Das Bild des Gekreuzigten. Andacht zum 27.3.2015 und zur Kar-Woche

Schwer auszuhalten, das mit dem Flugzeugabsturz. Erst recht, wenn es Menschen wie „Dich und mich“ und aus unserer Nähe betrifft. Die 140 Terroropfer im Jemen eine Woche vorher sind da schneller vergessen. Jedenfalls von „uns“.
Muss ich mir denn alles anschauen? Mir alles zu Herzen nehmen? Nein. Aber völlig darüber hinweg sehen, wie Mensch oder Tier anderswo leben und sterben müssen und was sie erleiden, das geht auch nicht. Damit ich meinen Beitrag leiste, dass das anders wird.
Und das Kreuz? Können Sie sich das Kreuz angucken? Jesus hing an einem Kreuz. Das Kreuz hat sich zu DEM Symbol der Christen gemausert. Das Kreuz als Schmuck am Hals, auf Kirchturmspitzen, in Kirchen, an Wegen, manchmal in Gerichtssälen, Klassen-, Krankenzimmern. Das Kreuz als Geste: Menschen werden beim Segnen bekreuzigt oder bekreuzigen sich selbst.
Dabei ist das Kreuz doch eines der fürchterlichsten Hinrichtungswerkzeuge, das sich die Menschen ausgedacht haben. Stellen Sie sich mal vor, Jesus wäre auf einem elektrischen Stuhl umgebracht worden. Wie wäre das, wenn jetzt die Leute so einen Stuhl in klein und aus Silber um den Hals hätten? Wenn in den Kirchen vorn ein elektrisches Stuhl stünde? Oder in den Klassen- und Krankenzimmern? Gar im Gericht? Grotesk! Eine Zumutung! Wenn wir das Kreuz nicht so gezähmt hätten durch die Jahrhunderte, dann würden wir diese Zumutung deutlich spüren.
In Jesu Zeit und in den Jahrzehnten danach war genau diese Zumutung völlig klar. Der Apostel Paulus schreibt davon, wie die Botschaft vom Kreuz unter den Nicht-Christen ankommt: Entweder als Skandal oder als Torheit.
Über etwas Skandalöses kann man sich entsetzen – und über eine Torheit sich lustig machen: Die Christen mit ihrem gekreuzigten Christus – ha ha! So ein Graffiti aus dem 3. Jahrhundert in Rom: Ein Beter vor einem Esel. Untertitel: „Alexamenos betet zu Gott.“ Er wird es nicht leicht gehabt haben unter seinen Mitschülern an der Kadettenschule, der Christ Alexamenos.
Also: Das Kreuz hat sich nicht gerade als Werbe­sym­bol angeboten, es war etwas Schreck­liches. Ein Skandal, eine Torheit. Trotzdem hat Paulus immer wieder vom Kreuz gesprochen, es in den Mittel­punkt gerückt. Zum Beispiel hier, in seinem Brief an die Christen in Galatien (heutige Türkei):

O ihr unverständigen Galater! Wer hat euch bezaubert, denen doch Jesus Christus vor die Augen gemalt war als der Gekreuzigte? (Galater 3, 1)

„O ihr unverständigen Galater!“ – Paulus schimpft. Er schimpft mit seinen Brief-Empfängern wie in keinem anderen Brief. Warum? Weil er sie lieb hat und weil er Angst um sie hat.
Es ist schon etwas länger her, seit Paulus in der Landschaft Galatien den Leuten den christlichen Glauben bekannt gemacht hat. Seine Botschaft: Du musst Dein Leben nicht selbst erlösen, es nicht vor Gott in Ordnung bringen! Und Du KANNST es auch gar nicht. Sondern: Gott selbst hat alles für Dich getan. Er hat Christus geschickt. Der ist für Dich gestorben und auferstanden. Und im Glauben kannst Du Dich mit ihm verbinden. Dann ist er DEINEN Tod gestorben – und dann wirst Du mit ihm und durch ihn leben – jetzt und in Ewigkeit.
So weit, so gut. Einige Leute haben sich darauf eingelassen – die ersten Christen in Galatien, die ersten Gemeinden. Aber nach Paulus kommen andere Missionare, die sich auch als Christen verstehen. Die sagen allerdings: Glaube? – Schön und gut. ABER: Zu Eurem Heil müsst ihr auch die göttlichen Gesetze einhalten. Speziell die kultischen Gesetze. Wie steht’s beispielsweise mit der Beschneidung? Glaube – das reicht nicht. Da muss schon ein bisschen mehr kommen!
Viele Christen in Galatien springen auf diese „Reicht nicht!“-Botschaft an. Paulus hört davon – und reagiert allergisch. Er schreibt seinen Galater-Brief. Wieder kommt er auf das Kreuz zu sprechen: Er hat ihnen „doch Jesus Christus vor die Augen gemalt (…) als [den] Gekreuzigte(n)“.
Paulus interessiert sich ausgesprochen wenig für das „Leben“ Jesu. Kaum für Jesu Worte, gar nicht für Wunder. Aber eben: für Kreuz und Auferweckung. Gerade das Kreuz, es geht ihn, Paulus, unmittelbar an. In den Sätzen direkt vor unserem Zitat sagt er das:

Weil ich (…) mit Christus am Kreuz gestorben bin, lebe in Wirklichkeit nicht mehr ich, sondern Christus lebt in mir. Das Leben, das ich jetzt noch in diesem vergänglichen Körper lebe, lebe ich im Vertrauen auf den Sohn Gottes, der mir seine Liebe erwiesen und sein Leben für mich gegeben hat. Ich weise die Gnade Gottes nicht zurück. Wenn wir vor Gott damit bestehen könnten, dass wir das Gesetz erfüllen, dann wäre ja Christus vergeblich gestorben! (Galater 2, 19b-21; Übersetzung „Gute Nachricht“)

Wenn Paulus auf Christus am Kreuz blickt, dann sieht er da nicht nur, dass jemand anderes gestorben ist. Nein, er, Paulus, ist mit Christus gestorben. Der „alte“ Paulus, der meinte, sich selbst durch perfekte Frömmigkeit, lückenlose Regel-Beachtung, Gut-Sein und sonst was erlösen zu müssen, der ist tot. Der neue Paulus lebt zwar immer noch in seinem alten Leib, aber „innen drin“ ist er neu. Er lebt im Vertrauen auf Christus, er weiß sich begnadigt und geliebt. Wenn er nun trotzdem versuchen wollte, sich selbst zu erlösen – Christus wäre vergeblich gestorben!
Paulus meint: Der Blick zum Kreuz soll den „unverständigen Galatern“ helfen, die sich haben „bezaubern“ lassen. Hilft dieser Blick Ihnen auch? Dazu drei Vorschläge:

  1. Vielleicht sind auch Sie dem Selbsterlösungs-Wahn der Galater verfallen. Vielleicht leben Sie in der Vorstellung, durch den eigenen Perfektionismus Ihr Leben heil, gut, sinnvoll, kostbar machen zu müssen. Dieser Selbsterlösungs-Perfektionismus muss heute gar nicht mehr fromm daher kommen: Sie müssen dauernd etwas Nützliches tun, immer die richtigen Antworten geben, in allem der/die Beste sein, alles können, makellos aussehen, alles wissen, immer tierisch nett sein usw. Wenn Sie so drauf sind, dann kennen Sie auch folgenden Wegbegleiter: Ihr Ungenügen, Ihr Versagen. Die Selbst-Vorwürfe. Der Blick zum Kreuz lehrt Sie: Ich bin im Glauben mit Christus gestorben. Der Selbsterlösungs-Wahn, er darf, nein, er soll hinter mir liegen!
  2. „Vertrauen auf den Sohn Gottes, der mir seine Liebe erwiesen und sein Leben für mich gegeben hat. Ich weise die Gnade Gottes nicht zurück.“ – Vielleicht kommt Gott in Ihrem Denken und Fühlen gar nicht vor. Oder nur als abstrakte Größe. Oder nur als etwas Bedrohliches. Im Blick auf das Kreuz können Sie Christi Liebe und Gottes Gnade erkennen. Und so etwas hören wie: „DU bist gemeint!“
  3. Der Blick auf Christi Kreuz soll Ihnen besonders dann ein Anker für die Seele sein, wenn Ihr eigenes „Kreuz“ allzu quälend ist: der Schmerz des Körpers, die Not der Seele, die düstere Zukunft. Und: „Mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ Im Glauben verbinden nicht nur Sie sich mit Christus in seiner Not, sondern: Christus verbindet sich mit Ihnen! Gerade als der Gekreuzigte lässt er Sie nicht allein!
    Deshalb: Wenn Ihnen in diesen Tagen ein vielleicht altbekanntes Kreuz begegnet, schauen Sie nochmal neu hin!

