“Erste Worte”. Erste Oster-Andacht. Zum 20.4.2014

Ostern! Christus ist auferstanden!
Trotzdem nochmal kurze Rückblende: In den vergangenen Wochen habe ich mit Ihnen Jesu Worte am Kreuz bedacht. Seine letzten Worte. Und wie ist das nun bei Ostern? Was sind Jesu „erste“ Worte? Was sagt der Auferstandene als Erstes? Na, wissen Sie’s?
Auch wenn ich die Andachten über die sieben Kreuzesworte nicht vorbereitet hätte, wären mir die meisten Kreuzesworte eingefallen. Bei den „ersten“ Worten des Auferstandenen hätte ich dagegen eher passen müssen. Und ich hege die Vermutung: Auch wenn Sie zu den Bibelkundigen zählen, Ihnen wird es da nicht so viel anders gehen.
Ich deute diese Beobachtung so: Beim Auferstandenen sind seine Worte – oder allgemeiner: seine „Lehre“, seine Botschaft – nicht mehr so wichtig. Zu Ostern ist das, was Jesus sagt, nicht mehr die entscheidende Botschaft. – Sondern? Jesus selbst! Dass er auferweckt wurde, dass er lebt! Und dass er seinen Jüngerinnen und Jüngern „erscheint“: Sie „begreifen“, dass Jesus lebt!
Übrigens: Nur seinen Jüngerinnen und Jüngern erscheint er. Die Kreuzigung war beschämend öffentlich, mit Schaulustigen, Anhängern, Spöttern, Feinden, gleichgültigen Kriegs­knech­ten. Aber Ostern? Da erscheint Jesus nur seinen Jüngerinnen und Jüngern – denen, die ihm gegenüber eine offene Haltung haben, auch wenn sie gerade für keine 5 Cent mit der Auferweckung rechnen, so voller Schmerz, Trauer und Hoffnungslosigkeit sind sie. Einzige Ausnahme: Jahre später macht sogar ein erklärter Christen-Gegner eine unmittelbare Erfahrung mit dem lebendigen Christus: Paulus.
Dass Jesus seinen hoffnungslosen Jüngerinnen und Jüngern erscheint, kann für Sie heißen: Auch in Zeiten, in denen Ihnen die Auferstehung nicht glaubhaft ist, sind Sie für den Auferstandenen alles andere als ein hoffnungsloser Fall. Allerdings scheint er es mit „ungläubigen Jüngern“ etwas einfacher zu haben, dass für sie Ostern wird, als mit Spöttern, Schaulustigen und Folterknechten.
Der Weg zum „Begreifen“ des Auferstandenen ist auch für Jüngerinnen und Jünger ein längerer. Es ist in keinem der vier Evangelien so, dass Jesus am Ostersonntag plötzlich an der Tür steht und sagt: „So, Leute, hier bin ich!“ Nein, in allen Evangelien fängt Ostern nicht mit dem Erscheinen Christi an, sondern mit einer Leer-Stelle: Das Grab ist offen, der Verstorbene ist weg. In allen vier Evangelien macht sich Verstörung unter denen breit, die das erleben oder davon erfahren. Und in allen vier Evangelien haben „Vermittler“ das erste Wort: fremd anmutende Personen, die den Jüngerinnen und Jüngern die Geschehnisse deuten oder sie darauf vorbereiten müssen. Boten. Auf Griechisch „Angelloi“, also: Engel.
Markus, der Verfasser des ältesten Evangeliums, belässt es bei so einem unbekannten Jüngling und dessen Botschaft sowie bei den trauernden, dann verstörten Frauen. Die flüchten vom leeren Grab und sagen niemandem etwas (der Text ab Markus 16,9 ist eine viel spätere Ergänzung). Keine Frage: Markus glaubt an Jesu Auferweckung. Er weiß auch von Erscheinungen Christi. Aber für uns als Leserinnen und Leser lässt er es in der Schwebe. Denn uns geht es ja meist nicht anders als den Frauen am Grab: Wir haben „Jünglinge“ oder andere, die uns etwas erzählen. Aber Christus selbst haben wir gewöhnlich nicht so sichtbar, hörbar, greifbar bei uns. Da ist schon ein anderes Sensorium gefragt. Und eben: Vertrauen auf das, was andere sagen oder aufgeschrieben haben.
Also: Markus lässt den auferweckten Christus selbst gar nicht zu Wort kommen, er lässt es um unseretwillen in der Schwebe. Anders Matthäus: Da erscheint Jesus den trauernden Frauen und sagt schlicht:

Seid gegrüßt!

Und der nächste Satz:

Fürchtet euch nicht! (Matthäus 28, 9 & 10 in Auszügen)

Zwei knappe Sätze, und die dunkle Welt der Trauernden verwandelt sich schlagartig in Licht. Ich vermute: Christus hätte sonst was sagen können – es hätte keine Rolle gespielt. Wichtig ist: DASS er ihnen erscheint, DASS er sie anspricht, DASS sie ihn erkennen. Christus, der Lebendige, wendet sich ihnen zu. Das ist es.
Und Lukas? Die „ersten Worte“ fallen in der Geschichte von den „Emmaus-Jüngern“. Zwei Jünger, die voll unter dem Eindruck von Jesu Hinrichtung stehen, sind mit trübem Blick und hängenden Schultern unterwegs: Es geht von Jerusalem, dem Ort des Schreckens, in ein Dörfchen namens Emmaus.
Auf dem Weg gesellt sich ein Fremder zu ihnen. Die beiden werden erst am Schluss der Geschichte erkennen, dass es Christus selbst ist. Der Fremde sagt:

Was sind das für Dinge, die ihr miteinander verhandelt unterwegs? (aus Lukas 24)

Der Anfang eines langen Weg-Gesprächs, das die beiden schon ein bisschen hinführt dahin, dass es ihnen später abends beim Essen wie Schuppen von den Augen fällt …
Bleibt noch Johannes: Da erscheint Christus zuerst der Maria Magdalena. Und es ist ganz wie bei den Emmaus-Jüngern: Sie ist so voller Trauer, dass sie ihn zunächst gar nicht erkennt.

Spricht Jesus zu ihr: Frau, was weinst du? Wen suchst du? (Johannes 20, 15)

Maria denkt zunächst, sie hätte es mit dem Friedhofsgärtner zu tun. Erst als er sie – danach – beim Namen nennt, fällt der Groschen.
Wenn Sie sich nochmal an Jesu sieben Worte am Kreuz erinnern: Mindestens drei davon sind Gebets-Rufe, mit zweien spricht Jesus andere an, bei weiteren zweien ist nicht ganz klar: Zu wem spricht er da eigentlich? UNSER Ort bei diesen Kreuzes-Worten ist unter Jesu Kreuz. Ihm beistehen, seine Gebets-Worte nachsprechen.
Ganz anders bei den „ersten Worten“: Mit jedem Wort spricht der lebendige Christus direkt seine Leute an, wendet er sich ihnen zu, ist für sie da. Worte auf einem mal sehr kurzen, mal längeren Weg hin zur Oster-Freude. Und unser Platz? Der ist jetzt nicht, ihm beizustehen, sondern: Uns von ihm ansprechen zu lassen, uns zur Oster-Freude führen zu lassen. Zu Ostern sind wir nicht für Christus da, sondern er ist ganz und gar für uns da.
Kurz und knapp, was ich an den „ersten Worten“ gelernt habe und Ihnen ans Herz legen möchte:

  1. Die „Worte“ sind jetzt nicht so wichtig. Wichtig ist: Christus selbst. Er ist auferstanden!
  2. „Ungläubigen Jünger“ haben es mit dem Ostern-Glauben leichter als Spötter, Schaulustige und Zyniker.
  3.  Ich darf es mir gerade zu Ostern gefallen lassen: Christus wendet sich mir ganz zu. Ihm ist an meiner Oster-Freude gelegen – auch dann, wenn es ein längerer Weg dahin ist.

