Murren. Teil 11 aus der Exodus-Reihe. Andacht zum 19.1.2018

ANDACHT HÖREN

Es murrte die ganze Gemeinde der Israeliten …“ – so fängt unsere Geschichte nach einer älteren Übersetzung an. Allerdings: Für denjenigen, der murrt, fängt die Geschichte nie so an, sondern immer schon vorher: damit, worüber er murrt. Und: Wer murrt, sieht immer gute Gründe. Als ewige Nörgelei und als endloses Jammern empfinden es nur die anderen. Wer Recht hat, ist also gar nicht immer so klar.

Der ganze Auszug der Israeliten aus der Sklaverei Ägyptens und durch die Wüste zum „Gelobten Land“ ist voller„Murren“. Das ist der Grundton. Chronisch unzufriedene Menschen. Wer viel murrt, ist „mürrisch“. Das ist etwas anderes als „verzweifelt“, „traurig“, „wütend“. Mürrische Menschen sind schwer auszuhalten und noch schwerer zu lieben: dauernd unzufrieden, ständig am nörgeln. Weil sie mit ihren Mitmenschen, dem Schicksal, dem Leben überhaupt, mit allem eine Rechnung offen haben. Mürrische Menschen sind einsam. – Sind Sie ein mürrischer Mensch? Dauernd? Manchmal? Wann genau?

Israels Murren hat in unserer Geschichte allerdings einen handfesten Grund. „Murren“ wegen „Knurren“: Der Magen knurrt, die Israeliten haben kaum mehr was zu beißen.

Hier in der Wüste rottete sich die ganze Gemeinde Israel gegen Mose und (seinen Bruder) Aaron zusammen. Sie murrten: »Hätte der HERR uns doch getötet, als wir noch in Ägypten waren! Dort saßen wir vor vollen Fleischtöpfen und konnten uns an Brot satt essen. Aber ihr habt uns herausgeführt und in diese Wüste gebracht, damit die ganze Gemeinde verhungert!« (Exodus 16, 2ff.)

Die Israeliten machen uns vor, wie man so murrt, dass man selbst und andere darunter leiden:

  • Sie murren sehr früh. Kurz zuvor hatten sie nämlich in der Wüste Wasser bekommen. Davor hatten sie auch schon gemurrt. Gerade die eine Durststrecke hinter sich gelassen – und nichts daraus gelernt? Sie hätten aus der Erinnerung an diese Segens-Zeit Geduld schöpfen können. Aber dann murrt es sich nicht so gut.

  • Die Israeliten murren so früh, weil ihr Murren chronifiziert ist. Sie murren dauernd. Egal, wie die Lebenslage „eigentlich“ ist: Sie finden schon was. Das war schon so, bevor sie aus Ägypten aufgebrochen waren. – Hier bitte mal kurz Ihre Selbstprüfung: „Wie chronisch ist meine Unzufriedenheit?“ Und falls Ihre Unzufriedenheit chronisch ist: Ich weiß zwar keine Lösung, aber Sie wissen jetzt immerhin: Auf den aktuellen Anlass zum Murren kommt es gar nicht an, Sie hätten auch etwas anderes gefunden.

  • Es „rottete sich die ganze Gemeinde Israel … zusammen.“ Die ganze Gemeinde. Murren als kollektives Geschehen. Ob auf der Arbeit, in der Familie, in der Clique oder im Wohnheim: Das klappt wunderbar, sich gegenseitig in eine schlechte, miese Stimmung hinein zu reden. Ein Reden, das spaltet (nämlich gegen Mose und Aaron), das aber zugleich auch verbindet: Fast alle sind sich einig. – Wie hätte denn da ein Einzelner dagestanden, wenn er gesagt hätte: „Aber Moment mal! Schließlich sind wir doch frei! Mose und Aaron bemühen sich wenigstens, und Gott wird uns schon nicht verhungern lassen!“

  • Murren stützt sich auf eine verklärte Wunsch-Welt. „Die Fleischtöpfe Ägyptens“, davon träu­men die Leute mit ihren knurrenden Mägen. Träume, die der Mangel diktiert. Ob es damals für die Sklaven wirklich Fleischtöpfe gab, steht auf einem ganz anderen Blatt. Wer so phantasiert, vernachlässigt die Frage: Sind es denn ausgerechnet „Fleischtöpfe“, die wir hier zum Überleben brauchen? – A propos: Wovon träumen Sie? Was ist Ihre große Sehnsucht? Welcher Mangel diktiert Ihnen diese Träume? Und: Würde Ihnen das Ersehnte wirklich helfen – beim seelischen Überleben, beim Weiterkommen? Schon im Märchen gilt: Wenn man Wünsche frei hat, ist es eine Kunst, auch wirklich gut zu wünschen.

