Frau mit Biss. Andacht zum 18.8.2017

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Es gibt Geschichten in der Bibel, die gehen mir gegen den Strich. Die kommen mir quer, die finde ich provokant. Und ich glaube, das ist gut so …

Heute soll es um eine Geschichte gehen, in der sich Jesus für meinen Geschmackt – und vermutlich auch für Ihren – ziemlich unmöglich verhält:

Jesus ging (…) in das Gebiet von Tyrus. Er zog sich in ein Haus zurück und wollte, dass niemand von ihm erfuhr.

Jesus hält sich im benachbarten Ausland auf. Kein Sight-Seeing. Auch kein Dauer-Einsatz für andere. Sondern: Jesus zieht sich einfach in einem Haus zurück. Endlich mal Ruhe, und keiner fordert und nervt. Hier in der Gegend, da kennt ihn ja kaum einer. Da läuft ihm keiner nach. Und wenn doch, dann kann Jesus wenigstens mit der misstrauischen Distanz der Einheimischen rechnen – zu ihm, dem Juden, der Fremden. Die Ruhe scheint also gesichert. – „Scheint“ …

Aber Jesus konnte nicht verborgen bleiben. Schon hatte eine Frau von ihm gehört, deren Tochter von einem bösen Geist besessen war. Sie kam und warf sich Jesus zu Füßen. Sie war keine Jüdin, sondern war in dieser Gegend zu Hause. Die Frau bat Jesus, den bösen Geist aus ihrer Tochter auszutreiben.

Auf der einen Seite Jesus, der mal Ruhe haben will. Und auf der anderen Seite eine verzweifelte Mutter, die unbedingt will: Es muss dringend etwas geschehen!

Ich stelle mir das so vor: Die Tochter hat einen „bösen Geist“. Und die Mutter hatte so sehr gehofft: Es soll besser werden! Sie hatte alle Hebel in Bewegung gesetzt. Aber: Keiner konnte dem Mädchen helfen. Und kaum einer wollte überhaupt noch helfen. Menschen mit einem „bösen Geist“ stehen nicht hoch im Kurs: Freunde und Nachbarn halten sich zunehmend zurück, und „die Leute“ machen ihre Späße. Oder sie beschimpfen Mutter und Tochter auf offener Straße: „Sagen Sie mal, bei den heutigen pränatalen Diagnose-Möglichkeiten – hätte man sowas nicht verhindern können?“ Oder: „Ich habe ja nichts gegen Behinderte – ABER …“. Oder: „Was will man schon anderes erwarten – bei DER Mutter …“

Auch ihrem Mann ist das alles auf die Dauer zu viel geworden, der hatte sich mal sein Leben anders vorgestellt. Sie hatten sich immer öfter gestritten. Nun lebt er in Sidon, einige Kilometer weiter, wahrscheinlich mit einer anderen. Von Unterhalt sieht die Frau nichts.

All dem zum Trotz: Diese Mutter hat ihre Tochter lieb, und sie steht zu ihr, „böser Geist“ hin oder her. Sie lässt nichts unversucht. Und als sie von Jesus hört, läuft sie zu ihm. Wenn es um die Tochter geht, ist es ihr egal, ob Jesus von ihren Leuten ist oder nicht. „Ihre Leute“, die sind ja sowieso nicht ihre Leute, das hat sie nun schon oft genug erleben müssen.

Als sie bei Jesus ankommt, wirft sie sich ihm zu Füßen. Ob so eine hündische Unterwürfigkeit „passt“? Sie macht das einfach. Und sie bittet Jesus. Sie setzt jetzt alles auf diese eine Karte.

Ich finde: Hut ab vor dem Mut und dem Einsatz dieser Mutter!

Aber umso schockierender, abstoßender, wie Jesus reagiert:

»Zuerst müssen die Kinder satt werden. Es ist nicht recht, ihnen das Brot wegzunehmen und es den Hunden vorzuwerfen.«

Hier die verzweifelte Mutter, dort der Ruhe-suchende und genervter Jesus: „Lass mich in Frieden! Ich bin schon von meinen eigenen Leuten geschlaucht, nun komm du nicht auch noch!“ – Das ist noch eine harmlose Umschreibung. Jesus redet von „Hunden“ – und er meint damit diese Mutter, die vor ihm winselt, die ihn in ihrer hilflosen Verzweiflung bebettelt. Weil sie einfach nicht mehr anders kann.

Eine kaum verzeihliche „menschliche Entgleisung“ des Gottessohnes? Oder verstellt sich Jesus nur, um die Frau aus der Reserve zu locken? Vielleicht, aber vielleicht auch nicht. Davon steht nichts in der Geschichte, auch wenn ich das gern zur Rettung eines milden und liebevollen Jesus-Bildes hätte.

Wenn hier die Geschichte abbräche, wie hätten wir uns den Schluss vorgestellt? Vielleicht so: „Voller Trauer und Wut ging die Mutter wieder nach Hause. Nicht nur, dass Jesus ihr und ihrer Tochter nicht helfen konnte – er WOLLTE schlicht nicht. Er hatte sie obendrein ganz arrogant, beleidigend und kränkend abgefertigt. Von nun an konnten dieser Mutter Glaube, Kirche und alle frommen Leute gestohlen bleiben.“

Aber die Geschichte geht eben nicht so weiter, sondern:

»Herr«, entgegnete sie, »aber auch die Hunde bekommen ja die Brocken, die die Kinder unter den Tisch fallen lassen.«

Wenn schon Hund, dann nicht den Schwanz einziehen. Dann mit Biss. Die Frau ist nicht aufs Maul gefallen. Sie kontert. Sie lässt nicht locker. Und sie schlägt Jesus mit seinen eigenen Waffen. Sie nimmt Jesu Frechheit mit dem Hund unterm Tisch auf und zeigt ihm: „Du kannst gar nicht anders. Du musst mir helfen! Hunde müssen ihr Fressen kriegen!“

Ob Jesus genau auf diese Reaktion hinaus wollte? Oder ist Jesus einfach bass erstaunt, dass diese vom Leben gebeugte Frau mit dem fremdländischen Akzent „es ihm zeigt“? Ihm, dem Meister? Ist Jesus jetzt verblüfft und sprachlos, wie die Frau ihm da kontert?

Jedenfalls: Jesus findet Worte. Jesus gibt nach. Jesus tut, was die Frau von ihm will:

Jesus sagte zu ihr: »Das war ein Wort! Geh nach Hause. Der böse Geist ist aus deiner Tochter ausgefahren.« Die Frau ging nach Hause und fand ihr Kind aufs Bett geworfen. Der böse Geist war ausgefahren. (Markus 7, 24-30)

Endlich wieder der Jesus, wie wir ihn am liebsten glauben: voller Liebe, Erbarmen und Hilfe. Aber mehr noch: ein Jesus, der sich überraschen lässt. Der bereit ist, eine einmal eingenommene Position zu ändern. Der „Ja“ sagt, wo er vorher „Nein!“ gesagt hat. Eine wahrhaft göttliche Eigenschaft, wie sie unter Menschen so selten ist. Ein „happy End“.

