Jahresdienstgespräch. Andacht zum 31.10.2014

„Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen!“, sagt Helmut Schmidt – und macht es sich zu einfach. Der Seher Johannes auf der Insel Patmos hat Visionen in schwerer Zeit. Wir befinden uns so um das Jahr 90. In weiten Teilen des Römischen Reiches ist der Kaiserkult eingeführt worden. Der Kaiser ist jetzt eine Gottheit und muss kultisch verehrt werden. So eine Art Nagelprobe, wie es um die Staatstreue seiner Bürger bestellt ist.
Für die christlichen Gemeinden ist das eine doppelte Bedrohung: Von außen, denn wer nicht mitmacht, riskiert sein Leben. Die ersten Märtyrer hat es schon gegeben. Oder aber von innen, denn wer mitmacht, höhlt seine Treue zu Gott aus. Schärfer gesagt: Der verrät seinen Glauben, seinen Gott und irgendwie auch seine Mitchristen. Die ganze Offenbarung mit ihren teils schlimmen Visionen ist eigentlich ein einziger Appell, Gott und dem eigenen christlichen Glauben treu zu bleiben, nicht dem Staat und dem Kaiser.
Vor den großen Visionen stehen am Anfang der Offenbarung die „kleine“ Visionen: Christus erscheint Johannes – und hat „Sendschreiben“ für sieben christliche Gemeinden in „Kleinasien“, heute Türkei. Inhalt der Sendschreiben: Hauptsächlich „Rückmeldungen“: Mal scharfe Kritik, mal großes Lob, mal teils-teils.
Mich erinnert das an ein „Jahresdienstgespräch“. Vielleicht kennen Sie Jahresdienstgespräche. Die gibt es oft in Firmen, Behörden und überhaupt in der Arbeitswelt. Der Untergebene trifft sich mit seinem Chef. Man guckt gemeinsam, was beide miteinander vor einem Jahr besprochen und notiert hat. – Wie ist es seitdem gelaufen? Welche Erfolge, Misserfolge, Schwierigkeiten gab und gibt es? Und dann: die „Zielverein­barung“: Es wird notiert, was alles verbessert, gesteigert, geändert werden soll. Denn schließlich: Auch wer gut ist, kann doch noch besser werden. – Oder etwas nicht?!
So, und nun ein kleiner Auszug aus dem „Jahresdienstgespräch“, dem Sendschreiben an die Gemeinde in Philadelphia. Es fängt an mit der Rückmeldung:

Ich kenne deine Werke. Siehe, ich habe eine geöffnete Tür vor dir gegeben, die nie­mand schließen kann; denn du hast eine kleine Kraft …

„Kleine Kraft“, das hört kaum ein Untergebener gern von seinem Chef. Stark sein ist angesagt! Aber hier ist das wohl ein bisschen anders: Die Sache mit der offenen Tür, das bedeutet doch: Christus selbst als „der Chef“ hat seinen Leuten in Philadelphia etwas eröffnet, einen Zugang verschafft. Einen Zugang wozu? Das bleibt hier so offen wie die Tür. Lebens-Möglichkeiten vielleicht, trotz Angst und Bedrohung? Oder eine große Zukunft – obwohl andere einem ans Leben wollen? Vielleicht gar Missions-Möglichkeiten? Andere zum Glauben einladen?
Und wenn diese Tür niemand schließen kann, dann bedeutet das doch: Es hängt NICHT an der kleinen Kraft und ihren Grenzen. Sondern daran, dass der Chef, Christus selbst, diese Tür geöffnet hat. Dahinter kann keine kleine Kraft der verfolgten Christen und kein römischer Gott-Kaiser zurück.
Also: „Kleine Kraft“ ist ok! Vielleicht: Richtig gut! So positiv geht die Rückmeldung weiter:

… und hast mein Wort bewahrt und hast meinen Namen nicht verleugnet.

Positiv – und doch so anders als das Lob eines „typischen Chefs“: keine verbesserten Zahlen, keine neuen Projekte, keine Erfolge. Nein, worauf es DIESEM Chef ankommt, das ist schnell gesagt. Dabei klingt es ziemlich „passiv“. Keine großen Aktionen, sondern Treue! – „… mein Wort bewahrt“; „meinen Namen nicht verleugnet“. Punkt. Mehr eine Haltung, jedenfalls kein emsiges Tun, keine Betriebsamkeit, keine besseren Zahlen.
Und dann etwas später:

(…) Weil du das Wort vom Harren auf mich bewahrt hast, werde auch ich dich bewahren vor der Stunde der Versuchung, die über den ganzen Erdkreis kommen wird (…)
Ich komme bald. Halte fest, was du hast, damit niemand deinen Siegeskranz nehme! (aus: Offenbarung 3, 7-11)

Mir kommt es hier besonders auf dieses „Halte fest, was Du hast!“ an. Das ist wichtig für den „Siegeskranz“. Den gibt es bei antiken Sport-Wettkämpfen, so wie heute bei den olympischen Spielen die Goldmedaille für den Allerbesten.
Und jetzt ein Detail: Die Philadelphia-Gemeinde soll NICHT den Siegeskranz bekommen! – Wieso nicht? Weil sie ihn schon HAT! Nur weil sie ihn schon hat, soll ihr den nun auch keiner nehmen!
Das ist krass: Ein Grüppchen von Christinnen und Christen, an Leib und Leben bedroht, mit kleiner Kraft, soll sich als Sieger fühlen! Wie der Athlet, der als Erster durch’s Ziel läuft, der es geschafft hat, der geschafft ist und doch von Herzen jubeln kann! Christus an seiner Seite zu wissen, das scheint schwachen Leuten ein kräftiges Trotzdem-Siegesgefühl geben zu können! Und an diesem Christus festzuhalten, das bedeutet dann auch: Meinen Siegeskranz kann mir keiner nehmen! Er ist ja an meiner Seite!
Noch etwas: Den normalen Siegeskranz kann immer nur einer bekommen – der Schnellste, Höchste, Beste. Die anderen gehen leer aus. Das ist mit dem Christus-Siegeskranz völlig anders. Außerdem: Hier bekommt diesen Christus-Siegeskranz nicht die schnellste, höchste, beste, aktivste, gläubigste, tapferste und überhaupt tollste Gemeinde zugesprochen, sondern ein schwaches Häufchen – in seiner Treue zu Christus und seinem Wort.
Ich meine: Was für dieses schwache Christen-Häufchen gilt, das gilt auch für Sie und mich als Einzel-Personen: Sie werden das mit der „kleinen Kraft“ kennen. Und wenn nicht, dann steht Ihnen diese Erfahrung noch bevor. – Kleiner, als Sie sie unbedingt zu brauchen meinen. Und da wäre es dann Christus, der Ihnen sagt: „Es ist gut so! Es ist genug! Hör auf damit, dass es immer und immer besser sein muss! Sondern: Halte, was Du hast! – Deine Treue zu mir! Und was für eine Figur auch immer Du nach außen oder innen abgibst: Du trägst meinen Siegeskranz, Du darfst als Sieger leben. Das lass Dir nicht nehmen!“

Gebet:
Christus, so schnell bin ich dabei, mir selbst einzureden, dass es nicht reicht. Dass es nicht genug ist. Dass ICH nicht genüge. Danke, dass Du etwas anderes, wirklich Gutes für mich hast! Dazu hilf mir, Deinem Wort treu zu bleiben und mich darauf zu verlassen! Amen.