Und die Folge? Was löst das bei den Jüngerinnen und Jüngern aus – damals und heute?
Was das „Damals“ betrifft, da können Sie jetzt selbst in den Evangelien stöbern. Es kommt da ganz buchstäblich viel in Bewegung!
Und heute? Bei Ihnen? Na, wer weiß. Vielleicht ja auch …

Gebet (von Janet Morley, bayerisches EG, S. 233):
O unvertrauter Gott! Wir suchen Dich an Orten, die Du schon verlassen hast, und sehen Dich nicht, selbst wenn Du vor uns stehst.
Gib, dass wir Dich in Deiner Fremdheit erkennen und uns nicht an vertrauten Schmerz klammern, sondern frei sind, die Auferstehung zu verkünden, im Namen Christi, Amen.

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“In Deine Hände …” Andacht über Jesu siebtes Kreuzeswort zum 11.4.2014

Letzte Worte. Letzte Worte sind manchmal besonders prägnant, besonders wichtig. Oft für den, der diese letzten Worte spricht, mehr noch vielleicht für die, die zurückbleiben. Es ist so etwas wie ein Vermächtnis. Da kommt in dichter, kondensierter Form, wofür derjenige steht oder stand. Seine „Message“.
Was sind Jesu letzte Worte? Wer das jetzt ganz genau wissen will, hat ein Problem. Es gibt mehrere Antwort-Kandidaten. Zwei von ihnen kennen Sie schon aus den früheren Andachten:

  • „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ (Mt 27,46 und Mk 15, 34)
  • „Es ist vollbracht!“ (Joh 19,30)

     Und heute noch ein „letztes Wort“:

  • „Vater, in Deine Hände befehle ich meinen Geist!“ (Lk 23,46)

Fest steht: Jesus kann das alles zwar gesagt haben, aber er kann nicht das alles zuletzt gesagt haben. Nur eines davon geht. Oder gibt es einen „gemeinsamen Nennen“? Etwas, was in all diesen unterschiedlichen „letzten Worten“ steckt und uns sagt, wofür Jesus steht?
Er sieht erstmal nicht so aus: Hier die Gottverlassenheit, dort die Gott-Ergebenheit. Gegensätzlicher geht es kaum. Aber so widersprüchlich sind die Menschen eben: Sie und ich sowieso, und auch der „Menschensohn“ Jesus: Sie können sehr unterschiedlich empfinden, und zwar gleichzeitig oder kurz hintereinander. Sie können Widersprüchliches nebeneinander denken. Sie können zugleich widersprüchliche Wünsche haben. Und: Sie können sich – wie Jesus – zugleich von Gott verlassen fühlen und sich ihm ergeben.
Aber ich gebe die Suche nach dem „gemeinsamen Nenner“ nicht dran. Da fällt mir zunächst auf: Das „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ steht schon im Alten Testament, Psalm 22. Und das „In Deine Hände befehle ich meinen Geist!“ ganz in der Nähe: Psalm 31. Also: Drei der vier Evangelien stellen uns Jesus vor als als einen, der unmittelbar vor seinem Tod Worte der Psalmen, dem Gebets- und Liederbuch Israels, betet. Und der vierte Evangelist, Johannes? Der hat als letztes Wort „Es ist vollbracht!“ Das steht nicht in den Psalmen. Aber dafür dort kurz davor „Mich dürstet!“. Wie in Psalm 69.
Also: In allen vier Evangelien betet Jesus zum Ende hin Psalmen! Diese Einsicht kann ich nun auf zwei Arten betonen:
1. Jesus betet PSALMEN.
2. Jesus BETET – (nämlich) Psalmen.

Nun sind SIE gefragt! Welche der beiden Botschaften können Sie für sich praktisch nutzen?
Jetzt könnten Sie natürlich sagen: „KEINE davon! Denn es ist (sehr wahrscheinlich) für mich ja noch nicht dran, ‚letzte Worte’ zu sprechen und ‚das Zeitliche zu segnen!’“ Stimmt. Aber ich behaupte: Das, wofür Jesus hier im Sterben steht, dafür hat er schon „im Leben“ gestanden. Und ich unterstelle auch für uns: Es wird uns wahrscheinlich nicht möglich sein, auf den letzten Drücker noch einmal eine völlig neue Haltung einzunehmen – uns selbst gegenüber, unseren Mitmenschen gegenüber, dem Leben gegenüber, Gott gegenüber. Eher werden wir gegen Ende diejenige Haltung leben, die wir schon vorher gelebt und eingeübt haben. Deswegen: Dass Jesus zum Schluss Psalmen betet, das geht Sie schon „mitten im Leben“ an.
Können Sie sich von Jesus „die Psalmen“ abgucken? Ich sage es allgemeiner: Manchmal ist es gut, beim Beten auf die Worte anderer zurückzugreifen – so wie Jesus. Weil Sie sonst vielleicht gar nicht aus der Suppe der begrenzten eigenen Begriffe und Gedanken herauskommen. Wenn Sie sich die Worte anderer leihen, öffnet das Ihren Horizont. Ich z.B. habe gerade für mich die gereimten Psalmen im Evangelischen Gesangbuch reformierter Fassung entdeckt.
Das „Sich Worte von anderen leihen“ kann für Sie gerade schwierigen Zeiten wichtig werden. Wenn es Ihnen nämlich die Sprache verschlägt, wenn Sie keine Worte mehr finden, keine eigenen Worte: Sie können immer noch zu den Worten anderer flüchten. Ich vermute: Jesus tut das hier. Ohne Buch. Er hat seine Psalm-Gebete im Herzen. „By heart“. Auswendig.
Ich selbst kann kaum etwas auswendig. Aber ich weiß wenigstens, wo ich etwas finde. Die Psalmen der Bibel sowieso. Und die Gebete zu verschiedenen Zeiten und Anlässen im Evangelischen Gesangbuch – im neuen katholischen Gotteslob entsprechend. Und natürlich: die LIEDER in den Gesangbüchern! Gesprochen oder – warum denn nicht? – gesungen, auch allein. Und ein paar Bücher mit Gebeten im Regel. Oder ein Buch mit Gebeten vom christlichen Buchhändler des Vertrauens.
Aber wichtiger noch als „die Psalmen“: das BETEN SELBST! Ob mit seiner Gott-Verlassenheit oder mit seiner Hingabe: Jesus wendet sich damit seinem himmlischen Vater zu, er bringt das vor ihn. Ich meine, das tut Jesus auch im vierten Evangelium mit dem „Es ist vollbracht!“ Es ist zwar nicht ganz klar: Sagt er das zu sich selbst? Oder den Umstehenden? Oder Gott? Zumindest für den Evangelisten wird es vor allem die Hinwendung zu Gott sein, denn im Satz danach spricht er von Jesu Tod mit Worten der Hingabe an Gott: „Er übergab den Geist“.
Von dieser Hingabe handelt auch unser Jesus-Wort heute: „Vater, in Deine Hände befehle ich meinen Geist!“ So stirbt Jesus, und so hat er immer gelebt: Vom himmlischen Vater alles nehmen, ihm alles geben.
Ob ich einmal so sterben kann, so sterben werde? Ich wünsche mir das, aber wer weiß das schon. Ich habe das nur zum kleineren Teil in der Hand, es wäre eher ein Geschenk.
Aber was ich durchaus in der Hand habe: Ich kann diese Haltung für mein Leben heute und morgen einüben. Im Gebet. Von Gott alles nehmen, ihm alles geben: „Vater, in Deine Hände befehle ich meinen Geist!“ Und gern so, wie es in Psalm 31 dann weitergeht: „Du hast mich erlöst, Herr, Du treuer Gott!“

