Die anderen Boote. Andacht zum 15.8.2014

Heute eine meiner Lieblingsgeschichten aus dem Neuen Testament. Mit Jesus und seinen Jüngern. Eine Geschichte, in der sich so ziemlich jeder Christ, jede Christin wiederfinden kann. Denn Christsein hat ja etwas damit zu tun, dass Sie sich mit Christus verbunden wissen, zu ihm gehören, Ihre Spiritualität, Ihren Glauben an seine Person, sein Leben, seine Botschaft knüpfen. Kurz und knapp: Christsein bedeutet: Mit Jesus in einem Boot sitzen. Und genau das haben wir hier:

Am Abend jenes Tages sagte Jesus zu seinen Jüngern: »Kommt, wir fahren zum anderen Ufer (des Sees Genezareth) hinüber!« Die Jünger verabschiedeten die Leute. Dann stie­gen sie ins Boot, in dem Jesus noch saß, und fuhren los. Auch andere Boote fuhren mit.

Da kam ein schwerer Sturm auf, sodass die Wellen ins Boot schlugen. Das Boot füllte sich schon mit Wasser, Jesus aber lag hinten im Boot auf dem Sitzkissen und schlief. Die Jün­ger weckten ihn und riefen: »Lehrer, kümmert es dich nicht, dass wir untergehen?« Jesus stand auf, sprach ein Machtwort zu dem Sturm und befahl dem tobenden See: »Schweig! Sei still!« Da legte sich der Wind und es wurde ganz still. »Warum habt ihr solche Angst?«, fragte Jesus. »Habt ihr denn immer noch kein Vertrauen?« Da befiel sie große Furcht und sie fragten sich: »Wer ist das nur, dass ihm sogar Wind und Wellen gehorchen!« (Markus 4, 35 ff.)

Da haben Sie manches, was Sie auf Ihrem Lebensweg als Christin oder Christ vielleicht schon erlebt ha­ben: Flaute und Sturm. Vorankommen und Stillstand. Vergebliche Anstrengung. Angst, Ver­zweif­lung, Hilfeschreie. Hoffentlich die Erfahrung, dass noch ein paar weitere Leute mit Ihnen im Boot sitzen. Vielleicht aber auch die bittere Enttäuschung: Jesus schläft! – Packt nicht an, ist nicht erreichbar. Womöglich auch das Erlebnis: Jesus spricht ein machtvolles Wort! Ein Sturm legt sich, es kehrt Stille ein. Und dann kann es passieren: Sie kommen ganz neu über ihn ins Staunen, obwohl Sie doch dachten, das Sie ihn schon lange kennen.

Wenn Sie etwas von Ihrem Glaubens-Lebensweg in dieser Geschichte entdecken, sich da wieder­finden, dann würde das schon für heute reichen als Entdeckung. Aber ich habe noch etwas Spezielles für Sie. Dieses Spezielle finden Sie in einer kleinen Randbemerkung, die man schnell überliest. Sie kommt so bedeutungslos daher, dass die Evangelisten Matthäus und Lukas sie gar nicht von Markus übernommen haben:

Auch andere Boote fuhren mit.

Die anderen Boote werden später mit keinem Satz erwähnt. Wir hören auch kein Sterbenswörtchen darüber, wer denn da in den anderen Booten sitzt, wer diese Weg-Begleiter sind. Vielleicht Leute, die noch ein bisschen mehr von Jesus sehen und hören wollen und ihm deswegen nachfahren? – So eine Art Fan-Gemeinde? Oder sind es ein paar Fischer, die nur zufällig um diese Zeit unterwegs sind? Oder Reisende, die – wie Jesus – den kürzeren Weg über den See wählen?

Die anderen“, sie sind mehr oder weniger dabei, sind für einige Zeit Wegbegleiter – aber auf Abstand. Sie sitzen nicht „in einem Boot“ mit Jesus und seinen Jüngern.

Erleben diese anderen überhaupt dieselbe Geschichte? Nein. Es wird ja schon dunkel, sie sehen nichts von den Geschehnissen im Jesus-Boot. Und spätestens als der Wind aufkommt, hören sie auch nichts mehr von dort.

Aber was sie wohl genau wie die Jünger erleben: Aufkommender Sturm, Seenot, Angst, mehr oder weniger vergebliche Rettungsbemühungen. Und dann: Plötzlich legt sich der Sturm! Ein Ruf der Erleichterung: „Na, da haben wir aber nochmal Schwein gehabt!“ – Obwohl nein, wir haben es mit Juden zu tun, da ist das Schwein ein kultisch unreines Tier. Also: „Glück gehabt!“ – Ja? Nein, auch nicht, wir haben es wahrscheinlich mit frommen Leuten zu tun. „Halleluja!“ vielleicht. Oder ein nicht nur so dahin gesagtes „Gott sei Dank!“ Vielleicht ist ihnen sogar ein Abschnitt aus Psalm 107 eingefallen:

Andere wieder fuhren übers Meer (…). Sie erlebten voll Staunen, was der Herr kann und wie er die Elemente beherrscht. Auf seinen Befehl erhob sich ein Sturm und haushoch türmten sich die Wellen. Ihr Schiff wurde zum Himmel hinaufgeschleudert und stürzte hinab in den gähnenden Abgrund. Sie vergingen vor Angst und Elend. Wie Betrunkene schwankten und taumelten sie, sie waren mit ihrer Weisheit am Ende.

Sie schrien zum Herrn in ihrer Not, der rettete sie aus der Todesangst. Er ließ den Sturm zur leichten Brise werden und die tobenden Wellen legten sich. Da wurde ihnen wieder leicht ums Herz und er brachte sie zum ersehnten Hafen.

Nun sollen sie dem Herrn danken für seine Güte, ihn preisen für ihre wunderbare Rettung! In der Gemeinde sollen sie davon erzählen, im Rat der Ältesten ihn dafür rühmen! (Psalm 107, 25 ff.)

Also: Diese Leute sitzen nicht mit Jesus in einem Boot. Sie bekommen wenig bis nichts mit von dem, was in dem Jesus-Boot passiert. Sie machen die gleichen Sturm-Erfahrungen. Was die Rettung des Schiffs und des eigenen Lebens angeht, unternehmen sie wahrscheinlich ganz ähnliche Dinge. – Außer, dass sie nicht auf die Idee kommen können, Jesus wach zu machen.

Sie sehen keinen Jesus wach werden, sie hören seine Worte nicht, aber sie erleben, wie der Sturm abflaut. Und dann? Kein furchtsames Erstaunen über die Person Jesu – wie auch? Aber eben ein kräftiges „Halleluja!“, war meine Vermutung.

HEUTE ist natürlich die Reaktion „Schwein gehabt!“ dann doch im Spektrum. Oder die Gott-kritische Frage: „Wenn es einen Gott gäbe, wie könnte der es denn zulassen, dass jetzt mein Segel zerfetzt ist?“ Oder die Reaktion: „Wir vergessen diesen schlimmen Sturm mal ganz schnell und tun so, als wäre nichts gewesen!“ Oder, oder.

Wie auch immer. Ich meine jedenfalls: Wenn Sie mit Jesus in einem Boot sitzen, dann hat das Auswirkungen auf die anderen Boote. Ihre Stürme, Ihre verzweifelten Jesus-Wach-mach-Bemüh­ungen, all das zieht Kreise. Na klar, vor allem, was Jesus Ihnen sagt. Und was er dann dem Sturm und den Wellen sagt. Es hat alles Auswirkungen. Auch wenn keiner sonst außer Ihnen und Ihren Mitfahrern etwas mitbekommt. Und auch, wenn Sie Ihrerseits das „Halleluja!“ in den anderen Booten überhört haben.

Gebet:

Christus, ich bekenne Dir mein kleines Vertrauen: In den Stürmen meines Lebens fühlst Du Dich für mich manchmal so weit weg an und schlafend, obwohl Du mir doch nahe bist.