Gebet:
Christus, Du hast mir Dein Kreuz vor Augen gestellt. Nicht, damit ich mich erschrecke, sondern damit ich darin Erlösung finde. Ich danke Dir für Deine Liebe! Amen.

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Wer hat die Verantwotung? Passions-Andacht zum 20. März 2015

Ja, wer hat sie, die Verantwortung? Wenn irgendwo ein Anschlag verübt wird und soundso viele Menschenleben ausgelöscht werden, dann hören Sie meist in den Nachrichten den Zusatz: Die und die Gruppe hat dafür „die Verantwortung übernommen“.
Es scheint wohl in den Menschen drin zu stecken: Zumindest für das Schlimme muss es auch einen Verantwortlichen geben. Wenn jemand im Krankenhaus stirbt, und die Angehörigen wussten das vorher nicht oder wollten es beharrlich nicht wissen, dann sind oft „die Ärzte“ schuld. Auch dann, wenn die alles richtig gemacht haben. Einen Verantwortlichen zu haben, auch wenn es der Verkehrte ist, das ist leichter auszuhalten, als wenn etwas „einfach so“ passiert, und niemand konnte, niemand kann etwas machen. Besser Schuld als Hilflosigkeit.
Wer ist verantwortlich? Die Ärzte hatten wir schon. Wer sich sonst noch anbietet: die Politiker, die Manager, die Linken, die Rechten, die Moslems, die Chinesen, die Kirchen, die Alten, die Jugend, der Staat, die Schmarotzer, das Schicksal, der Trainer von Hoffenheim, die Presse, der liebe Gott. „Im Kleinen“ sind vorzugsweise verantwortlich: der Partner / die Partnerin, die Eltern, die Kinder, der Chef, die Kollegen, die falschen Freunde, die Lehrer, die Nachbarn.
Gibt es eine Gemeinsamkeit dieser Verantwortlichen? Ja: Es sind nämlich immer – na ja, fast immer – die anderen! Und NICHT ich. Außer die Terroristen, die die Verantwortung für ihren Anschlag übernehmen. Aber sie sind keine ECHTE Ausnahme: Sie finden ja gut, was sie da getan haben, und eben nicht schlimm. Bei der Verantwortlichkeit für Dinge, die gut gelaufen sind, sieht es sowieso ganz anders aus. Der Volksmund sagt: „Der Erfolg hat viele Väter!“ Man könnte ergänzen: Und für den Misserfolg gibt es viele offene Vaterschaftsklagen.

Im Prozess gegen Jesus übergibt die jüdische Selbstverwaltungsbehörde, der „Hohe Rat“, den Fall an den „verantwortlichen“ römischen amtsträger, den Statthalter Pontius Pilatus:

Es war üblich, dass der römische Statthalter zum Passafest einen Gefangenen begnadigte, den das Volk bestimmen durfte. Damals gab es einen berüchtigten Gefangenen, der Jesus Barabbas hieß. Als nun die Volksmenge versammelt war, fragte Pilatus: »Wen soll ich euch freigeben: Jesus Barabbas oder Jesus, den angeblichen Retter?« Denn er wusste genau, dass man ihm Jesus nur aus Neid ausgeliefert hatte.
Während Pilatus auf dem Richterstuhl saß, ließ seine Frau ihm ausrichten: »Lass die Hände von diesem Gerechten! Seinetwegen hatte ich letzte Nacht einen schrecklichen Traum.«
Inzwischen hatten die führenden Priester und die Ratsältesten das Volk überredet, es solle für Barabbas die Freilassung und für Jesus den Tod verlangen. Der Statthalter fragte noch einmal: »Wen von den beiden soll ich euch herausgeben?« »Barabbas!«, schrien sie.
»Und was soll ich mit Jesus machen, eurem so genannten Retter?«, fragte Pilatus weiter. Kreuzigen!«, riefen alle. »Was hat er denn verbrochen?«, fragte Pilatus. Aber sie schrien noch lauter: »Kreuzigen!«
Als Pilatus merkte, dass seine Worte nichts ausrichteten und die Erregung der Menge nur noch größer wurde, nahm er Wasser und wusch sich vor allen Leuten die Hände. Dabei sagte er: »Ich habe keine Schuld am Tod dieses Mannes. Das habt ihr zu verantworten!«
Das ganze Volk schrie: »Wenn er unschuldig ist, dann komme die Strafe für seinen Tod auf uns und unsere Kinder!« Da ließ Pilatus ihnen Barabbas frei und gab den Befehl, Jesus mit der Geißel auszupeitschen und zu kreuzigen. (aus Matthäus 27)

Einen kleinen Ausschnitt aus der Abfolge eines Justizmordes haben Sie da gelesen. Es gibt viele aktiv Beteiligte: die führenden Priester und Ratsherren, Frau Pilatus mit ihrem Traum, die Volksmenge, die Soldaten, die Jesus foltern und später kreuzigen werden. Und natürlich im Mittelpunkt: Pontius Pilatus.
Ich stelle mir nun ein Gerichtsverfahren gegen all diese Leute wegen gemeinschaftlichen Mordes vor. Was würden die Beteiligten sagen?

  • Die führenden Priester und Ratsherren: „Wir haben nur unsere religiösen Standards zur Anwendung gebracht. Aber wir haben nichts Rechtsverbindliches beschlossen und schon gar nicht ausgeführt. Wir haben nur unsere Einschätzung weitergegeben an die zuständige römische Behörde. Der Herr Statthalter hat das Urteil gesprochen, die römische Exekutive hat – der Name sagt es ja schon – exekutiert!“
  • Frau Pilatus: „Jetzt haben wir den Salat! Anzeige! Dabei habe ich meinen Mann gewarnt nach meinem Traum. Aber er sagt ja sowieso immer: ‚Du mit Deinen Träumereien!’ Wieso ich nicht selbst zu ihm gegangen bin? Na hören Sie mal! Ich bin schließlich die First Lady in der Provinz, da muss ich doch nicht selbst von Pontius nach Pilatus rennen!“
  • Das Volk: „Ja sicher, wir haben ‚Kreuzigen!’ geschrien. Aber wir sind angestachelt und aufgewiegelt worden. Und wir waren enttäuscht. Ein paar Tage vorher hatten wir Jesus ja noch zugejubelt als dem neuen König. Wir waren einfach fassungslos, dass er es zulassen konnte, jetzt so jämmerlich dazustehen.
  • Die Soldaten: „Also erstmal würden wir nicht so direkt von Folter sprechen mit der Auspeitschung. Das blieb alles im üblichen Rahmen, auch nachher bei der Kreuzigung. Aber vor allem: Wir haben auf Anweisung gehandelt. Es lag ein rechtsgültiges Urteil vor. Wenn Ihnen das nicht passt, müssen Sie sich an den Gesetzgeber oder den Richter wenden. Und wissen Sie eigentlich, was uns bei Befehlsverweigerung geblüht hätte? Außerdem ist sowas unser tagtäglicher Job, wir haben uns dran gewöhnt. Warum jetzt auf einmal diese Aufregung?“
  • Pontius Pilatus: „MIR kann man am allerwenigsten einen Vorwurf machen! Ich habe ja alles versucht: Ich wollte einen anderen statt Jesus ans Messer liefern, habe als lupenreiner Demokrat mehrfach das Volk befragt, habe ausdrücklich auf die Verantwortung der anderen hingewiesen. Und: ich habe für jeden erkennbar meine Hände in Unschuld gewaschen!“