Gebet:
Vater, in Deine Hände befehle ich – auch heute – meinen Geist. Denn: Du hast mich erlöst, Herr, Du treuer Gott!

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“Es ist vollbracht!” Andacht über Jesu 6. Kreuzeswort. Zum 4.4.2014

Jesus hat das letzte Wort. Zumindest im Johannes-Evangelium lautet dieses letzte Wort so, wie Sie es in der Überschrift lesen: „Es ist vollbracht!“ Und danach?

Und (Jesus) neigte das Haupt und übergab den Geist.

Als bloße Beobachtung wäre das nicht erwähnenswert: dass einer, der am Kreuz hängt, das Haupt neigt, wenn er stirbt. Es ist wohl noch etwas anderes: Jesus hat alles „vollbracht“, was in seiner Macht lag, hat alles durchlitten, was nicht auszuhalten war. Und nun verneigt er sich vor seinem himmlischen Vater, dem Herrn über Leben und Tod – „und übergibt den Geist“.
Wohlgemerkt: „Der himmlische Vater“ ist der Herr über Leben und Tod. Kein Pontius Pilatus und keine Folterknechte, kein alkoholisierter Unfallfahrer und keine böse Krankheit.
Fragt sich nur: Wo ist er denn da gerade gewesen, dieser himmlische Vater? Hat er nicht richtig aufgepasst? War er mal wieder abwesend, wie so viele Millionen Male in der Weltgeschichte? Hatte Pilatus DOCH das letzte Wort?
Bis hierher: Ja! Sonst hätte Jesus sagen können: „ALLES ist vollbracht!“ Ist es aber noch nicht. Ostern fehlt noch. Auferweckung. Nicht: Auf-Erstehung. Man steht selbst auf, aber man WIRD geweckt. Auferweckung GESCHIEHT an Jesus, er kann da gar nichts selbst tun. Der Schritt vom Tod ins Leben ist allein Sache des himmlischen Vaters.
„Es ist vollbracht.“ Im Griechischen sind das nicht drei Wörter, sondern eines. Und da steckt das Wort „Telos“ drin: Vollendung, Ziel, Vollkommenheit, Erfüllung. „Es ist vollbracht“, das ist mehr als: „Ich habe das und das erledigt“ oder „Ich habe etwas fertig gemacht“.
„Es ist vollbracht!“ Jesus sagt sagt das umfassend. Fast ein bisschen wie dieser neuerdings inflationäre Spruch: „Alles ist gut!“ Das ist es allerdings schon im Alltag so gut wie nie – und nun am Kreuz doch erst recht nicht, oder? Aber hier steht es so. – Vollendung, Erfüllung, Vollkommenheit, Ziel.

„Es ist vollbracht!“ – Meistens meide ich das Wörtchen „Wir“, weil das eine Verallgemeinerung und Vereinnahmung ist. Aber jetzt wage ich das mal: „Wir“, wahrscheinlich „wir alle“, empfinden es oft krass anders: Es ist kaum mal etwas „richtig“ und entgültig vollbracht, getan, erledigt, fertig. Eher schon mal, dass Sie sagen müssen: „ICH bin erledigt“, „ICH bin fix und fertig!“
Es ist doch nie wirklich alles gut, oder? Das können Sie überprüfen an dem, was heute Ihre Gedanken erfüllt und Ihr Herz bewegt, was Sie grübeln und sich sorgen lässt. Sie können es, falls Sie nicht komplett im Bett bleiben, an dem überprüfen, was Sie heute in die Hand nehmen oder wohin Sie heute Ihre Schritte lenken. Es ist nicht alles gut, es ist herzlich wenig so richtig vollbracht. Sie arbeiten (vielleicht) dran, aber es ist nicht fertig.
Und wenn Sie mal über den Horizont Ihres persönlichen Lebens hinaus schauen und sich im Radio eine ausführlichere Nachrichtensendung anhören: Auch das klingt überwiegend nicht nach „Es ist vollbracht!“ Eher nach „Da gibt es aber viel zu tun!“ oder resignativ nach: „Was kann man da bloß noch machen?!“
„Es ist vollbracht!“ – Jetzt können Sie zynisch werden und sagen: „Na ja, der, der das sagt, der neigt ja auch sein Haupt und übergibt seinen Geist. Aber an dem Punkt bin ICH noch nicht!“ Stimmt. Weil Sie irgendwo IM Leben stehen, wird es vorläufig immer etwas geben, was bedacht und getan werden will und muss.
Nur: Alles wirklich WESENTLICHE, das IST getan, das IST vollbracht. Das ist Jesu Contrapunkt gegen diesen dauernden Druck, das Leben immer auf den richtigen Weg und an das perfekte Ziel bringen zu müssen. „Es ist vollbracht!“, das steht gegen mein „Ich muss aber noch!“ und gegen mein „Ich schaffe aber nicht!“ Nein, das, worauf es wirklich und letztlich ankommt im Leben und im Tod, das ist längst vollbracht!
„Es ist vollbracht!“, das sagt Jesus zu sich. Er sagt es aber auch …
… denen, die meinen, immer etwas vollbringen zu müssen;
… denen, die meinen, nichts vollbringen zu können;
… denen, die darüber resignieren, nichts „Bedeutendes“ vollbracht zu haben.

„Es ist vollbracht!“ Jesus sagt es Ihnen und mir. Es ist sein letztes Wort. Und gebe es Gott, dass wir an diesem Punkt nicht dauernd selbst das letzte Wort behalten „müssen“.

