Ruth III: Frauengeschichten. Andacht zum 17.10.2014

Sie haben es die letzte Woche schon geahnt: Zwischen Ruth und Boas entspinnen sich – mit Unterstützung von Schwiegermama Noomi – zarte Liebesbande.
Die schönsten Szenen unterschlage ich Ihnen: Erstens eine romantische nächtliche Fast-schon-Verführung auf der Tenne des Boas. Alles vorher zwischen Ruth und ihrer Schwiegermutter abgesprochen. Zweitens unterschlage ich Ihnen die entscheidende Verhandlung unter den Ältesten von Bethlehem im Tor der Stadt, denn Boas bekommt seine Ruth nicht einfach so, da muss erst Rechtliches geklärt werden.
Wir beginnen heute direkt beim Happy End. Denn am Ende, da kriegen sich Boas und Ruth:

So nahm Boas die Ruth, dass sie seine Frau wurde.

Und nun die einzige Stelle im Buch Ruth, wo die Beteiligten nicht nur etwas über Gott sagen, sondern wo Gott selbst ausdrücklich etwas tut. Wobei: „tut“ ist schon etwas übertrieben. Gott „gibt“, dass etwas passiert:

Und als Boas zu Ruth einging, gab ihr der HERR, dass sie schwanger ward, und sie gebar einen Sohn.

Gott ist gegenwärtig: Vorher, fast noch zu Beginn der Geschichte, in der Klage und in den Vorwürfen von Schwiermutter Noomi, die so viel verloren hatte.
Gott ist gegenwärtig: In den Segenswünschen des Boas für die Migrantin Ruth und in dem, was Boas dann für sie tut.
Gott ist gegenwärtig: Ganz ohne extra „Wunder“ in den natürlichen und wunderbaren Vorgängen von Sexualität, Zeugung, Schwangerschaft, Geburt.
Und nun ist Gott gegenwärtig im Lob der Frauen Bethlehems, die sich mit Noomi freuen:

Da sprachen die Frauen zu Noomi: Gelobt sei der HERR, der dir zu dieser Zeit einen Löser nicht versagt hat! Dessen Name werde gerühmt in Israel! Der wird dich erquicken und dein Alter versorgen. Denn deine Schwiegertochter, die dich geliebt hat, hat ihn geboren, die dir mehr wert ist als sieben Söhne.
Und Noomi nahm das Kind und legte es auf ihren Schoß und ward seine Wärterin. Und ihre Nachbarinnen gaben ihm einen Namen und sprachen: Noomi ist ein Sohn geboren; und sie nannten ihn Obed.

Eigentlich ist hier Schluss, es gibt gleich nur noch einen Anhang. In dieser Schluss-Szene wird wieder deutlich: Das ganze Buch Ruth ist eine Frauen-Geschichte. Außer Boas sind alle Männer nur Statisten, deren Namen Sie schnell wieder vergessen dürfen.
Aber Ruth, die Namensgeberin des Buches! Sie entscheidet sich für ein Leben in der Fremde an der Seite ihrer Schwiegermutter. Ihre Beziehung zueinander und ihre gemeinsamen Absprachen haben eine ganz andere Qualität als die Beziehung Boas-Ruth, die erst eine liebevoll-helfende, dann eine erotische ist.
Aber Orpa, die andere Schwiegertochter Noomis! Sie entscheidet sich nach langem Ringen für einen anderen Weg, den Weg zurück, und auch der ist völlig ok. Jedenfalls: Sie entscheidet sich!
Aber die Nachbarinnen in Bethlehem und die anderen Frauen dort! Sie waren schon da, als Noomi nach langer Zeit zurück kam, sie hörten sich ihre Klage an. Und nun übernehmen sie es, Gott zu loben und die Wende im Leben der Noomi zu preisen.
Aber vor allem: Noomi selbst! Eigentlich hätte es nicht „das Buch Ruth“, sondern „das Buch Noomi“ heißen müssen. Sie ist es, die durch ihren Rat entscheidende Dinge anstößt. Vor allem ist sie ein Beispiel dafür, wie einem im Leben so ziemlich alles zerbrechen kann – so viel, das kein Spalt mehr bleibt, durch den Hoffnung dringt. Und wie sie trotzdem sich und ihre Ruth nicht aufgibt. Und sie ist ein Beispiel, wie Gott handeln kann. Unspektakulär – ohne große Worte, große Taten, Wunder. Aber so, dass es am Ende gut wird. Und so, dass die Leute, die es miterleben, Gott loben.

Gerade dieser letzte Punkt, der soll Ihnen Mut machen: Dass auch jemand, der sich völlig am Ende sieht und dem nur Verzweiflung bleibt, nicht ohne Gott ist. Und dass es am Ende gut wird. Davon dürfen sich auch die Statisten ansprechen lassen, liebe Männer!

Und nun der Kernsatz vom Nachspann – der uns den Horizont der Geschichte noch mal ganz kräftig weitet:

(Obed) ist der Vater Isais, welcher Davids Vater ist.

