Die Welt auf dem Kopf. Andacht zum 25.1.2019

ANDACHT HÖREN

Das stimmt doch gar nicht, was Paulus da schreibt, oder?

Gott hat sich (…) in der Welt die Einfältigen und Machtlosen ausgesucht, um die Klugen und Mächtigen zu demütigen. Er hat sich die Geringen und Verachteten ausgesucht, die nichts gelten, denn er wollte die zu nichts machen, die in der Welt etwas ›sind‹. (aus 1. Korinther 1)

Also für mich machen die „Einfältigen und Machtlosen“, die „Geringen und Verachteten“ keinen besonders erwählten Eindruck. Sie sind viel zu oft „die Dummen“, die Abgehängten, die Ausgenutzten, die Rechtlosen, die Ausgebeuteten. Und umgekehrt: Die „Klugen und Mächtigen“ und die, „die in der Welt etwas sind“, die haben das Zepter in der Hand. Wie schon zu Zeiten von Paulus: Der Kaiser in Rom, seine Weltmacht, sein Militär.

Na ja, Paulus spricht von den „Klugen und Mächtigen“. Klug finde ich viele Ton-angebenden Leute in Wirtschaft und Politik nicht immer. Manchmal gibt es da enge Scheuklappen. Blindheit auf bestimmten Augen. Und nicht selten: die Herzens-Blindheit. Das Herz, von dem es doch heißt: „Man sieht nur mit dem Herzen gut“. Mir will scheinen: In bestimmte angesehene Positionen kommt man nur, wenn man eben NICHT mit dem Herzen sieht, wenn man Mit-Gefühl NICHT hat oder tunlichst NICHT nutzt.

In welcher Traum-Welt lebt Paulus denn, dass er von den Einfältigen, den Machtlosen, den Geringen und Verachteten meint: die sind von Gott erwählt? Und: Wenn „erwählt sein“ und „einfältig, gering, machtlos, verachtet“ zusammen gehören, möchte ich dann wirklich erwählt sein?

Schauen wir mal genauer hin – auf die Zeilen davor. Da schreibt Paulus:

Schaut doch euch selbst an, Brüder und Schwestern! Wen hat Gott denn da berufen? Es gibt ja nicht viele unter euch, die nach menschlichen Maßstäben klug oder einflussreich sind oder aus einer angesehenen Familie stammen.

Also: Jetzt mal nicht der Blick in die große, weite Welt, sondern: auf ein Gruppenfoto der Gemeinde in Korinth! Ein paar Dutzend Christen vielleicht in dieser griechischen Großstadt. Ist da die High Society abgebildet? Fehlanzeige! – Na ja, nicht ganz: Sosthenes und Krispus waren mal wichtige Repräsentanten der jüdischen Gemeinde am Ort, und Erastus ist Stadtkämmerer. Aber sonst? Keine Kandidaten für die Geschichtsbücher, keine Karten für den Wiener Opernball, keine Gäste beim Neujahrs-Empfang des Ober-Bürgermeisters.

Und nun das Gruppenfoto einer der christlichen Gemeinden aus Pusemuckel im Jahre 2019. Pusemuckel, da wohnen Sie. Sind Sie überhaupt mit drauf auf dem Foto? Vielleicht ja – gut erkennbar mittendrin. Vielleicht ein wenig abseits und schlecht zu erkennen. Oder Sie sind gar nicht mit drauf. In dem Fall und bis sich das ändert: Gucken Sie in den Spiegel! Da sind Sie gut zu erkennen. Wie sieht es da aus? Ein Kandidat, eine Kandidatin für’s Geschichtsbuch? Opernball? Neujahrs-Empfang? Die Anzahl der Freunde im Internet sagt nicht wirklich viel.

Also: Ob Gruppenfoto in Korinth oder in Pusemuckel oder Ihr Spiegelbild: Die Prominenz ist da nur mäßig vertreten.

Und nun schreibt Paulus den Korinthern, Ihnen und mir und den ganzen mehr oder weniger kleinen Lichtern das, was Sie schon am Anfang gelesen haben:

Gott hat sich vielmehr in der Welt die Einfältigen und Machtlosen ausgesucht, um die Klugen und Mächtigen zu demütigen. Er hat sich die Geringen und Verachteten ausgesucht, die nichts gelten, denn er wollte die zu nichts machen, die in der Welt etwas ›sind‹.