Aber was machen wir mit den Misstönen davor? Die Geschichte doch lieber aus der Bibel streichen? Nein, auf keinen Fall! Es ist ja zugleich die Geschichte ungezählter Menschen nach dieser Frau und ihrer besessenen Tochter. Vielleicht auch Ihre Geschichte:

Da war die Glaubenswelt vielleicht irgendwann mal in Ordnung: Gott hat mich lieb, kümmert sich um mich und passt darauf auf, dass nichts schief geht. Aber dann zeigt sich plötzlich das Leben von seiner ganz anderen, grausigen Seite. Eine Katastrophe wirft mich völlig aus der Bahn – Krankheit, Tod, scheiternde Beziehungen, Gewalt, … All das, was es auch schon vorher gab. Aber wovon ich vielleicht nie so recht geglaubt hatte, dass mich das etwas angeht. Eine Welt bricht zusammen, auch eine Glaubenswelt. Und alles Beten und Schreien hilft auch nicht. Gott ist weit weg, schweigt unerbittlich, tut nichts, lässt mich untergehen. Will scheint’s einfach seine Ruhe vor mir haben. Ganz so wie Jesus in dieser Geschichte.

Und da brauche ich nun das Vorbild dieser „Frau mit Biss“. Die sich nicht gekränkt zurückzieht und nicht locker lässt. Die bittet, betet, winselt, kontert, mit Pfiffigkeit und Witz. Die ihre Tochter und sich in ihrem Kampf mit Jesus nicht aufgibt. Die sich nicht klein kriegen lässt und beharrlich bleibt – wie ein willensstarker Hund am Hosenbein des Postboten. Im Vertrauen darauf, dass Jesus letztlich eben doch hilft.

Also: Haben Sie Biss im Glauben und im Beten!

Christus, manchmal begegnest Du mir so ganz anders, als ich dich mir wünsche. Ich merke nichts von Deiner Liebe. Ich höre Dein befreiendes, erlösendes Wort nicht. Dann glaube ich, Du willst mich gar nicht hören. Trotzdem rufe ich zu Dir – für mich und alle, die mir am Herzen liegen. Trotzdem lege ich Dir meine Not vor die Füße. Komm und hilf!

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Splitter im Auge. Andacht zum 11.8.2017

Was siehst du aber den Splitter in Deines Bruders Auge …

sagt Jesus. Ich könnte da kaum hingucken. „Augenarzt“ wäre so ziemlich der letzte Beruf für mich. Ich selbst sollte mal Augentropfen bekommen. – Wir habe den Versuch abgebrochen …

Dabei halte ich es für eine zutiefst menschliche und auch christliche Tugend, NICHT wegzuschauen, wenn etwas schlimm ist, im Argen liegt, ins Auge geht. Wenn jemand in Not ist und Hilfe braucht. Nehmen Sie Jesu Geschichte vom barmherzigen Samariter: Einer liegt schwer verletzt am Wegesrand. Die ersten beiden Passanten gehen vorüber und helfen nicht. Sie schauen weg. Anders dann der Samariter: Der schaut hin. Dann nähert er sich. Dann hilft er.

Jesus stellt uns diesen Hingucker, Hingeher, Anpacker als Vorbild vor die Nase. Nächstenliebe, das geht nicht ohne Hingucken.

Und was ist mit Pipi Langstrumpf? Die singt schließlich: „Ich mach‘ mir die Welt, wie sie mir gefällt!“ Da müsste Pipi Langstrumpf doch eher eine Weg-Guckerin sein, keine Hin-Guckerin, oder? Aber sie ist keine Weg-Guckerin. Denn: Sie MACHT sich die Welt, wie sie ihr gefällt. Sie GUCKT sich ja nicht ihre Welt schön. Sie probiert gerade NICHT lange alle Scheuklappen durch, bis sie nur noch das sieht, was ihr gefällt.

Nein, sich die Welt so zu MACHEN, dass sie wirklich gefällt, das hat schon was. Nicht nur „meine“ kleine / kleinbürgerliche Welt, sondern die „große“ Welt. Wenn Martin Luther King sein „I have a dream“ formuliert, „Ich habe einen Traum“, dann träumt er ja nicht sein privates Glück draußen auf dem Land, sondern dann träumt er eine andere Gesellschaft. Und wenn Jesus sagt: „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit!“, dann meint er anderes als „trautes Heim – Glück allein!“

Pech nur: Ich bin nicht so stark wie Pipi Langstrumpf. Ich kann mir die Welt nicht so machen, wie sie mir gefällt. Ich muss mich schon mit anderen zusammen tun. Und mit ihnen besprechen, welche Welt UNS GEMEINSAM denn gefällt. So ganz fertig werden wir mit der Welt, die uns gefällt, wohl auch nicht schnell. Die Vollendung ist eher der Ewigkeit vorbehalten.

Also: Der Mit-Mensch hat einen Splitter im Auge? – Hingucken, auch wenn’s nicht gefällt! Helfen. Den Splitter ziehen, auch wenn’s gerade keinen Bock macht! Das wäre doch im Sinne Jesu, oder? Ein barmherziger Samariter sein!

Aber leider: Genau das kritisiert Jesus hier!

Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge – und nimmst nicht wahr den Balken in deinem Auge? Oder wie kannst du sagen zu deinem Bruder: Halt, ich will dir den Splitter aus deinem Auge ziehen! – und siehe, ein Balken ist in deinem Auge? Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge; danach kannst du sehen und den Splitter aus deines Bruders Auge ziehen. (Matthäus 7, 3-5)

Zwei Leute, die einander gegenüber stehen. Der eine mit Splitter im Auge. Und der andere – ich mag mir das gar nicht vorstellen – mit einem Balken im Auge. Von außen ist völlig klar, bei wem mehr im Argen liegt. Wer dringender bei sich was tun sollte oder Hilfe in Anspruch nehmen.