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Das Unkraut darf wachsen. Andacht zum 24.10.2014

Jesus erzählte ihnen noch ein anderes Gleichnis …

Jesus erzählt gern GESCHICHTEN. Oft noch nicht mal richtige Geschichten mit Anfang und Ende, sondern kurze Episoden. Aus dem Alltagsleben seiner Zuhörer. Es geht oft um’s Säen und Ernten, um’s Brotbacken, um’s Pflügen, um’s Geld-Verbummeln und –Wiederfinden und so weiter. Alltägliche Geschichten.

Vorgänge, „Bilder“. Sie werden durchlässig, transparent. Etwas anderes wird durch sie hindurch sichtbar. Sie lassen etwas von Gott aufscheinen. Und: Sie lassen etwas von Jesu Zuhörern durchblicken. Sie sollen sich ja selbst darin wiederfinden. Also: Gott ent-decken, sich selbst ent-decken. Gotteserkenntnis, Selbsterkenntnis. Und heute fängt Jesu Geschichte so an:

Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Mann, der guten Samen auf seinen Acker säte.

Von diesem Anfang her könnte die Geschichte richtig gut enden: Die ausdrücklich „gute“ Saat lässt auf eine „gute“ Ernte ein paar Monate später hoffen.

Aber nein! Es gibt Komplikationen. Schließlich kann „auch der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt“:

Während nun die Leute schliefen, kam sein Feind, säte Unkraut unter den Weizen und ging wieder weg.

Niemand hat ihn gesehen, den Feind mit seinem Unkraut-Anschlag. Schließlich schliefen ja alle. Man kann sich ja auch nicht jede Nacht auf die Lauer legen.

Und am nächsten Morgen ist? Nichts! Nichts jedenfalls, was man sehen könnte. Alles scheint gut und in Ordnung zu sein mit dem Feld. Alles gut! Aber manchmal trügt der Schein. Erst eine Weile später wird für jeden erkennbar: Da stimmt etwas nicht!

Als die Saat aufging und sich die Ähren bildeten, kam auch das Unkraut zum Vorschein. Da gingen die Knechte zu dem Gutsherrn und sagten: Herr, hast du nicht guten Samen auf deinen Acker gesät? Woher kommt dann das Unkraut? Er antwortete: Das hat ein Feind von mir getan.

Und nun? Jetzt muss eine schnelle Lösung her, damit wieder alles in Ordnung ist. Die Knechte haben auch gleich eine Idee:

Da sagten die Knechte zu ihm: Sollen wir gehen und es ausreißen?

Unkraut jäten, weg mit dem Zeugs! Am besten sofort! Dann ist das Feld endlich sauber und in Schuss!

Aber ein Glück: Was die Knechte NICHT tun, ist: Sofort losstürmen in vorauseilendem Gehorsam alles blitzeblank machen. Nein, sie FRAGEN ihren Chef. So viel Zeit muss sein. Und der Chef, er hat eine ganz andere Meinung:

Er entgegnete: Nein, sonst reißt ihr zusammen mit dem Unkraut auch den Weizen aus. Lasst beides wachsen bis zur Ernte! Wenn dann die Zeit der Ernte da ist, werde ich den Arbeitern sagen: Sammelt zuerst das Unkraut und bindet es in Bündel, um es zu verbrennen; den Weizen aber bringt in meine Scheune. (alles: Matthäus 13, 24-30)

Kurz und knapp: Das „Schlechte“ mit Stumpf und Stil beseitigen wollen, das würde bedeuten: auch den Weizen zertrampeln und vernichten! Wer es besonders gut meint, riskiert, es besonders schlecht zu machen. Das Unkraut aussortieren, das hebt der Bauer sich für später auf. Für JETZT hat er nur eine einzige Aufforderung an seine Bediensteten: „Lasst beides wachsen!“

Ein Gleichnis über das „Himmelreich“, hier: über das „Himmelreich“ – im Wachsen begriffen. Noch vor der Vollendung, noch vor dem „Jüngsten Tag“. „Himmelreich“ bedeutet da: Vorsicht mit schnellen Lösungen! Vorsicht mit radikalen Lösungen! Vorsicht mit Lösungen, die glasklar die Spreu vom Weizen trennen! Vorsicht mit eindeutigen Zuordnungen von „gut“ und „böse“ und dem Wunsch, das Böse mit Stumpf und Stil zu beseitigen! Vorsicht mit Aktionismus, ohne vorher den „Gutsherrn“ zu fragen!

Vorsicht!“ – Das ist die Botschaft an mich. Und vielleicht auch an Sie. Speziell wenn mir der Kragen zu platzen droht und der Geduldsfaden (der den Kragen zusammenhält) zu reißen scheint. Und wenn ich das viele Unkraut einfach nicht mehr sehen kann.

Ich rede gar nicht von diesen riesigen globalen Problemen. Auch nicht von dem, was in der „Gesellschaft“ schief läuft. Eher schon von dem, was mir an meinen unmittelbaren Mitmenschen aufstößt und nicht passt. Oder speziell unter Christen: Was für schwierige Typen sich in der Kirchengemeinde mit tummeln und so vieles kaputt machen oder verhindern.

Oder – und da wird es jetzt für Sie und mich noch persönlicher: Das „Unkraut“ im eigenen Leben! Das, was mir an mir selbst überhaupt nicht passt. Diese ganzen Unzulänglichkeiten, wiederkehrenden Fehler, was ich alles regelmäßig verderbe – oder jedenfalls oft. Auch da gibt es Manchen mit der Neigung zur Radikalität: Sich selbst verurteilen, sich selbst bestrafen, kein gutes Haar an sich lassen! – Aber diese Kammerjäger-Mentalität gegen sich selbst oder gegen andere, das ist nicht der Geist Christi. Jesus sieht nicht dezent über das Unkraut hinweg. Er redet es auch nicht schön – im Sinne von nett anzusehen oder ökologischer Vielfalt. Trotzdem darf es mit wachsen. Um des Weizens willen. Denn der ist ja schließlich auch noch da, selbst wenn Sie davon gar nichts zu sehen vermögen. Nicht bei den anderen, nicht bei sich selbst.

Rigorismus zerstört. Perfektionismus zertrampelt. Es ist nicht mein Job, den „Jüngsten Tag“ vorwegzunehmen. „Vorsicht!“, sagt Jesus. Aber wie? Wie kann ich mich vor meinem eigenen Rigorismus schützen, vor meiner Ungeduld, meiner Impulsivität, meinem allzu simplen Weltbild?

Dazu gäbe es viele gute Antworten. Sie könnten geduldige, nachsichtige, liebevolle Menschen nach solchen Antworten fragen. HIER möchte ich eine Antwort herausgreifen – eine aus unserm Gleichnis:

Da sagten die Knechte zu ihm: Sollen wir gehen und es ausreißen? Er entgegnete: Nein, sonst reißt ihr zusammen mit dem Unkraut auch den Weizen aus. Lasst beides wachsen bis zur Ernte!

Frage und Antwort. Wer – wie die Knechte – FRAGT, ist nicht mehr den eigenen schnellen Antworten ausgeliefert. Wer FRAGT, hat Zweifel daran, dass „alles klar“ ist. Wer FRAGT, baut eine Verzögerung, eine Denk-Pause ein.