Aha! Plötzlich ist es nicht mehr „nur“ eine Not- und Liebesgeschichte mit Happy End, sondern wir landen in der Weltgeschichte! König David – DER große König Israels!
Später, nach David, haben sich immer wieder Hoffnungen geregt: Ein Retter sollte kommen, von Gott gesandt. Er sollte sein wie David und er sollte aus seiner Nachkommenschaft sein. Der „Gesalbte“, gesalbt wie ein König, der „Messias“.
Christen sagen: Jesus ist dieser Gesalbte, das Wort „Christus“ bedeutet genau das: „Gesalbter“. Einer der beiden Stammbäume Jesu im Neuen Testament steht bei Matthäus. Er erwähnt in der Ahnenreihe meistens nur die Väter und nur selten die Mütter. Klar, David und sein Urgroßvater Boas kommen darin vor.
Und eben namentlich: Ruth. Witwe eines Armutsflüchtlings. Mit Migrationshintergrund. Anfangs wohl mit Problemen mit der Sprache und der Kultur, mit der fremden Religion und den Menschen. Eine, die sich das Essen buchstäblich zusammensuchen musste. Es scheint so, dass Gott ein besonderes Herz für diejenigen hat, die gesellschaftlich nicht viel gelten.
Sie gelten gesellschaftlich auch nicht so viel? – Dann soll Sie das trösten! Gott sieht Sie! Und Gott sieht Sie mit anderen Augen als „die Mehrheitsgesellschaft“!
Oder: Sie sind eigentlich ganz gut integriert in die Mehrheitsgesellschaft? Dann sind Sie aufgefordert, Ihre Mitmenschen „am Rand“ der Gesellschaft gegen den Trend mit GOTTES Augen zu sehen: So, wie Gott Ruth gesehen hat.

Gebet:
Gott, wenn ich am Ende bin, dann lass mich glauben: Für Dich ist es ein Anfang. Wenn ich völlig fertig bin, dann lass mich glauben: Du bist noch lange nicht mit mir fertig – sondern: Du wirst mich vollenden! Amen.

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Ruth, Teil II: Mit Gott auf dem Feld. Andacht zum 10.10.2014

Mit zwei ungleichen Frauen endete letzte Woche der erste Teil der Ruth-Geschichte: Die eine, die Ausländerin Ruth, begleitet ihre Schwiegermutter in das für sie völlig fremde Bethlehem. Wegen ihrer Schwiegermutter mutet sie sich das Fremde zu, auch den fremden Gott Israels. Sie steht am Anfang dieses Glaubens. Die andere ist diese Schwiegermutter. Noomi heißt sie. Sie steht anscheinend am Ende ihres Glaubensweges: Gott hat es gemacht, dass sie von den Trümmern ihres Lebens steht. So sieht sie es, so beklagt sie es. Öffentlich.
Wegen des fehlenden Brotes war Noomi damals mit ihrem Mann und ihren Söhnen aufgebrochen nach Moab. Wegen des wieder vorhandenen Brotes ist sie nun zurückgekehrt, diesmal nur noch mit ihrer Schwiegertochter. Mit der Suche nach Brot geht es weiter:

Eines Tages sagte die Moabiterin Ruth zu ihrer Schwiegermutter: »Ich will hinausgehen und Ähren sammeln, die auf dem Feld liegen geblieben sind. Ich finde schon jemand, der freundlich zu mir ist und es mir erlaubt.« »Geh nur, meine Tochter!«, sagte Noomi. 
Ruth kam zu einem Feld und sammelte Ähren hinter den Männern und Frauen her, die dort das Getreide schnitten und die Garben banden und wegtrugen.

Was Ruth nicht weiß: Sie ist auf das Feld von Boas geraten, einem Verwandten ihres verstor­benen Schwiegervaters. Im Laufe des Tages kommt dieser Boas selbst zum Feld – und erkundigt sich bei seinen Mitarbeitern nach der fremden Frau. Er erfährt: Es ist die Moabiterin, die die alte Noomi mitgebracht hat. Nun spricht Boas Ruth direkt an:

»Hör auf meinen Rat! Geh nicht auf ein anderes Feld, um dort Ähren zu sammeln. Bleib hier und halte dich zu meinen Knechten und Mägden. Geh hier auf dem Feld hinter ihnen her. Ich habe meinen Leuten befohlen, dich nicht zu hindern. Und wenn du Durst hast, geh zu den Krügen und trink von dem Wasser, das meine Leute sich dort schöpfen.«
Ruth warf sich vor ihm zu Boden und fragte: »Wie kommt es, dass du so freundlich zu mir bist? Ich bin doch eine Fremde.« Boas antwortete: »Ich weiß, was du seit dem Tod deines Mannes für deine Schwiegermutter getan hast. es wurde mir alles erzählt. Du hast deinen Vater und deine Mutter und deine Heimat verlassen und bist mit ihr zu einem Volk gegangen, das du vorher nicht kanntest. Der Herr vergelte dir, was du getan hast, und belohne dich reich dafür – der Gott Israels, zu dem du gekommen bist, um Schutz zu finden unter seinen Flügeln!«

