Splitter im Auge. Andacht zum 11.8.2017

Was siehst du aber den Splitter in Deines Bruders Auge …

sagt Jesus. Ich könnte da kaum hingucken. „Augenarzt“ wäre so ziemlich der letzte Beruf für mich. Ich selbst sollte mal Augentropfen bekommen. – Wir habe den Versuch abgebrochen …

Dabei halte ich es für eine zutiefst menschliche und auch christliche Tugend, NICHT wegzuschauen, wenn etwas schlimm ist, im Argen liegt, ins Auge geht. Wenn jemand in Not ist und Hilfe braucht. Nehmen Sie Jesu Geschichte vom barmherzigen Samariter: Einer liegt schwer verletzt am Wegesrand. Die ersten beiden Passanten gehen vorüber und helfen nicht. Sie schauen weg. Anders dann der Samariter: Der schaut hin. Dann nähert er sich. Dann hilft er.

Jesus stellt uns diesen Hingucker, Hingeher, Anpacker als Vorbild vor die Nase. Nächstenliebe, das geht nicht ohne Hingucken.

Und was ist mit Pipi Langstrumpf? Die singt schließlich: „Ich mach‘ mir die Welt, wie sie mir gefällt!“ Da müsste Pipi Langstrumpf doch eher eine Weg-Guckerin sein, keine Hin-Guckerin, oder? Aber sie ist keine Weg-Guckerin. Denn: Sie MACHT sich die Welt, wie sie ihr gefällt. Sie GUCKT sich ja nicht ihre Welt schön. Sie probiert gerade NICHT lange alle Scheuklappen durch, bis sie nur noch das sieht, was ihr gefällt.

Nein, sich die Welt so zu MACHEN, dass sie wirklich gefällt, das hat schon was. Nicht nur „meine“ kleine / kleinbürgerliche Welt, sondern die „große“ Welt. Wenn Martin Luther King sein „I have a dream“ formuliert, „Ich habe einen Traum“, dann träumt er ja nicht sein privates Glück draußen auf dem Land, sondern dann träumt er eine andere Gesellschaft. Und wenn Jesus sagt: „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit!“, dann meint er anderes als „trautes Heim – Glück allein!“

Pech nur: Ich bin nicht so stark wie Pipi Langstrumpf. Ich kann mir die Welt nicht so machen, wie sie mir gefällt. Ich muss mich schon mit anderen zusammen tun. Und mit ihnen besprechen, welche Welt UNS GEMEINSAM denn gefällt. So ganz fertig werden wir mit der Welt, die uns gefällt, wohl auch nicht schnell. Die Vollendung ist eher der Ewigkeit vorbehalten.

Also: Der Mit-Mensch hat einen Splitter im Auge? – Hingucken, auch wenn’s nicht gefällt! Helfen. Den Splitter ziehen, auch wenn’s gerade keinen Bock macht! Das wäre doch im Sinne Jesu, oder? Ein barmherziger Samariter sein!

Aber leider: Genau das kritisiert Jesus hier!

Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge – und nimmst nicht wahr den Balken in deinem Auge? Oder wie kannst du sagen zu deinem Bruder: Halt, ich will dir den Splitter aus deinem Auge ziehen! – und siehe, ein Balken ist in deinem Auge? Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge; danach kannst du sehen und den Splitter aus deines Bruders Auge ziehen. (Matthäus 7, 3-5)

Zwei Leute, die einander gegenüber stehen. Der eine mit Splitter im Auge. Und der andere – ich mag mir das gar nicht vorstellen – mit einem Balken im Auge. Von außen ist völlig klar, bei wem mehr im Argen liegt. Wer dringender bei sich was tun sollte oder Hilfe in Anspruch nehmen.

Aber Jesus betrachtet mit uns diese Szene nicht von außen, denn er sagt: „Der Typ mit dem Balken im Auge – das bist DU! Und DU siehst ja noch nicht mal diesen Balken! Stattdessen korrigierst Du lieber an anderen herum!“ Und: Jesus wird richtig unfreundlich: „Du Heuchler!“, sagt er. Schwer auszuhalten. Wenn mir einer so blöd kommt, mit dem rede ich doch gar nicht weiter, da ist endgültig Schluss. – Und alles bleibt, wie es ist …

Aber geht das überhaupt? Den Balken im eigenen Auge übersehen? Interessanterweise: Ja! Wenn Sie gesunde Augen haben, können Sie sich ohne Hilfsmittel alles Mögliche begucken. Nur nicht: Ihren eigenen Rücken. Ihren eigenen Kopf. Ihr Gesicht (außer: die Nasenspitze). Und schon gar nicht Ihre eigenen Augen. Gerade Ihr Ge-Sicht, woran alle anderen Sie erkennen und unterscheiden, bleibt Ihnen selbst verborgen! Gerade Ihre Augen, die doch alles sehen, sind für Sie unsichtbar! Außer Sie greifen zu Hilfsmitteln: Der Spiegel. Das Selfie. Das Foto, das jemand anderes von Ihnen gemacht hat. Vielleicht googeln Sie sich auch gelegentlich. – Ebenfalls ein Hilfs-Mittel zur Selbst-Erkenntnis.

