Wie einen Aussätzigen. Andacht zum 26.10.2018

ANDACHT HÖREN

Die behandeln mich wie einen Aussätzigen!“

Wenn Sie so etwas sagen, dann fühlen Sie sich ausgegrenzt, geschnitten, missachtet. „Die anderen“ halten Sie auf Distanz, wollen wenig mit Ihnen zu tun haben. Jedenfalls sind Sie davon überzeugt.

Und umgekehrt? Behandeln SIE manchmal jemanden wie einen Aussätzigen? – Ach Quatsch! Sie doch nicht!

Obwohl, bei näherem Hinsehen … Es gibt ja Leute – also wie die schon aussehen! Oder wie die sich bewegen. Oder riechen. Da halten Sie sich doch lieber auf Abstand. Oder Leute, die in ihrem Leben bestimmte Dinge verbrochen haben, also mit so welchen kommen Sie nicht klar. Oder Leute, die vertreten so fürchterliche Ansichten, das geht gar nicht. Es gibt übrigens Kliniken, da geben Mitarbeitende Patienten grundsätzlich nicht die Hand. Um sich nicht anzustecken und keine Keime weiterzuverbreiten.

Ich sage das ohne moralische Entrüstung. Oder jedenfalls nur manchmal mit Entrüstung. Denn es ist ja wichtig, eigene Grenzen zu kennen, zu achten, auch zu verteidigen. Manchmal ist es gut, Grenzen durchlässiger zu machen und abzubauen, manchmal aber auch, persönliche Grenzen stark zu machen. Das Wörtchen „Nein!“ sollte jede/r im aktiven Wortschatz haben. „Nein!“ setzt eine Grenze. Besonders wichtig, wenn Leute auf die eine oder andere Art „zudringlich“ werden: Wenn Ihnen jemand mehr als gewünscht auf die Pelle rückt. Wenn Ihnen jemand Themen aufdrängt oder Fragen stellt, worüber Sie nicht reden wollen. Wenn jemand Ihre Zeit, Ihr Geld, Ihr Auto oder was auch immer in Anspruch nehmen möchte, und Ihnen geht das zu weit. (Übrigens: Gegen Tabak-Schnorrer wirkt es am besten, Nichtraucher zu sein.)

Es ist das Spiel von Nähe und Distanz: Mal möchte ich mehr Nähe zum anderen, mal mehr Distanz, Abstand. Und gleichzeitig will der andere genau das, aber da will ich das gerade nicht. Oder ich möchte Nähe im Gespräch bei körperlichem Abstand, und der andere möchte mich in den Arm nehmen, aber jetzt gerade nicht mit mir reden. Oder noch komplizierter: Ich möchte mehr Nähe und GLEICHZEITIG mehr Abstand zum andern.

Es ist wie mit Schopenhauers Stachelschweinen im kalten Winter: Wenn der Abstand zu groß ist, frieren sie. Wenn sie zu nah zueinander rücken, stechen sie einander. Schließlich finden sie den passenden Abstand. Sie nennen ihn: „Höflichkeit und feine Sitte“. ICH meine: Den dauerhaft passenden Abstand gibt es gar nicht. Es ist ein dauerndes Austesten von „Näher“ und „Weiter weg“.

Ein „Aussätziger“ ist sehr weit weg von der Stachelschwein-Herde. Dem Aussätzigen ist es richtig kalt.

Zu Jesu Zeiten war das mit dem Aussatz klar geregelt. Alles in den Mose-Büchern, der Thora, nachzulesen. „Aussatz“ war ein Sammelbegriff für alle möglichen ungesunden „Hautverän­der­ungen“, übrigens nicht nur beim Menschen, sondern z.B. auch Schimmel im Mauerwerk. Aussätzige musste sich fern halten. Die mussten andere vor sich warnen. Sie waren natürlich auch vom gemeinschaftlichen Glaubens-Leben ausgeschlossen, sie waren „unrein“.

Und wer war aussätzig? Oder wer war vom Aussatz wieder geheilt? Das hatten die Priester zu beurteilen, die waren so eine Art Gesundheits-Amt. Das finde ich besonders spannend: Aus­ge­rechnet die Priester, die es mit dem „Heiligen“ zu tun hatten, waren zugleich diejenigen, zu deren heiligen Pflichten es gehörte, sich direkt mit dem „Unreinen“ zu beschäftigen, sich der „Kontamination“ auszusetzen.

Als Jesus von dem Berg herabstieg, folgten ihm viele Menschen nach. 

So fängt im Matthäus-Evangelium die Begegnung zwischen Jesus und einem Aussätzigen an. Von was für einem Berg steigt Jesus da herunter? Es ist der Berg von der „Berg-Predigt“. Der Evangelist Matthäus hat verschiedene Jesus-Worte in drei Kapiteln Berg-Predigt zusammen­gefasst. So wie lange vorher Mose den Israeliten den Willen Gottes vom Berg Sinai mitge­bracht hat, so verkündet Jesus den Leuten nun auf diesem Berg sein Grundsatz-Programm.

Und nun folgen den Worten die Taten: In den nächsten Kapiteln erzählt Matthäus, was Jesus TUT. Und das Erste ist die Begegnung mit einem Aussätzigen:

Und siehe, da kam ein Aussätziger. Er fiel vor Jesus nieder (…)

Das darf er aber doch gar nicht, der Aussätzige! Der hat Abstand zu halten! Der muss laut die anderen vor sich warnen, wenn andere ihm näher kommen! Ich stelle mir vor: Diesen „Annäherungsversuch“ macht unser Aussätziger nicht mal eben ganz locker. Da hat er wohl allen Mut zusammen genommen. Er riskiert, dass Jesus ihn schärfstens zurück weist. Oder die vielen Leute, die Jesus vom Berg herab begleiten. Sie könnten ihn mit Schimpf und Schande verjagen. Und ihm noch Steine hinterher werfen.

Unser Aussätziger durfte sich niemandem zumuten. Nur eines ist klar: Hätte er sich an diese Regel gehalten, es hätte keine Geschichte mit ihm und Jesus gegeben. Es geht nicht anders: Er muss die Regel verletzen. Jetzt will er sich nicht wie ein Aussätziger behandeln lassen. Und vor allem: Er weigert sich, SICH SELSBT wie einen Aussätzigen zu behandeln.

Wieso macht er das? Wieso riskiert er Zurückweisung, Ablehnung, Kränkung?

Er sagte Jesus: „Herr, wenn Du willst, kannst Du mich rein machen!“ 

Aha! Es ist die Hoffnung auf Jesus. Nicht nur, dass Jesus ihm diese Grenzverletzung durchgehen lässt, sondern auch: Dass Jesus ihn heilt! Und was sagt Jesus?

Jesus streckte die Hand aus. Er berührte ihn (…)

Bevor Jesus ein einziges Wort sagt, TUT er etwas: Er streckt seine Hand aus. Jesus berührt den Unberührbaren! Jesus setzt also noch eins drauf auf die verbotene Annäherung. Streng genommen, macht sich Jesus damit selbst „unrein“, er „kontaminiert“ sich. Jesus behandelt den Aussätzigen NICHT wie einen Aussätzigen. Eher so: Jesus macht sich selbst zum Aussätzigen. Es ist keine Barriere da. Eine heilsame Berührung.