Aber Jesus betrachtet mit uns diese Szene nicht von außen, denn er sagt: „Der Typ mit dem Balken im Auge – das bist DU! Und DU siehst ja noch nicht mal diesen Balken! Stattdessen korrigierst Du lieber an anderen herum!“ Und: Jesus wird richtig unfreundlich: „Du Heuchler!“, sagt er. Schwer auszuhalten. Wenn mir einer so blöd kommt, mit dem rede ich doch gar nicht weiter, da ist endgültig Schluss. – Und alles bleibt, wie es ist …

Aber geht das überhaupt? Den Balken im eigenen Auge übersehen? Interessanterweise: Ja! Wenn Sie gesunde Augen haben, können Sie sich ohne Hilfsmittel alles Mögliche begucken. Nur nicht: Ihren eigenen Rücken. Ihren eigenen Kopf. Ihr Gesicht (außer: die Nasenspitze). Und schon gar nicht Ihre eigenen Augen. Gerade Ihr Ge-Sicht, woran alle anderen Sie erkennen und unterscheiden, bleibt Ihnen selbst verborgen! Gerade Ihre Augen, die doch alles sehen, sind für Sie unsichtbar! Außer Sie greifen zu Hilfsmitteln: Der Spiegel. Das Selfie. Das Foto, das jemand anderes von Ihnen gemacht hat. Vielleicht googeln Sie sich auch gelegentlich. – Ebenfalls ein Hilfs-Mittel zur Selbst-Erkenntnis.

Mein Parade-Beispiel intensiver Selbst-Betrachtung: Schneewittchens Stiefmutter. – „Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?“ Den Balken im Auge hätte sie sofort gesehen. Dafür übersieht sie den Balken im Kopf, der sie in ihren perfektionistischen Schönheitsfimmel und ihren Neid zwingt. Der Balken heißt: „gefühlte Minderwertigkeit“.

Aber der Balken im Auge, der müsste doch wenigstens sau-weh tun, oder? Na klar. Aber wenn Sie unter keinen Umständen den Balken in Ihrem Auge zur Kenntnis nehmen WOLLEN, dann werden Sie den Schmerz verdrängen. Oder sich eine andere Ursache dafür überlegen. Oder sich selbst Schmerzen zufügen. Die sind dann stärker, die überdecken das andere …

Wissen Sie was? Wenn Sie mit solch einem Balken im Auge an anderer Leute Splitter zupfen, dann geht es gar nicht um Hilfe. Sondern um Ihren eigenen Balken im Auge: Sie fummeln stellvertretend an fremden Splittern rum, tun also etwas. Aber so, dass nur die anderen ein Problem haben. Ein Trick, um den eigenen Balken weiter im Verborgenen zu halten. „Sie Heuchler!“- Ja? Nicht unbedingt. Denn das ist ja vor allem Selbst-Betrug.

Sie können das testen: Führen Sie sich die Handvoll Menschen vor Augen, die Ihnen ziemlich auf den Keks gehen. Die ganze Art, Charakter, Wortwahl, Lebensweise. Es gibt manchmal so Dinge, die Sie stören, obwohl die Nervensäge Ihnen damit gar nichts tut, Sie persönlich gar nicht schädig. Beispiele: Jemand tritt ziemlich polternd auf; jemand führt einen sexuell unsoliden Lebenswandel; jemand jammert und klagt in einer Tour; jemand ist ein Besserwisser und muss immer das letzte Wort behalten. Oder, oder. Ich behaupte: Ihr Genervt-Sein weist auf den Balken in Ihrem eigenen Auge! Das, was Sie da besonders nervt, tragen Sie – wahrscheinlich – selbst in sich, zumindest als heimlichen Wunsch, als unerkanntes Bedürfnis. Aber so genau wollen Sie das gar nicht wissen, und umso schlechter können Sie den Splitter des anderen aushalten, obwohl das doch SEIN Splitter ist. Obwohl der Sie doch gar nicht um Ihren Beistand gefragt hat.

Sie finden das an den Haaren herbei gezogen? Sie ärgern sich so richtig über so einen Psycho-Kram? – Na sehen Sie, genau das meine ich! 🙂

Was tun? Der Balken im eigenen Auge geht nicht dadurch weg, dass ich ihn leugne. Er geht nicht durch das ungebetene Herumdoktern an den Splittern anderer weg.

Vielleicht können Sie ihn rausziehen, wie Jesus es ja sagt. Oder andere können Ihnen dabei helfen, Sie könnten sie bitten. Aber vielleicht geht der Balken auch GAR NICHT raus. Das wäre womöglich schlimm, vielleicht auch NICHT so schlimm. Nur: Um den Balken WISSEN sollten Sie. Sonst können Sie die anderen mit den Splittern nicht in Ruhe lassen. Und Sie ecken mit dem geleugneten Balken dauernd irgendwo an.

Aber wie um alles in der Welt können Sie sich so viel Ehrlichkeit zu sich selbst leisten? Eine meiner Antworten: Spiegeln Sie sich in Gottes Liebe! Denn: Gott sieht Sie so, wie Sie sind. Und: Gott liebt Sie so, wie Sie sind. Mit dem Balken und trotz des Balkens im Auge. Darauf zu vertrauen, bedeutet: Sie dürfen, Sie sollen es sich unbedingt leisten, ehrlich mit sich zu sein. Sie müssen nicht „die Schönste im ganzen Land“ sein, um es mit Ihrem Spiegel gut auszuhalten.

Gott, im Lichte Deiner Liebe darf ich ehrlich mit mir sein. Danke. Im Lichte Deiner Liebe werden mir die Splitter in den Augen der anderen erträglicher. Auch dafür: Danke!

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Sodom & Gomorra IV: Keine Rück-Sicht! Andacht zum 4.8.2017

Letztes Mal: Sodom und Gomorra sind dem Untergang geweiht. Aber Lot und seine Familie sollen gerettet werden. Doch die kleben an ihrer Heimat, die wollen das Vertraute nicht verlassen. Schließlich bringen zwei Gesandte Gottes sie vor die Tore der Stadt. Eile ist angesagt:

Rette dein Leben und sieh nicht hinter dich, bleib auch nicht stehen in dieser ganzen Gegend. Auf das Gebirge rette dich, damit du nicht umkommst! (Genesis 19, 17)

Aber es gibt doch noch eine Verzögerung, um die ging es letzte Woche: Lot handelt aus, nicht auf direktem Weg ins Gebirge fliehen zu müssen, sondern zunächst in die kleine Stadt Zoar. Dadurch wird die Stadt gerettet.
Wieso dieses Zögern und Zaudern? Warum nehmen die Gewarnten nicht von Anfang an die Beine in die Hand und sehen, dass sie weg kommen? Wieso dieses ausdrückliche Verbot, sich nochmal umzudrehen zur alten Heimat?
Ich vermute: Weil Lot und seine Lieben in Sodom mal mit großen Erwartungen und Träumen angefangen haben. Weil sie dort Wurzeln geschlagen haben, weil sie es sich eingerichtet haben. Natürlich, ihnen ist dann nicht verborgen geblieben, was für Leute dort leben, wie die miteinander umgehen. Auch haben sich ihre Zukunfts-Träume nicht alle bewahrheitet. Aber deswegen abhauen? Manchmal sind einem die altbekannten Schwierigkeiten immer noch lieber als der Aufbruch ins Ungewisse. Ungewissheit macht Angst. Das, was man kennt, gibt wenigstens Sicherheit. Selbst dann, wenn es nicht schön, womöglich fürchterlich ist.
Und dann sind schnell ein paar Argumente griffbereit, um ja alles so zu lassen, wie es ist. Z.B.:

  • Abwiegeln: „Es wird alles nicht so heiß gegessen, wie es gekocht wird!“
  • Optimismus: „Sodom und Gomorra sind seit Menschengedenken noch nie untergegangen – warum also ausgerechnet diesmal?!“
  • Misstrauen: „Wer weiß, ob diese Boten wirklich Boten Gottes sind – und nicht womöglich Scharlatane?“
  • Resignation: „Es hat ja sowieso alles keinen Zweck!“

So lange man das Pro und Contra immer wieder erwägt, sich nicht entscheidet, nicht aufbricht, tut man vor allem eines: Sitzen bleiben. Äußerer Stillstand, obwohl die Gedanken rotieren.
Wenn man sich gegenseitig so blockiert oder in sich selbst so gelähmt ist, dann muss einen schon mal jemand bei der Hand nehmen und führen. Jedenfalls für eine begrenzte Zeit und für ein überschaubares Weg-Stück, nämlich bis vor die Stadt.
Dann der Zwischenstopp in Zoar. Und jetzt:

Die Sonne war aufgegangen auf Erden, als Lot nach Zoar kam. Da ließ der HERR Schwefel und Feuer regnen vom Himmel herab auf Sodom und Gomorra und vernichtete die Städte und die ganze Gegend und alle Einwohner der Städte und was auf dem Lande gewachsen war. (Genesis 19, 23-25)

Nun ist es also so weit: Die bisherige Welt von Lot und seiner Familie bricht zusammen, ihre Vergangenheit geht unter. Sie selbst sind noch einmal davon gekommen.
Wirklich? Nein. Die Vergangenheit holt Lots Frau ein. Sie schaut sich um – und sie erstarrt:

Lots Frau sah hinter sich – und ward zur Salzsäule. (Genesis 19, 26)

Schön sind sie ja, Lots Frau und die anderen Salzsäulen am Toten Meer, die man da bis heute bewundern kann. – Sie erinnern sich: Der Salzgehalt im Toten Meer ist extrem hoch …
Aber trotzdem: Für Lots Frau ein schlimmes Ende, wo sie doch “eigentlich” schon gerettet war.
Und dabei hatte Gott ihnen durch seinen Boten doch ausdrücklich ans Herz gelegt: Schaut Euch nicht um!
Warum tut Frau Lot es trotzdem? In einer Gesprächs­runde über diese Geschichte leuchtete mir folgende Antwort ein: „Aus Reflex!“ Es gibt manchmal so eine Art Rück­schau-Reflex. Besonders wenn man Katastrophen hinter sich hat, die einem noch im Nacken sitzen.
Aber andererseits: Ist es nicht nötig, im Leben immer mal wieder inne zu halten, zurückzublicken, einzuordnen, Abschied zu nehmen, zu trauern vielleicht?
Ja sicher. Aber erst, wenn man das rettende Gebirge erreicht hat. Wenn man nicht mehr auf der Flucht ist, wenn es nicht mehr um Kopf und Kragen geht. Es kommt auf die richtige Zeit, den richtigen Ort, die richtigen Menschen um einen herum an.
Und Sie? Sind Sie in Gefahr, zur Salzsäule zu erstarren? Sind Sie gar schon eine geworden? Hier ein paar Varianten von Salzsäule – vielleicht sind Sie mit dazwischen:

  • Fixiert auf das Schicksal: „Weil mir das und das widerfahren ist / angetan worden ist, bin ich so geworden, wie ich bin – und werde immer so bleiben.“
  • Fixiert auf eigene Fehl-Entscheidungen und eigene Schuld: „Wenn ich nur damals nicht so und so gehandelt hätte! Dann wäre alles gut! Aber nun kann es nicht wieder gut werden!“
  • Resignativ fixiert auf die SCHÖNE Vergangenheit: „Ja, damals war ich glücklich! Aber das ist alles vergangen und unwiederbringlich weg. Was bleibt, ist der Schmerz!“

Arme Frau Lot! Und dabei will Gott nicht fixierte, sondern freie Menschen! Gott will nicht, dass Sie als Salzsäule erstarren und enden, sondern dass sie gerettet werden!
Es könnte sein: Gott will auch Ihre Rettung aus unhaltbaren Zuständen. Also, wenn möglich: Stehen Sie Gott nicht im Weg durch zu viel Angst vor dem Ungewissen! Und wenn Sie zurückschauen, möglichst (erst) dann und dort, wo dieser Blick Sie nicht auf Dauer lähmt und erstarren lässt!
Aber wenn Sie eine Salzsäule sind: Dann wünsche ich Ihnen Tränen oder Regen oder was auch immer – dass was ins Fließen kommt, dass die Erstarrung sich löst. Kleine Bewegungen, erste neue Schritte …

Gebet:
Gott, Du hast Lot aus Sodom gerufen, die Israeliten aus Ägyptens Sklaverei, die Fischer am See Genezareth in die Nachfolge Jesu. Wohin rufst Du mich?
Bitte lass nicht zu, dass die Angst vor dem Ungewissen mich beherrscht und lähmt! Amen.

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Suizid in der Bibel

Hier als pdf abrufbar:

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Sodom & Gomorra III: Kleines Städtchen Zoar. Andacht zum 28.7.2017

Letztes Mal: Abraham feilscht mit Gott. Das drohende Unheil für Menschen, die nichts dafür können, bringt Abraham dazu, sich ins Zeug zu legen bei Gott. Er will von Gott das, was doch Gottes Wille ist: Recht und Gerechtigkeit.

Wo ist Abrahams Platz, wo ist mein Platz? Die Antwort von letzter Woche: Vor Gott! Beharrlich!

Wie die Geschichte weitergeht:

Zwei Gesandte Gottes kommen nach Sodom. Der Untergang von Sodom und Gomorra scheint unabwendbar. Die Gesandten sollen Abrahams Neffen Lot und seine Familie retten. Ich erspare Ihnen hier, auf welch widerliche, verbrecherische Weise sich die Einwohner von Sodom zeigen, als die beiden Männer in die Stadt kommen.