Gebet (aus einem Lied von Philipp Spitta, 19. Jahrhundert):
Du hast uns lieb. Das ist genug,
uns Trost hier zu verleihen.
Du hast uns lieb. Das ist genug,
uns ewiglich zu freuen.
Drum lass uns auch
nach Kindesbrauch,
durch Deinen Geist getrieben,
verehren Dich und lieben!

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“Mich dürstet!” Andacht über das 5. Kreuzeswort Jesu, zum 28.3.2014

„Durst ist schlimmer als Heimweh“, sagt der Volksmund. Dabei kann Heimweh ein sehr intensives Verlangen sein. Durst ist schlimmer. Ich rede jetzt nicht vom Luxus-Durst nach einer sonnigen Fahrrad-Tour im Biergarten oder auf der Terrasse. Ich denke eher an den Verdurstenden in der Wüste mit seinen Oasen-Phantasien. Oder das Flüchtlingsschiff auf dem Meer – vom Wasser umgeben, aber das ist nicht trinkbar und stillt den Durst nicht. Oder im Gefangenen-Lager, und keiner gibt einem was.
Richtiger Durst lässt sich wohl am ehesten mit intensivem Schmerz vergleichen: Er bemächtigt sich meiner, ich habe keinen Abstand dazu, stehe nicht mehr drüber. Es ist nicht zum Aushalten. „Ich“, sage ich – und habe es noch nie erlebt. Möchte ich auch nicht.
„Mich dürstet!“ Mir kommt dabei ein Lied aus Jugendtagen in den Sinn: „Ich habe Durst, ich hab’ noch Träume, will nicht so schnell zufrieden sein! Ich habe Durst – wo ist die Quelle? Will echtes Leben gegen den Schein!“ Nicht Wasser-Durst, sondern Lebens-Durst. Das intensive Verlangen nach „richtigem“, echtem Leben. Es auskosten. Und nicht nur so ein Schein-Leben.
„Es gibt kein richiges Leben im falschen“, sagt der Philosoph Adorno. Recht hat er. Von daher: Herzlichen Glückwunsch, wenn Sie Lebensdurst SPÜREN! Dann leben Sie zwar ein falsches Leben im falschen, aber Sie SPÜREN wenigstens noch das Falsche! Dann haben Sie sich noch nicht so ganz gewöhnt an das Leben von der Stange, an das Leben, wie „man“ so lebt. Sehnsucht nach „richtigem“ Leben!
Und nun: Der Durst Jesu am Kreuz.

Danach, als Jesus wusste, dass schon alles vollbracht war, spricht er, damit die Schrift erfüllt würde: „Mich dürstet!“ (Johannes 19, 28)

Es klingt fast so, als müsste Jesus da verschiedene Punkt, verschiedene „Schrift“-Zitate abarbeiten, „damit die Schrift erfüllt würde“. Aber das so zu sehen, wäre natürlich grotestk angesichts dessen, was „Kreuzigung“ bedeutet.
Es gibt allerdings Stellen in der „Schrift“, also im Alten Testament, die zu Jesu Durst passen, obwohl sie nicht als Prophezeiungen gemeint waren:

Meine Kräfte sind vertrocknet wie eine Scherbe, und meine Zunge klebt mir am Gaumen, und du legst mich in des Todes Staub. (Psalm 22, 16)

Sie geben mir Galle zu essen und Essig zu trinken für meinen Durst (Psalm 69, 22)

Passend dazu geht es in der Kreuzigungsgeschichte weiter: Jesus bekommt einen Schwamm mit Essig an den Mund gehalten. – Ein Anflug von Mitleid bei den willigen Vollstreckern? Oder, wie im Psalm, Spott? Vielleicht beides …
JESUS hat Durst. Wo doch ausgerechnet er – ebenfalls im Johannes-Evangelium – Dinge sagt, die dazu gar nicht passen wollen: Da hat sich Jesus an einem Brunnen niedergelassen, seine Jünger sind unterwegs, er ist allein. Da kommt eine Frau zum Wasscherschöpfen. Beide kommen ins Gespräch. Es geht um’s Wasser und Wasser-Schöpfen. Und dazwischen dann auf einmal folgender Satz von Jesus:

Wer aber von dem Wasser trinken wird, das ich ihm gebe, den wird in Ewigkeit nicht dürsten, sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, das wird in ihm eine Quelle des Wassers werden, das in das ewige Leben quillt. (Johannes 4, 14)

„… in Ewigkeit nicht dürsten“. Was für ein steiler Satz! Was für ein vollmundiges Verspre­chen! Klar, dass es da nicht nur um das Wasser aus dem Brunnen geht, sondern um den Lebens-Durst. Auch bei Jesu Gesprächspartnerin geht es irgendwann nicht mehr nur ums Wasser: Im Laufe des Gesprächs wird deutlich, wieviel Unglück sie mit ihren wechselnden Partnerschaften hatte. Auch so eine Facette von Lebensdurst, der zumindest bis zu diesem Punkt in ihrer Biographie nicht gestillt werden konnte. Und nun gibt Jesus ein „Wasser“, das den Lebensdurst stillt. – Ja? Wirklich? „In Ewigkeit“?
Oder – Jesus bei einem der großen Pilgerfeste in Jerusalem:

Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, von dessen Leib werden Ströme lebendigen Was­sers fließen! (Johannes 7, 38)

Das ist dann für mich als Hörer nicht nur: „Mein Durst wird gestillt!“, sondern auch: “Durch mich wird der Durst anderer gestillt!“ Große Worte.
Und nun hängt Jesus am Kreuz, stirbt „in seinen besten Jahren“. Und er spricht „Mich dürstet!“ Haucht er es? Wimmert er es? Haben Jesu Spötter am Ende recht, wenn sie höhnen: „Anderen hat er geholfen – und kann sich selbst nicht helfen!“?
Widerlegt Jesu Durst die Worte von der Quelle des Lebens und den Strömen lebendigen Wassers? Ich finde: Nein. Aber es gibt Momente und manchmal auch lange Zeiten, da ist die Gültigkeit zeitweise ausgesetzt und aufgehoben. Da sind sie nur noch allgemeine Wahrheiten, und sie erreichen mich in meinem Dursten, in meinem Verdursten nicht. Zu steile Sätze, zu große Worte. Und dann stehe ich da mit meinem Durst, mit meiner Sehnsucht und meiner Verzweiflung.
Was dann? Wenn es mich nicht mehr anspricht, dass Jesus den Durst löscht? Vielleicht – nur vielleicht – erreichen mich gerade dann seine zwei Worte: „Mich dürstet!“ Leise. Von ganz nah. Hätte ich in so einem Moment nur die großen, die steilen Sätze, dann wären sie mir weit weg, dann wäre mir Jesus weit weg, und ich müsste mich falsch und verkehrt fühlen mit meinem Durst. Aber so ist Jesus mir nah mit seinem Kreuz, mit seinem Durst, mit seinem Schmerz.
Ich verstehe dieses Kreuzeswort Jesu als eine Ermutigung, meinen Durst zu spüren. Ihn auszusprechen. Sogar dann, wenn andere sagen: „Wieso, was willst Du denn? Du hast doch alles!“ Oder: „Du hast nichts zu wollen!“ Es könnte sogar eine Ermutigung zum „Essig“ sein: Etwas, was einem sauer werden kann und anderen vielleicht zu plump oder zu billig ist. Aber es löscht den Durst. Oder schafft wenigstens eine kleine Linderung – als Tropfen auf den heißen Stein.