Jesus sagte: „Ich will! Werde rein!“

Im gleichen Augenblick wurde der Aussätzige rein. (Matthäus 8, 1-3)

Zur Berührung kommt jetzt noch das Wort. Der Zuspruch. Das genügt. Der Aussatz, der trennende Makel, ist weg. Der Rest ist beinahe Formal-Kram: Das priesterliche Gesundheitsamt, das vorgesehene Opfer. Damit alles seine Ordnung hat und niemand meckern kann.

Und was kann das alles nun für SIE bedeuten? Hier meine knappen Antwort-Vorschläge:

  1. Es gibt viele gute und sinnvolle Regeln. Aber haben Sie gelegentlich auch den Mut, Regeln zu verletzen, Grenzen zu überschreiten! Manchmal muss das sein, sonst bleibt alles so, wie es ist.

  2. Hören Sie auf, SICH SELBST als Aussätzigen zu sehen und zu behandeln!

  3. Wagen Sie wie Jesus an passender Stelle auch die Grenz-Verletzung in die andere Richtung: Berühren Sie den Unberührbaren! Das dient womöglich nicht nur seiner Befreiung, sondern auch der eigenen!

  4. Machen Sie die Bitte des Aussätzigen auch zu Ihrem Gebet: „Herr, wenn Du willst, kannst Du mich rein machen!“ 

Gebet (aus einem Lied):

Meine Engen Grenzen / meine kurze Sicht / bringe ich vor Dich! Wandle sie in Weite! Herr, erbarme Dich!

 

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Zuflucht. Andacht zum 19.10.2018

ANDACHT HÖREN

Auf Dich, Gott, traut meine Seele, und unter dem Schatten Deiner Flügel habe ich Zuflucht, bis das Unglück vorübergeht. (Psalm 57, 2)

Ich schreibe ja gern meine kleinen Predigten wörtlich auf. Manchmal geht das in einem Rutsch, aber meistens zieht sich das ein paar Tage hin, immer mal zwischendrin ein bisschen.

Diesmal fing es damit an, dass wir in einer Stationsandacht saßen und ein Lied sagen, das ich sehr liebe:

Du bist mein Zufluchtsort! Ich berge mich in Deiner Hand. Denn Du schützt mich, Herr! Wann immer mich Angst befällt, traue ich auf Dich. Ja, ich trau‘ auf Dich. Und ich sage: „Ich bin stark in der Kraft meines Herrn!“

Beim Singen kam mir die Nacht davor in den Sinn. Meine Grübel-Themen. Sorgen, die mich für Stunden wach gehalten hatten. Und nun bei dem Lied die Frage an mich selbst: „Wie kam das bloß, dass ich da nicht Zuflucht bei Gott genommen habe? Gott als mein Zufluchts-Ort?!“

Dem wollte ich nachgehen, und so bin ich auf unseren Zufluchts-Vers aus Psalm 57 gestoßen:

Auf Dich traut meine Seele, und unter dem Schatten Deiner Flügel habe ich Zuflucht, bis das Unglück vorübergeht.

Zuflucht“, das klingt nach Geborgenheit und nach Schutz. Nach einer Hütte bei Unwetter. Unser Psalm-Beter findet Zuflucht unter Gottes „Flügeln“. Ich hab’s nachgeschaut: In der Bibel finden Sie noch drei weitere Stellen mit der Verbindung von Zuflucht und Gottes Flügeln.

Wie jetzt? Gott hat Flügel? Engel mit Flügeln, das kennen Sie von den Weihnachtsmärkten. Aber Gott??? Na klar, es ist ein BILD. Gott hat keine Flügel, wo man die Federn zählen könnte. Und wenn Sie sich von Gottes Hand gehalten wissen, ist das keine Hand, wo man die Fingernägel schneiden könnte. Und Gottes Auge, das über Ihnen wacht, braucht niemals eine Brille. Alles BILDER für etwas, was sonst unsagbar wäre.

Die „Flügel“, das sind eigentlich die von der Henne. Sie und ich, wir sind die Küken. Wir können zur Henne flüchten, wenn der Geier über uns kreist. Schnell unter Mamas Flügel, da passiert mir nichts. Bis der Geier wieder weg ist.

Und dann war ich wieder bei meiner Grübel-Nacht und bei dieser Frage: Wieso habe ich denn da nicht Zuflucht unter Gottes Flügel genommen?“

Was konkret mich in jener Nacht gehindert hatte an dieser Zuflucht, wusste ich da schon nicht mehr. Aber grundsätzlich sind mir ein paar mögliche „Verhinderungen“ eingefallen:

  1. Es kann sein: Ich nehme tatsächlich Zuflucht bei Gott, aber: mehr husch-husch und pro forma. So ein 0-8-15-Gebet, nebenbei, ohne wirkliche Hinwendung zu Gott.

  2. Mit Sorgen und Grübel-Gedanken ist es wie mit dem Kaninchen, das wie gelähmt und gebannt auf die Schlange starrt: Die Sorgen sind die Schlange, und ich als das Kaninchen schaue nur noch starr auf diese Sorgen-Schlange. Was rechts und links davon ist, kommt gar nicht mehr in den Blick. Und Gott womöglich auch nicht.

  3. Pessimismus, Fatalismus, Misstrauen, Enttäuschung: „Ach, es hat ja sowieso alles keinen Zweck! Das ändert nichts bei mir und nichts an meinen Sorgen, wenn ich bei Gott Zuflucht suche.“

  4. Schön-Reden: Ich mache aus meinen Problemen kleine Problemchen und Herausforderungen. Aus meiner Angst etwas, was mich nicht berührt. Aus meiner Sorge eine Aufgabe. Und wenn ich mir das selbst glaube, dass das alles gar nicht so wild sei – wozu dann Zuflucht suchen?

  5. Die Vorstellung: Ich kann das allein, ich schaffe das allein und ich weiß mir immer schon allein zu helfen.

Übrigens: All diese Verhinderungen, bei Gott Zuflucht zu suchen, sie verhindern es auch, die Hilfe und den Schutz anderer Menschen zu suchen und anzunehmen: Auch zu meinen Mitmenschen kann ich routinemäßige Pro-Forma-Kontakte pflegen. Sie können mir vor den ganzen Sorgen-Themen aus dem Blick geraten. Ich kann mich vor lauten Enttäuschung und Misstrauen zurückziehen. Ich kann mir auch da einreden: Erstens ist das alles halb so wild, und zweitens schaffe ich das ja alleine und muss das allein schaffen und will niemandem „zur Last fallen“.

Ich finde: All diese Verhinderungen und die eigenen Haltungen dahinter sind bei den Mitmenschen genau so blöd wie bei Gott. Ich sage das so pauschal, weil ich meine: Ich würde diese Verhinderungen zu ernst oder zu tragisch nehmen, wenn ich sie einzeln mit Begründungen entkräften wollte. Vermutlich werfen Sie ja auch keinem Ertrinkenden einen Schwimmring hin und reden dann noch viel, warum es gut sein könnte, diesen Schwimmring zu ergreifen.

Dabei gäbe es auch gegen den Schwimmring viele Einwände: Der Schwimmring verlängert das Problem, man ist damit ja noch nicht aus dem Wasser. Man kann so nicht schwimmen lernen. Der Schwimmring macht einen abhängig. Es sind auch schon Leute mit Schwimmring ertrunken. Man kann doch nicht immer nur mit Schwimmring leben. Schwimmring, das ist so ein ausgelatschter Rettungs-Weg, nichts Kreatives. Und, und, und. Aber: All diese Richtigkeiten sind trotzdem lauter Blödsinn.

