Glaube, Liebe und Tabu. Andacht zum 23.9.2016

Andacht HÖREN (befristet)

Was ist ein Liebesbrief? – Eigentlich müsste ich fragen: Was WAR ein Liebesbrief? Einen richtigen Liebesbrief schrieb man nämlich noch per Hand. Und das ist heutzutage ein bisschen aus der Mode gekommen, das Handschriftliche. Dabei bin ich ziemlich sicher: Ein handschriftlicher Brief „kommt besser an“. Und daran sollte dem Liebesbrief-Autor oder der Autorin doch gelegen sein. Also: Falls es bei Ihnen Zeit für einen Liebesbrief ist, nehmen Sie das Handschriftliche als „guten Rat“ mit. Und fangen Sie an zu schreiben, statt hier weiter zu lesen …
Was ist nun ein Liebesbrief? Ein glühender Liebhaber schreibt seiner angehimmelten Geliebten, wie wichtig sie ihm ist, dass er dauernd an sie denkt, voller Liebe und Sehnsucht ist, nach ihr schmachtet. Oder die Liebhaberin schreibt an den Geliebten Ähnliches. Oder, oder.
Der älteste Brief im Neuen Testament ist so ein Liebesbrief. Der Autor: Paulus. Die ersehnte Geliebte: die christliche Gemeinde in Thessalonich. Etwa aus dem Jahr 50 nach Christus. Ab­fassungsort: Wohl Korinth. Was allerdings für Liebesbriefe unüblich ist: Es gibt gleich am Anfang DREI Absender: Paulus und seine beiden Mitarbeiter Timotheus und Silvanus. Aber Paulus ist der Haupt-Autor, er wechselt öfters vom „wir“ ins „ich“.
Timotheus war gerade kürzlich in Thessalonich gewesen und hat gute Nachrichten von dort mitgebracht. Das ist wohl der Anlass des Briefes. Schauen wir mal indiskret in diesen Liebesbrief hinein:

Wir hielten es einfach nicht länger aus, ohne Nachricht von euch zu sein. Deswegen entschlossen wir uns, allein in Athen zu bleiben und unseren Bruder Timotheus zu euch zu schicken. (…).
Timotheus nun sollte euch ermutigen und in eurem Glauben stärken, damit ihr bei allem, was ihr augenblicklich erleiden müsst, standhaft bleibt.
Nun wollte ich aber genau wissen, wie es euch geht, und darum habe ich Timotheus zu euch geschickt. Er sollte mir berichten, ob euer Glaube all diesen Angriffen standgehalten hat oder ob euch der Versucher zu Fall bringen konnte. Dann allerdings wäre all unsere Arbeit vergeblich gewesen.
Doch jetzt ist Timotheus zurückgekehrt. Er hat uns gute Nachrichten von eurem Glauben und eurer Liebe gebracht und uns erzählt, dass ihr uns nicht vergessen habt, ja, dass ihr euch ein Wiedersehen ebenso sehnlich wünscht wie wir. Von eurem Glauben zu hören hat uns in unserer eigenen Not und Bedrängnis getröstet.
Jetzt haben wir wieder neuen Lebensmut, weil ihr unbeirrt beim Herrn bleibt. Wie sollen wir Gott nur dafür danken, dass er uns durch euch so viel Freude schenkt! Tag und Nacht bitten wir ihn um ein Wiedersehen mit euch. Denn wie gern würden wir euch helfen, dass ihr im Glauben weiter vorankommt.
So warten wir jetzt darauf, dass Gott, unser Vater, und Jesus, unser Herr, uns recht bald zu euch führen. Euch aber schenke der Herr immer größere Liebe zueinander und zu allen anderen Menschen; eine Liebe, wie wir sie auch für euch empfinden. So werdet ihr innerlich stark, ihr lebt ganz für Gott, unseren Vater, und könnt frei von aller Schuld vor ihn treten, wenn Jesus, unser Herr, kommt mit allen, die zu ihm gehören. (aus 1. Thessalonicher 3)

Es nicht länger aushalten können; es genau wissen wollen; den anderen nicht vergessen; ein Wiedersehen wünschen; getröstet sein; Lebensmut bekommen; danken; viel Freude; Tag und Nacht; helfen; immer größere Liebe. – Whow!
Paulus ist ein leidenschaftlicher Liebhaber. Nicht nur zu den Thessalonichern, sondern auch zu „seinen“ anderen Gemeinden. Hier in herzlicher Verbundenheit, dort in Streit, Kampf, unter Tränen. Manche halten Paulus ja für einen trockenen Theologen. Da habe ich einen Verdacht: Das liegt am „Römerbrief“. Dieses späte Grundsatzwerk des Apostels ist sein einziger Brief an eine Gemeinde, die er bis dahin nicht persönlich kennt. Aber gerade das Persönliche ist ja das Fundament für leidenschaftliches Füreinander, Miteinander und auch Gegeneinander.
„Nun wollte ich aber genau wissen, wie es euch geht“, schreibt Paulus. Ob in der Freundschaft oder in der Liebe: Ich möchte gern Anteil daran bekommen, wie es dem anderen geht. Und ich möchte Anteil daran geben, wie es mir geht. Man könnte vielleicht sagen: Je enger die Verbindung, desto „persönlicher“ die Themen.
Nun gibt es, so sagt man, drei große Tabu-Themen: Tod, Sex, Glaube. Davon sind zwar Fernsehen und Zeitschriften voll, darum drehen sich Nachrichten, Tratsch und Klatsch, besonders in den schrillen, krassen, spektakulären Formen. Aber wo es um den EIGENEN Tod, die EIGENE Sexualität, den EIGENEN Glauben geht – na, da ist dann doch eher Schweigen angesagt, da wird es zu persönlich. Und wenn dann doch jemand ganz unbekümmert und ungehemmt davon berichtet, dann geht es nur um einen dieser drei Bereiche. Der Mensch, der in allen drei Bereichen völlig offen wäre, ist mir, glaube ich, noch nicht begegnet.
Persönliche Themen oder gar Tabu-Themen finden sich allerdings im 1. Thessalonicherbrief. Sex und Tod kommen ein Kapitel weiter. Aber hier, in unserem Abschnitt: Es geht immer wieder um den – Glauben! Timotheus wird losgeschickt, um den Glauben der Thessalonicher zu stärken; er soll dann Paulus von ihrem Glauben berichten; Paulus macht sich um ihren Glauben Sorgen und freut sich nun, Gutes davon zu hören; er würde ihnen auch gern in Sachen „Glauben“ helfen.
Also: Paulus und die Thessalonicher befinden sich in einem ziemlich offenen, tabulosen Austausch über ihren Glauben. Dabei geht es nicht um die Richtigkeit von Glaubenssätzen, sondern um ihre Gottes-Beziehung, um ihr Lebensgespräch mit Gott. Und diese Beziehung ist eben mal so, mal so, sie verändert sich. Sie kann durch die Wechselfälle des Leben wachsen und reifen, aber auch Schaden nehmen, verkümmern.
So persönlich mit vertrauten Menschen über den Glauben zu reden, das finde ich selten. Und vorbildlich. – Oder weiß etwa jemand sonst, wie es um IHREN Glauben steht? Welche Dinge Sie da beschäftigen, was Ihr Gebetsleben so macht, wo Sie Ihre Sorgen und Nöte haben, wo glückliche Momente, oder wo Sie vielleicht drauf und dran sind, Ihre Scheidung von Gott einzureichen? Oder sich von ihm betrogen fühlen? Der ehrliche und persönliche Austausch – selten. UND manchmal sehr nötig. Wie bei den beiden anderen großen Tabu-Themen. Nicht nur allgemein, sondern persönlich.
Und wie? Wo? Mit wem drüber sprechen? Wer sowieso Glauben als Privatsache „pflegt“, wer Gemeinschaft unter dem Vorzeichen des Glaubens oder im Namen Gottes meidet, hat es da besonders schwer, dass ihm oder ihr dazu etwas einfällt.
Aber wenn Sie schon mit anderen im Glauben verbunden sind, dann sollten Sie sich mal trauen. Vielleicht unter vier Augen, vielleicht in kleiner Runde. Denn wenn Ihre Gottesbeziehung wirklich mehr ist und wichtiger ist als eines unter vielen Hobbys, dann ist sie es auch wert, sie gut zu pflegen. Und das heißt: Nicht mit allem allein klar kommen müssen. Sich auf die Suche machen, sich trauen. Tabus öffnen.

