Jutta Chlupac: Die Blume Hab-mich-lieb. (Statt einer) Andacht zum 29.7.2016

Eine kleine Blume lebte auf einer Wiese inmitten von anderen Blumen. Sie war wie alle kleinen Blumen. Sie liebte es, im Wind zu schaukeln und im Regen zu baden und ihren Durst zu stillen. Sie liebte die Sonne, das Licht und die Wärme.

Und sie liebte die Menschen, die vorübergingen – die tollenden Kinder, Paare, alt und jung, gesunde Menschen und kranke Menschen, traurige Menschen und fröhliche.

Ja, die kleine Blume sah allerlei Menschen und freute sich über sie. Doch niemand beachtete sie, wie sie so da stand zwischen all den anderen Blumen. „Warum sehen die Menschen mich nicht?“, dachte die kleine Blume immer wieder. „Haben sie mich nicht lieb?“

Eines Tages war die kleine Blume zu einer wunderschönen Blume herangewachsen, deren Blütenblätter in allen Farben leuchteten. Und da kamen die Menschen zu ihr. „Habt ihr mich nun lieb?“, fragte die Blume, aber niemand hörte sie. Die Menschen bewunderten die Schönheit der Blütenblätter und begannen, sie abzureißen und mitzunehmen.

Die Blume verstand nicht, warum die Menschen ihr weh taten, und wurde sehr traurig. Doch dann kam ihr ein Gedanke: „Das muss die Antwort der Menschen sein. Sie sagen mir, dass sie mich lieb haben.“ Von da an verschenkte die Blume gerne ihre schönen Blätter und war glücklich, dass die Menschen sie liebten.

Aber es kam der Tag, an dem kein Blütenblatt mehr übrig war. Jetzt gingen die Menschen achtlos an der Blume vorüber und traten auf sie. Die Blume war verzweifelt. Selbst die Menschen, die ein Blütenblatt von ihr bekommen hatten, beachteten sie nicht mehr. „Ist nun alles vorbei?“, fragte sie sich. „Ich habe nichts mehr zu geben. Eigentlich bin ich nicht einmal mehr eine Blume.“

Die Tage vergingen, und die Blume, die nun keine mehr war – zumindest dachte sie so – wünschte sich nichts mehr als endlich so sehr niedergetreten zu werden, dass sie sich nicht mehr aufrichten würde.

Da kam ein Gärtner zu der Blume. Er hatte von ihrer Schönheit gehört und wollte sie anschauen. Als er sah, was die Menschen mit der Blume gemacht hatten, war er sehr betroffen. „Was haben sie dir nur angetan?“, sagte er. „Deine Blütenblätter kann ich dir nicht zurückgeben, du armes Ding, aber ich will dich mitnehmen und dir ein Zuhause geben.“

So grub er die Blume vorsichtig aus und pflanzte sie in seinen Garten. Und er gab ihr einen neuen Namen: „Von nun an sollst du nicht mehr Hab-mich-lieb heißen, sondern Wirst-geliebt.“

Auch wenn die kleine Blume nie vergaß, was ihr widerfahren war, wurde sie doch wieder froh. Und manchmal, wenn der Gärtner sie besuchte und sie für ihn sang, sah es aus, als könne er sie hören.

von Jutta Chlupac

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Klaus Honermann: Durstige tränken. Andacht zum 22.7.2016

Die „Höhner“ singen (nicht nur) im Karneval: „Die Karawane zieht weiter, der Sultan hat Durst. Der Sultan hat Durst! Der Sultan hat Durst …“ Nicht nur ein Sultan hat Durst. Jeder Mensch hat Durst! Unsere erste Nahrung ist die Muttermilch, die wir trinken.
In unserer Gegend wissen wir heutzutage eigentlich gar nicht, was Durst bedeutet. Aus dem Wasserkran kommt bestes Trinkwasser. Von der Unzahl der Mineralwässer ganz zu schwei­gen, die wir überall kaufen können, und wo die Inhaltsstoffe genau angegeben sind.
Als ich 1974 eine Wanderung in den Bergen Sloweniens machte, habe ich erfahren, was Durst bedeutet: Wir sind stundenlang in heißer Sonne ohne Wasser gelaufen. Da wird nicht nur der Mund ganz trocken. In solchen Situationen müssen wir auch innerlich eine „Durststrecke“ überwinden.
Wenn man wie Jesus zu seiner Zeit eben nicht fließend Wasser in jedem Haushalt vorfindet, dann ist es umso verständlicher, dass ein Becher Wasser etwas Kostbares ist. Tankwagen bringen Wasser in Dürregebiete – oft lange und sehnlichst erwartet.
Und so sagt Jesus im Evangelium:

Wer einem von diesen Kleinen auch nur einen Becher frisches Wasser zu trinken gibt, … ich sage euch: Er wird gewiss nicht um seinen Lohn kommen. (Matth. 10, 42)

Durstigen zu trinken zu geben, ist ein Werk der BARMHERZIGKEIT, zumal wenn die Betreffenden gar nicht groß darum bitten. Alte und kranke Menschen trinken oft viel zu wenig, so dass der Körper zu wenig Flüssigkeit bekommt. Sie dann an das Trinken zu erinnern, ihnen Wasser oder Saft zu reichen, ist ein Dienst und eine echte Notwendigkeit.
Und wenn sie schon nicht mehr trinken können, ihnen dann wenigstens die Lippen und den Mund zu befeuchten.

Durstigen zu trinken geben – ein Werk der Barmherzigkeit.

Und dann gibt es noch die Entwicklungshelfer, welche in den Trockengebeiten der Erde für Brunnen sorgen. Die mit der Verteilung von Wasserfiltern für gesundes Trinkwasser sorgen. Die sich darum kümmern, den Widerstand zu organisieren, wenn das Wasser der Bevölkerung in Flüssen und Seen durch skrupellose Profitgier von Unternehmen verseucht und vergiftet wird. MISEREOR unterstützt solche Werke der Barmherzigkeit in großem Stil.
Und wir können MISEREOR unterstützen.

Durstigen zu trinken geben – ein Werk der Barmherzigkeit.

Neulich bekam ich folgende Begebenheit zugespielt:
Ein Junge verdient seinen Lebensunterhalt mit Zeitungsverkäufen an Haustüren. Er hatte großen Hunger und wollte nach einer Mahlzeit fragen, doch in seiner Müdigkeit fragte er nach einem Glas Wasser. Die Frau an der Haustür sah, dass er Hunger hatte und brachte ihm ein Glas Milch.
Jahre später wurde die Frau sehr krank und musste operiert werden. Der Arzt, der sie sofort wieder erkannt hatte, rettete ihr Leben. Als die Frau den Umschlag mit der Rechnung aufmachte mit der großen Sorge, dass sie bis an ihr Lebensende daran zu zahlen habe, las sie: Es ist schon alles bezahlt mit einem Glas Milch.