Manchmal ist es gut, Bedenken NICHT zu entkräften, sondern eine Trotz-Haltung und Trotzdem-Haltung an den Tag zu legen: Trotz aller Bedenken das zu tun, was jetzt dran ist: Den Schwimmring ergreifen. Den Mitmenschen um Hilfe bitten. Bei Gott Zuflucht nehmen.

Als hätte es so sein sollen: Kurz danach wieder eine Grübel-Nacht. Aber diesmal habe ich mich an die Sache mit der Zuflucht unter Gottes Flügeln erinnert. Eine Andacht mit Wirkung .

Und was nun in der Nacht? Die richtige Zeit für ein ausführliches Gebet? – Ich habe es anders gemacht, Zuflucht unter Gottes Flügeln zu suchen: Ein sehr un-ausführliches, sehr einfaches Gebet: Ich habe ruhig geatmet. Bei jedem Ein-Atmen habe ich in Gedanken nichts gesprochen als: „Meine …“. Dann beim Aus-Atmen: „… Zuflucht“. Immer wieder: „Meine – Zuflucht“. Anstelle der tausend Gedanken. Und dann habe ich geschlafen …

Aus „Nun ruhen alle Wälder“ von Paul Gerhardt

Breit aus die Flügel beide, o Jesu, meine Freude,
und nimm Dein Küchlein [Küken] ein.
Will Satan mich verschlingen, so lass die Englein singen:
„Dies Kind soll unverletzet sein.“

Auch Euch, ihr meine Lieben, soll heute nicht betrüben
kein Unfall noch Gefahr.

Gott lass Euch selig schlafen, stell Euch die güldnen Waffen
ums Bett und seiner Engel Schar.

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Gott und das enttäuschte fromme Volk. Sprech-Theater zum12.10.2018

SPRECH-THEATER HÖREN

Ein Sprechtheater-Stück von vor ungefähr 2500 Jahren. Die Szene: Wir sind unter Menschen, die aus Jahrzehnten der unfreiwilligen Verbannung nach Jerusalem zurückgekehrt sind. Diese Leute sind mit ihren großen Erwartungen auf die etwas härtere Realität gestoßen. Die Besetzung:

  • eine Stimme, zu der man keinen Sprecher sieht: Gott.

  • eine einzelne Person: der Prophet

  • eine Gruppe von Menschen, ein Chor: das fromme Volk

  • Und im Publikum: ein Zuschauer, der kommentiert. Das bin ich, Klute.

Sie können das meiste vom Text nachlesen in Jesaja 58.

———————— Sprech-Theater: Gott und das enttäuschte fromme Volk ————————-

Gott: Die Leute suchen mich Tag für Tag und haben daran Gefallen, meine Wege zu erkennen.

Klute: Klasse! Was für schöne Zeiten damals! Die Leute suchen nach Gott, sie fragen nach Gott! Mein Eindruck: Heute herrscht Gleichgültigkeit vor. Wenige, die intensiv fragen. Und wenige, die um eine eigene Position mit Eifer ringen und sie dann deutlich vertreten. Es gibt weder viele eifrige Christen noch eifrige Atheisten. Sondern die zähe, wabernde Masse der Gleichgültigkeit.

Gott: Wie eine Nation, die Gerechtigkeit übt und vom Recht ihres Gottes nicht ablässt, so fordern sie von mir gerechte Entscheide und haben an Gottes Nähe Gefallen.

Frommes Volk: Warum fasten wir und Du, Gott, siehst es nicht? Warum haben wir uns gedemütigt und Du weißt es nicht?

Klute: Hoppla! Doch nicht alles klasse! Das fromme Volk ist schwer enttäuscht von Gott! Die Leute fasten für Gott, sie demütigen sich vor Gott. Aber sie fühlen sich nicht gesehen, nicht beachtet, nicht geachtet.

Wie kommen die Leute denn darauf, dass Gott über sie hinweg geht? Ich vermute: Es fluppt im Leben nicht so wie erhofft. Sie fühlen sich nicht gesegnet. Schlechte Ernte; unfähige, korrupte Politiker; schlimme Krankheit; früher Tod.

Also: Damals haben sich die Leute um Gott bemüht – und waren dann enttäuscht von ihm. Und heute haben sich viele Leute NICHT um Gott bemüht. Und sind AUCH enttäuscht von ihm. Vielleicht nicht ganz so sehr, weil sie gar nicht erst großartig auf ihn gehofft haben.

Prophet: Seht! An euren Fasttagen macht ihr Geschäfte und alle eure Arbeiter treibt ihr an. Seht! Ihr fastet und es gibt Streit und Zank und ihr schlagt zu mit roher Gewalt. So wie ihr jetzt fastet, verschafft ihr eurer Stimme droben kein Gehör.

Klute: O, jetzt wird es aber politisch! Das wird das fromme Volk nicht mögen. Vorwürfe. Es geht um die Wirtschaft. Um Geschäfte-Machen. Andere werden ausgebeutet. Es herrscht Gewalt. Wie heute. Nur dass die Gewalt heute oft weit genug weg ist. Ich muss mir nicht mit angucken, wer unter welchen Bedingungen meine T-Shirts zusammen näht.

Jedenfalls ist das ein unangenehmer Gedanke: Ob Gott mir Gehör schenkt, hat mit meinem Wirtschaften zu tun! Es geht um’s Geld!

Gott: Ist das ein Fasten, wie ich es wünsche, ein Tag, an dem sich der Mensch demütigt: Wenn man den Kopf hängen lässt wie eine Binse, wenn man sich mit Sack und Asche bedeckt? Nennst Du das ein Fasten und einen Tag, der dem HERRN gefällt?

Klute: Wieder so ein unbequemer Gedanke: Da habe ich meine Vorstellungen, wie ich meine Frömmigkeit pflege, meine Gottesbeziehung lebe. – Und Gott könnte vielleicht sagen: Das passt mir alles nicht!!!

Aber würde ich das denn überhaupt MERKEN, wenn es Gott nicht passt? Wie kritikfähig bin ich denn da? Wer dürfte mich in Frage stellen? Mir scheint: Da brauche ich schon solche Bibel-Texte. Und Menschen, mit denen ich mich auch im Glauben reiben kann. Wie so ein Prophet zum Beispiel. Denn der Gott, den ich mir zu Hause in meinem stillen Seelen-Kämmerchen bastle, der redet mir immer nur nach dem Munde. Die Religion, die ich mir selbst nach meinem Geschmack zubereite, sie taugt nichts. Selbst wenn sie mir sehr gut schmeckt.

Gott: Ist nicht das ein Fasten, wie ich es wünsche: die Fesseln des Unrechts zu lösen, die Stricke des Jochs zu entfernen, Unterdrückte freizulassen, jedes Joch zu zerbrechen? Bedeutet es nicht, dem Hungrigen Dein Brot zu brechen? Obdachlose Arme ins Haus aufzunehmen? Wenn Du einen Nackten siehst, ihn zu bekleiden und Dich Deinem Fleisch und Blut nicht zu entziehen?

Klute: Die Leute sind von Gott enttäuscht, weil der sie nicht sieht und nicht hört und übergeht. Und jetzt antwortet Gott! Anders als erhofft: Gott hält den Leuten den Spiegel vor: DU übersiehst und überhörst und übergehst: die Fesseln, das Unrecht, das drückende Joch, den Hunger, die Nackten, die Obdachlosen! Entzieh‘ Dich nicht länger!