Gebet (aus einem Lied von Peter Rettinger):

Für Schwestern und Brüder / dank ich Dir, Herr,
und will ihnen selbst Buder/Schwester sein.
Will mit ihnen teilen, was Du mir geschenkt, und über sie alle mich freun.

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Hass. Andacht zum 16.9.2016

Andacht HÖREN? Befristet abrufbar unter: Andacht „Hass“

Psalm 139 ist ein Hit unter den Christen. – Wie, Sie kennen diesen Hit nicht??? Na, dann lesen Sie bitte folgende Worte. – Laut gesprochen, langsam, mit Pausen!

HERR, du erforschst mich und kennst mich. Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es; du verstehst meine Gedanken von ferne. Ich gehe oder liege, so bist du um mich und siehst alle meine Wege. Denn siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge, das du, HERR, nicht schon wüsstest. Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir.
Diese Erkenntnis ist mir zu wunderbar und zu hoch, ich kann sie nicht begreifen. Wohin soll ich gehen vor deinem Geist, und wohin soll ich fliehen vor deinem Angesicht? Führe ich gen Himmel, so bist du da; bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da. Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten. Spräche ich: Finsternis möge mich decken und Nacht statt Licht um mich sein -, so wäre auch Finsternis nicht finster bei dir, und die Nacht leuchtete wie der Tag. Finsternis ist wie das Licht.
Denn du hast meine Nieren bereitet und hast mich gebildet im Mutterleibe. Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke; das erkennt meine Seele. (…)
Deine Augen sahen mich, als ich noch nicht bereitet war, und alle Tage waren in dein Buch geschrieben, die noch werden sollten und von denen keiner da war. Aber wie schwer sind für mich, Gott, deine Gedanken! Wie ist ihre Summe so groß! Wollte ich sie zählen, so wären sie mehr als der Sand: Am Ende bin ich noch immer bei dir.

Wie unser Psalm-Beter hier Gott glaubt und anbetet, also da macht es Lust, eine Andacht drüber zu schreiben. Oder sich einen Vers rauszunehmen, ein schönes Motiv dazu, fertig ist die trö­sten­de, wohltuende Postkarte. Wir haben auch mal vier oder fünf Gesprächs­runden hintereinander zu Psalm 139 gemacht, immer ein anderer Vers. Fast jeder Vers gibt genug her für eine Stunde Gespräch.
Und jetzt kommt das „Aber“: Aber es gibt ein paar Verse, die habe ich oben nicht zitiert. Die finden Sie auch sonst selten, dazu haben Sie wahrscheinlich noch nie eine Andacht gehört. Hier nun diese Aber-Verse von unter der Ladentheke:

Ach Gott, wolltest du doch die Frevler töten! Dass doch die Blutgierigen von mir wichen! Denn sie reden von dir lästerlich, und deine Feinde erheben sich mit frechem Mut. Sollte ich nicht hassen, HERR, die dich hassen, und verabscheuen, die sich gegen dich erheben? Ich hasse sie mit ganzem Ernst; sie sind mir zu Feinden geworden.

Und dabei sagt Jesus doch: „Liebt eure Feinde; tut wohl denen, die euch hassen; segnet, die euch verfluchen; bittet für die, die euch beleidigen“ (Lukas 6, 27 f.) Also: „Ich hasse sie mit ganzem Ernst“ und solche Sachen, das kommt dann nicht so gut, oder?
Andererseits: Ich kann manchmal unseren Beter ziemlich gut verstehen. Frevler, Blutgierige, freche Feinde. Zum Glück habe ich es bisher kaum erlebt, dass jemand an mir frevelt, mich massiv anfeindet, meine Würde und mein Leben mit Füßen tritt, richtig bösartig zu mir ist. Aber manchmal dann doch. Und: Ich kenne Leute, die solche bösen Menschen erdulden mussten oder müssen oder zu müssen meinen. Ich kenne auch Leute, die wirklich bösartig zu anderen waren. Und ich gucke die Nachrichten. Und bei manch einem bösen Menschen ist mir das aus der Seele gesprochen: „Ach Gott, wollest du doch den Frevler töten!“ – Um der Opfer dieser bösen Menschen willen und weil die Welt schlagartig besser wäre ohne solche Frevler – träume ich dann jedenfalls …
Feindesliebe oder Hass? Für die Feinde beten oder gegen sie? Schon die Frage ist falsch, denn spätestens wenn es an mein Leben und mein Wohlergehen oder an das meiner Lieben geht, habe ich nicht einfach die Wahl zwischen Liebe und Hass oder etwas dazwischen. Ich finde: Liebe als einzige Haltung ist nicht immer möglich und auch nicht immer gut. Zorn und Ärger sind längst nicht immer nur verkehrt, manch einer sollte „sich“ mehr ärgern.
Und Hass? Ich finde, der hat sowas Vernichtendes, Zerfressendes und vor allem Selbst-Zerstörerisches. Aber man kann sich nicht immer einfach so gegen den Hass entscheiden. So wie ich mich bei einem Bandscheibenvorfall nicht gegen Rückenschmerzen entscheiden kann. Aber es wäre gut, wenn er an der Leine liegt, der Hass. Bis er weg kommt. Denn chronisch soll Hass bitte nicht werden. Das macht den Hassenden nämlich kaputt.
Unser Psalm-Beter scheint ja sehr klar in dem zu sein, wie er fühlt und die Dinge sieht. Gibt es denn da so gar keine Selbstzweifel? Dass er seinen Hass in Frage stellt? Doch! Lesen wir weiter, wie der Psalm endet:

Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz; prüfe mich und erkenne, wie ich’s meine. Und sieh, ob ich auf bösem Wege bin, und leite mich auf ewigem Wege.