So toll ist es im Leben natürlich nicht immer. Aber immerhin …!

Durstigen zu trinken geben – ein Werk der Barmherzigkeit.

Wir dursten nach mehr als Wasser. Wasser steht für alles, wonach wir eine tiefe Sehnsucht haben: nach Anerkennung und Lob, nach Gerechtigkeit und Frieden. Letztlich nach Gott selbst.
Das sagt sich so. Durst nach Gott. Aber was ist, wenn wir diesen Durst nicht spüren? Wenn nichts mehr richtig Freude macht, wenn wir uns durch die Tage schleppen und noch kein Licht am Ende des Tunnels zu sehen ist; wenn uns auch das Gebet nur noch wie eine nutzlose Pflichtübung vorkommt … dann sind wir so, wie es im Psalm 63 heißt:

Gott, du mein Gott, dich suche ich, meine Seele dürstet nach dir. Nach dir schmachtet mein Leib wie dürres, lechzendes Land ohne Wasser.  (Ps 63,2)

Wenn wir die Sehnsucht nach Gott in unserem Herzen spüren, dann sind wir ja schon bei ihm. Was aber, wenn er weit weg scheint? Wenn immer mehr Menschen in unserer Gesellschaft sich dieses Durstes nach Gott nicht mehr bewusst sind und ihn nicht mit Christus in Verbindung bringen, was ist dann? (…) Wie reagieren wir, wenn wir feststellen, dass eine klare Christusbeziehung immer mehr verdunstet und das Glaubensland vertrocknet?
Unser Glaube sagt uns, dass Christus dennoch nicht aufhört, für uns da zu sein. Im Grunde können wir sagen: Gerade deshalb ist er Mensch geworden. Gerade deshalb hat er am Kreuz gerufen: „Ich habe Durst!“ Als alle Lebenskraft in ihm versiegt war, als er Gott nicht mehr verspürte, ist er für alle zu einer Quelle geworden.
Im ersten Brief des Paulus an die Korinther lesen wir: „Sie tranken aus dem lebenspendenden Felsen, der mit ihnen zog. Und dieser Fels war Christus.“ (1. Korinther 10,4) Christus zieht mit uns in den Situationen, die unsere eigene Lebenskraft versiegen lässt. In den Situationen des Durstes nach Zuwendung und Lebenssinn.
Wenn wir selbst ständig neu aus dieser Lebensquelle schöpfen, die Christus ist, die er uns in seinem WORT anbietet, dann können auch wir anderen unsere Glaubenserfahrung anbieten wie ein Glas frisches Wasser. Und es ist immer ein Gratisangebot, das zu nichts zwingt.
Durstigen zu trinken geben – ein Werk der Barmherzigkeit. Es kann das buchstäbliche Glas Wasser sein, das wir anbieten, oder eben das, was den Durst unserer Seele stillt. Beides können wir anbieten und auch dankbar annehmen.

Möge der Segen Gottes uns Quelle des lebendigen Wassers sein! Möge die Quelle allen Lebens uns Antrieb für jede Veränderung bleiben! Möge jede Veränderung im Großen und Kleinen uns Zeichen für das Reich Gottes werden!

von Klaus Honermann, Schermbeck

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Was bringe ich mit in den Tempel? Andacht zum 15.7.2016

Na, was bringen Sie mit, wenn Sie sich gerade – sagen wir mal: auf diese Andacht einlassen? Wenn das jetzt ein Gottesdienst in der Kirche wäre, hätten Sie vielleicht Bibel oder Gesangbuch dabei. Oder als Chor-Mitglied eine Melodie im Kopf. Oder Geld für die Kollekte. Oder einen anderen Menschen.
Jetzt am Computer oder mit Zettel in der Hand wohl nichts davon. Aber vielleicht ja: Gefühle? -Vorfreude? Sorgen? Traurigkeit? Verzweiflung? Glück? Dank? Oder kein klares Gefühl, und Sie müssen sich erst fragen: „Ja, was fühle ich eigentlich gerade so?“
Oder spezielle Gedanken? Am ehesten vielleicht Ihre Grübel-Gedanken und Sorgen, die haben Sie ja sowieso meistens dabei.
Ihren Körper, den haben Sie auf alle Fälle mitgebracht. Vielleicht ist Ihnen das gar nicht aufge­fal­len, falls der alles gut mitmacht, der Körper. Oder er fällt Ihnen dauernd auf: Vielleicht gibt es eine Krankheit, eine Behinderung, Schmerzen, … und das macht es Ihnen gerade schwer.

Als Jesus in seiner letzten Erden-Woche in Jerusalem den Tempel betritt, da trifft er auf Leute, die haben auch was mitgebracht: Opfertiere, kleine und große. Das normale Geld von draußen und das spezielle Tempelgeld. Es wird gewechselt, umgetauscht, ge- und verkauft, damit der normale Opfer-Betrieb funktioniert.
Aber Jesus platzt der Kragen. Er jagt sie alle hinaus. Die „Tempelreinigung“. „Mein Haus soll ein Bethaus sein!“, zitiert Jesus den Propheten Jesaja. Was die Leute alles mitgebracht haben, das dient anderen Zwecken. Das stört das Gebet. Findet Jesus jedenfalls.
Aber nun kommen noch andere, erzählt uns Matthäus. Und die bringen ganz anderes mit:

„Im Tempel kamen Lahme und Blinde zu ihm und er heilte sie. Als nun die Hohenpriester und die Schriftgelehrten die Wunder sahen, die er tat, und die Kinder im Tempel rufen hörten: Hosanna dem Sohn Davids!, da wurden sie ärgerlich und sagten zu ihm: Hörst du, was sie rufen? Jesus antwortete ihnen: Ja, ich höre es. Habt ihr nie gelesen: Aus dem Mund der Kinder und Säuglinge schaffst du dir Lob? Und er ließ sie stehen und ging aus der Stadt hinaus nach Betanien; dort übernachtete er.“ (Matthäus 21, 14-17)

