Welt-Aufgang und Zwischen-Zeit. Andacht zum 21.11.2014

Das haben Sie wahrscheinlich schon öfter mal gesagt: „Davon geht doch die Welt nicht unter!“ Da ist einem eine Tasse hingefallen, da hat sich jemand ein bisschen in den Finger geschnitten – „davon geht doch die Welt nicht unter!“ Aber wovon geht sie denn dann unter? Die Astronomen sagen uns, dass in ein paar Milliarden Jahren die Sonne kollabiert – erst ein „roter Riese“, dann ein „weißer Zwerg“. Und Schluss.

Das dauert noch ein bisschen. Wahrschein­lich werden Sie näherliegende Untergangs-Szenarien eher beschäftigen: Treibhauseffekt, Hochrüstung, Überbevölkerung, Artensterben, Verknappung von Rohstoffen, Kriege, … Die Pessimisten resignieren, die Optimisten machen weiter wie gehabt, und diejenigen dazwischen versuchen, etwas zu ändern und Apfelbäumchen zu pflanzen.

Aber dann gibt es ja noch den ganz persönlichen Weltuntergang: Dann nämlich, wenn es auf einmal gar nicht mehr ist wie vorher. Wenn das, was bisher Ihr Lebens-Haus war, jetzt ein Trümmerhaufen ist. Der Beziehungs-Crash. Die gefürchtete Diagnose. Die Kündigung. Der plötzliche Todes-„Fall“. Bei manch einem reicht für den persönlichen Unter­gang die Pensio­nierung; der Börsen-Crash; das kränkende Wort. Die zugespitzte Form Ihres Weltuntergangs, das ist wohl: wenn Sie sterben müssen; Ihr eigener Tod.

Der Weltuntergang. Ein Damokles-Schwert. Und das Leben davor: ein Tanz auf dem Vulkan. Manch einer kann es gut ignorieren, verdrängen, ausblenden. Und doch geistert der Weltunter­gang hintergründig immer irgendwie herum. Da helfen auch keine Versicherungen und keine Vor­sichts­maßnahmen – letzten Endes.

Die begrenzten Untergänge aus der Bibel sind unseren eigenen Katastrophen ziemlich ähnlich. Denken Sie an Sodom und Gomorra, an den reichen Kornbauern oder an die Emmaus-Jünger nach der Katastrophe von Golgatha. Was aber die große, weite Welt angeht, da waren die Vor­stell­un­gen in der Bibel andere als heute.

Im Alten Testament ist vom Welt-Untergang selten die Rede. Im Neuen Testament umso mehr. Es gibt aber einen ganz krassen Unterschied zwischen den biblischen Szenarien und den heutigen: In der Bibel ist es am Ende ein Welt-AUF-Gang! Die Welt endet in einem „neuen Himmel und einer neuen Erde“. Nicht der Tod hat das letzte Wort, sondern das Leben!

Das gute Ende am Schluss, das haben Christen zu fast allen Zeiten mit etwas in Verbindung gebracht, um das es heute bei den meisten Christen merkwürdig still geworden ist: Christi Wiederkunft! – Christus lässt uns nicht allein, und am Ende macht er alles gut!

Und wann soll das sein? Da gibt es im Neuen Testament unterschiedliche Akzente. Auf der einen Seite: Das Ende steht kurz bevor: „Ich komme bald!“; „wie ein Dieb in der Nacht“; „wachet!“ Auf der anderen Seite: Nicht mal der „Sohn“, also Jesus selbst, weiß Tag und Stunde. Wieder für andere war die Hauptsache: Jesus ist jetzt schon durch seinen Geist unter den Christen! Wann er wiederkommt, das ist dann nicht mehr so wichtig.

Heute bekommen Sie es mit der wohl jüngsten Schrift im Neuen Testament zu tun, dem 2. Petrusbrief. Entstanden wohl um das Jahr 125. Jesus ist fast 100 Jahre nicht mehr sichtbar unter den Seinen. Und wiedergekommen ist er immer noch nicht. Tja, was soll man dazu sagen?

Eins aber sei euch nicht verborgen, ihr Lieben, dass “ein” Tag vor dem Herrn wie tausend Jahre ist und tausend Jahre wie ein Tag. Der Herr verzögert nicht die Verheißung, wie es einige für eine Verzögerung halten; sondern er hat Geduld mit euch und will nicht, dass jemand verloren werde, sondern dass jedermann zur Buße finde.

Aha, es geht um Gottes Geduld! Alle sollen die Gelegenheit haben, sich auf den großen Tag einzustellen. Das könnte noch ganz schön lange dauern: „Tausend Jahre – wie ein Tag“.

Aber gleich der nächste Satz klingt viel dringender:

Es wird aber des Herrn Tag kommen wie ein Dieb.

Dann: Der Weltuntergang, wie er drastischer kaum geschildert werden kann:

Dann werden die Himmel zergehen mit großem Krachen. Die Elemente aber werden vor Hitze schmelzen, und die Erde und die Werke, die darauf sind, werden ihr Urteil finden.

Nichts für ängstliche Leute. Aber der totale Untergang ist es nicht! Es bleibt etwas von dem Menschen, der ich geworden bin und als der ich jetzt dastehe:

Wenn nun das alles so zergehen wird, wie müsst ihr dann dastehen in heiligem Wandel und frommem Wesen, die ihr das Kommen des Tages Gottes erwartet und erstrebt, an dem die Himmel vom Feuer zergehen und die Elemente vor Hitze zerschmelzen werden.

Ich störe mich ja an dem „heiligen Wandel“ und dem „frommen Wesen“. Trotzdem: Wer vom Kommen Christi her lebt und „Komm, Herr Jesus!“ nicht nur vor dem Essen sagt, der lebt anders. Hoffentlich nicht super-heilig-krampfig, aber „erfüllter“. Mit Bereitschaft zu Abschieden – und mit Lust auf Neues.

Der Welt-Unter-Gang, er mündet in den Welt-Auf-Gang! So endet unser Bibel-Abschnitt:

Wir warten aber auf einen neuen Himmel und eine neue Erde nach seiner Verheißung, in denen Gerechtigkeit wohnt. (Alles: 2. Petrus 3, 8-13)

Seit damals sind wir knapp 1900 Jahre weiter. Haben Sie vor lauter Weltunter­gang aus der Tagesschau Gottes neue Welt noch im Blick? Ist es für Sie unter dem Schutt der Einschläge in Ihrem Leben glaubhaft, dass Gott es gut machen wird? Schwierige Fragen. Erst recht, wenn’s bei einem gerade „brennt“.

Und Christi Wiederkunft? Erst in soundsoviel tausend Jahren? Oder „wie ein Dieb in der Nacht“, vielleicht in ein paar Stunden? Oder gar nicht? Mir scheint: Der Gedanke, dass Christi Wieder­kunft vor der Tür steht, ist aus den großen Kirchen, aus vielen Köpfen und Herzen ausgewandert in kleine Grüppchen und Sekten.

Ich halte die Auswanderung der Wiederkunft Christi für falsch. Ich plädiere für das Wachen wie beim „Dieb in der Nacht“. Selbst wenn die Geschichte des Universums noch ein paar Milliarden Jahre gehen sollte. – Wieso? Weil Ihr „Jüngster Tag“, Ihre Begegnung mit Ihrem auferstandenen Erlöser, spätestens am Tag Ihres Todes stattfindet. Dieser Tag könnte noch lange hin sein, aber er könnte auch plötzlich an der Tür kratzen wie der nächtliche Dieb.