Platt gesagt: Nachdem unser Beter eben noch Gottes Aufmerksamkeit auf die Feinde lenken wollte und ihn zum Zuschlagen aufforderte, will er nun Gottes Aufmerksamkeit auf sich selbst lenken, auf sein Herz. Mit einer dreifachen Bitte: Prüfe! Erkenne! Sieh!
Gott soll sehen, ob unser Beter auf bösem Wege ist. Dieser Beter rechnet damit: „Ich könnte mit dem, was ich da denke, fühle, sage, selbst zu den ‚Bösen‘ gehören! Das, was Gott gerade in meinem Herzen findet, stellt sich ihm womöglich anders dar als mir selbst! Trotz allem Hass ist unser Beter weise genug zu wissen: „Ich selbst könnte auf ‚bösem‘ Weg sein! Und: Ich will auf ‚ewigen‘ Weg!“ Vielleicht schöpft er diese Weisheit ja aus dem Gebet, aus dem Gespräch mit Gott.
Nun müssen Sie wissen: Unserem Beter geht es NICHT um Ewigkeit im Sinne von: „Ich will in den Himmel!“ Sondern: Das Wort, das da im Hebräischen steht, meint die Fortdauer, den Bestand. Man müsste besser so sagen: „Leite mich auf einem Weg, der Bestand hat!“ Oder so: „Lass mich einen Weg gehen, der auch über heute und morgen hinaus Zukunft hat!“
Unser Beter weiß: „Böse“ Wege haben auf die Dauer häufig keine Zukunft. Das stimmt vielleicht nicht immer. Aber oft. Oder kennen Sie persönlich richtig böse Menschen, die Sie auf die Dauer für zufrieden halten? Fallen Ihnen viele schlimme Diktatoren ein, die „alt und lebenssatt“ gestorben sind, mit denen es ein „gutes“ Ende nahm?
Am Ende unseres Psalms steht die Bitte an Gott: Prüfe mich! Korrigiere mich! Unser Psalm-Beter ist sich nicht ganz sicher, ob er mit seinem Hass richtig liegt. Er weiß es nicht. Und er bringt sein Herz mit dem, was er selbst darin nicht erkennen kann, zu Gott. „Ich weiß es nicht! Erkenne Du! Und bring mich auf die richtige Spur!“
Ich finde: Diese letzten Sätze sollten wir uns als Gebet und als Haltung abgucken. Denn nicht immer sind wir mit den „endgültig richtigen“ Antworten gut bedient. Es kann im Gegenteil so sein: Dass wir uns mit unseren Meinungen, Überzeugungen und den aufbrau­senden Impulsen und Gefühlen viel zu „sicher“ sind. Da wäre es gut, sich mal zu bremsen. Zu sagen: „Ich weiß es nicht!“ Und Gott zu sagen: „Hier ist mein rätselhaftes Herz! Erkenne Du! Und bring mich auf eine gute Spur, die Bestand hat!“

Gebet:
Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz; prüfe mich und erkenne, wie ich’s meine. Und sieh, ob ich auf bösem Wege bin, und leite mich auf ewigem Wege.

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Trösten. Andacht zum 9.9.2016

Hoppla, da war doch gerade was mit Trost! Ja sicher, die „Jahreslosung 2016“! Gott sagt durch seinen Propheten: „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet!“ Was täte das gut, so einen Trost zu erfahren! Oder: Was ist das wert, auf so einen Trost wenigstens zu hoffen und ihn zu suchen! Wenn Sie voll von Angst, Traurigkeit, Haltlosigkeit stecken, und es ist nicht mal die Hoffnung auf Trost da – das wäre wirklich ziemlich trostlos, oder?
Wenn Sie diese Jahreslosung nehmen, dann sind Sie das trostbedürftige Kind, und Gott ist die Mutter. Der Bibeltext, den ich Ihnen gleich zu lesen gebe, setzt Sie auf eine andere Fährte: Sie als Trösterin bzw. als Tröster! – Wie können Sie andere trösten? Vielleicht passt Ihnen schon die Frage nicht: „Moment mal! Ich will andere gar nicht trösten! Kann ich nämlich gar nicht! Ich bin doch selbst so trostbedürftig! Nee, nee, das soll mal lieber jemand machen, der die Stärke und das Rückgrat dafür hat oder der das gelernt hat! Fortbildung in: „Trauer, Tränen, Trost“.
Tja, was „braucht“ man eigentlich dafür, um andere zu trösten? Und was „hindert“ vielleicht daran, dass Ihr Trost ankommt?
An dieser Stelle könnten wir eine Gesprächsrunde machen und zusammentragen: Welche Eigenschaften und welches tröstende Verhalten fallen Ihnen ein? Aber Sie können auch für sich allein überlegen: Wem unter Ihren Verwandten, Bekannten, Freunden trauen Sie es zu, ein guter Tröster, eine gute Trösterin zu sein? Wem würden Sie das so gar nicht zutrauen? Was genau bringt Sie dazu, jemanden für geeignet oder ungeeignet zu halten? Was wird ein guter Tröster tun – und was lassen?
Vielleicht hat es auch etwas damit zu tun, wofür Sie Trost brauchen. Vielleicht hätten Sie auf einer Beerdigung gern Mitmensch A an Ihrer Seite. Und nach der Abschlussprüfung, die Sie in den Sand gesetzt haben, lieber Mitmensch B.
Und jetzt zum Apostel Paulus. Er schreibt seine Briefe an die Christinnen und Christen in Korinth in den später 50er Jahren des ersten Jahrhunderts. Fast am Anfang des 2. Korintherbriefs schreibt er:

Gepriesen sei der Gott und Vater Jesu Christi, unseres Herrn, der Vater des Erbarmens und der Gott allen Trostes.

Das passt schon mal zu Gott als tröstende Mutter, siehe Jahreslosung. „Gott allen Trostes“ – Trost-Spenden ist geradezu das Wesen Gottes.
Wenn nun das Tröstende Gottes Wesen ist, dann ist nicht Gottes innerstes Wesen: drohen, strafen, Angst machen; oder unnahbar, unerreichbar, weit weg sein. Die tröstende Mutter bleibt ja nicht weit weg, sondern sie nimmt das Kind auf den Schoß. Sie schlägt nicht, sondern sie streichelt. – Eine ziemlich starke Einladung: Gott so zu glauben! Gott – wie eine trostreiche Mutter.

(Gott) tröstet uns in all unserer Not, damit auch wir die Kraft haben, alle zu trösten, die in Not sind, durch den Trost, mit dem auch wir von Gott getröstet werden.

Aha! Ein Tröster wird man nicht dadurch, dass man den Kurs „Trauer, Tränen, Trost“ absolviert und die „Trost-Techniken“ übt, sondern: Trösten kann, wer Trost erfahren hat! Genauer: Wer aktuell Trost erfährt. Paulus sagt ja nicht: „Im Jahre 42 hat mich Gott getröstet, und seitdem habe ich Kraft und Einfühlungsvermögen zum Trösten!“ Sondern: „Gott tröstet uns …“ und „wir werden von Gott getröstet“. Gegenwart! Bei Trost ist, wer gegenwärtig und immer wieder Trost erfährt – und nicht nur irgendwann mal in der Vergangenheit erfahren hat.
Wofür brauchen Paulus und auch die Korinther Trost? Da geht es um eine spezielle Sache: Paulus und die Korinther, sie sind ausgerechnet durch ihren Glauben in Nöte gekommen: Sie müssen es erleben, als Christen schikaniert und drangsaliert zu werden. Falls Sie also meinen, als glaubender Mensch wäre man generell glücklicher und hätte es leichter – Paulus hätte wohl vehement widersprochen mit seinen Erfahrungen. Zum Beispiel sagt er:

Wir wollen euch die Not nicht verschweigen, Geschwister, die in der Provinz Asien über uns kam und uns über alles Maß bedrückte; unsere Kraft war erschöpft, so sehr, dass wir am Leben verzweifelten.

