Vorbild. Andacht zum 3.6.2015

Und? Haben Sie eines? Ein Vorbild? Jetzt nicht eine alte Buche oder Ihr Bernhardiner, sondern ein richtiger Mensch? Wer kommt Ihnen da in den Sinn? Überlegen Sie mal zwei Momente! (…) Na, haben Sie wen gefunden?

Falls ja: Jemand aus Ihrem persönlichen Umfeld? Oder aus dem Fernsehen, aus Büchern, Filmen, Erzählungen? Jemand von heute oder von früher? Und: Was finden Sie so bewundernswert, erstrebenswert, eben: vorbildhaft an diesem Jemand?

Falls Sie kein Vorbild gefunden haben: Kein Wunder! Von wem kann man schon rundherum sagen: „So möchte ich auch sein!“? Eine spezielle Seite von dem, wie ein anderer ist, was der kann, was der hat – ok. Aber das komplette Paket? Da gibt es meistens Haken. Die Intelligenz von Einstein und die Figur von Scharzenegger – ok. Aber bitte nicht umgekehrt!

Und wo Sie es gerade mit einer Andacht zu tun haben: Ist Jesus Ihr Vorbild? Auch da muss das Komplettpaket nicht unbedingt passen. Oder streben Sie das an: obdachlos, Single, Prediger, Wunderheiler, Krach mit der Mutter und den Geschwistern?

Und nun umgekehrt: SIND Sie ein Vorbild? Oder empfehlen Sie sich als Vorbild?

  • Vielleicht finden Sie sich als Vorbild ungeeignet. Vielleicht halten Sie nicht viel von sich, trauen sich wenig zu, denken, Sie machen alles verkehrt. Schade. Mit so einer pauschalen Selbst-Verurteilung liegen Sie wohl nicht richtig. Ihr überkritischer Blick halt …

  • Oder Sie sagen: „Ja, ich habe bestimmte Fähigkeiten, Meinungen, Haltungen, da können sich andere mal was von abgucken!“

  • Oder Sie sind total von sich überzeugt: Wenn alle so wären wie Sie, so dächten, so fühlten, so handelten, dann wäre die Welt in Ordnung! – Ob Sie dann vielleicht ein Recht­haber und Besserwisser sind? Es hätte was von Arroganz. Ihr allzu un-kritischer Blick halt …

Aber selbst wer sehr überzeugt von sich ist, wird sich kaum trauen, das ganz unverblümt herauszuposaunen. Das käme nicht gut an, oder?

So, und nun hören Sie den Apostel Paulus, Philpper 3:

Ahmt auch ihr mich nach, Geschwister, und achtet auf jene, die nach dem Vorbild leben, das ihr an uns habt!

Paulus – ein Häftling. Wahrscheinlich in Ephesus in der heutigen Türkei. Dort schreibt er Briefe an die Philipper im heutigen Griechenland. Philippi ist nur ein paar Tage weit weg. Dort hatten Paulus und Silas die Gemeinde gegründet: Die Purpurhändlerin Lydia war die Erste, es folgten der ausgerechnet der Gefängnisdirektor und dessen Hausgemeinschaft. Nun im Gefängnis in Ephesus bekommt Paulus aus Philippi Besuch und Sachspenden. Und man tauscht Briefe aus.

In einem davon schreibt Paulus nun das: „Ahmt mich nach!“ Und er schreibt vom „Vorbild, das ihr an uns habt“. Gefangene gelten selten als Vorbild. Wie kommt der Mann dazu, sich so anzupreisen?

Erste Antwort: Weil er vor anderen warnt, die sich ebenfalls als Vorbilder anbieten:

Denn viele – von denen ich oft zu euch gesprochen habe, doch jetzt unter Tränen spreche – leben als Feinde des Kreuzes Christi. Ihr Ende ist das Verderben, ihr Gott der Bauch; ihr Ruhm besteht in ihrer Schande. Irdisches haben sie im Sinn.

Wen hat Paulus da vor Augen? Das schreibt er weiter vorn im Brief: Es sind Leute, die sich darin überbieten, penibel das Gesetz des Mose zu befolgen. Paulus sagt: „So war ich auch mal! Eigentlich war ich in Sachen ‘Gesetzestreue’ unübertroffen, tadellos, perfekt!“

Na, wenn er wirklich so perfekt war, dann kann er sich doch mit Recht als Vorbild anpreisen, oder? – Nein, genau das gerade nicht! Denn Paulus ist Christ geworden. Und das bedeutet für ihn: „Ich bin mit Christus gestorben, ich bekomme Anteil an seiner Auferstehung! Durch Christus und nur durch Christus bin ich erlöst!“

Und der fromme Perfektionismus, den Paulus früher an den Tag legte und den er nun bei seinen Gegnern sieht? „Was mir Gewinn war, das habe ich um Christi willen für Schaden erachtet (…) und ich erachte es für Dreck, damit ich Christus gewinne!“

Sich selbst durch Perfektionismus erlösen wollen, sich vor Gott, vor anderen, vor sich selbst durch Tadellosigkeit in ein günstiges Licht setzen? Paulus meint: Wer das will, der kann doch nicht zugleich an die Erlösung durch Christus glauben! Deswegen sind seine Gegner für ihn „Feinde des Kreuzes Christi“. Aber weswegen ist „ihr Gott ihr Bauch“? Wohl nicht wegen der Fresserei, sondern eher im Gegenteil: Weil sie auch alle Speisegebote penibel einhalten.

Zweite Antwort: Paulus empfiehlt sich als Vorbild darin, dass er selbst ein Vorbild hat, nämlich: Jesus Christus! – Mhm, da hat Paulus die Messlatte für sich aber sehr hoch gehängt, oder? Jesus – voller Liebe und Güte, Weisheit, Heilkraft, Mut, Sündlosigkeit? – Nein, das alles meint Paulus nicht! Sonst wäre er nämlich doch wieder bei seinem Perfektionismus von früher gelandet. Sondern:

Christus will ich erkennen und die Macht seiner Auferstehung und die Gemeinschaft mit seinen Leiden! Sein Tod soll mich prägen. So hoffe ich, auch zur Auferstehung von den Toten zu gelangen. (Philipper 3, 10 f.)

Auf Christus sehen, ihn erkennen, mit ihm verbunden sein, sich von ihm prägen lassen – und zwar nicht die guten Charakter-Eigenschaften und das vorbildhafte Auftreten, sondern: Christi Leiden, sein Tod, seine Auferstehung! Das ist für Paulus viel mehr als ein Vorbild im Sinne von: „Den finde ich toll, und so möchte ich auch sein!“ Nein, in dieser innigen Christus-Gemeinschaft fallen die Grenzen von „Ich“ und „Du“. Anderswo schreibt es Paulus so: „Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir“ (Gal 2, 20a).

Zu dieser Christus-Verbundenheit lädt Paulus die Christen in Philippi ein, wenn er sich als Vorbild hinstellt. – „Macht es so wie ich! Verbindet Euch mit Christus – mit seinem Leid, mit seinem Tod. Und dann auch: Mit seiner Auferstehung!“

Ein Vor-Bild ist ein Bild, das man vor Augen hat, auf das man den Blick richtet. Wohin geht der Blick, wenn Christus das Vorbild ist – und mehr als ein Vorbild?

Unsere Heimat aber ist im Himmel. Von dorther erwarten wir auch Jesus Christus, den Herrn, als Retter, der unseren armseligen Leib verwandeln wird in die Gestalt seines verherrlichten Leibes, in der Kraft, mit der er sich alles unterwerfen kann.

Christus als Vor-Bild: Klar, da geht der Blick erstmal – zurück: Karfreitag, Ostern. Aber der Blick geht auch zum Himmel: Christus, der Erhöhte. Christus, der Kommende. Christus, meine Zu-Kunft, meine wahre Heimat!

Christen sind nicht ganz von dieser Welt. Sie haben eine andere Heimat, auch wenn sie noch nie persönlich richtig da gewesen sind. Wie bei Leuten, die einen deutschen Pass haben, auch wenn sie noch nie in Deutschland gewesen sind. Die wissen: Da gehöre ich zu, da kann ich hin, da finde ich Aufnahme. Einfach so, ohne Asylverfahren und Angst vor Abschiebung.

