Vom Öffnen lange verschlossener Türen. Andacht zum 21.4.2017

Eine schlimme Geschichte ist das, die von der Sintflut:

Als aber der HERR sah, dass der Menschen Bosheit groß war auf Erden und alles Dichten und Trachten ihres Herzens nur böse war immerdar, da reute es den HERRN, dass er die Menschen gemacht hatte auf Erden, und es bekümmerte ihn in seinem Herzen, und er sprach: „Ich will die Menschen, die ich geschaffen habe, vertilgen von der Erde, vom Menschen an bis hin zum Vieh und bis zum Gewürm und bis zu den Vögeln unter dem Himmel. Denn es reut mich, dass ich sie gemacht habe.“ (Genesis 6, 5-7)

Der Untergang ist universell: „Alles, was Odem des Lebens hatte auf dem Trockenen, das starb“ (Genesis 8,22). Und es ist der Mensch, der durch seine Bosheit, sein „Dichten und Trachten“, die Schöpfung mit den Abgrund reißt. Eine sehr moderne Geschichte.

Oder ist es Gott, der in den Abgrund reißt? Und: Hätte man die Geschichte nicht besser so erzählen können, dass es nur Böse trifft? Am liebsten wäre mir ein happy End wie bei Ninive: Jona kündigt Ninive den Untergang an – aber zu Jonas Enttäuschung ändern diese Heiden dort ihr Leben, Gott lässt Gnade walten. Gott begründet seine Gnade aber nicht mit dem Sinneswandel der Leute. Nein, grund­sätz­licher. Gott lässt für Jona extra eine Rizinus-Staude wachsen, die Jona erfrischenden Schatten spendet. Dann vertrocknet die Staude, Jona ist sauer. Da sagt Gott:

Dich jammert der Rizinus, um den du dich nicht gemüht hast, hast ihn auch nicht aufgezogen, der in einer Nacht ward und in einer Nacht verdarb, und mich sollte nicht jammern Ninive, eine so große Stadt, in der mehr als 120.000 Menschen sind, die nicht wissen, was rechts oder links ist, dazu auch viele Tiere? (Jona 4, 10-11)

Aber auch die Sintflut-Geschichte ist eine Gnaden- und Rettungs-Geschichte:

Aber Noah fand Gnade vor dem HERRN. (Gen. 6, 8)

In der Noah-Geschichte sind zwei unterschiedliche Fassungen ineinander gewoben. Direkt nach diesem Satz über Gottes Gnade fängt der andere Erzähler an – und betont, dass Noah sich aber auch positiv von seinen Zeitgenossen unterscheidet:

Dies ist die Geschichte von Noahs Geschlecht. Noah war ein frommer Mann und ohne Tadel zu seinen Zeiten; er wandelte mit Gott. (Genesis 6, 9)

Wie am Untergang der Menschen auch die anderen Geschöpfe dranhängen, so hängen an der Rettung von Noah ebenfalls andere Geschöpfe: Nicht nur seine Frau, die drei Söhne und die Schwiegertöchter, sondern auch paarweise alle Landtiere.

Vor allem aber ist die Noah-Geschichte eine Rettungs-Geschichte, weil sie von einer doppelten Wandlung Gottes berichtet – und am Ende siegt die Gnade …

Die erste Wandlung steht am Anfang: Es „reute“ und „bekümmerte“ Gott, dass er die Menschen überhaupt gemacht hatte (Genesis 6, 6). Die zweite Wandlung kommt gegen Ende. Da sagt Gott:

Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen; denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf. Und ich will hinfort nicht mehr schlagen alles, was da lebt, wie ich getan habe. (Gen. 8, 21)

Wohlgemerkt: Eben noch war das böse „Dichten und Trachten“ ausdrücklich Grund für die Sintflut. Und jetzt, jetzt erträgt Gott, dass es eben so ist.

Nun ein Detail, das mir vor kurzem beim Lesen besonders aufgefallen ist: Als Noahs Familie und die Tiere schließlich in der Arche sind, heißt es:

Und der HERR schloss hinter ihm zu. (Genesis 7, 16)

Wieso schließt Gott selbst die Tür? Für mich hat das etwas Behütendes, Liebevolles. So ähnlich wie ein paar Kapitel vorher: Nachdem Adam und Eva es völlig vergeigt haben mit Gott und dem Paradies, macht Gott Ihnen noch Fell-Kleider und zieht sie ihnen an (Gen. 3,21).