„Blinde und Lahme“. Kein Geld und keine Opfergaben bringen sie. Sondern ihre Defizite, ihre Handicaps. Außerdem bringen sie: Ziemlich viel Mühe, sie können ja nicht einfach hierher spazie­ren. Vielleicht haben sie sich ja zusammen getan: Die Blinden tragen die Lahmen, und die Lahmen sagen, wo es lang geht. Und wozu all die Mühe? Weil sie auch noch Vertrauen und Hoffnung mitbringen! Die Hoffnung, dass Jesus sie heilt. Und Mut bringen sie mit. Denn eigentlich sind Leute mit solchen Behinderungen hier im Tempel nicht erwünscht.
Und Jesus? Der schmeißt sie nicht raus. Im Gegenteil: Sie sind ihm willkommen mit ihren Gebre­chen, ihrer Mühe, ihrer Hoffnung, ihrem Vertrauen, ihrem Mut. Sie erfahren Heilung.
Wer kommt noch? „Kinder“! Sie rufen und schreien! „Hosanna dem Sohn Davids!“ Das haben sie vielleicht eben beim Einzug Jesu in Jerusalem aufgeschnappt, da haben ganz viele so gerufen. Wohl kein Gesang, eher krumm und schief. So, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Die Kinder bringen ihren Jesus-Jubel mit, einfach so. Jesus gibt auch ihnen Recht, sie sind richtig hier.
Dann die „Hohenpriester und Schriftgelehrten“. Sie bringen ihren Ärger. Eigentlich kommt er jetzt erst auf, der Ärger. Denn sie haben auch ihre Theologie dabei. Und da passt es ihnen gar nicht, was die Kinder rufen. Zumal die ja noch gar nicht verstehen, was sie da von sich geben. Ihre kluge Meinung und ihren Ärger, den bringen die gebildeten, würdigen Herren nun als Vorwurf zu Jesus.
Und Jesus? Der fertigt sie ab: „Habt ihr nie gelesen: Aus dem Mund der Kinder und Säuglinge schaffst du dir Lob?“ Und dann lässt er sie einfach stehen mit ihrer Weisheit und geht weg.

Nun nochmal zu Ihnen und was Sie mitbringen. Zu Christus. Oder zu seinem und Ihrem himm­lischen Vater. Nicht nur heute zu dieser Andachts-Lektüre, sondern auch sonst. In Ihrem Gebet zum Beispiel. Oder, falls Sie da mitmachen, in Ihrem Gemeinde-Leben.
Opfertiere sind es sicher nicht. Geld schon eher. Jedenfalls: Wo es darum geht, das kirchliche Leben zu organisieren, da geht es immer auch um Geld. Und wer z.B. einen Gottesdienst vorbereitet und „organisiert“, der oder die ist manchmal schneller den Händlern, Käufern und Geldwechslern im Tempel ähnlich, als ihm oder ihr das lieb sein kann. Also: Als Pfarrer bin ich gut beraten, nicht gleich auf die Händler, Käufer, Geldwechsler einzudreschen. Sondern in den Spiegel zu gucken. Und zu fragen: „Herr, bin ich’s?“ Ist mein Leben ein „Bethaus“, in dem Gott und sein Christus in der Mitte stehen? Oder eher ein religiöser Betrieb, den ich am laufen halten „muss“? Geht mir das Eigentliche verloren vor lauter Drum und Dran und wie es bei den Leuten ankommt?
Oder bringe ich meine festen Überzeugungen mit, was denn der richtige Glaube und die richtige Form ist? Es wird schnell Ärger daraus wie bei den Hohenpriestern und Schriftgelehrten, wenn „die Kinder“ es anders sehen und ganz anders machen. Aus dem Eifer, wie es denn richtig ist, werden schnell Rechthaberei und Arroganz. – Gut, wenn nach dem Gottesdienst vor der Kirche über die Predigt diskutiert wird. Aber vielleicht erliege ich bei solchen Gesprächen der Versuchung der Bes­ser­­wisserei. Sie eventuell auch. Jesus lässt die Schriftgelehrten solchen Schlages einfach stehen.
Oder kommen Sie wie die Blinden und Lahmen zu Jesus? Mit Ihren Defiziten und Mängeln, mit Ihrer Not, mit Ihrer Unbeweglichkeit, Ihren Lähmungen und Blockaden, mit Ihren Scheuklap­pen, Ihrer Orientierungs- und Ratlosigkeit? Mit Ihrem bisschen Glauben und dem kleinen Senfkorn Hoffnung? Das wäre ehrlich: Sie würden sich und anderen nichts mehr vormachen, und Jesus auch nicht. So zu ihm kommen, wie Sie gerade sind und wie es Ihnen ums Herz ist. Das hat Verheißung! Vielleicht erfahren auch Sie in Jesu Nähe etwas Heilsames! Heilung!
Oder bringen Sie Ihren Jubel und Ihren Gesang? Vielleicht krumm und schief, vielleicht unreflek­tiert und spontan, eben so wie die Kinder im Tempel? Jesus freut sich! Und er nimmt Sie in Schutz und gibt Ihnen recht! Halleluja!
Nehmen Sie das mit für Ihren Tag in seiner Nähe und speziell für’s Gebet – die Fragen: Was bringe ich mit? Und: Bringe ich mich tatsächlich selbst mit, wenn ich in Christi Nähe eintrete? Was davon hemmt mich und ihn? Was stört? Was findet seinen Wohlgefallen und heilt? Amen.

Gebet:
Christus, manchmal stehe ich mir durch meine Überzeugungen und meine selbstverständ­lichen Rollen im Weg – im Weg zu Dir, im Weg zu mir selbst, im Weg zu den anderen, zu wirklicher Begegnung. Ich bitte Dich: Rüttle mich auf! Und: Lass mich meine Blindheiten und Lähmungen erkennen! Damit ich so zu Dir kommen kann wie ich bin. Und Du mich heilst. Amen.

