Jesu Tod und die Zuschauer. Andacht zum 16.3.2018

ANDACHT HÖREN

Mit der Hinrichtung von Jesus ist es wie mit einem schweren Unfall: Es gibt Zuschauer, „Schaulustige“. Die lassen sich solche Szenen nicht entgehen. Manche kommen extra, um sich das anzugucken. Heute helfen da Fernsehen und Zeitungen mit großen Buchstaben und Bildern, damals musste man sich schon selbst auf den Weg machen. Viele taten das, verließen Jerusalem, gingen vor die Stadt­mauern zum Hinrichtungs­-Hügel Golgatha. Na ja, solche Ereignisse vertrugen sich nicht gut mit der Festtags­laune zum Passafest, aber egal.

Das Volk stand da und sah zu. (Lukas 23, 35a)

Ich stelle mir vor, wie sie da stehen, die Leute. Die Faszination des Grauens. Vielleicht nur flüch­ti­ges Entsetzen – wie bei einer Schlagzeile von einem schlimmen Verbrechen. Vielleicht die Neu­gier: Wie stirbt so einer, den alle Welt noch vor knapp einer Woche als „Sohn Davids“, als von Gott gesandten Retter gefeiert hat? Einer, der dauernd von Gott sprach?

Der Evangelist Lukas schildert uns ausführlich, was diese Schau-Lustigen da sehen: Sie sehen den Tod von Jesus und zwei weiteren Menschen. Heutige Mediziner meinen, sie seien wohl erstickt. Denn in so einer Haltung am Kreuz kann man bei nach­lassen­den Kräften immer weniger atmen und nur noch ganz oberflächlich.

Kaum dass Jesus gestorben ist, erleben wir aber, dass mit den Zuschauern etwas geschieht. Einer dieser Zuschauer macht hier zugleich seinen Job: der Hauptmann. Der Chef der Soldaten, die hier ihren grausigen Dienst tun.

Als aber der Hauptmann sah, was da geschah, pries er Gott und sprach: Fürwahr, dieser ist ein frommer Mensch gewesen! (Lukas 23, 47)

Kein bloßer Zuschauer. Ein Mit­täter, ein Erfüllungsgehilfe. Eigentlich ist so eine Hinrichtung für ihn eine Szene, die er schon ein Dutzend mal vorher erlebt hat. Und trotzdem ist diesmal etwas anders als sonst. Vielleicht, wie Jesus gestorben ist und was seine letzten Worte waren: „Vater, in Deine Hände befehle ich meinen Geist!“

Jedenfalls: Nun tritt der Hauptmann heraus aus seiner beruflichen Rolle. Er bezieht Stellung. Eine Stellungnahme, die Jesus ins rechte Licht rückt: Ein „frommer Mensch“ ist er gewesen. Also nicht der Verbrecher oder Aufrührer, als der Jesus verurteilt wurde. Damit rückt der Hauptmann aber zugleich sich selbst in ein schlechtes Licht: Er kann sich nun nicht mehr als treuer Diener von Recht und Ordnung hinstellen. Nein, er hat sich an einem Justizmord beteiligt. Er selbst, der Hauptmann, ist der Verbrecher!

Wie der Hauptmann mit dieser Selbsterkenntnis und im Angesicht von drei toten oder sterbenden Menschenkörpern Gott preisen kann, ist für mich kaum nachzuvollziehen. Wie konnte er Gott in der Katastrophe des eigenen Scheiterns und im Leiden der drei Gekreuzigten erkennen? Jedenfalls: Für ihn ist sogar „Golgatha“ nicht ohne Gott.

Auch „das Volk“, das vorher nur da stand und zusah, tritt nun aus der Rolle als Statisten heraus. Plötzlich sind da Bewe­gung und Betroffenheit auf:

Als alles Volk, das dabei war und zuschaute, sah, was da geschah, schlugen sie sich an ihre Brust und kehrten wieder um. (Lukas 23, 48)

Die Leute schlagen sich an die Brust. Nicht auf die Schenkel wie Publikum, das Spaß an einem unterhaltsamen Schauspiel hat. Nicht auf die eigenen Schultern wie Leute, die mit sich zufrieden sind. Sondern eben an die Brust. Sie sind betroffen und erschüttert. Nicht mehr wie Zuschauer im Theater oder im Kino, die nach einem ergreifenden Stück noch auf ein Pläusch­chen in die Kneipe gehen. Die Leute sind plötzlich selbst Teil des Dramas, sie sind mitten drin. Der Tod von Jesus hat es mit ihnen zu tun bekommen, dieser Tod hat sie ergriffen. Und dabei waren sie doch „nur“ als Schaulustige hergekommen. Das war so nicht geplant.