Die Not der Christinnen und Christen in Korinth ist ähnlich: Drangsal, Schikane, Benachteiligung, Verfolgung aus Glaubensgründen. Nun ist „Christenverfolgung“, wie sie Paulus in der Provinz Asien erlebt, und wie sie die Christen in Korinth erleben, nicht unbedingt dasselbe. Und jeder und jede wird es auch unterschiedlich aufnehmen, jedem wird das auch unterschiedlich viel oder wenig ausmachen, man darf da nicht Äpfel mit Birnen vergleichen. Aber: Äpfel und Birnen sind beides Obst. So ein grundsätzliches Verständ­nis füreinander ist eher da, wenn man Ähnliches selbst erlebt hat.
Also: Wer trostbedürftig ist UND Trost erfährt, kann – vielleicht – auch selbst trösten. Wer es im Moment eher nicht kann: Trostlose, Ungetröstete, Vertröstete. Und: die „Harten“, die können es auch nicht. Die, die meinen, sie bräuchten niemals Trost. Unverwundbar. Herz aus Stein. Bisher jedenfalls. Wer weiß, wie lange noch …
Wie tröstet Gott? Eine der Antworten von Paulus in unserem Abschnitt aus 2. Korinther 1 lautet:

Wie uns nämlich die Leiden Christi überreich zuteil geworden sind, so wird uns durch Christus auch überreicher Trost zuteil. Sind wir aber in Not, so ist es zu eurem Trost und Heil, und werden wir getröstet, so geschieht auch das zu eurem Trost (…).

Es hat was mit den „Leiden Christi“ zu tun, mit seinem Tod am Kreuz. Was Paulus da beschreibt, sehe ich bildlich als eine Kette von Leid-Erfahrung und Trost:
Jesus Christus -> Paulus & Kollegen  Christ/innen in Korinth
Christus selbst hat Not und Schmerzen, Verachtung und Tod durchleiden müssen. Damit kann er Paulus und seinen Kollegen in ihrer Not nahe sein und sie trösten. Und so können Paulus & co als Trostbedürftige und Getröstete nun selbst den Christinnen und Christen in Korinth Trost sein und Trost geben.
Wenn Paulus ganz zu Anfang vom „Gott allen Trostes“ spricht, dann wissen wir jetzt, wie er das meint: Trost durch Jesus Christus! Und dabei denkt Paulus nicht an Trost-Sprüche aus Jesu Mund, nicht an Heilungen oder große Reden von Jesus, nicht an komplizierte theologische Gedankengebäude um seine Person. Sondern: Paulus denkt an Jesu Leid, Not, Tod. Darin zeigt sich Paulus Gottes zutiefst menschliche Seite, da ist ihm Gott sooo nah. Das tröstet. Und das versucht Paulus nun selbst weiterzugeben.
Wie will er das? Am liebsten wäre er jetzt da bei seinen Korinthern (übrigens trotz früherer Streitereien mit einigen von ihnen). Aber das klappt nicht, er ist zu weit weg. An die Korinther denken? Für sie beten? Das auch. Aber so wird tröstende Nähe noch nicht spürbar. Was dann? Schnell eine SMS? Eine Whatsapp? Eine Mail? Das gibt es alles noch nicht. Und da schreibt Paulus einen Brief. Auf die ganz altmodische Art.
Vielleicht können Sie sich das heute ja noch abgucken. Einen Brief schreiben. Oder eine Karte. Mit der Hand. Mit weniger Worten als Paulus. Aber auf dieselbe altmodische Weise. Meistens kommt sowas an. Im Herzen.

Gebet (aus dem Gebet des Hiskia, Jesaja 38):

Meine Augen sehen verlangend nach oben: Herr, ich leide Not, tritt für mich ein! Entflohen ist all mein Schlaf bei solcher Betrübnis meiner Seele. Herr, lass mich wieder genesen und leben! Siehe, um Trost war mir sehr bange. Du aber hast dich meiner Seele herzlich angenommen, damit sie nicht verdirbt.

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Die Schlange. Andacht zum 2.9.2016

Wir befinden uns auf den ersten Seiten der Bibel. Adam und Eva. Es herrschen paradiesische Zustände: Alles ist erlaubt! Nur der „Baum der Erkenntnis“ ist tabu, davon dürfen die Menschen nicht essen. Aber da ist die listige Schlange. Die überredet die Frau: „Ihr werdet sein wie Gott!“ Und verlockend sehen sie auch aus, diese Früchte. Die Frau isst. Und sie reicht die Früchte dem Mann. Überreden muss sie ihn gar nicht erst, der trampelt treu-doof hinterdrein.
Die großen Erkenntnisse, die die Schlange versprochen hatte, halten sich aber in Grenzen: Die Menschen erkennen, dass sie nackt sind. Und nun verstecken sie sich vor Gott. Erfolglos. Die ganze Sache kommt raus:

Und sie hörten Gott den HERRN, wie er im Garten ging, als der Tag kühl geworden war. Und Adam versteckte sich mit seiner Frau vor dem Angesicht Gottes des HERRN unter den Bäumen im Garten.
Und Gott der HERR rief Adam und sprach zu ihm: Wo bist du? Und er sprach: Ich hörte dich im Garten und fürchtete mich; denn ich bin nackt, darum versteckte ich mich. Und er sprach: Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Hast du nicht gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot, du solltest nicht davon essen? Da sprach Adam: Die Frau, die du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum und ich aß. Da sprach Gott der HERR zur Frau: Warum hast du das getan? Die Frau sprach: Die Schlange betrog mich, sodass ich aß.

Also: Der Mann redet sich raus: Die Frau ist schuld. Und eigentlich Gott selbst, von dem hat er ja die Frau. Die Frau redet sich auch raus: Sie ist von der Schlange betrogen worden.
Und die Schlange? Wir hören am Anfang des Kapitels, dass sie listig ist. Und jetzt? Da ist sie klug genug, sich nicht rauszureden. Sie hält die Klappe.
Die Sache mit dem Paradies hat sich jetzt erledigt. Mann, Frau und Schlange, sie dürfen weiterleben. Aber eben nicht mehr so paradiesisch. Jede/r bekommt sein oder ihr Päckchen zu tragen. Zuerst die Schlange:

Da sprach Gott der HERR zu der Schlange: Weil du das getan hast, seist du verflucht, verstoßen aus allem Vieh und allen Tieren auf dem Felde. Auf deinem Bauche sollst du kriechen und Erde fressen dein Leben lang. Und ich will Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau und zwischen deinem Nachkommen und ihrem Nachkommen; der soll dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferse stechen. (Alles: Genesis 3, 8 ff.)

Das war bis hierher nur die Vorgeschichte. Denn nun erzähle ich Ihnen die Geschichte weiter, die ich dazu vor einiger Zeit gehört habe.

Ein chassidischer Frommer fragte einmal den Rabbi Bunam nach einer Schriftstelle, die er nicht verstehe. Es war der Fluch über die Paradiesschlange, die, weil sie die Menschen dazu verführte, Gott gleich sein zu wollen, fortan auf dem Boden kriechen und Erdstaub fressen soll, wie es in Gen 3 zu lesen ist. Das sei doch keine Strafe, sagte der Mann, das sei doch eher ein Segen, denn wenn die Schlange Erdstaub fressen solle, dann sei sie doch das einzige Lebewesen, das immer genug zu essen habe. Ja, gab ihm Rabbi Bunam zu verstehen, sie werde nie um etwas bitten müssen. Das sei ihre Strafe.