Zurück zu meiner Frage am Anfang: Wer ist Ihr Vorbild? Wenn Sie ein Vorbild haben, können Sie daran ablesen: Was finde ich gut, wichtig, erstrebenswert? Wie möchte ich sein? Was wäre für mich ein „gelingendes“ Leben? Was sind für mich wichtige Werte?

Und auch wenn Sie kein Vorbild mit Vor- und Nachnamen haben, also keinen konkreten Menschen: Sie werden statt eines Vor-Bildes wenigstens so etwas wie ein „Leit“-Bild in Ihrem Kopf haben, auch wenn Sie die nie formuliert haben: Ihre Vorstellungen von dem, was Sie für gut, wichtig, erstrebenswert halten. Wie Sie sein möchten.

Nehmen Sie das, was Paulus den Philippern schreibt, als Einladung: sich Christus als Vor-Bild zu nehmen. Sich seinen Leidensweg, sein Kreuz, seine Auferweckung vor Augen zu führen. Den Blick zum Himmel zu erheben, Ihrer wahren Heimat.

Als Paulus Christ wurde, als er anfing, sich in dieses Vor-Bild Christus hineinzuleben, da sind ihm seine alten perfektionistischen Vor- und Leitbilder zerbrochen. Für ihn eine riesige Befreiung, ein tiefes Aufatmen. Mit dem Blick auch Christus kann Ihnen und mir das auch passieren. Halleluja!

Gebet:

Christus, dazu hilf mir: Dass Du mir vor Augen bleibst auf meinem Weg! Amen.

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Wenn Beten nix nutzt. Andacht zum 26.6.2015

Jesus erzählt eine Geschichte:

In einer Stadt lebte ein Richter, der fragte nicht nach Gott und nahm auf keinen Menschen Rücksicht. In der gleichen Stadt lebte auch eine Witwe. Sie kam immer wieder zu dem Richter und bat ihn: ›Verhilf mir in der Auseinandersetzung mit meinem Gegner zu meinem Recht!‹ Lange Zeit wollte der Richter nicht darauf eingehen, doch dann sagte er sich: ›Ich fürchte Gott zwar nicht, und was die Menschen denken, ist mir gleichgültig. Aber diese Witwe wird mir so lästig, dass ich ihr zu ihrem Recht verhelfen will. Sonst bringt sie mich mit ihrem ständigen Kommen noch zur Verzweiflung. (Lukas 18, 2 ff.)

Der Volksmund sagt dazu. „Bescheidenheit ist eine Zier – doch weiter kommt man ohne ihr!“ Und: „Frechheit siegt!“ Unbescheiden und frech sind beide, der Richter und die Witwe:

Der RICHTER lebt nach der Devise: Möglichst bequem! Das Recht, das doch eigentlich sein Job ist, interessiert ihn nicht. Er sieht sich weder in der Verantwortung vor den Leuten noch vor Gott. Er löst das für sich so, wie Sie es vielleicht mit Behördenpost, Rechnungen, der Steuererklärung und dem Lernen für die Prüfung machen: Er lässt es liegen und liegen und liegen. Denn es ist lästig. Und manches löst sich von selbst. Und die Witwe? Was interessiert ihn die denn schon?

Die WITWE: Immer wieder steht sie bei dem Richter auf der Matte, fordert ihr Recht ein. Sie drängt, sie nervt. Sie gibt nicht auf.

Jetzt hat der bequeme, gleichgültige Richter ein Problem: Entweder lässt er sich vom Arbeiten nerven, oder die Witwe wird ihn weiter nerven. Also bequemt er sich dazu, das Nötige zu tun.

Bei Jesus kommt die Witwe mit ihrer Art richtig gut weg. Das passt so gar nicht in ein softes, liebliches, duldsames Jesus-Bild. Ich lese daraus: „Besteh’ auf Deinem Recht! Lass Dir nicht alles gefallen! Sag’ nicht zu allem Ja und Amen! Du musst nicht klein beigeben, nur weil „die da oben“ etwas so und so beschlossen haben!“

Ich lese daraus auch eine Aufforderung zum Engagement für andere. Auch da müssen Sie vielleicht Autoritäten auf die Füße treten: Ihnen sagen, was nötig ist. Briefe schreiben. Unterschriftenlisten ausfüllen. Online-Petitionen. Sich für diejenigen rühren, die das selbst nicht oder nicht ausreichend können.

Jesus selbst ist für diese Haltung ein vorzügliches Beispiel. Leisetreterei, Kniefälle vor Autoritäten, faule Kompromisse oder Gleichgültigkeit gegenüber Benachteiligten und Randgruppen kann man ihm nun wirklich nicht nachsagen. Wenn der Richter in Jesu Gleichnis nicht nach Gott fragt und auf keinen Menschen Rücksicht nimmt, so ist Jesus selbst davon das genaue Gegenteil: Er fragt nach Gott und er sieht seine Mitmenschen. Und nicht nur die Spezis, Amigos und sonstige, die man für den eigenen Vorteil „braucht“. Sondern gerade die anderen.

Ich meine: Jesus ließ meist seine Geschichten für sich sprechen, ohne gleich eine Deutung mitzuliefern. Deswegen könnte ich jetzt sagen: „Nehmen Sie sich Jesus zum Vorbild! Amen!“

Aber die Deutung, die sich anschließt, bietet uns nach dem unverschämten Richter und der unverschämten Witwe auch noch einen unverschämten Jesus:

Habt ihr darauf geachtet, was dieser Richter sagt, dem es überhaupt nicht um Gerechtigkeit geht? Sollte da Gott nicht erst recht dafür sorgen, dass seine Auserwählten, die Tag und Nacht zu ihm rufen, zu ihrem Recht kommen? Und wird er sie etwa warten lassen? Ich sage euch: Er wird dafür sorgen, dass sie schnell zu ihrem Recht kommen!

Das ist doch wirklich eine Unverschämtheit, oder? Gott mit diesem miesen Richter in Verbindung zu bringen, dem alles schnuppe ist? Sonst lesen wir so etwas bei Jesus nicht. Jesus selbst betet „Abba“ – „Papa“. Jesus vergleicht diesen „Papa“ mit einem Vater, der mit Sehnsucht und Geduld auf seinen „verlorenen Sohn“ wartet. Oder mit Eltern, die ihren hungrigen Kindern Brot und Fisch geben, und eben nicht einen Stein oder eine Schlange. Und jetzt rückt Jesus Gott in die Nähe von einem, dem man Tag und Nacht auf die Nerven gehen muss? Für Gott als jemanden, der zuerst aus Liebe handelt, hätte sich Jesus einen andern Vergleich ausdenken können.

Ich bin deshalb gar nicht sicher, ob diese Auslegung in Richtung „Gebet“ wirklich O-Ton von Jesus ist. Ich bin erst recht nicht sicher bei der Aussage, dass Gott die eifrigen Beter nicht warten lässt und ihnen schnell zu ihrem Recht verhilft. Denn dieser eilends helfende Gott passt nicht zu der Geschichte: „Lange Zeit“ kümmert sich der Richter nicht, die Frau muss sehr geduldig und sehr penetrant dicke Bretter bohren, bevor er es sich überlegt und handeln will.

Wie ist das nun mit Gott? Hilft Gott dem Beter oder nicht? Und wenn er hilft: Eilends oder irgendwann in ferner Zukunft? Hilft er wie gewünscht oder ganz anders? Und: Hilft Gott denn auch bei Sachen, die er gar nicht will? Und wenn nein, wenn Gott nur hilft bei dem, was er selbst will, muss er dann überhaupt gebeten werden?