Als die Gesandten bei Lot und seiner Familie sind, erzählen sie vom bevorstehenden Unter­gang. Lot und seine Angehörigen sollen fliehen! Ohne Verzögerung! Bis ins Gebirge! Lots Schwieger­söhne halten das alles für Unsinn. Aber auch Lot selbst, seine Frau und seine Töchter sind merkwürdig antriebslos. Sie haben wirklich keinen Drang, alles aufzugeben, was sie sich in Sodom aufgebaut haben, wo sie heimisch geworden sind, woran ihr Herz hängt. Schließlich müssen die Gott-Gesandten Lot, seine Frau und die beiden Töchter greifen und sie vor das Stadttor setzen. Nun gibt es eine glasklare Anweisung an Lot:

Rette dein Leben und sieh nicht hinter dich, bleib auch nicht stehen in dieser ganzen Gegend. Auf das Gebirge rette dich, damit du nicht umkommst!

Nicht hinter sich sehen, nicht trödeln, keine Pause! Bis ins rettende Gebirge!

Aber jetzt widerspricht Lot dem göttlichen Willen – und das macht ihn in dieser Geschichte zum Helden …

Wenn Sie in Ihrer Bibel eine Karte von Palästina zur Zeit des Alten Testaments haben, wird Ihnen das Tote Meer sofort ins Auge fallen. Am Süd-Ende des Toten Meeres finden Sie das Städtchen Zoar. Dieses Städtchen verdankt, so unsere Geschichte, ihr Über­leben dem Einsatz von Lot, seinem Widerspruch. Er antwortet dem Gesandten Gottes so:

Ach nein, Herr! Siehe, ich habe Gnade gefunden vor deinen Augen, und du hast deine Barmherzigkeit groß gemacht, die du an mir getan hast, als du mich am Leben erhieltest. Ich kann mich nicht auf das Gebirge retten. Es könnte mich sonst das Unheil ereilen, so dass ich sterbe. Siehe, da ist eine Stadt nahe, in die ich fliehen kann, und sie ist klein. Dahin will ich mich retten, dass ich am Leben bleibe. Ist sie nicht klein?

Lot argumentiert so: Die Eile würde ihn noch umbringen. Deswegen muss er unbedingt einen Zwischen-Stopp in dem Städtchen Zoar machen. Das ist natürlich ein bisschen vorgeschoben. Zweimal betont Lot: Zoar ist doch so klein! Das soll wohl Mitleid und Verständnis wecken.

Der Trick funktioniert:

Da sprach (der eine Gesandte) zu Lot: Siehe, ich habe auch darin dich angesehen, dass ich die Stadt nicht zerstöre, von der du geredet hast. Eile und rette dich dahin! Denn ich kann nichts tun, bis du hineinkommst. (…)

Und die Sonne war aufgegangen auf Erden, als Lot nach Zoar kam. Da ließ Gott Schwefel und Feuer regnen vom Himmel herab auf Sodom und Gomorra und vernichtete die Städte und die ganze Gegend und alle Einwohner der Städte und was auf dem Lande gewachsen war. (Alles: Genesis 19, 17-25)

Sodom und Gomorra gehen unter, Zoar bleibt erhalten.

Lot und seine Töchter kommen davon. (Zu seiner Frau nächste Woche mehr.) Ja, war Lot denn ein Gerechter? Hatte der das verdient? Das kann man nicht wirklich sagen. Die paar Geschichten, die wir von ihm haben, lassen Schatten auf seine Person fallen. Nein, Lot war
kein Gerechter. Aber er wusste: „Ich habe Gnade bei Gott gefunden. Gott will mich partout retten!“ Und mit diesem Pfund wuchert er nun: Wenn der Untergang kommt und Lot in Zoar ist, dann hat Zoar Chancen, dass es nicht untergehen!

Letzte Woche hatte es Abraham anders gemacht. Der hatte von einem sicheren Ort aus mit Gott verhandelt. Lot geht hier einen Schritt weiter. Er ist sowieso schon auf gefährlichem Gelände. Und dort bleibt er vorerst. Er geht nicht auf Nummer sicher, er riskiert was. Als ein Begnadigter unter Leuten, die von großer Ungnade bedroht sind.

Als ein Begnadigter zwingt er geradezu den Boten Gottes, sich darauf einzulassen: „Ich habe auch darin dich angesehen, dass ich die Stadt nicht zerstöre (…). Ich kann nichts tun, bis du hineinkommst!“

Lot – bei den bedrohten Menschen. Lot in der Gefahrenzone. Besonders gerecht ist er sonst nicht. Aber hier tut er, was dran ist. Das ist, wie wenn ein Menschenrechtler in die Türkei geht. Oder Oskar Schindler ist mir dazu eingefallen. Der war nicht als Held oder Heiliger geboren. Aber als es darauf ankam, da hat er getrickst und getan und alles eingesetzt, um viele, viele Menschen zu retten. Oder noch Janusz Korcak, der 1942 bei „seinen“ Waisenkindern geblieben ist auf dem Weg vom Ghetto Warschau nach Treblinka und in die Gaskammer. Und so viele andere „Gerechte“.

Noch jemand? Ja klar: Jesus Christus! Die christliche Deutung ist da ganz ungeheuerlich: Gott selbst begibt sich als Mensch in die Gefahrenzone der Menschen, der Gerechte unter die Ruchlosen. Und er stirbt ihren Tod.

Ich habe natürlich gut schreiben. Ich in meiner Komfort-Zone. Meistens weit weg von denjenigen Menschen, die wirklich bedroht sind, jedenfalls weit genug, um selbst ernsthaft in Gefahr zu kommen. Ich sage das ohne Selbst-Vorwurf. Denn wenn ich mich jetzt einfach so in Kriegs- oder Hungergebiete begebe, oder wenn ich mich mit einer Bibel im Gepäck in Nordkorea blicken lasse – ok, ich könnte mich als Held fühlen, aber sonst hätte niemand etwas davon. Sich in Gefahr begeben, das soll niemals ein Selbstzweck sein. Das darf höchstens der Preis sein für etwas, was wirklich nützen könnte.

Abraham und Lot – beide im Einsatz für Bedrohte. An unterschiedlichen Orten. Auf unterschiedliche Weise. Und: Beide nehmen nicht einfach hin, was ihnen zunächst als Gottes Wille begegnet. Sie widersprechen.

Wenn man auf so unterschiedliche Weise etwas „richtig“ machen kann, was wäre denn dann grundfalsch? Was wäre das finstere Gegenbild, gegen das sich Abraham und Lot positiv abheben? Ich würde das so sagen:

  • Resignation: „Das hat ja sowieso alles keinen Zweck!“

  • Übertriebener Egoismus: „Hauptsache, ICH bin auf der sicheren Seite. Die anderen interessieren mich nicht!“

  • Übertriebenes Selbstmitleid: ICH bin der bedauernswertes unter allen Menschen. Ich drehe mich deswegen als Brumm-Kreisel allein und immerzu um mein eigenes Elend.

  • Lethargie: Gegen jede Form von Einsatz allergisch sein. Chronifiziertes „Abhängen“.

