Sodom & Gomorra I: Getrennte Wege. Andacht zum 14.7.2017

Hier geht’s ja zu wie in Sodom und Gomorra!“ – Also drunter und drüber, böse, lasterhaft, moralisch verkommen.

Wir befinden uns an einem der tiefsten und totesten Orte der Welt: Wenn man mal von den Ozeanen absieht, gibt es wohl nur wenige Stellen auf der Erde, die knapp 400 Meter unter dem Meeresspiegel liegen. Ich spreche vom Toten Meer, das heute an Jordanien, Israel und an die Westbank grenzt. Das Tote Meer ist sehr, sehr tot: Der Jordan fließt hinein, aber es hat keinen Abfluss: Das Wasser verdunstet – und das Salz bleibt. Die Badegäste können hier im Wasser sitzend die Zeitung lesen, sie gehen nicht unter. Aber für Fische ist das nichts. Ein totes Meer …

Das Tote Meer – Ort des Sagen-umwobenen Inbegriffs des Verdorbenen: „Sodom und Gomorra“, diese Orte sollen hier gewesen sein. Heute Teil I – die Vorgeschichte …

Vor Jahrzehnten war eine Nomaden-Sippe aus dem Irak nach Nordsyrien ausgewandert, sie hatte sich dort niedergelassen. Einer von ihnen war Abraham. Ein anderer sein Neffe Lot. Lots Vater war schon verstorben. Vielleicht waren Abraham und seine Frau Sarai so etwas wie Ersatz-Eltern.

Dann ruft Gott Abraham zu einem neuen Aufbruch. Er soll mit seiner Frau Sarai, dem Vieh und dem Personal in ein Land aufbrechen, das Gott ihm zeigen will. Ein Land, das Gott Abraham und seinen Nachkommen geben will. – Nachkommen? Das Paar ist doch kinderlos! Trotzdem: Sie brechen auf. Neffe Lot ist mit dabei. Er ist längst erwachsen, hat seine eigene Herde und seine Hirten.

Sie erreichen das neue Land und ziehen dort mit ihren Herden umher. Alles scheint geordnet und harmonisch zu sein. Aber dann das:

Abram aber war sehr reich an Vieh, Silber und Gold. (…) Lot aber, der mit Abram zog, hatte auch Schafe und Rinder und Zelte. Und das Land konnte es nicht ertragen, dass sie beieinander wohnten. Denn ihre Habe war groß, und sie konnten nicht beieinander wohnen. Und es war immer Zank zwischen den Hirten von Abrams Vieh und den Hirten von Lots Vieh. (…). Da sprach Abram zu Lot: Lass doch nicht Zank sein zwischen mir und dir und zwischen meinen und deinen Hirten; denn wir sind Brüder. Steht dir nicht alles Land offen? Trenne dich doch von mir! Willst du zur Linken, so will ich zur Rechten, oder willst du zur Rechten, so will ich zur Linken.

Da hob Lot seine Augen auf und besah die ganze Gegend am Jordan. Denn ehe der HERR Sodom und Gomorra vernichtete, war sie wasserreich, bis man nach Zoar kommt, wie der Garten des HERRN, gleichwie Ägyptenland.

Da erwählte sich Lot die ganze Gegend am Jordan und zog nach Osten. Also trennte sich ein Bruder von dem andern, so dass Abram wohnte im Lande Kanaan und Lot in den Städten am unteren Jordan. Aber die Leute zu Sodom waren böse und sündigten sehr wider den HERRN. (Genesis 13, 1-13)

Das Land konnte es nicht ertragen, dass sie beieinander wohnten“. Wie im richtigen Leben: Da sind Menschen seit langem miteinander verbunden, gehen gemeinsame Wege. Alle meinen: „Die Zwei, die sind wie zusammengewachsen. Wie Pech und Schwefel.“ Oder mit Udo Lindenberg: „So zwei wie wir, die können sich nicht verliern!“ Können sie aber doch. In Lindenbergs Lied; bei Abraham und Lot; in Ihrem und meinem Leben. Das tut weh.

Ob das alles so nötig gewesen wäre, nach all der Zeit und all dem, was man alles zusammen erlebt hat? Es ist ja „nur“ der Streit zwischen den Hirten von Abraham und Lot. Und eigentlich geht es ja „nur“ darum, seine Schäfchen im Trocknen oder an den Wasserstellen zu haben, also ums liebe Geld. Trotzdem: „Das Land konnte es nicht ertragen, dass sie beieinander wohnten“. Oder das Haus, die Gemeinde, die Familie, der Freundeskreis, die Partnerschaft. Manchmal müssen Wege sich trennen: die von Onkel und Neffe, von Eltern und Kindern, von Partnern, von alten Freunden, von Kollegen.

Abraham erkennt das. Abraham presst und erpresst nicht zusammen, was nicht mehr zusammen gehört. Seine Begründung: „Wir sind Brüder!“ Manchmal ist Trennung dran, gerade weil wir zusammen gehören, weil wir uns nicht mehr Leid als nötig antun sollen.