Fest steht: Anders als die Witwe, die schlussendlich ihren Willen bekommt, geht es im richtigen Leben nicht immer exakt nach der Mütze des Beters. Ich will gar nicht von Ihren oder meinen persönlichen Gebetsenttäuschungen sprechen. Auch nicht auf den Blick in die Horror-Abgründe der großen weiten Welt. Sondern ich nenne prominente biblische Beter, die das auch kennen:

  • HIOB, der zu Unrecht leidet, der mit Gott hadert und ringt und sich eine Art Schiedsrichter zwischen sich und Gott wünscht. Den Schiedsrichter bekommt er nicht. Dafür stellt Gott ihm dann viele Fragen, die ihn an die Grenzen seines Erkennens und Verstehens führen, so dass er schließlich wenigstens das erkennt: seine Grenzen.

  • PAULUS, der dreimal um die Befreiung von eine körperlichen oder seelischen Not bittet. Aber die Befreiung tritt nicht ein. Stattdessen die Antwort: „Lass Dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig!“

  • JESUS, der kurz vor seiner Gefangennahme – ebenfalls dreimal – darum bittet, den Leidenskelch nicht trinken zu müssen. Aber er muss.

Also: Wie hält es Gott mit den Bitt-Gebeten? Was ist die richtige Erwartungshaltung? Das richtige Vorgehen? Die richtige Form? Was mag sich Gott im Einzelnen dabei denken?

Auf all das bekommen Sie jetzt keine Antwort. Ich habe auch keine, jedenfalls keine gute. Hätte ich sie, ich bekäme zugleich dieses blöde Gefühl, es besser zu wissen als der liebe Gott, und das sollte sich niemand anmaßen.

Und: Hiob, Paulus, Jesus, sie haben nichts falsch gemacht. Im Gegenteil: Keine klugen Antworten, kein wohl überlegtes, ordentliches Gebet, sondern: Sie haben ihr Herz ausgebreitet. Sich selbst vor Gott gebracht mit dem, wie es gerade ist. Auch: Wie es mit ihnen und Gott gerade ist. Ehrlich, ungeschönt beten. Ohne Strategie. SO ist Gebet Beziehungspflege zu Gott. Vielleicht nicht Wunscherfüllung, aber Beziehungspflege. Am ehrlichen Gebet festzuhalten, das ist: an der Beziehung festzuhalten. Ich behaupte sogar: Gebetsabbruch ist Beziehungsabbruch. Jedenfalls von meiner Seite aus, nicht von Gottes Seite aus.

Und da bin ich wieder bei der Witwe. Ich glaube nicht, dass sie einer ausgefeilten Strategie gefolgt ist. Sie wollte oder konnte es nur einfach nicht aufgeben, dem Einzigen in den Ohren zu liegen, der ihr Recht verschaffen kann. Obwohl sie schnell begriffen haben musste: Der ist einfach faul und will nichts davon wissen.

Und Sie? Auch Ihnen könnte Gott manchmal so erscheinen wie der Richter: Der will nichts tun und will nichts davon wissen. Die Witwe bleibt trotzdem dran, gibt nicht auf, rückt ihm auf die Pelle. Und darin soll sie Ihnen nicht nur Vorbild in bürgerschaftlichem Engagement und Zivilcourage sein, sondern auch: im Gebet.

Gebet (aus Daniel 9):

Neige dein Ohr, mein Gott, und höre, tu Deine Augen auf und sieh an unsere Trümmer (…). Denn wir liegen vor Dir mit unserm Gebet und vertrauen nicht auf unsre Gerechtigkeit, sondern auf Deine große Barmherzigkeit. Ach Herr, höre! Ach Herr, sei gnädig! Ach Herr, merk auf! Tu es und säume nicht – um Deinetwillen, mein Gott!

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Guter Rat und tödliche Kränkung. Andacht zum 19.7.2015

König David hat Pech mit seinen Kindern. Abschalom zum Beispiel. Nach einigen Familien-Querelen sucht Abschalom sich Verbündete und zettelt einen Aufstand gegen seinen Vater an. Davids Gegner unter Abschaloms Führung rücken gegen die Hauptstadt Jerusalem vor, David muss von dort fliehen, seine Getreuen nimmt er mit. ALLE seine Getreuen? Nein, einige lässt er in der Stadt, die sollen sich verdeckt für seine Interessen einsetzen.

Es gehört zur Arroganz eines aufgeplusterten Diktators, sich selbst für den Tollsten, Klügsten, Weisesten zu halten und auf niemanden zu hören. David ist anders: Er hört genau hin bei seinen Beratern und nimmt ihren Rat ernst. Seine wichtigsten Berater heißen: Ahitofel und Huschai.

David hat Jerusalem schon verlassen, ist aber noch in der Nähe. Da wird ihm berichtet: Sein Ratgeber Ahitofel ist zu den Verschwörern übergelaufen! Das ist ein Schlag ins Kontor. David weiß: Ahitofels Rat ist mehr wert als die beste Armee, Weisheit ist mehr wert als äußere Stärke. Was jetzt? David wirft es Gott vor die Füße. Er betet:

Mach doch, Gott, den Rat Ahitofels zur Torheit! (2. Samuel 15, 31)

Und was tut Gott? Darüber später nur ein einziger Satz …

David trifft seinen zweiten Berater Huschai. Der will seinem König die Treue halten und bei ihm bleiben. Aber David hat einen anderen Plan – und jetzt entwickelt sich ein kleiner Spionage-Thriller: Huschai soll nach Jerusalem zurück. Er soll sich dem abtrünnigen Sohn als Berater anbieten – und dann die Verschwörer falsch beraten, gegen den Rat Ahitofels. Über Mittelsmänner in und vor der Stadt wollen David und Huschai in Kontakt bleiben.

So passiert es: Als Abschalom in die Stadt kommt, dient Huschai sich ihm an. Abschalom fragt erst einmal misstrauischen nach:

Das ist also deine Liebe zu deinem Freund (David)? Warum bist du nicht mit deinem Freund gegangen?

Huschai tut, was Spione und Saboteure sowieso tun: Er lügt, dass sich die Balken biegen:

Nein, sondern wen Gott erwählt hat und dieses Volk und alle Männer von Israel, dem will ich angehören, und bei ihm will ich bleiben. Und zum andern, wem sollte ich dienen? Etwa nicht vor seinem Sohn? Wie ich vor deinem Vater gedient habe, so will ich auch vor dir sein!

Das akzeptiert Abschalom. Klar, wer will schon misstrauisch bleiben, wenn einem Honig um den Bart geschmiert wird – „Auserwählter Gottes“ und solche Sachen …

Aber wird Huschai es schaffen, dem neuen Herrschen in Jerusalem einen falschen Rat unterzujubeln? Gegen den Rat Ahitofels, der superhoch im Ansehen steht? Denn:

Der Rat Ahitofels aber, den er in jenen Tagen gab, war, als wenn man das Wort Gottes befragte; so viel galt jeder Rat Ahitofels sowohl bei David als auch bei Absalom. (2. Samuel 16, 23)

Wie lautet denn der weise Rat des Ahitofel?

Lass mich 12.000 Mann auswählen und noch in dieser Nacht David verfolgen! Ich werde über ihn kommen, solange er noch erschöpft und entmutigt ist, und ihn so aufschrecken, dass alle seine Leute fliehen. Dann muss ich nur den König erschlagen. Auf diese Weise kann ich das ganze Volk zurückbringen. Denn wenn du diesen Mann zu fassen bekommst, gewinnst du alle anderen zurück. Dann wird das ganze Volk Frieden haben.

Kurz gesagt: Ein sofortiger Überraschungsangriff, bevor David sich und seine Truppen sortieren kann. David wird sterben, seine Anhänger werden zum Sohn überlaufen.

Abschalom und seine Leute finden den Rat gut, so soll es geschehen. Aber vorher will Abschalom noch eine zweite Meinung hören. So kommt Huschai zum Zuge:

Der Rat, den Ahitofel diesmal gegeben hat, ist nicht gut. (…) Du kennst doch deinen Vater und seine Männer. Es sind Helden. Und jetzt sind sie verbittert wie eine Bärin, der man die Jungen geraubt hat. Dein Vater ist ein erfahrener Kämpfer. (…) Und wenn dann gleich am Anfang einige von deinen Leuten fallen, wird es heißen: ‘Die Anhänger Abschaloms haben eine Niederlage erlitten!’ Dann würde selbst ein tapferer Mann mit dem Herzen eines Löwen den Mut verlieren. Ganz Israel weiß doch, dass dein Vater ein Held ist und dass erprobte Kämpfer bei ihm sind. Deshalb rate ich: Lass ganz Israel (…) zu dir kommen. Mit diesem Heer, so zahlreich wie der Sand am Meer, musst du selbst in den Kampf ziehen. Wenn wir dann auf ihn stoßen, (…) werden wir über ihn herfallen, so wie der Tau auf den Erdboden fällt.