  • Wer als chronifizierter Murrer nur das Negative aufbläht, übersieht das Positive. Dass die Is­ra­eliten ausgerechnet die Fleischtöpfe Ägyptens vor ihren inneren Au­gen sehen, ist problematisch genug. Aber dass sie nichts anderes sehen, macht die Sache schlimm. – Warum sehen sie nicht die Erlebnisse der Befreiung und Bewahrung? Wer sich nicht am Murren fest beißt, wer bereit ist, mehr zu sehen, kann den Mangel besser einordnen, besser verzichten, geduldiger sein, vertrauensvoller. Wer weiß, dass er oder sie viel bekommen hat, muss nicht alles haben.

  • Hätte der HERR uns doch getötet!“ – So lebensbedrohlich kann Murren sein! Die Gefahr der Selbst-Tötung. Wer so denkt und spricht, ist gefährdet. Murren ist also nicht nur einfach lästig für andere. Murren ist richtig schlimm – für die Betroffenen selbst. – Und warum? Wegen der Überbewertung. Unsere Israeliten sehen mit ihrem Tunnel-Blick nur diese eine Sache, fühlen sich schon am verhungern, obwohl sie doch bisher noch zu essen hatten. Und weil sie sich so von Gott, von Mose und Aaron gekränkt fühlen. – Kennen Sie das? Den Tunnel-Blick, die Überbewertung?

  • Die Verantwortung abschieben. „Ihr habt uns herausgeführt und in diese Wüste gebracht!“, sagen die Leute. Ja, sprechen denn da Dreijährige? Haben Mose und Aaron die Israeliten ohne zu fragen an die Hand genommen und mitgeschleift? – Nein, es sind erwachsene Menschen, die sich selbst auf den Weg gemacht haben. Sie dürfen ja gern bezweifeln, ob Sie wirklich auf einem guten Weg sind. Ob es wirklich Gottes Weg ist oder eine Sackgasse. Solche Zweifel können helfen, den Kurs zu korrigieren. Nur eines kann man ehrlicherweise nicht: jede Verantwortung anderen zuschieben. Zum Verführen gehören näm­lich immer zwei – mindestens. Ich meine: Ein volljähriger Mensch sollte nicht sagen: „Ich bin verführt worden!“. Sondern allenfalls: „Ich habe mich verführen lassen!“ Das ist der erste Schritt zur Verantwortung – für die Vergangenheit. Und im zweiten Schritt dann auch zur Verantwortung für die Zukunft.

So viel zur Psychologie des Murrens. – Und was hat das mit Gott zu tun? Ich meine: Dauer-Murrer können nicht vertrauen oder wollen nicht vertrauen. Die sind misstrauisch – gegenüber Gott, gegenüber ihren Mitmenschen. Und sie nehmen ihre misstrauischen Gedanken und schlechten Prophezeiungen für bare Münze. Außerdem: Wer sich schon in relativ „normalen“ Zeiten immer nur an allem Schlechten festbeißt, der übersieht nicht nur das Gute, sondern auch den Geber des Guten. Plötzlich ist dann Gott nicht mehr der Befreier aus Angst, Not und Abhängigkeit, nein, auf einmal hat Gott einen gemeinerweise nicht schon in Ägypten sterben lassen, an den ach so vollen Fleischtöpfen.

Und was tut Gott? Wie geht er mit den Murrern um? Erziehung wäre da angesagt. Sollen die Israeliten doch die Konsequenzen ihres unfairen Murrens spüren und von jetzt ab selber sehen, wie sie in der Wüste klar kommen! – Aber nein, wieder ist Gott so unendlich geduldig, gnädig, liebevoll:

Der HERR sagte zu Mose: »Ich werde euch Brot vom Himmel regnen lassen. Die Leute sollen vor das Lager hinausgehen und so viel sammeln, wie sie für den Tag brauchen.“

Das verstehe, wer kann. Aber so ist Gott. Auch zu Ihnen und mir, zu uns Murrenden. Und deswegen ist mit uns nicht Hopfen und Malz verloren, obwohl wir so sind, wie wir sind.

Gebet:

Gott, Du liebst mich, obwohl ich mich verrenne, den Wald vor lauter Bäumen nicht sehe, so ungeduldig, unfair, ungerecht bin. Und dafür danke ich Dir! Amen.

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Über Dirk Klute

Dirk Klute, Jahrgang 1965. Ich bin promovierter Theologe und Dipl.-Psych., arbeite als Pfarrer in einer Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Neurologie und in einer Maßregelvollzugsklinik. Ich lebe mit meiner Familie und diversen Haustieren in Münster (Westfalen). Ich fahre viel Fahrrad und mache gern Musik: Singen, Gitarre, Geige, Trompete.
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