Jedes Geschöpf bewegt sich auf der Autobahn der Zeit vorwärts. Und jedes Geschöpf hat eine andere Ausfahrt, wo diese Reise endet. Aber so unter­schiedlich die Ausfahrten aus diesem Weg durch die Zeit verteilt sind: Es kommen alle am selben Ort an. Christi Wiederkunft. In diesem Licht darf ich meine Wegstrecke, mein Leben sehen.

Unser Bibeltext lehrt mich: Das Ende liegt in Gottes Hand. Und: Gott macht es gut, dieses Ziel! Und meine Wegstrecke bis dahin, sie ist Ausdruck von Gottes Geduld! Zeit ist Gnade! Meine Zeit steht in seinen Händen! Ich darf diese Zwischen-Zeit in meine Hände nehmen! Deswegen: Lassen Sie sich nicht lähmen von Ihrer Angst!

Unser Text hat zwei Einladungen für Sie. Die eine ist: Durch die Weltuntergangs-Szenarien hindurch auf den neuen Himmel und die neue Erde blicken! Nur wer sich nicht lähmen lässt, kann Apfelbäume pflanzen!

Die zweite Einladung: Ändern Sie Ihren Umgang mit Ihrem persönlichen Weltuntergang! Sollten Sie gerade so einen Trümmerhaufen Ihres bisherigen Lebenshauses vor sich haben, dann sind Sie wahrscheinlich schockiert, entsetzt, verzweifelt. Sie können jetzt darin verharren – zur Salzsäule erstarren wie Frau Lot. Oder aber: Sie könnten den einen oder anderen Stein aus diesem Trüm­mer­haufen in die Hand nehmen und gucken, was man damit bauen kann – aus einigen alten Steinen und dazu einigen neuen. Sie leben in der Zwischen-Zeit. Zeit der Geduld, Zeit der Gnade. Ihr Gestaltungs-Spielraum! Unser Text spricht von „Buße“, wörtlich: Sinnesänder­ung. Und nicht von Verbohrtheit. Er spricht von „heiligem Wandel“, nicht von „unheiliger Erstarr­ung“. Der neue Himmel und die neue Erde, das ist Gottes Verheißung. Und der heilige und heilende Wandel, das ist Ihre Aufgabe.

Gebet (aus EG 152):

Wir warten dein, o Gottes Sohn, und lieben dein Erscheinen. Wir wissen dich auf deinem Thron und nennen uns die Deinen. Wer an dich glaubt, erhebt sein Haupt und siehet dir entgegen; du kommst uns ja zum Segen!

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“Gott-hört” hört Gott. Andacht zum 15.11.2014

„Können Sie HÖREN?“ Sie würden wahrscheinlich „Ja“ sagen. Oder Sie sind hör-behindert. Vielleicht brauchen Sie technische Hilfsmittel. Oder Sie müssen sich auf die „sichtbare“ Verständigung verlegen. Oder auf das Geschriebene. Jedenfalls: In der Welt der Hörenden ist man mit einer Hör-Behinderung kaum „mitten drin“. Eher am Rande.
Oder Sie sind normal-hörend – und hören trotzdem nicht, weil Sie total in Gedanken sind. Sie hören und sehen nichts um sich herum, Ihre Konzentration ist ganz von Ihrem Grübeln eingenommen.
Oder Sie sind normal-hörend – und verstehen nichts, weil der Krach um Sie herum zu laut ist: Menschen, Autos, Rasenmäher, Radio, Handys, Züge, Hubschrauber, Fernseher. Sie können ja mal drauf achten: Wann und wo haben Sie eigentlich mal völlige Stille?
Krach ist nicht gleich Krach. Wenn Sie sich unterhalten, und Ihr Handy meldet eine schriftliche Nachricht für Sie, dann ist das nur ein leiser Ton. Aber Ihre Konzentration für Ihren Gesprächspartner ist trotzdem futsch.
Dann gibt es noch Menschen, zu denen Sie und ich selbstverständlich NICHT gehören, die hören nicht, weil sie dauernd reden. Vielleicht haben Sie auch manchmal so Telefonate, da sind die Wörter des Menschen am anderen Ende so viele und so dicht beieinander, eben pausenlos, da könnten Sie den Hörer locker eine Minute daneben legen, und weder Ihnen noch dem anderen würde etwas fehlen.
Und dabei ist das Hören (oder seine Ersatzformen) für Ihre Beziehungen zu anderen Menschen doch so super wichtig. Wenn es Ihnen nur um’s Reden ginge, völlig ohne Hör-Bereitschaft, Sie könnten alles der Parkuhr erzählen. Die hört sich das geduldig an, unter­bricht nicht, fragt nicht nach, widerspricht nicht und geht nicht weg. Reden, bis die Höchstparkdauer erreicht ist. Was mich betrifft: Ich brauche keine Parkuhr zum Reden und will auch keine sein. Beziehungen funktionieren anders. Mit „Hören“.
„Gott-hört“, das ist der Name eines Jungen in unserer Bibelgeschichte. „Gott-hört“ heißt auf Hebräisch: Smu’el, verdeutscht: Samuel. Aber auf Gott hören, und hinter dem Gehörten Gott erkennen, das muss er erst noch lernen, der Samuel.
Es hatte mit einem Gelübte seiner Mutter Hannah zu tun: Samuel ist schon als Kind Mitarbeiter im Heiligtum in Schilo geworden. Dort ist der alte Priester Eli sein Chef. In Schilo steht die „Bundeslade“, DAS Zeichen für Gottes Gegenwart. Die Bundeslade ist ein tragbares Heiligtum. Oben drauf, aus Flügeln von Engels-Wesen geformt, ein leerer Thron. Die Botschaft dahinter: Hier ist Gott!
Heiligtümer hin, Throne her: Das Glaubensleben war in jener Zeit trotzdem ziemlich auf den Hund gekommen. Das hatte auch mit dem Klerus zu tun, speziell: mit den beiden Söhnen des alten Priesters Eli. Die waren auch Priester, hatten aber weder Ehrfurcht vor Gott noch Respekt vor den Besuchern des Heiligtums. Sie waren nur auf ihren persönlichen Vorteil aus. – Und der alte Eli? Der hatte nicht die Kraft oder den Mumm, gegen seine Söhne vorzugehen.

Das Wort des HERRN war selten in jenen Tagen; Visionen gab es nicht häufig.

Zieht Gott sich da zurück? Lässt Gott kaum mehr von sich hören, lässt Gott sich oder etwas von sich nicht mehr oft sehen? Das wäre EINE Deutung.
Die ANDERE Deutung: Gottes Worte und Visionen sind selten – für die Leute jener Zeit. Weil sie taub und blind geworden sind. Taub für Gottes Wort, blind für seine Bilder. Das hieße dann: Der „Sender“ ist ok, die „Empfänger“ aber ausgeschaltet oder kaputt.
Für diese zweite Deutung sprechen folgende Sätze, wenn man mal zwischen den Zeilen liest:

Es geschah in jener Zeit, dass Eli an seinem Ort lag – seine Augen aber hatten angefangen, schwach zu werden, so dass er nicht mehr sehen konnte -, und die Lampe Gottes war noch nicht erloschen, und Samuel lag im Tempel des HERRN, wo die Lade Gottes war …

„Zwischen den Zeilen“ steht da: Gottes Licht brennt immer noch – aber Eli ist blind dafür geworden. Das Heiligtum ist immer noch „der Tempel des HERRN“ – aber Eli liegt „an seinem Ort“, also auf Abstand. Das ist Elis aktuelle „Lage“ – nach einem Leben im Dienste Gottes und mit all seinen Gottes-Erfahrungen. Vergangenheit eben.
Aber dann ist da ja noch Samuel. Er ist schon fast so etwas wie das Gegenteil von Eli: Nicht alt, sondern jung. Im Dienst für Gott neu. Und „Gottes-Erfahrung“ ist für ihn fremd, davon hat er keine Ahnung. Aber: Seine Augen sind nicht schwach, er sieht „die Lampe Gottes“. Und er liegt auch nicht „auf Abstand“, sondern „wo die Lade Gottes war“.
So, und nun ruft Gott. Nicht den alten Priester Eli, sondern Samuel, der in Sachen „Gott“ völlig grün hinter den Ohren ist, aber der dort, wo er ist, offenbar „richtig liegt“.