Das also ist die Strafe, dass die Schlange niemanden bitten muss! Ich finde diesen Dialog genial. Er stellt die „normale“ Welt auf den Kopf. In der „normalen“ Welt bittet man nämlich nicht gern. Jemanden bitten, das hieße ja: Dem anderen zur Last fallen! Oder: Dem anderen Macht über mich einräumen. Oder „In der Schuld des anderen stehen.“ Oder: Es nicht allein geregelt bekommen.
Nein, das weit verbreitete Ideal lautet: „Ich brauche keinen! Ich muss keinen um etwas bitten! Ich kriege alles allein hin! Ich schulde keinem was!“
Aber wissen Sie: Das ist typisch Schlange! Die Schlange und auch die anderen Reptilien, sie sind ab dem Tag, wo sie aus ihrem Ei schlüpfen, auf sich allein gestellt. Und wenn sie so ihre Kindheit überleben, dann hat sie das Leben hart gemacht: Meine Schildkröten (das sind auch Reptilien) haben einen dicken Panzer. Unsere Bart-Agamen haben eine Lederhaut. Und die Schlangen? Sie würgen, sie beißen, sie vergiften. Bei ihnen allen ist das Sozialverhalten im Vergleich zu den Säugetieren – sagen wir mal: weniger innig, weniger herzlich, weniger zärtlich. Wer ein Tier zum Kuscheln sucht, sollte sich lieber bei den Kaninchen, Hunden und Katzen umschauen.
Menschen sind, anders als Schildkröten, am Tage ihrer Geburt und noch lange danach völlig bedürftig und angewiesen. Sie bleiben es immer irgendwie. Und sie werden es im Alter meistens wieder mehr. Menschen sind Gemeinschaftswesen. Sie müssen nicht rund um die Uhr füreinander da sein. Aber ohne Füreinander-Dasein sind sie nicht überlebensfähig. Da gehen sie kaputt.
Zum Bedürftig-Sein passt das Bitten. Und das Sich-bitten-Lassen. Das Bitten macht den Menschen zum Menschen.
Übrigens: Das Bitten ist nicht nur bedroht durch die Strafe der Schlange, also „keinen bitten müssen“. Das Bitten ist auch bedroht durch die Haltung: „Darauf habe ich Anspruch!“ Wer sich dauernd auf seinen Anspruch bezieht, bittet nicht, sondern der FORDERT. Klar, manchmal geht es nicht ohne das Fordern. Trotzdem: Wenn Sie im Bäckerladen die Brötchen „fordern“, statt um sie zu bitten, sind Sie mehr bei der Schlange als beim Menschen. Und das, obwohl Sie doch bezahlen und natürlich ein Recht auf „Ihre“ Brötchen haben.
Nicht-Bitten-Müssen ist eine Strafe. Und umgekehrt: Bitten dürfen und bitten können, da ist ein Segen! Da haben es die Menschen heute besser als die im Paradies! (Denn da muss man ja auch um nichts bitten.)
Drei Dinge, die Sie sich von dieser Geschichte mitnehmen sollten:

  1. Gewöhnen Sie sich an, Ihre Bedürftigkeit nicht nur als Mangel zu betrachten! Ihre Bedürftigkeit kann Sie nämlich mit anderen Menschen und mit Gott verbinden, kann aus „uns“ eine Gemeinschaft der gegenseitig Gebenden und Nehmenden machen.
  2. Beobachten Sie sich heute, wie Sie es mit dem Wörtchen „bitte“ halten! Nehmen Sie Notiz davon, wo Sie es benutzen. Und wo Sie es NICHT benutzen!
  3. Nehmen Sie sich den Vorsatz, öfter mal zu bitten: Zu bitten, statt nichts zu sagen und alles allein zu versuchen. Oder zu bitten, statt zu fordern!

Gebet:
Danke, Gott, dass Du mich als Mensch gemacht hast! Danke auch für meine Bedürftigkeit, mein Angewiesen-Sein!
Hilf mir doch, dass ich nicht als Schlange lebe, die keinen braucht und alles allein kann, sondern als Mensch! Bitte! Amen.

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Leben – mehr als Stoffwechsel. Andacht zum 26.8.2016

Leben ist Stoffwechsel. So habe ich es im Biologie-Unterreicht gelernt. Das ist natürlich nur EINE Antwort. Ein etwas bösartiger Witz behauptet: Das Leben fängt da an, wo die Kinder aus dem Haus sind, der Hund begraben ist und der Partner / die Partnerin ganztägig außer Haus ist. Mag ja sein. Aber für manch einen fängt das Leben da nicht an, sondern es endet dort. Dieser oder jene versumpft dann neben der Kiste Bier auf der Terrasse. Der Traum von „Endlich frei!“ wird zum Albtraum.
Was ist Leben? LEBEN Sie? Wo ist der Punkt, an dem Sie sagen: „Also das ist doch kein Leben mehr!“? Manch einem, der so spricht, geht die Hoffnung verloren, dass es wieder Leben werden könnte. Gut, wenn man dann trotzdem Durchhaltevermögen hat. Wenn man der Hoffnung eine Chance gibt, dass sie zurückkommen kann. Und das Leben dann auch.
Wann ist das Leben kein Leben mehr? Wann ist es nicht lebenswert? Wie groß ist die Hoff­nung, dass sich das nochmal ändert? Und wenn Leben eigentlich ein Geschenk ist, ich es aber nur noch als Last empfinde, darf ich das Geschenk auch zurück geben? Was kann helfen, das Leben auch unter schwierigen Bedingungen wirklich zu leben, mit Leben zu füllen?
Wir sind da schnell bei solchen Fragen wie: Was ist mit passiver und aktiver Sterbehilfe? Wie steht es mit lebens- bzw. sterbens- verlängernden Maßnahmen? Wie wünsche ich mir die allerletzte Phase meines Erdenlebens? Habe ich meine Patientenverfügung und Vorsorgevoll­macht fertig? – Aber mit diesen Fragen möchte ich uns jetzt nicht befassen – nicht mit dem Leben am Ende des Lebens, sondern mit dem Leben und dem Tod IM Leben.

Was steht in der Bibel, was Leben ist? Es gibt unterschiedliche Antworten. Gleich ganz vorn: Der göttliche Lebensatem, der aus dem Erd-Kloß den Menschen macht und dann auch das Tier. Im Neuen Testament ist es besonders das Johannes-Evangelium, das das eigentliche Leben mit Jesus Christus in Verbindung bringt: „Wer an mich glaubt, (…) der ist vom Tod ins Leben hindurch ­gedrungen!“; „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben!“; „Ich bin gekommen, dass sie das Leben in Fülle haben!“ Und dann natürlich die Osterbotschaft. – Auferweckung! Leben ganz bei Gott! Da endet das Leben nicht mit dem Stoffwechsel, son­dern es beginnt mit dem Ende des Stoff­wechsels.
Auch damit möchte ich Sie heute nicht beschäftigen, sondern mit drei Jesus-Geschichten: Geschichten, in denen Jesus Tote „wiederbelebt“. Ich spreche von Wiederbe­lebung, nicht von Auf­erweckung. Denn Auferweckung, das bedeutet ein ganz neues Sein, das ist etwas „anderes“. Aber unsere „Wiederbelebten“ setzen ihr Erdenleben fort. Bis sie dann doch irgendwann („wieder“) sterben.

  • Die erste Geschichte: Die „Tochter des Jairus“. Die ist schwer krank. Die Eltern holen Jesus zur Hilfe, aber da ist sie schon gestorben. „Und er ergriff die Hand des Kindes und spricht zu ihm: Talita kum! Das ist übersetzt: Mädchen, ich sage dir, steh auf! Und sogleich stand das Mäd­chen auf und ging umher.“ (Markus 4, 41 f.)
  • Die zweite Geschichte: Der „Jüngling zu Nain“. Jesus trifft auf einen Trauerzug: Einer Witwe ist nun auch noch der Sohn gestorben. Jesus hat Mitleid mit der Mutter. „Und er trat hinzu und rührte die Bahre an, die Träger aber standen still; und er sprach: Jüngling, ich sage dir, steh auf! Und der Tote setzte sich auf (…)“ (Lukas 7, 14 f.)
  • Die dritte Geschichte: „Lazarus“. Lazarus, ein enger Jesus-Freund, ist schwer krank, seine Schwestern schicken nach Jesus um Hilfe. Aber der lässt auf sich warten. Als er schließlich doch kommt, liegt Lazarus schon seit Tagen in der Grabhöhle. „Und er rief mit lauter Stimme: Lazarus, komm heraus! Und der Ver­storbene kam heraus, an Füßen und Händen mit Grabtüchern umwickelt, und sein Gesicht war mit einem Schweißtuch umbunden.“ (Johannes 11, 43 f.)