Und weil die Knechte hier den GUTSHERRN fragen, meine ich: Es geht um’s GEBET. „Sollen wir gehen und es ausreißen?“ Unsere „Beter“ haben einen ganz konkreten Impuls. Aber sie fragen nach. Und dann kann es passieren, dass sie – und Sie! – erleben: Es ist gerade etwas ganz anderes zu tun dran. Oder: Eben GAR NICHTS zu tun. Und alles erstmal wachsen zu lassen.

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Ruth III: Frauengeschichten. Andacht zum 17.10.2014

Sie haben es die letzte Woche schon geahnt: Zwischen Ruth und Boas entspinnen sich – mit Unterstützung von Schwiegermama Noomi – zarte Liebesbande.
Die schönsten Szenen unterschlage ich Ihnen: Erstens eine romantische nächtliche Fast-schon-Verführung auf der Tenne des Boas. Alles vorher zwischen Ruth und ihrer Schwiegermutter abgesprochen. Zweitens unterschlage ich Ihnen die entscheidende Verhandlung unter den Ältesten von Bethlehem im Tor der Stadt, denn Boas bekommt seine Ruth nicht einfach so, da muss erst Rechtliches geklärt werden.
Wir beginnen heute direkt beim Happy End. Denn am Ende, da kriegen sich Boas und Ruth:

So nahm Boas die Ruth, dass sie seine Frau wurde.

Und nun die einzige Stelle im Buch Ruth, wo die Beteiligten nicht nur etwas über Gott sagen, sondern wo Gott selbst ausdrücklich etwas tut. Wobei: „tut“ ist schon etwas übertrieben. Gott „gibt“, dass etwas passiert:

Und als Boas zu Ruth einging, gab ihr der HERR, dass sie schwanger ward, und sie gebar einen Sohn.

Gott ist gegenwärtig: Vorher, fast noch zu Beginn der Geschichte, in der Klage und in den Vorwürfen von Schwiermutter Noomi, die so viel verloren hatte.
Gott ist gegenwärtig: In den Segenswünschen des Boas für die Migrantin Ruth und in dem, was Boas dann für sie tut.
Gott ist gegenwärtig: Ganz ohne extra „Wunder“ in den natürlichen und wunderbaren Vorgängen von Sexualität, Zeugung, Schwangerschaft, Geburt.
Und nun ist Gott gegenwärtig im Lob der Frauen Bethlehems, die sich mit Noomi freuen:

Da sprachen die Frauen zu Noomi: Gelobt sei der HERR, der dir zu dieser Zeit einen Löser nicht versagt hat! Dessen Name werde gerühmt in Israel! Der wird dich erquicken und dein Alter versorgen. Denn deine Schwiegertochter, die dich geliebt hat, hat ihn geboren, die dir mehr wert ist als sieben Söhne.
Und Noomi nahm das Kind und legte es auf ihren Schoß und ward seine Wärterin. Und ihre Nachbarinnen gaben ihm einen Namen und sprachen: Noomi ist ein Sohn geboren; und sie nannten ihn Obed.

Eigentlich ist hier Schluss, es gibt gleich nur noch einen Anhang. In dieser Schluss-Szene wird wieder deutlich: Das ganze Buch Ruth ist eine Frauen-Geschichte. Außer Boas sind alle Männer nur Statisten, deren Namen Sie schnell wieder vergessen dürfen.
Aber Ruth, die Namensgeberin des Buches! Sie entscheidet sich für ein Leben in der Fremde an der Seite ihrer Schwiegermutter. Ihre Beziehung zueinander und ihre gemeinsamen Absprachen haben eine ganz andere Qualität als die Beziehung Boas-Ruth, die erst eine liebevoll-helfende, dann eine erotische ist.
Aber Orpa, die andere Schwiegertochter Noomis! Sie entscheidet sich nach langem Ringen für einen anderen Weg, den Weg zurück, und auch der ist völlig ok. Jedenfalls: Sie entscheidet sich!
Aber die Nachbarinnen in Bethlehem und die anderen Frauen dort! Sie waren schon da, als Noomi nach langer Zeit zurück kam, sie hörten sich ihre Klage an. Und nun übernehmen sie es, Gott zu loben und die Wende im Leben der Noomi zu preisen.
Aber vor allem: Noomi selbst! Eigentlich hätte es nicht „das Buch Ruth“, sondern „das Buch Noomi“ heißen müssen. Sie ist es, die durch ihren Rat entscheidende Dinge anstößt. Vor allem ist sie ein Beispiel dafür, wie einem im Leben so ziemlich alles zerbrechen kann – so viel, das kein Spalt mehr bleibt, durch den Hoffnung dringt. Und wie sie trotzdem sich und ihre Ruth nicht aufgibt. Und sie ist ein Beispiel, wie Gott handeln kann. Unspektakulär – ohne große Worte, große Taten, Wunder. Aber so, dass es am Ende gut wird. Und so, dass die Leute, die es miterleben, Gott loben.

Gerade dieser letzte Punkt, der soll Ihnen Mut machen: Dass auch jemand, der sich völlig am Ende sieht und dem nur Verzweiflung bleibt, nicht ohne Gott ist. Und dass es am Ende gut wird. Davon dürfen sich auch die Statisten ansprechen lassen, liebe Männer!

Und nun der Kernsatz vom Nachspann – der uns den Horizont der Geschichte noch mal ganz kräftig weitet:

(Obed) ist der Vater Isais, welcher Davids Vater ist.

Aha! Plötzlich ist es nicht mehr „nur“ eine Not- und Liebesgeschichte mit Happy End, sondern wir landen in der Weltgeschichte! König David – DER große König Israels!
Später, nach David, haben sich immer wieder Hoffnungen geregt: Ein Retter sollte kommen, von Gott gesandt. Er sollte sein wie David und er sollte aus seiner Nachkommenschaft sein. Der „Gesalbte“, gesalbt wie ein König, der „Messias“.
Christen sagen: Jesus ist dieser Gesalbte, das Wort „Christus“ bedeutet genau das: „Gesalbter“. Einer der beiden Stammbäume Jesu im Neuen Testament steht bei Matthäus. Er erwähnt in der Ahnenreihe meistens nur die Väter und nur selten die Mütter. Klar, David und sein Urgroßvater Boas kommen darin vor.
Und eben namentlich: Ruth. Witwe eines Armutsflüchtlings. Mit Migrationshintergrund. Anfangs wohl mit Problemen mit der Sprache und der Kultur, mit der fremden Religion und den Menschen. Eine, die sich das Essen buchstäblich zusammensuchen musste. Es scheint so, dass Gott ein besonderes Herz für diejenigen hat, die gesellschaftlich nicht viel gelten.
Sie gelten gesellschaftlich auch nicht so viel? – Dann soll Sie das trösten! Gott sieht Sie! Und Gott sieht Sie mit anderen Augen als „die Mehrheitsgesellschaft“!
Oder: Sie sind eigentlich ganz gut integriert in die Mehrheitsgesellschaft? Dann sind Sie aufgefordert, Ihre Mitmenschen „am Rand“ der Gesellschaft gegen den Trend mit GOTTES Augen zu sehen: So, wie Gott Ruth gesehen hat.

