Lob der Dreiecks-Beziehung. Andacht zum 15.6.2018

ANDACHT HÖREN

Ein Gedicht:

einander ermutigen

sich gegenseitig trösten

Gemeinschaft

tiefes Mitgefühl

Erbarmen

entschlossen zusammenhalten

einander mit Liebe begegnen

gemeinsames Ziel

Ich finde: Das passt auf eine Hochzeits-Anzeige. Und zwar, wenn das Paar schon eine Weile zusammen ist – und trotzdem ein Ja füreinander hat. Es ist nicht die tau-frisch-rosarote Liebe, sondern ein ambi­tioniertes Programm für ein gemeinsames Leben.

Aber: Ich habe diese Worte NICHT aus einer Hochzeits-Anzeige oder aus einer Sammlung von Liebes-Gedichten, sondern vom Apostel Paulus.

Und wer ist diese Geliebte, die Paulus im Blick hat? Das ist die kleine christliche Gemeinde in Philippi. Paulus schreibt eine Art Liebesbrief – aus dem Gefängnis. Wahrscheinlich ist er in Ephesus in Haft, auf der anderen Seite der Ägäis. Paulus lobt seine geliebte Gemeinde über den grünen Klee und hat ganz viel Dank für die Leute dort. Denn schließlich hat diese Gemeinde sich richtig Mühe gemacht, Paulus in der Haft zu unterstützen – mit Besuch und Care-Paketen.

Allerdings: Mit diesen Worten vom Anfang schreibt Paulus nicht als Liebhaber und Geliebter der Gemeinde, sondern eher als Paar-Berater: Er nimmt in den Blick, wie die Christen und Christinnen untereinander ihre Gemeinschaft sehen und gestalten. Der Paar-Berater Paulus würdigt, was er da alles Gutes sieht in der Gemeinschaft. Und Paulus hat noch den einen oder anderen Impuls. Hier seine Worte (in der Fassung der Neuen Genfer Übersetzung):

Nicht wahr, es ist euch wichtig, einander im Namen von Christus zu ermutigen? Es ist euch wichtig, euch gegenseitig mit seiner Liebe zu trösten, durch den Heiligen Geist Gemeinschaft mit­ein­ander zu haben und einander tiefes Mitgefühl und Erbarmen entgegenzubringen? Nun, dann macht meine Freude vollkommen und haltet entschlossen zusammen! Lasst nicht zu, dass euch etwas gegen­ein­ander aufbringt, sondern begegnet allen mit der gleichen Liebe und richtet euch ganz auf das gemeinsame Ziel aus! Rechthaberei und Überheblichkeit dürfen keinen Platz bei euch haben. Vielmehr sollt ihr demütig genug sein, von euren Geschwistern höher zu denken als von euch selbst. Jeder soll auch auf das Wohl der anderen bedacht sein, nicht nur auf das eigene Wohl. Das ist die Haltung, die euren Umgang miteinander bestimmen soll; es ist die Haltung, die Jesus Christus uns vorgelebt hat. (Philipper 2, 1-5)

Eines vorweg: Das „von euren Geschwistern höher denken als von euch selbst“ sehe ich kritisch. Es hängt sehr davon ab, wem man so etwas sagt. Bei Leuten, die dauernd nur um sich selbst kreisen und um das eigene Wohl, hat Paulus völlig recht. Bei Leuten, die immer nur die anderen im Blick haben und dabei kein bisschen für die eigenen Bedürfnisse Sorge tragen oder die die eigenen Bedürfnisse nicht mal kennen, da hat er nicht Recht. Also:

  • Das eigene Wohl: Ja! Aber bitte nicht nur!

  • Das Wohl der anderen: Ja! Aber bitte nicht nur!

Doch auf eines kommt es mir hier vor allem an: Wenn Christen ihre Gemeinschaft leben, dann leben sie eine DREIECKS-BEZIEHUNG!

Die Worte zu Anfang, die „Hochzeits-Anzeige“, hatte ich so aus dem Text gefischt, dass es nach einer „Zwei-Ecks-Beziehung“ aussieht: Das würde zu zwei Menschen passen, die einander haben und einander ganz viel geben, und gut ist es.

Die Zwei-Ecks-Beziehung sieht dann so aus:

PERSON A <—————————————-> PERSON B

Aber ein Paar-Berater würde wohl die Stirn runzeln: Sich als Paar gegenseitig in allem genug sein, sich aus der sonstigen Welt, aus Freundschaften und Familienbezügen, aus eigenen Interessen usw. völlig zurückziehen, das geht gewöhnlich nicht lange gut …

Wenn Sie jedoch den Voll-Text von Paulus lesen, dann kommt außer Person A und Person B und ihrer Gemeinschaft als dritter Bezugspunkt in den Blick: Punkt C. Christus. Das ergibt dann ein Beziehungs-Dreieck:

    C: CHRISTUS

/                              \

PERSON A <————————————> PERSON B

Genauer benennt Paulus:

  • A und B ermutigen einander – im Namen Christi.