Lot darf wählen: Das bisherige gemeinsame Gebiet oder die wasserreiche, fruchtbare Gegend am Jordan, das Gebiet von Sodom und Gomorra. Abraham zeigt Größe. Es gibt keinen Verteilungskampf um jeden Wassertropfen. Es ist ja genug da. Das Land kann beide ertragen – wenn genug Abstand dazwischen ist. Wenn jeder genug eigenen Raum hat.

Lot sieht das grüne Gras und das Wasser des Jordan. Dahin zieht es ihn.

Aber die Leute zu Sodom waren böse und sündigten sehr wider den HERRN.“ Wasser und grünes Gras sind nicht alles. Aber das übersieht Lot dezent. Das wird noch Probleme geben …

So trennen sich beide. Eine Trennung im Guten, trotz Streit. Eine Trennung, durch die sich beide nicht ganz verlieren. Nur so, dass sie, jeder für sich, genug Raum haben und eigene Wege. So, dass das Land beide erträgt. – Später wird Abraham Lot aus einer Notlage befreien. Noch später wird sich Abraham vor Gott fast bis zur Selbst-Aufopferung für Lot und seine neue Heimat einsetzen, für „Sodom und Gomorra“. Davon nächste Woche.

Auch auf Abstand miteinander verbunden bleiben. Oder GERADE auf Abstand: Aneinander klebend hätten beide einander vielleicht irgendwann gegenseitig nur noch gequält.

Was hat das alles mit Gott zu tun? Das Wort „Gott“ kommt nicht in der Geschichte vor. Aber: Direkt nach dieser Trennung spricht Gott zu Abraham:

Als nun Lot sich von Abram getrennt hatte, sprach der HERR zu Abram: Hebe deine Augen auf und sieh von der Stätte aus, wo du wohnst, nach Norden, nach Süden, nach Osten und nach Westen. Denn all das Land, das du siehst, will ich dir und deinen Nachkommen geben für alle Zeit und will deine Nachkommen machen wie den Staub auf Erden. Kann ein Mensch den Staub auf Erden zählen, der wird auch deine Nachkommen zählen. Darum mach dich auf und durchzieh das Land in die Länge und Breite, denn dir will ich’s geben.

Abraham glaubt Gottes Verheißung. Er ist Nomade. Trotzdem ist es irgendwie „sein“ Land. Abraham und Sarai sind kinderlos, der Neffe und Stiefsohn hat sie gerade verlassen. Trotzdem steht Abraham das „große Volk“ aus seinen Nachkommen vor Augen. Diese Verheißung war dem Abraham nicht neu. Sie hatte ihm schon geholfen, seine alte Heimat und manch vertrauten Menschen zurückzulassen. Nun kann der Verheißungsträger Abraham auch seinen Neffen loslassen. Und weil Abraham um Gottes Verheißungen über seinem Leben weiß, muss er auch gar nicht um das grünere Land und die besseren Wasserstellen feilschen.

Die Verheißung hilft Abraham loszulassen. Aber auch umgekehrt: Nach vollzogener Trennung hört er auf einmal wieder Gott sprechen, vernimmt er Gottes Verheißungen. So ist das: Manches, woran ich mich binde, lässt Gottes Segen und seine Verheißung in den Hintergrund treten, sie werden mir dunkel. Manchmal muss ich erst loslassen, um Gottes Segen und Verheißung neu zu hören und zu fassen. Loslassen, um – genau wie Abraham – aufzustehen und das Land meines Lebens in die Länge und in die Breite neu zu erfassen.

Nun hat Gott Ihnen und mir nicht verheißen, dass wir Nachkommen haben, die zu einem großen Volk werden. Auch kein Land. Trotzdem: Wir stehen unter der Verheißung: Gottes Kind zu sein und zu bleiben, zu den Erben seines Reiches in Zeit und Ewigkeit zu gehören. Um Jesu Christi willen. Die Taufe ist da Brief und Siegel, Sie dürfen sich daran festhalten.

Wie bei Abraham kann Ihnen die Verheißung in den Hintergrund rücken, kann sie Ihnen dunkel und unglaubwürdig sein. Aber Sie können aus dieser Verheißung auch Mut schöpfen und innere Größe. Vielleicht, um große Schritte zu wagen, auch wenn Sie sich von Altvertrautem trennen und Abschied nehmen müssen. Im Gehen, manchmal nur im Gehen, merken Sie vielleicht wieder, unter was für einem weiten Horizont Sie unterwegs sind.

Gebet:

Gott, ich danke Dir für Deine Verheißung. Für den weiten Horizont, den Du mir aufspannst. Trotzdem beherrschen mich oft Enge und Angst. Nimm Du das von mir. Gib mir das Vertrauen zu Dir – für mutige Schritte! Amen.

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Über Dirk Klute

Dirk Klute, Jahrgang 1965. Ich bin promovierter Theologe und Dipl.-Psych., arbeite als Pfarrer in einer Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Neurologie und in einer Maßregelvollzugsklinik. Ich lebe mit meiner Familie und diversen Haustieren in Münster (Westfalen). Ich fahre viel Fahrrad und mache gern Musik: Singen, Gitarre, Geige, Trompete.
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