  • Selbstgerechtigkeit: „DIE haben es gar nicht anders verdient!“

Ich will Ihnen damit kein Helfer-Syndrom aufschwatzen. Und sicher, Sie dürfen und sollen öfter mal „Nein“ sagen. Und stimmt, Sie sollen nicht die ganze Welt retten.

Lot hat auch nicht die ganze Welt gerettet. Nicht mal Sodom und Gomorra. Aber die kleine Stadt Zoar. – Was ist IHRE kleine Stadt Zoar? Heute? Vielleicht können Sie nicht mal die retten. Aber sie sollte Ihnen nicht zu schnell egal sein.

Gebet:

Gott, manches davon ist mir doch gar nicht fremd: Die Resignation. Die übertriebene Selbst-Bezogenheit. Die Lethargie. Die Selbstgerechtigkeit.

Gott, allein komme ich da manchmal gar nicht raus. Ich brauche Deinen Geist. Deine Weite. Ich bitte Dich um Deinen Geist! Amen.

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Sodom & Gomorra II: Nicht locker lassen! Andacht zum 21.7.2017

Ein Skandal: Schlimmes Unheil. Unheil für einzelne Menschen. Für Familien, ganze Regionen, Völker, Schichten, Kontinente. Aus­beutung, Krieg, Dürre, Epidemie, Flutwelle, Diktatur, Gefängnis, Lager, Völker­mord.

Es ist ein besonderer Skandal, wenn schlimmes Unheil nicht nur die Bösen trifft, sondern auch die Guten, die Unschuldigen, die Wehrlosen …

Das ist natürlich eine ziemliche Vereinfachung: die Bösen und die Guten. Die gibt es nämlich so kaum. Aber machen wir es uns jetzt mal so einfach: Die Bösen und die Guten. Oder: Die Gerechten und die Ruchlosen.

Das Unheil, das den Unschuldigen, den Gerechten, den Guten trifft, es ist auch immer wieder Thema in der Bibel. Ein paar Beispiele:

  • Hiob. DER leidende „Gute“. Hiob wirft Gott sein Leid vor. Er hält trotzdem an Gott fest.

  • Jona. Jona sieht es am liebsten, wenn Gott die böse Stadt Ninive vernichtet. Aber Gott verschont Ninive. Und Gott erinnert Jona an diejenigen Menschen dort, die doch noch gar nicht rechts und links unterschieden können. Und an das unschuldige Vieh.

  • Jesus – am Kreuz. Und dieser ungeheuerliche Gedanke: Mit Jesus stirbt Gott selbst – durch die Hand der Schuldigen, aber vor allem: FÜR die Schuldigen …

Das war jetzt nur eine kleine Auswahl. – Sie merken es: Das Leid des Unschuldigen und der Glaube an Gott, beides ist nicht leicht zusammen zu kriegen, vielleicht manchmal gar nicht.

Heute eine weitere Bibel-Geschichte hierzu. Die Akteure:

  • Gott – in Gestalt von drei Fremden.

  • Abraham, der Stammvater des späteren Volkes Israel.

  • Sodom, die sündige, dem Untergang geweihte Stadt.

Die Geschichte setzt dort ein, wo die „drei Fremden“ gerade Abraham und seine Frau Sarai besucht hatten. Nun brechen sie vom Essen auf … (Lesen Sie jetzt ruhig laut!)

Die Männer erhoben sich von ihrem Platz und schauten gegen Sodom. Abraham wollte mitgehen, um sie zu verabschieden.

Da sagte sich der Herr: „Soll ich Abraham verheimlichen, was ich vorhabe? Abraham soll doch zu einem großen, mächtigen Volk werden, durch ihn sollen alle Völker der Erde Segen erlangen. Denn ich habe ihn dazu auserwählt, dass er seinen Kindern und seinem Haus nach ihm aufträgt, den Weg des Herrn einzuhalten und zu tun, was gut und recht ist, damit der Herr seine Zusagen an Abraham erfüllen kann.“ Der Herr sprach also: „Das Klage­ge­schrei über Sodom und Gomorra, ja, das ist laut gewor­den, und ihre Sünde, ja, die ist schwer. Ich will hinabgehen und sehen, ob ihr Tun wirk­lich dem Klagegeschrei entspricht, das zu mir gedrungen ist. Ich will es wissen!“

Die Männer wandten sich von dort ab und gingen auf Sodom zu. Abraham aber stand noch immer vor dem Herrn.

Abraham trat näher und sagte: „Willst du auch den Gerechten mit den Ruchlosen weg­raffen? Vielleicht gibt es 50 Gerechte in der Stadt: Willst du auch sie wegraffen und nicht doch dem Ort vergeben wegen der 50 Gerechten dort? Das kannst du doch nicht tun, die Gerechten zusammen mit den Ruchlosen umbringen. Dann ginge es ja dem Gerechten genauso wie dem Ruchlosen. Das kannst du doch nicht tun! Sollte sich der Richter über die ganze Erde nicht an das Recht halten?“ Da sprach der Herr: „Wenn ich in Sodom, in der Stadt, 50 Gerechte finde, werde ich ihretwegen dem ganzen Ort vergeben.“ 

Abraham antwortete und sprach: Ich habe es nun einmal unternommen, mit meinem Herrn zu reden, obwohl ich Staub und Asche bin. Vielleicht fehlen an den 50 Gerechten fünf. Wirst du wegen der fünf die ganze Stadt vernichten?“ „Nein, sagte er, ich werde sie nicht vernichten, wenn ich dort 45 finde.“

(Abraham handelt Gott weiter herunter: 40 Gerechte, 30, 20 …)

Und nochmals sagte Abraham: „Mein Herr zürne nicht, wenn ich nur noch einmal das Wort ergreife. Vielleicht finden sich dort nur 10.“ Und wiederum sprach Gott: „Ich werde sie um der zehn willen nicht vernichten.“

Nachdem der Herr das Gespräch mit Abraham beendet hatte, ging er weg und Abra­ham kehrte heim. (Alles: Genesis 18, 16 ff.)

Aha, Gott will erst mal persönlich nachschauen, was an der Klage gegen Sodom und Gomorra dran ist. In keinem einzigen Satz steht übrigens, dass Gott Sodom zerstören will. Nur, dass er sie wegen 50, 45, 30, 20, 10 „gerechter“ Leute NICHT zerstören will.

Und: Gott will Abraham informieren. Aus Abraham soll ja schließlich das Gottesvolk werden. Das Volk, durch das alle Nationen gesegnet werden. Dazu ein kleines Detail:

Ich (Gott) habe ihn dazu auserwählt, dass er seinen Kindern und seinem Haus nach ihm aufträgt, den Weg des Herrn einzuhalten und zu tun, was gut und recht ist.“

Wörtlich steht da: „… GERECHTIGKEIT und RECHT zu tun.“ DAS soll Abraham seine Nachfahren lehren. Diese Wörter im Munde Gottes sind so wichtig, weil Abraham genau diese Begriffe kurz darauf GEGEN Gott wendet:

  • Gott kann doch unmöglich den „GERECHTEN“ mit dem Ruchlosen umbringen!

