt mit „seinen“ Christen in brieflichem Kontakt. Einige Zeit später kommt Paulus nach Ephesus in der heutigen Türkei. Auf der Karte ist Ephesus etwa auf derselben Höhe wie Korinth, aber mit der Ägäis dazwischen. Von Ephesus aus schreibt Paulus seinen „1. Korintherbrief“. Der heißt so, obwohl es schon vorher Schriftverkehr gab, aber der liegt uns nicht vor. Dieser Brief ist einer der längsten in der Bibel: Paulus nimmt zu verschiedenen Problemen, Konfliktthemen, Angriffen gegen ihn, Fragen in der Gemeinde Stellung. Man kann sagen: Paulus setzt sich auseinander. Mit Themen, mit Leuten.
Paulus schreibt dabei viel über den Glauben. Aber nicht ganz grundsätzlich, nicht alle Essentials des Christseins. Das macht er im Römerbrief. Aber hier, im 1. Korintherbrief, an Leute, die er persönlich kennt, da schreibt er entlang den Themen, die gerade dran sind in der Gemeinde.
Ziemlich am Schluss schreibt Paulus von seinen Reiseplänen. Er möchte in einiger Zeit von Ephesus aufbrechen und dann auch einen Besuch in Korinth zu machen. Er schreibt:

Ich werde aber zu euch kommen, wenn ich Mazedonien durchzogen habe. Denn Mazedonien durchziehe ich nur; bei euch aber werde ich vielleicht bleiben oder auch überwintern, damit ihr mich geleitet, wohin ich auch reise; denn ich will euch jetzt nicht im Vorbeigehen sehen, denn ich hoffe, einige Zeit bei euch zu bleiben, wenn der Herr es erlaubt. Ich werde aber bis Pfingsten in Ephesus bleiben, denn eine große und wirksame Tür ist mir geöffnet worden, und der Widersacher sind viele. (1. Korinther 16, 5-9)

Bis Pfingsten will Paulus noch in Ephesus bleiben. Und die Begründung? Da kommt nun das, was mich an dieser Reisekorrespondenz so angesprochen hat: „Eine große und wirksame Tür ist mir geöffnet worden, und der Widersacher sind viele.“
Bleibt Paulus nun wegen der „großen und wirksamen Tür“ oder wegen der vielen Widersacher? Na, wegen der geöffneten Tür, groß und wirksam. Denn das sagt er ja zuerst, noch vor den Widersachern. Und die geöffnete Tür, das ist ja ein starkes Symbol für Weite. Für: Es geht weiter! Ich habe großartige Möglichkeiten!
Und die Widersacher? Die scheinen mit dazu zu gehören, wenn Paulus große Möglichkeiten sieht, wenn „es gut läuft“, das, was er tut. Vielleicht sind die vielen Widersacher geradezu ein Beleg dafür, dass es gut läuft. Denn nur wenn seine Botschaft öffentlich wird, wenn sie wirkt, dann stellen sich auch Widersacher ein. Eine Botschaft, die gar nicht richtig in Erscheinung tritt, die ausschließlich im Herzen geglaubt und hinter vorgehaltener Hand besprochen wird, die lockt keinen Hund hinter dem Ofen hervor, und erst recht keinen Gegner. Die eckt ja nicht an.
Das ist auch heute so: So lange die Religion schön privat bleibt, ärgern sich die „wichtigen“ Leute in Politik und Wirtschaft nur ausnahmsweise über die Frommen. Übrigens: In Apostelgeschichte 19, 23 ff. können Sie nachlesen: In Ephesus sind es wirtschaftliche Interessen, die dazu führen, dass man dort gegen Paulus vorgeht. Wie schon früher in Philippi, siehe Apg 16.
Also: Paulus macht keinen großen Bogen um die Widersacher. Das Gegenteil tut er aber auch nicht: Er sucht nicht den Streit. Er wird den Streit haben, er trägt ihn aus, aber er sucht ihn nicht. „Faustregel“ (interessantes Wort!): „Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden“ (Römer 12,18). – Wohlgemerkt: „So viel an euch liegt!“, also nicht um jeden Preis, unter allen Umständen, „um des lieben Friedens willen“.
Nun sind viele Gegner noch kein Beweis, dass man eine gute Sache verfolgt. Wenn man eine besonders schlechte Sache verfolgt, hat man nämlich auch viele Gegner und Kritiker. Fragen Sie mal einen ertappten Einbrecher. Vielleicht eher so: Widersacher gehören eben oft einfach mit dazu. Die lassen sich nicht immer verhindern, besiegen oder versöhnen. Wie das Gewitter im Sommer: Kann man nix machen. Man kann sich darüber ärgern und aufregen. Man muss es aber nicht, und es nutzt auch nichts.
Oder doch schnell weg aus Ephesus, einfach um Stress und Streit zu vermeiden? Für Paulus keine Option. Denn: Es steht ihm doch diese große und wirksame Tür offen! Er hat Möglichkeiten! Die will er nicht ungenutzt lassen, da will er die Gelegenheit beim Schopfe packen!
Und was hat Gott damit zu tun? Man übersieht es leicht, aber Gott kommt in diesem Text vor: Paulus ist die Tür „geöffnet worden“. Es ist für ihn klar, wer das gewesen ist, der sie ihm aufgetan hat. Eben Gott. Und dann ist so eine geöffnete Tür geradezu ein Auftrag.
Vielleicht ein Anlass, dass Sie mal für sich gucken: Welche Türen stehen MIR offen? Nein, nicht durch jede offene Tür müssen Sie durch, es will manchmal schon überlegt sein. Aber durch manche sollten Sie schon. In die Weite, in die Freiheit. Möglichkeiten ergreifen. Auch wenn Ihre Angst und Ihre Widersacher Sie hindern und lähmen wollen. Es könnte sein, dass Gott extra für Sie diese Tür geöffnet hat.