Zwei Empfehlungen. Der zweite ist ein „schlechter Rat“, er ist von einem David-Anhänger gesprochen. Aber das weiß keiner. Was nun?

Da riefen Abschalom und alle Männer Israels: “Der Rat des (…) Huschai ist besser als der Rat Ahitofels.”

Und hier nun der einzige Satz darüber, was Gott denn mit Davids Bitte gemacht hat, er möge Ahitofels Rat zur Torheit machen:

Doch Gott hatte es so kommen lassen, um den guten Rat Ahitofels zunichte zu machen und Unheil über Abschalom zu bringen.

Huschai nutzt seine Geheimdienst-Verbindungen, um David draußen vor der Stadt zu informieren, und der stellt sich darauf ein. Diese Rechnung geht auf, am Ende wird David wieder als König in Jerusalem einziehen.

Es wird einige Verlierer geben. EINEN davon es schon, bevor irgendetwas militärisch entschieden ist: der weise Ahitofel, dessen Rat doch so viel galt, als hätte Gott persönlich gesprochen:

Als aber Ahitofel sah, dass sein Rat nicht ausgeführt wurde, sattelte er seinen Esel, machte sich auf und zog heim in seine Stadt und bestellte sein Haus und erhängte sich und starb und wurde begraben in seines Vaters Grab.

Der weise Ahitofel – tot. Ein tragisches Ende. Hätte das irgendwie verhindert werden können? Ja! Nach dieser tiefen Kränkung hätte Ahitofel nicht einfach abhauen dürfen. Er hätte sich mitteilen müssen. Aber da stand ihm wohl sein verdammter Stolz als der Weiseste aller Weisen im Weg. Eigentlich ritt er gar nicht auf einem Esel davon, sondern auf einem ziemlich hohen Ross. Da darf kein Kratzer ans Ego! Dann lieber sterben! So nimmt Ahitofel sich sein Leben – und zugleich die Möglichkeit, noch zu erleben, wie recht er gehabt hätte mit seinem Rat.

Was hat Gott mit all dem zu tun? Nun, Gott hat Ahitofels Rat zur Torheit gemacht. Gott ist größer. Gottes Weisheit steht über der des weisesten Ratgebers Israels. Kein Mensch aus Fleisch und Blut hat die Weisheit mit Löffeln gefressen, erst recht nicht diejenigen, die sich das einbilden.

Gott macht Ahitofels Rat zur Torheit. Und Ahitofel bekommt nicht mehr die Beachtung und Achtung, die er unbedingt braucht. Das ist es, was ihn tödlich kränkt.

Vielleicht sind Sie und ich ja auch manchmal wie Ahitofel: Dass wir darauf setzen, bestimmte Dinge besonders gut zu können oder besonders gut zu wissen. Besonders lieb und nett zu sein oder besonders forsch, besonders schlagfertig, besonders bemitleidenswert, besonders, besonders. Um so Beachtung, Achtung, Respekt, Liebe zu bekommen. Aber Gott zerbricht den Rat des Ahitofel, und mit unserem „besonders“ ist es auch nicht immer weit her. Darauf sollten Sie nicht behauen.

Ein besseres Fundament: Auf Gottes Liebe zu bauen als sein Kind. Seine Liebe macht mich besonders. Da muss ich nicht noch sonst irgendwie besonders sein.

Gebet:

Gott, Du liebst mich, wie ich bin. Und auch, obwohl ich so bin, wie ich bin. Danke!

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“Also wenn ich ehrlich bin …” – vom Schwören. Andacht zum 12.6.2015

Heute können Sie bei Jesus in die Sprach-Schule gehen: Ein Auszug aus der „Berg­predigt“ …

Ihr kennt auch diese Anweisung des Gesetzes: „Du sollst keinen Meineid schwören und alles halten, was du vor Gott versprochen hast.“ Ich sage euch aber: Schwört überhaupt nicht! Schwört weder beim Himmel – denn er ist Gottes Thron – noch bei der Erde – denn sie ist der Schemel, auf dem seine Füße ruhen. Beruft euch auch nicht auf Jerusalem, denn sie ist die Stadt Gottes. Verbürge dich auch nicht mit deinem Kopf für etwas, denn du kannst ja nicht einmal ein einziges Haar weiß oder schwarz wachsen lassen. Sag einfach Ja oder Nein. Alle anderen Beteuerungen sind vom Bösen. (Matthäus 5, 33 ff.; HFA mit kleiner Korrektur)

Ob mich das was angeht, dass Jesus gegen das Schwören ist? Also ehrlich gesagt, möchte ich unterstreichen, ganz bestimmt, und ich weiß es genau und habe es mit eigenen Augen gesehen: Mit dem Schwören habe ich gar nichts zu tun. Garantiert und diesmal wirklich nicht. Bei allem, was mir heilig ist. Sicher! – Wetten? Also ich könnte schwören …

Na ja, Sie merken schon: Das mit dem Schwören geht Sie DOCH etwas an. Vielleicht haben Sie ja auch ein paar von diesen Formulierungen drauf, um zu unterstreichen: Das, was Sie da sagen, stimmt – diesmal wirklich. Und wenn Sie selbst schon nicht so reden, dann hören Sie es bei anderen.

Also ich weiß ja nicht: Wenn jemand mit mir so redet, so seine Glaubwürdigkeit unterstreicht, macht ihn das für mich nicht glaubwürdiger. Eher im Gegenteil. Der scheint es ja wohl nötig zu haben. Z.B. „ehrlich gesagt“ sagt oder „wenn ich ehrlich bin“ – tja, was soll ich denn dann von denjenigen Aussagen halten, die NICHT mit dem Wörtchen „ehrlich“ geschmückt sind? Und falls es derjenige bei seinen Aussagen ohne „Schwur-Formel“ dann wohl mit der Wahrheit nicht so haarscharf genau nimmt, dann könnte dieses „ehrlich gesagt“ doch auch gelogen sein, oder? – Jedenfalls: Wenn wir uns mal live begegnen, und Sie sagen „ehrlich gesagt“, dann wissen Sie ab sofort, warum ich Sie dann komisch angucke.

Statt „So ist es – ganz bestimmt!“ wären oft bescheidenere Aussagen dran wie zum Beispiel: „Ich sehe das so …“; „Ich vermute / ich meine / ich nehme an, …“

Nun geht es Jesus nicht um irgendwelche „Wahrheiten“, sondern um ganz spezielle: „Sag einfach Ja oder Nein!“, sagt er. Wörtlicher übersetzt: „Eure Rede sei ‚Ja, ja’, ‚nein, nein’!“. Ja und Nein. Das sind Antworten auf Fragen, auf Wünsche, auf Forderungen.

Manchmal sind es auch unausgesprochene Wünsche und Forderungen. Wenn z.B. ein süchtiger Mensch nach einem Rückfall seinen Lieben sagt: „Ich rühre nie mehr im Leben einen Tropfen an! Ehrlich! Und diesmal ganz bestimmt!“, dann ist das mehr als nur eine Prognose. Dann ist das auch die Antwort auf die Not der Angehörigen und ihren dringenden Wunsch. Ich meine: KEINE gute Antwort. Um es in Anlehnung an Jesus zu sagen: „Wie kannst Du, noch dazu, wo es gerade schief gegangen ist, für alle Zeiten etwas versprechen, wo Du doch nicht mal Dein Haar weiß oder schwarz wachsen lassen kannst?!?“

Einfach „Ja“ oder „Nein“ als Antwort. Klartext. Das mit dem „Ja“ und dem „Nein“ sollten Sie sich speziell dann hinter den Spiegel stecken, wenn Sie nur das „Ja“ oder nur das „Nein“ im Repertoire haben:

  • Die mit immer nur „Nein“, die sind dauernd ablehnend, abgrenzend unterwegs. Denen ist es nicht nur ein wichtiges, sondern das einzige Kriterium: „Was kommt für mich dabei heraus?“. Kapitalismus in Reinform: „Wo hole ich bei möglichst geringen Investitionen das Maximum raus?“ Die anderen interessieren nicht, schon gar nicht die, deren Elend ich mir nicht angucken muss.