Alles klar? Keiner ist es gewesen. Keiner hat die Verantwortung. Immer nur die anderen. Aber, lieber Pontius Pilatus, Du – und Du allein – hattest die Macht, die Entscheidung zu treffen zwischen Kreuz oder Freispruch. Und Schuld hält man nicht dadurch von sich fern, dass man sich öffentlich die Hände in Unschuld wäscht oder weiße Westen trägt.
Ich meine: All das ist total aktuell. Ich bin mit dem, wie ich mein Leben gestalte und welche Entscheidungen ich treffe, verantwortlich. Da helfen Ausreden wenig. Und: Ich bin nicht nur für andere, ich bin auch für mich selbst verantwortlich. Wie mein Lebensweg bisher gelaufen ist, da hatten andere ihre Finger mit im Spiel, besonders in den ersten zwei Jahrzehnten. Wie ich mich aktuell dazu verhalte, welche Richtung ich einschlage, das habe ich selbst mit in der Hand – sogar, wenn ich an den Rollstuhl oder eine Zelle gebunden bin. Es sind nicht immer nur die anderen, die dieses und jenes für mich tun sollen oder mir alle Entscheidungen abnehmen sollen – und dann natürlich schuld sind, wenn es schief geht.
Es gibt aber noch Zwei in unsrer Geschichte, die kommen in der Liste der (Un-) Verantwortlichen gar nicht vor, weil die jetzt wirklich nur Spielbälle sind: Jesus und Barrabas. Dieser Barrabas ist der Erste, der durch Jesu Tod neu leben darf. Unverdient. „Gnade“. Und Jesus? Er muss es „tragen“, erleiden, Jesus geht in den Tod. Sein Blut kommt nicht auf die Täter. Und auch nicht auf die Kinder und Nachkommen, wie es der Mob schreit. Sein Blut kommt auf sein eigenes Haupt. Und tropft auf die Erde, die uns alle trägt. Auch die unverantwortlichen Verantwortlichen. Auch Sie und mich.

Gebet (nach Jes. 53):
Christus, Du trugst unsere Krankheit und ludst auf Dich unsere Schmerzen, und durch Deine Wunden sind wir geheilt. Danke! In Ewigkeit: Danke! Amen.

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Bei Jesus beten lernen. Andacht zum 13.3.2015

Für Jesus wird es eng. Seine Gegner haben konkrete Pläne, ihn zu beseitigen. Ein Informant aus Jesu Sympathisantenkreis hat sich auch gefunden. Nit seiner Hilfe will man die Festnahme ohne großes öffentliches Aufsehen bewerkstelligen.
Jesus ist nicht naiv. Er weiß, was kommt. Seine Jünger nicht. Die wollen es wohl auch gar nicht so genau wissen. Sie werden es gleich noch sehen: Die machen buchstäblich die Augen davor zu. Eben noch hatten Jesus und seine Jünger das Seder-Mahl gehalten, am Vorabend des Passa-Festes. Jesus hatte merkwürdige Worte dazu gesprochen, die gar nicht in den traditionellen Ablauf gehörten: „Das ist mein Leib!“; „Das ist mein Blut!“ Und nun geht es in die Nacht hinaus:

Jesus und seine Jünger kamen an eine Stelle am Ölberg, die Gethsemane heißt. Dort sagte er zu ihnen: »Setzt euch hier und wartet, bis ich gebetet habe!«

Jesus will beten. Unter diesem Stichwort, dem Beten, möchte ich mir mit Ihnen die weitere Geschichte anschauen. Denn wie es Jesus hier, in dieser Extremsituation, mit dem Beten hält, davon können Sie und ich etwas für unser Beten lernen.
Zum Gebet lässt Jesus seine Jünger zurück, die sollen auf ihn warten. Jesus sucht die Stille. Das Gebet, das jetzt für ihn dran ist, ist eine Sache zwischen ihm und seinem himmlischen Vater. So hatte er es auch früher immer wieder getan: Sich zum Beten zurückgezogen.
Und miteinander beten? In Gemeinschaft? Das haben alle zusammen gerade noch getan, bevor sie von ihrer Mahl-Feier aufbrachen. Ein Hymnus. Ein gesungenes Gebet. Miteinander und mit Worten, die allen vertraut sind.
Oder noch weiter zurück: Als einmal die Jünger Jesus baten: „Lehre uns beten!“, da hat er ihnen das „Vaterunser“ beigebracht: „Unser Vater“, „unser tägliches Brot“, „unsere Schuld“, „führe uns nicht in Versuchung“, „erlöse uns!“ Das Gebet einer Gemeinschaft als gemeinsames Gebet.
Wovon Jesus gar nichts hielt, das war das Sich-Aufpluster-Gebet vor anderen. Bitte keine demonstrative Frömmigkeit an den Straßenecken und in den Gotteshäusern! Stattdessen: das Gebet „im stillen Kämmerchen“. Und genau so ein Gebet sucht Jesus hier. Eine stille Ecke im nächtlichen Garten. Immer nur zusammen mit anderen beten? – Da würde Entscheidendes fehlen!
Im Gebet dem himmlischen Vater das Herz öffnen, ihm die ganze Not zeigen, ihm die Bitten und Sehnsüchte bringen – anstatt seine Mitmenschen damit zu „belästigen“? Nein, Jesus macht so eine Alternative nicht auf. BEIDES geht. BEIDES soll sein:

Petrus, Jakobus und Johannes jedoch nahm er mit. Von Angst und Grauen gepackt, sagte er zu ihnen: »Meine Seele ist zu Tode betrübt. Bleibt hier und wacht!«

Diese drei eng Vertrauten sollen – ja, was denn? Ratschläge geben? Probleme wälzen? Ein therapeutisches Angebot machen? Ihm sagen, dass das schon wieder wird, jeder hat schließlich mal eine Krise? Nein, viel menschlicher: In Jesu Nähe bleiben, ihn aushalten, mit ihm wachen!
Dass alle drei Jünger genau darin als Jesu Mit-Menschen versagen, das steht auf einem anderen Blatt. Auch dass dieses Versagen zu keinem dauerhaften Bruch mit Jesus führt. Hier nur so viel: Das Beten darf keine Ausrede sein, um sich zu verschließen und zu isolieren.

Er selbst ging noch ein paar Schritte weiter, warf sich zu Boden …

Jesus wirft sich zu Boden. Bevor er Worte sucht, spricht schon sein Körper.
Und wenn Sie beten? Allein mit Gott? Was sagt da Ihr Körper? Vielleicht vergegenwärtigen Sie sich das einmal: Was sind im Laufe des Tages bei Ihnen typische Zeiten und Augenblicke, typische Orte für’s Beten? Und: Welche Haltung nimmt dort Ihr Körper ein? Der Körper ist womöglich in seiner Haltung Gott gegenüber viel echter, viel ehrlicher als alle Ihre Worte. Und wenn er, der Körper, sich irgendwie hingeflätzt hat und es nicht nötig findet, überhaupt eine erkennbare Haltung Gott gegenüber einzunehmen, dann ist das doch eine ernüchternde Ver-Körperung der eigenen Haltung, oder?
Die Ehrlichkeit des Körpers ist vielleicht ernüchternd. Seine Beeinflussbarkeit aber ermutigend. Sofern Sie körperlich einigermaßen gesund sind, machen Sie sich doch die Mühe, Ihren Körper in eine „passende“ Haltung zu bringen! Jesus wirft sich zu Boden. Und bei Ihnen? Sitzen, Knien, Liegen, Stehen? Gefaltete Hände? Ausgebreitete Hände? Vielleicht ein Kreuz in den Händen oder einen Rosenkranz? Vielleicht ein Gebet-Buch? Ruhiger Körper? Oder in Bewegung? Was passt? Welche Haltung Ihr Körper einnimmt, welche Sie ihm geben, das verdient Ihre Aufmerksamkeit.