Und (sie) kehrten wieder um.“ Das Kreuz von Jesus wird ein Wendepunkt, zumindest äußerlich. Ob dieses Kreuz bei ihnen wirklich ein Wendepunkt wurde und blieb, oder ob es ein Zwischenspiel war, das dann schnell in Vergessenheit geriet? So viel steht wenigstens fest: Wer „dicht dran“ ist an Jesu Tod, wer sich davon ergriffen weiß und sich an die Brust schlägt, für den kann das Kreuz jedenfalls ein Wendepunkt werden.

Zuletzt eine spezielle Zuschauer-Gruppe, die Anhänger und Freunde von Jesus. Die anderen Zu­schau­er haben sich an die Brust geschlagen und sind gegangen. Jetzt erst heißt es von den Freunden und Anhängern von Jesus:

Es standen aber alle seine Bekannten von ferne, auch die Frauen, die Jesus aus Galiläa nachgefolgt waren, und sahen das alles. (Lukas 23, 49)

Sie „standen … von fern … und sahen das alles“. Punkt. Mehr wird uns nicht von ihnen berichtet. Dabei hätte ich mehr von ihnen erwartet. Gerade von Freunden: mehr Betroffenheit, mehr Beteiligung, Zeichen der Verzweiflung, Tränen des Schmer­zes. Aber nichts. Vielleicht sind sie zu erstarrt vor Entsetzen. Oder sie machen das alles mit sich allein aus, das darf keiner merken.

Und dann noch ein Unterschied zu den übrigen Zuschauern: Jesu Freunde stehen „von fern“. Mag sein, sie können es sich einfach nicht mit ansehen, so von ganz dicht. Aber ich glaube: Es ist vor allem die Angst, die sie fern hält. Angst, als Jesus-Freunde erkannt und hineingezogen zu werden. Kurzer Prozess, und man hängt dann an einem vierten Kreuz. Jedenfalls: Die Freun­de von Jesus sind diejenige Zuschauer-Gruppe, bei denen sich nichts ändert, die einfach nur „alles sehen“. Vor lauter Erstarrung, Angst und Abstand zum Geschehen.

Gar nicht erst erwähnt werden diejenigen Bewohner Jerusalems und die vielen Passafest-Pilger, die gar nicht erst aus der Stadt herausgekommen sind, die sich die Festtagslaune oder ihren Alltag nicht von den Hinrichtungen da draußen verderben lassen wollen. Oder für die das alles gar nicht stattgefunden hat, weil die Nachricht nicht bei ihnen angekommen ist.

Nun zu uns: Und zu welcher Gruppe gehören Sie? Sind Sie wie der Hauptmann am Kreuz, der anfängt, Jesus und sich selbst in anderem Licht zu sehen und dadurch ans Beten kommt? Oder gehören Sie zu den interessierten Zuschauern, die auf einmal doch mitten drin sind und berührt werden? Die sich betroffen an die Brust klopfen? Oder gehören Sie zu denen, die auf Abstand bleiben – vor lauter Angst und Erstarrung? Oder sind Sie in der Stadt geblieben? – Jesu Tod geht Sie gar nichts an, und Sie lassen sich davon in Ihrem Leben und Ihrem Befinden nicht irritieren?

Jedenfalls: In unserem Text machen es die „Schaulustigen“ offenbar richtig, denn so kann Jesu Tod sie verändern. Darum: Lassen Sie Jesu Sterben nicht einfach an sich vorüber ziehen! Und wenn es geht, lassen Sie sich nicht von Angst und Erstarrung bestimmen! Halten Sie nicht um jeden Preis Abstand! Unter dem Kreuz – das ist ein Ort, der einen verändern kann.

Gebet (aus einem Lied):

Herr, wir denken an Dein Leiden, wollen unser Herz bereiten, auf Dein Kreuz zu schaun.

Bist den bittern Tod gestorben, hast des Heiles Kraft erworben, hilf, dass wir vertraun.

Herr, Du hast Dein ganzes Leben / für uns Menschen hingegeben, dafür danken wir.

 

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Über Dirk Klute

Dirk Klute, Jahrgang 1965. Ich bin promovierter Theologe und Dipl.-Psych., arbeite als Pfarrer in einer Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Neurologie und in einer Maßregelvollzugsklinik. Ich lebe mit meiner Familie und diversen Haustieren in Münster (Westfalen). Ich fahre viel Fahrrad und mache gern Musik: Singen, Gitarre, Geige, Trompete.
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