Gebet:
Gott, manchmal fühle ich mich wie eingemauert. Hilf mir, die Türen nicht zu übersehen, die Du mir geöffnet hast! Und gib mir den Mut hindurchzugehen! Amen.

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„In den Nächten“. Andacht zum 6.8.2016

Heute ein Lied. – Vielleicht denken Sie jetzt: „O Schreck, ich kann aber nicht singen!“ Schade. Singen ist nämlich toll. Für Körper, Seele und Gemeinschaft. Auch wenn Sie’s nicht gut können. Auch wenn Sie meinen, es schadet der Gemeinschaft, und alle rennen raus. Tun sie nicht! Und Sie, Sie können Spaß dran kriegen. Sie müssen sich nur trauen. Mit ein paar netten Leuten.

Aber keine Bange: Unser Psalm 134 ist weit älter als 2000 Jahre, da kennt man die ursprüngliche Melodie nicht mehr. Aber eben den Text. Es ist, wenn ich richtig sehe, der zweitkürzeste unter allen 150 Psalmen in der Bibel.
Vor meiner holprigen Übersetzung eine Berkung: In den zwei hebräischen Zeilen steht fünfmal der Gottesname יְהוָה Das bedeutet: „Ich-bin-da“. Fromme Juden scheuen sich aus Ehrfurcht, diesen Namen auszusprechen. Ich schließe mich an. Die Juden sagen stattdessen „Adonaj“ – „Herr“. Aber weil „Herr“ im Deutschen einseitig männlich und einseitig nach „Chef“ klingt, also nichts mit „Ich-bin-da“ zu tun hat, sage ich ebenfalls: Adonaj.

Aufstiegslied.
Auf! Segnet Adonaj, alle Diener von Adonaj, die ihr im Haus von Adonaj steht in den Nächten! Erhebt eure Hände – Heiliges! Und segnet Adonaj! Es segne dich Adonaj von Zion aus – der, der Himmel und Erde macht.

Wirkt fremd, oder? Bevor wir danach schauen, was denn so ein altes und befremdliches Lied Sie und mich angeht, erkläre ich Ihnen ein paar Dinge:

  • „Aufstiegslied“: Da steht in Übersetzungen meist „Wallfahrtslied“. Denn wer zu einem der drei großen Feste im Jahr nach Jerusalem zum Tempel eine Wallfahrt macht, muss buchstäblich hinaufsteigen – nach Jerusalem, den Tempelberg hinauf. Aber bei „Aufstieg“ kann auch etwas davon mitschwingen, dass die Lieder, die Gebete und die damals üblichen Opfer aufsteigen – zu Gott nämlich.
  • „Haus von Adonaj“: Das ist das Gotteshaus, der Tempel in Jerusalem.
  • „Segnet Adonaj!“ – Wie jetzt? Nicht: Gott segnet mich. Sondern: Ich segne Gott! „Segnen“ bedeutet eigentlich „Gut-Sagen“. Sie wissen das, wenn Sie „Benedikt“ heißen – „Gesegneter“. Aber wörtlich: „Gute-Gesagter“ („bene“ und „dictus“).
    Ich könnte Ihnen auf zwei Weisen „gut-sagen“. Erstens: „Ich finde Sie richtig klasse!“ Das ist Lob und Preis. Das Gute, dass Sie SIND. Zweitens: „Ich wünsche Ihnen gute Besserung / einen schönen Tag / Glück in der Liebe / alles Gute / sechs Richtige / …“. Das wäre das Gute, das Sie ERFAHREN sollen. Wenn Gott uns segnet, dann bedeutet das: Gutes von ihm erfahren. Und wenn wir Gott „segnen“, dann geht es um Lob und Preis.
  • „Es segne DICH Adonaj …!“ Nicht: EUCH. Sondern: DICH! Vorher war immer eine Gruppe angeredet. Aber jetzt: Der Segen VON Gott wird hier dem Einzelnen zugesprochen, ganz persönlich. Vielleicht mit Handlauflegung? Das geht ja nur einzeln …
  • „Zion“: Das ist der Tempelberg. Wenn also Gott „von Zion aus“ segnet, dann holen sich die Pilger dort, im Tempel, gewissermaßen Gottes Segen ab und nehmen ihn mit.
  • „Der, der Himmel und Erde macht“. – Hoppla, muss es nicht heißen: „der Himmel und Erde gemacht HAT“? Luther übersetzt so, aber das ist falsch (für Experten: Da steht ein Partizip). Also: Schöpfung ist nicht etwas in der Vergangenheit, damals vor knapp 14.000.000.000 Jahren oder so, sondern es ist etwas Fortdauerndes. Nichts, was ist, kann sein und bestehen ohne den Schöpfer. Ein bisschen wie bei der Sonne: Wenn die plötzlich ausginge, sähen wir hier acht Minuten später (so lange braucht das Licht) recht schnell ziemlich alt aus.

Was ich spannend finde: Nicht so sehr, WAS die Leute hier beten, sondern WIE sie es tun. Jetzt weiß ich nicht, wie SIE es mit dem Beten halten. Viele tun das abends zum Abschluss des Tages im Bett. Passt ja auch zu Jesu Rat in der Bergpredigt: Nicht demonstrativ vor den Leuten, sondern im stillen Kämmerlein, nur Gott und Du!
Und in unserem Psalm? Mitten in der Nacht. Nicht allein, sondern in großer Gruppe. Nicht liegend und mit gefalteten Händen, sondern stehend und mit erhobenen Händen. Und genau genommen, ist unser Psalm ja gar kein Gebet, sondern eine AUFFORDERUNG zum Gebet. Ja, wo gibt’s denn sowas, dass man sich gegenseitig zum Beten ermuntert?
Sie merken: Beten geht auch „anders“. Anders, als Sie es bisher immer taten. Oder anders, als Sie es nie getan haben, aber tun würden, wenn Sie es, das Beten, mal täten. Weitere Beispiele für „Beten – einmal anders“:

  • Der Beter von Psalm 119 hält es mit festen Gebetszeiten: „Ich lobe dich des Tages siebenmal um deiner gerechten Ordnungen willen“ (Psalm 119, 164).
  • Daniel betet regelmäßig und mit der Ausrichtung und Haltung seines Körpers. Und mit der Körperhaltung: „Daniel ging hinein in sein Haus. Er hatte aber an seinem Obergemach offene Fenster nach Jerusalem, und er fiel dreimal am Tag auf seine Knie, betete, lobte und dankte seinem Gott, wie er es auch vorher zu tun pflegte“ (Daniel 6,11). Beten ist ihm so wichtig, dass er dafür die Löwengrube riskiert. Das Beten, das lässt er sich nicht nehmen.
  • Von Jesus heißt nach einem stressigen Tag: „Und am Morgen, noch vor Tage, stand er auf und ging hinaus. Und er ging an eine einsame Stätte und betete dort“ (Markus 1, 35)
  • Jesus in der Nacht vor seiner Gefangennahme: „Er ging ein wenig weiter, warf sich auf die Erde und betete“ (Markus 14, 35). Im Lukas-Evangelium heißt es an derselben Stelle, Jesus hätte gekniet. Das erscheint mir sehr gezähmt gesagt. Na ja, vielleicht hat er ja beides getan.
  • Nachdem zwei Reisende in Sachen Evangelium, Paulus und Silas, in Philippi festgenommen und misshandelt worden sind, landen sie im Gefängnis. „Um Mitternacht aber beteten Paulus und Silas und lobten Gott. Und die Gefangenen hörten sie“ (Apostelgeschichte 16, 25).