Die Ruth-Geschichte gehört ja zu jenen nicht ganz seltenen Geschichten in der Bibel, in denen von Gott fast wie nebenbei die Rede ist. Schon gar nicht lesen Sie etwas von Gottes direktem Eingreifen in den Lauf der Dinge. Kein „Wunder“. Kein vollmächtiges Prophetenwort. Gott kommt sozusagen in ganz leisen Tönen daher.
Aber hier auf einmal spricht Boas von Gott: Gott möge dieser jungen Frau all das lohnen, was sie für ihre Schwiegermutter auf sich genommen hat. – „Der Gott Israels, zu dem du gekommen bist, um Schutz zu finden unter seinen Flügeln“.
Mir scheint: Diesen Schutz, den Boas der Ruth von Gott her wünscht, den gibt er ihr zugleich selbst: Er breitet – nein, nicht seine Flügel, aber – seine schützende Hand über Ruth aus. Er sorgt dafür, dass ihr nichts passiert und dass sie genug Körner findet bei der Nachlese. Ruth wird im Anschluss mit zur Mittagspause eingeladen. Seinem Personal gibt Boas die Anweisung, freundlich zu Ruth zu sein und ihr unauffällig genug übrig zu lassen beim Einbringen des Getreides. Schutz, Nahrung, Gesellschaft, Beachtung. – Was will man mehr?!
Also: Boas „sieht“ Ruth und ihre Geschichte. Er wünscht, dass Gott für sie da ist. Und er übernimmt es, im Rahmen seiner Möglichkeiten selbst für Ruth da zu sein. So wird Boas zum Mit-Arbeiter Gottes.
Mitarbeiter Gottes sein. Nicht aus Angst vor göttlicher Strafe. Nicht aus Hoffnung auf eine Belohnung. Nicht weil der Pfarrer oder die Eltern es sagen. Nicht aus einer besonderen Berufung Gottes heraus. Sondern: Boas wird zum Mitarbeiter Gottes, weil er gute Wünsche an Gott für einen Menschen hat, der offenbar sein Herz berührt. Und nun stellt er sich in den Wind dieses Wunsches und lässt sich selbst in die Richtung bewegen, in die der Wunsch zielt.
Und wenn man keine guten Wünsche für andere hat, weil sie einem nicht das Herz berühren? Oder wenn einem nur die „tollen“ Mitmenschen das Herz berühren, aber nicht die, die einen besonders brauchen? Da ist dann doch mal der Impuls von außen wichtig, z.B. als Gebot:

Wenn ihr aber euer Land aberntet, sollt ihr nicht alles bis an die Ecken des Feldes abschneiden, auch nicht Nachlese halten, sondern sollt es den Armen und Fremdlingen lassen. Ich bin der HERR, euer Gott. (Levitikus 23, 22)

Mitarbeiter oder Mitarbeiterin Gottes sein. Manchmal aus einem Herzens-Wunsch heraus wie Boas. Manchmal aus einer Pflicht heraus – wie ein Getreidebauer ohne Mitgefühl für die Armen, der aber trotzdem Gottes Gebot, das Recht der Armen, ernst nimmt.
Am Abend geht Ruth mit satten 17 Kilo Gerste vom Feld zurück zu ihrer Schwiegermutter. Die ist überglücklich, lässt sich die ganze Geschichte erzählen und berichtet, was sie selbst über Boas weiß. Zweimal sagt sie, Gott möge den segnen, der das möglich gemacht hat, also Boas. Dass Noomi und Ruth sich später ebenfalls in den Wind dieses Segenswunsches für Boas stellen und so zum Segen für ihn beitragen, das gibt es nächste Woche.
Mitarbeit oder Mitarbeiterin Gottes? Ist das für Sie eine gute Vorstellung? Ihnen könnte diese Vorstellung Angst machen. Wenn Sie sich in der Bibel auskennen, werden Ihnen eine Reihe Leute einfallen, für die Gottes Berufung zu einer Aufgabe einen radikalen Bruch zum bisherigen Leben bedeutete – zum Beispiel Abraham & Sara, Mose, Debora, Amos, Jeremia, Jona, Esther, Judith, Maria, Jesus, Levi, Paulus. Oft war die Aufgabe kein Zuckerlecken, sondern, freundlich formuliert, eine harte Nuss.
Ein anderes Modell von „Mitarbeiter Gottes“ lernen Sie hier bei Boas kennen:

  • Boas hat kein Berufungserlebnis.
  • Es gibt keinen radikalen Bruch in Boas’ Leben. Er engagiert sich im Rahmen seines bürgerlichen und durchaus wohlhabenden Lebens.
  • Boas lässt sich andere Menschen zu Herzen gehen.
  • Boas hat ein Auge für die Not anderer und Ohren für ihre Geschichte.
  • Boas hilft, ohne den anderen ihre Selbstachtung zu rauben.
  • Boas hilft nicht als „Einzeltäter“, er organisiert Hilfe zusammen mit anderen, seinen Mitarbeitern.