Da rief der HERR den Samuel. Und er antwortete: „Hier bin ich!“

Wenn Sie jetzt denken: „So, nun fängt ein gelingender Austausch zwischen Gott und Mensch an!“, dann irren Sie. Denn: Samuel hört zwar etwas, er weiß auch, dass er gemeint ist, aber er ordnet es falsch zu:

Und er lief zu Eli und sagte: „Hier bin ich! Du hast mich gerufen.“ Eli aber sagte: „Ich habe nicht gerufen. Leg dich wieder schlafen!“ Und Samuel ging hin und legte sich schlafen. Und der HERR rief noch einmal: „Samuel!“ Und Samuel stand auf und ging zu Eli und sagte: „Hier bin ich, denn du hast mich gerufen.“ Und er antwortete: „Ich habe nicht gerufen, mein Sohn. Leg dich wieder hin!“ Samuel aber hatte den HERRN noch nicht erkannt, und das Wort des HERRN war ihm noch nicht offenbart worden.

Es gibt da zwei mögliche Irrtümer:

  • Irrtum A: Das ist der Fehler, den Samuel, der Gott-Unerfahrene, hier begeht: Gott macht sich bemerkbar, aber Samuel kommt nicht auf die Idee, dass es Gott ist.
  • Irrtum B: Das ist der Fehler, der eher den „Glaubenserfahrenen“ passiert: Gott macht sich NICHT bemerkbar, aber der „Gläubige“ deutet alles Mögliche als ein „Zeichen“ oder als eine „Botschaft“ Gottes.

Und der HERR rief wieder, zum dritten Mal: „Samuel!“ Und er stand auf, ging zu Eli und sagte: „Hier bin ich! Denn du hast mich gerufen.“ Da merkte Eli, dass der HERR den Jungen rief. Und Eli sagte zu Samuel: „Geh hin, leg dich schlafen! Und so soll es sein, wenn er dich ruft, antworte: Rede, HERR, denn dein Knecht hört!“ Und Samuel ging hin und legte sich an seinen Ort.
Und der HERR kam und trat herzu und rief wie vorher: „Samuel, Samuel!“ Und Samuel antwortete: „Rede, denn dein Knecht hört!“ (Alles aus 1. Samuel 3)

Ausgerechnet Eli gibt hier den entscheidenden Hinweis. Der, dessen eigene Gottesbeziehung nicht gerade mehr die Lebendigste ist, der „auf Abstand“ ist mit seinem abgeklärten, ermüdeten Glauben. – Vielleicht hätte Eli längst in Rente gehen sollen, den professionellen Glauben hinter sich lassen, damit der persönliche Glaube wieder Licht und Luft bekommt. Jedoch: Es ist doch noch eine Ahnung davon da, wie das ist, wenn man sich von Gott angesprochen weiß. Aber genauso notwendig: Gottes Beharrlichkeit. Wieder und wieder. Und immer persönlicher: Zuerst „ruft“ Gott nur. Dann „Samuel!“ Schließlich „Samuel, Samuel!“
„Rede, denn Dein Knecht hört!“ DAS ist die Stelle, wo aus Gottes ungehörtem oder falsch eingeordnetem Monolog ein Dialog wird.
„Rede, denn Dein Knecht hört!“, das scheint mir auch eine gute Quintessenz für Sie und mich zu sein: Wir können Gott nicht zum Reden zwingen. Aber wir können – vielleicht – aus unserer lauten Umwelt oder der lauten Innen-Welt unserer Gedanken und manchmal tosenden Gefühle heraustreten – in die Stille. Und dann Gott bitten: „Rede, denn Dein Knecht hört!“

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Jesus “sieht”. Andacht zum 7.11.2014

Die Aufregung um Jesus spitzt sich zu. Jetzt ist er in Jerusalem. Ausgerechnet kurz vor dem Passafest, wo die Stadt voller Pilger ist und das römische Militär verstärkte Präsenz zeigt. Gleich bei seiner Ankunft hat Jesus die Händler aus dem Tempel gejagt und damit einen Skandal provoziert. Und nun liefert er sich am Tempel Streitgespräche mit seinen Gegnern aus den religiös tonangebenden Kreisen. Die Römer sind bestimmt auch schon auf ihn aufmerksam geworden, halten sich aber zurück. Noch.
Und dazwischen: Eine Szene gänzlich ohne Schlagabtausch. Jesus als genauer Beobachter. Er und seine Jünger sitzen in der Nähe des Tempeleingangs. Jesus beobachtet das Herein und Heraus, schaut genau hin, tut nichts, sagt wenig.

Jesus blickte auf und sah, wie reiche Leute ihre Geldspenden in den Opferkasten warfen. 

Na klar, reiche Leute fallen auf. Längst nicht alle, aber die hier. Man sieht es an ihrer Kleidung. An ihrem Schreiten. An den neugierigen Mensch um sie herum. Vielleicht haben diese Reichen auch Gesichter, die jeder kennt. Und dann diese generöse Spendengeste. Langsam und bedächtig. Wie Politiker bei der Stimm-Abgabe vor laufenden Kameras. Die Begleitmusik: Das Klimpern im Opferkasten (Scheine gibt es noch nicht).
Jesus sieht diese Leute, und fast alle anderen sehen sie auch.

Er sah auch eine arme Witwe, die steckte zwei kleine Kupfermünzen hinein. 

Jesus „sieht“. Die arme Witwe nämlich. Und jetzt nicht: „Na klar!“ Denn arme Leute fallen NICHT auf. Meistens jedenfalls nicht. Armut inszeniert sich allenfalls beim Betteln – notgedrungen. Aber sonst? Unscheinbare Frau, gebeugter Rücken, die typische Witwenklei­dung, still. Unauffällig, verhuscht. Keiner sieht das.
Außer, wer selbst betroffen ist. Als ich dieses Jahr im Juli mit Familie und Bekannten in Taizé war, hatte ich heftige Rückenschmerzen. In dieser Zeit war mir das Gehen erschwert, ich lief anders, teils an Krücken. Das hat mir die Augen geöffnet: Ich „sah“ plötzlich unter den vielen Menschen dort diejenigen, die „anders“ gingen, mit oder ohne Hilfsmittel. Und ich „sah“, was für einen oft unglaublichen Aufwand manche Leute auf sich nahmen, um an dem Programm teilzunehmen, zu dem andere „einfach hingingen“.
Keiner sieht die Witwe. Keiner sieht die Armut. Außer den anderen Armen. Und eben: Jesus. Jesus sieht die Reichen, Jesus sieht die Armen. Und er vergleicht. Was kann man da vergleichen? Die Reichen kommen in der Mehrzahl, die Arme kommt allein. Oder die Kleidung. Oder das Auftreten. Oder, oder. Aber Jesus beschäftigt sich mit einem anderen Vergleich, anscheinend ganz materiell ausgerichtet. Die Frage: „Wer spendet mehr?“