Gebet:
Gott, wenn ich am Ende bin, dann lass mich glauben: Für Dich ist es ein Anfang. Wenn ich völlig fertig bin, dann lass mich glauben: Du bist noch lange nicht mit mir fertig – sondern: Du wirst mich vollenden! Amen.

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Ruth, Teil II: Mit Gott auf dem Feld. Andacht zum 10.10.2014

Mit zwei ungleichen Frauen endete letzte Woche der erste Teil der Ruth-Geschichte: Die eine, die Ausländerin Ruth, begleitet ihre Schwiegermutter in das für sie völlig fremde Bethlehem. Wegen ihrer Schwiegermutter mutet sie sich das Fremde zu, auch den fremden Gott Israels. Sie steht am Anfang dieses Glaubens. Die andere ist diese Schwiegermutter. Noomi heißt sie. Sie steht anscheinend am Ende ihres Glaubensweges: Gott hat es gemacht, dass sie von den Trümmern ihres Lebens steht. So sieht sie es, so beklagt sie es. Öffentlich.
Wegen des fehlenden Brotes war Noomi damals mit ihrem Mann und ihren Söhnen aufgebrochen nach Moab. Wegen des wieder vorhandenen Brotes ist sie nun zurückgekehrt, diesmal nur noch mit ihrer Schwiegertochter. Mit der Suche nach Brot geht es weiter:

Eines Tages sagte die Moabiterin Ruth zu ihrer Schwiegermutter: »Ich will hinausgehen und Ähren sammeln, die auf dem Feld liegen geblieben sind. Ich finde schon jemand, der freundlich zu mir ist und es mir erlaubt.« »Geh nur, meine Tochter!«, sagte Noomi. 
Ruth kam zu einem Feld und sammelte Ähren hinter den Männern und Frauen her, die dort das Getreide schnitten und die Garben banden und wegtrugen.

Was Ruth nicht weiß: Sie ist auf das Feld von Boas geraten, einem Verwandten ihres verstor­benen Schwiegervaters. Im Laufe des Tages kommt dieser Boas selbst zum Feld – und erkundigt sich bei seinen Mitarbeitern nach der fremden Frau. Er erfährt: Es ist die Moabiterin, die die alte Noomi mitgebracht hat. Nun spricht Boas Ruth direkt an:

»Hör auf meinen Rat! Geh nicht auf ein anderes Feld, um dort Ähren zu sammeln. Bleib hier und halte dich zu meinen Knechten und Mägden. Geh hier auf dem Feld hinter ihnen her. Ich habe meinen Leuten befohlen, dich nicht zu hindern. Und wenn du Durst hast, geh zu den Krügen und trink von dem Wasser, das meine Leute sich dort schöpfen.«
Ruth warf sich vor ihm zu Boden und fragte: »Wie kommt es, dass du so freundlich zu mir bist? Ich bin doch eine Fremde.« Boas antwortete: »Ich weiß, was du seit dem Tod deines Mannes für deine Schwiegermutter getan hast. es wurde mir alles erzählt. Du hast deinen Vater und deine Mutter und deine Heimat verlassen und bist mit ihr zu einem Volk gegangen, das du vorher nicht kanntest. Der Herr vergelte dir, was du getan hast, und belohne dich reich dafür – der Gott Israels, zu dem du gekommen bist, um Schutz zu finden unter seinen Flügeln!«

Die Ruth-Geschichte gehört ja zu jenen nicht ganz seltenen Geschichten in der Bibel, in denen von Gott fast wie nebenbei die Rede ist. Schon gar nicht lesen Sie etwas von Gottes direktem Eingreifen in den Lauf der Dinge. Kein „Wunder“. Kein vollmächtiges Prophetenwort. Gott kommt sozusagen in ganz leisen Tönen daher.
Aber hier auf einmal spricht Boas von Gott: Gott möge dieser jungen Frau all das lohnen, was sie für ihre Schwiegermutter auf sich genommen hat. – „Der Gott Israels, zu dem du gekommen bist, um Schutz zu finden unter seinen Flügeln“.
Mir scheint: Diesen Schutz, den Boas der Ruth von Gott her wünscht, den gibt er ihr zugleich selbst: Er breitet – nein, nicht seine Flügel, aber – seine schützende Hand über Ruth aus. Er sorgt dafür, dass ihr nichts passiert und dass sie genug Körner findet bei der Nachlese. Ruth wird im Anschluss mit zur Mittagspause eingeladen. Seinem Personal gibt Boas die Anweisung, freundlich zu Ruth zu sein und ihr unauffällig genug übrig zu lassen beim Einbringen des Getreides. Schutz, Nahrung, Gesellschaft, Beachtung. – Was will man mehr?!
Also: Boas „sieht“ Ruth und ihre Geschichte. Er wünscht, dass Gott für sie da ist. Und er übernimmt es, im Rahmen seiner Möglichkeiten selbst für Ruth da zu sein. So wird Boas zum Mit-Arbeiter Gottes.
Mitarbeiter Gottes sein. Nicht aus Angst vor göttlicher Strafe. Nicht aus Hoffnung auf eine Belohnung. Nicht weil der Pfarrer oder die Eltern es sagen. Nicht aus einer besonderen Berufung Gottes heraus. Sondern: Boas wird zum Mitarbeiter Gottes, weil er gute Wünsche an Gott für einen Menschen hat, der offenbar sein Herz berührt. Und nun stellt er sich in den Wind dieses Wunsches und lässt sich selbst in die Richtung bewegen, in die der Wunsch zielt.
Und wenn man keine guten Wünsche für andere hat, weil sie einem nicht das Herz berühren? Oder wenn einem nur die „tollen“ Mitmenschen das Herz berühren, aber nicht die, die einen besonders brauchen? Da ist dann doch mal der Impuls von außen wichtig, z.B. als Gebot:

Wenn ihr aber euer Land aberntet, sollt ihr nicht alles bis an die Ecken des Feldes abschneiden, auch nicht Nachlese halten, sondern sollt es den Armen und Fremdlingen lassen. Ich bin der HERR, euer Gott. (Levitikus 23, 22)

Mitarbeiter oder Mitarbeiterin Gottes sein. Manchmal aus einem Herzens-Wunsch heraus wie Boas. Manchmal aus einer Pflicht heraus – wie ein Getreidebauer ohne Mitgefühl für die Armen, der aber trotzdem Gottes Gebot, das Recht der Armen, ernst nimmt.
Am Abend geht Ruth mit satten 17 Kilo Gerste vom Feld zurück zu ihrer Schwiegermutter. Die ist überglücklich, lässt sich die ganze Geschichte erzählen und berichtet, was sie selbst über Boas weiß. Zweimal sagt sie, Gott möge den segnen, der das möglich gemacht hat, also Boas. Dass Noomi und Ruth sich später ebenfalls in den Wind dieses Segenswunsches für Boas stellen und so zum Segen für ihn beitragen, das gibt es nächste Woche.
Mitarbeit oder Mitarbeiterin Gottes? Ist das für Sie eine gute Vorstellung? Ihnen könnte diese Vorstellung Angst machen. Wenn Sie sich in der Bibel auskennen, werden Ihnen eine Reihe Leute einfallen, für die Gottes Berufung zu einer Aufgabe einen radikalen Bruch zum bisherigen Leben bedeutete – zum Beispiel Abraham & Sara, Mose, Debora, Amos, Jeremia, Jona, Esther, Judith, Maria, Jesus, Levi, Paulus. Oft war die Aufgabe kein Zuckerlecken, sondern, freundlich formuliert, eine harte Nuss.
Ein anderes Modell von „Mitarbeiter Gottes“ lernen Sie hier bei Boas kennen:

  • Boas hat kein Berufungserlebnis.
  • Es gibt keinen radikalen Bruch in Boas’ Leben. Er engagiert sich im Rahmen seines bürgerlichen und durchaus wohlhabenden Lebens.
  • Boas lässt sich andere Menschen zu Herzen gehen.
  • Boas hat ein Auge für die Not anderer und Ohren für ihre Geschichte.
  • Boas hilft, ohne den anderen ihre Selbstachtung zu rauben.
  • Boas hilft nicht als „Einzeltäter“, er organisiert Hilfe zusammen mit anderen, seinen Mitarbeitern.