Zumindest in meinem Beruf begegnen mir rigorose Nein-Sager allerdings kaum: Solche Leute kommen selten in die Klinik.

  • Die, die nie „Nein“ sagen, die treffe ich schon öfter in der Klinik an. Manch einem ist der Ernst der Lage klar – und die Not-Wendigkeit, das „Nein“ zu lernen und anzuwenden, allen Ängsten zum Trotz. Andere reden sich oder mir das Problem ein bisschen klein, verharmlosen es. Die sagen dann mit kokettierendem Lächeln: „Also ich kann ja nicht Nein sagen!“ – und erwarten vielleicht Anerkennung für so viel Selbstlosigkeit. – Pustekuchen! Nicht bei Jesus. Der verlangt geradezu das „Nein“ in Ihrem aktiven Wortschatz. Und wenn Sie es nicht drauf haben, müssen Sie es lernen.

Es gibt noch eine dritte Variante: Das „Ja – aber“. Das ist faktisch ein „Nein“. Aber ein bisschen versteckter. Und wer sagt das „Ja – aber“?

  • Die Immer-nur-Nein-Sagen. Wenn sie mit ihrem „Nein“ freundlich rüberkommen wollen.

  • Die Immer-nur-Ja-Sager. Wenn sie „eigentlich“ Nein sagen wollen, aber genau das eben nicht über die Lippen kriegen. Das „Ja – aber“ ist auch in Therapie und Seelsorge sehr beliebt: Damit kann man seinem „Helfer“ nämlich sämtliche gutgemeinten Veränderungs­vorschläge aus der Hand schlagen, ohne offen sagen zu müssen: „Ach, lass mich doch einfach in Frieden in meinem Elend!“

Jesus spricht von „Ja“ und von „Nein“. Von „Ja – aber“ hat er nichts gesagt. Klartext. Ehrlich. So, dass es möglichst wenig daran zu deuten gibt.

Aber was, wenn Sie einfach kein klares „Ja“ oder „Nein“ haben? Weil Sie beides zugleich wollen? Sich hin und her gerissen fühlen? Oder weil Sie gar nicht wissen, was Sie wollen? Oder weil Sie es allen anderen recht machen wollen, aber nicht allen recht machen können? Weil Sie Ihren Kalender nicht dabei haben? – Es gibt viele gute Gründe, weswegen Sie das jetzt nicht können, was Jesus hier einfordert: Klar „Ja“ oder „Nein“ zu sagen. Was dann?

Ich halte es für verkehrt, „wie aus der Pistole“ die Ja-Nein-Antwort herauszuhauen, die Ihnen gerade ganz vorn auf der Zunge liegt. Denn die Antwort ganz vorn auf der Zunge ist zugleich am weitesten weg vom Hirn. Und auch vom Herzen. Das gilt erst recht für schnelle Schwüre, Versprechen, Versicherungen, Absichtserklärungen.

Wenn Jesus Klartext will, ich mir aber nicht im Klaren bin, dann wäre es doch auch Klartext zu sagen: „Ich weiß noch nicht“; „Ich überleg’s mir“; „Ich muss das noch besprechen / klären / mich beraten“; „Da will ich mal erst eine Nacht drüber schlafen“; „Ich melde mich und sage es Dir dann“. Am Unfallort mit Verletzten muss ich von jetzt auf gleich reagieren. Sonst im Leben eher selten. Gut Ding will oft Weile haben. Und wenn die Weile nötig ist, sollte ich sie mir auch geben. Und mir keinen Druck machen oder machen lassen.

So weit die „Sprach-Schule“. Und was hat das nun in einer Andacht zu suchen? Dazu zwei Antworten:

  1. Es ist JESUS, der da spricht. „Ich sage euch aber: Schwört überhaupt nicht!“ In diesem „Ich sage euch aber“ liegt seine ganze Vollmacht, seine ganze Autorität. Das ist mehr als ein gut gemeinter Tipp, zu dem ich mich so oder so verhalten kann. Ich will hier jetzt gar nicht Spezialfälle von „Notlügen“ diskutieren. Für den Regelfall können Leute, die sich zu Jesus halten, NICHT sagen: „Wahrhaftigkeit und Klarheit sind für mich nur dann Werte, wenn sie mir gerade in den Kram passen!“

  2. Jesus sagt: „Der Himmel ist Gottes Thron; die Erde der Schemel seiner Füße; Jerusalem ist Gottes Stadt – und nicht einmal die Farbe, in der Dein Haar wächst, hast Du im Griff!“ Ich kann nicht den großen Gott für meine kleinen, zerbrechlichen Aussagen und Versprechen als Garant in Anspruch nehmen – ich würde riskieren, den Namen Gottes zu missbrauchen. Ich finde, das gilt auch für alle Beteuerungen, die ich ohne die Nennung Gottes abgebe. Denn: Was weiß ich denn schon? Was kann ich denn schon verlässlich vorhersagen und verlässlich zusagen?

Ich meine: Diese Andacht wird sich dann für Sie lohnen, wenn Sie Ihrer Sprache besondere Aufmerksamkeit schenken: Wie Sie „ihre“ Wahrheiten sagen, wie Sie Ihre Absichten formulieren, wie Sie es mit dem „Ja“ und dem „Nein“ halten. Und wenn das alles dabei hilft, Gott die letzte Wahrheit zu lassen und bescheidener von den eigenen Wahrheiten zu sprechen, dann wäre das wohl auch gut für Ihre Gottesbeziehung. – Nicht bestimmt und garantiert, aber vielleicht und eventuell.

Gebet:

Gott, ich bitte Dich: Hilf mir, passende Worte zu finden und sie auch auszusprechen; im richtigen Moment zu schweigen; auf Dich zu hören. Und vergib mir die allzu vollmundigen Sprüche! Amen.

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Relikt oder Reliquie? Von der Berührung mit dem Heiligen. Andacht zum 6.6.2015

Reliquie“ kommt aus dem Lateinischen: „relinquere“ heißt „zurücklassen“. Reliquien sind Hinterlassenschaften. Aber nicht das, was Sie nach dem Bundesligaspiel im Zug vorfinden, sondern: Dinge, die „heilig“ sind. Die angeblich von Jesus stammen oder von seinen Aposteln, Verwandten oder von „Heiligen“. Haare, Knochen, Textilfetzen, Holzsplitter usw. Nichts Lebendiges. Nichts mit praktischem Nutzen. Oft nicht mal etwas besonders Ansehnliches.

Jetzt wundern Sie sich vielleicht, dass Sie von mir, einem Protestanten, etwas zu Reliquien lesen. Da muss ich Ihnen gestehen: Ich habe auch welche! In „meinem“ Zimmer z.B.: ein Rückenkratzer von meiner Frau, ein abgetakelter Teddy aus meiner Kindheit, der abgetragene Hut eines verstorbenen Freundes, die amerikanische Fruchtriegelverpackung von einer Freundin. Oder mein Gesprächszimmer in der Klinik in Lengerich: voller Reliquien der letzten gut 16 Jahre! Nun habe ich für diese Reliquien keine Altäre und Vitrinen, aber ich werfe sie keinesfalls einfach weg. Auch wenn sie weder einen praktischen Wert noch einen Sammlerwert haben.

Der „Wert“ solcher Dinge liegt also wohl NICHT in den Dingen selbst, sondern: im Auge des Betrachters! Der kaputte Hut, der abgetakelte Teddy, die amerikanische Plastikverpackung und der Rückenkratzer, sie werden vermutlich „entsorgt“ werden, wenn ich mal tot bin. Weil sie in den Augen meiner Erben wahrscheinlich keine Bedeutung haben und keinen Wert.