Bei diesen Beispielen von „Beten – einmal anders“ habe ich mich kein bisschen darum gekümmert, WAS die Betreffenden denn beten. Sondern: WIE? – Welche Zeiten? Welche Orte? Welche Körperhaltungen?
Falls Sie zu den Betenden gehören, lautet meine Einladung: Schauen Sie sich doch einen Tag lang beim Beten über die Schulter. Welche Zeiten? Welche Orte? Welche Körperhaltungen? Mit wem vielleicht? Und einen Tag später könnten Sie es ja mal anders ausprobieren.
Noch was: In unserem Psalm und in den Beispielen von „Beten – einmal anders“ ist die Bet-Zeit oft die Nacht oder an der Grenze zur Nacht. Ich rate Ihnen nun nicht, Ihren guten Schlaf für’s Beten aufzugeben. Aber falls Sie sowieso schon wach liegen, könnte das ruhige, unaufgeregte, vertrauensvolle Gebet die bessere Alternative zur hundertsten Grübelschleife sein.
Und falls Sie zu den Nicht-Betenden gehören: Lassen Sie sich Ihre Neugier wecken von diesen merkwürdigen Dingen, die die Glaubenden, nicht nur die christlich Glaubenden, da tun!

Gebet:
Unser Abendgebet steige auf zu Dir, Herr, und es senke sich auf uns herab dein Erbarmen. Dein ist der Tag, und dein ist die Nacht. Lass, wenn des Tages Schein vergeht, das Licht deiner Wahrheit uns leuchten. Geleite uns zur Ruhe der Nacht und vollende dein Werk an uns in Ewigkeit. Amen.

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Jutta Chlupac: Die Blume Hab-mich-lieb. (Statt einer) Andacht zum 29.7.2016

Eine kleine Blume lebte auf einer Wiese inmitten von anderen Blumen. Sie war wie alle kleinen Blumen. Sie liebte es, im Wind zu schaukeln und im Regen zu baden und ihren Durst zu stillen. Sie liebte die Sonne, das Licht und die Wärme.

Und sie liebte die Menschen, die vorübergingen – die tollenden Kinder, Paare, alt und jung, gesunde Menschen und kranke Menschen, traurige Menschen und fröhliche.

Ja, die kleine Blume sah allerlei Menschen und freute sich über sie. Doch niemand beachtete sie, wie sie so da stand zwischen all den anderen Blumen. „Warum sehen die Menschen mich nicht?“, dachte die kleine Blume immer wieder. „Haben sie mich nicht lieb?“

Eines Tages war die kleine Blume zu einer wunderschönen Blume herangewachsen, deren Blütenblätter in allen Farben leuchteten. Und da kamen die Menschen zu ihr. „Habt ihr mich nun lieb?“, fragte die Blume, aber niemand hörte sie. Die Menschen bewunderten die Schönheit der Blütenblätter und begannen, sie abzureißen und mitzunehmen.

Die Blume verstand nicht, warum die Menschen ihr weh taten, und wurde sehr traurig. Doch dann kam ihr ein Gedanke: „Das muss die Antwort der Menschen sein. Sie sagen mir, dass sie mich lieb haben.“ Von da an verschenkte die Blume gerne ihre schönen Blätter und war glücklich, dass die Menschen sie liebten.