Mein Parade-Beispiel intensiver Selbst-Betrachtung: Schneewittchens Stiefmutter. – „Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?“ Den Balken im Auge hätte sie sofort gesehen. Dafür übersieht sie den Balken im Kopf, der sie in ihren perfektionistischen Schönheitsfimmel und ihren Neid zwingt. Der Balken heißt: „gefühlte Minderwertigkeit“.

Aber der Balken im Auge, der müsste doch wenigstens sau-weh tun, oder? Na klar. Aber wenn Sie unter keinen Umständen den Balken in Ihrem Auge zur Kenntnis nehmen WOLLEN, dann werden Sie den Schmerz verdrängen. Oder sich eine andere Ursache dafür überlegen. Oder sich selbst Schmerzen zufügen. Die sind dann stärker, die überdecken das andere …

Wissen Sie was? Wenn Sie mit solch einem Balken im Auge an anderer Leute Splitter zupfen, dann geht es gar nicht um Hilfe. Sondern um Ihren eigenen Balken im Auge: Sie fummeln stellvertretend an fremden Splittern rum, tun also etwas. Aber so, dass nur die anderen ein Problem haben. Ein Trick, um den eigenen Balken weiter im Verborgenen zu halten. „Sie Heuchler!“- Ja? Nicht unbedingt. Denn das ist ja vor allem Selbst-Betrug.

Sie können das testen: Führen Sie sich die Handvoll Menschen vor Augen, die Ihnen ziemlich auf den Keks gehen. Die ganze Art, Charakter, Wortwahl, Lebensweise. Es gibt manchmal so Dinge, die Sie stören, obwohl die Nervensäge Ihnen damit gar nichts tut, Sie persönlich gar nicht schädig. Beispiele: Jemand tritt ziemlich polternd auf; jemand führt einen sexuell unsoliden Lebenswandel; jemand jammert und klagt in einer Tour; jemand ist ein Besserwisser und muss immer das letzte Wort behalten. Oder, oder. Ich behaupte: Ihr Genervt-Sein weist auf den Balken in Ihrem eigenen Auge! Das, was Sie da besonders nervt, tragen Sie – wahrscheinlich – selbst in sich, zumindest als heimlichen Wunsch, als unerkanntes Bedürfnis. Aber so genau wollen Sie das gar nicht wissen, und umso schlechter können Sie den Splitter des anderen aushalten, obwohl das doch SEIN Splitter ist. Obwohl der Sie doch gar nicht um Ihren Beistand gefragt hat.

Sie finden das an den Haaren herbei gezogen? Sie ärgern sich so richtig über so einen Psycho-Kram? – Na sehen Sie, genau das meine ich! 🙂

Was tun? Der Balken im eigenen Auge geht nicht dadurch weg, dass ich ihn leugne. Er geht nicht durch das ungebetene Herumdoktern an den Splittern anderer weg.

Vielleicht können Sie ihn rausziehen, wie Jesus es ja sagt. Oder andere können Ihnen dabei helfen, Sie könnten sie bitten. Aber vielleicht geht der Balken auch GAR NICHT raus. Das wäre womöglich schlimm, vielleicht auch NICHT so schlimm. Nur: Um den Balken WISSEN sollten Sie. Sonst können Sie die anderen mit den Splittern nicht in Ruhe lassen. Und Sie ecken mit dem geleugneten Balken dauernd irgendwo an.

Aber wie um alles in der Welt können Sie sich so viel Ehrlichkeit zu sich selbst leisten? Eine meiner Antworten: Spiegeln Sie sich in Gottes Liebe! Denn: Gott sieht Sie so, wie Sie sind. Und: Gott liebt Sie so, wie Sie sind. Mit dem Balken und trotz des Balkens im Auge. Darauf zu vertrauen, bedeutet: Sie dürfen, Sie sollen es sich unbedingt leisten, ehrlich mit sich zu sein. Sie müssen nicht „die Schönste im ganzen Land“ sein, um es mit Ihrem Spiegel gut auszuhalten.

Gott, im Lichte Deiner Liebe darf ich ehrlich mit mir sein. Danke. Im Lichte Deiner Liebe werden mir die Splitter in den Augen der anderen erträglicher. Auch dafür: Danke!

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Über Dirk Klute

Dirk Klute, Jahrgang 1965. Ich bin promovierter Theologe und Dipl.-Psych., arbeite als Pfarrer in einer Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Neurologie und in einer Maßregelvollzugsklinik. Ich lebe mit meiner Familie und diversen Haustieren in Münster (Westfalen). Ich fahre viel Fahrrad und mache gern Musik: Singen, Gitarre, Geige, Trompete.
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