Da sagte er: »Ich versichere euch: Diese arme Witwe hat mehr gegeben als alle anderen. Die haben alle nur etwas von ihrem Überfluss abgegeben. Sie aber hat alles hergegeben, was sie selbst dringend zum Leben gebraucht hätte.« (Lk 21,1-4)

Also: Was „mehr“ ist, bemisst sich nicht in Euro und Cent! Sondern an den Möglichkeiten dessen, der gibt. Die Reichen haben von ihrem Überfluss gegeben, deswegen ist es nicht viel. Die Witwe hat es sozusagen „vom Lebendigen“ gegeben, und das ist „alles“.
Jesus stellt das einfach fest. Er moralisiert nicht. Er formuliert keine Spendenappelle. Er stellt die Witwe nicht als Vorbild hin. Ist sie in meinen Augen auch nicht so ganz. Ihre Haltung: Klasse, keine Frage. Aber ob das sinnvoll ist, heute das Letzte zu geben – und morgen selbst auf Spenden angewiesen zu sein? Fest steht: Als arme Witwe wäre sie nicht verpflichtet gewesen, einen finanziellen Beitrag zum Haushalt des Tempels zu leisten. Sie tut es freiwillig. Es ist ihr ein Herzensanliegen. Dafür: Hut ab!
Jesus beobachtet – und wertet nicht. Er lobt die Witwe nicht in den Himmel, er sagt nicht, dass die Reichen es schlecht machen. Nein, nur „mehr“ oder „weniger“, das definiert er neu.
Wer selbst betroffen ist, „sieht“ auch diejenigen, die sonst keiner sieht. – Ist Jesus arm? Materiell gesehen: Ja. Aber es gibt noch eine viel tiefere Gemeinsamkeit mit dieser Witwe. Denn was gibt die Witwe? Den „ganzen Lebensunterhalt“, heißt es in gleich mehreren Übersetzungen. Aber was da im griechischen Original steht, „Bios“, heißt nicht nur „Lebensunterhalt“, sondern erstmal schlicht „Leben“. Die Frau gibt ihr ganzes Leben! Keine halbe Woche später ist es Jesus selbst, der sein Leben gibt: Er wird an einem römischen Kreuz hingerichtet …
Was können Sie aus dieser Geschichte mitnehmen? Ich mache Ihnen folgende Vorschläge:

Mehr oder weniger? Es kann sein, dass Sie sich an bestimmten Stellen für andere oder für eine gute Sache einbringen. Sie geben etwas von Ihrer Zeit, Ihrer Phantasie, Ihrer Liebe, Ihrem Geld, Ihren Nerven, Ihrer Kraft … Und Sie haben wahrscheinlich eine Meinung darüber, ob Sie sich da „viel“ oder „wenig“ einbringen. Hätte man in unserer Geschichte die Reichen gefragt, sie hätten wohl gesagt, dass sie großzügig geben. Hätte man die Witwe gefragt, sie hätte ihren Beitrag für gering gehalten. Das ist heute ähnlich: Die einen neigen dazu, ihre Beiträge chronisch zu überschätzen, und die anderen dazu, ihren Beitrag zu unterschätzen. Diese Geschichte soll Sie dazu ermutigen, das, was Sie einbringen, in anderem Licht zu sehen, mit Jesu Augen. Und daraus Schlussfolgerungen zu ziehen. Für die einen: „Es dürfte ruhig mehr sein!“ Für andere: „Es ist genug!“ Für wieder andere: „Ich sollte mir selbst mehr lassen, besser auf mich achten!“

Die eigene Armut erkennen! Das gilt für Sie, wenn sie dazu neigen, all das, was Sie sind und haben und können, vor sich selbst und vor anderen herzutragen. Wenn Sie blind für Ihre Armut – Ihren Mangel, Ihre ungestillten Bedürfnisse, Ihre Schwächen – bleiben, zahlen Sie einen hohen Preis: Wer in der Wüste konsequent und erfolgreich seinen Durst ausblendet, wird verdursten. Die eigene Armut erkennen! – Das gilt aber ebenso für Sie, wenn Sie vor allem im Modus des Klagens und Jammerns den Kontakt zu Ihren Mitmenschen pflegen, also Ihre Armut vor sich her tragen. Es könnte sein: Ihre Armut liegt ganz woanders als da, wo Sie bisher immer meinten.

Die Armut des anderen erkennen! Denn das ist die Voraussetzung für Solidarität. Die Reichen und Schönen bekommen auch so schon genug Aufmerksamkeit, da ist Ihre nicht so schrecklich nötig. Für die Unbeachteten aber schon …Die eigene Armut erkennen – die des anderen erkennen, das kann sich gegenseitig begünstigen: Meine Rückenschmerzen in Taizé haben mir die Augen für die Gehbehinderungen anderer geöffnet. Und umgekehrt: Der Mangel anderer kann mich in Berührung mit meinem – vielleicht ganz anders gelagerten – eigenen Mangel bringen. Klar: der Mangel anderer KANN mich auch von meinem Mangel ablenken. Aber das soll er nicht. Es wäre gut, sich UND die anderen besser zu erkennen.

Ursprünglich wollte ich hier einen letzten Punkt anfügen anfügen. Aber dieser letzte Punkt umfasst all die Punkte vorher mit dem Anders-Sehen, er ist in unserer Geschichte die Grundlage. Deswegen hier ausgerückt:
Auf Jesus sehen! Denn Jesus ist es, der in unserer Geschichte seinen Jüngern die Augen öffnet. Der sie etwas sehen lässt, was sie nicht von allein gesehen hätten. Jesus ist es, der mich in meinen „Armut“ erkennt und liebt, viel besser als ich selbst. Und Jesus ist es, der sein „ganzes Leben“ gibt und meinen Tod stirbt. Damit ich lebe.

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Jahresdienstgespräch. Andacht zum 31.10.2014

„Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen!“, sagt Helmut Schmidt – und macht es sich zu einfach. Der Seher Johannes auf der Insel Patmos hat Visionen in schwerer Zeit. Wir befinden uns so um das Jahr 90. In weiten Teilen des Römischen Reiches ist der Kaiserkult eingeführt worden. Der Kaiser ist jetzt eine Gottheit und muss kultisch verehrt werden. So eine Art Nagelprobe, wie es um die Staatstreue seiner Bürger bestellt ist.
Für die christlichen Gemeinden ist das eine doppelte Bedrohung: Von außen, denn wer nicht mitmacht, riskiert sein Leben. Die ersten Märtyrer hat es schon gegeben. Oder aber von innen, denn wer mitmacht, höhlt seine Treue zu Gott aus. Schärfer gesagt: Der verrät seinen Glauben, seinen Gott und irgendwie auch seine Mitchristen. Die ganze Offenbarung mit ihren teils schlimmen Visionen ist eigentlich ein einziger Appell, Gott und dem eigenen christlichen Glauben treu zu bleiben, nicht dem Staat und dem Kaiser.
Vor den großen Visionen stehen am Anfang der Offenbarung die „kleine“ Visionen: Christus erscheint Johannes – und hat „Sendschreiben“ für sieben christliche Gemeinden in „Kleinasien“, heute Türkei. Inhalt der Sendschreiben: Hauptsächlich „Rückmeldungen“: Mal scharfe Kritik, mal großes Lob, mal teils-teils.
Mich erinnert das an ein „Jahresdienstgespräch“. Vielleicht kennen Sie Jahresdienstgespräche. Die gibt es oft in Firmen, Behörden und überhaupt in der Arbeitswelt. Der Untergebene trifft sich mit seinem Chef. Man guckt gemeinsam, was beide miteinander vor einem Jahr besprochen und notiert hat. – Wie ist es seitdem gelaufen? Welche Erfolge, Misserfolge, Schwierigkeiten gab und gibt es? Und dann: die „Zielverein­barung“: Es wird notiert, was alles verbessert, gesteigert, geändert werden soll. Denn schließlich: Auch wer gut ist, kann doch noch besser werden. – Oder etwas nicht?!
So, und nun ein kleiner Auszug aus dem „Jahresdienstgespräch“, dem Sendschreiben an die Gemeinde in Philadelphia. Es fängt an mit der Rückmeldung:

Ich kenne deine Werke. Siehe, ich habe eine geöffnete Tür vor dir gegeben, die nie­mand schließen kann; denn du hast eine kleine Kraft …

„Kleine Kraft“, das hört kaum ein Untergebener gern von seinem Chef. Stark sein ist angesagt! Aber hier ist das wohl ein bisschen anders: Die Sache mit der offenen Tür, das bedeutet doch: Christus selbst als „der Chef“ hat seinen Leuten in Philadelphia etwas eröffnet, einen Zugang verschafft. Einen Zugang wozu? Das bleibt hier so offen wie die Tür. Lebens-Möglichkeiten vielleicht, trotz Angst und Bedrohung? Oder eine große Zukunft – obwohl andere einem ans Leben wollen? Vielleicht gar Missions-Möglichkeiten? Andere zum Glauben einladen?
Und wenn diese Tür niemand schließen kann, dann bedeutet das doch: Es hängt NICHT an der kleinen Kraft und ihren Grenzen. Sondern daran, dass der Chef, Christus selbst, diese Tür geöffnet hat. Dahinter kann keine kleine Kraft der verfolgten Christen und kein römischer Gott-Kaiser zurück.
Also: „Kleine Kraft“ ist ok! Vielleicht: Richtig gut! So positiv geht die Rückmeldung weiter:

… und hast mein Wort bewahrt und hast meinen Namen nicht verleugnet.

Positiv – und doch so anders als das Lob eines „typischen Chefs“: keine verbesserten Zahlen, keine neuen Projekte, keine Erfolge. Nein, worauf es DIESEM Chef ankommt, das ist schnell gesagt. Dabei klingt es ziemlich „passiv“. Keine großen Aktionen, sondern Treue! – „… mein Wort bewahrt“; „meinen Namen nicht verleugnet“. Punkt. Mehr eine Haltung, jedenfalls kein emsiges Tun, keine Betriebsamkeit, keine besseren Zahlen.
Und dann etwas später:

(…) Weil du das Wort vom Harren auf mich bewahrt hast, werde auch ich dich bewahren vor der Stunde der Versuchung, die über den ganzen Erdkreis kommen wird (…)
Ich komme bald. Halte fest, was du hast, damit niemand deinen Siegeskranz nehme! (aus: Offenbarung 3, 7-11)

Mir kommt es hier besonders auf dieses „Halte fest, was Du hast!“ an. Das ist wichtig für den „Siegeskranz“. Den gibt es bei antiken Sport-Wettkämpfen, so wie heute bei den olympischen Spielen die Goldmedaille für den Allerbesten.
Und jetzt ein Detail: Die Philadelphia-Gemeinde soll NICHT den Siegeskranz bekommen! – Wieso nicht? Weil sie ihn schon HAT! Nur weil sie ihn schon hat, soll ihr den nun auch keiner nehmen!
Das ist krass: Ein Grüppchen von Christinnen und Christen, an Leib und Leben bedroht, mit kleiner Kraft, soll sich als Sieger fühlen! Wie der Athlet, der als Erster durch’s Ziel läuft, der es geschafft hat, der geschafft ist und doch von Herzen jubeln kann! Christus an seiner Seite zu wissen, das scheint schwachen Leuten ein kräftiges Trotzdem-Siegesgefühl geben zu können! Und an diesem Christus festzuhalten, das bedeutet dann auch: Meinen Siegeskranz kann mir keiner nehmen! Er ist ja an meiner Seite!
Noch etwas: Den normalen Siegeskranz kann immer nur einer bekommen – der Schnellste, Höchste, Beste. Die anderen gehen leer aus. Das ist mit dem Christus-Siegeskranz völlig anders. Außerdem: Hier bekommt diesen Christus-Siegeskranz nicht die schnellste, höchste, beste, aktivste, gläubigste, tapferste und überhaupt tollste Gemeinde zugesprochen, sondern ein schwaches Häufchen – in seiner Treue zu Christus und seinem Wort.
Ich meine: Was für dieses schwache Christen-Häufchen gilt, das gilt auch für Sie und mich als Einzel-Personen: Sie werden das mit der „kleinen Kraft“ kennen. Und wenn nicht, dann steht Ihnen diese Erfahrung noch bevor. – Kleiner, als Sie sie unbedingt zu brauchen meinen. Und da wäre es dann Christus, der Ihnen sagt: „Es ist gut so! Es ist genug! Hör auf damit, dass es immer und immer besser sein muss! Sondern: Halte, was Du hast! – Deine Treue zu mir! Und was für eine Figur auch immer Du nach außen oder innen abgibst: Du trägst meinen Siegeskranz, Du darfst als Sieger leben. Das lass Dir nicht nehmen!“

Gebet:
Christus, so schnell bin ich dabei, mir selbst einzureden, dass es nicht reicht. Dass es nicht genug ist. Dass ICH nicht genüge. Danke, dass Du etwas anderes, wirklich Gutes für mich hast! Dazu hilf mir, Deinem Wort treu zu bleiben und mich darauf zu verlassen! Amen.

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Das Unkraut darf wachsen. Andacht zum 24.10.2014

Jesus erzählte ihnen noch ein anderes Gleichnis …

Jesus erzählt gern GESCHICHTEN. Oft noch nicht mal richtige Geschichten mit Anfang und Ende, sondern kurze Episoden. Aus dem Alltagsleben seiner Zuhörer. Es geht oft um’s Säen und Ernten, um’s Brotbacken, um’s Pflügen, um’s Geld-Verbummeln und –Wiederfinden und so weiter. Alltägliche Geschichten.

Vorgänge, „Bilder“. Sie werden durchlässig, transparent. Etwas anderes wird durch sie hindurch sichtbar. Sie lassen etwas von Gott aufscheinen. Und: Sie lassen etwas von Jesu Zuhörern durchblicken. Sie sollen sich ja selbst darin wiederfinden. Also: Gott ent-decken, sich selbst ent-decken. Gotteserkenntnis, Selbsterkenntnis. Und heute fängt Jesu Geschichte so an:

Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Mann, der guten Samen auf seinen Acker säte.

Von diesem Anfang her könnte die Geschichte richtig gut enden: Die ausdrücklich „gute“ Saat lässt auf eine „gute“ Ernte ein paar Monate später hoffen.

Aber nein! Es gibt Komplikationen. Schließlich kann „auch der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt“:

Während nun die Leute schliefen, kam sein Feind, säte Unkraut unter den Weizen und ging wieder weg.

Niemand hat ihn gesehen, den Feind mit seinem Unkraut-Anschlag. Schließlich schliefen ja alle. Man kann sich ja auch nicht jede Nacht auf die Lauer legen.

Und am nächsten Morgen ist? Nichts! Nichts jedenfalls, was man sehen könnte. Alles scheint gut und in Ordnung zu sein mit dem Feld. Alles gut! Aber manchmal trügt der Schein. Erst eine Weile später wird für jeden erkennbar: Da stimmt etwas nicht!