Gleiches gilt für heilige Orte, heilige Tage, heilige Bücher, heilige Gegenstände: Auch ihre Heiligkeit liegt im Auge des Betrachters. Weil sie eine Geschichte haben, die für den Glaubenden Bedeutung hat. Weil sie über sich selbst hinaus weisen. Es sind „Symbole“. Symbole verweisen auf etwas Größeres. Dieses Größere wird durch das Symbol anschaulich, fassbar, erfahrbar, zugänglich. So gesehen, können Christen sagen: DAS Symbol schlechthin, das Gott von sich selbst gegeben hat, das ist Jesus Christus. Für Jesus gibt es dann auch wieder Symbole: Z.B. Taufe und Abendmahl, Jesus-Worte und Jesus-Geschichten. Das Kreuz, der Fisch.

Die Bedeutung des Symbols liegt im Auge des Betrachters. Deshalb: Jemand, der keinen Zugang zu „meinem“ Glauben hat, für den sind „meine“ heiligen Orte, heiligen Tage, mein heiliges Buch, meine heiligen Gegenstände völlig nichtssagend, tot. Bestenfalls ab ins Museum damit. Als Relikte aus einer anderen Zeit und einer anderen Welt. Oder in die Gruft. Das ist wohl auch der Unterschied zwischen „Relikt“ und „Reliquie“: Relikte sind tot, Reliquien leben. Nochmal: Es liegt im Auge des Betrachters.

Und nun: Eine Reliquie besonderer Art. Die sterblichen Überreste des Propheten Elischa. Der war ein Prophet im Nordreich Israel, 9. Jahrhundert vor Christus. Es gibt über ihn eine ganze Reihe phantastischer Wundergeschichten, die für meinen Geschmack ziemlich ins Legendarische gehen. Was man in diesen Geschichten kaum lesen kann: Was das alles mit Gott zu tun hat, mit dem Glauben, oder was denn Elischas „Message“ gewesen ist. Mit Elischas spektakulären Wundern ist das wie mit der Reliquien-Verehrung: Man kann zwar kräftig darüber staunen und fasziniert sein. Aber wenn das Größere dahinter nicht durchschimmert, dann ist das mager. Keine große Symbol-Kraft.

Na ja. Hier nun das völlig unspektakuläre das Ende dieses Wunder-Propheten:

Elischa starb und wurde in einer Grabhöhle bestattet.

Also auch das Ende aller seiner Wunder? Nein. Eines kommt noch:

Im folgenden Frühjahr machten räuberische Banden aus Moab das Land unsicher. Einmal wollte man gerade einen Mann bestatten, als eine solche Bande daherkam. Die Leute warfen ihren Toten einfach in die Grabnische Elischas und rannten davon. Kaum aber war der Tote mit den Gebeinen Elischas in Berührung gekommen, da wurde er wieder lebendig und stand auf. (aus 2. Könige 13)

Sie können jetzt dieses Ereignis wörtlich nehmen, einmal kräftig darüber staunen – und dann sind Sie mit der Geschichte fertig. Oder Sie können alles ins Reich der Legenden verweisen. Dann dürfen Sie immerhin über so viel Phantasie staunen – und sind ebenfalls damit fertig.

MEIN Vorschlag: Sie lassen das offen – und sind mit der Geschichte NICHT fertig. Sie lesen sie anders – Sie nehmen die Geschichte selbst als ein Symbol: Als eine Schilderung, die über sich hinaus weist – bis hinein in IHR Leben. Nehmen Sie die Geschichte nicht als Relikt, sondern als Reliquie! Vielleicht so:

Der Tod des Elischa“

Es gab in Ihrem Leben eine Zeit, da war das mit dem Glauben wunderbar. Sie fühlten sich mit Gott eng verbunden, wussten sich geliebt und gehalten. Wollten immer mehr wissen und erfahren. Haben ganz selbstverständlich gebetet. Ach, und was haben Sie damals alles zusammen mit den Leuten erlebt und unternommen, die auch so drauf waren …! Es war alles göttlich, heilig, kraftvoll, lebendig, wunderbar!

Aber dann! Vielleicht war es abrupt, vielleicht als schleichender Prozess. Die Zeit ist drüber hinweggegangen, das Leben ist aus Ihrem Glauben gewichen – und der Glaube aus Ihrem Leben. Alles erstarrte irgendwie. Die sterblichen Überreste Ihres ehemals vitalen Glaubens, sie wirken ein bisschen wie „Museum“ oder „Grabpflege“. Manchmal sehnen Sie sich nach der vergangenen Zeit. Aber es ist zu weit weg, Sie haben die Verbindung verloren.

Die räuberischen Banden aus Moab“

Das Gefühl der Angst, das Gefühl der Bedrohung. Vielleicht, weil Sie so heimatlos geworden sind, sich in eine kalte Welt geworfen fühlen. Sie sind empfindlich für die Krisenzeichen geworden – für die in ihrem persönlichen Leben, für die in der weiten Welt. Ein Leben auf der Hut, ein Leben auf der Flucht. Kein Zuhause-Gefühl, keine wirkliche Entspannung mehr. Mit weit aufgerissenen, übermüdeten Augen.

Der weggeworfene Tote“

Vielleicht sind Sie an den Punkt gekommen, wo Sie auch äußerlich nicht mehr „funktionierten“, wo die Lebendigkeit so sehr aus Ihnen raus ist, dass es auch für andere erkennbar nicht mehr normal läuft. Die Fassade hat Löcher. Aus der Bahn geworfen. Sie sind nicht mehr tragbar, jedenfalls nicht so wie früher. Sind irgendwie abgehängt, zurückgelassen, weggeworfen.

Zwei Tote kommen in Berührung“

Zwei in einer Grabhöhle: Der erstorbene Glaube von damals. Und der erstarrte, schwer tragbare Mensch von heute. In beiden steckt kein Leben mehr, da ist nichts zu hoffen. Was gibt es Trostloseres als eine doppelt belegte Grabhöhle?

Die Zwei kommen in Berührung. Nach so langer Zeit wieder in Berührung. Die sterblichen Überreste einer vergangenen Zeit. Für alle anderen bleibt Elischa tot. Aber für Sie nicht: Aus den Relikten wird – für Sie – eine Reliquie! Für die anderen etwas Erstorbenes. Aber für Sie: Der, der durch diesen tot geglaubten Glauben hindurch wirkt, der berührt Sie! Der Heilige, der Lebendige! Gott selbst! Der Funke Leben springt auf Sie über. Kleine Flammen, etwas Wärme in der Gruft. Dann lodert es auf! Sie stehen auf. Sie leben!

Dass das Erstorbene in uns durch die Berührung mit etwas Lebendigem, das sonst alle für tot halten, zu neuem Leben erwacht, das schenke uns – der lebendige – Gott!

Gebet (aus Taizé):

Inmitten unsrer Nacht / entzünde ein Feuer, das nie mehr verlischt, das niemals mehr verlischt!

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Pfingstliche Umwege. Andacht zum 29.5.2015

Nochmal Pfingsten – Fest des „Heiligen Geistes“. „Heiliger Geist“ – eine Formulierung, die nicht gerade in aller Munde ist. Nicht mal unter Christen. Dann scheint er ja wohl nicht so wichtig zu sein. – Oder wofür brauchen Sie den Heiligen Geist?

Ketzerische Frage, finde ich. Und zwar wegen des „Brauchens“. Fast alle wirklich wichtigen Dinge im Leben können Sie sich nämlich damit entwerten, dass Sie fragen, wofür Sie das denn „brauchen“, was denn der Zweck davon ist, wofür das gut ist.