Na, ist die Schwelle zur Mitarbeiterschaft im Dienste Gottes jetzt niedriger? Vielleicht entdecken Sie ja: „So gesehen, bin ich es schon längst!“ Nicht jede ist eine Judith, nicht jeder ein Paulus – und muss es auch nicht sein. Aber so ein Boas – das ist vermutlich schon drin.
Jetzt werden Sie vielleicht sagen: „Bin kein Bauer, ich habe kein Feld!“ Ich sage: Doch! Bei genauerem Blick auf Ihren Tages- und Wochenlauf werden Sie vermutlich gleich mehrere Felder entdecken, die Sie schon beackern. Dinge, Menschen, Tätigkeiten, denen Ihre Aufmerksamkeit gilt. Vielleicht werden Sie entdecken: „Es sind zu viele Felder, die ich beackere!“ Oder umgekehrt: „Es liegt manches brach, wo ich Lust und Kapazität hätte, die Ärmel aufzukrempeln.“ Vielleicht bemerken Sie: „Ich beackere zum Teil die falschen Felder. – Da wächst nichts, das ist unfruchtbar. Es wäre besser, woanders zu pflügen, zu säen, zu ernten!“
Wie auch immer: Diese Andacht soll für Sie eine Ermutigung sein, als „Boas“, als Mitarbeiterin oder Mitarbeiter Gottes Ihre Felder zu betrachten und Zwischenbilanz zu ziehen. Auch Leute wie Ruth am Rande Ihrer Felder zu sehen. Was Sie sagen oder tun, könnte Ruth zum Segen gereichen. Und auch Ihnen selbst.

Gebet:
Gott, das klingt groß – Dein Mitarbeiter, Deine Mitarbeiterin sein. Bewahre mich vor beidem: vor Gleichgültigkeit und vor Selbst-Überforderung. Lass es mich erkennen, welches Feld für mich dran ist! Und gib Du Deinen Segen zu meinem Pflügen, Säen, Wachsen-Lassen, Ernten! Amen.

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Ruth I: Zwei Glaubensgeschichten. Andacht zum 3.10.2014

Wer in Deutschland „Wirtschaftsflüchtling“ ist, bekommt kein Asyl. Das antike Land Moab war da humaner: Hungernde hatten offenbar Bleibe-Recht …
Eine Familie aus Bethlehem in Juda – Vater, Mutter, zwei Söhne – flieht in das benachbarte Moab. Denn es herrscht eine Hungersnot. Die Frau heißt Noomi. Im Asyl-Land stirbt Noomis Mann. Aber die Integration gelingt offenkundig trotzdem: Die beiden Söhne heiraten Moabiterinnen. Die Frauen heißen Orpa und Ruth. Diese Namen müssen Sie sich merken: Noomi, Orpa, Ruth.
Der Erzähler berichtet uns ganz selbstverständlich von diesen Ehen. Dabei ist das ein Tabu-Bruch. Denn anderswo im Alten Testament steht: Israelitische Männer dürfen keine „heidnischen“ Frauen heiraten. Hintergrund ist die Angst, durch solche Ehen könnte die Verehrung anderer Götter Einzug halten.
Einige Zeit scheint in Moab die Welt der drei Frauen in Ordnung. Aber dann:

Zehn Jahre später starben auch (Noomis Söhne) Machlon und Kiljon, und ihre Mutter Noomi war nun ganz allein, ohne Mann und ohne Kinder.

„Ganz allein“ stimmt nicht. Wir sehen gleich: Noomi hat ja noch ihre Schwiegertöchter.
Und nun trifft Noomi auf ihre alten Tage eine große Entscheidung. Sie bricht noch einmal auf in ihrem Leben:

Als sie erfuhr, dass der Herr seinem Volk geholfen hatte und es in Juda wieder zu essen gab, entschloss sie sich, das Land Moab zu verlassen und nach Juda zurückzukehren.

Hätte Noomi mich vorher um Rat gefragt, ich hätte abgeraten. Noomi ist schon so lange weg gewesen. Da verklärt man manchmal die alte Heimat. Und denkt, man könnte an die alten Zeiten bruchlos anknüpfen. Aber: Kaum einer wird Noomi mehr kennen. Vieles hat sich geändert. Sie könnte sich reichlich unbehaust vorkommen. Aber vielleicht ist Noomi das alles auch klar. – Und sie zieht einfach dem Brot hinterher. Es gibt ja wieder zu essen in Juda. Obendrein heißt hier Heimatort Bethlehem auch noch „Brot-Haus“.

Ihre Schwiegertöchter gingen mit.

Das finde ich überhaupt nicht selbstverständlich – mit der Schwiegermutter umzuziehen. Die eigene Heimat ohne Not aufzugeben, sich auf eine völlig fremde Welt einzulassen. Noch dazu ohne materielle und rechtliche Absicherung. Denn: Was galt denn frau damals schon?! Das muss wohl eine enge Verbundenheit zwischen den Dreien gewesen sein.
Zur freundschaftlichen Verbundenheit gehört: Noomi will, dass es ihren Schwiegertöchtern gut geht. Und deswegen, so meint sie, sollen sie lieber umkehren in ihre Heimat. Dort haben sie ihre Familien und können eigene Familien gründen. Noomi versucht regelrecht, die beiden zur Rückkehr zu überreden:

»Kehrt wieder um! Geht zurück, jede ins Haus ihrer Mutter! Der Herr vergelte euch alles Gute, das ihr an den Verstorbenen und an mir getan habt. Er gebe euch wieder einen Mann und lasse euch ein neues Zuhause finden.« Noomi küsste die beiden zum Abschied. Doch sie weinten und sagten zu ihr: »Wir verlassen dich nicht! Wir gehen mit dir zu deinem Volk.« Noomi wehrte ab: »Kehrt doch um, meine Töchter! Warum wollt ihr mit mir gehen? (…) Nein, meine Töchter! Ich kann euch nicht zumuten, dass ihr das bittere Schicksal teilt, das der Herr mir bereitet hat.«

Mit ihren Überredungsbemühungen erzielt Noomi schließlich einen Teilerfolg:

Da weinten Rut und Orpa noch mehr. Orpa küsste ihre Schwiegermutter und nahm Abschied.

Und die andere? Ruth?