Was ich nun NICHT empfehle: Diese Geschichten zu nehmen, um auf die „Wiederbelebung“ eines geliebten Menschen zu hoffen, wenn schon der Totenschein ausgestellt ist. Selbst wenn es das mal geben mag: Die Enttäuschung solcher Hoffnung wäre die Regel. „Christlich“ aus meiner Sicht wäre nicht die Hoffnung auf Wiederbelebung, sondern auf Auferweckung, und das ist etwas völlig anderes. Und es schafft Raum für Trauer.
Nein, ich will lieber so fragen: Was brauche ich, was brauchen Sie, wenn Sie innerlich erstorben sind? Innerlich – und vielleicht äußerlich erstarrt. Verstummt. Wenn Sie wie abge­schnitten von den anderen sind. – Sei es, dass Sie „weg“ sind, auch wenn andere um Sie herum sind (Tochter des Jairus, Jüngling zu Nain). Sei es, dass Ihre Wohnung zu so einem Schneckenhaus geworden ist wie die Gruft des Lazarus. Also: Was brauchen Sie da, um wieder zu leben?
In unseren Geschichten können wir dazu lesen, was Jesus diesen „Erstorbenen“ gibt:

  • In zwei der drei Geschichten ist das Allererste die BERÜHRUNG. Nun müssen Sie wissen: Tote galten damals als kultisch unrein. Die packte man nicht einfach an. Aber Jesus tut das. Wer sich berühren lässt, der spürt neues Leben. Und ich meine das nicht nur im übertragenen Sinne, sondern auch wörtlich. – Wer könnte Ihnen mal die Hand geben? Wer würde Sie in den Arm nehmen? Und auch wenn es schwer fallen mag: Diesen Wunsch zu SAGEN, wird Ihnen leichter fallen als der Tochter des Jairus oder dem Jüngling zu Nain. Versuchen Sie’s!
  • Jesus spricht alle drei „Erstorbenen“ direkt an. Er redet nicht als seine „Fälle“ ÜBER sie, sondern er redet MIT ihnen.
  • Jesus fordert sie alle zum AUFSTEHEN (bzw. Hervorkommen) auf. Er nimmt ihnen das Aufstehen nicht ab, er traut es ihnen zu. Und so tun sie das Unmögliche.

Und nun? Alles wieder gut mit den Dreien? Nein, keine der Geschichten ENDET mit dem Aufstehen. Es kommt noch was hinter. Etwas, was die Betroffenen offenbar „zum Leben brauchen“:

  • Den Eltern des Mädchens sagt Jesus, sie sollen ihr zu essen geben. So praktisch. Na klar, Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen. Vielleicht ist das auch auf Sie gemünzt – wenn gerade so eine Zeit ist, wo Ihnen nichts mehr schmeckt, wo Sie keinen Bissen mehr runter kriegen können, wo Sie am liebsten dünner und dünner wären und ganz verschwinden.
  • Vom Jüngling heißt es: Er setzte sich auf – „und fing an zu reden“. WAS er da redet, lesen wir nicht. Ist wohl zweitrangig. Aber DASS er redet! Jesus muss ihm das noch nicht mal sagen. Neu leben und endlich den Mund aufbekommen, das ist hier geradezu dasselbe. Ob das bei Ihnen auch dran ist? Den Mund aufbekommen? Reden? Mag sein, Ihnen haben andere Menschen immer wieder den Mund verboten. Oder die anderen haben gelacht, wenn Sie was sagten. Oder weggehört. Vielleicht hat Ihre Angst Ihnen das Reden verbo­ten, gerade über die schlimmen Dinge. – Und heute? Reden Sie! Trotzdem!
  • Bei Lazarus hat Jesus eine Aufforderung an seine Mitmenschen. Denn als Lazarus vor die Grabhöhle tritt, ist er in seine Grabtücher eingewickelt. – Was sagt Jesus? „Macht ihn frei und lasst ihn gehen!” Wäre toll gewesen, wenn Lazarus selbst all das hätte abstreifen können, was ihn da bindet und knebelt. Jetzt sind die Leute gefragt. Die haben ihn ja schließlich eingewickelt und begraben. Die haben keinen Zweifel zugelassen: „Der ist für uns gestorben!“ Also: Dem Lazarus abnehmen, was ihn bindet. Und: „Ihn gehen lassen!“ Auch das muss manchmal sein, damit jemand leben kann.

Leben soll mehr sein als Stoffwechsel. Mehr als „nicht hirntot“, mehr als ein schlagendes Herz und ein hecktischer oder flacher Atem.
WENN Sie leben: Freuen Sie sich dran und geben Sie Gott Ihr „Halleluja!“ Und wenn Sie NICHT leben: Geben Sie Ihre Hoffnung nicht auf! Finden Sie sie wieder! Lassen Sie sich ansprechen und berühren! Essen Sie, trinken Sie! Reden Sie! Lassen Sie sich dabei helfen abzustreifen, was Sie bindet! Um Jesu willen!

Gebet (mit Zitaten aus Psalm 88):

HERR, Gott, mein Heiland, ich schreie Tag und Nacht vor Dir. Lass mein Gebet vor Dich kommen, neige deine Ohren zu meinem Schreien. Denn meine Seele ist übervoll an Leiden, und mein Leben ist nahe dem Tode. Du hast mich hinunter in die Grube gelegt, in die Fin­ster­nis und in die Tiefe. Meine Freunde hast Du mir entfremdet. Ich liege gefangen und kann nicht heraus, mein Auge sehnt sich aus dem Elend. HERR, ich rufe zu Dir täglich. Ich breite meine Hände aus zu Dir. Ich schreie zu dir, HERR, und mein Gebet kommt frühe vor dich.

(Übrigens: Wenn Sie sich in meinen Andachten-Newsletter eintragen, bekommen Sie zur schriftkichen Fassung auch eine mp3-Datei zum Hören.)

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„Nichts mangelt!“-? Andacht zum 19.8.2016

„Nichts mangelt!“ – Klingt nach Schlaraffenland. Nach „Alles gut!“ – Das sagt man ja heute oft: „Alles gut!“ Manchmal werde ich das gefragt. – „Na, alles gut?“ Wenn es einigermaßen gut ist mit mir, antworte ich ungefähr so: „Es ist nie alles gut. Bei mir jedenfalls nicht. Aber das Meiste!“
Bei unserem Psalmbeter IST scheint’s „alles gut“, es mangelt an nichts. Vielleicht wissen Sie jetzt, welcher Psalm gemeint ist: Psalm 23. Der fängt so an:

Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.