Das heißt dann ja wohl: All das, was die „wichtigen“ Leute mir voraus haben, ist eben NICHT wichtig! Und weiter: Ganz viel von dem, wo die meisten Menschen hinterher rennen, ist eben auch nicht wichtig!

Also: Die vielen Menschen sind auf Abwegen! Als einflussreich und klug zu gelten, vor anderen etwas zu „sein“ und bewundert zu werden, das bringt es alles nicht!

Hat denn Paulus etwas Besseres zu bieten? „Schaut doch Euch selbst an!“, hat er eben gesagt. Das Gruppenfoto von der Gemeinde in Korinth mit den wenigen großen Leuchtern und den vielen kleinen Lichtern! – Was kann ich bei mir kleinem Licht denn finden, dass ich mich von Gott ausgesucht weiß?

Wenn Sie auf dem Gemeinde-Gruppenfoto sind, haben Sie zu der Antwort, die jetzt kommt, eher einen Zugang als ausschließlich mit dem Spiegelbild. Paulus schreibt:

Niemand soll sich vor Gott rühmen können. Euch aber hat Gott zur Gemeinschaft mit Jesus Christus berufen. Mit ihm hat er uns alles geschenkt: Er ist unsere Weisheit – die wahre Weisheit, die von Gott kommt. Durch ihn können wir vor Gott als gerecht bestehen. Durch ihn hat Gott uns zu seinem heiligen Volk gemacht und von unserer Schuld befreit.

Es sollte so kommen, wie es in den Heiligen Schriften steht: „Wer sich mit etwas rühmen will, soll sich mit dem rühmen, was der Herr getan hat.“ (1. Korinther 1, 26 ff.)

Wenn ich das alles dem Paulus nachsprechen kann, dann habe ich es ziemlich gut: Ich habe Gemeinschaft mit Christus. Mit ihm ist mir alles geschenkt: Durch ihn stehe ich vor Gott als ok da, ich gehöre zu Gottes Volk, mir ist vergeben.

Mit solchen Worten können vermutlich die meistens Menschen nicht viel anfangen. Eine fremde Welt, eine merkwürdige Sprache. Und wer soll das sein, Jesus Christus? Und Gott? Na gut, irgendwas Höheres könnte es ja geben …

Aber wenn diese fremd-frommen Worte wirklich MEINE Worte geworden sind, wenn sie zu MIR gehören und ich sie im Moment glauben kann, dann gilt wohl: Ich habe es als kleines Licht und womöglich als gesellschaftliche Randfigur um Längen besser als mancher Macht-Mensch, als manche erfolgsverwöhnte Berühmtheit, die das alles nicht glauben und nicht sagen kann.

Kurz und knapp möchte ich Ihnen folgende Quintessenzen ans Herz legen:

  • Wenn die Worte von Paulus über Christus auch Ihre Worte und Ihr Fundament sind, dann manchen Sie sich zwischendrin mal klar: Sie haben es mit diesem Standpunkt richtig gut! Und relativieren Sie das nicht gleich wieder durch all das, was in Ihrem Leben alles schief gelaufen ist, was Sie belastet und was kaum zum Aushalten ist. Das Gute und das Schwere, es darf nebeneinander stehen, ohne dass es immer gleich einen Mittelwert geben muss.

  • Wenn die Glaubens-Überzeugungen des Paulus NICHT Ihr Fundament sind, dann geben Sie Ihrer SEHNSUCHT danach Raum! Mehr Raum als für die Sehnsucht nach Ruhm, Ehre, Einfluss, ganz viel Ansehen und dem anderen Firlefanz!

Christus, danke für all das, was ich durch Dich bin und habe! Dazu hilf, dass mir immer neu das wichtig wird, was wirklich wichtig ist im Leben und im Sterben! Und dass ich nicht zu lange den bunten Seifenblasen hinterher renne! Amen.

 

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Über Dirk Klute

Dirk Klute, Jahrgang 1965. Ich bin promovierter Theologe und Dipl.-Psych., arbeite als Pfarrer in einer Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Neurologie und in einer Maßregelvollzugsklinik. Ich lebe in Münster (Westfalen). Ich fahre viel Fahrrad und mache gern Musik.
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