Aber es kam der Tag, an dem kein Blütenblatt mehr übrig war. Jetzt gingen die Menschen achtlos an der Blume vorüber und traten auf sie. Die Blume war verzweifelt. Selbst die Menschen, die ein Blütenblatt von ihr bekommen hatten, beachteten sie nicht mehr. „Ist nun alles vorbei?“, fragte sie sich. „Ich habe nichts mehr zu geben. Eigentlich bin ich nicht einmal mehr eine Blume.“

Die Tage vergingen, und die Blume, die nun keine mehr war – zumindest dachte sie so – wünschte sich nichts mehr als endlich so sehr niedergetreten zu werden, dass sie sich nicht mehr aufrichten würde.

Da kam ein Gärtner zu der Blume. Er hatte von ihrer Schönheit gehört und wollte sie anschauen. Als er sah, was die Menschen mit der Blume gemacht hatten, war er sehr betroffen. „Was haben sie dir nur angetan?“, sagte er. „Deine Blütenblätter kann ich dir nicht zurückgeben, du armes Ding, aber ich will dich mitnehmen und dir ein Zuhause geben.“

So grub er die Blume vorsichtig aus und pflanzte sie in seinen Garten. Und er gab ihr einen neuen Namen: „Von nun an sollst du nicht mehr Hab-mich-lieb heißen, sondern Wirst-geliebt.“

Auch wenn die kleine Blume nie vergaß, was ihr widerfahren war, wurde sie doch wieder froh. Und manchmal, wenn der Gärtner sie besuchte und sie für ihn sang, sah es aus, als könne er sie hören.

von Jutta Chlupac

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Klaus Honermann: Durstige tränken. Andacht zum 22.7.2016

Die „Höhner“ singen (nicht nur) im Karneval: „Die Karawane zieht weiter, der Sultan hat Durst. Der Sultan hat Durst! Der Sultan hat Durst …“ Nicht nur ein Sultan hat Durst. Jeder Mensch hat Durst! Unsere erste Nahrung ist die Muttermilch, die wir trinken.
In unserer Gegend wissen wir heutzutage eigentlich gar nicht, was Durst bedeutet. Aus dem Wasserkran kommt bestes Trinkwasser. Von der Unzahl der Mineralwässer ganz zu schwei­gen, die wir überall kaufen können, und wo die Inhaltsstoffe genau angegeben sind.
Als ich 1974 eine Wanderung in den Bergen Sloweniens machte, habe ich erfahren, was Durst bedeutet: Wir sind stundenlang in heißer Sonne ohne Wasser gelaufen. Da wird nicht nur der Mund ganz trocken. In solchen Situationen müssen wir auch innerlich eine „Durststrecke“ überwinden.
Wenn man wie Jesus zu seiner Zeit eben nicht fließend Wasser in jedem Haushalt vorfindet, dann ist es umso verständlicher, dass ein Becher Wasser etwas Kostbares ist. Tankwagen bringen Wasser in Dürregebiete – oft lange und sehnlichst erwartet.
Und so sagt Jesus im Evangelium:

Wer einem von diesen Kleinen auch nur einen Becher frisches Wasser zu trinken gibt, … ich sage euch: Er wird gewiss nicht um seinen Lohn kommen. (Matth. 10, 42)

Durstigen zu trinken zu geben, ist ein Werk der BARMHERZIGKEIT, zumal wenn die Betreffenden gar nicht groß darum bitten. Alte und kranke Menschen trinken oft viel zu wenig, so dass der Körper zu wenig Flüssigkeit bekommt. Sie dann an das Trinken zu erinnern, ihnen Wasser oder Saft zu reichen, ist ein Dienst und eine echte Notwendigkeit.
Und wenn sie schon nicht mehr trinken können, ihnen dann wenigstens die Lippen und den Mund zu befeuchten.

Durstigen zu trinken geben – ein Werk der Barmherzigkeit.

Und dann gibt es noch die Entwicklungshelfer, welche in den Trockengebeiten der Erde für Brunnen sorgen. Die mit der Verteilung von Wasserfiltern für gesundes Trinkwasser sorgen. Die sich darum kümmern, den Widerstand zu organisieren, wenn das Wasser der Bevölkerung in Flüssen und Seen durch skrupellose Profitgier von Unternehmen verseucht und vergiftet wird. MISEREOR unterstützt solche Werke der Barmherzigkeit in großem Stil.
Und wir können MISEREOR unterstützen.

Durstigen zu trinken geben – ein Werk der Barmherzigkeit.

