Ein Koffer im Himmel. Andacht zu Himmelfahrt 2017

Nein, Quatsch, „in Berlin“ muss es heißen. „Ich hab‘ noch einen Koffer in Berlin.“ Marlene Dietrich hat das gesungen:

Ich hab noch einen Koffer in Berlin. / Deswegen muss ich da nächstens wieder hin. / Die Seligkeiten / vergangener Zeiten / sie sind alle immer noch in diesem kleinen Koffer drin.
Ich hab noch einen Koffer in Berlin. / Das bleibt auch so und das hat seinen Sinn. / Auf diese Weise / lohnt sich die Reise / und wenn ich Sehnsucht hab, / dann fahr ich wieder hin.

Die Seligkeiten vergangner Zeiten“ – dafür steht dieser Koffer. Diese Sehnsucht lässt sich schnell stillen: Marlene Dietrich fährt einfach wieder hin. Es hat was mit Identität zu tun. Wer ich eigentlich bin, hat nicht nur damit zu tun, wer ich jetzt gerade an diesem Ort zu dieser Zeit in meinem Leben bin, sondern auch damit, wer ich war, wo ich war. Und wohin meine Sehnsucht sich streckt. Ein Glück, wenn’s Berlin ist: Da kann Marlene schnell wieder hin.

Pech aber bei Heidelberg: Wenn man sein Herz in Heidelberg verloren hat, macht das große Sehnsucht für den ganzen weiteren Lebensweg. Dabei klingt es erst mal ganz wunderbar:

Ich hab‘ mein Herz in Heidelberg verloren / in einer lauen Sommernacht.
Ich war verliebt bis über beide Ohren, / und wie ein Röslein hat ihr Mund gelacht.
Und als wir Abschied nahmen vor den Toren / beim letzten Kuss, da hab ich’s klar erkannt:
Dass ich mein Herz in Heidelberg verloren. / Mein Herz, es schlägt am Neckarstrand.

Klingt so schön, ist aber Pech, wie wir später erfahren:

Was ist aus dir geworden, / seitdem ich dich verließ,
Alt-Heidelberg, du Feine, / du deutsches Paradies?
Ich bin von dir gezogen, / ließ Leichtsinn, Wein und Glück.
Und sehne mich, und sehne mich / mein Leben lang zurück.

Die Stadt, die Liebste, die glorifizierte Vergangenheit, sie sind weg. Unerreichbar. Mit einer Fahrt ist es nicht getan. Ungestillte Sehnsucht, nicht enden wollender Schmerz. Auch das hat was mit Identität zu tun. Nur dass der Sänger so in der Vergangenheit lebt, dass er in der Gegenwart und für die Gegenwart nur noch ein Schatten seiner selbst ist. Pech, oder?

Berlin oder Heidelberg – unsere Schlager-Sänger/innen haben das Entscheidende ganz woanders: Anderer Ort, andere Zeit. Der Unterschied: Berlin ist erreichbar, Heidelberg bleibt verloren in der Vergangenheit.

Und nun: Der Himmel! Jetzt nicht diese blaue Hülle, zu der die Engländer „sky“ sagen. Sondern „heaven“. Dieses ganz Andere. Es gibt Gemeinsamkeiten zwischen „sky“ und „heaven“: Der blaue „sky“ umgibt einen. Man kommt ohne Flügel trotzdem nicht hin und kann ihn sich nur von unten begucken. Und man kann am Tag die Vögel und nachts die Sterne beneiden.

So kann einem das auch mit dem „heaven“ ergehen: Da wissen Sie sich von ihm umhüllt, aber Sie kommen trotzdem nicht mal eben hin. Selbst die richtig „himmlischen“ Momente auf der Erde bringen Sie dem „heaven“ ungefähr so viel näher wie der Stabhochspringer dem „sky“ näher kommt: Es hält sich in Grenzen.

Oder Sie gehören zur Maulwurf-Fraktion: Maulwürfe sind ja blind, leben Erd-verbunden und sind überhaupt sehr diesseitig eingestellt. Für Maulwürfe ist dieses ganze Gefasel vom blauen „sky“ eine ziemlich haltlose Träumerei als Vertröstung beim täglichen Buddeln. „Sky“ haben sie nie gesehen, es gibt keine „sichtbaren“ Belege. Die gefiederten Gesellen, die das behaup­ten, haben ein Spatzenhirn. Oder erkennbar eine Meise. Oder sind reichlich abge­ho­ben.

Die Bibel ist auch nichts für Maulwürfe. Auch, weil in vielen ihrer Texte vom „Himmel“ die Rede ist. Und wer ist im Himmel?

Klare Antwort: Gott! So jedenfalls viele, viele Zitate in der Bibel. Aber Gott ist nicht einfach nur „etwas“ im Himmel. Sondern: Er ist der Schöpfer des Himmels UND der Erde. Gott umfasst BEIDE „Welten“.