Na, ist die Schwelle zur Mitarbeiterschaft im Dienste Gottes jetzt niedriger? Vielleicht entdecken Sie ja: „So gesehen, bin ich es schon längst!“ Nicht jede ist eine Judith, nicht jeder ein Paulus – und muss es auch nicht sein. Aber so ein Boas – das ist vermutlich schon drin.
Jetzt werden Sie vielleicht sagen: „Bin kein Bauer, ich habe kein Feld!“ Ich sage: Doch! Bei genauerem Blick auf Ihren Tages- und Wochenlauf werden Sie vermutlich gleich mehrere Felder entdecken, die Sie schon beackern. Dinge, Menschen, Tätigkeiten, denen Ihre Aufmerksamkeit gilt. Vielleicht werden Sie entdecken: „Es sind zu viele Felder, die ich beackere!“ Oder umgekehrt: „Es liegt manches brach, wo ich Lust und Kapazität hätte, die Ärmel aufzukrempeln.“ Vielleicht bemerken Sie: „Ich beackere zum Teil die falschen Felder. – Da wächst nichts, das ist unfruchtbar. Es wäre besser, woanders zu pflügen, zu säen, zu ernten!“
Wie auch immer: Diese Andacht soll für Sie eine Ermutigung sein, als „Boas“, als Mitarbeiterin oder Mitarbeiter Gottes Ihre Felder zu betrachten und Zwischenbilanz zu ziehen. Auch Leute wie Ruth am Rande Ihrer Felder zu sehen. Was Sie sagen oder tun, könnte Ruth zum Segen gereichen. Und auch Ihnen selbst.

Gebet:
Gott, das klingt groß – Dein Mitarbeiter, Deine Mitarbeiterin sein. Bewahre mich vor beidem: vor Gleichgültigkeit und vor Selbst-Überforderung. Lass es mich erkennen, welches Feld für mich dran ist! Und gib Du Deinen Segen zu meinem Pflügen, Säen, Wachsen-Lassen, Ernten! Amen.

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Ruth I: Zwei Glaubensgeschichten. Andacht zum 3.10.2014

Wer in Deutschland „Wirtschaftsflüchtling“ ist, bekommt kein Asyl. Das antike Land Moab war da humaner: Hungernde hatten offenbar Bleibe-Recht …
Eine Familie aus Bethlehem in Juda – Vater, Mutter, zwei Söhne – flieht in das benachbarte Moab. Denn es herrscht eine Hungersnot. Die Frau heißt Noomi. Im Asyl-Land stirbt Noomis Mann. Aber die Integration gelingt offenkundig trotzdem: Die beiden Söhne heiraten Moabiterinnen. Die Frauen heißen Orpa und Ruth. Diese Namen müssen Sie sich merken: Noomi, Orpa, Ruth.
Der Erzähler berichtet uns ganz selbstverständlich von diesen Ehen. Dabei ist das ein Tabu-Bruch. Denn anderswo im Alten Testament steht: Israelitische Männer dürfen keine „heidnischen“ Frauen heiraten. Hintergrund ist die Angst, durch solche Ehen könnte die Verehrung anderer Götter Einzug halten.
Einige Zeit scheint in Moab die Welt der drei Frauen in Ordnung. Aber dann:

Zehn Jahre später starben auch (Noomis Söhne) Machlon und Kiljon, und ihre Mutter Noomi war nun ganz allein, ohne Mann und ohne Kinder.

„Ganz allein“ stimmt nicht. Wir sehen gleich: Noomi hat ja noch ihre Schwiegertöchter.
Und nun trifft Noomi auf ihre alten Tage eine große Entscheidung. Sie bricht noch einmal auf in ihrem Leben:

Als sie erfuhr, dass der Herr seinem Volk geholfen hatte und es in Juda wieder zu essen gab, entschloss sie sich, das Land Moab zu verlassen und nach Juda zurückzukehren.

Hätte Noomi mich vorher um Rat gefragt, ich hätte abgeraten. Noomi ist schon so lange weg gewesen. Da verklärt man manchmal die alte Heimat. Und denkt, man könnte an die alten Zeiten bruchlos anknüpfen. Aber: Kaum einer wird Noomi mehr kennen. Vieles hat sich geändert. Sie könnte sich reichlich unbehaust vorkommen. Aber vielleicht ist Noomi das alles auch klar. – Und sie zieht einfach dem Brot hinterher. Es gibt ja wieder zu essen in Juda. Obendrein heißt hier Heimatort Bethlehem auch noch „Brot-Haus“.

Ihre Schwiegertöchter gingen mit.

Das finde ich überhaupt nicht selbstverständlich – mit der Schwiegermutter umzuziehen. Die eigene Heimat ohne Not aufzugeben, sich auf eine völlig fremde Welt einzulassen. Noch dazu ohne materielle und rechtliche Absicherung. Denn: Was galt denn frau damals schon?! Das muss wohl eine enge Verbundenheit zwischen den Dreien gewesen sein.
Zur freundschaftlichen Verbundenheit gehört: Noomi will, dass es ihren Schwiegertöchtern gut geht. Und deswegen, so meint sie, sollen sie lieber umkehren in ihre Heimat. Dort haben sie ihre Familien und können eigene Familien gründen. Noomi versucht regelrecht, die beiden zur Rückkehr zu überreden:

»Kehrt wieder um! Geht zurück, jede ins Haus ihrer Mutter! Der Herr vergelte euch alles Gute, das ihr an den Verstorbenen und an mir getan habt. Er gebe euch wieder einen Mann und lasse euch ein neues Zuhause finden.« Noomi küsste die beiden zum Abschied. Doch sie weinten und sagten zu ihr: »Wir verlassen dich nicht! Wir gehen mit dir zu deinem Volk.« Noomi wehrte ab: »Kehrt doch um, meine Töchter! Warum wollt ihr mit mir gehen? (…) Nein, meine Töchter! Ich kann euch nicht zumuten, dass ihr das bittere Schicksal teilt, das der Herr mir bereitet hat.«

Mit ihren Überredungsbemühungen erzielt Noomi schließlich einen Teilerfolg:

Da weinten Rut und Orpa noch mehr. Orpa küsste ihre Schwiegermutter und nahm Abschied.