Beispiel: Während ich dies schreibe, liegt mir unser Hund schlafend auf dem Schoß. Das ist schön. Das ist innig. Wenn ich jetzt aber frage: „Wofür brauche ich den Hund?“, na ja, dann kommt dabei heraus: Er bellt bei ungebetenen Gästen (leider auch bei gebetenen). Klingt nicht so fürchterlich wichtig. Oder Sie haben eine erfüllende Arbeit, einen lieben Partner, ein interessantes Hobby, einen besten Freund, eine große Lebens-Aufgabe, ein reiches Gebets­leben, oder, oder. – Wenn Sie sich nun fragen, wofür Sie das denn brauchen, verändert sich sofort der gefühlte Wert nach unten. Weil durch die Frage ein Wert an sich zu einem bloßen, manchmal dürftigen „Mittel“ wird. Übrigens zugleich ein „Mittel“, was man schnell entsorgen und ersetzen kann, wenn es nicht mehr viel taugt.

Am Ende der Schöpfung sieht Gott alles an – „und siehe, es war sehr gut!“ Auch da könnte ich fragen: „Sehr gut – WOFÜR?“ Ich habe die Vermutung: Auf DIE Frage hätte nicht mal Gott eine Antwort. Weil das nun wirklich eine ganz dumme Frage ist. Und eine zerstörerische Frage. Denn: Die Schöpfung ist in sich kostbar. Aber zu nichts „nütze“.

Jetzt trotzdem die ketzerische Frage: Wofür brauchen Sie den Heiligen Geist?

  • Erste Antwort: Zum Glauben! Zum Gott-Vertrauen!

  • Zweite Antwort: Zur Gemeinschaft! Dieser Geist verbindet glaubende Menschen.

  • Dritte Antwort: Zum Geister-Unterscheiden! Der Heilige Geist hilft dabei, die problematischen Seiten des Zeit-Geistes zu erkennen. Vielleicht gibt er auch die Kraft, an den passenden Stellen gegen den Strom des Zeit-Geistes zu schwimmen.

  • Vierte Antwort: Zum Trost. Jesus nennt den Geist immer wieder den „Tröster“.

Die Liste ist nicht vollständig. Um eine fünfte Antwort soll es jetzt ausführlicher gehen: Der Heilige Geist gibt Weg-Weisung!

Nachdem der Apostel Paulus mit seinem Missionars-Kollegen Barnabas Streit gehabt hat, gehen sie getrennte Wege. Wer „im Namen des Herrn unterwegs“ ist, ist aber in aller Regel Team-Player, und deswegen heißt die neue Mannschaft für die zweite Missionsreise: Paulus, Timotheus, Silas. Wie die erste Reise findet die zweite im asiatischen Teil der heutigen Türkei statt, aber nicht nur in den bereits bereisten Ecken. – Und jetzt können sie mal laut lesen:

Sie zogen aber durch Phrygien und das Land Galatien, da ihnen vom Heiligen Geist verwehrt wurde, das Wort zu predigen in der Provinz Asien. Als sie aber bis nach Mysien gekommen waren, versuchten sie, nach Bithynien zu reisen. Doch der Geist Jesu ließ es ihnen nicht zu. Da zogen sie durch Mysien und kamen hinab nach Troas.

Was mich am meisten interessiert, bleibt hier leider unbeantwortet. Nämlich: WIE hat der „Heilige Geist“ bzw. der „Geist Jesu“ das denn gemacht? Wie hat er „verwehrt“, wie hat er „nicht zugelassen“? Ein Geistesblitz? Das Ergebnis einer Diskussion? Achsenbruch beim Ochsenkarren? Keine Antwort.

Was wir immerhin erfahren: Der Heilige Geist bremst zweimal den frommen Einsatz und die ehrgeizigen Ziele engagierter Christen! Predigtverbot ausgerechnet durch den Heiligen Geist! Die Reisenden „im Namen des Herrn“ werden geradezu genötigt, bestimmte Aufgaben und die Menschen dazu links liegen zu lassen. Denn: Nicht alles geht! Die Schlussfolgerung müsste für manchen Christen bestürzend sein: Wer als Workaholic in christlichem Gewand unterwegs ist und ungehemmt sein Helfersyndrom auslebt, kann nicht davon ausgehen, das im Geiste Gottes zu tun. Der muss sich zumindest die FRAGE gefallen lassen: „Aus welchem Geist, aus welcher Motivation heraus mache und tue ich das denn WIRKLICH?“

Weiter: Der Heilige Geist zeigt diesen drei Leuten – wie auch immer -, was er NICHT will. Aber er zeigt ihnen (noch) nicht, was er denn stattdessen will. Paulus, Silas und Timotheus müssen eine Weile damit klar kommen, nicht zu wissen, wo es denn lang geht. Sie kommen nicht darum herum, ein paar anscheinend nutzlose Probe-Schritte in diese und jene Richtung zu machen. „Heiliger Geist“ bedeutet offenbar nicht: „Immer alles klar!“ Nein, manchmal bleiben Dinge erstmal in der Schwebe, manchmal ist Geduld gefragt. Vielleicht sollte es Sie misstrauisch machen, wenn immer alles klar ist, speziell für Ihre Ratgeber.

Weiter: Es ist scheint’s gut, überhaupt etwas zu wollen. Eine Richtung einzuschlagen. Selbst wenn sich dann herausstellt: Die Richtung war noch nicht die richtige. Der Heilige Geist macht sich hier so bemerkbar, dass er einem bestehenden Willen etwas entgegensetzt. Da hat es der Geist vielleicht schwerer, wenn einer von vornherein gar nichts will. Sich treiben lässt. Oder nie von der Stelle kommt.

Unsere drei Missionare sind offen für die Möglichkeit, dass sich dann ihr „guter Wille“ nicht mit der Dynamik des Heiligen Geistes deckt. Es ist die Offenheit, dass etwas „falsch“ sein könnte, ohne dass es gleich „sündig“ wäre.

Bis hierher wissen wir aus der Geschichte, was der Geist NICHT will. Und was will er?

Und Paulus sah eine Erscheinung bei Nacht: Ein Mann aus Mazedonien stand da und bat ihn: Komm herüber nach Mazedonien und hilf uns! Als er aber die Erscheinung gesehen hatte, da suchten wir sogleich nach Mazedonien zu reisen, gewiss, dass uns Gott dahin berufen hatte, ihnen das Evangelium zu predigen. (aus Apostelgeschichte 16)

Steht hier wirklich, was der GEIST will? Nein! Der Evangelist Lukas, der auch die Apostel­geschichte geschrieben hat, schreibt vorsichtigerweise hier nichts von „Geist“. Sondern von einer „Erscheinung“, so einer Art Traum.

Ist es gut, seinen Träumen zu folgen? Bei Albträumen: Nein! Bei schönen Träumen: Vielleicht. Oder: Mal ja, mal nein. Es gibt da keine sichere Regel, keine letzte Garantie. Paulus bricht mit seinen Leuten trotzdem auf – „GEWISS, dass uns Gott dahin berufen hatte“. Gewissheit. Das ist etwas anderes als Sicherheit oder eine Garantie-Erklärung. Es geht nicht ohne Vertrauen, nicht ohne Wagnis. So kommt Gottes Evangelium über den Bosporus nach Mazedonien, nach Europa, zu uns.

Und nun? Es steckt mal wieder kein Patent-Rezept drin, wie Sie Ihre kleinen und großen Entscheidungen „mit Sicherheit“ im Geiste Gottes treffen. Schade. Aber vielleicht macht Sie diese Geschichte bereit, öfter mal die Scheuklappen abzunehmen und ehrlicher darauf zu schauen, welche Motive, Vorstellungen, Grundsätze Sie denn meist leiten – obwohl diese vielleicht grundverkehrt sein könnten. Und vielleicht lassen Sie sich von dieser Geschichte ermutigen, den Bewegungen des Heiligen Geistes nachzuspüren. Und Gott um seinen Geist zu bitten. Ohne Unterbrechung der Hektik wird das aber nicht gehen – weder das Nachspüren noch das Bitten.

Gebet: Lehre mich tun nach Deinem Wohlgefallen! Denn Du bist mein Gott! Dein Heiliger Geist leite mich auf ebener Bahn! (aus Psalm 143)

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Ratlos zu Pfingsten. Andacht zum 22.5.2015 und zu Pfingsten

Pfingsten – Fest des Heiligen Geistes. Wenn Sie es gleich in der Apostelgeschichte lesen, was damals in Jerusalem passiert ist, dann erfahren Sie von stürmischem Brausen, von Flammen und von gegenseitigem Verstehen über alle Sprachbarrieren hinweg.