Prophet: Dann wird Dein Licht hervorbrechen wie das Morgenrot und Deine Heilung wird schnell gedeihen. Deine Gerechtigkeit geht Dir voran, die Herrlichkeit des HERRN folgt Dir nach. Wenn du dann rufst, wird der HERR dir Antwort geben, und wenn Du um Hilfe schreist, wird er sagen: Hier bin ich! Wenn Du Unterjochung aus Deiner Mitte entfernst, auf keinen mit dem Finger zeigst und niemandem übel nachredest, den Hungrigen stärkst und den Gebeugten satt machst, dann geht im Dunkel Dein Licht auf und Deine Finsternis wird hell wie der Mittag.

Klute: Das passt mir als Protestant aber nicht so: Große Verheißungen, die an klare Bedingungen geknüpft sind. Ans Tun. An die Lebensweise.

Und: Ob diese Rechnung dann immer so aufgeht? – Wer für Gerechtigkeit und Fairness eintritt und wer Barmherzigkeit lebt, der hat stets gute Ernten, eine weise Regierung, bleibt gesund und wird vor frühem Tod verschont??? Na ja …

Aber halt! Die Verheißung lautet ein bisschen anders: Licht. Heilung. Herrlichkeit des Herrn. Gott antwortet. Gott sagt: „Hier bin ich!“

—————————————- Ende. Vorhang fällt. ———————————————-

Ich selbst gehe öfters ins Theater. Meistens gefällt mir, was ich da geboten bekomme. Und meistens habe ich es wenig später auch wieder vergessen. Manchmal ist das schade.

Gebet:

Gott, ich rufe zu Dir. Höre mich! Antworte mir! Und lass mich Deine Antworten hören. Auch die unbequemen. Und lass mich Deine Antworten nicht so schnell vergessen. Amen.

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Dämonen? Vertreiben! Andacht zum 5.10.2018

von Klaus Honermann

ANDACHT HÖREN

In der Synagoge war ein Mensch, der von einem unreinen Geist besessen war. Der begann zu schreien: Was haben wir mit dir zu tun, Jesus von Nazaret? Bist du gekommen, um uns ins Verderben zu stürzen? Ich weiß, wer du bist: der Heilige Gottes.

Da drohte ihm Jesus: Schweig und verlass ihn! Der unreine Geist zerrte den Mann hin und her und verließ ihn mit lautem Geschrei.

Da erschraken alle und einer fragte den andern: Was ist das? Eine neue Lehre mit Vollmacht: Sogar die unreinen Geister gehorchen seinem Befehl. Und sein Ruf verbreitete sich rasch im ganzen Gebiet von Galiläa. (Markus 1, 23-28)

In Lünen hat ein 15jähriger einen 14jährigen erstochen. Als Grund gab er an, er habe sich vom Mitschüler provoziert gefühlt, weil der seine Mutter falsch angeschaut hat. In Kalifornien hat ein Ehepaar ihre 13 Kinder über Jahre gefangen gehalten, z.T. angekettet wie Tiere. Was sind das nur für Menschen? – fragen wir uns da.

Kinder sprechen manchmal von Monstern. Das kann eine lustige Bedeutung haben. Sich als Monster zu verkleiden, macht Spaß. Ich kann andere vielleicht damit erschrecken und fühle mich mächtig, aber eben spielerisch. Wenn wir von Monstern sprechen, hat es auch etwas Beängstigendes, was total ver­schreckt. Eine dunkle Macht, der wir uns ausgeliefert fühlen.

Die Bibel spricht nicht von Monstern, sondern von Dämonen. Ein Begriff aus dem volkstümlichen Weltbild der Antike. Man stellte sie sich wie „Hausbesetzer“ vor, die durch die „Hausöffnungen“ eindringen, also durch Mund, Nase und Ohren. Das klingt für uns Heutige seltsam, aber dahinter steckt der Gedanke, dass diese „Geister“ ja irgendwie in den Menschen hinein gelangt sein müssen. Sind die Dämonen erst einmal „eingefahren“, dann übernehmen sie sofort die Schaltzentrale des Hauses und stellen buchstäblich alles auf den Kopf.

Wenn solche schlechten Geister vom Haus – sprich vom Menschen – Besitz ergriffen haben und sein ganzes Denken und Handeln beherrschen, dann spricht man von „Besessenheit“.

Dieser Begriff ist heutzutage ebenfalls schwierig, weil Bilder vom Film „Der Exorzist“ oder ähnliche in den Köpfen „herumspuken“.

Wir berühren hier die Wirklichkeit des Bösen. Das erschreckt uns oder wird teilweise auch verharmlost. Dabei gibt es das Böse – da brauchen wir gar nicht an die eben genannten extremen Beispiele denken. Die Macht des Bösen ist eine Kraft, die Leben verdunkelt, die unfrei macht und im Letzten zerstört. Wie jede Kraft ist auch das Böse nicht einfach da wie ein fest verschnürtes Paket, sondern wirkt sich aus als eine Dynamik und nimmt Raum ein in dem Maß, wie ihm dieser Raum eingeräumt wird.

Der Mensch ist zerstörerischen Kräften ausgesetzt – z.B. der Gewöhnung an Gewalt in der eigenen Familie. Auseinandersetzungen gewaltsam zu lösen, wird dann als normal angesehen. Das ist aber nicht einfach eine schicksalhafte Prägung, der nichts entgegen gesetzt werden kann.

Dämonen, dunkle geistige Kräfte, sind keine unangreifbare übernatürliche Macht, der wir schutzlos und hilflos ausgeliefert und von ihr „besessen“ sind. Wir können uns damit im wahrsten Sinne des Wortes auseinander setzen.

Apropos: besessen.

Besessen? Wir? Wir doch nicht! Oder doch? Nun ja. Es gibt den Ausdruck, dass jemand „von einer Idee ganz besessen“ ist. Das ganze Denken kreist dann nur noch um das eine Thema und macht den betreffenden Menschen unfrei.

Manchmal sind unsere Blicke versperrt. Manchmal sind unsere Ohren verschlossen.

Manchmal ist unser Geist ganz verbohrt. Manchmal hat sich unser Herz versteckt. …

Manchmal besetzen uns Gedanken. Manchmal besetzen uns Sorgen, Ängste, Kummer.

Manchmal sagen wir Sätze, die andere verletzen.

Manchmal tun wir Dinge, die unsere Beziehungen stören, manchmal sogar zerstören können. …

Befreit zu sein, würde dann wohl heißen, wieder bei mir zu sein.

Befreit zu sein, würde dann wohl heißen, wieder beim anderen zu sein.

Befreit zu sein, würde dann wohl heißen, auch wieder im Kontakt mit Gott zu sein.“(H. Kohler-Spiegel)

Und genau darum geht es Jesus, wenn er „besessenen“ Menschen begegnet. Menschen, die durch die Kräfte, die in ihnen wirken, von sich selbst, vom Anderen und von Gott entfremdet sind.

Jesus hat sie wieder zu einem normalen Verhältnis zu sich selbst, zu den anderen Menschen und nicht zuletzt auch zu Gott gebracht.

Im heutigen Evangelium äußert sich der Dämon, die negative Kraft, durch lautes Schreien. Wenn jemand so außer sich ist, dass er den Bezug zu seiner Mitte verliert und haltlos losbrüllt, dann würden wir nicht von einem Dämon reden, aber es ist in einem solchen Verhalten eine Kraft am Werk, welche die Person die Beherrschung verlieren lässt, so dass sie sich „nicht mehr einkriegt“.