Christus, ich bekenne Dir meine Schuld: Auch in Zeiten, die für mich gut und sicher waren, wollte ich nichts davon wissen, wenn andere um mich herum oder weit weg untergingen.

Christus, ich bitte Dich um Dein Ruhe-schaffendes Wort, um Deinen Segen. Für mich. Für unser Boot. Für die anderen Boote. Amen.

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Gottesbegegnung. Andacht schon zum 8.8.2014

Die Konstellation: Eine Frau und ein Mann. Und keine Kinder. Dann bringt Gott sich ins Spiel, und das wirkt befruchtend. Mehrere Geschichten in der Bibel gehen so.

Jetzt ist allerdings die Frage: Wie kann ich denn erkennen, dass Gott die Bühne meines Lebens betritt? Dazu hat unsere Geschichte ein paar Antworten. Wir bekommen es mit den späteren Eltern von Simson zu tun: Simson, der Hau-Degen, Draufgänger, Frauenheld, der langhaarige Gottgeweihte, der keinen Alkohol anrührt. Aber nun: seine späteren Eltern …

Es war aber ein Mann (…) mit Namen Manoach, und seine Frau war unfruchtbar und hatte keine Kinder.

Manoach heißt der Mann. – Und die Frau? Fehlanzeige, keine Information. Ist ja nur die Frau. Beide haben keine Kinder. An wem liegt’s – im Zweifelsfall? Na klar, an der namenlosen Frau. Ausgerechnet sie hat nun aber eine Begegnung der besonderen Art:

Der Engel des HERRN erschien der Frau und sprach zu ihr: Siehe, du bist unfruchtbar (…). Aber du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären.

Unser Erzähler verrät uns gleich zu Anfang, was die Frau noch nicht wissen kann: Dieser Fremde ist der „Engel des Herrn“. Nicht irgendein Engel, sondern eine Erscheinungsweise Gottes selbst. Die Frau, sagt der Fremde weiter, soll Alkohol und kultisch unreines Essen meiden. Und das Kind soll ein Gottgeweihter werden. Dazu wird auch für ihn gehören: kein Alkohol! Kein Haareschneiden! Nun haben wir es bei Manoach und Frau mit einer guten Partnerschaft zu tun, denn: Sie tauschen sich über ihre Erfahrungen aus:

Da kam die Frau und sagte es ihrem Mann und sprach: Es kam ein Mann Gottes zu mir, und seine Gestalt war anzusehen wie der Engel Gottes, zum Erschrecken, so dass ich ihn nicht fragte, woher oder wohin; und er sagte mir nicht, wie er hieß.

Für die Frau war der Fremde ein „Mann Gottes“. Ein Mensch aus Fleisch und Blut. Aber mit einer besonderen Ausstrahlung: „anzusehen wie ein Engel“. Sie hatte sich erschrocken und keine Frage herausgebracht. Aber sie erzählt jetzt ihrem Mann, was der Fremde gesagt hat.

Und Manoach? Der könnte jetzt seine Frau für verrückt erklären. Er könnte sich darüber aufregen, dass sie den Fremden so engelhaft fand, dass es ihr die Sprache verschlagen hat. Nichts dergleich. Auch die Botschaft des Fremden von der Schwangerschaft zieht er nicht in Zweifel. Aber er fühlt sich unsicher. Wie soll das laufen mit so einem besonderen Kind?

Da bat Manoach den HERRN und sprach: Ach, Herr, lass den Mann Gottes wieder zu uns kommen, den du gesandt hast, damit er uns lehre, was wir mit dem Knaben tun sollen, der geboren werden soll.

Gott erhört die Bitte, der Fremde kommt noch einmal – und wieder zuerst zu der Frau:

Der Engel Gottes kam wieder zu der Frau. Sie saß aber auf dem Felde und (…) Manoach war nicht bei ihr. Da lief sie eilends und sagte es ihrem Mann und sprach zu ihm: Siehe, der Mann ist mir erschienen, der heute Nacht zu mir kam. Manoach machte sich auf und ging hinter seiner Frau her und kam zu dem Mann und sprach zu ihm: Bist du der Mann, der mit der Frau geredet hat? Er sprach: Ja.

Manoach fragt nun nach dem Kind, und der Fremde wiederholt, was er schon der Frau gesagt hatte. Na ja, manche Dinge sollte man wohl zweimal sagen. Jedenfalls: Das Kind soll keine extravagante Erziehung bekommen, keine Eliteförderung und schon gar kein geistliches Spezialprogramm. Kein Alkohol, kein Haareschneiden, und gut ist.

Nun lädt Manoach den Fremden zum Essen ein. Der lehnt ab – aber er schlägt vor:

Willst du aber dem HERRN ein Brandopfer bringen, so kannst du es opfern. Manoach aber wusste nicht, dass es der Engel des HERRN war.

Der geheimnisvolle Fremde. Wir lesen hier nochmal ausdrücklich: Manoach weiß nicht, mit wem er es zu tun hat. Aber er will es genauer wissen und fragt:

Wie heißt du? Denn wir wollen dich ehren, wenn nun eintrifft, was du gesagt hast. - Aber der Engel des HERRN sprach zu ihm: Warum fragst du nach meinem Namen, der doch geheimnisvoll ist? Da nahm Manoach ein Ziegenböcklein und Speisopfer und brachte es auf einem Felsen dem HERRN dar, der geheimnisvolle Dinge tut. Manoach aber und seine Frau sahen zu. Und als die Flamme aufloderte vom Altar gen Himmel, fuhr der Engel des HERRN auf in der Flamme des Altars. Als das Manoach und seine Frau sahen, fielen sie zur Erde auf ihr Angesicht. Und der Engel des HERRN erschien Manoach und seiner Frau nicht mehr. Damals erkannte Manoach, dass es der Engel des HERRN war, und sprach zu seiner Frau: Wir müssen des Todes sterben, weil wir Gott gesehen haben. Aber seine Frau antwortete ihm: Wenn es dem HERRN gefallen hätte, uns zu töten, so hätte er das Brandopfer und Speisopfer nicht angenommen von unsern Händen. Er hätte uns auch das alles weder sehen noch hören lassen, wie jetzt geschehen ist. (alles: aus Richter 13)

Kaum gibt sich der „Engel des Herrn“ zu erkennen, ist er auch schon weg und kommt nicht wieder. Die Schlussfolgerungen aus dieser Gottesbegegnung sind bei Manoach und seiner Frau allerdings sehr unterschiedlich: ER meint: Jetzt müssen wir sterben! SIE dagegen hat eine völlig angstfreie Vorstellung von Gott – und sie benennt gute Gründe. Für sie ist diese Gottesbegegnung eher eine besondere Gnade. Und sie behält Recht.

Und nun zu uns. Woran Gott erkennen? Hier ein paar Antworten:

  1. Es ist nicht unbedingt nötig, Gott immer zu erkennen. Hätte Manoach nicht nachgehakt, Simson wäre trotzdem geboren, seine Eltern hätten ihn als Gottgeweihten erzogen, also ohne Alkohol und Haareschneiden. Nein, „unbedingt nötig“ wäre es nicht gewesen. Und auch nicht unbedingt möglich: In unserer Geschichte ist der Name des „Engels des Herrn“ geheim, und Gott ist der, der „geheimnisvolle Dinge tut“. Es ist wie ein Versteckspiel – und es ist ein Glück, den Versteckten zu finden …

  2. Gott begegnet in menschlicher Gestalt. Nicht immer, aber vielleicht besonders gern. Für Manoachs Frau zunächst als „Mann Gottes“. Christen sagen: „Uns begegnet Gott in dem Menschen Jesus Christus!“ Aber es könnte ebenso sein: Sie erfahren Gutes durch Ihre Mitmenschen – und Gott selbst ist durch diese Leute am Werk. – Oder?