Als die Saat aufging und sich die Ähren bildeten, kam auch das Unkraut zum Vorschein. Da gingen die Knechte zu dem Gutsherrn und sagten: Herr, hast du nicht guten Samen auf deinen Acker gesät? Woher kommt dann das Unkraut? Er antwortete: Das hat ein Feind von mir getan.

Und nun? Jetzt muss eine schnelle Lösung her, damit wieder alles in Ordnung ist. Die Knechte haben auch gleich eine Idee:

Da sagten die Knechte zu ihm: Sollen wir gehen und es ausreißen?

Unkraut jäten, weg mit dem Zeugs! Am besten sofort! Dann ist das Feld endlich sauber und in Schuss!

Aber ein Glück: Was die Knechte NICHT tun, ist: Sofort losstürmen in vorauseilendem Gehorsam alles blitzeblank machen. Nein, sie FRAGEN ihren Chef. So viel Zeit muss sein. Und der Chef, er hat eine ganz andere Meinung:

Er entgegnete: Nein, sonst reißt ihr zusammen mit dem Unkraut auch den Weizen aus. Lasst beides wachsen bis zur Ernte! Wenn dann die Zeit der Ernte da ist, werde ich den Arbeitern sagen: Sammelt zuerst das Unkraut und bindet es in Bündel, um es zu verbrennen; den Weizen aber bringt in meine Scheune. (alles: Matthäus 13, 24-30)

Kurz und knapp: Das „Schlechte“ mit Stumpf und Stil beseitigen wollen, das würde bedeuten: auch den Weizen zertrampeln und vernichten! Wer es besonders gut meint, riskiert, es besonders schlecht zu machen. Das Unkraut aussortieren, das hebt der Bauer sich für später auf. Für JETZT hat er nur eine einzige Aufforderung an seine Bediensteten: „Lasst beides wachsen!“

Ein Gleichnis über das „Himmelreich“, hier: über das „Himmelreich“ – im Wachsen begriffen. Noch vor der Vollendung, noch vor dem „Jüngsten Tag“. „Himmelreich“ bedeutet da: Vorsicht mit schnellen Lösungen! Vorsicht mit radikalen Lösungen! Vorsicht mit Lösungen, die glasklar die Spreu vom Weizen trennen! Vorsicht mit eindeutigen Zuordnungen von „gut“ und „böse“ und dem Wunsch, das Böse mit Stumpf und Stil zu beseitigen! Vorsicht mit Aktionismus, ohne vorher den „Gutsherrn“ zu fragen!

Vorsicht!“ – Das ist die Botschaft an mich. Und vielleicht auch an Sie. Speziell wenn mir der Kragen zu platzen droht und der Geduldsfaden (der den Kragen zusammenhält) zu reißen scheint. Und wenn ich das viele Unkraut einfach nicht mehr sehen kann.

Ich rede gar nicht von diesen riesigen globalen Problemen. Auch nicht von dem, was in der „Gesellschaft“ schief läuft. Eher schon von dem, was mir an meinen unmittelbaren Mitmenschen aufstößt und nicht passt. Oder speziell unter Christen: Was für schwierige Typen sich in der Kirchengemeinde mit tummeln und so vieles kaputt machen oder verhindern.

Oder – und da wird es jetzt für Sie und mich noch persönlicher: Das „Unkraut“ im eigenen Leben! Das, was mir an mir selbst überhaupt nicht passt. Diese ganzen Unzulänglichkeiten, wiederkehrenden Fehler, was ich alles regelmäßig verderbe – oder jedenfalls oft. Auch da gibt es Manchen mit der Neigung zur Radikalität: Sich selbst verurteilen, sich selbst bestrafen, kein gutes Haar an sich lassen! – Aber diese Kammerjäger-Mentalität gegen sich selbst oder gegen andere, das ist nicht der Geist Christi. Jesus sieht nicht dezent über das Unkraut hinweg. Er redet es auch nicht schön – im Sinne von nett anzusehen oder ökologischer Vielfalt. Trotzdem darf es mit wachsen. Um des Weizens willen. Denn der ist ja schließlich auch noch da, selbst wenn Sie davon gar nichts zu sehen vermögen. Nicht bei den anderen, nicht bei sich selbst.

Rigorismus zerstört. Perfektionismus zertrampelt. Es ist nicht mein Job, den „Jüngsten Tag“ vorwegzunehmen. „Vorsicht!“, sagt Jesus. Aber wie? Wie kann ich mich vor meinem eigenen Rigorismus schützen, vor meiner Ungeduld, meiner Impulsivität, meinem allzu simplen Weltbild?

Dazu gäbe es viele gute Antworten. Sie könnten geduldige, nachsichtige, liebevolle Menschen nach solchen Antworten fragen. HIER möchte ich eine Antwort herausgreifen – eine aus unserm Gleichnis:

Da sagten die Knechte zu ihm: Sollen wir gehen und es ausreißen? Er entgegnete: Nein, sonst reißt ihr zusammen mit dem Unkraut auch den Weizen aus. Lasst beides wachsen bis zur Ernte!

Frage und Antwort. Wer – wie die Knechte – FRAGT, ist nicht mehr den eigenen schnellen Antworten ausgeliefert. Wer FRAGT, hat Zweifel daran, dass „alles klar“ ist. Wer FRAGT, baut eine Verzögerung, eine Denk-Pause ein.

Und weil die Knechte hier den GUTSHERRN fragen, meine ich: Es geht um’s GEBET. „Sollen wir gehen und es ausreißen?“ Unsere „Beter“ haben einen ganz konkreten Impuls. Aber sie fragen nach. Und dann kann es passieren, dass sie – und Sie! – erleben: Es ist gerade etwas ganz anderes zu tun dran. Oder: Eben GAR NICHTS zu tun. Und alles erstmal wachsen zu lassen.

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Ruth III: Frauengeschichten. Andacht zum 17.10.2014

Sie haben es die letzte Woche schon geahnt: Zwischen Ruth und Boas entspinnen sich – mit Unterstützung von Schwiegermama Noomi – zarte Liebesbande.
Die schönsten Szenen unterschlage ich Ihnen: Erstens eine romantische nächtliche Fast-schon-Verführung auf der Tenne des Boas. Alles vorher zwischen Ruth und ihrer Schwiegermutter abgesprochen. Zweitens unterschlage ich Ihnen die entscheidende Verhandlung unter den Ältesten von Bethlehem im Tor der Stadt, denn Boas bekommt seine Ruth nicht einfach so, da muss erst Rechtliches geklärt werden.
Wir beginnen heute direkt beim Happy End. Denn am Ende, da kriegen sich Boas und Ruth:

So nahm Boas die Ruth, dass sie seine Frau wurde.

Und nun die einzige Stelle im Buch Ruth, wo die Beteiligten nicht nur etwas über Gott sagen, sondern wo Gott selbst ausdrücklich etwas tut. Wobei: „tut“ ist schon etwas übertrieben. Gott „gibt“, dass etwas passiert:

Und als Boas zu Ruth einging, gab ihr der HERR, dass sie schwanger ward, und sie gebar einen Sohn.

