Tabu-Thema Tod. Andacht zum 17.3.2017

Jesus hatte einen jungen Mann geheilt. Das war ziemlich dramatisch und hatte Aufsehen erregt. Eigentlich mal wieder eine gute Gelegenheit, die eigene Botschaft unter die Leute zu bringen. Aber das tut Jesus jetzt NICHT:

(Jesus und seine Jünger) gingen von dort weg und zogen durch Galiläa. Und er wollte nicht, dass es jemand erfuhr. (Markus 9, 30)

Jesus zieht sich zurück, er meidet die Öffentlichkeit. Das tut er nicht grundsätzlich, aber immer wieder – und oft vergeblich: Schon ganz vorn im Markus-Evangelium können wir das nachlesen: Jesus hatte einen „Aussätzigen“ geheilt. Der Geheilte sollte das bitte nicht an die große Glocke hängen. Tut der aber doch:

(Der Geheilte …) fing an, die Sache eifrig zu verkünden und auszubreiten, so dass Jesus nicht mehr öffentlich in eine Stadt gehen konnte. Sondern er war draußen an einsamen Orten, und sie kamen von allen Seiten zu ihm. (Markus 1, 45)

Ähnlich jetzt: Wieder zieht Jesus sich zurück, möchte möglichst unerreichbar sein. Nur: Diesmal hat Jesus einen speziellen Grund:

Denn er lehrte seine Jünger …

Wenn Jesus Außergewöhnliches TUT, will sich das niemand entgehen lassen. Wenn Jesus etwas SAGT, ist das schon was anderes. Viele hören ihm zwar stundenlang zu, aber anderen wird das schon mal zu viel. Heute würden das noch weniger Leute aushalten, in der Zeit von Fernsehen und Smartphone ist der schnelle Wechsel angesagt. – Und da möchte ich Ihnen jetzt Honig um den Mund streichen: Dass Sie es aushalten, jetzt gerade Seiten Text zu lesen – da gehören Sie wohl zu einer Minderheit. Na, Sie sind ja noch nicht am Ende damit.

Und nun „lehrt“ Jesus seine Jünger. Also die, die zu ihm gehören. Mir kommt das so vor: Sich von Jesu tollen Taten begeistern lassen, das ist Pommes. Und auf das hören, was Jesus lehrt, das ist Schwarzbrot. Pommes ist gut. Aber NUR Pommes ist nicht gut. Ohne Schwarzbrot geht es nicht, das Jünger-Sein. Auch wenn man daran zu kauen hat.

Jesus will bei seinem „Lehren“ diesmal die Öffentlichkeit nicht dabei haben. Ob es damit zu tun hat, WAS Jesus da lehrt? Meine Antwort: Ja! Hören wir mal rein …

Jesus sprach zu ihnen: Der Sohn des Menschen wird überliefert in der Menschen Hände, und sie werden ihn töten. Und nachdem er getötet worden ist, wird er nach drei Tagen auferstehen.

Jesu „zweite Leidensankündigung“. – Wieso nicht vor den Ohren der Öffent­lichkeit?

Meine erste Antwort: Jesus fürchtet vielleicht: Der Durschnitts-Hörer oder die Durch­schnitts­­-Hörerin versteht ihn da einfach nicht. Das mit dem Tod nicht, das mit der Auferstehung schon mal überhaupt nicht.

Vielleicht fürchtet Jesus auch „guten Rat“ und billigen Trost. Sie können das ausprobieren: Falls Sie körperlich halbwegs gesund sind, erzählen Sie mal, dass Sie sich Gedanken über Ihren Tod machen. Vielleicht sprechen Sie sogar von Todes-Angst. Dann können Sie solche Sachen hören wie: „Ach, sterben müssen wir alle mal!“; „Na ja, das wird aber noch lange hin sein!“ Oder wenn Sie tatsächlich bedrohlich krank sind: „Na, das wird schon wieder!“; „Man soll die Hoffnung nicht aufgeben!“ usw. Die Sprüche an sich sind für mich noch nicht mal das Schlimmste. Richtig schlimm finde ich, wenn sie so schnell aus dem Hut gezaubert werden – um ein Gespräch zu beenden, bevor es überhaupt begonnen hat.

Oder umgekehrt: Nicht die Todes-Angst, sondern die Todes-Sehnsucht. – Da sollten Sie sehr dringend drüber reden! Aber auch hier: Eher nicht mit denjenigen, die Ihnen platt erklären, wie schön doch die Welt im Allgemeinen ist und Ihr Leben im Besonderen. Und: Eher nicht mit denjenigen, die damit überfordert sind.