  3. Gott zu begegnen kann heiliges Erschaudern auslösen: Manoachs Frau spricht von einer Gestalt „zum Erschrecken“, und Manoach meint zum Schluss gar, jetzt müssten sie sterben. – Müssen sie NICHT. Aber: Wenn Sie dazu neigen, Gott manchmal zu verniedlichen und nur als guten Kumpel und tollen Freund zu handeln (ich muss mich da öfter einschließen), dann kann alles Mögliche wohl schuld daran sein – aber eine Gottesbegegnung wohl eher nicht …

  4. Selbst suchen, selbst einladen. Manoach gibt sich nicht damit zufrieden, was andere – hier seine eigene Frau – ihm für religiöse Sachen erzählen. Er betet – selbst, mit seinem eigenen Anliegen und seinen eigenen Worten. Er will selbst den „Mann Gottes“ erleben. Und als das passiert, lädt er ihn ein. Das klappt zwar nicht, aber Manoach lässt sich auf die Opferfeier ein – und dabei fällt dann der Groschen. Manch einem begegnet Gott ohne Einladung. Dem Manoach nicht. Da waren das Suchen, Bitten, Fragen, Einladen wichtig.

  5. Gott entzieht sich. Der „Engel des Herrn“ fährt mit der Flamme auf – und erscheint den beiden nicht mehr. Das sei Ihnen zum Trost gesagt, wenn Sie neidvoll auf Leute gucken, die sich Gott immer total nahe fühlen und in Gott förmlich auf- und untergehen. Es ist nicht Ihre „Macke“ im Glauben, dass Sie das nicht so erleben. Es kann sein, dass Worte und Zeichen der Nähe Gottes reichen müssen, reichen dürfen. Und Ihre Erinnerung an eine frühere Begegnung vielleicht. Wie bei Manoach und seiner Frau.

Gebet:

Du großer Gott, ich kann Dich nicht begreifen, nicht erfassen, selten verstehen und oft nicht finden. Aber ich danke Dir, dass Du mich kennst, mich verstehst und – mich findest! Amen.

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Wenn einer eine Reise tut … Andacht zum 25.7.2014

… dann passt das schon mal gut zu unserem heutigen Bibeltext. Allerdings ist es dort nicht einer, es sind mehrer. Und im Mittelpunkt zwei: Paulus und Barnabas.

Ich möchte mit Ihnen einen Blick werfen auf die „erste Missionsreise“ von Paulus. Sie umfasst in der Apostelgeschichte die Kapitel 13 und 14. Aber ich will uns nur ein paar Stellen herausgreifen, an denen auf dieser Reise ein Abschnitt endet oder ein neuer beginnt.

Mein Hintergedanke: Vielleicht können Sie sich das eine oder andere abgucken für IHRE Reise. – Wie, Sie reisen gar nicht? Doch! Ihre Lebens-Reise! Vielleicht sind Sie ja gerade am Ende eines Abschnitts. Oder im Anbruch eines neuen. Oder es liegt irgendwie ein Umbruch in der Luft, aber es liegt im Dunkeln, ob er tatsächlich kommt. Und vielleicht liegt es auch im Dunkeln, ob Sie ihn eher erhoffen oder eher befürchten, diesen Umbruch.

Tja, oder es herrscht Stillstand? Nichts zu spüren von „Reise“? Es könnte sein, Sie genießen das. Endlich mal Ruhe, endlich läuft alles in geregelten Bahnen. Oder das Gegenteil: Genau der Stillstand quält Sie. Lähmung, Erstarrung, lebend tot, keine Perspektive, Mut- und Lustlosigkeit. Aber ob so oder so: Auch Stillstand ist ein Teil der Reise. Und: Es wird nicht beim Stillstand bleiben. Ob Ihnen das passt oder nicht.

Lukas, der Autor der Apostelgeschichte, richtet am Beginn der ersten Missionsreise nicht den Blick auf Paulus, sondern: auf eine GEMEINSCHAFT! Wir befinden uns in der christlichen Gemeinde im syrischen Antiochien. Innerhalb dieser Gemeinschaft gibt es nochmal eine spezielle Gruppe – in diesem Fall lauter Männer: Barnabas; Simeon Niger; Luzius von Kyrene; Manaën, ein ehemaliger Mitschüler des Fürsten Herodes, Paulus.

Ziemlich zusammengwürfelt. Allenfalls einer von ihnen könnte ursprünglich aus Antiochien sein, die anderen haben Migrationshintergrund und wohl ziemlich unterschiedliche Lebens­geschichten. Was verbindet sie da? Ja sicher, die Zugehörigkeit zur christlichen Gemeinde und zu Jesus Christus als deren Mittelpunkt. Sonst noch was?

Als sie aber dem Herrn dienten und fasteten …

Wie immer das bei diesen fünf Leuten konkret ausgesehen haben mag: Glaube spielt sich bei ihnen nicht nur im einzelnen Kopf ab, sie gestalten ihn auch gemeinsam, sie geben dem Glauben eine gemeinschaftliche Form.

Da hinein geschieht nun etwas, wo ich nicht recht weiß, wie ich mir das konkret vorstellen soll. Nämlich:

(Da) sprach der Heilige Geist: „Sondert mir aus Barnabas und Saulus zu dem Werk, zu dem ich sie berufen habe!“

Manche nehmen sich ja vor, bei ihren Entscheidungen nicht nur auf ihren „Kopf“ zu hören, sondern auf ihren „Bauch“ oder auf ihr „Herz“. Hier kommen nun weitere Ratgeber ins Spiel: Der „Heilige Geist“ und die „Gemeinschaft“.

Ich finde: Auf den Mix kommt es an! Wer NUR auf den Kopf hört und „vernünftig“ entscheidet, wird wahrscheinlich unglücklich. Wer NUR auf das Herz oder den Bauch hört, könnte manche grobe Dummheit begehen. Wer NUR auf den Heiligen Geist hört, wird Schiffbruch erleiden, wenn das, was er für den Heiligen Geist hält, ein anderer Geist ist oder seine fromm angestrichenen festen Überzeugungen. Wer NUR auf andere hört, geht dabei selbst unter.

Vielleicht spielen Sie das mal für sich durch: Was sagen denn für das, was gerade ansteht, der Kopf, das Herz, vermutlich der Heilige Geist, die wohlmeinenden Mitmschen? Und was muss ich evtl. tun, wen muss ich fragen, um besser zu wissen, was die da sagen?

Übrigens: Zumindest an DIESER Stelle der Geschichte gibt der Heilige Geist nur den Impuls zum Aufbruch. Er sagt hier nicht, WOHIN es gehen soll. Da sind dann wohl wieder Kopf, Herz, die Gemeinschaft gefragt. Vielleicht war es hier gerade das Herz: Barnabas stammt von Zypern, und da geht es jetzt hin. – Und jetzt ist Abschied angesagt:

Da fasteten sie und beteten und legten die Hände auf sie und ließen sie ziehen. (13, 1-3)

Die Etappe Zypern wird ein Erfolg, die Abreise von dort Richtung Türkei (damals: „Kleinasien“) ist unspektakulär. – Wenn da nicht ein kleines Detail wäre:

Johannes aber trennte sich von ihnen und kehrte zurück nach Jerusalem. (13, 13b)

Das war nicht konfliktfrei. Denn als zwei Kapitel weiter derselbe Johannes Markus wieder mit will, ist Paulus wegen dieser Trennung dagegen, sein Kollege Barnabas dafür. Das wird zum Streit zwischen Paulus und Barnabas führen, und sie werden dann auch getrennte Wege gehen – aber erst ab Kapitel 15, jetzt noch nicht.

Lukas erwähnt von der Türkei-Reise nebenbei ein paar Orte, wo für Paulus und Barnabas alles einigermaßen glatt lief. An anderen Orten bekommen sie aber mit ihrer Mission richtig Ärger:

  • Aus dem türkischen Antiochien (nicht das syrische Antiochien, wo sie gestartet waren) werden sie vertrieben – und schütteln verärgert den Staub von ihren Füßen.