Und die andere? Ruth?

Aber Rut blieb bei ihr. Noomi redete ihr zu: »Du siehst, deine Schwägerin ist zu ihrem Volkund zu ihrem Gott zurückgegangen. Mach es wie sie, geh ihr nach!«

Aber Ruth setzt sich durch. Was sie sagt, das klingt fast wie vor dem Trau-Altar:

»Dränge mich nicht, dich zu verlassen. Ich kehre nicht um, ich lasse dich nicht allein. Wohin du gehst, dorthin gehe ich auch; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk und dein Gott ist mein Gott. Wo du stirbst, da will auch ich sterben; dort will ich begraben werden. Der Zorn des Herrn soll mich treffen, wenn ich nicht Wort halte: Nur der Tod kann mich von dir trennen!« Als Noomi sah, dass Rut so fest entschlossen war, gab sie es auf, sie zur Heimkehr zu überreden.

Schließlich kommen die beiden Frauen in Bethlehem an. Aber wir sind von einem Happy End noch weit entfernt. Als einige Frauen Noomi erkennen, sagt sie:

»Nennt mich nicht mehr Noomi (die Liebliche), nennt mich Mara (die Bittere)! Denn Gott, der Gewaltige, hat mir ein sehr bitteres Schicksal bereitet. Mit meinem Mann und mit zwei Söhnen bin ich von hier weggezogen; arm und ohne Beschützer lässt der Herr mich heimkehren. Warum nennt ihr mich noch Noomi? Der Herr, der Gewaltige, hat sich gegen mich gewandt und mich ins Elend gestürzt.«

Eine erschütternde Lebensbilanz: Die Liebliche ist zur Bitteren geworden, sie steht vor dem Trümmerhaufen ihres Lebens. Und sie macht Gott zweimal ausdrücklich dafür verantwortlich. Von Hoffnung keine Spur.
Zwei Frauen, eng verbunden. Über Grenzen hinweg: Grenzen der Generationen, der Sprache, der Kultur, der Heimat, der Religion. Eine ungewöhnliche Schicksalsgemeinschaft.
Und zwei unterschiedliche Glaubens-Geschichten mit dem Gott Israels:
RUTH steht mit Gott gerade erst am Anfang: „Dein Gott ist mein Gott!“ Nicht die große Erleuchtung, nicht das tolle Bekehrungserlebnis, nicht die Frucht geistlicher Gespräche. Einfach aus Verbundenheit mit Noomi. So kann es auch anfangen mit Gott.
NOOMI steht mit Gott anscheinend am Ende – vor den Trümmern ihres Lebens – und Gott ist es gewesen. Noomi spricht ehrlich – nämlich so, wie es ihr gerade ums Herz ist. So spricht sie vor sich selbst; vor Gott; vor anderen.
Die Geschichte geht – in den kommenden Wochen – weiter. Bis hierher soll die Geschichte Sie aber mit Ihrer EIGENEN Glaubens-Geschichte in Berührung bringen. Sie stehen am Anfang? Sie stehen womöglich noch vor dem Anfang? Oder am Ende? Oder Sie sind schon längst mit Gott fertig? Ich vermute: Wenn der Erzähler der Noomi- und Ruth-Geschichte zusätzlich „Ihre“ Glaubens-Geschichte erzählen würde, er würde daran ebenfalls nichts kritisieren – wie bei den beiden Frauen. Es ist, wie es ist.
Allerdings: Im Buch Ruth sind wir erst am Ende von Kapitel 1. Es gibt aber 4. Das Entscheidende kommt noch. Die Geschichte ist noch nicht zu Ende. IHRE Geschichte mit Gott ist es auch nicht. Vor allem: Gottes Geschichte mit Ihnen nicht! Sie mögen im Glauben am Ende sein oder mit Gott fertig. Aber Gott ist mit Ihnen vielleicht erst ganz am Anfang.

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Von Gott reden. Andacht zum 26.9.2014