Bin ich es nicht, der Himmel und Erde erfüllt?“, spricht der HERR. (Jeremia 23,24)

Aber für die Menschen: Unerreichbar! Wie der „sky“ für die Maulwürfe. Oder? „Kohelet“, der „Prediger“ aus dem Alten Testament, spürt immer wieder diesen Abstand:

Sei nicht schnell mit deinem Munde und lass dein Herz nicht eilen, etwas zu reden vor Gott. Denn Gott ist im Himmel und du auf Erden. Darum lass deiner Worte wenig sein. (Pred. 5,1)

Unerreichbar? Nein, ich hab‘ noch einen „Koffer im Himmel“. Da sind Sachen drin, die machen mich aus, die sagen, wer ich bin und wo ich hin gehöre! Jesus sagt:

Ihr sollt niemanden unter euch Vater nennen auf Erden. Denn einer ist euer Vater, der im Himmel ist. (Matthäus 23, 9)

Gott im Himmel – das hatten wir schon!“, sagen Sie jetzt vielleicht. Aber Jesus setzt hier einen speziellen Akzent: Gott – Dein Vater! Dein WAHRER Vater! Und für alle, die es mit ihren irdischen Eltern sehr schlecht angetroffen haben: Dein GUTER Vater! Das bedeutet dann auch: Das, wo ich meine Wurzeln habe, das ist nicht ganz von dieser Welt. Ich komme woanders her und gehöre woanders hin.

Was ist noch „im Koffer“? Lesen Sie, wozu Jesus einen reichen jungen Mann auffordert:

Eines fehlt dir. Geh hin, verkaufe alles, was du hast, und gib’s den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben. Und komm und folge mir nach!“ (Markus 10, 21)

Ein Schatz im Himmel! Für diesen jungen Mann scheint es wohl gut zu sein, sich von dem zu lösen, was er HAT, um mehr das zu sein, was ihn „eigentlich“ reicht macht. Befreit von der Last der Habe – mit Jesus unterwegs. – Ein Schatz im Himmel!

Als einmal die Jünger zu Jesus zurückkommen und von ihren Erfolgen berichten, sagt ihnen Jesus etwas, was noch wichtiger ist als diese Erfolge:

Freut euch aber, dass eure Namen im Himmel geschrieben sind! (Lukas 10, 20b)

Namentlich bekannt. Notiert im Himmel. Das heißt: Gott denkt an mich! Bei ihm bin ich nicht vergessen und werde nie vergessen sein! Da bin ich aufgehoben!

Und dann eine meiner Lieblingsstellen über den Himmel. Vom Apostel Paulus:

Unser Bürgerrecht aber ist im Himmel. (Philipper 3, 20a)

Meine Staatsbürgerschaft – im Himmel. Ich habe also den himmlischen Pass in der Tasche, auch wenn ich in der Fremde unterwegs bin. Ein Blick auf diesen Pass erinnert mich daran, wo ich hingehöre. Und wo mir alle Türen offen stehen, wenn die Zeit gekommen ist.

Zu dieser Staatsbürgerschaft passt noch etwas, was für Heimat steht – aber in keinen Koffer passt:

Wenn unser irdisches Haus, diese Hütte, abgebrochen wird, so haben wir einen Bau, von Gott erbaut, ein Haus, nicht mit Händen gemacht, das ewig ist im Himmel. (2. Korinther 5, 1)

Das irdische Haus, das ist mein Leib. Nun ist es nicht besonders charmant von Paulus, ihn als Abbruch-Hütte zu beschreiben, aber das ist schon so: Mensch-Sein auf Erden ist immer nur eine Übergangslösung. Nichts von Dauer. Da ist es gut zu wissen: Die Bleibe auf Dauer, die ist woanders. Richtfest war auch schon. Es ist alles bereit.

Mein „Vater“ im Himmel. Ein „Schatz“ im Himmel. Mein Name – im Himmel notiert. Mein spiri­tueller Pass nennt den Himmel als Heimat. Mein „Haus“ – einzugsfertig! Und nun noch: „Himmelfahrt“. Jesus Christus, der Herr. Im Himmel – und zugleich „bei Euch alle Tage“. Christus ist die Verbindung. Meine Verbindung zur Heimat. Durch Christus ist es wie mit dem Koffer in Berlin. Und nicht wie mit dem verlorenen Herzen in Heidelberg.

Gebet (aus dem Lied „Auf, auf, mein Herz, mit Freuden“; etwas umgedichtet):

Ich hang und bleib auch hangen / an Dir, Herr, als ein Glied. / Wo Du selbst durch bist gangen, / da nimmst Du mich auch mit. / Du reißt mich durch den Tod, / durch Welt, durch Sünd, durch Not, / Du reißt mich durch die Höll; / ich bin stets sein Gesell.

Du dringst zum Saal der Ehren, / ich folg Dir immer nach / und will mich gar nicht kehren / an einzig Ungemach. / Es tobe, was da kann, / Du nimmst Dich meiner an, ja, Du, Herr, bist mein Schild, der alles Toben stillt!

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Über Dirk Klute

Dirk Klute, Jahrgang 1965. Ich bin promovierter Theologe und Dipl.-Psych., arbeite als Pfarrer in einer Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Neurologie und in einer Maßregelvollzugsklinik. Ich lebe mit meiner Familie und diversen Haustieren in Münster (Westfalen). Ich fahre viel Fahrrad und mache gern Musik: Singen, Gitarre, Geige, Trompete.
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Eine Antwort zu Ein Koffer im Himmel. Andacht zu Himmelfahrt 2017

  1. Elke Neitsch schreibt:

    Wohl zu wissen. dass meine irdische Heimat nur eine Übergangslösung ist.
    Das Richtfest hat etwas gedauert.
    Ich glaube, nein ich weiß, mein Name ist beim notiert.
    Im Haus des Herrn, finde ich Ruhe, Ewiglich.

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