Gott ist gegenwärtig: Vorher, fast noch zu Beginn der Geschichte, in der Klage und in den Vorwürfen von Schwiermutter Noomi, die so viel verloren hatte.
Gott ist gegenwärtig: In den Segenswünschen des Boas für die Migrantin Ruth und in dem, was Boas dann für sie tut.
Gott ist gegenwärtig: Ganz ohne extra „Wunder“ in den natürlichen und wunderbaren Vorgängen von Sexualität, Zeugung, Schwangerschaft, Geburt.
Und nun ist Gott gegenwärtig im Lob der Frauen Bethlehems, die sich mit Noomi freuen:

Da sprachen die Frauen zu Noomi: Gelobt sei der HERR, der dir zu dieser Zeit einen Löser nicht versagt hat! Dessen Name werde gerühmt in Israel! Der wird dich erquicken und dein Alter versorgen. Denn deine Schwiegertochter, die dich geliebt hat, hat ihn geboren, die dir mehr wert ist als sieben Söhne.
Und Noomi nahm das Kind und legte es auf ihren Schoß und ward seine Wärterin. Und ihre Nachbarinnen gaben ihm einen Namen und sprachen: Noomi ist ein Sohn geboren; und sie nannten ihn Obed.

Eigentlich ist hier Schluss, es gibt gleich nur noch einen Anhang. In dieser Schluss-Szene wird wieder deutlich: Das ganze Buch Ruth ist eine Frauen-Geschichte. Außer Boas sind alle Männer nur Statisten, deren Namen Sie schnell wieder vergessen dürfen.
Aber Ruth, die Namensgeberin des Buches! Sie entscheidet sich für ein Leben in der Fremde an der Seite ihrer Schwiegermutter. Ihre Beziehung zueinander und ihre gemeinsamen Absprachen haben eine ganz andere Qualität als die Beziehung Boas-Ruth, die erst eine liebevoll-helfende, dann eine erotische ist.
Aber Orpa, die andere Schwiegertochter Noomis! Sie entscheidet sich nach langem Ringen für einen anderen Weg, den Weg zurück, und auch der ist völlig ok. Jedenfalls: Sie entscheidet sich!
Aber die Nachbarinnen in Bethlehem und die anderen Frauen dort! Sie waren schon da, als Noomi nach langer Zeit zurück kam, sie hörten sich ihre Klage an. Und nun übernehmen sie es, Gott zu loben und die Wende im Leben der Noomi zu preisen.
Aber vor allem: Noomi selbst! Eigentlich hätte es nicht „das Buch Ruth“, sondern „das Buch Noomi“ heißen müssen. Sie ist es, die durch ihren Rat entscheidende Dinge anstößt. Vor allem ist sie ein Beispiel dafür, wie einem im Leben so ziemlich alles zerbrechen kann – so viel, das kein Spalt mehr bleibt, durch den Hoffnung dringt. Und wie sie trotzdem sich und ihre Ruth nicht aufgibt. Und sie ist ein Beispiel, wie Gott handeln kann. Unspektakulär – ohne große Worte, große Taten, Wunder. Aber so, dass es am Ende gut wird. Und so, dass die Leute, die es miterleben, Gott loben.

Gerade dieser letzte Punkt, der soll Ihnen Mut machen: Dass auch jemand, der sich völlig am Ende sieht und dem nur Verzweiflung bleibt, nicht ohne Gott ist. Und dass es am Ende gut wird. Davon dürfen sich auch die Statisten ansprechen lassen, liebe Männer!

Und nun der Kernsatz vom Nachspann – der uns den Horizont der Geschichte noch mal ganz kräftig weitet:

(Obed) ist der Vater Isais, welcher Davids Vater ist.

Aha! Plötzlich ist es nicht mehr „nur“ eine Not- und Liebesgeschichte mit Happy End, sondern wir landen in der Weltgeschichte! König David – DER große König Israels!
Später, nach David, haben sich immer wieder Hoffnungen geregt: Ein Retter sollte kommen, von Gott gesandt. Er sollte sein wie David und er sollte aus seiner Nachkommenschaft sein. Der „Gesalbte“, gesalbt wie ein König, der „Messias“.
Christen sagen: Jesus ist dieser Gesalbte, das Wort „Christus“ bedeutet genau das: „Gesalbter“. Einer der beiden Stammbäume Jesu im Neuen Testament steht bei Matthäus. Er erwähnt in der Ahnenreihe meistens nur die Väter und nur selten die Mütter. Klar, David und sein Urgroßvater Boas kommen darin vor.
Und eben namentlich: Ruth. Witwe eines Armutsflüchtlings. Mit Migrationshintergrund. Anfangs wohl mit Problemen mit der Sprache und der Kultur, mit der fremden Religion und den Menschen. Eine, die sich das Essen buchstäblich zusammensuchen musste. Es scheint so, dass Gott ein besonderes Herz für diejenigen hat, die gesellschaftlich nicht viel gelten.
Sie gelten gesellschaftlich auch nicht so viel? – Dann soll Sie das trösten! Gott sieht Sie! Und Gott sieht Sie mit anderen Augen als „die Mehrheitsgesellschaft“!
Oder: Sie sind eigentlich ganz gut integriert in die Mehrheitsgesellschaft? Dann sind Sie aufgefordert, Ihre Mitmenschen „am Rand“ der Gesellschaft gegen den Trend mit GOTTES Augen zu sehen: So, wie Gott Ruth gesehen hat.

Gebet:
Gott, wenn ich am Ende bin, dann lass mich glauben: Für Dich ist es ein Anfang. Wenn ich völlig fertig bin, dann lass mich glauben: Du bist noch lange nicht mit mir fertig – sondern: Du wirst mich vollenden! Amen.

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Ruth, Teil II: Mit Gott auf dem Feld. Andacht zum 10.10.2014

Mit zwei ungleichen Frauen endete letzte Woche der erste Teil der Ruth-Geschichte: Die eine, die Ausländerin Ruth, begleitet ihre Schwiegermutter in das für sie völlig fremde Bethlehem. Wegen ihrer Schwiegermutter mutet sie sich das Fremde zu, auch den fremden Gott Israels. Sie steht am Anfang dieses Glaubens. Die andere ist diese Schwiegermutter. Noomi heißt sie. Sie steht anscheinend am Ende ihres Glaubensweges: Gott hat es gemacht, dass sie von den Trümmern ihres Lebens steht. So sieht sie es, so beklagt sie es. Öffentlich.
Wegen des fehlenden Brotes war Noomi damals mit ihrem Mann und ihren Söhnen aufgebrochen nach Moab. Wegen des wieder vorhandenen Brotes ist sie nun zurückgekehrt, diesmal nur noch mit ihrer Schwiegertochter. Mit der Suche nach Brot geht es weiter:

Eines Tages sagte die Moabiterin Ruth zu ihrer Schwiegermutter: »Ich will hinausgehen und Ähren sammeln, die auf dem Feld liegen geblieben sind. Ich finde schon jemand, der freundlich zu mir ist und es mir erlaubt.« »Geh nur, meine Tochter!«, sagte Noomi. 
Ruth kam zu einem Feld und sammelte Ähren hinter den Männern und Frauen her, die dort das Getreide schnitten und die Garben banden und wegtrugen.