Aber Rut blieb bei ihr. Noomi redete ihr zu: »Du siehst, deine Schwägerin ist zu ihrem Volkund zu ihrem Gott zurückgegangen. Mach es wie sie, geh ihr nach!«

Aber Ruth setzt sich durch. Was sie sagt, das klingt fast wie vor dem Trau-Altar:

»Dränge mich nicht, dich zu verlassen. Ich kehre nicht um, ich lasse dich nicht allein. Wohin du gehst, dorthin gehe ich auch; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk und dein Gott ist mein Gott. Wo du stirbst, da will auch ich sterben; dort will ich begraben werden. Der Zorn des Herrn soll mich treffen, wenn ich nicht Wort halte: Nur der Tod kann mich von dir trennen!« Als Noomi sah, dass Rut so fest entschlossen war, gab sie es auf, sie zur Heimkehr zu überreden.

Schließlich kommen die beiden Frauen in Bethlehem an. Aber wir sind von einem Happy End noch weit entfernt. Als einige Frauen Noomi erkennen, sagt sie:

»Nennt mich nicht mehr Noomi (die Liebliche), nennt mich Mara (die Bittere)! Denn Gott, der Gewaltige, hat mir ein sehr bitteres Schicksal bereitet. Mit meinem Mann und mit zwei Söhnen bin ich von hier weggezogen; arm und ohne Beschützer lässt der Herr mich heimkehren. Warum nennt ihr mich noch Noomi? Der Herr, der Gewaltige, hat sich gegen mich gewandt und mich ins Elend gestürzt.«

Eine erschütternde Lebensbilanz: Die Liebliche ist zur Bitteren geworden, sie steht vor dem Trümmerhaufen ihres Lebens. Und sie macht Gott zweimal ausdrücklich dafür verantwortlich. Von Hoffnung keine Spur.
Zwei Frauen, eng verbunden. Über Grenzen hinweg: Grenzen der Generationen, der Sprache, der Kultur, der Heimat, der Religion. Eine ungewöhnliche Schicksalsgemeinschaft.
Und zwei unterschiedliche Glaubens-Geschichten mit dem Gott Israels:
RUTH steht mit Gott gerade erst am Anfang: „Dein Gott ist mein Gott!“ Nicht die große Erleuchtung, nicht das tolle Bekehrungserlebnis, nicht die Frucht geistlicher Gespräche. Einfach aus Verbundenheit mit Noomi. So kann es auch anfangen mit Gott.
NOOMI steht mit Gott anscheinend am Ende – vor den Trümmern ihres Lebens – und Gott ist es gewesen. Noomi spricht ehrlich – nämlich so, wie es ihr gerade ums Herz ist. So spricht sie vor sich selbst; vor Gott; vor anderen.
Die Geschichte geht – in den kommenden Wochen – weiter. Bis hierher soll die Geschichte Sie aber mit Ihrer EIGENEN Glaubens-Geschichte in Berührung bringen. Sie stehen am Anfang? Sie stehen womöglich noch vor dem Anfang? Oder am Ende? Oder Sie sind schon längst mit Gott fertig? Ich vermute: Wenn der Erzähler der Noomi- und Ruth-Geschichte zusätzlich „Ihre“ Glaubens-Geschichte erzählen würde, er würde daran ebenfalls nichts kritisieren – wie bei den beiden Frauen. Es ist, wie es ist.
Allerdings: Im Buch Ruth sind wir erst am Ende von Kapitel 1. Es gibt aber 4. Das Entscheidende kommt noch. Die Geschichte ist noch nicht zu Ende. IHRE Geschichte mit Gott ist es auch nicht. Vor allem: Gottes Geschichte mit Ihnen nicht! Sie mögen im Glauben am Ende sein oder mit Gott fertig. Aber Gott ist mit Ihnen vielleicht erst ganz am Anfang.

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Von Gott reden. Andacht zum 26.9.2014

Wir haben einen Hund: Sally. Gut sieben Kilo, weißes Fell, bräunliche Ohren. Reagiert auf das Knistern von Bäckertüten, bellt, wenn es klingelt, ist oft ängstlich. Kuschelt gern, hört gelegentlich auf Anweisungen. Hauptinteresse: Fressen.
Manchmal reden Leute so über Gott wie ich über Sally: Gott ist so und so. Gott will dies, Gott sagt das, Gott hat das und das vor und hat sich das und das dabei gedacht.
Ich finde es schwierig, so über Gott zu reden. Ich habe Gott ja noch nicht so gesehen wie Sally und Gott auch noch nicht so unmittelbar gehört, gefühlt. Außerdem: Auch wenn es schwierig ist, etwas über Gott zu sagen – so viel wohl schon: Dass Gott „größer“ ist als mein Herz, als mein Verstand, als mein Erkennen, als meine fünf Sinne. Sally finde ich leicht durchschaubar. Ich kann manchmal gut vorhersagen, wie sie reagieren wird. Das ist bei Gott völlig anders. Auch wenn es Leute gibt, die sich genau das ziemlich selbstüberzeugt einbilden.
Und nun? Über Gott schweigen? Nichts sagen? Gott als Tabu? Es gibt ja drei große Tabu-Themen: Sex, Tod, Glaube. Es wechselt, welches davon gerade mehr tabuisiert wird und welches weniger. Es gibt auch Leute, die dauernd das eine oder das andere auf den Lippen führen. Aber selten alle drei Tabu-Themen gleich intensiv. Mehr das eine ODER das andere.
Es ist bestimmt kein Zufall, dass diese drei Tabu-Themen zugleich diejenigen sind, die fast jeden etwas angehen. Kaum jemand kann sagen: „Sexualität? Habe ich nicht, interessiert mich nicht!“ Kaum jemand kann sagen: „Tod? Ich bleibe einfach leben!“
Und: Kaum jemand kann sagen: „Glaube? Betrifft mich nicht!“ Sie widersprechen? Gut, Sie können „Gott“ oder „die Religion X oder Y“ ausklammern, sich zum Atheisten, Agnostiker oder sich für „religiös unmusikalisch“ erklären. Aber Sie kommen nicht drum herum, was Ihr Lebens-Fundament ist, was Sie trägt. Ob, warum und wofür es vielleicht gut sein könnte zu leben. Alles „Glaubens“-Fragen. Auch wenn Sie sich damit ohne religiöses Vokabular beschäftigen und die Dinge mit Ihrem völlig weltlichen Therapeuten diskutieren.
Sex, Tod, Glaube. Alles Themen, die unmittelbar mit „Leben“ und „Lebendigkeit“ zu tun haben. Und mit der Bedrohung von „Leben“ und „Lebendigkeit“.
Tabus sind meistens verkehrt. Was nicht heißt, dass ich immer alles und überall mit allen breittreten muss. Drüber reden – ja! Und für sich möglichst klar haben: Mit wem? Wann? Wo? Wie?
Also nochmal: Über Gott schweigen? Weil es so schwer ist, angemessen über Gott zu reden? Oder weil es zu persönlich ist, eben doch ein „Tabu“? Ich finde: Schweigen ist keine gute Lösung. Zumindest dann nicht, wenn Sie von Gott berührt, erfüllt, beseelt sind. Das ist ein bisschen wie frisch verliebt: Wenn Lieschen Müller völlig hingerissen von Otto Meier ist, obwohl (vielleicht: weil) sie ihn gar nicht richtig kennt, wird sie wahrscheinlich ihrer besten Freun­din berichten: von ihrem Schwarm, von ihren Gefühlen. Wenig „harte Fakten“ über ihn (die hat sie ja gar nicht), aber davon, was er in ihr auslöst. Vielleicht gerät das Ganze in ein Stammeln. Oder ins Jubeln. Vielleicht sogar tatsächlich in ein Schweigen. – Die „heimliche Liebe“. Aber irgendwann muss sie wahrscheinlich doch raus.
Es hat mal einen Theologen gegeben, der war dafür: Nicht „über“ Gott reden, sondern „von“ Gott reden! „Über“ Gott, das wäre wie über eine Sache, ein „Objekt“. Wie der Mineraloge über seine Steine oder der Bäcker über sein Brot. „Von“ Gott reden, das wäre aus der eigenen Betroffenheit heraus. Wie ein Verliebter, ein Trauernder, ein Wütender. Wobei: „über“ und „von“, so haarscharf lässt sich das gar nicht trennen. Der Mineraloge wird auch eingenommen sein von seinen Steinen und der Bäcker von seinem Brot – hoffentlich.
„Über“ und „von“. Ich setze noch ein drittes Wörtchen drauf. Wenig „über“ Gott reden, mehr „von“ Gott reden, aber vor allem: „mit“ Gott reden! Das geht auch ohne viel Wissen. Das Baby muss ja auch nicht erst die Lebensgeschichte der Eltern oder auch nur die Namen kennen, um Kontakt zur Mutter, zum Vater aufzunehmen.