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Eine andere Art, von Gott zu sprechen. Andacht zum 8.7.2016

Na, kennen Sie’s auch noch, das “Heitere Berufe-Raten” mit Robert Lemke? Da gab es den Studiogast mit einem ausgefallenen Beruf. Und es gab das Rate-Team. Die Ratenden mussten durch Ja-Nein-Fragen heraus bekommen, was denn das für ein Beruf war. Für jedes „Nein“ bekam der Studio-Gast fünf Mark in ein Sparschwein, und die Ratenden durften sich höchstens zehnmal ein „Nein“ einhandeln. Ist schon erstaunlich, wie oft das klappte. Wie präzise man ganz ungewöhnliche Berufe mit so wenig Fragen erraten kann!
Dieses Quiz ist mir eingefallen bei der Frage, wer oder was denn Gott ist. Stellen Sie sich mal vor, Sie müssen das erklären! Nicht nur mit „Ja“ und „Nein“. Was würden Sie sagen?
Wenn Sie übrigens nicht an Gott glauben, sind Sie mit dem Satz „Den gibt es doch gar nicht!“ noch nicht aus dem Schneider. Denn auch wer sagt: „Den Weihnachtsmann gibt es nicht!“, muss ja vorher eine Vorstellung davon haben, wie der Weihnachtsmann wäre, wenn es ihn gäbe. Und so ist das auch, wenn Sie nicht an Gott glauben: „Ich glaube nicht an Gott“, das richtet sich ja nicht gegen diese vier Buchstaben, sondern gegen eine Vorstellung dahinter. Zum Beispiel gegen die Vorstellung vom alten Mann mit dem weißen Bart auf Wolke sieben. An den glaube ich übrigens auch nicht.
Wer ist Gott? Eine Antwort, die so gar nicht zum heiteren Berufe-Raten oder zu einer Definition aus dem Lexikon passt, steht im Jesaja-Buch:

Siehe, Gott ist mein Heil, ich bin sicher und fürchte mich nicht. Denn Gott der HERR ist meine Stärke und mein Psalm und ist mein Heil. (Jesaja 12, 2)

„Mein Heil“, „meine Stärke“, „mein Psalm“ und nochmal „mein Heil“. Das ist ein bisschen so, wie wenn Sie den verliebten Otto Meier nach „seinem“ Lieschen Müller fragen. Da sagt er: „Sie ist mein Ein und Alles, mein ganz großes Glück, meine Muse, der Traum meiner schlaflosen Nächte!“ Er hätte auch sagen können: „Lieschen Müller ist 36 Jahre alt, Bürofachangestellte, ist 1,76 Meter groß, kocht gern und setzt sich für den Tierschutz ein!“
Beide Beschreibungsarten sind irgendwie „richtig“. Aber als Verliebter sagt Otto Meier vor allem, wer Lieschen Müller FÜR IHN ist. Das mit dem Alter, dem Beruf und so könnte Franz Schulz über Lieschen Müller auch sagen. „Mein Ein und Alles“ aber nicht. – Falls doch, hätten die Drei ein Problem.
So ist das auch mit Jesaja: Unser Zitat ist die Aussage eines „Verliebten“. Der sagt, wer Gott FÜR IHN ist. Aber ein bisschen anders ist es mit Gott schon als mit Lieschen Müller: Auch wenn ich mit Lieschen Müller keine persönliche Beziehung pflege und schon gar nicht in sie verliebt bin, kann ich ein paar „objektiv“ richtige Dinge über sie sagen. Eben Alter, Beruf und solche Sachen. Aber außerhalb jeder persönlichen Beziehung zu Gott? Wenn ich nur was vom Hörensagen aufgeschnappt habe? Mir scheint: Alle „Richtigkeiten“ wirken über Gott irgendwie schräg, sie passen nicht, gehen am Eigentlichen vorbei, erscheinen – mir zumindest – blutleer.
Die Frage, wer jemand FÜR SIE ist, ist gewöhnlich bedeutsamer als die Frage, wer jemand AN UND FÜR SICH ist. Bei anderen Menschen. Und auch bei Gott.
Mein Heil, meine Stärke, mein Psalm. Wirklich „sehr verliebt“. Jedenfalls schlägt das bei unserem Schreiber bis auf die Gefühls-Ebene durch: „Ich bin sicher und fürchte mich nicht!“
Nimmt da einer den Mund ein bisschen zu voll? Sehen die Dinge nicht weit nüchterner aus, wenn einem die rosarote Brille erst von der Nase gerutscht ist? Haben wir es mit einem religiösen Traumtänzer zu tun? Schauen wir uns unser Zitat mal im Zusammenhang an:

Zu der Zeit wirst du sagen: Ich danke dir, HERR, dass du bist zornig gewesen über mich und dein Zorn sich gewendet hat und du mich tröstest. Siehe, Gott ist mein Heil, ich bin sicher und fürchte mich nicht; denn Gott der HERR ist meine Stärke und mein Psalm und ist mein Heil. Ihr werdet mit Freuden Wasser schöpfen aus den Heilsbrunnen. Und ihr werdet sagen zu der Zeit: Danket dem HERRN, rufet an seinen Namen! Machet kund unter den Völkern sein Tun, verkündiget, wie sein Name so hoch ist! Lobsinget dem HERRN, denn er hat sich herrlich bewiesen. Solches sei kund in allen Landen! Jauchze und rühme, du Tochter Zion; denn der Heilige Israels ist groß bei dir! (Jesaja 12, 1-6)

Aha! „Du wirst sagen …“ Eine Verheißung. Für die Zukunft! Da sagt also nicht etwa ein Glaubender: So und so ist Gott für mich! Sondern: Dem Volk Israel wird in Aussicht gestellt: Du WIRST eines Tages sagen, dass Gott so für Dich ist! Gott WIRD für Dich Dein Heil und Deine Stärke und Dein Psalm sein!
Die Gegenwart sieht nämlich anders aus: Noch fühlt es sich an, als sei Gott zornig. Noch fehlt es an Trost. Noch ist den Leuten ganz und gar nicht nach Dank und Lob zumute. Dieser Verheißung zu glauben, das bedeutet leider gerade nicht für die Leute zu sagen: Gott IST mein Heil, meine Stärke, mein Psalm! Sondern zu hoffen: Ich WERDE das einmal sagen können, dass Gott mein Heil, meine Stärke, mein Psalm ist!

Also: Gönnen Sie sich doch ein bisschen Stille, um ein paar Worte zu finden auf die Frage: „Wer ist Gott FÜR MICH?“

  • Wenn Sie so schwärmende und positive Worte finden wie in unserem Text – schön!
  • Wenn Ihre Antwort nüchterner oder enttäuscht, frustriert und hadernd ausfällt – nehmen Sie Hoffnung mit! – Die Hoffnung, dass das nicht das letzte Wort in Ihrer Beziehung zu Gott ist. Und vor allem nicht das letzte Wort in Gottes Beziehung zu Ihnen!
  • Und wenn Ihnen so gar nichts dazu einfällt, wer Gott für Sie ist? – Herzlichen Glückwunsch! Es gibt noch sooo viel zu entdecken!

Gebet:
Gott, wer immer Du an diesem Tag gerade für mich bist – danke, dass Du FÜR mich bist! Ich bin gespannt, wer Du heute noch für mich sein wirst. Amen.