  • Aus Ikonien fliehen sie von allein, nachdem Gewalt in der Luft liegt.

  • In Lystra wird es besonders schräg: Erst werden Paulus und Barnabas nach einer Wunderheilung als Götter verehrt, dann schlägt es ins Gegenteil um: Paulus wird gesteinigt und, als er für tot gehalten wird, vor die Stadt geschleift. Aber er kommt zu sich, steht auf – und geht erstmal wieder in die Stadt zurück!

Mir bleibt es ein Rätsel, warum unsere Reisenden bei Ärger so unterschiedlich reagieren: Mal lassen sie sich vertreiben, mal fliehen sie, mal tun sie genau das gerade nicht. Aber so spielt eben das Leben: Mal so, mal so.

Dann die Rückreise. Barnabas und Paulus steuern (außer Zypern) die Ziele ihrer Hinreise nochmal an und regeln die Dinge in den neu entstandenen christlichen Gemeinden:

(Sie) stärkten die Seelen der Jünger und ermahnten sie, im Glauben zu bleiben (…). Und sie setzten in jeder Gemeinde Älteste ein, beteten und fasteten und befahlen sie dem Herrn, an den sie gläubig geworden waren. (14, 21 ff.)

Endlich kommen sie dort wieder an, wo im doppelten Sinne ihr Heimathafen ist:

(Sie) fuhren mit dem Schiff nach Antiochia, wo sie der Gnade Gottes befohlen worden waren zu dem Werk, das sie nun ausgerichtet hatten. Als sie aber dort ankamen, versammelten sie die Gemeinde und verkündeten, wie viel Gott durch sie getan und wie er den Heiden die Tür des Glaubens aufgetan hätte. Sie blieben aber dort eine nicht geringe Zeit bei den Jüngern.

Mir gefällt besonders, dass Paulus und Barnabas „eine nicht geringe Zeit“ bleiben. „Im Auftrag des Herrn“ unterwegs zu sein, das heißt wohl gerade NICHT, STÄNDIG unterwegs und dauernd beschäftigt zu sein. Auftanken! „Bei den Jüngern!“ Und dann, erst DANN, geht es irgendwo und irgendwie weiter …

Und was kann das nun für IHREN Lebensweg bedeuten? Eines ist schon mal klar: Auch wenn der Heilige Geist selbst den Anstoß zum Aufbruch gibt, heißt das keineswegs, dass es so wird, wie „wenn Engel reisen“. Neben vielem, was hoffentlich gelingt, können Paulus, Barnabas, Ihnen und anderen Heiligen Trennungen, Konflikte, Widerstände unterlaufen, und es gibt keinen festen Fahrplan, wie das zu lösen ist. All das: Keine „Unfälle“, die nicht passieren dürfen, sondern: Sie gehören dazu!

Trotzdem gehen die beiden ihren Weg. Und sie stoßen nicht nur Dinge an, sondern (siehe Rückreise und auch später) sie kümmern sich darum, was weiter daraus wird. Und: Sie gehen ihren Weg, der nicht besser ist als andere antike Wege. Aber in der beständigen Verbindung zu ihrem Gott, der für sie in Jesus einen Namen und ein Gesicht hat.

Vor allem: Sie sind fest verwurzelt in ihrer Glaubens-Gemeinschaft. Die gibt ihnen – Konflikte hin oder her – Heimat. Dort erleben sie den entscheidenden Impuls zum Aufbruch. Dorthin kehren sie zurück – und dürfen bleiben. – „Eine nicht geringe Zeit“.

Gebet:

Gott, ich bitte Dich für meine Reise NICHT, dass es immer glatt läuft. Aber das Du an meiner Seite bist. Und ich an Deiner. Amen.

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Der Segen hinter dem Fluch. Andacht zum 18.7.2014

Heilung! – Was für ein schönes Wort! Heilung des Körpers, Heilung der Seele, Heilung einer Beziehung, Heilung eines Schmerzes. Heilung! – Was für eine Sehnsucht! Vielleicht ist das jetzt der Augenblick, danach in Ihrem Herzen zu spüren: „Welche Heilung ersehne ich?“ Oder auch: „Welche Heilung ersehne ich NICHT, weil ich das nicht zu hoffen wage?“
Dazu dann gleich noch folgende Frage: „Wie groß oder klein ist denn meine Hoffnung?“ Anders gesagt: Für wie wahrscheinlich halte ich es, dass das Ersehnte auch Wirklichkeit wird? – Für mich persönlich ist das manchmal eine Gratwanderung mit der Heilungs-Hoffnung: Man kann sie zu früh aufgeben. Oder man kann sie zu spät aufgeben. Sie können das für Ihre Heilungs-Sehnsucht überprüfen: „Wie wäre das, wenn real eine gute Chance auf Heilung besteht, aber ich habe die Hoffnung aufgegeben?“ Und umgekehrt: „Wie wäre das, wenn real KEINE Chance auf Heilung besteht, aber ich halte immer weiter an der Hoffnung fest?“
In der Bibel gibt es eine ganze Reihe von Heilungen, speziell in den Jesus-Geschichten. Jesus, der Heiland. Aber er heilt nicht alles, nicht immer, nicht überall. Kein Bericht darüber, dass z.B. einem Einbeinigen ein neues Bein gewachsen wäre. Und ausgerechnet in seinem Heimat-Ort konnte Jesus nicht in der üblichen Weise heilen (Markus 6, 5).
Heute nun eine groteske Gegen-Geschichte zur Heilung. Ich muss nicht lange raten, warum ich dazu noch nie eine Predigt gehört habe. Während durch Jesus viele Menschen Heilung erfahren, passiert in dieser Geschichte das Gegenteil: Einer wird blind. Und es hat jemand seine Finger im Spiel, der ausdrücklich „mit Heiligem Geist erfüllt“ ist.
Wir befinden uns in der „Apostelgeschichte“. Es gibt u.a. schon eine christliche Gemeinde in Antiochien in Syrien, östlich der Mittelmeer-Insel Zypern. Von hier aus werden nun zwei Leute zur Mission ausgesandt. Der eine: Saulus (später Paulus genannt) aus Tarsus in der heutigen Türkei, nord-nordöstlich von Zypern. Der andere: Barnabas. Der stammt direkt von Zypern (Apg 4, 36). Die beiden nehmen als Gehilfen noch einen Johannes Markus mit und reisen nach – na? Zypern!

Als sie (…) die ganze Insel (…) durchzogen hatten, fanden sie einen Mann, einen Magier (…) mit Namen Barjesus, der bei dem Prokonsul Sergius Paulus war, einem verständigen Mann. Dieser rief Barnabas und Saulus herbei und begehrte das Wort Gottes zu hören. Elymas aber, der Magier – denn so wird sein Name übersetzt -, widerstand ihnen und suchte den Prokonsul vom Glauben abzubringen.

Damit sind die Rollen verteilt: Auf der einen Seite der höchste Repräsentant Roms auf der Insel, ein verständiger Mensch. Der ist interessiert am christlichen Glauben und will mehr wissen. Und auf der anderen Seite der Magier Elymas, der das verhindern will. – Wieso eigentlich? Es steht nicht ausdrücklich da, aber ich vermute: Wenn sein Chef Christ wird, wird es problematisch mit seinem Job als Magier.