Das kann man auch in der Gegenwartsform übersetzen: Mir mangelt es an nichts. Also nicht erst irgendwann in der Zukunft oder am Sankt-Nimmerleins-Tag, sondern „heute“.
Psalm 23 kennen Sie vielleicht auch deswegen, weil er öfters im Fernsehen kommt: Ob im „Tatort“ oder im amerikanischen Spielfilm: Wenn es im Fernsehen eine christliche Bestattung gibt, spricht der Pastor meist diesen Psalm. – Würden Sie das als Pastor/in auch? Nichts mangelt? „Alles gut!“ – ausgerechnet im Angesicht des Todes? Wo vielleicht manchem Trau­ern­den in dieser Stunde ALLES fehlt? Dieser geliebte oder so gebrauchte Mensch! Und die Hoffnung, der Lebensmut, der Trost, die fehlen obendrein. Manch einer, der hinter dem Sarg oder der Urne her geht, hat jetzt auch sich selbst verloren. Das vertraute Leben, dieses Gefühl von Heimat, ist passé. Die Zukunft? Im Dunkeln. Oder nicht vorhanden.
Beim Nachdenken sind mir an dieser Stelle Zweifel gekommen, ob dass eine gute Idee ist, Sie gedanklich ausgerechnet auf eine Bestattung zu stoßen. Manch einem kommen da schlimme Erinnerungen. Oder Ängste. Aber dann habe ich mir gedacht: Bestattungen gehören dazu. Sie werden auch zukünftig zu Bestattungen gehen. Mir fallen drei Gründe ein, NICHT hinzugehen, und die halte ich für die schlimmeren Alternativen:

  1. Ich lebe so isoliert, dass es niemanden gibt, zu dessen Beerdigung ich gehen würde.
  2. Ich vermeide Beerdigungen und überhaupt gemeinschaftliche Trauer – und muss dann irgendwie allein damit klar kommen.
  3. Die nächste Beerdigung ist meine eigene.

Also – auch wenn es schlimm ist: Gehen Sie hin! Gehen Sie mit! Die drei Alternativen sind nicht besser!

Ihnen mit einem so düsteren Thema zu kommen, hat aber vor allem folgenden Grund: Ich finde, das „Nichts mangelt!“ ist nur dann belastbar und tragfähig, wenn es auch auf der Schattenseite des Lebens hält. Wenn Sie mit allem, was Ihnen lieb und wichtig ist, in einer sonnenumfluteten Bucht an blauem Meer sitzen, ist „Nichts mangelt!“ banal. Keine tiefgründige Erkenntnis. Aber im finsteren Loch des Lebens oder der Seele sehr wohl.
Wie ist das nun mit diesem Psalm, dem GANZEN Psalm? Klingt er mehr nach blauer Bucht oder nach finsterem Loch, nach „Alles gut!“ oder „Alles schlimm!“, nach Fülle oder Mangel?
Mein Vorschlag: Sie sprechen den Psalm beim Lesen laut mit:

Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.
Er weidet mich auf einer grünen Aue / und führet mich zum frischen Wasser.
Er erquicket meine Seele.
Er führet mich auf rechter Straße / um seines Namens willen.
Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück.
Denn Du bist bei mir, Dein Stecken und Stab trösten mich.
Du bereitest vor mir einen Tisch / im Angesicht meiner Feinde.
Du salbest mein Haupt mit Öl /und schenkest mir voll ein.
Gutes und Barmherzigkeit / werden mir folgen mein Leben lang,
und ich werde bleiben im Hause des HERRN immerdar.

Fülle oder Mangel? Nach Fülle klingen die grüne Aue, das frische Wasser, Erquickung, gedeck­ter Tisch, Salböl. Nach Mangel klingen das finstere Tal, das Unglück (auch wenn es nicht gefürchtet ist), das Angesicht der Feinde. Wie im „richtigen Leben“ – jedenfalls wie im „richtigen Leben“ der meisten Mitteleuropäer: Es ist nicht die Hölle. Aber es ist auch kein Schlaraffenland. Jedenfalls nicht auf Dauer. Irgendwo dazwischen. Wobei Licht und Schatten ungleich verteilt sind. Ich habe allerdings den Verdacht: Der typische Mitteleuropäer hat die Neigung, bei sich persönlich mehr Schatten als Licht zu sehen. Was im Vergleich mit anderen Kontinenten überraschen müsste …
Nun steht aber dieses „Nichts mangelt!“ nicht nur über den „Alles gut“-Bildern, sondern über dem GANZEN Psalm. Wie das?
Nun, unser Psalm-Dichter begründet dieses „Nichts mangelt!“ nicht damit, WAS er alles hat, sondern: WEN er hat! Den guten Hirten! Und das ist Gott. Im Hebräischen steht da der Gottes-Name. Der bedeutet ungefähr: Der Ich-bin-da. Und das ist dieser gute Hirte: Er ist da! Auch noch im dunklen Tal, wo nichts mehr zu sehen ist von diesem guten Hirten. Unser Psalm-Dichter SPÜRT aber etwas: Nicht den Hirten selbst, aber seinen Stab. Und das gibt ihm Trost.
Für die Christen hat dieser gute Hirte noch eine Konkretion: Jesus Christus als der gute Hirte!

Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen und die Meinen kennen mich, wie mich mein Vater kennt und ich kenne den Vater. Und ich lasse mein Leben für die Schafe. (…) Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie und sie folgen mir; und ich gebe ihnen das ewige Leben, und sie werden nimmermehr umkommen, und niemand wird sie aus meiner Hand reißen. Mein Vater, der mir sie gegeben hat, ist größer als alles, und niemand kann sie aus des Vaters Hand reißen. Ich und der Vater sind eins. (aus: Johannes 10)

Grüne Auen und frisches Wasser – das ist wichtig. Das sei jedem gegönnt. Übrigens auch ganz wörtlich. Frisches, sauberes Wasser aus dem Wasserhahn, aus der Dusche und sogar in der Toilettenspülung, das hat ja längst nicht jede/r.
Aber der Psalm und auch die Jesus-Worte wollen Ihren Blick auf den Hirten selbst lenken! Auf ihn kommt es an! Dass er die Herde leitet und das einzelne Schaf. Dass sein Stab im Dunkeln Trost und Orientierung gibt. Dass die Schafe seine Stimme hören, ihn unter den vielen Stimmen heraus hören.
Der Hirte genügt. Und darum ist Psalm 23 auch auf einer Beerdigung ganz richtig. Und an Ihrem vielleicht hellen, vielleicht dunklen Tag heute ebenfalls.

Ein Lied von 1778:

Weil ich Jesu Schäflein bin, freu‘ ich mich nur immerhin
über meinen guten Hirten, der mich wohl weiss zu bewirten,
der mich liebet, der mich kennt / und bei meinem Namen nennt.

Unter seinem sanften Stab / geh‘ ich aus und ein und hab‘
unaussprechlich süße Weide, dass ich keinen Mangel leide.
Und sooft ich durstig bin, führt er mich zum Brunnquell hin.

Sollt‘ ich denn nicht fröhlich sein, ich beglücktes Schäfelein?
Denn nach diesen schönen Tagen / werd‘ ich endlich hingetragen
in des Hirten Arm und Schoß: Amen, ja mein Glück ist groß!

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Offene Tür. Andacht zum 12.8.2016

Gibt es Leute, denen Sie lieber nicht begegnen wollen? Denen Sie aus dem Weg gehen? Vermutlich ja. Mir jedenfalls fallen solche Leute ein.
Manchmal liegt es ja auch an der Situation. Wenn ich zum Beispiel im Trubel des Münsteraner Flohmarkts auf Abstand einen Bekannten sehe, dann entscheide ich mich vielleicht, dass ich ihn „übersehe“. Weil ich finde: Nur ein paar hingeworfene Sätze im Vorübergehen, da werde ich mir und dem anderen nicht gerecht. Man könnte sich zwar miteinander irgendwo ein Weilchen in die Ecke stellen. Aber vielleicht sind wir ja beide jeweils in Begleitung, und dann würden wir unserer Begleitung nicht gerecht … Also: Die Situation …
Anderer Fall: Sie haben von Susi vor nun schon einigen Monaten 50 Euro geliehen bekommen – und wollten es ein paar Tage später zurückzahlen. Eigentlich. Da möchten Sie der Susi vielleicht auch nicht begegnen.
Wieder ein anderer Fall: Da „verbindet“ Sie mit jemandem eine schwierige Geschichte. Es gab Streit, Verletzungen, ein Zerwürfnis. Vielleicht gab es Zeiten, da wären Sie ihm am liebsten an die Gurgel gegangen. Aber heute machen Sie lieber einen ganz großen Bogen um ihn.
Übrigens: Wenn man „auseinander geht“, das hat was von „einen Bogen machen“. Sich mit jemandem „auseinander setzen“ ist aber das Gegenteil. Eine Auseinander-Setzung haben, das ist ja: Streiten. Und Streiten verbindet, beim Streit ist man sehr dicht beieinander.