Es hat für mich aber noch etwas anderes: Wenn GOTT die Tür zu macht, dann ist sie wirklich zu und dicht. Dicht muss sie ja sein wegen der Flut, sonst kommt Wasser rein. Aber sie ist auch dicht für die Menschen: Keiner kommt mehr rein. Und: Keiner kommt mehr raus! Die geschlossene Tür der Arche als Sinnbild für endgültigen Abschied. Das klingt kalt. Brutal. Hartherzig. Und gar nicht behütend und liebevoll.

Und doch: Es kann beides gleichzeitig sein. Sie kennen das vermutlich: Es gibt Abschiede, die wollen Sie nicht. Sie wollen immer und immer weiter ein Türchen offen halten. Vielleicht klappt das auch, die Tür fällt nie so ganz ins Schloss. Aber ist das wirklich besser? Der Volksmund ist da schonungslos: „Besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende!“ Oder in unserem Bild: Es kann brutal, hartherzig und ZUGLEICH behütend und liebevoll sein, wenn die Tür ins Schloss fällt, und niemand bekommt sie auf.

Ich war beim Lesen neugierig: Wenn Gott die Tür geschlossen hat, wie kommen Mensch und Tier später wieder heraus? Wie „dicht“ ist ihre Arche, ihr Schneckenhaus? Wo ist Öffnung möglich?

Die erste Öffnung ist das FENSTER. Das Fenster war – genau wie die Tür – ausdrücklich in Gottes Bauplan vorgesehen (Gen. 6,16), an völlige Abgeschlossenheit war nie gedacht. Als das Gröbste vorbei ist, öffnet Noah das Fenster und lässt einen Raben heraus. Der fliegt nur hin und her. Dann die Taube. Erst findet sie keinen Halt und kommt wieder. Dann, beim nächsten Durchgang, bringt sie einen Ölbaum-Zweig mit. – Land in Sicht! Im dritten Durchgang kommt sie gar nicht mehr wieder. Also jetzt: Das Wasser ist weg! Nichts wie „Alle raus aus der Arche!“ – ?

Nein! Erst noch eine weitere Öffnung: „Da tat Noah das Dach von der Arche und sah, dass der Erdboden trocken war“ (Gen. 8,13). Jetzt „sieht“ Noah selbst, nicht nur seine Boten, die Vögel. Nun aber raus? – Nein, immer noch nicht! Sondern erst knapp zwei Monate später, als die Erde „ganz trocken“ ist. Da erst sagt Gott: „Geh aus der Arche!“ (Gen. 8,16). Die Tür ist nicht mehr abge­schlossen, sie war es vielleicht nie. „Raus“, das geht jetzt.

Was mir auffällt: Noah geht erst, als Gott grünes Licht gibt. Als es wirklich trocken ist. Fragt sich nur: Warum dann vorher die Sache mit Rabe und Taube, warum der Blick durch das geöffnete Dach, wenn alles keine Konsequenzen hat? Mein Antwort: Weil das die Hoffnung nährt! Noah kann sich vergewissern: Es tut sich was! Es ist wirklich Land in Sicht! Und: Frische Luft!

Gut, dass es nicht nach meiner Mütze ging. Sie werden meine Ungeduld gemerkt haben. Aber nein, Noah wartete noch. Gewisse Dinge brauchen eben Zeit. Hätte Noah statt auf Gott auf Klute gehört, er hätte sich nasse Füße geholt. Mindestens.

Aber hätte Noah seine Hoffnung nicht genährt und hätte er dann nicht auf Gottes „Jetzt aber!“ gehört, er säße noch heute ängstlich und voller Skrupel in seiner dunklen Arche, auch wenn die schon längst auf dem sonnigen Ararat getrocknet ist. Alles dicht halten? Oder öffnen? Noahs Antwort könnte lauten: Die Ohren spitzen! Für Gott!

Gott, wenn ich eine Arche brauche in den Fluten des Lebens, dann gib, dass sie mich schützt, rettet, trägt! Aber lass nicht zu, dass sie mir zum Gefängnis wird! Amen.

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Über Dirk Klute

Dirk Klute, Jahrgang 1965. Ich bin promovierter Theologe und Dipl.-Psych., arbeite als Pfarrer in einer Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Neurologie und in einer Maßregelvollzugsklinik. Ich lebe mit meiner Familie und diversen Haustieren in Münster (Westfalen). Ich fahre viel Fahrrad und mache gern Musik: Singen, Gitarre, Geige, Trompete.
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