Sind Sie sicher? Andacht zum 20.7.2018

ANDACHT HÖREN

Ich liege und schlafe ganz mit Frieden, denn allein Du, HERR, hilfst mir, dass ich sicher wohne. (Psalm 4, 9)

Aha, Gott hilft also, dass Sie sicher wohnen. Sie können sich Hausratversicherung, Wohngebäu­deversicherung und Sicherheitsgurt sparen. Die Alarmanlage können Sie abklemmen.

Aber sind Sie sicher? Wirklich? Ist zum Beispiel Ihr Herd aus? Haben Sie die Kerze ausgepustet? Ist die Haustür abgeschlossen? Auch die Hintertür? Die Kaffeemaschine ist wirklich abgeschaltet? Wird der Schlauch an der Waschmaschine noch bis zum Ende Ihres Urlaubs halten? Was ist mit Bazillen, Viren, Keimen? Chemie im Bier?

Sind Sie sicher? Ist dieses Herzpochen wirklich nichts Schlimmes? Und der Schwindel? Die Erschöpfungen? Diese unerklärlichen Schmerzen, wenn Sie ganz genau hin fühlen? Haben Sie da was ertastet, was sonst nicht da war? Ist die Liste mit den Telefonnummern der Spezialisten und der Notdienste immer griffbereit? Sind Sie ausreichend versichert?

Sind Sie sicher? Passt die Kleidung? Ist der Reißverschluss zu? Hält das Deo? Wird Ihre Stimme nicht versagen? Werden Sie nicht zittern? Nicht rot werden? Sich nicht verhaspeln? Werden wirklich alle anerkennend nicken? Oder die Stirn runzeln? Gönnerhaft lächeln?

Sind Sie sich sicher? Soll es die Lehre als Schreiner oder als Maurer sein? Am besten Beamter: Da sind Sie sicher, da haben Sie ausgesorgt! Soll es Lieschen Müller oder Lotte Meier sein? Und wie sicher sind Sie, dass eine von denen Sie denn will? Hamburg oder München? Tee oder Kaffee? Den Bestseller X oder Y? Agnostikerin, Buddhistin, Christin oder Atheistin? Pflegedienst X oder Y? Es sagen oder die Klappe halten?

Sind Sie sicher? Führen Ihre freundlich auftretenden Mitmenschen wirklich nichts Böses gegen Sie im Schilde? Was ist das für ein Wagen, der neuerdings dauernd schräg gegenüber parkt? Was tuscheln die Leute? Warum hören die plötzlich auf zu sprechen, wenn Sie erscheinen? Was war das gerade für ein Geräusch mitten in der Nacht?

Und Ihr Auto? Sind die Radmuttern wirklich fest? Ist die Beleuchtung intakt? Würden Sie auf Autogas oder Erdgas umsteigen? Steigen Sie überhaupt noch ins Auto? Was ist mit diesen unbekannten Fahrgeräuschen? Und den Irren im Straßenverkehr? Was mag mit Ihren Lieben passiert sein, die schon mehr als eine Viertelstunde überfällig sind?

Ach, und der liebste Mensch an Ihrer Seite: Diese Anrufe von Unbekannt. Immer öfter hören Sie „Schatz, es wird später!“ Und dieses selige Lächeln – an Ihnen wird‘s wohl kaum liegen. Das Haar auf dem Pullover, das zu keinem hier im Haus recht passt. Diese auffällig langen Zeiten am Computer und am Smartphone.

Sind Sie sich wirklich sicher? Wo wir doch unterwandert werden. Die Lügenpresse. Die Russen. Die Moslems. Die Kapitalisten. Die Politiker. Der CIA. Das System. Das Internet. Die Mafia. Die Außerirdischen. Der Teufel. Und überall Kameras und Abhör-Anlagen. Eines ist sicher: Sie können sich nie so ganz sicher sein. Außer im Atombunker – aber nur, falls die Konserven noch nicht abgelaufen sind.

Ich bin nicht sicher. Und die Patienten in meiner psychiatrischen Klinik sind auch nicht sicher: Leute mit Angst- und Zwangsstörungen, mit Paranoia, Selbstunsicherheit, verhuscht und schüch­tern, auf der Flucht vor Triggern und Flashbacks, in unsicheren Lebens- und Beziehungs­-Situationen, mit bedrohlichen Krankheiten, im Stillstand vor überfordernden Entscheidungen. Und denen soll ich nun Sicherheit geben? Ausgerechnet ich?