Unter den allerletzten Sätzen des letzten Buches der Bibel, der Offenbarung, finden Sie folgende Aufforderung:

Der Geist und die Braut sprechen: Komm! Und wer es hört, der spreche: Komm! Und wen dürstet, der komme! Und wer da will, der nehme das Wasser des Lebens umsonst! (Offenbarung 22, 17)

Nicht nur eine Aufforderung, auch eine Verheißung. Allerdings – wie gesagt: Sie steht ganz am Ende. Auf dem Weg dahin wird es Durststrecken geben. – An der Seite dessen, der spricht: „Mich dürstet!“

Gebet (aus Psalm 63; mit Kürzungen)):

Gott, Du bist mein Gott, den ich suche. Es dürstet meine Seele nach Dir, mein ganzer Mensch verlangt nach dir – aus trockenem, dürrem Land, wo kein Wasser ist. So schaue ich aus nach Dir, wollte gerne sehen deine Macht und Herrlichkeit.
Denn deine Güte ist besser als Leben. Meine Lippen preisen Dich. So will ich Dich loben mein Leben lang und meine Hände in Deinem Namen aufheben. Das ist meines Herzens Freude und Wonne, wenn ich Dich mit fröhlichem Munde loben kann.
Wenn ich mich zu Bette lege, so denke ich an Dich, wenn ich wach liege, sinne ich über Dich nach. Denn Du bist mein Helfer, und unter dem Schatten deiner Flügel frohlocke ich. Meine Seele hängt an Dir. Deine rechte Hand hält mich.

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“Warum hast du mich verlassen?” Andacht zum 4. Kreuzeswort, 21.3.2014

Um zwölf Uhr mittags verfinsterte sich der Himmel über dem ganzen Land. Das dauerte bis um drei Uhr. Gegen drei Uhr schrie Jesus: »Eli, eli, lema sabachtani?« – das heißt: »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?« Einige von denen, die dabei standen und es hörten, sagten: »Der ruft nach Elija!« Einer lief schnell nach einem Schwamm, tauchte ihn in Essig, steckte ihn auf eine Stange und wollte Jesus trinken lassen. Aber die anderen riefen: »Lass das! Wir wollen sehen, ob Elija kommt und ihm hilft.«
Doch Jesus schrie noch einmal laut auf und starb. Da zerriss der Vorhang vor dem Allerheiligsten im Tempel von oben bis unten.         (Matthäus 27, 45-51a)

Ein Hügel, „Golgatha“, draußen vor der Stadt. Drei Menschen sterben. Kein friedliches „Einschlafen“, keine schmerzlindernden Medikamente, keine segnende Hand. Nackt und blutend, der Schmerz, gaffende Blicke, Spott. In dieser Kör­per­haltung können die Verurteilten kaum noch viel länger atmen.
„Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen???“ Einer der Drei schreit mit das mit letzter Luft und letzter Kraft. Was für ein Spagat: So fängt Psalm 22 an. Jesus, der fromme Jude, betet in der Stunde seines Todes einen Psalm. Und zugleich: Jesus schreit seine Gottverlassenheit diesem Gott entgegen. Dem Gott, den er früher ganz vertraut und zärtlich „Abba“ – „Papa“ – nannte. Der Gott, dessen Herrschaft er den Leuten angesagt und gebracht hatte. Aber jetzt: Keine rettende Hand, die ihn vom Kreuz nimmt, nicht einmal ein erlösendes Koma. Es ist die Hölle. Dann ein letzter Schrei in diese sonnenfinstere Nachmittagsstunde hinein. Jesus ist tot. Die beiden anderen rechts und links von ihm haben es noch nicht geschafft.
Szenenwechsel: Mitten in der Stadt der prachtvolle Tempel. Zwar seit fast 50 Jahren eine Baustelle, aber er ist schon längst in Betrieb. Hierher pilgern die Leute, wollen Gott nahe sein. Jetzt zum Passahfest herrscht Hochbetrieb. Ein Kommen und Gehen. Lob und Dank, Klagen, Bitten, Opfern, Feiern. Plötzlich: ein Riss. Der Vorhang zum „Allerheiligsten“ – von oben bis unten gerissen. Der Menge bleibt der Riss verborgen. In den hochheiligen Innenbezirk dürfen die Normalbürger ja gar nicht hinein. Und ins „Allerheiligste“ nur der Oberste Priester, einmal jährlich. Ausgerechnet dieser Vorhang zum Allerheiligsten ist gerissen. Mittendurch.
Zwei Ereignisse: ein brutaler Justizmord und ein Riss in einem Vorhang. Wenige Kilometer dazwischen. Und doch in zwei völlig verschiedenen Welten: Die Welt „Golgatha“ ist in diesen Stunden für drei Menschen die Hölle. Die Welt „Tempel“, die ist voller Heiligkeit, Weihrauch­duft, Gewänder, Kunst, Kult. Ein bisschen wie Himmel. Drei der vier Evangelisten erzählen uns von diesen beiden Ereignissen – in einer Stadt, in zwei Welten. Sie ziehen eine Verbindung zwischen diesen Welten, zwischen Himmel und Hölle.
Nochmal Szenenwechsel: Rückblende, weit über 1000 Jahre zurück. Gott hat die Israeliten aus der Sklaverei geführt. Sie ziehen nun durch die Wüste. Jetzt gibt Gott ihnen den Auftrag, das „Zelt der Begegnung“ zu bauen, eine Art mobiler Tempel. Aus den Plänen ein Detail:

„Lass einen Vorhang aus gezwirntem Leinen machen, auf den mit blauer, roter und karmesinroter Wolle Bilder von Keruben gestickt sind. Er soll eine Scheidewand bilden zwischen dem Allerheiligsten und dem übrigen Heiligtum.“     (aus Exodus 26)