Neulich bekam ich folgende Begebenheit zugespielt:
Ein Junge verdient seinen Lebensunterhalt mit Zeitungsverkäufen an Haustüren. Er hatte großen Hunger und wollte nach einer Mahlzeit fragen, doch in seiner Müdigkeit fragte er nach einem Glas Wasser. Die Frau an der Haustür sah, dass er Hunger hatte und brachte ihm ein Glas Milch.
Jahre später wurde die Frau sehr krank und musste operiert werden. Der Arzt, der sie sofort wieder erkannt hatte, rettete ihr Leben. Als die Frau den Umschlag mit der Rechnung aufmachte mit der großen Sorge, dass sie bis an ihr Lebensende daran zu zahlen habe, las sie: Es ist schon alles bezahlt mit einem Glas Milch.

So toll ist es im Leben natürlich nicht immer. Aber immerhin …!

Durstigen zu trinken geben – ein Werk der Barmherzigkeit.

Wir dursten nach mehr als Wasser. Wasser steht für alles, wonach wir eine tiefe Sehnsucht haben: nach Anerkennung und Lob, nach Gerechtigkeit und Frieden. Letztlich nach Gott selbst.
Das sagt sich so. Durst nach Gott. Aber was ist, wenn wir diesen Durst nicht spüren? Wenn nichts mehr richtig Freude macht, wenn wir uns durch die Tage schleppen und noch kein Licht am Ende des Tunnels zu sehen ist; wenn uns auch das Gebet nur noch wie eine nutzlose Pflichtübung vorkommt … dann sind wir so, wie es im Psalm 63 heißt:

Gott, du mein Gott, dich suche ich, meine Seele dürstet nach dir. Nach dir schmachtet mein Leib wie dürres, lechzendes Land ohne Wasser.  (Ps 63,2)

Wenn wir die Sehnsucht nach Gott in unserem Herzen spüren, dann sind wir ja schon bei ihm. Was aber, wenn er weit weg scheint? Wenn immer mehr Menschen in unserer Gesellschaft sich dieses Durstes nach Gott nicht mehr bewusst sind und ihn nicht mit Christus in Verbindung bringen, was ist dann? (…) Wie reagieren wir, wenn wir feststellen, dass eine klare Christusbeziehung immer mehr verdunstet und das Glaubensland vertrocknet?
Unser Glaube sagt uns, dass Christus dennoch nicht aufhört, für uns da zu sein. Im Grunde können wir sagen: Gerade deshalb ist er Mensch geworden. Gerade deshalb hat er am Kreuz gerufen: „Ich habe Durst!“ Als alle Lebenskraft in ihm versiegt war, als er Gott nicht mehr verspürte, ist er für alle zu einer Quelle geworden.
Im ersten Brief des Paulus an die Korinther lesen wir: „Sie tranken aus dem lebenspendenden Felsen, der mit ihnen zog. Und dieser Fels war Christus.“ (1. Korinther 10,4) Christus zieht mit uns in den Situationen, die unsere eigene Lebenskraft versiegen lässt. In den Situationen des Durstes nach Zuwendung und Lebenssinn.
Wenn wir selbst ständig neu aus dieser Lebensquelle schöpfen, die Christus ist, die er uns in seinem WORT anbietet, dann können auch wir anderen unsere Glaubenserfahrung anbieten wie ein Glas frisches Wasser. Und es ist immer ein Gratisangebot, das zu nichts zwingt.
Durstigen zu trinken geben – ein Werk der Barmherzigkeit. Es kann das buchstäbliche Glas Wasser sein, das wir anbieten, oder eben das, was den Durst unserer Seele stillt. Beides können wir anbieten und auch dankbar annehmen.