(…) »Abba, Vater«, sagte er, …

Zwei Dinge, die ich mir hiervon zu Herzen nehmen und Ihnen ans Herz legen möchte:

  1. Jesus „sagt“. Er „denkt“ nicht nur sein Gebet. Klar: „Du verstehst meine Gedanken von fern“ (Ps. 139). – Wozu die Gedanken dann noch aussprechen? Weil mich das Worte-Finden dazu bringt, die Dinge klarer zu kriegen, sie auf den Punkt zu bringen. Den vielleicht chaotischen Gedankenfluss etwas zu kanalisieren. GOTT mag ja meine Gedanken von fern erkennen. – Aber ich selbst denn auch?? Worte helfen. Ausgesprochene oder geschriebene Worte.
  2. „Abba“, sagt Jesus. Das ist nicht „Vater“, das ist „Papa“. Und zu welchem Gott beten Sie? Gibt es da eine bevorzugte Anrede? Welche ist das? Und: Wie gut passt die zu Jesu „Papa“? Ist es in Ihrer Anrede vorgesehen, dass Gott es gut meint? Dass er ansprechbar ist? Vertrauens-würdig? Selbst in einer Gethsemane-Situation vertrauens-würdig? Also: Schauen Sie mal hin auf Ihre Anreden! Und: Lassen Sie sich unaufdringlich werben für Jesu „Gottes-Bild“!

»… alles ist Dir möglich. Lass diesen bitteren Kelch an mir vorübergehen! Aber nicht wie ich will, sondern wie Du willst.«

Ehrlich statt politisch korrekt. „Politisch korrekt“, das wäre gewesen: „Allmächtiger Gott, vor mir liegt dieser unabänderliche Leidensweg. Ich muss ihn gehen. Bitte gib mir dafür die Kraft!“ Politisch super korrekt wäre gewesen: „Gott, Du bist so wunderbar, dass Du ausgerechnet mich ausersehen hast, diesen Weg der Erlösung für alle Welt zu gehen! Halleluja!“
Aber Jesus betet ehrlich – und nicht politisch korrekt. Er fürchtet den Leidensweg, er will ihn nicht gehen. Will Gott bei seiner Ehre als dem Allmächtigen packen: „Alles ist Dir möglich …“.
Und trotzdem: „Nicht wie ich will, sondern wie Du willst!“ Für mich der Spitzensatz in dieser ganzen Geschichte. Klar, im Bitt-Gebet geht es um meine Hoffnungen, Sehnsüchte, Wünsche. Und um Wunsch-Erfüllung. Aber mehr noch darum: Ich übe mich darin ein, mich Gottes Willen zu unterstellen. Ihn auszuhalten, ihn anzunehmen, auch wenn er mir nicht passt.
Der Rest ist schnell erzählt: Als Jesus vom Beten zurückkommt, sind Petrus, Jakobus und Johannes eingeschlafen. Es wird sich noch zweimal wiederholen – Jesus Gebet, die schlafenden Jünger.
Am Ende war alles für die Katz: Ein unerhörtes Gebet. Nichts da mit „alles ist Dir möglich“. Jesus wird den „Leidens-Kelch“ bis zum letzten Tropfen leeren.
Wirklich „alles“ für die Katz’? Unser Abschnitt endet so:

„Steht auf, lasst uns gehen! Der, der mich verrät, ist da.“ (Markus 14, 32-42)

Aufbruch. Sich dem Verräter stellen und all dem, was jetzt kommt. Ein unerhörtes Gebet, ja. Aber kein nicht-erhörtes Gebet. Sondern ein anders-erhörtes Gebet. Ein schwacher Trost? Mehr vielleicht nicht. Oder: Immerhin.

Gebet:
Abba, Vater! Manchmal ist es so schwer zu glauben, dass Du es gut meinst. Und gut machst. Stärke mein Vertrauen in Dich! Durch Jesus Christus! Amen.

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Das Ende der Treue. Andacht zum 6.3.2015

Sind Sie – treu? Und: Was ist das überhaupt, Treue? Ich sage es mal so: Zu jemandem halten. Man sagt ja auch: Jemandem die Treue halten. Der Faktor „Zeit“ ist da wichtig: Treue ist etwas auf Dauer, nicht nur für den Moment. Wenn Sie Ihrem Bäcker die Treue halten, kaufen Sie immer dort Ihr Brot. Wenn Sie einen treuen Freund haben, dann pflegen Sie schon lange Kontakt zueinander und werden das wohl noch lange weiter tun. Wenn Sie Ihrem Partner oder Ihrer Partnerin treu sind, dann gehen Sie nicht fremd.
Treue steht über den Impulsen des Augenblicks: Sie werden Ihren Bäcker nicht wechseln, nur weil der andere Bäcker gerade ein Sonderangebot hat. Sie werden eine Freundschaft nicht aufgeben, weil die Treffen gerade ein bisschen langweilig sind und es aktuell viel spannendere Mitmenschen für Sie gibt. Sie werden Ihrer Partnerin oder Ihrem Partner nicht untreu, nur weil jemand anderes Ihnen gerade besonders schöne Augen macht oder solche hat.
Treue hat mit Gegenseitigkeit zu tun: Wenn Sie beim Bäcker oft unvorbereitet vor geschlossenen Türen stehen, werden Sie sich anders orientieren. Wenn der, dem Sie ein treuer Freund sind, sich niemals bei Ihnen meldet, wird Sie das enttäuschen. Und wenn Sie treu zu Ihrem Partner stehen, obwohl der dauernd fremd geht, dann würde ich das nicht für ein Erfolgsmodell von Partnerschaft halten. Die Gegenseitigkeit der Treue, sie hat etwas von einem Vertrag mit Rechten und Pflichten. Nur dass wir solche Rechte und Pflichten nicht schwarz auf weiß haben beim Bäcker, bei Freunden und in der Partnerschaft. Da kann es dann schnell passieren, dass der eine sich ausgenutzt, betrogen, hintergangen fühlt, und der andere kann das gar nicht verstehen.
Gibt es auch Treue im Glauben? Na ja, man kann auch etwas glauben, ohne „treu“ zu sein. Es gibt Leute, die glauben, dass es einen Gott gibt. Aber dadurch ist man nicht automatisch in Treue mit ihm verbunden. Ich erkenne ja auch an, dass es Bäcker gibt und dass sie wichtig sind. Aber davon allein bin ich noch keinem einzigen treu. Ich könnte strenggenommen durch’s Leben kommen, ohne je eine einzige Bäckerei zu betreten.
Ob ich mich einmal für einen Bäcker entschieden habe oder ob sich das durch meine Kaufgewohnheiten so entwickelt hat, ist zweitrangig. Worauf es ankommt, ist: Ich bin ihm verbunden, ich hole meist dort mein Brot, ich mag ihn und sein Personal und sein Brot. Und: Ich wechsle nicht sofort den Laden, wenn mir gelegentlich mal was nicht so schmeckt.
So ist das auch mit dem Glauben: Bedeutungsvoll wird die Sache erst durch persönliche Verbundenheit, durch regelmäßig gepflegte Verbundenheit. – Beim Bäcker wie bei Freunden wie in der Partnerschaft wie bei Gott. Und mit dieser regelmäßig gepflegten persönlichen Verbundenheit kommt die Treue ins Spiel.
Treue im Glauben, Treue zu Gott – für Christinnen und Christen geht es noch spezieller: Treue zu Jesus Christus. Die Begebenheit, die ich gleich zitiere, spielt direkt nach dem Abendmahl Jesu mit seinen Jüngern. Seine Gefangennahme steht fast unmittelbar bevor …

Nach dem Lobgesang gingen sie zum Ölberg hinaus. Da sagte Jesus zu ihnen: Ihr alle werdet in dieser Nacht an mir Anstoß nehmen und zu Fall kommen. Denn in der Schrift steht: „Ich werde den Hirten erschlagen, dann werden sich die Schafe der Herde zerstreuen.“ Aber nach meiner Auferstehung werde ich euch nach Galiläa vorausgehen.
Petrus erwiderte ihm: Und wenn alle an dir Anstoß nehmen – ich niemals!
Jesus entgegnete ihm: Amen, ich sage dir: In dieser Nacht, noch ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. Da sagte Petrus zu ihm: Und wenn ich mit dir sterben müsste – ich werde dich nie verleugnen. Das Gleiche sagten auch alle anderen Jünger. (Matthäus 26, 30-35)