  • Gott als der Richter über die Erde muss sich doch selbst an das „RECHT“ halten!

So eine Kühnheit von Abraham! Der übt hier seinen Erziehungs-Auftrag (Gerechtigkeit und Recht) nicht an irgendwelchen Nachfahren aus, sondern an Gott SELBST!

Als „Glaubender“ wie als „Ungläubiger“ ist man schnell bei der Frage: „Wo ist denn Gott, wenn Unschuldige leiden?“ Was Abraham hier tut, lenkt uns zu einer anderen Frage: „Wo ist Abraham, wenn unverschuldetes Leid droht?“ Oder: Wo sollen Sie und ich denn da sein?

EINE Antwort hatten wir schon: Recht und Gerechtigkeit einfordern! Auch von Gott! Recht und Gerechtigkeit sind schließlich SEIN Wille, und der ist heilig!

Es gibt noch ein paar weitere Antworten in diesem ungewöhnlichen Gespräch:

  • Abraham „gibt alles“ für Leute, die er persönlich gar nicht kennt. Leute „am anderen Ende seiner Welt“, wo er nie war. In Sodom hat er wenigstens Verwandtschaft, aber mit Go­morra verbindet ihn persönlich nichts. Abraham engagiert sich trotzdem.

  • Abraham setzt sich auch für die „Ruchlosen“ ein. Er schlägt ja nirgendwo vor: „Rette die Guten und vernichte die Schlechten!“ Denn das Modell „die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen“ funktioniert nur im Märchen, sonst nicht. Und wenn doch: Wer weiß, ob ich selbst dann „im Töpfchen“ landen würde, und nicht im „Kröpfchen“?

  • Abraham tritt in der Form demütig vor Gott. Aber in der Sache verhandelt er hart und beharrlich. Abraham lässt nicht locker, er lässt nicht von Gott ab.

  • Achten Sie auf die „Sprache“ von Abrahams KÖRPER:

    • Als sich Gott gleich am Anfang entfernt, geht Abraham mit.

    • Als sich „die Männer“ buchstäblich „abwenden“: „Abraham aber stand noch immer vor dem Herrn.“ Gott mag sich abwenden – Abraham tut es nicht!

    • Abraham „trat näher“ zu Gott – und konfrontiert Gott dann mit der Frage nach den „Gerechten“. „Näher treten“ statt „auf Abstand gehen“!

    • Abraham lässt das Gespräch mit Gott nicht abreißen, er hält Gott geradezu auf. Erst als Gott (und nicht Abraham!) das Gespräch beendet, geht Abraham nach Hause.

Ich lese das alles als Aufforderung, mir ein paar Scheiben von Abraham abzuschneiden:

  • Gerechtigkeit und Recht als Herzens-Sache! Auch: Gott selbst an seinen eigenen Willen „erinnern“.

  • Gerechtigkeit und Recht als Herzens-Sache – auch für Leute, die mich persönlich „nichts angehen“. Sogar, wenn „Ruchlose“ mit profitieren!

  • Nicht locker lassen! Gott auf dem Fersen bleiben!

Abraham aber stand noch immer vor dem Herrn.“ So, wie Abraham in der Geschichte zuvor in der Mittagshitze Gott entgegen gelaufen ist, so bleibt er nun vor Gott stehen – diesmal für andere. An Abrahams Seite ist noch Platz – für Sie und mich.

Gott, Du selbst bist in Jesus, dem einen Gerechten, in diese ruchlose Menschheit ge­kommen – nicht um zu vernichten, sondern um zu heilen. Ich danke Dir! Amen.

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Sodom & Gomorra I: Getrennte Wege. Andacht zum 14.7.2017

Hier geht’s ja zu wie in Sodom und Gomorra!“ – Also drunter und drüber, böse, lasterhaft, moralisch verkommen.

Wir befinden uns an einem der tiefsten und totesten Orte der Welt: Wenn man mal von den Ozeanen absieht, gibt es wohl nur wenige Stellen auf der Erde, die knapp 400 Meter unter dem Meeresspiegel liegen. Ich spreche vom Toten Meer, das heute an Jordanien, Israel und an die Westbank grenzt. Das Tote Meer ist sehr, sehr tot: Der Jordan fließt hinein, aber es hat keinen Abfluss: Das Wasser verdunstet – und das Salz bleibt. Die Badegäste können hier im Wasser sitzend die Zeitung lesen, sie gehen nicht unter. Aber für Fische ist das nichts. Ein totes Meer …

Das Tote Meer – Ort des Sagen-umwobenen Inbegriffs des Verdorbenen: „Sodom und Gomorra“, diese Orte sollen hier gewesen sein. Heute Teil I – die Vorgeschichte …

Vor Jahrzehnten war eine Nomaden-Sippe aus dem Irak nach Nordsyrien ausgewandert, sie hatte sich dort niedergelassen. Einer von ihnen war Abraham. Ein anderer sein Neffe Lot. Lots Vater war schon verstorben. Vielleicht waren Abraham und seine Frau Sarai so etwas wie Ersatz-Eltern.

Dann ruft Gott Abraham zu einem neuen Aufbruch. Er soll mit seiner Frau Sarai, dem Vieh und dem Personal in ein Land aufbrechen, das Gott ihm zeigen will. Ein Land, das Gott Abraham und seinen Nachkommen geben will. – Nachkommen? Das Paar ist doch kinderlos! Trotzdem: Sie brechen auf. Neffe Lot ist mit dabei. Er ist längst erwachsen, hat seine eigene Herde und seine Hirten.

Sie erreichen das neue Land und ziehen dort mit ihren Herden umher. Alles scheint geordnet und harmonisch zu sein. Aber dann das:

Abram aber war sehr reich an Vieh, Silber und Gold. (…) Lot aber, der mit Abram zog, hatte auch Schafe und Rinder und Zelte. Und das Land konnte es nicht ertragen, dass sie beieinander wohnten. Denn ihre Habe war groß, und sie konnten nicht beieinander wohnen. Und es war immer Zank zwischen den Hirten von Abrams Vieh und den Hirten von Lots Vieh. (…). Da sprach Abram zu Lot: Lass doch nicht Zank sein zwischen mir und dir und zwischen meinen und deinen Hirten; denn wir sind Brüder. Steht dir nicht alles Land offen? Trenne dich doch von mir! Willst du zur Linken, so will ich zur Rechten, oder willst du zur Rechten, so will ich zur Linken.