Was Ruth nicht weiß: Sie ist auf das Feld von Boas geraten, einem Verwandten ihres verstor­benen Schwiegervaters. Im Laufe des Tages kommt dieser Boas selbst zum Feld – und erkundigt sich bei seinen Mitarbeitern nach der fremden Frau. Er erfährt: Es ist die Moabiterin, die die alte Noomi mitgebracht hat. Nun spricht Boas Ruth direkt an:

»Hör auf meinen Rat! Geh nicht auf ein anderes Feld, um dort Ähren zu sammeln. Bleib hier und halte dich zu meinen Knechten und Mägden. Geh hier auf dem Feld hinter ihnen her. Ich habe meinen Leuten befohlen, dich nicht zu hindern. Und wenn du Durst hast, geh zu den Krügen und trink von dem Wasser, das meine Leute sich dort schöpfen.«
Ruth warf sich vor ihm zu Boden und fragte: »Wie kommt es, dass du so freundlich zu mir bist? Ich bin doch eine Fremde.« Boas antwortete: »Ich weiß, was du seit dem Tod deines Mannes für deine Schwiegermutter getan hast. es wurde mir alles erzählt. Du hast deinen Vater und deine Mutter und deine Heimat verlassen und bist mit ihr zu einem Volk gegangen, das du vorher nicht kanntest. Der Herr vergelte dir, was du getan hast, und belohne dich reich dafür – der Gott Israels, zu dem du gekommen bist, um Schutz zu finden unter seinen Flügeln!«

Die Ruth-Geschichte gehört ja zu jenen nicht ganz seltenen Geschichten in der Bibel, in denen von Gott fast wie nebenbei die Rede ist. Schon gar nicht lesen Sie etwas von Gottes direktem Eingreifen in den Lauf der Dinge. Kein „Wunder“. Kein vollmächtiges Prophetenwort. Gott kommt sozusagen in ganz leisen Tönen daher.
Aber hier auf einmal spricht Boas von Gott: Gott möge dieser jungen Frau all das lohnen, was sie für ihre Schwiegermutter auf sich genommen hat. – „Der Gott Israels, zu dem du gekommen bist, um Schutz zu finden unter seinen Flügeln“.
Mir scheint: Diesen Schutz, den Boas der Ruth von Gott her wünscht, den gibt er ihr zugleich selbst: Er breitet – nein, nicht seine Flügel, aber – seine schützende Hand über Ruth aus. Er sorgt dafür, dass ihr nichts passiert und dass sie genug Körner findet bei der Nachlese. Ruth wird im Anschluss mit zur Mittagspause eingeladen. Seinem Personal gibt Boas die Anweisung, freundlich zu Ruth zu sein und ihr unauffällig genug übrig zu lassen beim Einbringen des Getreides. Schutz, Nahrung, Gesellschaft, Beachtung. – Was will man mehr?!
Also: Boas „sieht“ Ruth und ihre Geschichte. Er wünscht, dass Gott für sie da ist. Und er übernimmt es, im Rahmen seiner Möglichkeiten selbst für Ruth da zu sein. So wird Boas zum Mit-Arbeiter Gottes.
Mitarbeiter Gottes sein. Nicht aus Angst vor göttlicher Strafe. Nicht aus Hoffnung auf eine Belohnung. Nicht weil der Pfarrer oder die Eltern es sagen. Nicht aus einer besonderen Berufung Gottes heraus. Sondern: Boas wird zum Mitarbeiter Gottes, weil er gute Wünsche an Gott für einen Menschen hat, der offenbar sein Herz berührt. Und nun stellt er sich in den Wind dieses Wunsches und lässt sich selbst in die Richtung bewegen, in die der Wunsch zielt.
Und wenn man keine guten Wünsche für andere hat, weil sie einem nicht das Herz berühren? Oder wenn einem nur die „tollen“ Mitmenschen das Herz berühren, aber nicht die, die einen besonders brauchen? Da ist dann doch mal der Impuls von außen wichtig, z.B. als Gebot:

Wenn ihr aber euer Land aberntet, sollt ihr nicht alles bis an die Ecken des Feldes abschneiden, auch nicht Nachlese halten, sondern sollt es den Armen und Fremdlingen lassen. Ich bin der HERR, euer Gott. (Levitikus 23, 22)

Mitarbeiter oder Mitarbeiterin Gottes sein. Manchmal aus einem Herzens-Wunsch heraus wie Boas. Manchmal aus einer Pflicht heraus – wie ein Getreidebauer ohne Mitgefühl für die Armen, der aber trotzdem Gottes Gebot, das Recht der Armen, ernst nimmt.
Am Abend geht Ruth mit satten 17 Kilo Gerste vom Feld zurück zu ihrer Schwiegermutter. Die ist überglücklich, lässt sich die ganze Geschichte erzählen und berichtet, was sie selbst über Boas weiß. Zweimal sagt sie, Gott möge den segnen, der das möglich gemacht hat, also Boas. Dass Noomi und Ruth sich später ebenfalls in den Wind dieses Segenswunsches für Boas stellen und so zum Segen für ihn beitragen, das gibt es nächste Woche.
Mitarbeit oder Mitarbeiterin Gottes? Ist das für Sie eine gute Vorstellung? Ihnen könnte diese Vorstellung Angst machen. Wenn Sie sich in der Bibel auskennen, werden Ihnen eine Reihe Leute einfallen, für die Gottes Berufung zu einer Aufgabe einen radikalen Bruch zum bisherigen Leben bedeutete – zum Beispiel Abraham & Sara, Mose, Debora, Amos, Jeremia, Jona, Esther, Judith, Maria, Jesus, Levi, Paulus. Oft war die Aufgabe kein Zuckerlecken, sondern, freundlich formuliert, eine harte Nuss.
Ein anderes Modell von „Mitarbeiter Gottes“ lernen Sie hier bei Boas kennen:

  • Boas hat kein Berufungserlebnis.
  • Es gibt keinen radikalen Bruch in Boas’ Leben. Er engagiert sich im Rahmen seines bürgerlichen und durchaus wohlhabenden Lebens.
  • Boas lässt sich andere Menschen zu Herzen gehen.
  • Boas hat ein Auge für die Not anderer und Ohren für ihre Geschichte.
  • Boas hilft, ohne den anderen ihre Selbstachtung zu rauben.
  • Boas hilft nicht als „Einzeltäter“, er organisiert Hilfe zusammen mit anderen, seinen Mitarbeitern.

Na, ist die Schwelle zur Mitarbeiterschaft im Dienste Gottes jetzt niedriger? Vielleicht entdecken Sie ja: „So gesehen, bin ich es schon längst!“ Nicht jede ist eine Judith, nicht jeder ein Paulus – und muss es auch nicht sein. Aber so ein Boas – das ist vermutlich schon drin.
Jetzt werden Sie vielleicht sagen: „Bin kein Bauer, ich habe kein Feld!“ Ich sage: Doch! Bei genauerem Blick auf Ihren Tages- und Wochenlauf werden Sie vermutlich gleich mehrere Felder entdecken, die Sie schon beackern. Dinge, Menschen, Tätigkeiten, denen Ihre Aufmerksamkeit gilt. Vielleicht werden Sie entdecken: „Es sind zu viele Felder, die ich beackere!“ Oder umgekehrt: „Es liegt manches brach, wo ich Lust und Kapazität hätte, die Ärmel aufzukrempeln.“ Vielleicht bemerken Sie: „Ich beackere zum Teil die falschen Felder. – Da wächst nichts, das ist unfruchtbar. Es wäre besser, woanders zu pflügen, zu säen, zu ernten!“
Wie auch immer: Diese Andacht soll für Sie eine Ermutigung sein, als „Boas“, als Mitarbeiterin oder Mitarbeiter Gottes Ihre Felder zu betrachten und Zwischenbilanz zu ziehen. Auch Leute wie Ruth am Rande Ihrer Felder zu sehen. Was Sie sagen oder tun, könnte Ruth zum Segen gereichen. Und auch Ihnen selbst.

Gebet:
Gott, das klingt groß – Dein Mitarbeiter, Deine Mitarbeiterin sein. Bewahre mich vor beidem: vor Gleichgültigkeit und vor Selbst-Überforderung. Lass es mich erkennen, welches Feld für mich dran ist! Und gib Du Deinen Segen zu meinem Pflügen, Säen, Wachsen-Lassen, Ernten! Amen.

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