Möge der Segen Gottes uns Quelle des lebendigen Wassers sein! Möge die Quelle allen Lebens uns Antrieb für jede Veränderung bleiben! Möge jede Veränderung im Großen und Kleinen uns Zeichen für das Reich Gottes werden!

von Klaus Honermann, Schermbeck

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Was bringe ich mit in den Tempel? Andacht zum 15.7.2016

Na, was bringen Sie mit, wenn Sie sich gerade – sagen wir mal: auf diese Andacht einlassen? Wenn das jetzt ein Gottesdienst in der Kirche wäre, hätten Sie vielleicht Bibel oder Gesangbuch dabei. Oder als Chor-Mitglied eine Melodie im Kopf. Oder Geld für die Kollekte. Oder einen anderen Menschen.
Jetzt am Computer oder mit Zettel in der Hand wohl nichts davon. Aber vielleicht ja: Gefühle? -Vorfreude? Sorgen? Traurigkeit? Verzweiflung? Glück? Dank? Oder kein klares Gefühl, und Sie müssen sich erst fragen: „Ja, was fühle ich eigentlich gerade so?“
Oder spezielle Gedanken? Am ehesten vielleicht Ihre Grübel-Gedanken und Sorgen, die haben Sie ja sowieso meistens dabei.
Ihren Körper, den haben Sie auf alle Fälle mitgebracht. Vielleicht ist Ihnen das gar nicht aufge­fal­len, falls der alles gut mitmacht, der Körper. Oder er fällt Ihnen dauernd auf: Vielleicht gibt es eine Krankheit, eine Behinderung, Schmerzen, … und das macht es Ihnen gerade schwer.

Als Jesus in seiner letzten Erden-Woche in Jerusalem den Tempel betritt, da trifft er auf Leute, die haben auch was mitgebracht: Opfertiere, kleine und große. Das normale Geld von draußen und das spezielle Tempelgeld. Es wird gewechselt, umgetauscht, ge- und verkauft, damit der normale Opfer-Betrieb funktioniert.
Aber Jesus platzt der Kragen. Er jagt sie alle hinaus. Die „Tempelreinigung“. „Mein Haus soll ein Bethaus sein!“, zitiert Jesus den Propheten Jesaja. Was die Leute alles mitgebracht haben, das dient anderen Zwecken. Das stört das Gebet. Findet Jesus jedenfalls.
Aber nun kommen noch andere, erzählt uns Matthäus. Und die bringen ganz anderes mit:

„Im Tempel kamen Lahme und Blinde zu ihm und er heilte sie. Als nun die Hohenpriester und die Schriftgelehrten die Wunder sahen, die er tat, und die Kinder im Tempel rufen hörten: Hosanna dem Sohn Davids!, da wurden sie ärgerlich und sagten zu ihm: Hörst du, was sie rufen? Jesus antwortete ihnen: Ja, ich höre es. Habt ihr nie gelesen: Aus dem Mund der Kinder und Säuglinge schaffst du dir Lob? Und er ließ sie stehen und ging aus der Stadt hinaus nach Betanien; dort übernachtete er.“ (Matthäus 21, 14-17)

„Blinde und Lahme“. Kein Geld und keine Opfergaben bringen sie. Sondern ihre Defizite, ihre Handicaps. Außerdem bringen sie: Ziemlich viel Mühe, sie können ja nicht einfach hierher spazie­ren. Vielleicht haben sie sich ja zusammen getan: Die Blinden tragen die Lahmen, und die Lahmen sagen, wo es lang geht. Und wozu all die Mühe? Weil sie auch noch Vertrauen und Hoffnung mitbringen! Die Hoffnung, dass Jesus sie heilt. Und Mut bringen sie mit. Denn eigentlich sind Leute mit solchen Behinderungen hier im Tempel nicht erwünscht.
Und Jesus? Der schmeißt sie nicht raus. Im Gegenteil: Sie sind ihm willkommen mit ihren Gebre­chen, ihrer Mühe, ihrer Hoffnung, ihrem Vertrauen, ihrem Mut. Sie erfahren Heilung.
Wer kommt noch? „Kinder“! Sie rufen und schreien! „Hosanna dem Sohn Davids!“ Das haben sie vielleicht eben beim Einzug Jesu in Jerusalem aufgeschnappt, da haben ganz viele so gerufen. Wohl kein Gesang, eher krumm und schief. So, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Die Kinder bringen ihren Jesus-Jubel mit, einfach so. Jesus gibt auch ihnen Recht, sie sind richtig hier.
Dann die „Hohenpriester und Schriftgelehrten“. Sie bringen ihren Ärger. Eigentlich kommt er jetzt erst auf, der Ärger. Denn sie haben auch ihre Theologie dabei. Und da passt es ihnen gar nicht, was die Kinder rufen. Zumal die ja noch gar nicht verstehen, was sie da von sich geben. Ihre kluge Meinung und ihren Ärger, den bringen die gebildeten, würdigen Herren nun als Vorwurf zu Jesus.
Und Jesus? Der fertigt sie ab: „Habt ihr nie gelesen: Aus dem Mund der Kinder und Säuglinge schaffst du dir Lob?“ Und dann lässt er sie einfach stehen mit ihrer Weisheit und geht weg.