  • Sie trösten einander – mit Christi Liebe.

  • Sie haben Gemeinschaft – „durch den Heiligen Geist“. Und das ist der Geist Christi.

  • Es gibt ein gemeinsames Ziel – und das liegt außerhalb der Gemeinschaft von A und B. Die Gemeinschaft ist nicht kompletter Selbst-Zweck.

  • Christus hat diese Gemeinschafts-Haltung vorgelebt, Christus ist Vorbild.

Das mit dem dritten, dem gemeinsamen Bezugspunkt, ist noch nicht mal ein speziell christlicher Gedanke. Beziehungen werden nämlich generell fade und flach, wenn sie als einziges Thema sich selbst als Beziehung haben. Wenn eine Gemeinschaft sich immerzu nur um sich selbst dreht. Nein, gemeinsame Themen, Ziele, Interessen „außerhalb“, die sind schon sehr wichtig.

Ich finde: Für eine christliche Gemeinschaft ist dieser gemeinsame Bezugspunkt C, Christus, der entscheidende. Denn für die, die an Christus glauben, ist er ja mehr als nur ein Steckenpferd unter anderen, sondern das Fundament. Christus selbst ist Ermutigung und Trost, Liebe, Erbarmen und Ziel. Idealerweise jedenfalls. Aber wenn ich davon gerade so gar nichts sehe oder spüre oder glaube, dann können mir meine Glaubens-Geschwister mit diesem Bezugspunkt C besonders wichtig werden. Ich kann Trost, Liebe und Ermutigung durch sie erfahren.

Jetzt denken Sie vielleicht: „Ach, der Klute mit seinem verklärten Gemeinde-Bild!“ Stimmt. Schon damals waren die christlichen Gemeinden nicht alle so klasse wie die hier in Philippi. Lesen Sie zum Beispiel mal die beiden Korinther-Briefe. Da bekommen wir ein teilweise ziemlich ange­kratztes Bild von christlicher Gemeinschaft.

Aber: Auch in Korinth ruft Paulus NICHT dazu auf, dass die wenigen „Richtigen“ gemeinsam austreten und ihren eigenen, einzig wahren Verein aufmachen. Paulus selbst schlägt sich mit denen herum, die ihn anfeinden, statt ihnen mal flott die Gemeinschaft aufzukündigen.

Ich würde es so sagen: Wenn Sie mit Ihrem Glauben nicht allein bleiben wollen und die Wahl haben: Docken Sie lieber bei der Gemeinde in Philippi als in Korinth an! Aber weil selbst in Philippi die anderen im Schnitt nicht unbedingt toller und vorbildhafter sind als Sie selbst, wird auch da nur mit Wasser gekocht. Ein bisschen Großmut und auch Kränkungs-Toleranz im Blick auf die Glaubens-Geschwister wäre schon nicht schlecht. So, wie auch die anderen hoffentlich nicht gleich von Ihnen gekränkt sind und hoffentlich großmütig mit Ihnen umgehen.

Das Ideal-Bild für christliche Gemeinschaft ist ja nicht der Schnäppchen-Markt, wo Sie als Kunde König sind, günstigste Preise und beste Bedienung erwarten. Eher die Wohn­gemeinschaft: Füreinander wechselseitig da sein. Ein Geben und Nehmen. Und König – das bin ich nicht. Und auch die anderen nicht. Sondern Punkt C. Der, von dem Paulus nur wenig später schreibt: „Er verzichtete auf alle seine Vorrechte und stellte sich auf dieselbe Stufe wie ein Diener. Er wurde einer von uns – ein Mensch wie andere Menschen.“

Christus, ich danke Dir für meine Geschwister im Glauben! Dazu hilf, dass wir das Kleinkarierte in unseren Beziehungen immer etwas erfolgreicher ablegen. Schenke Du Deinen Geist, dass er uns leitet! Dass wir einander wirklich sehen. Und dass Deine Liebe es ist, die uns prägt! Amen.

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Über Dirk Klute

Dirk Klute, Jahrgang 1965. Ich bin promovierter Theologe und Dipl.-Psych., arbeite als Pfarrer in einer Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Neurologie und in einer Maßregelvollzugsklinik. Ich lebe mit meiner Familie und diversen Haustieren in Münster (Westfalen). Ich fahre viel Fahrrad und mache gern Musik: Singen, Gitarre, Geige, Trompete.
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