Da hob Lot seine Augen auf und besah die ganze Gegend am Jordan. Denn ehe der HERR Sodom und Gomorra vernichtete, war sie wasserreich, bis man nach Zoar kommt, wie der Garten des HERRN, gleichwie Ägyptenland.

Da erwählte sich Lot die ganze Gegend am Jordan und zog nach Osten. Also trennte sich ein Bruder von dem andern, so dass Abram wohnte im Lande Kanaan und Lot in den Städten am unteren Jordan. Aber die Leute zu Sodom waren böse und sündigten sehr wider den HERRN. (Genesis 13, 1-13)

Das Land konnte es nicht ertragen, dass sie beieinander wohnten“. Wie im richtigen Leben: Da sind Menschen seit langem miteinander verbunden, gehen gemeinsame Wege. Alle meinen: „Die Zwei, die sind wie zusammengewachsen. Wie Pech und Schwefel.“ Oder mit Udo Lindenberg: „So zwei wie wir, die können sich nicht verliern!“ Können sie aber doch. In Lindenbergs Lied; bei Abraham und Lot; in Ihrem und meinem Leben. Das tut weh.

Ob das alles so nötig gewesen wäre, nach all der Zeit und all dem, was man alles zusammen erlebt hat? Es ist ja „nur“ der Streit zwischen den Hirten von Abraham und Lot. Und eigentlich geht es ja „nur“ darum, seine Schäfchen im Trocknen oder an den Wasserstellen zu haben, also ums liebe Geld. Trotzdem: „Das Land konnte es nicht ertragen, dass sie beieinander wohnten“. Oder das Haus, die Gemeinde, die Familie, der Freundeskreis, die Partnerschaft. Manchmal müssen Wege sich trennen: die von Onkel und Neffe, von Eltern und Kindern, von Partnern, von alten Freunden, von Kollegen.

Abraham erkennt das. Abraham presst und erpresst nicht zusammen, was nicht mehr zusammen gehört. Seine Begründung: „Wir sind Brüder!“ Manchmal ist Trennung dran, gerade weil wir zusammen gehören, weil wir uns nicht mehr Leid als nötig antun sollen.

Lot darf wählen: Das bisherige gemeinsame Gebiet oder die wasserreiche, fruchtbare Gegend am Jordan, das Gebiet von Sodom und Gomorra. Abraham zeigt Größe. Es gibt keinen Verteilungskampf um jeden Wassertropfen. Es ist ja genug da. Das Land kann beide ertragen – wenn genug Abstand dazwischen ist. Wenn jeder genug eigenen Raum hat.

Lot sieht das grüne Gras und das Wasser des Jordan. Dahin zieht es ihn.

Aber die Leute zu Sodom waren böse und sündigten sehr wider den HERRN.“ Wasser und grünes Gras sind nicht alles. Aber das übersieht Lot dezent. Das wird noch Probleme geben …

So trennen sich beide. Eine Trennung im Guten, trotz Streit. Eine Trennung, durch die sich beide nicht ganz verlieren. Nur so, dass sie, jeder für sich, genug Raum haben und eigene Wege. So, dass das Land beide erträgt. – Später wird Abraham Lot aus einer Notlage befreien. Noch später wird sich Abraham vor Gott fast bis zur Selbst-Aufopferung für Lot und seine neue Heimat einsetzen, für „Sodom und Gomorra“. Davon nächste Woche.

Auch auf Abstand miteinander verbunden bleiben. Oder GERADE auf Abstand: Aneinander klebend hätten beide einander vielleicht irgendwann gegenseitig nur noch gequält.

Was hat das alles mit Gott zu tun? Das Wort „Gott“ kommt nicht in der Geschichte vor. Aber: Direkt nach dieser Trennung spricht Gott zu Abraham:

Als nun Lot sich von Abram getrennt hatte, sprach der HERR zu Abram: Hebe deine Augen auf und sieh von der Stätte aus, wo du wohnst, nach Norden, nach Süden, nach Osten und nach Westen. Denn all das Land, das du siehst, will ich dir und deinen Nachkommen geben für alle Zeit und will deine Nachkommen machen wie den Staub auf Erden. Kann ein Mensch den Staub auf Erden zählen, der wird auch deine Nachkommen zählen. Darum mach dich auf und durchzieh das Land in die Länge und Breite, denn dir will ich’s geben.

Abraham glaubt Gottes Verheißung. Er ist Nomade. Trotzdem ist es irgendwie „sein“ Land. Abraham und Sarai sind kinderlos, der Neffe und Stiefsohn hat sie gerade verlassen. Trotzdem steht Abraham das „große Volk“ aus seinen Nachkommen vor Augen. Diese Verheißung war dem Abraham nicht neu. Sie hatte ihm schon geholfen, seine alte Heimat und manch vertrauten Menschen zurückzulassen. Nun kann der Verheißungsträger Abraham auch seinen Neffen loslassen. Und weil Abraham um Gottes Verheißungen über seinem Leben weiß, muss er auch gar nicht um das grünere Land und die besseren Wasserstellen feilschen.

Die Verheißung hilft Abraham loszulassen. Aber auch umgekehrt: Nach vollzogener Trennung hört er auf einmal wieder Gott sprechen, vernimmt er Gottes Verheißungen. So ist das: Manches, woran ich mich binde, lässt Gottes Segen und seine Verheißung in den Hintergrund treten, sie werden mir dunkel. Manchmal muss ich erst loslassen, um Gottes Segen und Verheißung neu zu hören und zu fassen. Loslassen, um – genau wie Abraham – aufzustehen und das Land meines Lebens in die Länge und in die Breite neu zu erfassen.

Nun hat Gott Ihnen und mir nicht verheißen, dass wir Nachkommen haben, die zu einem großen Volk werden. Auch kein Land. Trotzdem: Wir stehen unter der Verheißung: Gottes Kind zu sein und zu bleiben, zu den Erben seines Reiches in Zeit und Ewigkeit zu gehören. Um Jesu Christi willen. Die Taufe ist da Brief und Siegel, Sie dürfen sich daran festhalten.

Wie bei Abraham kann Ihnen die Verheißung in den Hintergrund rücken, kann sie Ihnen dunkel und unglaubwürdig sein. Aber Sie können aus dieser Verheißung auch Mut schöpfen und innere Größe. Vielleicht, um große Schritte zu wagen, auch wenn Sie sich von Altvertrautem trennen und Abschied nehmen müssen. Im Gehen, manchmal nur im Gehen, merken Sie vielleicht wieder, unter was für einem weiten Horizont Sie unterwegs sind.

Gebet:

Gott, ich danke Dir für Deine Verheißung. Für den weiten Horizont, den Du mir aufspannst. Trotzdem beherrschen mich oft Enge und Angst. Nimm Du das von mir. Gib mir das Vertrauen zu Dir – für mutige Schritte! Amen.

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