Saulus aber, der auch Paulus heißt, blickte, mit Heiligem Geist erfüllt, fest auf ihn hin …

Man sagt das ja manchmal so: Da ist einer „vom Saulus zum Paulus“ geworden. Da hat sich einer um 180 Grad gedreht. Wie damals bei Saulus vor Damaskus. Saulus, der Christenverfolger, dem auf einmal Christus erscheint. Und dann wird er zum Christen – und wird später zu dem wichtigsten Missionar. Nur: „Vom Saulus zum Paulus“ ist er vor Damaskus trotzdem nicht geworden. Erst in unserer Geschichte heute hören wir so ganz nebenbei: Saulus heißt auch Paulus. Der eine Name für die jüdische Welt, der andere für die griechisch-römische. Vielleicht schreibt Lukas, der Autor der Apostelgeschichte, das hier, weil sowieso gerade vom Prokonsul Sergius PAULUS die Rede ist. Ein Namenvetter.
Also: Paulus ist mit Heiligen Geist erfüllt und blickt den Magier fest an. Es gibt ja Leute, die tun sich schwer damit, Blickkontakt aufzunehmen und zu halten. Erst recht bei Typen, die einen nicht leiden können. Ob das was miteinander zu tun hat? – „Mit Heiligem Geist erfüllt“ und „fester Blick“? Ich kann mir das gut denken. „Gott hat uns nicht einen Geist der Furcht gegeben, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit!“ (2. Timotheus 1,7).
Kraft, Liebe, Besonnenheit? Kraft – ja. Aber nicht so besonnen und schon gar nicht liebevoll klingt, was Paulus jetzt zu dem Magier sagt:

„Du, voll aller List und aller Bosheit, Sohn des Teufels, Feind aller Gerechtigkeit! Willst du nicht aufhören, die geraden Wege des Herrn zu verkehren? Und jetzt siehe, die Hand des Herrn ist auf dir! Und du wirst blind sein und die Sonne eine Zeit lang nicht sehen!“

Grobe Worte. Eine Verteufelung. Na ja, nun wissen wir nicht, was genau dem vorangegangen ist. Aber mehr noch: Die Worte zeigen Wirkung:

Und sogleich fiel Dunkel und Finsternis auf ihn. Und er tappte umher und suchte solche, die ihn an der Hand leiteten. Dann, als der Prokonsul sah, was geschehen war, glaubte er, erstaunt über die Lehre des Herrn.

Kurz und knapp: Der eine, Elymas, wird blind. Und der andere, Sergius Paulus, wird in gewisser Weise sehend.
Beim ersten Lesen passte mir das nicht: Der Kritiker, der Andersdenkende, wird kurzehand und sehr massiv abgestraft. Beim zweiten Lesen sehe ich die Sache völlig anders. Wieso? Es gab schon vorher einen dezidierten Gegner Jesu Christi und seiner Anhänger, der für eine Weile blind wurde und sich führen lassen musste: Kein anderer als Paulus selbst! Damals vor Damaskus! Der auferstandene Christus selbst hatte ihm damals zugemutet und verordnet, was er nun dem Elymas mitgibt: eine Phase des Nicht-Sehens und Sich-führen-Lassens, damit ihm die Augen aufgehen und er einen neuen Weg einschlagen kann.
Ich will damit Blindheit kein bisschen schön reden. Paulus wie Elymas waren ja nicht im üblichen Sinne erblindet: Es war zeitlich befristet. Nur ein paar Tage eben. Aber diese paar Tage, die scheinen sie dann doch gebraucht zu haben: Sie, die vorher sehr genau „wussten“, wo es langzugehen hatte, sie waren auf einmal orientierungslos. Sie, die andere auf ihren „rechten Weg“ bringen wollten, mussten sich nun selbst führen lassen. Wie heißt es so treffend über Elymas? Es „fiel Dunkel und Finsternis auf ihn. Und er tappte umher und suchte solche, die ihn an der Hand leiteten.“ Ein paar Tage heilsame Verunsicherung. Ein paar Tage, um die helfende Hand von Mitmenschen zu erleben. Ein paar Tage, um ihre Hilfe und Orientierung annehmen zu lernen. Wenn Paulus in seiner „Verfluchung“ dem Elymas sagt: „Die Hand des Herrn ist auf Dir!“, dann hat das nur auf den ersten Blick etwas Niederdrückendes oder In-den-Schatten-Stellendes. Sondern: Auf den zweiten Blick ist es ein Segen!
Und was geht Sie und mich das an? Wenn Sie sich gerade auf der Sonnenseite des Lebens befinden sollten: Vermutlich nichts. Aber vielleicht, wenn „Dunkelheit und Finsternis“ auf Sie gefallen sein sollten wie auf Elymas oder vorher auf Paulus. Die Geschichte ist eine Einladung, es für MÖGLICH zu halten, dass auf den zweiten Blick der Fluch als Segen erscheinen könnte. Mehr bitte nicht, als es vage für MÖGLICH zu halten! Elymas hat ja auch nicht gleich gejubelt: „Juchhu, jetzt im Dunkeln mache ich ganz neue und bereichernde Erfahrungen mit mir, mit der Hand der anderen, mit Gott!“ Nein, das nicht. Aber womöglich so der vage Gedanke: „Wer weiß, vielleicht hat der ‚Fluch’ noch eine andere Seite.“
Mehr als dieses „Vielleicht“ hat diese Geschichte nicht zu bieten, denn anders als nach der Blindheits-Phase des Paulus erfahren wir ja nicht, was später aus Elymas wird. Das Happy End gibt es vorläufig nur für den Prokonsul: Sergius Paulus „glaubt“ und ist „erstaunt über die Lehre des Herrn“. Halleluja!

Gebet:
Gott, ich bitte Dich um Deine Hand auch auf mir! Dass sie mir verdunkelt, was mir allzu klar zu sein scheint. Dass sie mich hält, wo ich haltlos bin. Dass sie mich zur helfenden Hand meines Nächsten führt. Dass sie mich behütet und segnet! Amen.

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Danken heilt. Andacht zum 11.7.2014

Na, heute schon „Danke!“ gesagt? Wenn Sie mit anderen zusammen leben, passiert das schnell. „Kann ich bitte die Butter haben? – Danke!“; „Einen guten Tag Dir!“ – „Danke, Dir ebenfalls!“
Und ohne andere Menschen? Vielleicht haben Sie ein Tier und reden mit ihm. Ich tue das. Aber ich wüsste nicht, dass ich mich bei meinen Tieren schon mal bedankt hätte. Ob­wohl mir beispielsweise unser Hund viel gibt für meine Seele.
Und ohne Mensch und ohne Hund? Vielleicht haben Sie schon GOTT gedankt. Für den neuen Tag zum Beispiel, gleich beim Aufwachen. Eine gute Gelegenheit, finde ich.
Wem Sie heute wohl noch NICHT gedankt haben: sich selbst! – Sie haben vielleicht sich selbst etwas zu ver-danken – Ihren Bemühungen, Ihrem Fleiß, Ihrer Kraft, Ihrer Intelligenz oder, oder. Sie können vielleicht stolz auf sich sein, aber Sie können nicht sich selbst dankbar sein. – ICH jedenfalls schüttle mir niemals die Hand und sage: „Ich danke mir, dass ich das und das für mich getan habe!“ Zum Danken gehört nämlich die Einsicht: „Es ist mir von woanders gegeben! Und: Ich habe es nicht verdient. Es ist mir geschenkt!“
Vielleicht haben Sie heute aber noch niemandem gedankt und sich auch noch nicht dankbar gefühlt. Woran kann das liegen? – Hier ein paar Gründe GEGEN die Dankbarkeit:

  • Die Selbstverständlichkeit: Dass Ihnen heute morgen das Licht des neuen Tages leuchtet, dass Sie aus dem Bett gekommen sind, dass Sie frisches Wasser auf der Haut spüren durften, dass es zum Frühstück etwas zu essen und zu trinken gab, das ist Ihnen alles so selbstverständlich, so sehr Routine, das merken Sie gar nicht mehr. Wer nichts mehr merkt, ist nicht mehr dankbar und kann es nicht sein. Sie merken das alles allerdings wieder, wenn Sie nicht mehr aus dem Bett kommen, wenn kein Wasser aus dem Hahn läuft und der Kaffee alle ist.
  • „Jemandem Dankbarkeit schulden“: Vielleicht gehören Sie zu denjenigen Leuten, die meinen: Wenn ich dankbar „sein muss“, dann schulde ich dem anderen was. – „Wie kann ich das bloß wieder gut machen?“ Als sei ein Geschenk eine Störung, ein Scha­den, der wieder in Ordnung gebracht werden muss. Dann doch lieber nicht dankbar sein … Ganz ähnlich: Sie gehören vielleicht zu denen, die misstrauisch werden, wenn Ihnen Gutes widerfährt: Irgendein Haken wird da wohl dran sein. Und ganz be­stimmt folgt die Quittung auf dem Fuße …
  • Sie als Ihres eigenen Glückes Schmied: Vielleicht ist Ihnen die Vor­stellung wichtig, Sie hätten Ihr Leben und Ihr Wohl und Wehe selbst im Griff und alles unter Ihrer Kontrolle. Da wäre nicht nur ein „Unglück“ ein Schlag ins Kontor, sondern auch unverdientes, „geschenktes“ Glück: Da müssten Sie sich eingeste­hen: „Ich hab’s halt nicht in der Hand!“ Stattdessen reden Sie sich lieber ein, dass Sie sich das alles selbst zu verdanken haben.
  • Ihr Stolz. Wobei ich Stolz oft ganz gut finde. Nur: Stolz verträgt sich nicht mit der Dankbarkeit. Sie können nicht zugleich stolz auf die Eins in Mathe sein und zugleich dankbar, dass Sie beim Nachbarn abschreiben konnten. Höchstens halbe-halbe: Dank­barkeit für den Nachbarn; Stolz, dass Sie sich nicht erwischen ließen.
  • Das halb leere Glas. Sie kennen das: Die einen sagen: Das Glas ist halb voll. Die an­deren: Es ist halb leer. Vielleicht sind Ihre Empfindungen und Gedanken vor al­lem auf das konzentriert, was Ihnen fehlt, was Sie belastet, quält oder was Sie befürch­ten. Wer so empfindet, sieht wenig Anlass zum Danken. In bestimmten für­chter­lichen Situationen wäre Dankbarkeit wirklich zu viel ver­langt. Andererseits soll es Leute geben, die auch unter sehr schlimmen Bedingungen noch zum Dank fin­den, und zwar nicht aus Pflicht, sondern von Herzen. Ich schätze: Wer das tut, der hat sich vorher darin eingeübt …
  • Die Not anderer. Darauf kann sich jeder berufen, der das Danken vermeiden will und bei sich selbst nichts Bedeutendes zu klagen findet. Bein Blick in die weite Welt oder in die Geschichte findet sich so viel Fürchterliches, dass es ein Leichtes ist, sich damit alles eigene Glück komplett auszublenden.

Viele starke Gründe gegen die Dankbarkeit. Wenn Sie trotzdem dankbar sind, dann geht das wohl nur unter folgenden Bedingungen:

  • Sie sehen das Gute und nehmen es nicht als selbstverständlich;
  • Sie empfinden Dank als etwas Fröhliches, nicht als abzutragende Schuld;
  • Sie sind bereit, manches Gute als Geschenk aufzufassen, das Sie sich nicht verdient haben, auf das Sie nicht stolz sein können.
  • Sie sind bereit und in der Lage, die Scheuklappen abzunehmen. Sie fixieren sich nicht aus­schließlich auf das eigene Elend noch ausschließlich auf die Not und den Mangel an­derer.

So, und nun eine Dank-Geschichte. Mehrere Leute bekommen da etwas unerhört Gutes. Aber längst nicht alle erfahren das Heilsame, das aus dem Dank erwächst …

Jesus zog durch das Grenzgebiet von Samarien und Galiläa. Als er in ein Dorf ging, kamen ihm zehn Aussätzige entgegen. Sie blieben in gehörigem Abstand stehen und riefen laut: »Jesus! Herr! Hab Erbarmen mit uns!« Jesus sah sie und befahl ihnen: »Geht zu den Priestern und lasst euch eure Heilung bestätigen!« Und als sie unterwegs waren, wurden sie tatsächlich gesund. Einer aus der Gruppe kam zurück, als er es merkte. Laut pries er Gott, warf sich vor Jesus nieder, das Gesicht zur Erde, und dankte ihm. Und das war ein Samariter. Jesus sagte: »Sind nicht alle zehn gesund geworden? Wo sind dann die anderen neun? Ist keiner zurückgekommen, um Gott die Ehre zu erweisen, nur dieser Fremde hier?« Dann sagte er zu dem Mann: »Steh auf und geh nach Hause, dein Vertrauen hat dich gerettet.« (Lukas 17, 11-19)

Wann genau passiert die Heilung? Antwort: Auf dem Weg zu den Priestern, die die Heilung bestäti­gen sollten. Unterwegs merken alle Zehn: Die Sym­ptome sind weg! Nichts mehr vom Aussatz zu sehen! Trotzdem hier ein paar ALTERNATIVE Vorschläge, wo die Heilung passiert:

  • Schon als Jesus in die Nähe dieser „unberührbaren“ Menschen kommt.
  • Als die Aussätzigen sich in ihrer Not an Jesus wenden und ihn anflehen.
  • Als Jesus zu ihnen spricht.
  • Als die Zehn Vertrauen zu Jesus fassen und tun, was er sagt: Sie machen sich auf den Weg.

Alles „richtige“ Antworten. Ich meine aber: Das entscheidende i-Tüpfelchen der Heilung kommt nur bei dem Einen, bei dem Dankbaren. Nur zu ihm sagt Jesus: „Dein Glaube hat Dir geholfen!“
Dabei hat der Glaube den anderen auch geholfen, sonst hätten sie sich gar nicht erst zu den Priestern auf den Weg gemacht. Der Glaube des Einen, dieser Glaube in der Farbe der Dankbarkeit, hat aber offenbar nochmal ganz anders geholfen. Dieser Eine „merkt“ sein Heil-Sein, und sofort, also ohne das priesterliche Gesundheitszeugnis abzuwarten, läuft er zu­rück, preist Gott und bringt Jesus laut hörbar und gut sichtbar seinen überhaupt nicht stillen Dank.
Und die anderen? Wo bleiben sie? – Jesu Frage bleibt unbeant­wortet. Meine Phantasie: Sie gehen schnurstracks zu den Priestern, lassen sich ihre Gesund­heit bescheinigen, kehren nach Hause zurück, versuchen, an dem alte Leben bei Ih­ren Lieben anzuknüpfen, das ihnen die Krankheit abgeknickt hatte. Und diese schlimme Epi­sode in der Aussätzigenkolonie, die ist dann schnell zur Seite geschoben und „vergessen“. Das Leben ist bald wieder so, als sei nie etwas gewesen – keine Krankheit, keine Einsamkeit, keine Angst, keine Verzweiflung. Und: Keine Heilung! Das rou­tinierte, selbstverständliche Leben eben – wie Sie jeden Morgen ganz selbstverständlich die Augen öffnen, aufstehen, sich waschen und frühstücken. Ganz selbstverständlich – das klingt nach Automat, nach Roboter, nach Gedanken-los, nach Gefühl-los.
Nur zu dem einen Nicht-Selbstverständlichen, dem Achtsamen, dem Dankbaren, sagt Jesus: „Dein Glaube hat Dir geholfen!“ Vielleicht mögen die anderen ohne ihren Dank Gott oder Jesus etwas schuldig geblieben sein. Aber mehr noch: Sie sind sich selbst et­was schuldig geblieben! Das geheilte Leben ist ihnen selbstverständlich geworden. Ein Geschenk, das ich nicht in Dankbarkeit auspacke, bleibt ein äußerliches Geschenk – und ist im tieferen Sinne eigentlich gar keins …
Und Sie? Heute? Wenn Sie hinschauen, hinhören, hinfühlen, könnten Sie heute noch ins Danken kommen – und Ihren Tag durch Ihre Dankbarkeit zu verwandeln. Dann würde nicht nur für diesen einen Samaritaner, sondern auch für Sie gelten: „Dein Glau­be hat Dir geholfen!“

Gebet (aus „dem“ Lied)
Danke für diesen guten Morgen, // danke für jeden neuen Tag! // Danke, dass ich all meine Sorgen auf Dich werfen mag!
Danke für manche Traurigkeiten, // danke für jedes gute Wort! // Danke, dass Deine Hand mich leiten will an jedem Ort!