Jesus ahnt: Seine Jünger werden ihn gleich, in den Stunden seiner größten Not, im Stich lassen. Und er sagt es ihnen voraus. Er sagt das nicht als Sorge, dass das passieren könnte. Er sagt es nicht als Bitte, weiter treu zu ihm zu stehen. Jesus sagt es als Faktum, als Tatsache: Ihr alle werdet mir untreu werden!
Und die Jünger? Das können sie so nicht stehen lassen, das können sie nicht auf sich sitzen lassen. Sie hören einen Vorwurf, und da müssen sie widersprechen. Petrus vorne weg, die anderen hinterdrein.
Aussage gegen Aussage, Prognose gegen Prognose. Wer behält Recht? Jesus! Die Jünger sind absolut treu gewesen – mit dem Mund. Allzu große Worte. Ein bisschen wie im Kindergarten, wenn Lisa und Lotte ganz bestimmt ihr Leben lang beste Freundinnen bleiben werden. Es kommt dann manchmal doch anders, und große Worte sind ein schwacher Schutz.
Wie steht es mit Ihrer, mit meiner Treue im Glauben? Falls Sie sich zu den Glaubenden rechnen und auf eine längere Glaubens-Geschichte zurückblicken, werden Sie wahrscheinlich erkennen: Es ist eine sehr wechselvolle Geschichte. Auch mit Zeiten mäßiger Treue oder Untreue. Obwohl die Anlässe zur Untreue viel nichtiger waren als damals bei den Jüngern. Vielleicht eher so etwas wie Gewöhnung. Oder eine Reihe kleinerer Enttäuschungen. Oder die ganz große Enttäuschung. Glaube kann sich einfach verlieren. Verdunsten. Und dann steht man ziemlich ernüchtert ohne da – wie in Erich Kästners Gedicht „Sachliche Romanze“:

Als sie einander acht Jahre kannten
(und man darf sagen: sie kannten sich gut),
kam ihre Liebe plötzlich abhanden.
Wie andern Leuten ein Stock oder Hut.

Sie waren traurig, betrugen sich heiter,
versuchten Küsse, als ob nichts sei,
und sahen sich an und wußten nicht weiter.
Da weinte sie schließlich. Und er stand dabei.

Vom Fenster aus konnte man Schiffen winken.
Er sagte, es wäre schon Viertel nach Vier
und Zeit, irgendwo Kaffee zu trinken.
Nebenan übte ein Mensch Klavier.

Sie gingen ins kleinste Café am Ort
und rührten in ihren Tassen.
Am Abend saßen sie immer noch dort.
Sie saßen allein, und sie sprachen kein Wort
und konnten es einfach nicht fassen.

Am Ende dieser Andacht, in der Liebe oder im Glauben, steht da der große Frust? O nein! Denn: Jesus spricht von Untreue – ja. Aber: Er spricht vor allem von seiner Treue! Er wird auferstehen, und er wird seinen Jüngern nach Galiläa vorangehen – dorthin, wo mit ihnen alles angefangen hatte. Und wo es wieder ganz neu anfangen darf, anfangen wird.
Treue im Glauben? Und wenn mir das nicht gelingt, allen großen Absichten und Sprüchen zum Trotz? Unsere Geschichte sagt: Es hängt nicht an meiner Untreue, sondern an Jesu Treue!

Gebet (aus einem Lied):
Gelobt sei Deine Treu, / die jeden Morgen neu / uns in den Mantel Deiner Liebe hüllt. / Die jeden Abend wieder, / wenn schwer die Augenlider, / das schwache Herz mit Frieden füllt.
Gelobt drum Deine Treu, / die jeden Morgen neu / uns Deine abgrundtiefe Liebe zeigt. / Wir preisen Dich und bringen / Dir unser Lob mit Singen, / bis unser Mund im Tode schweigt.

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Geschwister am Grab. Andacht zum 27.2.2015

Sind Sie Monotheist? Keine Bange, das ist nichts Unanständiges. Vielleicht aber etwas Ansteckendes. In „Monotheist“ stecken zwei griechische Wörter: „monos“: einer, ein einziger; „Theos“: Gott. Ein Monotheist glaubt an einen einzigen Gott.
Nun gibt es ja Leute, bei denen dreht sich alles nur um’s Geld, obwohl sie mehr als genug davon haben. Man könnte so jemanden ebenfalls als Monotheist bezeichnen, der hat ja auch nur einen Gott. So ein Monotheismus wäre dann DOCH etwas Unanständiges. Aber das meine ich hier nicht. Man müsste den vielleicht eher einen Mono-Monetisten nennen.
Wenn Sie Monotheist sind, werden Sie sich dem jüdischen, dem christlichen oder dem islamischen Glauben zurechnen. Das sind die drei großen „monotheistischen Religionen“. Diese drei haben aber nicht nur den Glauben an den einen Gott gemeinsam. Da gibt es auch einen bestimmten MENSCHEN, der bei allen dreien eine zentrale Stellung einnimmt: Abraham. Der hat wohl in der ersten Hälfte des zweiten vorchristlichen Jahr­tausends gelebt, genau lässt sich das nicht sagen. – Und heute sind wir nun am Ende seines Lebens:

Abraham wurde 175 Jahre alt. Dann starb er, gesättigt von einem langen und erfüllten Leben, und wurde im Tod mit seinen Vorfahren vereint.

In anderen Übersetzungen heißt es: Abraham stirbt „lebenssatt“. Nicht: „lebensmüde“. Ja, lang und erfüllt war sein Leben. Von großem Leiden am Schluss ist nicht die Rede, es klingt alles „rund“ mit seinem Ende. „Lebenssatt“ – so möchte ich auch mal sterben. Wir lassen Abraham also ruhen – und wenden uns seiner Bestattung zu:

Seine Söhne Isaak und Ismaël bestatteten ihn in der Höhle Machpela. (…) Dort waren nun also Abraham und seine Frau Sara zur letzten Ruhe gebettet. (aus Genesis 25)

Da ist Abraham nun wieder vereint mit seiner Sara. Er hatte zwar nach Saras Tod wieder geheiratet und weitere Kinder, aber die werden nur am Rande erwähnt. Auch nicht bei seiner Bestattung. Aber wer erwähnt wird: „Seine Söhne Isaak und Ismael“. Beide setzen ihren uralten Vater bei. – Gemeinsam.
Das ist keineswegs selbstverständlich. Hier die Vorgeschichte:
Gott hatte Abraham und Sara einen Sohn verheißen. Dessen Nachkommen sollten das „Volk Gottes“ werden. Aber es hatte bei den beiden alten Leuten einfach nicht geklappt mit dem Nachwuchs. Und da hat Sara eine Idee: Sie überlässt ihrem Mann für mindestens eine Nacht ihre persönliche Sklavin Hagar. Und es „klappt“: Hagar wird schwanger.
Was nicht klappt: der Frieden in dieser Dreiecksbeziehung. Sara wird eifersüchtig auf Hagar, fühlt sich von ihrer eigenen Sklavin verächtlich behandelt. Es gibt bis zur Geburt des kleinen Ismael echte Dramen, die schwangere Hagar ergreift sogar für eine Weile die Flucht.
Als Ismael schließlich geboren ist, hat Abraham eine Gottesbegegnung der besonderen Art. Abraham hat dabei einen Vorschlag an Gott: „Ach dass Ismael möchte leben bleiben vor dir!“ (Gen. 17, 18). Abraham meint damit ungefähr: „Nimm doch Ismael als Träger der Verheißung mit dem großen Volk!“ Aber Gott bleibt bei seiner Verheißung für die BEIDEN alten Leute selbst, nicht für ihre Stellvertreter: Abraham und SARA sollen ein Kind bekommen!
Und Ismael? Was wird mit dem? Gott sagt zu Abraham:

Deine Bitte für Ismaël will ich erfüllen: Ich werde ihn segnen und fruchtbar machen und ihm sehr viele Nachkommen geben. Zwölf Fürsten wird er zeugen, und ich lasse ihn zum Vater eines großen Volkes werden. (Genesis 17, 20)

Aha! Auch Ismael ist gesegnet! In ganz ähnlicher Weise wie das Kind von Sara und Abra­ham, das noch nicht einmal gezeugt ist: ein großes Volk, zwölf Stämme …
Das Gezänk in der Patchworkfamilie wird nicht kleiner, als Abraham und Sara schließlich tatsächlich ihren Isaak bekommen. Irgendwann schicken sie Hagar mit ihrem Sohn buchstäblich in die Wüste.
Kann man überleben, wenn man so unvorbereitet in die Wüste geschickt wird? Wenn weit und breit keine Menschenseele für einen da ist? Als alleinerziehende Mutter? Nein. Hagar und ihr Junge sind kurz davor zu verdursten.
Aber Gott, Gott steht ihnen bei:

Gott öffnete Hagar die Augen, da sah sie einen Brunnen. Sie ging hin, füllte den Schlauch mit Wasser und gab dem Kind zu trinken. 
Auch weiterhin half Gott dem Jungen. Er wuchs heran und wurde ein Bogen­schütze. Er lebte in der Wüste Paran und seine Mutter gab ihm eine Ägypterin zur Frau. (Genesis 21, 19-21)

So sehr die Verheißungen für Isaak und Ismael einander ähneln, so verschieden sind die beiden doch. Und so unterschiedliche Lebens-Wege gehen sie. Begegnungen zwischen Isaak und Ismael werden uns nicht berichtet. – Außer eben dieser einen: Sie bestatten gemeinsam ihren Vater.
Und: Es gibt noch eine Gemeinsamkeit – „wenn ich auf das Ende sehe …“:

… dann starb Ismaël und wurde im Tod mit seinen Vorfahren vereint. (Gen. 25, 17)

… dann starb Isaak, gesättigt von einem langen und erfüllten Leben, und wurde im Tod mit seinen Vorfahren vereint. Seine beiden Söhne Esau und Jakob begruben ihn. (Gen. 35, 29)

Ismael und Isaak, sie werden, genau wie ihr Vater, „mit ihren Vorfahren vereint“. Diese schöne Umschreibung für „Sterben“ gibt es im Alten Testament nur elf Mal. Und hier, bei den beiden Brüdern, schwingt etwas Spezielles mit: Es gibt einen gemeinsamen Vorfahren, eben ihren Vater Abraham. Unterschiedliche Wege „im Leben“, aber vereint am Grab des Vaters – und dann vereint nach Abschluss des eigenen Erdenlebens.
Und nun zu den Monotheisten: Die Juden sehen sich in der Linie von Isaak. Und die Moslems, sie sehen sich in der Linie Ismaels. Für sie ist die Quelle in der Wüste, durch den Ismael und seine Mutter überlebten, in Mekka, dem Zentrum ihres Glaubens. Die Quelle heißt Zamzam und liegt im Hof der Großen Moschee. Die Kaaba, das Ziel der muslimischen Wallfahrt, ist ebenfalls dort. Sie wurde, so glauben die Moslems, von Abraham zusammen mit Ismael wiedererrichtet. Zwei Brüder, unterschiedliche Wege. Und doch gehören sie mehr zusammen, als man es ihnen manchmal ansieht.
Und die Christen? Keine Frage: Die glauben auch an den Gott Abrahams und Saras. Die können sich mit zu den beiden Brüdern stellen an der Grabeshöhle von Machpela.
Und die Unterschiede? Ich bin ungefähr der Allerletzte, der meint, im Grunde seien alle Religionen doch gleich und man würde überall an dasselbe glauben. Das tun nicht mal die drei monotheistischen Geschwister am Grabe Abrahams. Zum Beispiel haben es die Christen mehr noch als mit der Grabeshöhle von Machpela mit einer Grabeshöhle bei Jerusalem: Der Stein ist weggewälzt, das Grab ist leer, der Tod ist besiegt. – „Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten?“ (Lk 24, 5). Solche Unterschiede, die sich besonders auf Jesus beziehen und wer er für mich und für „die Welt“ ist, die darf ich als Christ benennen, hervorheben, werbend hervorheben.
Die drei Geschwister sind unterschiedlich. Sie sind unterschiedliche Glaubens-Wege gegangen. Trotzdem stehen sie gemeinsam an Abrahams Grab. Und sie tun gut daran, einander als Geschwister zu behandeln. Erst recht, wenn z.B. das Bild, das manche Moslems von den Christen haben, noch von den Kreuzrittern stammt. Oder wenn sich manche Christen ihr Bild vom Islam bei den Wirrköpfen vom IS oder von den Taliban holen.

Gebet:
Gott, Du hast die Menschen nach Deinem Bild geschaffen. Auch die, die anders glauben als ich. Auch die, die gar nichts glauben. Hilf mit dabei, diese Würde im anderen und auch im eigenen Spiegelbild zu sehen und zu achten! Amen.

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Fasten oder nicht? Andacht zum 20.2.2015

Na, Festtagslaune? Feierstimmung? Für die Karnevalisten ist ja seit Aschermittwoch alles vorbei. Und für die Christen fängt etwas wenig Feierliches an: die Passionszeit an, Jesu Leidenszeit. Die Katholiken sagen meistens: „Fastenzeit“. Manche Protestanten fasten auch. „Sieben Wochen ohne“. Ohne was? Ohne etwas, wovon Sie den Verdacht haben: „Das ist mir ZU lieb! Das ist mir ZU wichtig!“

Also – erste Frage: Fasten Sie? Nicht zum Abnehmen, Entschlacken, Heilfasten, sondern: Fasten Sie aus Glaubensgründen?

„Aus Glaubensgründen“ – vielleicht: Mehr zu sich und zu Gott kommen. Falschen Abhängig­keiten auf die Schliche kommen. Oder um – ansatzweise – mit Christus zu leiden. Oder was würden SIE sagen? Was wäre für SIE ein guter Grund zu fasten? (…)

Nun die zweite Frage: Ist Jesus da? Jetzt und hier? Bei Ihnen? Unter uns? Und: „in der Welt“, wie man so sagt?

  • Vielleicht haben Sie ein klares „Ja“. Als Christin oder Christ pflegen Sie täglich Ihre Beziehung zu Jesus, Sie sind erfüllt von ihm. Vielleicht ist er für Sie in der Gemeinde und im Gottesdienst „mitten unter uns“. Vielleicht besonders im Abendmahl. Vielleicht entdecken Sie ihn in den Menschen, die gerade Not leiden und wenig Beachtung finden – in seinen „geringsten Schwestern und Brüdern“, wie er es gesagt hat. Oder in Menschen, die zu IHNEN gut sind, wenn SIE gerade in Not sind.
  • Oder Sie haben ein klares „Nein“. Sie fühlen sich wie die Jünger im Seesturm: Keinen festen Grund unter den Füßen, es stürmt und schaukelt, es geht drunter und drüber. Der ganze Kahn droht unterzugehen, und Sie mit. Von Jesus weit und breit nichts zu sehen, nichts zu hören, nichts zu spüren. Vielleicht schläft er irgendwo – aber hier, wo er so dringend nötig wäre, ist er nicht. Vielleicht genügt Ihnen auch schon der Blick in die Tagesschau, um zu sehen: So kann NICHT die Welt aussehen, in der Jesus da ist.
  • Oder Sie haben ein „Manchmal“. Solche „Ja“-Momente blitzen immer mal auf – aber dann verblassen sie auch wieder, werden überlagert von all dem, was Sie belastet. Oder solche Momente werden erdrückt und an den Rand geschoben vom alltäglichen Allerlei. Oder Ihr „Ja“ wird dadurch angesägt, dass Sie die ganze Sache mit Jesus intellektuell bezweifeln.