Der Vorhang als „Scheidewand“. Er trennt: Auf der einen Seite der Bereich, wo die Priester ein und aus gehen. Hinter dem Vorhang: Das „Allerheiligste“. Dort die Zeichen göttlicher Gegenwart. Dieser Teil ist tabu. Gottes Heiligkeit ist geschützt. Vielleicht auch als Schutz der Menschen: So unmittelbar und eindringlich kann die Nähe des heiligen Gottes sein, dass sie die unheiligen Menschen überfordert, dass sie schier vergehen müssten. Da braucht man Schutz – wie der Oberste Priester, der einmal jährlich am Versöhnungstag hinein geht. Ihn schützen sein Amt, seine Rituale, sein Verstand und seine Lehrmeinung.
Und nun: Der Vorhang ist zerrissen! „Nur“ ein Vorhang, aber seine symbolische Kraft ist stärker als die Tür eines Panzerschranks. Der Weg ist frei: Der Weg des heiligen Gottes zu seinen Menschen, der Weg der Menschenkinder zu Gott. Niemand muss an seiner Gottesferne zugrunde gehen, und niemand soll mit seiner Unheiligkeit in der Nähe Gottes vergehen.
Was immer an jenem Karfreitag im Tempel in Jerusalem passiert sein mag: Eigentlich ist dieser Tempelvorhang, diese „Scheidewand“, auf dem Hinrichtungshügel Golgatha zerrissen. Dort hat der Ewige Geschichte gemacht, seine Geschichte. Die unüberbrückbare Kluft von Gott und Welt, Himmel und Hölle ist überbrückt. Keine Hinrichtung wie jede andere. Gott selbst kommt in die Hölle. Gott nimmt die Gottverlassenheit auf sich.
Seitdem soll es keinen „heiligen Ort“ auf der Welt und in unserem Leben mehr geben, der fein säuberlich abgetrennt ist von den Höllen in derselben Welt. Wer Gott ausschließlich an heiligen Orten, in heiligen Handlungen, heiligen Schriften und heiliger Atmosphäre sucht, wird ein Zerrbild finden. Sondern: Als Gott-Sucher sollen Sie durch den zerrissenen Vorhang hindurch auf Golgatha blicken!
Und: Weil Gott in die Gottverlassenheit gekommen ist, gibt es keine Hölle mehr, in der nicht auch Gott wäre. Wohl dem, der auch durch den Vorhang der eigenen Verzweiflung hindurch auf Golgatha blickt. Da ist Gott, nicht bloß auf dem Thron im Allerheiligsten.
Der Riss im Vorhang, er blieb der Menge verborgen, und er tut es bis heute. Der Vorhang wird wohl auch schnell geflickt worden sein. Oder hurtig ersetzt durch strapazier­fähigeres Material. So sind die Menschen. Nur: Der Vorhang, den Gott durch den Tod Jesu zerrissen hat, ist nicht zu flicken, ist nicht zu ersetzen. Auch wenn wir es nicht mitbekommen oder nicht wahrhaben wollen. Er ist und bleibt zerrissen.
Ich meine: Es ist gut, sich auf diese neue Wirklichkeit einzustellen – gegen die Vorhänge! Runter mit dem Vorhang vor der Hölle anderer Menschen und der Kreatur! Wir dürfen nicht „Insel der Glückseligen“ spielen, als gäbe es das nicht. Gott bliebe uns verborgen. Runter mit dem Vorhang der eigenen Hölle (oder ihrer Vorhöfe)! Gott ist da! Keine Hölle und kein Tod mehr ohne ihn! Warum mir die Hände vor’s Gesicht halten, wenn der Gekreuzigte mich ansieht?

Der Vorhang ist zerrissen. Also lassen Sie uns so leben und so sterben und so auferstehen!

Gebet (von Dietrich Bonhoeffer):

Herr Jesus Christus, du warst arm und elend,
gefangen und verlassen wie ich.
Du kennst alle Not der Menschen,
du bleibst bei mir, wenn kein Mensch mir beisteht,
du vergißt mich nicht und suchst mich.
Amen.

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“Dein Sohn – Deine Mutter”. Andacht zum 3. Kreuzeswort zum 14.3.2014

Eine Szene, die so gar nicht zum Drama einer Hinrichtung passt: Jesus im Kreis seiner Lieben …

Es standen aber bei dem Kreuz Jesu seine Mutter und seiner Mutter Schwester, Maria, die Frau des Klopas, und Maria von Magdala. Als nun Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er lieb hatte, …

Beinahe wie am Sterbebett: Ein paar nächste Angehörigen sind versammelt: Die Mutter; die Tante; eine eng vertraute Jüngerin. Und als einziger Mann: der „Jünger, den er lieb hatte“.
Nur der Evangelist Johannes malt uns diese familiäre Sterbe-Szene vor Augen. Die anderen Evangelien erzählen zwar von Frauen bei der Kreuzigung. Aber: In allen drei anderen Evangelien verfolgen die Frauen die Szene ausdrücklich „von fern“. Und: In den anderen Evangelien ist nirgendwo davon die Rede, dass jemand aus dem engen Jüngerkreis dabei gewesen wäre: Die Männer haben sich ja alle aus dem Staub gemacht.
Hier ist das nun anders: Seine Lieben sind da. Sie stehen Jesus bei, halten es bei ihm aus. Zwei sind „Familie“, zwei sind Nacholger und Nachfolgerin – und wohl auch enge Freunde.
Aber wer ist dieser „Jünger, den Jesus lieb hatte“?
Meine erste Antwort: Das ist der Schreiber des Johannes-Evangeliums. Nun gibt es aber gute Gründe anzunehmen, dass der Evangelist kein Augenzeuge ist, der selbst schon mit Jesus durch die Lande gezogen wäre. Aber einer, der sich als „Jünger, den er lieb hatte“ einige Jahrzehnte später so von Jesus geliebt weiß, dass er sich in den Kreis der Nachfolger einzeichnet, als wäre er mit dabei gewesen. Der Abstand der Jahre schmilzt im Licht der Liebe Jesu. Das ist für ihn alles so unmittelbar, so lebendig, eine so sinnenfällige Erfahrung, dass er sie so schildert, als wäre er mit dabei gewesen. So wie mancher Maler auf Bildern aus dem Leben Jesu sich selbst hinein gemalt haben.
Meine zweite Antwort: Der „Jünger, den Jesus lieb hatte“, das bin ich. Oder das sind Sie. – Wo wir uns in diese Liebe stellen und uns in diesen Kreis mit einreihen. Als Jüngerin oder Jünger unter Jesu Kreuz. Sie stehen an Jesu Seite und nehmen Anteil an seiner Qual, zusammen mit den anderen.
Jetzt ergreift der Sterbende das Wort. Zuerst spricht er seine Mutter an. WIE er das tut, das lässt aufhorchen:

„Frau, siehe, das ist dein Sohn!“

Falls Sie ein halbwegs intaktes Elternhaus hatten, werden Sie sich über die Anrede wundern: „Frau!“ Sie kennen das anders: „Mutter“ oder „Mama“. Aber „Frau“? Das ist heute noch so distanziert, wie es das damals war.
Jesus ist da Wiederholungstäter: Vorn im Johannes-Evangelium treffen Mutter und Sohn bei der Hochzeit zu Kana zusammen. Und was antwortet Jesus, als seine Mutter ein Anliegen hat?