„Von“ Gott statt „über“ Gott. Aus der eigenen Betroffenheit heraus von Gott sprechen, das braucht dann Sätze, in denen „ich“ auch vorkomme. Vielleicht so: „Ich glaube von Gott, dass“; „Ich verstehe Gott so, dass“; „Gott begegnet mir in dieser Bibelgeschichte so und so“; „Mich spricht da an, dass“.
Wie spricht die Bibel von Gott? Es gibt da ja so unterschiedliche Text-Sorten: Lieder, Gebete, Prophetenworte, Sprichwörtern, Lebensregeln, „Geboten“. Vor allem: Geschichten, Geschichten, Geschichten. Gott – in den Geschichten, die Menschen mit ihm erlebt haben. Und in ihren Deutungen über ihre persönliche Geschichte, die ihrer Sippe, ihres Volkes, ihrer Welt. Das wäre doch auch eine Anregung für uns, oder? Wie käme Gott vor – in meinen Geschichten? Wie käme Gott vor in meiner Lebens-Geschichte?
Was Sie aber nur sehr spärlich in der Bibel finden: lehrbuchartige, „dogmatische“ Abhandlungen über Gott. Mit allgemeinen Sätzen, wie Gott ist und was er will, ist „die Bibel“ ziemlich zurückhaltend. Was das angeht: Weitgehend Fehlanzeige.
Und Jesus? Wenn Jesus von Gott oder von Gottes Reich spricht, dann erzählt er ebenfalls gern. Teils knappe Bilder, teils einfache Vorgänge, teils richtige Geschichten mit Anfang und Ende. Der Über-Begriff: „Gleichnisse“. Besonders viel aus einem Bereich, der seinen Zuhörern vertraut ist – die Landwirtschaft: vom Sämann, der die Saat ausstreut; vom Korn, das von selbst wächst; vom kleinen Senfkorn, aus dem ein großes Gewächs wird; ein Schäfer, der ein Schaf wiederfindet; ein Weinbergbesitzer und seine Pächter; ein Bauer, der beim Pflügen nicht zurück schaut … Oder der Haushalt: der Sauerteig beim Brotbacken; ein verlorenes und wiedergefundenes Geldstück. Oder längere Geschichten. „Der verlorene Sohn“ zum Beispiel.
WAS Jesus erzählt, das ist das eine. VON Jesus zu erzählen, das ist das andere. Und dieses „andere“, also VON Jesus zu erzählen, davon kann man sagen: So sprechen speziell die Christinnen und Christen von Gott. Auf den Punkt gebracht, finde ich das – nun doch lehrbuchmäßig formuliert – im Kolosser-Brief:

(Eure) Herzen (sollen) gestärkt und zusammengefügt werden in der Liebe und zu allem Reichtum an Gewissheit und Verständnis, zu erkennen das Geheimnis Gottes, das Christus ist, in welchem verborgen liegen alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis. (Kolosser 2, 2-3)

Christus – wie der Brennpunkt einer Linse. In ihm: das Geheimnis Gottes; alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis. – Und wie kann ich die dann heben, diese Schätze? Naheliegend wäre dann doch zu sagen: „Na, da lese ich die vier Evangelien im Neuen Testament! Da finde ich doch beisammen, was von Jesus zu erzählen ist!“ – Gute Idee! Es geht aber auch noch etwas spezieller. Hören wir mal auf Paulus:

Und auch wenn wir Christus gekannt haben nach dem Fleisch, so kennen wir ihn doch jetzt so nicht mehr. (2. Korinther 5, 16)

Das verstehe ich so: Das Erdenleben des Jesus von Nazareth, wer er so war und was er so sagte und tat, findet Paulus gar nicht so interessant. Er beruft sich in seinen Briefen übrigens auch nur selten auf Jesus-Worte, erzählt gar nichts von Heilungsgeschichten o.ä.
Sondern was interessiert Paulus? Jesu Tod am Kreuz und seine Auferweckung! Das ist für ihn der Brennpunkt der Sache zwischen Gott und Mensch. Da kommt Gott dem Paulus – und Ihnen und mir – ganz entgegen, da wird er einer von uns. Gottes totale Solidarität – unsere Erlösung!

Gebet:
Gott, meine Worte von Dir können Dich groß machen oder klein. Können Dir die Ehre geben oder Dich verwerfen. Gott, gib mir nicht zu viele, aber gute Worte, Dich zu glauben und von Dir zu sprechen! Amen.

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Wenig Zeit. Andacht zum 19.9.2014

„Wenig Zeit“ ist mehr als „keine Zeit“. Hätten Sie „keine Zeit“, würden Sie diese Zeilen gar nicht lesen. Denn so eine Andacht „hat ja Zeit“, kann warten. Und was Zeit hat, kommt auf die lange Bank und unterbleibt dann ganz. Mir zumindest geht das oft so, gerade mit Lesestoff.
Haben Sie „wenig Zeit“? Dann sind Sie in schlechter Gesellschaft – in unserem Text heute: In SEHR schlechter Gesellschaft.
Das Buch der Offenbarung stammt vom Ende des 1. Jahrhunderts – aus einer Zeit der ersten GROSSEN Christenverfolgungen. Also nicht wie schon vorher bei Nero. Da war es fürchterlich genug, aber es war auf die Stadt Rom begrenzt. Drei Jahrzehnte später dann „weltweit“, also an vielen Orten im römischen Imperium, …
… fast wie heute – siehe auch: https://www.opendoors.de/verfolgung/weltverfolgungsindex2014/
Die Offenbarung ist eine Ermutigung für die bedrohten und verfolgten Christen, durchzuhalten, die Beteiligung am Kaiserkult zu verweigern und ihrem Herrn Jesus Christus treu zu bleiben. Die Offenbarung ist voller Visionen über die kommende „letzte Zeit“. Teilweise sehr schlimme Visionen, bevor es dann ganz am Ende gut wird.
Nun aber zu der „schlechten Gesellschaft“ derer, die wenig Zeit haben. Die Vision dazu:

Es entbrannte ein Kampf im Himmel: Michael und seine Engel kämpften gegen den Drachen. (…) Und es wurde hinausgeworfen der große Drache, die alte Schlange, die da heißt: Teufel und Satan, der die ganze Welt verführt.