So, und nun die Geschichte, die beide Fragen miteinander verbindet:

Da kamen die Jünger des Johannes zu ihm und sprachen: Warum fasten wir und die Pharisäer so viel und deine Jünger fasten nicht? Jesus antwortete ihnen: Wie können die Hochzeitsgäste Leid tragen, solange der Bräutigam bei ihnen ist? Es wird aber die Zeit kommen, dass der Bräutigam von ihnen genommen wird; dann werden sie fasten.
Niemand flickt ein altes Kleid mit einem Lappen von neuem Tuch; denn der Lappen reißt doch wieder vom Kleid ab und der Riss wird ärger. Man füllt auch nicht neuen Wein in alte Schläuche; sonst zerreißen die Schläuche und der Wein wird verschüttet und die Schläuche verderben. Sondern man füllt neuen Wein in neue Schläuche, so bleiben beide miteinander erhalten. (Matthäus 9, 14-17)

„Warum fasten wir und die Pharisäer so viel?“ Diese Frage hätten die Johannes-Jünger sich besser selbst beantwortet, statt sie Jesus zu stellen.
Warum fasten? Warum geistliche Übungen generell? Warum sichtbare oder hörbare Frömmigkeit? Es gibt da ein paar zweifelhafte Gründe.
Der erste zweifelhafte Grund: Die Show vor den anderen. Jesus kritisiert es in der Bergpredigt, wenn Leute demonstrativ und mit Leidensmiene fasten. Oder wenn sie aus Gründen der Selbst­dar­stellung öffentlich wortreiche Gebete sprechen.
Der zweite zweifelhafte Grund: Die Show vor Gott. Nehmen wir den Pharisäer in einem Gleichnis Jesu: Der klopft sich im Gebet selbst auf die Schulter wegen seines Fastens und Spendens. Aber vor Gott prahlen, das kommt nicht gut. Statt jetzt jedoch zum großen Pharisäer-Bashing überzugehen, wie es Christen gerne tun, möchte ich eines zu bedenken geben: Wohl kein Mensch, der eine fromme Show vor den anderen oder vor Gott veranstaltet, WEISS DARUM, dass es eine fromme Show ist. Das merken die anderen eher. Der Betreffende versucht nicht nur, die anderen oder Gott zu täuschen, der täuscht vor allem sich selbst. Also: Vor der Kritik an den „Pharisäern“ ist da vielleicht bei Ihnen und bei mir selbst die kleinlaute Frage angesagt: „Herr, bin ich’s?“
Zu der Versuchung, seine Frömmigkeit demonstrativ zu zeigen, hat sich heute noch eine andere gesellt, nämlich: seine Frömmigkeit „demonstrativ“ zu verstecken! Da soll keinesfalls jemand was merken! – Wenigstens in DEM Punkt hatten es die Leute damals etwas leichter …
Warum fasten? Es gibt nicht nur zweifelhafte, es gibt auch GUTE Gründe. Die Pharisäer und die Johannes-Jünger haben eine große Gemeinsamkeit: Sie ersehnen, dass Gottes Reich bald anbricht. Fasten als Sehnsucht und als Bitte an Gott: „Dein Reich komme!“ Darum also die Jünger des Johannes fasten, das wäre damit geklärt.
Und ihre Kernfrage? – Warum fasten die Jünger Jesu NICHT? Ersehnen sie etwa NICHT das Reich Gottes?
Jesu Antwort: Festtagslaune! Feierstimmung! Es ist Hochzeitsfest! Der Bräutigam ist gekommen! Er ist jetzt da!
Klar, damit meint Jesus sich selbst. In seiner Person, in dem, was er sagt und tut, ist das Reich Gottes da! Man kann es auch so sagen: „Ihr, liebe Johannes-Jünger, wartet auf das Reich Gottes. Und da passt es, wenn ihr fastet und bittet! Aber für die, die mir nachfolgen, ist es schon da! – Eingeladen zum Fest des Glaubens!“
„Es wird aber die Zeit kommen, dass der Bräutigam von ihnen genommen wird. Dann werden sie fasten!“ Jesus spricht von der Zeit, wenn er nicht mehr sichtbar unter seinen Jüngerinnen und Jüngern ist. Unsere Zeit. Heute. Also eine klare Anweisung zum Fasten?
Ich finde, da sind wir wieder bei Frage 2 vom Anfang: „Ist Jesus da?“ Sie können das mit Ja, mit Nein und mit Manchmal beantworten. Und immer haben Sie recht! Ob also für Sie Feiern und Jubeln oder Fasten, Bitten, Klagen dran sind – nun, da kann in diesem Augenblick für jeden und jede die Antwort anders ausfallen.
Auf das alte Kleid kommt kein neuer Flicken, und der neue Wein muss in neue Schläuche, sagt Jesus. Sonst geht aller kaputt. Alt zu Alt, Neu zu Neu. Das Neue ist nicht „besser“ als das Alte. Es muss eben nur zueinander passen.
Wein in Schläuchen? Das Bild wird uns fremd sein, und Kleider flicken, das macht auch nicht jeder. Ich sag’s mal so: Sie, meine Dame, gehen nicht mit einem roten Ballkleid auf eine Beerdigung. Und mit dem formgerechten Beerdigungs-Outfit gehen Sie nicht auf eine Hochzeits­feier. Die eine wie die andere Kleidung ist „gut“. Aber beide passen nicht immer und zu allem. Es kommt darauf an, was gerade dran ist.
„Ist Jesus da? Jetzt und hier? Bei Ihnen? Unter uns? In der Welt?“ Je nach dem, wie Ihre Antwort ausfällt, kann für Sie Fasten dran sein oder Feiern; Klagen oder Jubeln; Weinen oder Lachen; Gemeinschaft oder Rückzug; fröhliche Musik oder traurige; laute oder leise Töne. Nichts davon ist „an sich“ schlecht. Nur: Passen sollte es! Stimmig sein! Zu dem, wie es Ihnen um’s Herz ist.
Eine Bekannte, der es gerade schlecht geht, sagte mir: „Ich kann doch jetzt nicht mein wahres Gesicht zeigen, wenn ich von meinem Glauben spreche. Das muss doch fröhlich sein, wenn es einladend sein soll!“ Ich finde: Sie irrt. Sie darf, sie soll ihr wahres Gesicht zeigen. Und Sie, Sie auch! Erlöst von der Pflicht der Verstellung. Wir dürfen „echt“ sein. Und erst recht in Sachen „Glauben“.

Gebet:
Gott, vor Dir darf ich ganz so sein, wie ich bin. Danke! Hilf Du mir gegen die Verstellung und Lüge – dass ich den anderen, mir selbst, ja, sogar Dir, etwas vormachen will. Amen.

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Ein König muss her! Andacht zum 13.2.2015

Manchmal kann man etwas von anderen lernen oder sich von ihnen abgucken: Die haben Sachen, die sind echt praktisch, nützlich, schön. Oder die tun Dinge, die sollte ich auch mal probieren. Oder die können was – es wäre gut, wenn ich das auch könnte.
Manchmal gibt es natürlich etwas, das kann ich mir von anderen nicht abgucken, weil es bei mir nicht dafür reicht: Für den Nobelpreis bin ich nicht klug genug. Um den Party-Löwen zu geben, dafür habe ich einfach nicht das Format. Der Marathon-Sieg scheitert daran, dass ich nicht mal bis zur Ziellinie käme – und vorher an meiner Faulheit, denn ich müsste trainieren.
Wenn die anderen Sachen haben oder Sachen können, die man selbst nicht hat oder nicht kann, dann führt das zu — Neid.
Ob die Zeitgenossen des alten Priesters Samuel (11. Jahrhundert v. Chr.) neidisch sind, weiß ich nicht genau. Aber zumindest gibt es etwas, das würden die Israeliten sich gern von den an­deren Völkern abgucken: die Staatsform. Denn die Stämme Israels leben nur in lockerer Verbin­dung. Da ist es schwer, gemeinsam aufzutreten und sich gegen die Nach­barn zu schützen. Außenpolitisch etwas hermachen, Einfluss haben, das geht ohne gemeinsamen Repräsentanten ebenfalls nicht. All das ist bei den Nachbarn anders: Das sind richtige Staaten. Alle mit einem König!
Es gibt allerdings jemanden, der auch ohne Königs-Würden einigermaßen anerkannt ist: eben der Priester Samuel. Der zieht von Ort zu Ort, veranstaltet Gottesdienste, und sein Wort, das hat Gewicht. Auch in juristischen Streitfällen: Er spricht Urteile.
Nun ist Samuel allerdings alt geworden, und seine beiden Söhne übernehmen oft vertretungsweise seine Aufgaben in Gerichtsverfahren. – Und genau dagegen regt sich nun Unmut: Die Söhne sind bestechlich – sie sind immer wieder bereit, für „Geschenke“ das Recht zu beugen.