Wir haben einen Hund: Sally. Gut sieben Kilo, weißes Fell, bräunliche Ohren. Reagiert auf das Knistern von Bäckertüten, bellt, wenn es klingelt, ist oft ängstlich. Kuschelt gern, hört gelegentlich auf Anweisungen. Hauptinteresse: Fressen.
Manchmal reden Leute so über Gott wie ich über Sally: Gott ist so und so. Gott will dies, Gott sagt das, Gott hat das und das vor und hat sich das und das dabei gedacht.
Ich finde es schwierig, so über Gott zu reden. Ich habe Gott ja noch nicht so gesehen wie Sally und Gott auch noch nicht so unmittelbar gehört, gefühlt. Außerdem: Auch wenn es schwierig ist, etwas über Gott zu sagen – so viel wohl schon: Dass Gott „größer“ ist als mein Herz, als mein Verstand, als mein Erkennen, als meine fünf Sinne. Sally finde ich leicht durchschaubar. Ich kann manchmal gut vorhersagen, wie sie reagieren wird. Das ist bei Gott völlig anders. Auch wenn es Leute gibt, die sich genau das ziemlich selbstüberzeugt einbilden.
Und nun? Über Gott schweigen? Nichts sagen? Gott als Tabu? Es gibt ja drei große Tabu-Themen: Sex, Tod, Glaube. Es wechselt, welches davon gerade mehr tabuisiert wird und welches weniger. Es gibt auch Leute, die dauernd das eine oder das andere auf den Lippen führen. Aber selten alle drei Tabu-Themen gleich intensiv. Mehr das eine ODER das andere.
Es ist bestimmt kein Zufall, dass diese drei Tabu-Themen zugleich diejenigen sind, die fast jeden etwas angehen. Kaum jemand kann sagen: „Sexualität? Habe ich nicht, interessiert mich nicht!“ Kaum jemand kann sagen: „Tod? Ich bleibe einfach leben!“
Und: Kaum jemand kann sagen: „Glaube? Betrifft mich nicht!“ Sie widersprechen? Gut, Sie können „Gott“ oder „die Religion X oder Y“ ausklammern, sich zum Atheisten, Agnostiker oder sich für „religiös unmusikalisch“ erklären. Aber Sie kommen nicht drum herum, was Ihr Lebens-Fundament ist, was Sie trägt. Ob, warum und wofür es vielleicht gut sein könnte zu leben. Alles „Glaubens“-Fragen. Auch wenn Sie sich damit ohne religiöses Vokabular beschäftigen und die Dinge mit Ihrem völlig weltlichen Therapeuten diskutieren.
Sex, Tod, Glaube. Alles Themen, die unmittelbar mit „Leben“ und „Lebendigkeit“ zu tun haben. Und mit der Bedrohung von „Leben“ und „Lebendigkeit“.
Tabus sind meistens verkehrt. Was nicht heißt, dass ich immer alles und überall mit allen breittreten muss. Drüber reden – ja! Und für sich möglichst klar haben: Mit wem? Wann? Wo? Wie?
Also nochmal: Über Gott schweigen? Weil es so schwer ist, angemessen über Gott zu reden? Oder weil es zu persönlich ist, eben doch ein „Tabu“? Ich finde: Schweigen ist keine gute Lösung. Zumindest dann nicht, wenn Sie von Gott berührt, erfüllt, beseelt sind. Das ist ein bisschen wie frisch verliebt: Wenn Lieschen Müller völlig hingerissen von Otto Meier ist, obwohl (vielleicht: weil) sie ihn gar nicht richtig kennt, wird sie wahrscheinlich ihrer besten Freun­din berichten: von ihrem Schwarm, von ihren Gefühlen. Wenig „harte Fakten“ über ihn (die hat sie ja gar nicht), aber davon, was er in ihr auslöst. Vielleicht gerät das Ganze in ein Stammeln. Oder ins Jubeln. Vielleicht sogar tatsächlich in ein Schweigen. – Die „heimliche Liebe“. Aber irgendwann muss sie wahrscheinlich doch raus.
Es hat mal einen Theologen gegeben, der war dafür: Nicht „über“ Gott reden, sondern „von“ Gott reden! „Über“ Gott, das wäre wie über eine Sache, ein „Objekt“. Wie der Mineraloge über seine Steine oder der Bäcker über sein Brot. „Von“ Gott reden, das wäre aus der eigenen Betroffenheit heraus. Wie ein Verliebter, ein Trauernder, ein Wütender. Wobei: „über“ und „von“, so haarscharf lässt sich das gar nicht trennen. Der Mineraloge wird auch eingenommen sein von seinen Steinen und der Bäcker von seinem Brot – hoffentlich.
„Über“ und „von“. Ich setze noch ein drittes Wörtchen drauf. Wenig „über“ Gott reden, mehr „von“ Gott reden, aber vor allem: „mit“ Gott reden! Das geht auch ohne viel Wissen. Das Baby muss ja auch nicht erst die Lebensgeschichte der Eltern oder auch nur die Namen kennen, um Kontakt zur Mutter, zum Vater aufzunehmen.

„Von“ Gott statt „über“ Gott. Aus der eigenen Betroffenheit heraus von Gott sprechen, das braucht dann Sätze, in denen „ich“ auch vorkomme. Vielleicht so: „Ich glaube von Gott, dass“; „Ich verstehe Gott so, dass“; „Gott begegnet mir in dieser Bibelgeschichte so und so“; „Mich spricht da an, dass“.
Wie spricht die Bibel von Gott? Es gibt da ja so unterschiedliche Text-Sorten: Lieder, Gebete, Prophetenworte, Sprichwörtern, Lebensregeln, „Geboten“. Vor allem: Geschichten, Geschichten, Geschichten. Gott – in den Geschichten, die Menschen mit ihm erlebt haben. Und in ihren Deutungen über ihre persönliche Geschichte, die ihrer Sippe, ihres Volkes, ihrer Welt. Das wäre doch auch eine Anregung für uns, oder? Wie käme Gott vor – in meinen Geschichten? Wie käme Gott vor in meiner Lebens-Geschichte?
Was Sie aber nur sehr spärlich in der Bibel finden: lehrbuchartige, „dogmatische“ Abhandlungen über Gott. Mit allgemeinen Sätzen, wie Gott ist und was er will, ist „die Bibel“ ziemlich zurückhaltend. Was das angeht: Weitgehend Fehlanzeige.
Und Jesus? Wenn Jesus von Gott oder von Gottes Reich spricht, dann erzählt er ebenfalls gern. Teils knappe Bilder, teils einfache Vorgänge, teils richtige Geschichten mit Anfang und Ende. Der Über-Begriff: „Gleichnisse“. Besonders viel aus einem Bereich, der seinen Zuhörern vertraut ist – die Landwirtschaft: vom Sämann, der die Saat ausstreut; vom Korn, das von selbst wächst; vom kleinen Senfkorn, aus dem ein großes Gewächs wird; ein Schäfer, der ein Schaf wiederfindet; ein Weinbergbesitzer und seine Pächter; ein Bauer, der beim Pflügen nicht zurück schaut … Oder der Haushalt: der Sauerteig beim Brotbacken; ein verlorenes und wiedergefundenes Geldstück. Oder längere Geschichten. „Der verlorene Sohn“ zum Beispiel.
WAS Jesus erzählt, das ist das eine. VON Jesus zu erzählen, das ist das andere. Und dieses „andere“, also VON Jesus zu erzählen, davon kann man sagen: So sprechen speziell die Christinnen und Christen von Gott. Auf den Punkt gebracht, finde ich das – nun doch lehrbuchmäßig formuliert – im Kolosser-Brief:

(Eure) Herzen (sollen) gestärkt und zusammengefügt werden in der Liebe und zu allem Reichtum an Gewissheit und Verständnis, zu erkennen das Geheimnis Gottes, das Christus ist, in welchem verborgen liegen alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis. (Kolosser 2, 2-3)

Christus – wie der Brennpunkt einer Linse. In ihm: das Geheimnis Gottes; alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis. – Und wie kann ich die dann heben, diese Schätze? Naheliegend wäre dann doch zu sagen: „Na, da lese ich die vier Evangelien im Neuen Testament! Da finde ich doch beisammen, was von Jesus zu erzählen ist!“ – Gute Idee! Es geht aber auch noch etwas spezieller. Hören wir mal auf Paulus:

Und auch wenn wir Christus gekannt haben nach dem Fleisch, so kennen wir ihn doch jetzt so nicht mehr. (2. Korinther 5, 16)

Das verstehe ich so: Das Erdenleben des Jesus von Nazareth, wer er so war und was er so sagte und tat, findet Paulus gar nicht so interessant. Er beruft sich in seinen Briefen übrigens auch nur selten auf Jesus-Worte, erzählt gar nichts von Heilungsgeschichten o.ä.
Sondern was interessiert Paulus? Jesu Tod am Kreuz und seine Auferweckung! Das ist für ihn der Brennpunkt der Sache zwischen Gott und Mensch. Da kommt Gott dem Paulus – und Ihnen und mir – ganz entgegen, da wird er einer von uns. Gottes totale Solidarität – unsere Erlösung!

Gebet:
Gott, meine Worte von Dir können Dich groß machen oder klein. Können Dir die Ehre geben oder Dich verwerfen. Gott, gib mir nicht zu viele, aber gute Worte, Dich zu glauben und von Dir zu sprechen! Amen.

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Wenig Zeit. Andacht zum 19.9.2014

„Wenig Zeit“ ist mehr als „keine Zeit“. Hätten Sie „keine Zeit“, würden Sie diese Zeilen gar nicht lesen. Denn so eine Andacht „hat ja Zeit“, kann warten. Und was Zeit hat, kommt auf die lange Bank und unterbleibt dann ganz. Mir zumindest geht das oft so, gerade mit Lesestoff.
Haben Sie „wenig Zeit“? Dann sind Sie in schlechter Gesellschaft – in unserem Text heute: In SEHR schlechter Gesellschaft.
Das Buch der Offenbarung stammt vom Ende des 1. Jahrhunderts – aus einer Zeit der ersten GROSSEN Christenverfolgungen. Also nicht wie schon vorher bei Nero. Da war es fürchterlich genug, aber es war auf die Stadt Rom begrenzt. Drei Jahrzehnte später dann „weltweit“, also an vielen Orten im römischen Imperium, …
… fast wie heute – siehe auch: https://www.opendoors.de/verfolgung/weltverfolgungsindex2014/
Die Offenbarung ist eine Ermutigung für die bedrohten und verfolgten Christen, durchzuhalten, die Beteiligung am Kaiserkult zu verweigern und ihrem Herrn Jesus Christus treu zu bleiben. Die Offenbarung ist voller Visionen über die kommende „letzte Zeit“. Teilweise sehr schlimme Visionen, bevor es dann ganz am Ende gut wird.
Nun aber zu der „schlechten Gesellschaft“ derer, die wenig Zeit haben. Die Vision dazu:

Es entbrannte ein Kampf im Himmel: Michael und seine Engel kämpften gegen den Drachen. (…) Und es wurde hinausgeworfen der große Drache, die alte Schlange, die da heißt: Teufel und Satan, der die ganze Welt verführt.

Schön, wenn man das so sagen kann: Der Teufel wird einfach rausgeworfen aus dem Himmel. Und wo bleibt er jetzt?

Er wurde auf die Erde geworfen, und seine Engel wurden mit ihm dahin geworfen.