Meine zweite Antwort, warum Jesus das im kleinen Kreis anspricht: Der eigene Tod ist etwas sehr Persönliches. Das muss und will er vielleicht nicht vor jedem ausbreiten.

Jedoch: Auch wenn Jesus zu seinen engsten Mit-Menschen über das spricht, was ihm bevorsteht: Ich finde, so richtig Glück hat er mit ihnen nicht:

Sie aber verstanden die Rede nicht und fürchteten sich, ihn zu fragen.

Also: Die Öffentlichkeit hätte nichts verstanden – ja. Aber seine Jünger verstehen auch nichts.

Na, die Jünger können ja FRAGEN. Das Fragen hilft, um besser zu verstehen. Die Fragen der Jünger würden Jesus außerdem ermutigen zu erzählen, was ihn bewegt. Jesus würde sich etwas besser verstanden fühlen. – Wissen Sie, ich finde, „Verstehen“ ist unter Menschen sowieso kaum möglich, weil ich nie wirklich in den Schuhen des anderen stehe. Aber allein schon das BEMÜHEN um Verstehen kann helfen und trösten. Jedenfalls mehr trösten als all die flotten Gesprächsverhinderungs-Trostsprüche.

Aber nein, die Jünger fürchten sich zu fragen. Eher so: Wenn ich mir die Hände vor’s Gesicht halte, dann kann ich es nicht sehen, dann gibt es das auch nicht und alles ist gut.

Was machen die Jünger stattdessen? Lesen wir noch ein bisschen weiter …

Sie kamen nach Kapernaum, und als Jesus im Hause war, fragte er sie: Was habt ihr unterwegs besprochen? Sie aber schwiegen. Denn sie hatten sich auf dem Weg unter­einander besprochen, wer der Größte sei.

Es ist wie schon direkt nach der Leidensankündigung: Die Jünger schweigen. Diesmal aus einem anderen Grund: Ihr Gezänk, wer denn der Größte unter ihnen ist, wird ihnen schreck­lich peinlich sein. Sie wissen ja sehr genau, dass ausgerechnet Jesus, ihr Meister, gerade nicht derjenige ist, der sich als Chef aufplustert, sondern der allen dient. Jesus – der sich regelrecht „aufopfert“. Und von der äußer­sten Konsequenz dieser Selbst-Aufopferung hatte Jesus ja gesprochen: die Leidensankündigung. Aber das verstanden die Jünger ja nicht, und das wollten sie lieber nicht so genau wissen.

Nein, das verdrängen sie. Das mit dem Tod. Das mit dem Sich-Aufopfern. Und die Konsequenz? Dieses unsinnige, unsägliche Gesellschafts-Spiel: „Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist der Größte im ganzen Land?“

Was kann es uns bringen, uns all das zu Gemüte zu führen? Hier meine Antworten:

  • Wenn Sie viel von Jesus halten und wenn Sie sich zu ihm halten wollen, dann gucken Sie nicht nur auf seine Taten! Hören Sie auch auf seine Worte! – Seine „Lehre“ …

  • Hüten Sie sich vor billigem Trost! Muten Sie Ihren billigen Trost nicht anderen zu! Muten Sie sich nicht den billigen Trost anderer für Sie zu!

  • Haben Sie, wenn möglich, Zeit, große Ohren und Erzähl-Ermutigungen für Ihren Mit-Men­schen in Not! Bilden Sie sich nicht ein, den anderen von vornherein „gut“ zu verstehen! Und wenn Sie keine Zeit und keine Ohren haben, tun Sie nicht so, als hätten Sie sie!

  • Bei allem, was gegen den Tod zu sagen ist: Der Tod kann ein guter Lehrmeister darin sein, was im Leben wichtig ist und was nicht! Schieben Sie ihn nicht vorschnell weg!

Gebet:

Christus, Du bist Deinen Weg fast allein gegangen. Du musstest den Hass Deiner Fein­de und das Unverständnis Deiner Freunde tragen. Danke, dass Du Deinen schwe­ren Weg gegangen bist! Auch für mich! Amen.

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Über Dirk Klute

Dirk Klute, Jahrgang 1965. Ich bin promovierter Theologe und Dipl.-Psych., arbeite als Pfarrer in einer Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Neurologie und in einer Maßregelvollzugsklinik. Ich lebe mit meiner Familie und diversen Haustieren in Münster (Westfalen). Ich fahre viel Fahrrad und mache gern Musik: Singen, Gitarre, Geige, Trompete.
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