Da versammelten sich alle Ältesten Israels und kamen nach Rama zu Samuel und spra­chen zu ihm: Siehe, du bist alt geworden und deine Söhne wandeln nicht in deinen We­gen. So setze nun einen König über uns, der uns richte, wie ihn alle Heiden haben!

Klingt vernünftig: Das Problem mit den bestechlichen Samuel-Söhnen könnte man gleich mit einer Verfassungsreform verbinden. Ein König soll her! Einer, wie ihn die anderen Völker auch haben!

Das missfiel Samuel, dass sie sagten: Gib uns einen König, der uns richte. Und Samuel betete zum HERRN.

Ist Blut dicker als Wasser? Will da einer seine kriminellen Kinder in Schutz nehmen? Unser Bibel­text liest sich anders. Es ist ausdrücklich der Wunsch nach einem König, der Samuel nicht passt. Da ist es wohl gut, dass Samuel nicht seinem ersten Antwort-Impuls folgt, sondern sich Zeit nimmt – zum Beten. Bedenk-Zeit vor Gott. Und Gott antwortet:

Gehorche der Stimme des Volks in allem, was sie zu dir gesagt haben. Denn sie haben nicht dich, sondern mich verworfen, dass ich nicht mehr König über sie sein soll. (…) So gehorche nun ihrer Stimme. Doch warne sie und verkünde ihnen das Recht des Königs, der über sie herrschen wird.

„Sie haben … mich verworfen, dass ich nicht mehr König über sie sein soll“. Ja muss Gott denn al­les gleich so persönlich nehmen? Muss er sich davon angegriffen fühlen, dass die Leute einen König wollen, einen aus Fleisch und Blut?
Aber genau so radikal klingt diese Stelle. Schließlich waren die Könige damals nicht durch Verfas­sungen und Parlamente eingeschränkt. Sie hatten das Sagen, sie wurden verehrt. Also: Wenn ich ei­nem anderen Menschen zubillige, in allem das Sagen zu haben, verträgt sich das nicht mit dem Glauben an Gott. Wenn ich mich an der unterwürfigen Verehrung so eines Menschen beteilige, passt auch das nicht zum Glauben an Gott. Wer unseren Text verinner­licht und Gott, nur Gott, König sein lässt, hat automatisch eine Abneigung gegen Diktaturen und Diktatoren, der taugt auch nicht son­derlich als Speichellecker oder Beifallspender.
„Doch warne sie“, sagt Gott. Wovor? Lesen Sie, welche Warnungen Samuel den Leuten nennt:

Das wird des Königs Recht sein, der über euch herrschen wird: Eure Söhne wird er nehmen für sei­nen Wagen und seine Gespanne, und dass sie vor seinem Wagen herlaufen, und zu Hauptleuten über tausend und über fünfzig, und dass sie ihm seinen Acker bearbeiten und seine Ernte einsammeln und dass sie seine Kriegswaffen machen und was zu seinen Wagen gehört. Eure Töchter aber wird er nehmen, dass sie Salben bereiten, kochen und backen. Eure besten Äcker und Weinberge und Öl­gärten wird er nehmen und seinen Großen geben. Dazu von euren Kornfeldern und Weinbergen wird er den Zehnten nehmen und seinen Kämmerern und Großen geben. Und eure Knechte und Mägde und eure besten Rinder und eure Esel wird er nehmen und in seinen Dienst stellen. Von eu­ren Herden wird er den Zehnten nehmen und ihr müsst seine Knechte sein.
Wenn ihr dann schreien werdet zu der Zeit über euren König, den ihr euch erwählt habt, so wird euch der HERR zu derselben Zeit nicht erhören.

Oder anders gesagt: Die Suppe, die ihr euch jetzt sehenden Auges einbrockt, die müsst Ihr auch selbst auslöffeln! – Und hier der Erfolg dieser klaren Worte:

Aber das Volk weigerte sich, auf die Stimme Samuels zu hören, und sie sprachen: Nein, sondern ein König soll über uns sein, dass wir auch seien wie alle Heiden, dass uns unser König richte und vor uns her ausziehe und unsere Kriege führe!

Ein wackeres „Trotzdem!“ Ein dummes Trotzdem. Kein einziges Wort zu Samuels Argu­menten.
Wieso? Wonach sehnen sich die Leute?

  • Sie wollen sein wie die anderen: „… dass wir auch seien wie alle Heiden.“
  • Sie wollen einen, der sagt, was richtig ist und was falsch, wer Recht hat und wer nicht: „… das uns unser König richte“.
  • Sie wollen Orientierung, sie wollen einen Leithammel: „(der) vor uns her ausziehe“.
  • Sie wollen sich stark fühlen: „… und unsere Kriege führe“.

Und für all das muss ein König als Identifikationsfigur herhalten. Ein Mensch aus Fleisch und Blut – wie sie selbst. Einer, der nackt auf die Welt kommt wie alle, und dessen letztes Hemd ebenfalls keine Taschen hat, Mausoleum hin, Pyramide her.
Wer es mit dem Ersten Gebot hält („… keine anderen Götter neben mir!“), wird sich vor der Vergöt­terung anderer Menschen hüten. Der braucht solche Leithammel nicht.
Jetzt könnten Sie natürlich sagen: „Hoppla! Ausgerechnet die Christen reden doch von Nachfolge! Die haben es zumindest mit den Lippen zu ihrem Ideal gemacht, ihrem Jesus hinterher zu lau­fen! Also doch Leithammel!“
Stimmt! Jesus Christus – für Christen Identifikationsfigur, Orientierungspunkt, „Licht der Welt“. Aber doch ein bisschen anders als der König, vor dem Samuel warnt:

  • Sein wie alle anderen? Gerade nicht! Wer es mit Jesus ernst meint und ernst macht, ist oft in der Minderheit. Der liegt quer zu manchen Werten und Idealen „der Gesell­schaft“. Der schwimmt – nicht immer, aber oft – gegen den Strom. – Das Merkmal lebendiger Fische.
  • Gesagt bekommen, was richtig und falsch ist? Wer sich an Jesus hält, wird nicht stumpf ak­tuellen Parolen folgen, auch nicht frommen. Der wird sich selbst Gedanken machen müssen. In Auseinandersetzung mit „nicht-aktuellen“, uralten Worten von Jesus und mit Geschichten über Jesus; im Gespräch mit anderen; und wie Samuel: im Gebet.
  • Jesus als Leithammel? Ja! Aber der steht nicht für Kraft und Protz und Stärke. Der geht sei­nen Weg der Liebe bis ans Kreuz. „Opfer“ der Könige und Herrscher dieser Welt.
  • Sich stark fühlen? Nein, sondern schwach sein dürfen. In der Hoffnung auf die Kraft Christi.

Diese Andacht ist eine dreifache Einladung:

  • Lassen Sie den kritischen Samuel am Lack der von Ihnen verehrten, idealisierten, vergötterten Mit-Menschen kratzen!
  • Geben Sie den Wunsch auf, so sein zu wollen wie alle anderen!
  • Lassen Sie Christus, das „Lamm Gottes“, Ihren „Leithammel“ sein. Und keinen sonst.

Gebet (nach Psalm 119, 105):
Gott, Dein Wort soll meines Fußes Leuchte sein. Und ein Licht auf meinem Weg! Amen.

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