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Erkenntnis und Liebe. Andacht zum 1.7.2016

Das ist ja eine knackige Vorlage, die der Apostel Paulus da den Christinnen und Christen in Korinth präsentiert: Erkenntnis bläht auf, Liebe baut auf!
Dabei haben Liebe und Erkenntnis ziemlich viel miteinander zu tun: Wenn ich Blumen liebe, dann schaue ich genauer hin, ich erkenne mehr, z.B. am Wegesrand oder im Garten. Wenn ich bestimmte benachteiligte Menschen liebe, dann lerne ich, mit deren Augen die Welt zu sehen, erkenne besser ihre Bedürfnisse, ihre Stärken, ihre besonderen Anliegen. Und ich werde mich eher mit ihnen zusammen für sie einsetzen.
Oder in der partnerschaftlichen Liebe: Die Welt mehr und mehr mit den Augen des anderen sehen, gut auf den anderen Acht geben, ihn immer besser kennen lernen wollen. Im Hebräischen ist übrigens „jemanden erkennen“ und „mit jemandem schlafen“ dasselbe Wort. Andererseits: Liebe macht bekanntlich blind. Und manche Paare lernen sich eben nicht beim ersten „Kennenlernen“ richtig kennen, sondern vor der Scheidung. Auch „Du sollst mich kennenlernen!“ ist mehr Drohung als Verheißung.
Aber wenn Erkenntnis eigentlich etwas Gutes ist, und wenn Paulus selbst so ein kluger und belesener Mensch ist, der über große Erkenntnisse verfügt, wie kommt denn ausgerechnet der dazu, die Erkenntnis zu kritisieren? Zu sagen: „Die bläht auf!“?
Ich meine: „Aufgebläht“ ist die Erkenntnis, wenn sie ohne Liebe ist. Wenn ich beispielsweise dauernd einen anderen Menschen besser zu kennen meine als der sich selbst. Wenn ich immer besser weiß, was für andere gut ist. Wenn ich nicht MIT den Augen des anderen die Welt sehe, sondern über den Kopf des anderen hinweg.
Für Leute mit aufgeblähter Erkenntnis gibt es ein paar unfreundliche Bezeichnungen: „Besserwisser“, „neunmalklug“, „der hat die Weisheit mit Löffeln gefressen!“, „Klugscheißer“.
Die Neunmalklugen, das sind übrigens immer die anderen. Oder sind Sie das auch, neunmalklug? Na ja, wahrscheinlich schon. Ich jedenfalls. Manchmal. Wenn andere mich allerdings als Besserwisser bezeichnen, haben sie damit aber nicht automatisch recht. Manchmal weiß ich ja wirklich etwas besser. Mag sein, ich habe es ungeschickt, eben „besserwisserisch“, rüber gebracht. Oder die anderen neiden es mir.
Und umgekehrt: Wenn Sie jemand anderen für einen Besserwisser halten, könnte es sein, dass Sie Recht haben. Es könnte aber auch sein, dass Sie neidisch sind. Oder auf Biegen und Brechen an Ihrer Wahrheit festhalten wollen, „müssen“.
Oder haben Sie immer Recht mit Ihrer Einschätzung? Falls Sie auf die Frage ein unbekümmertes „Ja“ haben, sind Sie es ganz sicher, ein Besserwisser oder eine Besserwisserin.

Erkenntnis ohne Liebe bläht auf. Ich kann mich mit meinen tollen Einsichten wichtig machen, ich kann andere abkanzeln, ich kann vor den anderen in einem tollen Licht dastehen. Und wenn mich trotz meiner super Erkenntnisse keiner toll findet – na, dann sind die anderen eben alles Idioten. Was will man von denen schon anderes erwarten?!
Aufgeblähtes, liebloses Erkennen, das gibt es leider auch im Glauben. Dort vielleicht sogar besonders. Es gibt ein paar Symptome für aufgeblähte Glaubens­erkennt­nisse:

  • Die Überzeugung, „alles“ zu wissen. Nicht mehr auf der Suche sein.
  • Viel Reden, wenig Hören.
  • Schnell in „richtig“ und „falsch“ einteilen. Urteile fällen, dass die anderen Falsch-Gläubige oder Un-Gläubige oder „noch nicht so weit“ sind.
  • Der Drang, andere zu überzeugen.
  • Häufiger Wechsel der Glaubens-Gemeinschaft / der Gemeinde. Schließlich erweist sich jede als nicht so ganz hundertprozentig.
  • Sich nicht in andere hinein versetzen, ihre anderen Glaubens-Überzeugungen und Glaubensweisen nicht respektieren und nicht würdigen.
  • Die anderen für verbohrt halten, aber niemals sich selbst.

Wie gesagt: So sind ja immer nur die anderen …
Und an wen denkt Paulus bei diesen Erkenntnis-Aufgeblähten? Er schreibt an die Gemeinde in Korinth, und er kritisiert mutig ein paar tonangebende Leute in dieser Gemeinde.
Ein großes Streit-Thema dort: Wie halten wir es als Christen mit dem „Götzenopfer-Fleisch“? Also mit dem Fleisch, das es auf dem Markt oder bei einer Einladung zu essen gibt? Schließlich könnte das Tier dazu bei einer Opferfeier für eine Gottheit geschlachtet worden sein!

Die Erkenntnis bläht auf; aber die Liebe baut auf. (…) Was nun das Essen von Götzenopfer-Fleisch angeht, so wissen wir, dass es keinen Götzen gibt in der Welt und keinen Gott als den einen. (…)
Aber nicht jeder hat die Erkenntnis. Denn einige, weil sie bisher an die Götzen gewöhnt waren, essen’s als Götzenopfer; dadurch wird ihr Gewissen, weil es schwach ist, befleckt. (…)
Seht aber zu, dass diese eure Freiheit für die Schwachen nicht zum Anstoß wird! Denn wenn jemand dich, der du die Erkenntnis hast, im Götzentempel zu Tisch sitzen sieht, wird dann nicht sein Gewissen (…), verleitet, das Götzenopfer zu essen? Und so wird durch deine Erkenntnis der Schwache zugrunde gehen, der Bruder, für den doch Christus gestorben ist. Wenn ihr aber so sündigt an den Brüdern und verletzt ihr schwaches Gewissen, so sündigt ihr an Christus. Darum, wenn Speise meinen Bruder zu Fall bringt, will ich nie mehr Fleisch essen, damit ich meinen Bruder nicht zu Fall bringe. (aus 1. Korinther 8)