„Was geht’s dich an, Frau, was ich tue?“

Das ist nur eine von mehreren Stellen, die zeigen: Es gab Spannungen in der Familie, und Jesus hatte ordentlich zu tun, sich abzugrenzen. Aber jetzt, am Kreuz, scheint es mir nicht zuerst um Abgrenzung zu gehen:

„Frau, siehe, das ist dein Sohn!“ Danach spricht er zu dem Jünger: „Siehe, das ist deine Mutter!“ Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich. (alles: Johannes 19, 25-27)

Der sterbende Jesus zieht sich als Sohn zurück – um eine neue Gemeinschaft zu stiften. Bei Reinhard Gaede aus Herford habe ich es treffend formuliert gefunden:

„Der Sterbende selbst tröstet die, die um ihn Leid tragen. (…) Der Mensch ist des Menschen Arznei, der Mensch ist des Menschen Trost. Ein junger Mann verliert den Freund und findet eine Frau, die wie eine Mutter wird. Eine Mutter verliert ihren Sohn und findet einen jungen Mann, der sie wie eine Mutter braucht. In der Trauer helfen neue Aufgaben. Wenn der Tod kommt, ist Raum für Zärtlichkeit gegen Lebende. Christus am Kreuz stiftet die Gemeinschaft der Lebenden (…).“

Eine neue Gemeinschaft. – Was aber NICHT das Fundament dieser Gemeinschaft ist:

  • Blutsverwandtschaft. Jesu Mutter und der Jünger sind ja nicht blutsverwandt.
  • Brauchen und helfen. So eine Beziehung haben wir in Jesu Gleichnis vom Schwer­verletz­ten und dem barmherzigen Samariter. Eine Beziehung auf Zeit. Im Gleichnis endet sie damit, dass der Helfer dem Wirt Geld für die weitere Versorgung gibt.
  • Sympathie und Zuneigung. Davon ist in unserer Szene nicht die Rede. Und unter dem Kreuz, an dem der Sohn bzw. der Freund stirbt, ist dafür auch wenig Raum.

Sondern WAS ist die Grundlage dieser neuen Gemeinschaft?
1. Der „Ort“: Sie stehen miteinander unter Jesu Kreuz.
2. Die Person: Dass beide zu Jesus gehören, verbindet sie miteinander.
3. Das Wort: Jesus selbst verweist beide aneinander.  Er stiftet eine NEUE Familie!

Und jetzt nochmal der Gedanke: Der Jünger oder die Jüngerin, die Jesus lieb hat, dass sind SIE! Und Maria, das sind Sie auch. – Was könnte das für SIE heißen?

  • Blutsverwandtschaft ist nicht alles! Es darf sich nicht alles um die klassische Familie drehen. Es wäre nicht gut, wenn das Gelingen der Familie Ihr einziges Ziel wäre – und wenn das Scheitern von Familie auch ihr persönliches Scheitern wäre. – Das sage ich vor allem zu Ihrer Ermutigung, wenn Sie aus einem „broken home“ oder anders belastenden Herkunftsfamilie kommen. „Blutsverwandtschaft“ ist nicht alles und darf nicht alles bleiben!
  • Helfen ist nicht alles! – Vielleicht gehören Sie ja zu denen, die in allen ihren Beziehungen dauernd am helfen sind. Oder umgekehrt: Sie sind überall sofort in der Rolle dessen, der Hilfe braucht, Mitleid auslöst, Hilfe einfordert. Gut, wenn Sie helfen. Gut, wenn Sie um Hilfe bitten. Aber seien Sie sicher: Wenn Sie Beziehungen nur in diesen Rollen gestalten können, fehlt Ihnen etwas ganz Wichtiges!!
  • Sympathie und Zuneigung sind nicht alles! Wäre Sympathie alles, blieben viele familiäre Beziehungen auf der Strecke, denn meine Verwandten habe ich mir nur zum kleinsten Teil selbst ausgesucht. Auch das Helfen bliebe auf der Strecke, denn nicht alle Hilfsbedürftigen sind von Haus aus sympathisch – und alle Helfer auch nicht. Und: Freundschaften und Partnerschaften hätten kaum eine längere Lebensdauer, denn Sympathie und Zuneigung sind scheue Rehe, die nicht dauernd friedlich auf der Lichtung stehen.

Jesus will wohl nicht diese Fundamente für Gemeinschaft entwerten. Aber er begrenzt sie: Sie alle sind nicht alles! Und er bereichert sie: Er will Sie verbinden mit anderen, die unter seinem Kreuz stehen; mit Leuten, die sich Jesus zugehörig wissen; mit Menschen; die auf ihn hören und denen (deshalb) individueller Glaube nicht genügt.
Eine „neue Familie“ unter Jesu Kreuz, das ist Jesu Einladung und Aufgabe. Damit wissen Sie noch nicht, wie das konkret aussehen könnte und was Sie dafür tun könnten. Aber dass Sie wissen: „Es gibt da außer Blutsbanden, Helfen und Sympathie noch was ganz Wichtiges!“, das ist auch schon was …

Gebet (aus einem Lied von Peter Rettinger):
Für Schwestern und Brüder, Herr, danke ich Dir, // für alle, die mit mir gehn,
bereit sind, ihr Leben zu teilen mit mir // und im Glauben zusammen zu stehn.
Für Schwestern und Brüder dank’ ich Dir, Herr, // und will ihnen selbst Bruder/Schwester sein,
will mit ihnen teilen, was Du mir geschenkt, // und über sie alle mich freun.

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Noch heute. Andacht zum zweiten Kreuzeswort für den 7.3.2014

„Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein!“

Paradies und Hölle liegen in diesem Jesus-Wort unanständig dicht beieinander. Die Hölle, das ist Golgatha mit drei Kreuzen: An ihnen drei Leute, die heute dort zu Tode gebracht werden.
Wo Menschen die Hölle veranstalten, fehlt es oft nicht an Schaulustigen:

Und das Volk stand da und sah zu.

Unter dem Kreuz teilen die Kriegsknechte routiniert und ziemlich teilnahmslos die Kleidung der Verurteilten auf – eine nette Zugabe zum Sold. Dann gibt es noch Leute, die hier ihren miesen Charakter ausleben – speziell am Mittleren der drei, an Jesus:

Aber die Oberen spotteten und sprachen: Er hat andern geholfen; er helfe sich selber, ist er der Christus, der Auserwählte Gottes! Es verspotteten ihn auch die Soldaten, traten herzu und brachten ihm Essig und sprachen: Bist du der Juden König, so hilf dir selber! Es war aber über ihm auch eine Aufschrift: Dies ist der Juden König.

So weit, so schrecklich. Aber jetzt kommt ein weiterer Spötter ins Spiel, bei dem Sie sich vielleicht wundern, dass ausgerechnet der da mitmacht:

Aber einer der Übeltäter, die am Kreuz hingen, lästerte ihn und sprach: Bist du nicht der Christus? Hilf dir selbst und uns!