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Klaus Honermann: “Gott lässt sich sehen!” Andacht zum 4. Juli 2014

Diesmal ist die Andacht von Klaus Honermann, katholischer Pfarrer in Schermbeck …

„Ich war’s nicht! Der da war’s!“ „Nein stimmt nicht! ER war es. Ich hab’s genau gesehen!“ Eine Auseinandersetzung auf dem Schulhof oder im Spielzimmer. Keiner will’s gewesen sein. Es gibt auch das genaue Gegenteil – nicht nur im Krimi: Dass jemand die Schuld auf sich nimmt, obwohl er’s gar nicht gewesen ist.

In jenen Tagen trat Johannes der Täufer auf und verkündete in der Wüste von Judäa: Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe! (…)
Johannes trug ein Gewand aus Kamelhaaren und einen ledernen Gürtel um seine Hüften; Heuschrecken und wilder Honig waren seine Nahrung. (…)
Die Leute von Jerusalem und ganz Judäa und aus der ganzen Jordangegend zogen zu ihm hinaus. Sie bekannten ihre Sünden und ließen sich im Jordan von ihm taufen. (aus Matthäus 3)

Am Jordan versammeln sich Menschen, die klar machen wollen: Ich bin schuld. Oder – wie man im Ruhrgebiet sagt: Ich bin IN SCHULD: Grammatikalisch nicht richtig, aber von der Sache her trifft es etwas: Ich bin drin in der Schuldgeschichte, ich hänge da mitten drin in einem Zusammenhang von Verursachung und Verantwortung, von Versagen und Schwäche, von Mitwirkung und Sich-Raushalten.
Die Menschen versammeln sich am Jordan, weil die Bewusstseinsbildung des Johannes trotz seines nicht gepflegten Äußeren in ihnen etwas ausgelöst hat. Sie tauchen ein in den Fluss. Und es kommt etwas in ihnen in Fluss. In ihren Herzen hat Johannes durch die Taufe etwas in Gang gesetzt.
Wir nennen so etwas Bekehrung. Neuorientierung. Neue Hinwendung zu Gott, zu meiner eigenen Wesentlichkeit und zum anderen Menschen.

Zu dieser Zeit kam Jesus von Galiläa an den Jordan zu Johannes, um sich von ihm taufen zu lassen. Johannes aber wollte es nicht zulassen und sagte zu ihm: Ich müsste von dir getauft werden, und du kommst zu mir? Jesus antwortete ihm: Lass es nur zu! Denn nur so können wir die Gerechtigkeit (die Gott fordert) ganz erfüllen. Da gab Johannes nach. Kaum war Jesus getauft und aus dem Wasser gestiegen, da öffnete sich der Himmel, und er sah den Geist Gottes wie eine Taube auf sich herabkommen. Und eine Stimme aus dem Himmel sprach: Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich Gefallen gefunden habe.

Mitten in der Menge am Jordan steht einer, der ganz gewiss sagen könnte: „Ich war’s nicht!“ Aber er macht’s so wie der Mann im Krimi, der die Schuld seiner geliebten Frau auf sich nimmt, um sie vor dem Gefängnis zu bewahren.
Die Rede ist von Jesus, der eintaucht in unsere Schuldgeschichte; der sich nicht heraushält aus allem, weil ihn die Angelegenheit eigentlich ja nichts angeht, sondern der im Gegenteil klar macht: Das geht mich zutiefst etwas an! Die Schuld der Menschen rede ich nicht klein. Ich mache nicht aus allem und jedem ein Kavaliersdelikt. Ich beschuldige auch niemanden, sondern begebe mich selbst in diese Situation, an der ich keine Schuld trage. Aber ich trage sie mit euch!
An dieser Stelle könnte diese Ansprache schon enden mit einem Hinweis darauf, darüber nachzudenken: „Wo stehe ich selbst gerade innerlich?“ – Wäre da nicht noch jemand, der Stellung bezieht. Und zwar ganz ausdrücklich:
„Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich Gefallen gefunden habe!“, verlautet die Stimme aus dem Himmel. In Neuhochdeutsch: „Den finde ich echt cool.“
Eigentlich finden wir es ja alle „ganz cool“, wenn jemand zu seiner Schuld steht und reinen Tisch macht und sich nicht vor seiner Verantwortung drückt.
Die Verantwortung Jesu war nicht die einer Schuld, jedenfalls nicht seine eigene. Die Verantwortung, die er übernommen hat, war sein Lebensauftrag, den er vom himmlischen Vater angenommen hat: allen Menschen die radikale Liebe Gottes zu vermitteln, die auch vor Schuld und Sünde nicht halt macht. So sehr Gott auch die Sünde ablehnt, den Sünder nimmt er an, wenn er sich an Gott wendet. Das ist auch eine der Grundbotschaften von Papst Franziskus.
Beim Empfang für die Diplomaten zu Beginn des Jahres überreichen die neu Angekommenen ihr Beglaubigungsschreiben. Durch dieses Dokument wird sichtbar, dass sie die rechtmäßigen Vertreter ihres Landes sind. Die Worte des himmlischen Vater sind sozusagen das Beglaubigungsschreiben für Jesus, dass er der wirkliche Vertreter des Himmels auf Erden ist. Er bringt die Botschaft und Kultur seines Landes, sprich: des Himmels, mit an den Jordan. Und dies ist die grenzenlose Barmherzigkeit Gottes.
Jemand könnte denken: „Na, dann ist ja alles halb so schlimm! Schwamm drüber und weitermachen!“ Dann hätten wir aber das Anliegen des Johannes und das Anliegen Jesu nicht verstanden. Geht es doch gerade darum, nicht einfach so weiter zu machen wie bisher. Neu anfangen ist die Devise. Damals bei Johannes am Jordan und bei uns.
Neuanfang. Das klingt gut. Da klingt in uns vielleicht auch das Wort von Hermann Hesse mit: „Allem Anfang wohnt ein Zauber inne.“ Doch so einfach wie durch den Zauber einer Fee im Märchen geht es ja nicht. Das wissen wir Realisten ganz genau. Simsalabim – und schon sind wir neue Menschen – als ob das so einfach wäre! Im Grunde wissen wir: Wir selbst können uns nicht neu erfinden. Der Zauber des neuen Anfangs kann nur von dem kommen, welcher DER Anfang selbst ist: Nur von Gott und seiner Barmherzigkeit haben wir die Kraft, trotz aller gescheiterten Erfahrungen von Neubeginn doch wieder uns aufzurappeln und es geschehen zu lassen: einzutauchen in die Güte Gottes, die uns gut sein lässt zu uns selbst und zu einander.
Apropos: geschehen lassen. Genau das sagt Jesus auch zu Johannes, der den zunächst nicht taufen will, von dem er gesagt hat: „Ich bin es nicht mal wert, ihm die Schuhriemen aufzu­machen.“ Er, Johannes, soll es geschehen lassen. Später wird Petrus im Abendmahlsaal eine ähnliche Weigerung zum Ausdruck bringen, als Jesus ihm die Füße waschen will. Beide Male dringt Jesus ganz entschieden darauf, dass sie es geschehen lassen. Denn nur so kann sich zeigen, was Gott mit uns Menschen und für uns vor hat: Eine Gerechtigkeit, die mehr ist als menschliches Recht.
Die Einladung dieses Evangeliums an uns ist, dass auch wir etwas geschehen lassen wie Johannes und Petrus. Dass wir es zulassen, dass Gottes Nähe uns wirklich hautnah kommt. Vielleicht wohnt dann diesem neuen Anfangen ein Zauber inne; die bezaubernde Feststellung, dass Gott heute zu uns spricht.