Jesus hat diesen Kontrollverlust durchbrochen, indem ER die Kontrolle übernahm durch ein kraftvolles Wort. „Schweig!“ befiehlt er.

Die Bibel spricht davon, dass der böse Geist den Menschen verlassen hat. Im Markus-Evangelium heißt es, dass es „unter lautem Geschrei“ und körperlichen Stressfaktoren passierte. Also eine durchaus hef­tige Auseinandersetzung: seelisch und körperlich.

Die Anwesenden haben statt der zerstörerischen Kraft, die den Menschen bisher heim-gesucht hatte und zu vernichten drohte, die heilende und integrierende Kraft Gottes in Jesus wahrgenommen und sind davon total erstaunt.

Statt leerer Worte und hohler Phrasen spricht Jesus mit der Autorität und Kraft Gottes. In der Sprache der Bibel: „mit Vollmacht“.

An mittelalterlichen Domen wie dem in Xanten sind die Wasserspeier als „Dämonen“ dargestellt, tierähn­liche Wesen. Sie sind nun eingebunden in den Dom und in Dienst genommen. Mittelalterliche Symbolik für den Sieg Jesu über diese dunklen Kräfte.

Ich durfte in Brasilien einmal die Macht des Wortes kennen lernen. Brasilianer glauben an Caboclos – so eine Art von Dämonen, die von Menschen Besitz ergreifen. Eine Jugendliche hatte am helllichten Tag einen Verstorbenen gesehen, der als gewalttätig bekannt war. In ihrer Panik war sie über einen 1,80 m hohen Zaun gesprungen. Ihre 4 Brüder hielten sie an Armen und Beinen fest, als ich kam. Ich bat erst einmal darum, sie loszulassen. Ohne die Fortbildung, die ich kurz zuvor mitgemacht hatte, wäre ich hilflos gewesen. So aber konnte ich sie mit Worten aus ihrem panischen Trance-Zustand herauslotsen.

Worte können eine befreiende Kraft haben. Indem wir die Worte Jesu leben, befreien sie uns aus dem Kreisen um uns selbst und andere Kräfte, die uns in falscher Weise binden.

Wie die Menschen zur Zeit Jesu können wir Gott danken für alle Erfahrungen von Befreiung und innerem Frieden.

Wir können für die Opfer von Gewalt und ihre Angehörigen beten. Und auch für die Täter. Auch Täter brauchen unser Gebet. Es sind ja unfreie Menschen.

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Verkrümmt. Andacht zum 28.9.2018

ANDACHT HÖREN

Jesus lehrte in einer Synagoge am Sabbat. Und siehe, eine Frau war da, die hatte seit achtzehn Jahren einen Geist, der sie krank machte. Und sie war verkrümmt und konnte sich nicht mehr aufrichten. 

Eine Begegnung. Sie ahnen es: Da wird gleich was passieren! Oder um es mit Nena zu sagen: Streichholz und Benzin-Kanister …

Sie ahnen auch: Jesus wird diese „kranke“, verkrümmte Frau heilen. Vielleicht stellt sich bei Ihnen da schon gleich Frust ein: So glatt wie in mancher Jesus-Heilungs-Geschichte läuft es in Ihrem Leben nicht immer. Ihnen fallen sofort ein paar der Dinge ein, die bei Ihnen „kaputt“ sind: Was an Ihrem Körper kaputt ist oder weh tut. Was an Ihrer Seele kaputt ist und auch weh tut. Was in Ihrem Leben so falsch und schlimm geworden ist. Und dann auf Jesus treffen, und – zack – es ist wieder gut, das wär’s doch, oder? Aber dieses „Zack“ passiert im eigenen Leben nicht ganz so oft …

Dabei kommt das „Zack – Jesus heilt“ in den Jesus-Geschichten gar nicht so oft vor, wie Sie das vielleicht meinen. Jesus selbst sagt bei Heilungen ja immer wieder: „Dein GLAUBE hat Dir geholfen!“ – und eben nicht: „Guck mal, ICH habe Dich gesund gewundert!“ Also wenn schon „Zack“, dann eher: „Zack – Glaube heilt!“

Es lohnt sich, präzise hinzuschauen: Was ist es denn genau, was da heilt? Ich möchte das an der begonnenen Geschichte durchspielen.

Zunächst mal die Diagnose. Die Frau ist chronisch krank: 18 Jahre. Es kommt vieles zusam­men, was diese Krankheit ausmacht:

  • Ein Geist, der sie krank machte“: Ein Geist, das ist etwas, was man in sich trägt, obwohl es eigentlich gar nicht zu einem gehört: Da werden Sie als lebhaftes Kind geboren, Nase mitten im Gesicht, alles passt. Sie könnten jetzt unbeschwert die Welt entdecken, aber Ihre Eltern geben Ihnen zu verstehen: „Du bist nicht richtig. Du kannst nichts. Du bringst es nie zu was. Du störst.“ – Und in dem Moment, in dem Sie anfangen, sich so einen Mist selbst zu erzählen, haben auch Sie einen Geist, der Sie krank macht.

  • verkrümmt“: Dieser Geist drückt die Frau nieder, er macht sie klein, er beugt sie.

  • Seh-Störung: Das steht nicht ausdrücklich im Text, aber so stelle ich mir das vor: Wer gebeugt ist, guckt nicht nach oben. Nicht nach vorn. Nicht mal zurück. Sondern vor allem: nach unten. Sieht die eigenen Füße – mehr als die Gesichter der anderen.

  • Konnte sich nicht aufrichten“: Sie kann nicht für sich „gerade stehen“, sie kann kein Rückgrat zeigen. Sie zeigt vor allem – notgedrungen – ihren Buckel. Sie kann anderen nicht offen gegenüber treten. „Konnte sich nicht aufrichten“ – im Deutschen gibt es das Wort „aufrichtig“. Das ist mehr als „nicht lügen“. Das ist: Sich zeigen, zu sich stehen.

So, und nun möchte ich mit Ihnen schauen: Was ist denn jetzt für die Heilung alles nötig und hilfreich? Ein paar Dinge kamen schon in den ersten paar Sätzen vor:

  • Jesus lehrte in einer Synagoge am Sabbat.“ Die knappe Antwort auf die Fragen: „Wer? Was? Wo? Wann?“ Für diese heilende Begegnung ist es erst einmal nötig, dass Jesus zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist.

  • „… eine Frau war da …“ Diese gebeugte Frau muss ebenfalls zur rechten Zeit am rechten Ort sein. – Ist sie sowieso jeden Sabbat in der Synagoge? Ist sie speziell wegen Jesus da? Egal. Hauptsache, sie ist da. Sie hätte ja sagen können: „Die Mühe des Weges – also mit meinen Gebrechen spare ich mir das!“ Oder: „Mit meinem Buckel gehe ich lieber nicht unter die Augen der Leute.“ Oder: „Ich – in ein Gotteshaus??? Der liebe Gott lässt mich sooo lange schon meine Last tragen – der kann mir meinen Buckel runter rutschen!“ Aber nein. Sie hat sich auf den Weg gemacht. Allen Gründen dagegen zum Trotz.