Nun nochmal zu Ihnen und was Sie mitbringen. Zu Christus. Oder zu seinem und Ihrem himm­lischen Vater. Nicht nur heute zu dieser Andachts-Lektüre, sondern auch sonst. In Ihrem Gebet zum Beispiel. Oder, falls Sie da mitmachen, in Ihrem Gemeinde-Leben.
Opfertiere sind es sicher nicht. Geld schon eher. Jedenfalls: Wo es darum geht, das kirchliche Leben zu organisieren, da geht es immer auch um Geld. Und wer z.B. einen Gottesdienst vorbereitet und „organisiert“, der oder die ist manchmal schneller den Händlern, Käufern und Geldwechslern im Tempel ähnlich, als ihm oder ihr das lieb sein kann. Also: Als Pfarrer bin ich gut beraten, nicht gleich auf die Händler, Käufer, Geldwechsler einzudreschen. Sondern in den Spiegel zu gucken. Und zu fragen: „Herr, bin ich’s?“ Ist mein Leben ein „Bethaus“, in dem Gott und sein Christus in der Mitte stehen? Oder eher ein religiöser Betrieb, den ich am laufen halten „muss“? Geht mir das Eigentliche verloren vor lauter Drum und Dran und wie es bei den Leuten ankommt?
Oder bringe ich meine festen Überzeugungen mit, was denn der richtige Glaube und die richtige Form ist? Es wird schnell Ärger daraus wie bei den Hohenpriestern und Schriftgelehrten, wenn „die Kinder“ es anders sehen und ganz anders machen. Aus dem Eifer, wie es denn richtig ist, werden schnell Rechthaberei und Arroganz. – Gut, wenn nach dem Gottesdienst vor der Kirche über die Predigt diskutiert wird. Aber vielleicht erliege ich bei solchen Gesprächen der Versuchung der Bes­ser­­wisserei. Sie eventuell auch. Jesus lässt die Schriftgelehrten solchen Schlages einfach stehen.
Oder kommen Sie wie die Blinden und Lahmen zu Jesus? Mit Ihren Defiziten und Mängeln, mit Ihrer Not, mit Ihrer Unbeweglichkeit, Ihren Lähmungen und Blockaden, mit Ihren Scheuklap­pen, Ihrer Orientierungs- und Ratlosigkeit? Mit Ihrem bisschen Glauben und dem kleinen Senfkorn Hoffnung? Das wäre ehrlich: Sie würden sich und anderen nichts mehr vormachen, und Jesus auch nicht. So zu ihm kommen, wie Sie gerade sind und wie es Ihnen ums Herz ist. Das hat Verheißung! Vielleicht erfahren auch Sie in Jesu Nähe etwas Heilsames! Heilung!
Oder bringen Sie Ihren Jubel und Ihren Gesang? Vielleicht krumm und schief, vielleicht unreflek­tiert und spontan, eben so wie die Kinder im Tempel? Jesus freut sich! Und er nimmt Sie in Schutz und gibt Ihnen recht! Halleluja!
Nehmen Sie das mit für Ihren Tag in seiner Nähe und speziell für’s Gebet – die Fragen: Was bringe ich mit? Und: Bringe ich mich tatsächlich selbst mit, wenn ich in Christi Nähe eintrete? Was davon hemmt mich und ihn? Was stört? Was findet seinen Wohlgefallen und heilt? Amen.

Gebet:
Christus, manchmal stehe ich mir durch meine Überzeugungen und meine selbstverständ­lichen Rollen im Weg – im Weg zu Dir, im Weg zu mir selbst, im Weg zu den anderen, zu wirklicher Begegnung. Ich bitte Dich: Rüttle mich auf! Und: Lass mich meine Blindheiten und Lähmungen erkennen! Damit ich so zu Dir kommen kann wie ich bin. Und Du mich heilst. Amen.

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