Das Nachdenken möchte ich einmünden lassen in ein Gebet:
Jesus, du Lebendiger! Du Bruder! Du brichst nicht den Stab über uns. Stattdessen hast du den Balken des Kreuzes auf deine Schultern geladen und die Last der Schuld übernommen in dein Herz. Du hältst dich nicht raus aus Verstrickung und Versäumnis. Du machst dich zu einem von uns – bis ins Letzte.
Lass uns mit dir die Stimme vernehmen, die auch zu uns spricht: „Du bist mein geliebter Sohn! Du bist meine geliebte Tochter!“ Nur so bleibt der Himmel auch für uns nicht verschlossen. Amen.

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Ehud, Teil II: Ausgerechnet Ehud. Andacht zum 27.6.2014

Was bisher geschah: Die Israeliten werden seit Jahren von den Moabitern unterdrückt und ausgebeutet. Sie schreien zu Gott um Hilfe. Und Gott hilft:

Gott ließ ihnen einen Retter erstehen: Ehud …

So, Ehud soll also der gottgesandte Retter sein. Wie muss jemand drauf sein, um so einen Retter abzugeben? Wer ist die passende Leitfigur? Vielleicht ein Pfarrer als Bundespräsident? Eine Pastorentochter als Kanzlerin? Unsere Bibelgeschichte geht da ganz anders weiter, Ehud passt nicht recht in das Klischee vom Gottesmann. Aber lesen Sie es – leicht gekürzt – selbst. (Vorsicht: Es ist eine FSK 16-Szene dabei!)

Als die führenden Männer des Volkes ihn (Ehud) dazu bestimmten, den Tribut an (den Moabiter-) König Eglon abzuliefern, schmiedete er sich ein kurzes (…) Schwert und band es sich unter dem Gewand (…) fest. So übergab er den Tribut. – König Eglon war übrigens ein Mann von mächtiger Körperfülle.
Nach der Übergabe ließ Ehud die Männer, die den Tribut hergetragen hatten, nach Hause gehen. Er selbst kehrte (…) um und ging noch einmal zu Eglon zurück. Er sagte zum König: »Ich habe eine geheime Botschaft für dich!« »Pst!«, machte Eglon. »Dass keiner es hört!« So gingen alle Diener des Königs hinaus.
Eglon saß in dem kühlen Obergemach, das nur für ihn allein bestimmt war. Ehud sagte zu ihm: »Ich habe für dich eine Botschaft von Gott!« Darauf erhob sich Eglon von seinem Sitz. Ehud griff mit der linken Hand nach dem Schwert an seiner rechten Seite und stieß es ihm in den Bauch. Die ganze Klinge drang in Eglons Leib ein und sogar noch der Griff verschwand im Fett.
Ehud ließ das Schwert stecken, verriegelte die Tür und stieg durchs Fenster hinaus. Nachdem Ehud gegangen war, wollten Eglons Diener nach dem König sehen, aber sie fanden die Tür des Obergemachs verriegelt. »Er wird wohl gerade seine Notdurft verrichten«, sagten sie. Sie warteten vergeblich; die Tür wurde nicht geöffnet. Schließlich holten sie den Schlüssel und schlossen auf. Da lag ihr Herr tot auf dem Boden.
Während die Diener vor der Tür gewartet hatten, hatte sich Ehud in Sicherheit gebracht. Er (…) gelangte unbehelligt nach Seïra. Dort angekommen, ließ er im Bergland von Efraïm das Signalhorn blasen, und die Männer Israels zogen hinter ihm her in die Jordanebene hinunter. Er sagte zu ihnen: »Folgt mir schnell! Der Herr hat eure Feinde, die Moabiter, in eure Hand gegeben!« (…)
So zwang der Herr die Moabiter an diesem Tag vor Israel in die Knie. Das Land hatte nun 80 Jahre lang Ruhe vor Feinden.

Nein, ein frommer Gottesmann scheint Ehud nicht zu sein: Nur zweimal spricht er von Gott – und das erste Mal ist es eine glatte Lüge: Er sagt zu dem Moabiter-König: „Ich habe für dich eine Botschaft von Gott!“ Pustekuchen, stimmt nicht. Ehud „redet falsches Zeugnis“ und „missbraucht den Namen des Herrn“.
Gleich zu Anfang: Nicht nur, dass Ehud ein Schwert und einen Mordplan schmiedet – er tut das auch ohne Absprache mit den führenden Leuten Israels, die ihn nur zur Übergabe des Tributs losschicken. Dann der Mord an seinem leichtgläubigen Opfer. Dass Ehud seinen Plan beim Brüten über der Heiligen Schrift oder in innigem Gebet entdeckt, steht auch nicht da, und es scheint mir auch nicht sehr wahrscheinlich – so vom ganzen Typ her.
Wenn Ehud dann noch eine schnell zusammengetrommelte Truppe gegen die nun kopflosen Moabiter in den Kampf führt, dann ist das natürlich aus heutiger Sicht auch fragwürdig. Es waren vielleicht noch nicht alle friedlichen Mittel zur Konfliktbeilegung ausgeschöpft. Aber wir dürfen Ehud und seinen Leuten zugestehen: SIE sind hier die Unterdrückten, die Ausgebeuteten. Da ist es manchmal schwer, als Verhandlungspartner ernst genommen zu werden.

Was steckt nun in dieser Geschichte für Sie drin? Es wäre wohl ein krasses Missverständnis, wenn Sie sich jetzt ein Mordkomplott aushecken würden oder einen bewaffneten Konflikt anzettelten. Dichter dran wären Sie schon, wenn Sie „Einsatz für die Unterdrückten und Ausgebeuteten“ darin als Aufforderung entdecken würden. Sie können auch eine „Ermutigung zur Eigeninitiative“ finden: Und den Appell, um die Solidarität Gleichgesinnter zu werben. Als Posaunen­chor-Mitglied weise ich auch gern darauf hin: Ohne den Einsatz des Signalhorns wäre alles im Sande verlaufen.
Aber die eigentliche Pointe für Sie und mich sehe ich noch woanders: Unser Erzähler, der mit gehörigem zeitlichen Abstand die Ereignisse zu Papyrus bringt, er sieht einen großen Zusammen­hangs-Bogen:

Israel schreit zu Gott um Hilfe -> Ehud ermordet den Unterdrücker –> die zusammengetrommelten Scharen besiegen die Moabiter-Truppen –> Israel hat 80 Jahre lang Ruhe.

Es fängt mit dem Schrei zu Gott an und endet mit 80 Jahren Ruhe. Kurz: Es geht hier um Gebet und Erhörung. Und unser Erzähler sieht Gott ausgerechnet in diesem Lügner, Gottesnamen-Missbraucher, Raufbold, Mörder, Hau-Degen Ehud am Werk.
Wenn das so ist und gilt, dann dürfen Sie davon ausgehen: Gott kann auch etwas mit IHNEN anfangen – auch dann, wenn Sie an Ihren Qualitäten zweifeln und sooo viel gegen Sie spricht.
Und falls Sie NICHT Ehud als Beispiel auf sich anwenden wollen: Die Bibel steckt noch voller weiterer Leute, die mangelnde Fähigkeiten, ein dickes Sündenregister oder andere klare Ausschluss-Kriterien mitbringen – und mit denen Gott trotzdem etwas anfangen kann und seine Sache voran bringt.
Man sagt: Auch große Ozean-Riesen werden durch lauter Nieten zusammengehalten. Das gilt für die Sache Gottes auch. Und deshalb ist da sogar ein Platz für Sie und mich. Halleluja!

Gebet:
Gott, Du weist, wie ich manchmal an mir selbst zweifle. Und Du, Du kennst ja meine Mängel noch viel besser als ich selbst. Kaum zu glauben, dass Du mich trotzdem willst und auch gebrauchen willst. Gott, und so will ich lernen, nicht dauernd nur meine Mängel zu sehen, sondern auf Dich zu vertrauen. Denn Deine Kraft ist in den Schwachen mächtig! Amen.

 

 

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