Paulus ist viel auf Reisen. Reisen hat zwei Seiten: Man kann vielen Menschen begegnen. Und: Man kann durch eine Reise um andere einen Bogen machen. Paulus reist nicht als Tourist, sondern: Er ist „im Auftrag des Herrn unterwegs“ (um die Blues Brothers zu zitieren), er macht den christlichen Glauben bekannt und wirbt dafür.
Anfang der 50er Jahre des ersten Jahrhunderts kommt er in die Stadt Korinth (Apg 18). Er geht dort seinem Beruf als Zeltmacher nach und macht unter den Leuten seinen Glauben an Jesus Christus bekannt. Damit hat er Erfolg: Es entsteht eine christliche Gemeinde. Paulus bleibt 1 ½ Jahre. Dann gibt es Krawall um ihn, seinen Glauben, seine Mission. Da zieht Paulus weiter. Man könnte sagen: Er macht erst mal einen Bogen um Korinth.
Aber er bleibt mit „seinen“ Christen in brieflichem Kontakt. Einige Zeit später kommt Paulus nach Ephesus in der heutigen Türkei. Auf der Karte ist Ephesus etwa auf derselben Höhe wie Korinth, aber mit der Ägäis dazwischen. Von Ephesus aus schreibt Paulus seinen „1. Korintherbrief“. Der heißt so, obwohl es schon vorher Schriftverkehr gab, aber der liegt uns nicht vor. Dieser Brief ist einer der längsten in der Bibel: Paulus nimmt zu verschiedenen Problemen, Konfliktthemen, Angriffen gegen ihn, Fragen in der Gemeinde Stellung. Man kann sagen: Paulus setzt sich auseinander. Mit Themen, mit Leuten.
Paulus schreibt dabei viel über den Glauben. Aber nicht ganz grundsätzlich, nicht alle Essentials des Christseins. Das macht er im Römerbrief. Aber hier, im 1. Korintherbrief, an Leute, die er persönlich kennt, da schreibt er entlang den Themen, die gerade dran sind in der Gemeinde.
Ziemlich am Schluss schreibt Paulus von seinen Reiseplänen. Er möchte in einiger Zeit von Ephesus aufbrechen und dann auch einen Besuch in Korinth zu machen. Er schreibt:

Ich werde aber zu euch kommen, wenn ich Mazedonien durchzogen habe. Denn Mazedonien durchziehe ich nur; bei euch aber werde ich vielleicht bleiben oder auch überwintern, damit ihr mich geleitet, wohin ich auch reise; denn ich will euch jetzt nicht im Vorbeigehen sehen, denn ich hoffe, einige Zeit bei euch zu bleiben, wenn der Herr es erlaubt. Ich werde aber bis Pfingsten in Ephesus bleiben, denn eine große und wirksame Tür ist mir geöffnet worden, und der Widersacher sind viele. (1. Korinther 16, 5-9)

Bis Pfingsten will Paulus noch in Ephesus bleiben. Und die Begründung? Da kommt nun das, was mich an dieser Reisekorrespondenz so angesprochen hat: „Eine große und wirksame Tür ist mir geöffnet worden, und der Widersacher sind viele.“
Bleibt Paulus nun wegen der „großen und wirksamen Tür“ oder wegen der vielen Widersacher? Na, wegen der geöffneten Tür, groß und wirksam. Denn das sagt er ja zuerst, noch vor den Widersachern. Und die geöffnete Tür, das ist ja ein starkes Symbol für Weite. Für: Es geht weiter! Ich habe großartige Möglichkeiten!
Und die Widersacher? Die scheinen mit dazu zu gehören, wenn Paulus große Möglichkeiten sieht, wenn „es gut läuft“, das, was er tut. Vielleicht sind die vielen Widersacher geradezu ein Beleg dafür, dass es gut läuft. Denn nur wenn seine Botschaft öffentlich wird, wenn sie wirkt, dann stellen sich auch Widersacher ein. Eine Botschaft, die gar nicht richtig in Erscheinung tritt, die ausschließlich im Herzen geglaubt und hinter vorgehaltener Hand besprochen wird, die lockt keinen Hund hinter dem Ofen hervor, und erst recht keinen Gegner. Die eckt ja nicht an.
Das ist auch heute so: So lange die Religion schön privat bleibt, ärgern sich die „wichtigen“ Leute in Politik und Wirtschaft nur ausnahmsweise über die Frommen. Übrigens: In Apostelgeschichte 19, 23 ff. können Sie nachlesen: In Ephesus sind es wirtschaftliche Interessen, die dazu führen, dass man dort gegen Paulus vorgeht. Wie schon früher in Philippi, siehe Apg 16.
Also: Paulus macht keinen großen Bogen um die Widersacher. Das Gegenteil tut er aber auch nicht: Er sucht nicht den Streit. Er wird den Streit haben, er trägt ihn aus, aber er sucht ihn nicht. „Faustregel“ (interessantes Wort!): „Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden“ (Römer 12,18). – Wohlgemerkt: „So viel an euch liegt!“, also nicht um jeden Preis, unter allen Umständen, „um des lieben Friedens willen“.
Nun sind viele Gegner noch kein Beweis, dass man eine gute Sache verfolgt. Wenn man eine besonders schlechte Sache verfolgt, hat man nämlich auch viele Gegner und Kritiker. Fragen Sie mal einen ertappten Einbrecher. Vielleicht eher so: Widersacher gehören eben oft einfach mit dazu. Die lassen sich nicht immer verhindern, besiegen oder versöhnen. Wie das Gewitter im Sommer: Kann man nix machen. Man kann sich darüber ärgern und aufregen. Man muss es aber nicht, und es nutzt auch nichts.
Oder doch schnell weg aus Ephesus, einfach um Stress und Streit zu vermeiden? Für Paulus keine Option. Denn: Es steht ihm doch diese große und wirksame Tür offen! Er hat Möglichkeiten! Die will er nicht ungenutzt lassen, da will er die Gelegenheit beim Schopfe packen!
Und was hat Gott damit zu tun? Man übersieht es leicht, aber Gott kommt in diesem Text vor: Paulus ist die Tür „geöffnet worden“. Es ist für ihn klar, wer das gewesen ist, der sie ihm aufgetan hat. Eben Gott. Und dann ist so eine geöffnete Tür geradezu ein Auftrag.
Vielleicht ein Anlass, dass Sie mal für sich gucken: Welche Türen stehen MIR offen? Nein, nicht durch jede offene Tür müssen Sie durch, es will manchmal schon überlegt sein. Aber durch manche sollten Sie schon. In die Weite, in die Freiheit. Möglichkeiten ergreifen. Auch wenn Ihre Angst und Ihre Widersacher Sie hindern und lähmen wollen. Es könnte sein, dass Gott extra für Sie diese Tür geöffnet hat.

Gebet:
Gott, manchmal fühle ich mich wie eingemauert. Hilf mir, die Türen nicht zu übersehen, die Du mir geöffnet hast! Und gib mir den Mut hindurchzugehen! Amen.

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