Als Jesus sie sah, rief er sie zu sich und sprach zu ihr: „Frau, Du bist erlöst von Deiner Krankheit!“ Jesus legte die Hände auf sie. Und sogleich richtete sie sich auf und pries Gott. (aus Lukas 13)

  • Als Jesus – sie sah – rief er zu sich – sprach zu ihr“. Jetzt ergreift Jesus die Initiative. Vielleicht kennen Sie die Geschichte vom blinden Bartimäus. Da ist das völlig anders: Bartimäus hört von Jesus. Er schreit und schreit nach ihm, er lässt sich nicht von den Leuten abhalten. Bis Jesus auf ihn aufmerksam wird. Bei der Frau jetzt ist es umgekehrt: Es reicht zum Gang in die Synagoge. Zu mehr noch nicht. Aber Jesus sieht sie. Ruft sie zu sich. Spricht sie an. Und: Die Frau lässt sich ansprechen. Sie kommt zu Jesus in den Mittelpunkt.

  • Unterbrechung. Jesus hat ja nicht Däumchen drehend auf Heilungs-Kundschaft gewartet, sondern: „Jesus lehrte“. Das ist ihm wichtig. Da ist er mitten drin. Aber nun sieht er diese niedergedrückte Frau. Die ist ihm plötzlich wichtiger. Sicher, manchmal ist es dran, „bei der Sache“ zu bleiben und sich von nichts anderem stören, ablenken, unterbrechen zu lassen. Hier ist das anders. Schlagartig wechselt das, was Jesus wichtig ist: Nicht mehr die Lehre, sondern diese eine Frau.

  • Du bist erlöst von Deiner Krankheit!“ – Wie kann Jesus das sagen? Ist sie schon erlöst? Ich denke: Ja! Denn ihre Krankheit ist ja dieser Geist, der sie niederdrückt, sie beugt. Mit ihrem Gang zur Synagoge und unter die Leute hat die Frau diesem Geist schon etwas entgegen gesetzt. Und jetzt erst recht: Jesus ruft sie zu sich. Und sie lässt sich rufen. Löst sich aus dem Schutz der Menge, steht im Mittelpunkt. Sie tut genau die Dinge, die einem die meisten niederdrückenden Geister verbieten möchten: Auf Jesus hören. Schritte wagen. In den Mittelpunkt treten. (Ok, es gibt auch solche Geister, die drängen einen dauernd in den Mittelpunkt. Gucken Sie mal die Nachrichten …)

  • Berührung. – „Jesus legte die Hände auf sie.“ Manchmal sehe ich das bei Konfirmationen oder Trauungen: Der Pastor lässt beim Segen seine Hände knapp über dem Konfirmanden oder dem Brautpaar schweben. Ich halte das – trotz Schonung der Frisur – für einen Kunstfehler. Man sollte Segen möglichst „spüren“. So ähnlich auch hier: Gottes heilende Kraft, die sich in spürbarer menschlicher Nähe zeigt. Ich stelle mir das richtig bildlich vor: Diese neue Kraft „fließt“ durch die Berührung in den gedrückten Menschen und verdrängt den niederdrückenden Geist. Das Ergebnis:

  • Sogleich richtete sie sich auf.“ Sie setzt es sofort um. Es soll ja Alkoholiker geben, die sich und anderen einreden: „Also ich KÖNNTE ja sofort aufhören – ich will’s habe nicht!“ Die Frau hier könnte sagen: „Ab jetzt WÜRDE ich mich aufrichten – wenn die Lage es erfordert.“ Aber nein, sie tut es. Keine Konjunktiv-Heilung. Sofort das tun, was der Geist immer verboten hat.

  • und pries Gott“. Dankbarkeit ist ja an sich schon eine Haltung, die der Seele Flügel gibt. Dankbarkeit ist aber für solch eine Heilung besonders wichtig – aus zwei Gründen:

    1. Die Frau stellt sich in ihrer Dankbarkeit unter Gott. – Und damit noch einmal gegen den niederdrückenden Geist und seinen bisherigen Herrschafts-Anspruch.

    2. Dankbarkeit schützt vor Gewöhnung. Und: Un-Dank sorgt dafür, dass alles Kostbare im Morast der Selbstverständlichkeit versinkt. Wenn mir das Wunderbare selbstver­ständlich wird, dann ist es so, als hätte ich es gar nicht. Man kann sich an alles Gute gewöhnen. Dankbarkeit bewahrt davor.

Na, könnte es jetzt „Zack“ machen mit der Verkrümmung Ihres Lebens? Streichholz und Benzin-Kanister? Vielleicht ja. Vielleicht auch nicht. 18 Jahre sind noch nicht um. Oder 38, wie beim Gelähmten vom Teich Bethesda. Oder es lebt sich mit der Verkrümmung sogar besser, auch wenn man das sich und anderen ungern eingesteht.

Aber wenn jetzt nicht die Zeit für das große „Zack“ ist, dann vielleicht für das kleine „Zack“: Aufstehen und ein paar Schritte machen. Mich rufen und ermuntern lassen. Mich ein bisschen mehr in die Mitte trauen. Mir das zusprechen lassen: „Du BIST erlöst – trotzdem!“ Im Vertrauen auf Christus, dem ich im Zweifelsfall wichtiger bin als sein Lehren.

Christus, im Vertrauen auf Dich will ich mehr Mut haben und mehr Mut zeigen. Lass mich mit meiner Angst und mit meinen Bedenken nicht allein! Amen.

 

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Kain und Abel. Gedicht zum 22.9.2018

GEDICHT HÖREN

Einst, erwacht aus tiefem Schlaf,

der Adam seine Eva traf.

Er sah sie an, und sie sah ihn.

Er war ganz weg, und sie war hin.

Nur noch an Eva dachte er

und wollte sonstens keine mehr.
Ein Paradies war‘s für die Zwei,

und erstmal blieb es auch dabei.

Bis eines Tags erschien die lange

und listenreiche Klapperschlange.

Ein Apfelbiss – nun war‘s geschehn,

tags drauf, da mussten beide gehn.

Das Paradies, es war vorbei,

nur Müh‘ und Arbeit für die Zwei.
Doch „Müh‘ und Arbeit“ stimmt nur fast,

bei Dämmrung war dann endlich Rast.

Und eines Abends, kurz nach sechs,

da hatten beide erstmals Sex.

Für beide war‘s ein großes Glück,

das Paradies, es war zurück!

Doch was die Zwei dabei vergaßen:

Sich mit Verhütung zu befassen.

Und wenig später war es klar,

dass Eva auch prompt schwanger war.

Nach Monaten, es waren neun,

gebar sie schließlich ihren Kain.
Dann eines Abends, diesmal acht,

da ham‘s die Zwei nochmal gemacht.

Auch diesmal wurde, ja genau,

schon wieder schwanger Adams Frau.

Und kaum geborn, war‘s Eva klar,

dass das ihr kleiner Abel war.
Was einst begann im Mutterschoß,

war erst noch klein, dann wurd‘ es groß:

Es kam die Schule, Pauken, Büffeln,

beim Lehrer ging’s nicht ohne Rüffeln.

Und Hausaufgaben, ach du je,

das Paradies war ja passé.
Dann war die Schulzeit schon vorbei.

Was machten anschließend die Zwei?

Der Abel, in der Schul‘ noch Schläfer,

der lernte anschließend den Schäfer.

Der große Bruder, also Kain,

der wollte Ackersmann gern sein.

Karriere-Chancen? Nicht sehr groß.

Warn in der Schul‘ halt nicht famos.
Nun waren beide, ungelogen,

von ihren Eltern fromm erzogen.

Von daher war den beiden klar,

dass es wohl Gott zu danken war,

wenn der Acker Früchte bringt

und wenn die Schaf-Zucht gut gelingt.