Gottes Geist, der hat wohl auch damit zu tun: frischer Wind in Herz und Kopf; Feuer und Flamme sein; einander verstehen trotz unterschiedlicher Sprachen. – Ein Wunder, wenn auf einmal unerwartet Verständnis da ist!

Sie werden aber noch etwas anderes finden in der Pfingstgeschichte: Ratlosigkeit. Unverständnis. Aber nun erstmal die Geschichte:

Als der Pfingsttag gekommen war, befanden sich alle am gleichen Ort. Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daher fährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie waren. Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten. Auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder. Alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt und begannen, in fremden Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab.

In Jerusalem aber wohnten Juden, fromme Männer aus allen Völkern unter dem Himmel. Als sich das Getöse erhob, strömte die Menge zusammen und war ganz bestürzt, denn jeder hörte sie in seiner Sprache reden. Sie gerieten außer sich vor Staunen und sagten: Sind das nicht alles Galiläer, die hier reden? Wieso kann sie jeder von uns in seiner Muttersprache hören? (…) Wir hören sie in unseren Sprachen Gottes große Taten verkünden.

Alle gerieten außer sich und waren ratlos. Die einen sagten zueinander: Was hat das zu bedeuten? Andere aber spotteten: Sie sind vom süßen Wein betrunken.

Wer sind „alle“, die da am gleichen Ort versammelt sind? Von Kindesbeinen an hatte ich mir dazu die 12 Apostel vorgestellt. Aber Pustekuchen! Wenn Sie in das Kapitel vorher gucken, sind „alle“ wohl ca. 120 Geschwister im Glauben, von denen dort die Rede ist. Also: Am Pfingsttag damals in Jerusalem kommt Gottes Geist weder zu der einzelnen frommen Seele noch in eine elitäre Gemeinschaft der allerengsten Jesus-Freunde, sondern in eine große, wohl ziemlich bunte, ziemlich zusammen­gewürfelte Schar. „Gewöhnliche Leute“, nicht bloß Kandidaten für spätere Heiligen­kalender. Es ist also auch Ihre und meine Geschichte.

Dann noch ein Irrtum von meinen Kindesbeinen an: Ich hatte die Szene immer betrachtet als jemand, der von außen draufguckt und dann die Leute mit den Flammen auf den Köpfen sieht. Schon wieder: Pustekuchen! „Es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer“ – das bedeutet: Die 120 Betroffenen sehen diese Flammen – die „Außenstehenden“ aber nicht. Die Außenstehenden „sehen“ gar nichts.

Was sehen die 120? Da sie wohl keine Spiegel im Handtäschchen hatten und die Flammen auch nicht heiß waren, sahen und spürten sie davon bei sich selbst wohl nichts. Aber: Sie sahen es bei den anderen! Es kann also sein, dass Gottes Geist einen in Flammen setzt – und man merkt gar nichts davon! Aber man merkt es vielleicht bei den anderen. Immerhin!

Ob die 120 selbst etwas von diesem Sprach-Wunder merkten? Bin ich mir nicht sicher. Ich denke da ohnehin nicht daran, wie jemand auf einmal perfekt eine Fremdsprache spricht – gänzlich ohne Vokabel-Pauken und Grammatik-Üben, und das alles als einmaliges Ereignis in der Weltgeschichte, das sich niemals wiederholt hat, auch nicht damals in meinem Französisch-Unterricht. Eher denke ich an ekstatisches Stammeln, wie es im frühen Christum und in manchen Gruppen bis heute verbreitet ist. Dass Lukas uns von wohl-artikulierten Sprachen berichtet, verstehe ich so: Gottes Geist schafft Verständnis über alle Grenzen hinweg: Grenzen der Sprache, der Herkunft, der Kultur, des Geldes.

Aber was ALLE mitbekommen, auch viele Einwohner und Gäste der Stadt: das Brausen! Der frische Wind. Und was die Meisten mitbekommen: Dieses grenzüberschreitende Verstehen! Die Geschichte vom Turmbau zu Babel kehrt sich hier um: Beim Turmbau haben die Menschen versucht, sich an Gottes Stelle zu setzen – und verstanden einander (wohl auch sich selbst) nicht mehr. Und hier, wo Gottes Geist sich Raum schafft, gibt es neues Verstehen.

Und worum geht es inhaltlich? „Wir hören sie in unseren Sprachen Gottes große Taten verkünden!“ Falls Sie ihren Glauben außer durch Ihr Leben und Tun auch durch Ihre Worte unter die Leute bringen wollen, steht in diesem einen Satz das komplette Programm. Ich sage es so:

  • Von Gott zu sprechen, nutzt gar nichts, wenn die Leute Sie einfach nicht verstehen. Sie müssen schon „deren Sprache sprechen“.

  • Die „Sprache“ der Leute zu sprechen, nutzt gar nichts, wenn nicht von Gott die Rede ist. Jedenfalls nutzt das nicht zum Glauben-Weitersagen, sonst schon.

Und nun das, worauf es mir besonders ankommt: Die Ratlosigkeit.

Alle gerieten außer sich und waren ratlos. (Alles: aus Apostelgeschichte 2)

Ich habe das mit Verblüffung gelesen: Wer in die Nähe des Geistes Gottes gerät, den kann das in Unruhe und Ratlosigkeit versetzen! Diejenigen, die mit diesem Geist in Berühung kommen, kriegen hier die Krise! Was sie dann damit tun, ist allerdings unterschiedlich:

Die einen sagten zueinander: Was hat das zu bedeuten? Andere aber spotteten: Sie sind vom süßen Wein betrunken.

Also: Die einen halten die Frage und ihre Ratlosigkeit aus. Die anderen wischen ihre Ratlosigkeit mit einer flotten Antwort vom Tisch: „Alle besoffen!“ Das ist wohl so: Diejenigen mit den stets flotten Antworten müssen nie lange ratlos sein. Und haben oft auch einen schnellen „guten Rat“ für andere auf den Lippen.

Die Geschichte geht noch weiter: Petrus ergreift das Wort und sagt den ratlosen Leuten ein paar Esssentials des christlichen Glaubens. Das „Ergebnis“: Viele Leute lassen sich taufen – die erste christliche Gemeinde ist zur Welt gekommen!

Keiner hat es nachgezählt, aber ich vermute: Von denjenigen mit der flotten Erklärung „Alle betrunken!“ wird wohl kaum einer bei der Taufe dabei gewesen sein. Anders diejenigen, die ihre Ratlosigkeit ausgehalten haben: Die haben wahrscheinlich eine ganz andere Bereitschaft und Offenheit mitgebracht, überhaupt zuzuhören. Und dann das Gehörte zu bedenken. Und nachzufragen. Und dann, erst dann, die Ratlosigkeit in eine Entscheidung zu gießen.

Damals in Jerusalem: Die erste christliche Gemeinde. Und ein Wendepunkt im Leben vieler Menschen. Ein Geschenk des Geistes Gottes! Und: Eine Frucht der Ratlosigkeit!

Darum: Wenn Sie das nächste Mal ratlos sind, halten Sie’s aus! Schieben Sie Ihre Ratlosigkeit nicht gleich weg! Ihre Ratlosigkeit könnte Geist-reicher sein, als sie sich gerade anfühlt! – Wer weiß, was noch draus wird …

Gebet:

Gott, Du siehst es doch, wie ratlos ich manchmal bin. Wie schwer es mir fällt, mich zu entscheiden. Und wie inkonsequent ich damit bin, eine Entscheidung auszuhalten und länger zu erproben, statt sie immer neu in Zweifel zu ziehen.

Gott, gib mir Geduld zu meiner Ratlosigkeit! Deinen Segen zu meinen Entscheidungen! Vertrauen auf Dich, wenn ich meinen Weg gehe! Und Deinen Geist, dass mir ein Licht aufgeht, wenn die Zeit reif ist! Amen.

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