Schön, wenn man das so sagen kann: Der Teufel wird einfach rausgeworfen aus dem Himmel. Und wo bleibt er jetzt?

Er wurde auf die Erde geworfen, und seine Engel wurden mit ihm dahin geworfen.

Im Himmel wird derweil ein Loblied angestimmt:

Nun ist das Heil und die Kraft und das Reich unseres Gottes geworden und die Macht seines Christus. Denn der Verkläger (…) ist verworfen (…). Und sie haben ihn überwunden durch des Lammes Blut und durch das Wort ihres Zeugnisses (…). Darum freut euch, ihr Himmel und die darin wohnen!

Und was ist mit der Erde?

Weh aber der Erde und dem Meer! Denn der Teufel kommt zu euch hinab und hat einen großen Zorn und weiß, dass er wenig Zeit hat. (alles: Offenbarung 12, 7-12; in Auszügen)

So, jetzt wissen Sie’s mit der schlechten Gesellschaft: Es ist der „Teufel“, der wenig Zeit hat!
Nun werden Sie sagen: „Na, das ist aber etwas anderes als bei mir! Was ich alles noch zu bedenken und in die Hand zu nehmen habe! Wen ich noch zu sprechen und zu kontaktieren habe! Für wen ich alles noch etwas zu erledigen habe! Was ich zu lesen und zu schreiben habe! Und es kommt dauernd was Neues dazu!“
Stimmt, das ist beim Teufel anders. Er hat nämlich „wenig Zeit“, weil er weiß, dass auf der Erde seine Tage gezählt sind, und dann ist Schluss für ihn. Das macht Druck. Es ist ein bisschen wie bei den „grauen Herren“ in Michael Endes „Momo“.
Ich habe allerdings die Vermutung: Das ist wirklich nur ETWAS anders als bei vielen von uns. „Der moderne Mensch“ (oder jedenfalls manches Exemplar dieser Sorte) hat nämlich Gott abgeschafft – und damit auch „gefühlt“ und „geglaubt“ die Ewigkeit. Das heißt dann: Im Bewusst­sein dieses „modernen Menschen“ gilt genau das, was ich gerade über den Teufel gesagt habe: „Er hat ‘wenig Zeit’, weil er weiß, dass auf der Erde seine Tage gezählt sind, und dann ist Schluss für ihn.“
Mir scheint: Oft steckt diese Haltung hinter der Beschleunigung und atemlosen Hetze vieler Menschen: Im Bewusstsein der Befristung „muss“ ich versuchen, möglichst alles in meinen paar Jahren, Tagen, Stunden unterzubringen, zu erleben, zu tun, zu denken, zu fühlen.
Oder: Wenn mir schon das „Mehr“ der Ewigkeit abhanden gekommen ist, dann „muss“ es eben ein „mehr und mehr“ in andere Richtungen sein: Mehr Freunde, mehr Anerkennung, mehr Urlaube, mehr Facebook-Kontakte, mehr Fitness, mehr Feiern, mehr Einsatz, mehr Arbeit, mehr Leistung … Nichts ist genug. Dass da die Zeit noch enger wird ist, klar. Und dass unter dem „Mehr“ der Quantitäten die Lebens-QUALITÄT auf der Strecke bleibt, ist für den gelassenen Betrachter dieses Irrwitzes ebenfalls völlig klar; aber wer ist das schon, der gelassene Betrachter von außen?
„Weh aber der Erde und dem Meer!“, singt man im Himmel über die Welt, auf der „der Teufel los ist“ mit seiner knappen Zeit. Das griechische Wort für „Teufel“ ist „Diabolos“: der „Durchein­ander-Werfer“. Der Teufel und die Menschen mit ihrer knappen Zeit und überhaupt der atemlose Zeit-Geist, sie bringen alles durcheinander.
„Die Erde und das Meer …“ Vor einiger Zeit war ich in Taizé und habe dort einen Workshop besucht mit einem belgischen Europa-Parlamentarier zum Thema „Regulierung des Banken-Systems“. Der sagte direkt zu Anfang: Es gibt zwei große Probleme, die die Menschheit und die Welt insgesamt massiv bedrohen: Das eine sind die wachsenden sozialen Verwerfungen. Das andere ist die ökologische Katastrophe. Und beide Probleme haben hauptsächlich eine einzige Ursache: Das Streben nach KURZFRISTIGEN Profiten. Betonung auf „kurzfristig“. Kurzfristig kann es sich „lohnen“, gesunde Unternehmen zu zerschlagen, irrwitzige Spekulationen zu tätigen, die Preise für Grundnahrungsmittel in die Höhe zu treiben. Heutzutage wird ein Großteil der Aktien buchstäblich in Millisekunden ge- und wieder verkauft. Wen interessiert da noch nachhaltige und verantwortliche (Unternehmens-) Politik?
Der Parlamentarier hat das mit dem Verlust von Vertrauen in Verbindung gebracht: Wer kein Vertrauen in die längere Zukunft hat, will den kurzfristigen Profit. Wer den kurzfristigen Profit will, zerstört die längere Zukunft. Der Teufel hat wenig Zeit. Wehe der Erde und dem Meer!
Gibt es für Sie eine Möglichkeit, aus der schlechten Gesellschaft des Teufels mit seiner knappen Zeit auszusteigen? Ja sicher. Das wäre jetzt der Punkt, um zu den Lebenstipps zu kommen – Tagesgestaltung, Nein-Sagen, Prioritäten setzen, Zeiten für Stille, Meditation, Gebet, Gestaltung von Urlaub, Abschalten des Grübelns, Selbst-, Fremd-, Gott-Ver­wirklichung, Grenzen für Fernseher und Compi; die Frage, worauf es im Leben ankommt – und worauf nicht so …
Aber bei den Lebenstipps halte ich mich heute zurück. Mir geht es jetzt um’s Grundsätzliche. Und das wäre: dem Zeitgeist seine bunten Masken abzureißen und zu sehen, wer dahinter steckt: Der Teufel, der im Himmel kein Bein an den Boden kriegt mit seiner knappen Zeit und stattdessen auf der Erde der große Durcheinander-Werfer ist mit seiner Eile.
Schon früh gab es in alten Tauf-Ritualen die „Absage an den Teufel“. Im Blick auf unseren Text heißt das: Christen dürfen sich ein anderes Zeit-Verständnis leisten. Sie müssen NICHT durch ihre Tage hetzen unter dem Druck, dass sie gezählt sind. – Sondern? In Markus 1,15 steht kurz und knapp, mit welcher Botschaft Jesus an die Öffentlichkeit geht:

Die Zeit ist erfüllt und das Reich Gottes ist herbeigekommen. Ändert euren Sinn und glaubt an das Evangelium!

Nicht knappe Zeit, sondern erfüllte Zeit, in Christus erfüllte Zeit. Nicht die vergehende Welt, sondern das kommende Gottesreich. Deswegen: „Ändert euren Sinn und glaubt an das Evan­gelium!“

Gebet (von Jochen Klepper):

Der Du allein der Ewge heißt // und Anfang, Ziel und Mitte weißt // im Fluge unserer Zeiten: // Bleib Du uns gnädig zugewandt // und führe uns an Deiner Hand, // damit wir sicher schreiten!

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