Hier geht es noch nicht um Tier- oder Umweltschutz, nicht um vegetarisch und vegan, sondern nur um die Götter-Frage. Und da sagt Paulus: „Was das angeht, kann ich – nur für mich – beruhigt alles essen. Es gibt ja nur den einen Gott – und keine Götzen!“
„Jawoll!“, sagen da die religiös Erkenntnis-Aufgeblähten in Korinth, „das sehen wir genau so! Und so leben wir es! In aller Freiheit! Guten Appetit!“
Und da kommt das große ABER des Paulus: „Aber was ist mit der LIEBE? Mit der RÜCK-Sicht? Auf diejenigen nämlich, die das anders sehen, die da ein ‚engeres‘ Gewissen haben? Lebt Eure Freiheit! – Aber möglichst so, dass andere nicht dazu verleitet werden, gegen ihr Gewissen zu handeln! Denn was für Euch OK ist, ist es für die anderen nicht! Liebe! Rücksicht!“
Also: Für Erkenntnis „mit Liebe“ zählt nicht nur, wer recht hat. Sondern in Liebe Rücksicht auf die zu nehmen, die es anders sehen und anders leben wollen.
Kein Patentrezept für alle Konfliktfälle. Aber immerhin eine gute Leitlinie, um in Liebe Gemeinschaft aufzubauen, egal, ob Familie, Gemeinde, Gesellschaft oder Kleingarten­verein: Rücksicht auf die Gewissensentscheidung des anderen! Auch wenn der zu Erkenntnissen kommt, die mir zu „eng“ oder auch zu „frei“ sind.
Ich mag ja die Formulierung „christliche Moral“ nicht. Aber wenn schon „christliche Moral“, dann ist sie kein starres Regelwerk. Sondern die Bereitschaft, den anderen in seinem Anders-Sein, Anders-Denken und Anders-Leben zu ertragen.

Gebet:
Christus voller Liebe! In Dir liegen verborgen alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis. Hilf mir dabei, mich und meinen Nächsten mit Deinen Augen zu sehen, zu erkennen! Amen.

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Was ist – Ihnen – heilig? Andacht zum 24.6.2016

Es sollte ein großer, feierlicher Tag werden. Ein Fest Gottes. Und zugleich die Krönung der Erfolgs­geschichte von David: Nicht vom Tellerwäscher zum Millionär, aber so ähnlich: vom Hirtenjungen zum König über alle 12 Stämme Israels.
Nachdem David nun auch noch Jerusalem erobert hat, soll der feierliche Höhepunkt folgen: Die „Bundeslade“ soll nach Jerusalem geholt werden. Das ist der wichtigste, hochheiligste Kultgegenstand in ganz Israel. Diese Bundeslade steht geradezu für Gottes Gegenwart. – Wie? Sie wissen nicht, was das ist? Lassen wir Wikipedia sprechen:

Als Bundeslade (…) wird ein mythischer Kultgegenstand des Volkes Israel bezeichnet. Sie enthielt (…) unter anderem die Steintafeln mit den Zehn Geboten, die Mose von Gott erhielt. Die Bundeslade galt nach dem Auszug aus Ägypten und während Israels Wüstenwanderung und Landnahme in Kanaan als Garant für Gottes Gegenwart inmitten des Volkes. (…) Die Lade war (…) eine innen wie außen mit Gold über­zogene und mit zwei Tragebalken, die in goldenen Ringen steckten, versehene Truhe aus Akazienholz. Nach biblischen Angaben betrugen ihre Abmessungen 130 × 80 × 80 cm (L × H × B). Der Deckel konnte abgenommen werden. Auf ihr thronten zwei Cherubim, die schützend ihre Flügel gegeneinander und über sie ausbreiteten. Zwischen den Cherubim soll Gott selbst erschienen sein. (…)

Gott kann man nicht sehen. Aber die Flügel dieser Engels­wesen, der Cherubim, sie bilden eine Art Thron. Deswegen steht die Bundeslade für die Anwe­sen­heit von Gott selbst. Was kann es Heiligeres geben?
Zunächst verläuft die Feier planmäßig: Mit tausenden Leuten im Gefolge holt David die Bundeslade ab:

Und sie setzten die Lade Gottes auf einen neuen Wagen und holten sie aus dem Hause Abinadabs, der auf dem Hügel wohnte. Usa aber und Achjo, die Söhne Abina­dabs, führten den neuen Wagen. (2. Samuel 6, 3)

Keine feierlich-getragene Prozession mit ernsten Mienen ist das, sondern ekstatische, ausge­lassene Lebendigkeit:

David und ganz Israel zogen vor dem HERRN her mit aller Macht im Reigen, mit Liedern, mit Harfen und Psaltern und Pauken und Schellen und Zimbeln. (2. Samuel 6, 5)

Die Leute sind vom Heiligen ergriffen. Keine wohltemperierte, gezähmte, sondern eine wilde Frömmigkeit. Es ist, als hätte sie der Geist Gottes buchstäblich ergriffen. Da setzt das Kontrollierte schon mal ein bisschen aus. Hach, wie schön!, denke ich da sehn­suchtsvoll. Die Leute feiern Gottes Nähe, und ich, ich SCHREIBE darüber. Die Leute erleben Ekstase, und ich, ich bin der Beobachter. Als wäre so eine Glaswand dazwischen.
So weit, so gut. Was kann es Schöneres geben, als so die Nähe Gottes zu spüren und von ihr beschwingt zu werden?! Aber dann:

Und als sie zur Tenne Nachons kamen, griff Usa zu und hielt die Lade Gottes fest, denn die Rinder (die den Wagen mit der Lade zogen) glitten aus.

Das war knapp! Fast wäre die Bundeslade von dem neuen Wagen gerutscht! Was für eine Katastrophe wäre das gewesen, wenn sie, der Inbegriff der Nähe Gottes, im Dreck gelegen hätte, und den Cherubim wären die Flügel abgebrochen?! Aber zum Glück hatte ja dieser Usa geistesgegenwärtig zugegriffen und die Lade festgehalten. – Zum Glück?

Da entbrannte des HERRN Zorn über Usa und Gott schlug ihn dort, weil er seine Hand nach der Lade ausgestreckt hatte, sodass er dort starb bei der Lade Gottes.

Schlagartig wandelt sich die heilige Ekstase in Entsetzen. Es kommt mir so vor wie bei dem Zirkus-Dompteur: Das Publikum ist ganz ergriffen von der Darbietung mit den prächtigen Tieren. Aber dann schlägt ein Tiger unversehens zu, der Dompteur liegt reglos am Boden. Die Ergriffenheit weicht dem Entsetzen. Allen ist auf einmal klar: Es war nicht einfach ein faszinierendes Spielchen. Es hat auch eine abgrundtief ernste Seite!