Aber dann gibt es ja noch die anderen. Die, die sich allzu sicher sind. Das sind natürlich immer NUR die anderen, das bin niemals ich selbst. Die sind wirklich felsenfest überzeugt: Es wird nichts anders oder gar besser, höchstens schlimmer. Das Leben ist eine Sackgasse, es gibt keine Wende-Möglichkeit. Die Kindheit war verkorkst – und das ist jetzt das unabänderliche Schicksal. Der liebe Gott hat alles vorherbestimmt. Das Leben spielt so und so – und basta. Oder die Sicherheit: Dieses eine Bier nach zehn Jahren Abstinenz, das wird doch wohl mal gehen! Und Überholen, das werde ich gerade noch schaffen! Der Gegenverkehr ist ja wohl noch weit genug weg …

Eigentlich müssen wir uns auch über die Verunsicherten keine Sorgen machen, denn auf eine andere Art sind sich die schwer Verunsicherten ebenfalls sehr sicher: Das Haus wird abbrennen, der Herztod wird kommen, ich werde mich bis auf die Knochen blamieren, ich werde die falsche Entscheidung treffen, alle Menschen sind meine Feinde, mein Partner wird mich verlassen, die Außerirdischen sind unser Untergang.

Allein Du, HERR, hilfst mir, dass ich sicher wohne“, heißt es in unserem Psalm-Vers im Alten Testament. Merkwürdig! Wo es doch keine Sicherheit gibt! Und wo die Rest-Unsicherheit gar nicht klein genug sein kann, um sich daran nicht doch noch kaputt zu zersorgen. Wie kann unser Psalm-Beter so etwas sagen?

Ich habe es recherchiert: In meiner Luther-Bibel kommt die Wendung „sicher wohnen“ im Alten Testament über 30 mal vor. Meine Entdeckung: Im hebräischen Original steht da „Vertrauen“ (בֶטַח). Das ist etwas anderes als „sicher“. Wenn Sie mit Vertrauen eine hohe Autobahnbrücke überqueren, dann gehen Sie davon aus: Die Brücke ist bei der Konstruktion richtig berechnet und gut geprüft worden. Wenn ein anderer die Brücke überquert, aber mit Misstrauen, hat er die Rest-Unsicherheit im Nacken. Es ist dieselbe ziemlich sichere Brücke. Aber die seelische Begleitmusik beim Überqueren ist eine andere. Deswegen: Wenn Sie sich vor allem vom Misstrauen leiten lassen, können Sie die „Sicherheit“ noch sonst wie erhöhen – ein Rest-Risiko wird bleiben. Ihre Angst auch. Und nicht nur ein Rest.

Wegen des „Vertrauens“ finde ich deshalb an dieser Stelle die „Einheitsübersetzung“ besser als die Luther-Bibel: „Du allein, HERR, lässt mich sorglos wohnen.“

Und wenn dann doch die Einbrecher kommen oder der Blitz einschlägt? Vertrauen auf Gott ersetzt nicht den Blitz-Ableiter und schafft kein Null-Risiko. Aber wo mir Vertrauen auf Gott geschenkt wird, da „weiß“ ich – wenigstens für den Moment: So groß das Unheil auch ist, das mich treffen kann: Gottes Liebe ist größer!

Keiner hat das schöner gesagt als Paulus. Der ist sich übrigens auch nicht „sicher“, sondern „gewiss“:

Ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch irgendeine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn. (Römerbrief 8, 38 f.)

Gebet:

Gott, Du weißt um meine Sorgen, und wie die Angst immer wieder übermächtig nach mir greift. Bitte stärke mein Vertrauen in Dich! Dass es mir mit Dir an meiner Seite leichter wird mit dem, was mich bedroht! Bereite vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde! Amen.

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Über Dirk Klute

Dirk Klute, Jahrgang 1965. Ich bin promovierter Theologe und Dipl.-Psych., arbeite als Pfarrer in einer Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Neurologie und in einer Maßregelvollzugsklinik. Ich lebe mit meiner Familie und diversen Haustieren in Münster (Westfalen). Ich fahre viel Fahrrad und mache gern Musik: Singen, Gitarre, Geige, Trompete.
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