Es ist derselbe Spott, den die anderen gegen Jesus richten: Er als der Christus soll sich doch bitte gefälligst selbst helfen! Dabei hat Jesus nie und schon gar nicht öffentlich herausposaunt: „Liebe Leute, hört mal her, ich, ich bin der Christus, der Gesalbte Gottes!“ In diesem Punkt war Jesus Freund der leisen Töne.
Ein Mit-Gekreuzigter als Spötter. Es ist keine ernst gemeinte Frage, dieses „Bist du der Christus?“ Es ist keine vertrauensvolle Bitte: „Hilf dir selbst und uns!“ Sondern: Dieser sterbende Mensch quatscht nach, was die anderen Spötter sagen. Wieso macht er das? Ich vermute: Weil er selbst so ausgeliefert ist, entehrt wird, höllische Schmerzen und Atemnot hat und den Tod vor Augen. Hilflosigkeit. Beim Spotten ist der eigene Zorn, die eigene Aggression, das eigene Überlegen­heits-Gefühl besser auszuhalten als diese Hilflosigkeit.
Sie können das bei sich selbst überprüfen, wenn Sie das nächste Mal einem anderen Men­schen etwas überheblich begegnen, ihn oder sie dumm stehen lassen oder hinter’m Rücken ablästern. Sie werden, wenn Sie ehrlich genug zu sich selbst sind, wahrscheinlich dahinter die eigene Kleinheit, Ihre begrenzten Möglichkeiten, Ihr nicht ganz erfolgreiches Bemühen um Ansehen und etwas von einem zwergenhaften Selbstwertgefühl erkennen.
Der spottende Verurteilte, der seine Hilflosigkeit nicht spüren will. Die spottenden Oberen, mit ihren ironischen Vorwürfen. – Dann müssen sie wenigstens nicht spüren, wie mies sie sich gegen Jesus verhalten haben, als sie ihn den Römern ans Messer lieferten. Wenn sie hier Jesus von oben herab die Schuld an seinem Schicksal geben, müssen sie ihre eigene Schuld gar nicht sehen. Und ihren Verrat: Sie haben nicht nur Jesus den Römern ausgeliefert, sondern damit auch ihre eigene Religion und ihren Gott verraten.
Aber dann gibt es noch den anderen Verurteilten am Kreuz. Nur der Evangelist Lukas berichtet uns von ihm. Gut, dass wir den auch noch kennen lernen: Dieser andere Übeltäter durchlebt die gleiche höllische Not wie sein Kollege. Aber er hat einen anderen Weg, damit umzugehen:

Da wies ihn der andere zurecht und sprach: Und du fürchtest dich auch nicht vor Gott, der du doch in gleicher Verdammnis bist? Wir sind es zwar mit Recht, denn wir empfangen, was unsre Taten verdienen. Dieser aber hat nichts Unrechtes getan.

Zwei Dinge sind anders als beim ersten Verurteilten:

1. Verantwortungs-Übernahme. Der erste Verurteilte sieht Jesus in der Pflicht. Der soll doch bitteschön mich und sich aus der Patsche retten – und ist schuld, wenn er es nicht tut und stattdessen selbst hilflos am Kreuz hängt.
Und heute? Da sitzt einer in der Tinte, und es haben immer nur die bösen Mitmenschen schuld oder die unfähigen Ärzte oder der untätige liebe Gott. Wenn dann alle Leute, Himmel und Hölle die Verantwortung für mein Elend haben außer natürlich ich selbst, dann brauche ich auch keine Mit-Verantwortung dafür übernehmen, dass es anders, dass es besser wird. Die fordernden Erwartungen an die anderen schießen ins Kraut, die Enttäuschungen über sie auch. Ich sehe mich als Opfer – und so bleibe ich es dann.
Der zweite Verurteilte wälzt die Verantwortung nicht auf andere ab. Der sagt: „Wir empfangen, was unsere Taten verdienen.“
Es gibt, was Schuld und Verantwortung angeht, natürlich auch in die andere Richtung den Knick in der Optik: Ich bin dauernd dabei, die anderen zu ent-schuldigen, ihre Verant­wortung klein zu reden und ihre Schuld zu bestreiten. – Und mir stattdessen alles selbst aufzuhalsen. – Wer das tut, kann sich unter diesem Berg von Schuld und Scham kaum noch rühren, der kann sich selbst schlecht vergeben und sich auch nicht vorstellen, dass Gott ihm vergibt. Auch der steckt fest in der Opfer-Rolle.

2. Gottes-Furcht. Für den zweiten Verurteilten ist seine höllische Situation nicht Anlass, Gott die Ehre zu entziehen, sondern: ihm erst recht Ehrfurcht zu geben. Ich denke mir das so: Wem schon immer „Ehrfurcht vor Gott“ ein Fremdwort gewesen ist, wird nicht gerade jetzt damit anfangen, wo das Leben ins Wackeln kommt. Schließlich hat dieses höhere Wesen, das dafür zu sorgen hat, dass alles rund läuft, ja versagt. Wer sich dagegen schon länger in einer ehrurchtsvolle Haltung zu Gott eingeübt, wird das eher beibehalten. Weil der ein Gespür dafür hat, was trägt, wenn sonst nichts mehr hält und trägt.

Und jetzt kommt sie, die Hinwendung zu Jesus selbst:

„Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst!“

Mir scheint: Dass dieser Verurteilte sich an Jesus wendet, ist wichtiger als das, was er sagt. Und was er sagt, ist wichtiger als das, was er nicht sagt. Er sagt nicht: „Hol mich vom Kreuz!“; nicht „Gib mir schnell ein gnädiges Koma vor dem Tod!“; nicht „Lass mich in den Himmel kommen!“; und nicht mal „Vergib mir!“. Sondern was unser Verurteilter in seine letzten Atemzüge legt, das ist die Hoffnung auf Jesu Reich und der Wunsch: „Denk an mich!“ oder „Vergiss mich nicht!“ Kein langer Bittenkatalog. Weil er glaubt: `Wenn Jesus an mich denkt, dann steckt da alles drin, was ich in Ewigkeit brauche!´ Damit kann er sterben.
Und nun – endlich – das Jesus-Wort:

Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein! (Alles: Lk 23, 35-43)

Das besiegelt die Hoffnung dieses Verurteilten. Und wenn mein letztes Stündchen schlägt, möchte ich diesem Satz auch glauben können.
Und der erste Verurteilte, der Spötter? Rien ne va plus, Chance vertan, Paradies versperrt? Nein, davon steht da kein Wort. Eher wohl: Wer wie der erste Mit-Gekreuzigte so in seiner Glaubenslosigkeit und spöttelnden Ehrfurchtslosigkeit gefangen ist, der ist für so eine Wahrheit verschlossen. Der wäre auch nicht ansprechbar und tröstbar gewesen, wenn Jesus ihm dasselbe auf den Kopf zugesagt hätte. Wer sich dagegen wie der zweite Verurteilte Jesus zuwendet und den Wunsch einübt: „Denk an mich!“, dem kann dieses „Heute – mit mir – im Paradies!“ vielleicht eher bis ins Herz gehen, Hoffnung geben, trösten.
Beide Verurteilte sehen einander zum Verwechseln ähnlich: Beide geschunden, beide am Kreuz, beide den Tod vor Augen. Und beide mit Jesus an ihrer Seite, der ihr Schicksal teilt. Den kleinen Unterschied kann keine Kamera einfangen: Der eine trägt Hoffnung auf Jesus im Herzen, dem anderen bleiben – in diesem Moment – Zynismus und Spott.

Gebet:
Jesus, denke an mich! Heute! Und wenn ich am Ende bin! Und in Ewigkeit! Amen.

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