Da ergrimmte David, dass der HERR den Usa so wegriss (…). Und David fürchtete sich vor dem HERRN an diesem Tage und sprach: Wie soll die Lade des HERRN zu mir kommen? Und er wollte sie nicht zu sich bringen lassen in die Stadt Davids, sondern ließ sie bringen ins Haus Obed-Edoms (…). So blieb die Lade des HERRN drei Monate im Hause Obed-Edoms (…), und der HERR segnete ihn und sein ganzes Haus.

David hatte sich das alles so schön gedacht. Tür an Tür mit der Lade Gottes bei sich in Jeru­salem. Aber nun ist er buchstäblich sauer auf Gott, der ja wohl dahinter gesteckt haben muss, dass Usa jetzt tot ist, obwohl der es gut gemeint hatte. Tür an Tür mit Gott will David jetzt erstmal nicht mehr sein, das ist ihm zu gefährlich. Die Heiligkeit Gottes ist hier wie eine Flamme: Sie kann es warm und hell machen, aber man kann sich auch daran verbrennen.

Ich sehe das alles ja ein bisschen anders als David, wie der Tod von Usa zu deuten ist. Ich meine: Dinge „an sich“ können nicht heilig sein. Weder eine Lade aus Holz noch ein Buch aus Papier noch irgendeine Speise. Auch kein Grabtuch und kein Kreuz. Und schon gar keine Banknote, auch wenn sie noch so viele Nullen hinter der Eins hat.
Nein, Banknoten haben nur dann einen Wert, wenn es genügend Leute gibt, die an ihren Wert glauben. Geht dieser Glaube flöten, gibt es Inflation, und keiner will das Geld mehr haben.
Und angenommen: Das Turiner Grabtuch ist „echt“. Aber wenn es an einem unbekannten Ort in einer Kiste verbuddelt wäre, und keiner wüsste davon, wäre es nichts Heiliges. Wenn es aber an einem mir bekannten Ort ist, und es wird mir zu einem Zeichen der Nähe Jesu Christi, dann IST es heilig. Selbst wenn es jemand völlig anderem auf dem Kopf gelegen hat.
Merke: So wie die Schönheit eines Bildes im Auge des Betrachters liegt, so liegt die Heiligkeit einer Sache oder einer Person im Herzen des Glaubenden.
Nun gibt es in den christlichen Glaubensrichtungen völlig unterschiedliche Verhältnisse zu heiligen Dingen oder heiligen Personen. – Gibt’s da etwas Verbindendes? Ganz sicher, finde ich: Jesus Christus! In ihm ist uns doch Gott so unvergleichlich nah gekommen! „Unver­gleichlich“ – da hätte auch eine „Bundeslade“ ausgedient.
Und wie uns Gott durch Jesus nahe kommt, durch was kommt uns denn dann Jesus nahe? Vielleicht fällt Ihnen jetzt manches ein, was im Tageslauf eines Christen oder im Leben einer Gemeinde zentrale Ereignisse, Dinge, Momente sind. Das Bibelwort vielleicht. Oder das Lied. Das Kreuz. Das Gebet. Das Abendmahl. Oder, oder. Ich möchte Sie aber auf eine weitere Antwort stoßen. Jesus sagte ja:

Was ihr getan habt einem unter meinen geringsten Geschwistern, das habt ihr mir getan! (Matthäus 25, 40)

Von wem ist da genau die Rede? Antwort: Die Hungrigen, Durstigen, die Fremden, diejenigen ohne Kleidung, die Kranken, die Gefangenen. Also die, vor denen der rote Teppich meist nicht ausgerollt wird. Jesus beim Wort genommen, heißt das: DAS sind Heilige! Nicht weil alle so gut wären. Auch nicht, weil sie alle christlich wären. Sondern weil mir in ihnen Christus begegnet. Und in Christus der ewige und allumfassende Gott.
Zurück zu Usa, der die Bundeslade festhielt – und gestorben ist. Ich habe da, gegen den Bibeltext gebürstet, meine eigene Theorie. Auch gegen König David gebürstet, der ja sauer auf Gott ist. Meine Theorie geht so: Nicht ein zürnender Gott hat Usa getötet, weil der in allerbester Absicht zugegriffen hat. Sondern das, was dem Usa heilig war, das hat ihn umgebracht: Die Bundeslade war ihm so heilig und tabu, da hat er sich so sehr erschreckt, sie plötzlich zu berühren, zu halten, dass ihn der Schlag getroffen hat.
Nochmal „Merke!“: Gott soll Ihnen heilig sein! Christus soll Ihnen heilig sein! Alles, was Gottes Lebensatem in sich trägt, soll Ihnen heilig sein, darunter besonders Jesu „geringste“ Brüder und Schwestern. Sachen und Dinge sollten Ihnen nicht ZU heilig sein. Auch keine Bundesladen oder Banknoten.

Gebet:
Gott, dazu hilf mir, dass Du mir nahe kommst in Geschichten und Zeichen, in Menschen und Dingen! Und bewahre mich und uns alle vor Menschen, denen nichts heilig ist! Amen.

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Am Rad drehen. Andacht zum 17.6.2016

Wenn ich donnerstags die psychiatrische Abteilung in Rheine besuche, dann lade ich auch zum „meditativen Morgenspaziergang“ ein: Gemeinsam eine knappe halbe Stunde einen Weg gehen – ein bisschen Straße, ein bisschen Feld, ein Stück an der Ems entlang, ein wenig Wald. Relativ viel Natur also. Wenn wir an der Ems ankommen, gibt es einen kurzen Stopp für ein Bibel-Wort. Aber sonst herrscht Schweigen. Das ist nämlich die Vorgabe: Wir reden die ganze Zeit nicht. Erst wieder zum Schluss, wenn jede und jeder kurz sagt, was er oder sie vom Spaziergang mit in den Tag nimmt.
Klingt ruhig und entspannt, ist es meistens auch. Trotzdem drängelte sich mir vor einigen Donnerstagen das Thema „Eile“ ins Bewusstsein …
Es fing damit an, dass jemand beim Start doch schnell noch auf Toilette wollte, und ob wir warten könnten. Ich habe „Ja“ gesagt. Aber eigentlich war auch ein kleines „Nein“ dabei. Da hätte die Betreffende doch vorher hingehen können, oder? Und außerdem: Die Andacht nach dem Spaziergang, die kann ich ja nicht einfach so verschieben. Aber ok, da war ja zeitlich noch ein bisschen Luft. Trotzdem: „Gefühlt“ war jetzt Eile in mir.
Dann, kurz nach dem Losgehen, stand ein Auto an der Straße mit einem Aufkleber auf der Heckscheibe: „Überholen Sie ruhig! Wir schneiden Sie raus. Ihre Feuerwehr“. Ja, das stimmt, Eile zahlt sich manchmal nicht aus. Aber betrifft MICH dass? Meistens fahre ich ja im Zug mit, da überholt man selten. Und man hat stattdessen öfters Gelegenheit, das Warten zu lernen. Obwohl: Manche lernen’s scheint’s nie, das Warten.
Aber nicht nur beim Autofahren kann Eile einem viel vom Leben nehmen. Bin ich betroffen? Na ja, ich habe schon rückgemeldet bekommen, in meiner Nähe sei es manchmal hektisch. Oder die Kollegin, die mich früher mal einen Tag begleitete und dann von „Klutes Stechschritt“ sprach.
Beim meditativen Morgenspaziergang habe ich mir dann gedacht: Da nehme ich doch, wenn wir gleich an der Ems sind, als Bibelwort:

So liegt es nun nicht an jemandes Wollen oder Laufen, sondern an Gottes Erbarmen. (Römer 9, 16)

Aber bevor wir an der Ems sind, erlebe ich noch was: Wir kommen als Gruppe an einem Mann vorbei, der einen kleinen Dackel an der Leine hat. Der Dackel schnüffelt und hat es gar nicht eilig. Da sagt der Mann zum Hund: „Guck mal, wie zügig die gehen! Und Du???“
Normalerweise habe ich als ehemaliges Hunde-Herrchen Verständnis für diesen Mann. Aber dieses Mal halte ich zum Hund und stelle mir vor, wie der antwortet: „Ja, aber die eilen alle in ihre Klinik! Und ich gehe gemütlich zu meinem Körbchen!“
Was ja nicht heißt, dass alle Eiligen in die Klinik kommen müssten. Aber gut ist Eile für die Seele sicher nicht. Zumindest dann nicht, wenn sich diese Eile zum Dauerzustand gemausert hat. Und dann gibt es die vielen Leute, die immerzu durch ihr Leben eilen, des­wegen nie behandelt werden, und sich dann in ihrem letzten Stündlein entgeistert fragen: „Hupps, wo war es denn nun, mein Leben?“
Wir sind an der Ems angekommen, und ich spreche nun dieses Paulus-Wort in die Runde:

So liegt es nun nicht an jemandes Wollen oder Laufen, sondern an Gottes Erbarmen.

Dann wiederhole ich es – mit meinen eigenen Worten: „Es kommt nicht darauf an, dass ich dauernd will und renne und mache und tue. Sondern dass Gott sein Erbarmen schenkt!“
Wir gehen weiter. Ich lasse den Satz bei mir nachklingen. Also wenn ich das glauben kann: „Es kommt darauf an, dass Gott sein Erbarmen schenkt!“, dann müsste mir doch mein Wollen und Rennen, Machen und Tun unwichtiger werden! Es könnte manches gelassener werden, ICH könnte gelassener werden! Ja, könnte sein!
Und umgekehrt: Wenn ich mal Ruhe gebe, wenn das Hamsterrad Pause hat, dann sollte doch die Chance wachsen, dass mir Gottes Erbarmen wichtiger wird! Mhm. Aber erzählen Sie mal einem Hamster, dass der in seinem Rad niemals oben ankommt! Der „muss“ ja immer weiter und immer schneller rennen – aus der Erfahrung heraus: Es reicht immer noch nicht! Ich muss noch mehr Gas geben! Wenn ich endlich oben wäre, wenn ich endlich mal alles unter die Füße bekäme, dann wäre alles gut!
Hamster im Rad setzen auf ihr Wollen und ihr Laufen, nicht auf Gottes Erbarmen. Ob die sich mal gefragt haben, die Hamster, wo das hinführt? Wofür das gut ist? Aber vielleicht finden die Hamster darin ja ihre Erfüllung, dauernd am Rad zu drehen? Menschen wohl eher nicht. Kriegen Hamster eigentlich auch Burnout?
MEIN Hamsterrad: die To-Do Liste im Kopf, manchmal auch auf Papier. Alles nötig, alles wichtig. Für mich. Für andere. Manches bleibt liegen, wenn ich es nicht mache. Und das darf es nicht, liegen bleiben. Ich auch nicht – liegen bleiben. Wobei: Eines Tages bleibe ich liegen. Und die Welt wird sich trotzdem weiter drehen. Vermutlich.
Es gibt mehr als nur Pflichten. Vieles mache ich, weil ich auch wirklich Spaß daran habe! – Aber muss ich denn wirklich jeden Spaß mitnehmen? Darf ich keinen Spaß auslassen? Ich muss das schon zugeben: Meine To-Do Liste, die ist nicht einfach als schweres Schicksal vom Himmel gefallen, die habe ich mir zum großen Teil selbst geschaffen. Manchmal aufhal­sen lassen, aber auch da gehören ja mindestens zwei dazu.
Und: Heutzutage gilt „Hamsterrad“ ja als schick. Na, wenigstens bin ich immun gegen den Fitness-Wahn. An DEM Rad sollen doch bitteschön andere drehen!

Beim Spaziergang sind wir inzwischen durch das Wäldchen durch. Und irgendwie scheine ich die Eile ganz gut hinter mir gelassen zu haben, ich gehe als Letzter von allen.
Ich gucke auf die Uhr. O Schreck! – Nein, nicht die Uhrzeit erschreckt mich, es ist noch Zeit genug. Aber: Es ist meditativer Morgenspaziergang, der Inbegriff von Ruhe, Gelassenheit, Entspannung, Offen-Sein. Und was tue ich? Ich gucke auf die Uhr! Ich mache das sonst nie bei diesen Spaziergängen. Aber ausgerechnet jetzt, wo ich mir über die Eile Gedanken mache. Nichts gelernt. Mhm.

Seit dem Spaziergang ist nun wieder eine Weile vergangen. Mancher neue Tag. Jeden Tag: Die Chance, heute nicht am Rad zu drehen, es ruhen zu lassen. Oder langsam und bedächtig. Oder mal in die andere Richtung. – „Umkehr“ soll ja den Christen was bedeuten. Auch heute wieder: Die Chance, dem Erbarmen Gottes Raum zu geben. Und ihm zu vertrauen.

Gebet (aus dem Lied von Peter Strauch):

Meine Zeit steht in Deinen Händen. Nun kann ich ruhig sein, ruhig sein in Dir.
Du gibst Geborgenheit, Du kannst alles wenden. Gib mir ein festes Herz, mach es fest in Dir!

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