Und als dann Ackerfrucht gedieh,

die Schafe wurden viel wie nie,

da ham die Zwei sich aufgemacht

und haben Opfer Gott gebracht.

Die sollte Gott mit Gnaden sehn.

So war‘s gedacht – so weit, so schön.
Jedoch: Kaum war das Opfer dargebracht,

hat sich der Kain ´nen Kopf gemacht.

Bestimmt wird Gott von ganz da oben

nur Abel hörn mit seinem Loben,

wird Abels Gaben nur betrachten

und ihn, den Kain, dabei verachten.

Kain wusste ja, wie das geschieht:

Dass Papa nur den Kleinen sieht

und Mama dauernd ganz verzückt

den Abel nur so lobt und drückt.
Da macht der Schmerz in Kain sich breit

und ihn erfüllt ganz bittrer Neid.

Kain schaut nicht vor, sieht nur zurück,

senkt finster endlich seinen Blick,

und nun ist er ganz voller Hass

und Mordgedanken, ohne Maß.
Der Abel ahnt nicht, was passiert,

was Kain da wohl im Schilde führt,

und eilet, flott nach Haus zu kommen,

denn „Tatort“ hat ja schon begonnen.
Doch Gott hat Kain nicht übersehn,

Gott kann sogar sein Herz verstehn.

In seiner Gnade spricht sodann

Gott den Kain im Herzen an.
Gott spricht: „Ganz finster schaust Du drein!

Lass nicht den Neid Dein Herrscher sein!

Dein Blick sei frei, erheb‘ Dein Haupt!

Dass nicht Dein Sinn der Sünde glaubt!“
Doch Kain ist einfach zu empört,

und Gottes Wort bleibt ungehört.
Drauf klingelt Kain an Abels Tür.

Der öffnet: „Kain, willst Du zu mir?

Komm rein und lass uns „Tatort“ sehn!

Der Mord, der ist noch nicht geschehn!“
Im Stillen denkt Kain: „Gar nicht schlecht!

Da hat mein Brüderchen wohl Recht!“
Kain spricht nun laut: „Ich hab‘ geschellt,

muss Dir was zeigen auf dem Feld!

Drum lass den Tatort Tatort sein,

auf, Schuhe an – und hinterdrein!“
Der Abel guckt ziemlich verdutzt,

ein paar Sekunden er erst stutzt,

dann folgt er Kain, der hat ´nen Spaten,

der große Bruder soll nicht warten!
Dann auf dem Feld, so sollt‘ es sein,

sind beide Brüder nun allein.

Kain streckt den Finger aus: „Sieh dort!“

Der Abel schaut – und da: der Mord!

Der Spaten saust eiskalt hernieder

auf Abels Haupt, und immer wieder

sticht Kain auf seinen Bruder ein,

der arme Kerl kann nicht mal schrein.

Kains Acker färbt vom Blut sich rot.

Der Abel liegt jetzt still – und tot!

Ermordet durch des Bruders Hand,

von Neid erfüllt statt von Verstand.
Von Raserei noch ganz in Fahrt,

der Kain den Abel flott verscharrt.

Und keiner sieht an diesem Ort,

was hier geschehn: der Bruder-Mord!
Doch: Gott kann nicht ins Herz nur sehn,

Gott weiß, was auf dem Feld geschehn.

Zum zweiten Male spricht Gott dann

den Brudermörder Kain nun an.

Gott fragt ihn ganz direkt, fragt so:

„Wo ist Dein Bruder, Kain, sag, wo?“
Ganz patzig sagt darauf der Kain:

„Soll ich des Bruders Hüter sein?

Er war wohl opfern, na, und dann

schaut er sich wohl jetzt Tatort an!“
Da fährt der Herr den Mörder an:

„Gelogen! – Was hast Du getan???

Das Blut des Bruders schreit mir zu!

Wer hat‘s vergossen? Das warst Du!!
Verflucht Dein Feld! Es ist noch rot

vom Blut des Bruders, der ist tot

durch Deine Hand, dahin geschlachtet,

hast meine Warnung nicht beachtet!

Drum wird der Acker Dir verwehren

All seine Frucht und volle Ähren.

Unstet und flüchtig wirst Du leben,

Dein Herz wird nicht mehr Ruhe geben.

Auch wenn sonst keiner Zeuge sei:

Dein Herz, es war ja mit dabei!“
Ohnmächtig winselt Kain: „O Herr!

Die Strafe ist für mich zu schwer!

Von meinem Acker muss ich fort,

unstet und flüchtig, ohne Ort,

weit weg von Deinem Angesicht,

o Gott, das überleb‘ ich nicht!

Mein Herz, das lässt mir keine Ruh,

es klagt mich an, zeigt auf mich! – ‚Du!‘

Bin permanent in großen Nöten

und weiß gewiss: Man wird mich töten!“
Gott aber spricht: „So höre, Kain!

‚Aug‘ um Auge‘ soll nicht sein!

Du hast gemordet, was ist wahr.

Und dennoch sag‘ ich Dir ganz klar:

Dein Leben will ich Dir bewahren

vor Mord und Totschlag und Gefahren.

Auf Deine Stirn kriegst Du ein Zeichen,

das soll niemals mehr von Dir weichen.

Wer immer dieses sieht, weiß dann,

wer Du wohl bist, was Du getan.

Doch der weiß gleichzeitig, dass Du

um meinetwillen bist tabu!“
Gezeichnet geht der Kain nun fort

an einen gottesfernen Ort,

unstet und flüchtig und gejagt.

Sein Herz wird stets ihn weiter fragen:

„Warum hast Abel Du erschlagen?“
Nach der Flucht von diesem Sünder

sind jetzt die Eltern ohne Kinder.

Man trifft sich innig, nun nach Neun,

ein dritter Junge sollt‘ es sein.

Den brachte Eva dann zum Leben,

hat ihm den Namen Seth gegeben.

Und schaun die Beiden heut‘ zurück,

so hatten sie mit ihm mehr Glück.

 

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weise Antworten? – Weise fragen! Andacht zum 14.9.2018

ANDACHT HÖREN

Den Toren dünkt sein Weg recht. Aber wer auf Rat hört, der ist weise. (Sprüche 12,15)

Über den Vers bin ich gestolpert. Vielleicht, weil ich das intuitiv ganz anders formuliert hätte. Zum Beispiel so:

Der Tor hat keine Ahnung, wo er hin will und wo es lang geht. Aber wer guten Rat gibt, ist weise.“ (Dirk Klute, Weisheit von 2018)

Vielleicht hätten Sie das ähnlich gesagt: Der Tor, der Narr, der Idiot hat keine Ahnung, was seine Ziele sind und was sein Weg ist. Der WILL das alles vielleicht auch nicht wissen. Aber der Weise, der hat nachgedacht, der weiß bescheid, und der kann auch anderen gut raten.

Aber nun kommt unser Bibel-Spruch daher und sagt es fast haargenau umgekehrt: Seinen Weg genau zu kennen und überzeugt davon zu sein, das zeichnet den Narren aus! Wer aber NICHT schon alles weiß und schon gar nicht für alles und jeden einen guten Rat hat, DER ist weise. Wer Orientierung SUCHT und deswegen auf Rat hört, DER ist weise!

Wirklich? Ist das so weise, auf Rat zu hören? Cat Stevens fällt mir da ein mit seinem Lied „Father and Son“: Ein Dialog zwischen dem Sohn und dem Vater, in dem beide aneinander vorbei reden: Der Vater rät seinem Sohn, bloß nicht so viel zu verändern, Geduld zu haben, sich ein Mädchen zu suchen, zu heiraten, sich niederzulassen. Der Vater war auch mal jung – und rät aus seiner Lebenserfahrung heraus, es ruhig angehen zu lassen, statt ungeduldig seinen Träumen hinterher zu rennen.

Und der Sohn? Der fühlt sich völlig unverstanden: „How can I try to explain? When I do, he (der Vater) turns away again.“ Und: „From the moment I could talk I was ordered to listen.“ Also: Der Vater hat ihm, dem Sohn nie richtig zugehört. Aber er, der Sohn, musste immer hören, ge-horchen. Nun steht ihm das bis Unterlippe Oberkante, er muss weg, er muss seinen eigenen Weg finden und gehen.

Also: Besser doch nicht „auf Rat hören“? Ich finde: Nein. Denn: „Auf Rat hören“ ist etwas anderes als „einem Rat folgen“. „Hören“, das ist nur: Den anderen Gedanken, die andere Idee an mich heran lassen. „In meinem Herzen bewegen“ und in meinem Kopf. Um dann irgendwann, wenn die Zeit reif ist (aber noch nicht faul) zu entscheiden. Und zu tun, was ich entschieden habe.

Wenn es weise ist, auf Rat zu hören, also hinzuhören und zu erwägen, wie kann mir das besser gelingen, das Hören? Es gibt da ein paar günstige Voraussetzungen:

  • Ich kann besser auf Rat hören, wenn ich vorher danach GEFRAGT habe. Ungebetener, schneller, gar aufdringlicher oder besserwisserischer Rat hat bei mir schlechtere Chancen.

  • Ich komme eher auf die Idee, um Rat zu bitten, wenn ich vorher auf mich selbst höre. Wenn ich überhaupt zur Kenntnis nehme: Da passt was nicht. Da stimmt was nicht. Da sagt der Bauch was anderes als das Herz und was anderes als der Kopf. Da bin ich irgendwie Rat-los. Da habe ich eine Frage.

  • Ich werde nur um Rat fragen, wenn ich entdecke: Ich habe eine Wahl-Möglichkeit, ich habe Spielraum, ich habe Freiheiten. Platt gesagt: Wer seit 20 Jahren Galeeren-Sträfling ist und sich in sein Schicksal gefügt hat, fragt niemanden um Rat. Sondern erst, wenn er merkt: Es könnte auch anders gehen!

  • Eine Teilnehmerin an einer Gesprächsrunde zu unserem Vers hatte Auslands-Erfahrung. Sie sagte ungefähr so: „Anderswo ist man offener für Rat und andere Sichtweisen, aber die Deutschen fühlen sich sofort kritisiert.“ Also wäre es eine gute Voraussetzung, wenn ich mich nicht dauernd angegriffen und kritisiert fühle. Das klappt besser mit einem halbwegs guten Selbstwertgefühl. Und: Wenn ich die Überzeugung aufgebe, dass ich alles weiß und alles kann.

  • Ich höre lieber bei Leuten hin, die Rückfragen haben, es sich von mir erklären lassen. Meine Rat-Hör-Bereitschaft sinkt dagegen rapide, wenn der andere so anfängt: „Wenn ich du wäre, dann …“ oder „Ich an deiner Stelle würde …“

  • Ich höre lieber auf Leute, die es aushalten, dass das Leben und die Welt kompliziert sein können. Leute dagegen, die mit ein paar unumstößlichen Grundwahrheiten und mit immer denselben Schuldigen durchs Leben kommen, die immer dieselben Deckel für unterschiedlichste Töpfe haben, auf die höre ich ungern. Das betrifft besonders Fanatiker aller Art. Für Fanatiker liegt alles am Kapitalismus oder am Kommunismus, alles an der Gottlosigkeit oder an den Migranten, alles an den verdorbenen Politikern, an den Außer­irdischen, an der CIA, der EU oder am Finanzamt.

  • Ich höre lieber auf Leute, die es für möglich halten, dass sie sich irren könnten.

  • Ich höre lieber auf Leute, die abweichende Überzeugungen respektieren.

  • Ich höre lieber auf Leute, die es mir zubilligen, dass ich eine gewisse Ahnung von meinem Leben habe, womöglich mehr Ahnung, als sie von meinem Leben haben.

Mir scheint: Es wechselt bei mir, ob ich eher der Idiot bin oder eher der Weise. Der Idiot in unserem Vers ist ganz erfüllt von seinen Überzeugungen, und damit „dicht“ für alles andere, nicht mehr offen. Und das kann mir auch passieren, dass ich so gefangen bin in meinen eigenen Gedanken. Aber auch in übermächtigen Stimmungen, egal ob himmelhoch jauchzend oder zu Tode betrübt. „Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über“, sagt der Volksmund. Ich ergänze: „Wem der Mund übergeht, dem schließen sich die Ohren.“ Dicht. Nicht mehr offen. Macht oft nichts, kann sehr intensiv sein, vielleicht sehr schön. Gehört aber nicht zu den weisesten Momenten.

Manchmal ist es aber gut, eher weise zu sein, also offen. Und ich finde: Die Punkte oben zeigen: Weisheit ist keine unabänderliche Charakter-Eigenschaft, Weisheit oder Torheit sind nicht einfach angeboren. Nein, es hat etwas damit zu tun, welche Haltung ich einnehme und wer mir da gegenüber steht oder sitzt als Gesprächs-Partner. Auf beides habe ich Einfluss. Ich kann mich auf „Weisheit“ zu bewegen. Jedoch: Ich sollte niemals glauben, dort angekommen zu sein. Denn:

Wenn du einen siehst, der sich weise dünkt – da ist für einen Toren mehr Hoffnung als für ihn! (Sprüche 26, 12)

Und was hat das alles nun mit „Andacht“ zu tun? Mit Glaube und Gott, statt „nur“ mit Philosophie oder „Lebensberatung“? Ich habe zwei Antwort-Vorschläge:

  1. Wenn solche Erkenntnisse in der Bibel stehen und die Bibel einem zu Wort Gottes werden kann, dann bedeutet das: Es ist verkehrt, die Welt aufzuteilen in eine „fromme“ Denk-Welt und eine „Gott-freie“ Denk-Welt. Dazu gibt es mehrfach folgenden Satz in der Bibel: „Die Furcht des HERRN ist der Weisheit Anfang“. Also NICHT: „Gottes-Ehrfurcht ist das Ende der Weisheit.“ Auch NICHT: „Weisheit ist das Ende der Gottes-Ehrfurcht.“ Auch nicht „Beides nebeneinander!“ Sondern: Beides durchdringt einander! Beides belebt einander, statt sich gegenseitig zu blockieren oder abzuschaffen.

  2. Wer an Gott glaubt, weiß Gott „über“ sich. Das heißt auch: Gottes Weisheit ist immer noch viiieeel größer als meine kleinen Einsichten und großen Fragen. Glaube kann dabei helfen, mich selbst nicht für so schrecklich weise zu halten und nicht für das Maß aller Dinge. Glaube an Gott kann mich „offen“ halten, statt mich „dicht“ zu machen. Und diese Offenheit hilft dann, das zu tun, was unser Spruch empfiehlt: Rat hören.

Gebet (aus einem Kinderlied):

Lieber Gott, Du bist so groß! Und ich lieg‘ in Deinem Schoß – wie im Mutterschoß ein Kind: Liebe deckt und birgt mich lind! Amen.

 

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