Im Himmel wird derweil ein Loblied angestimmt:

Nun ist das Heil und die Kraft und das Reich unseres Gottes geworden und die Macht seines Christus. Denn der Verkläger (…) ist verworfen (…). Und sie haben ihn überwunden durch des Lammes Blut und durch das Wort ihres Zeugnisses (…). Darum freut euch, ihr Himmel und die darin wohnen!

Und was ist mit der Erde?

Weh aber der Erde und dem Meer! Denn der Teufel kommt zu euch hinab und hat einen großen Zorn und weiß, dass er wenig Zeit hat. (alles: Offenbarung 12, 7-12; in Auszügen)

So, jetzt wissen Sie’s mit der schlechten Gesellschaft: Es ist der „Teufel“, der wenig Zeit hat!
Nun werden Sie sagen: „Na, das ist aber etwas anderes als bei mir! Was ich alles noch zu bedenken und in die Hand zu nehmen habe! Wen ich noch zu sprechen und zu kontaktieren habe! Für wen ich alles noch etwas zu erledigen habe! Was ich zu lesen und zu schreiben habe! Und es kommt dauernd was Neues dazu!“
Stimmt, das ist beim Teufel anders. Er hat nämlich „wenig Zeit“, weil er weiß, dass auf der Erde seine Tage gezählt sind, und dann ist Schluss für ihn. Das macht Druck. Es ist ein bisschen wie bei den „grauen Herren“ in Michael Endes „Momo“.
Ich habe allerdings die Vermutung: Das ist wirklich nur ETWAS anders als bei vielen von uns. „Der moderne Mensch“ (oder jedenfalls manches Exemplar dieser Sorte) hat nämlich Gott abgeschafft – und damit auch „gefühlt“ und „geglaubt“ die Ewigkeit. Das heißt dann: Im Bewusst­sein dieses „modernen Menschen“ gilt genau das, was ich gerade über den Teufel gesagt habe: „Er hat ‘wenig Zeit’, weil er weiß, dass auf der Erde seine Tage gezählt sind, und dann ist Schluss für ihn.“
Mir scheint: Oft steckt diese Haltung hinter der Beschleunigung und atemlosen Hetze vieler Menschen: Im Bewusstsein der Befristung „muss“ ich versuchen, möglichst alles in meinen paar Jahren, Tagen, Stunden unterzubringen, zu erleben, zu tun, zu denken, zu fühlen.
Oder: Wenn mir schon das „Mehr“ der Ewigkeit abhanden gekommen ist, dann „muss“ es eben ein „mehr und mehr“ in andere Richtungen sein: Mehr Freunde, mehr Anerkennung, mehr Urlaube, mehr Facebook-Kontakte, mehr Fitness, mehr Feiern, mehr Einsatz, mehr Arbeit, mehr Leistung … Nichts ist genug. Dass da die Zeit noch enger wird ist, klar. Und dass unter dem „Mehr“ der Quantitäten die Lebens-QUALITÄT auf der Strecke bleibt, ist für den gelassenen Betrachter dieses Irrwitzes ebenfalls völlig klar; aber wer ist das schon, der gelassene Betrachter von außen?
„Weh aber der Erde und dem Meer!“, singt man im Himmel über die Welt, auf der „der Teufel los ist“ mit seiner knappen Zeit. Das griechische Wort für „Teufel“ ist „Diabolos“: der „Durchein­ander-Werfer“. Der Teufel und die Menschen mit ihrer knappen Zeit und überhaupt der atemlose Zeit-Geist, sie bringen alles durcheinander.
„Die Erde und das Meer …“ Vor einiger Zeit war ich in Taizé und habe dort einen Workshop besucht mit einem belgischen Europa-Parlamentarier zum Thema „Regulierung des Banken-Systems“. Der sagte direkt zu Anfang: Es gibt zwei große Probleme, die die Menschheit und die Welt insgesamt massiv bedrohen: Das eine sind die wachsenden sozialen Verwerfungen. Das andere ist die ökologische Katastrophe. Und beide Probleme haben hauptsächlich eine einzige Ursache: Das Streben nach KURZFRISTIGEN Profiten. Betonung auf „kurzfristig“. Kurzfristig kann es sich „lohnen“, gesunde Unternehmen zu zerschlagen, irrwitzige Spekulationen zu tätigen, die Preise für Grundnahrungsmittel in die Höhe zu treiben. Heutzutage wird ein Großteil der Aktien buchstäblich in Millisekunden ge- und wieder verkauft. Wen interessiert da noch nachhaltige und verantwortliche (Unternehmens-) Politik?
Der Parlamentarier hat das mit dem Verlust von Vertrauen in Verbindung gebracht: Wer kein Vertrauen in die längere Zukunft hat, will den kurzfristigen Profit. Wer den kurzfristigen Profit will, zerstört die längere Zukunft. Der Teufel hat wenig Zeit. Wehe der Erde und dem Meer!
Gibt es für Sie eine Möglichkeit, aus der schlechten Gesellschaft des Teufels mit seiner knappen Zeit auszusteigen? Ja sicher. Das wäre jetzt der Punkt, um zu den Lebenstipps zu kommen – Tagesgestaltung, Nein-Sagen, Prioritäten setzen, Zeiten für Stille, Meditation, Gebet, Gestaltung von Urlaub, Abschalten des Grübelns, Selbst-, Fremd-, Gott-Ver­wirklichung, Grenzen für Fernseher und Compi; die Frage, worauf es im Leben ankommt – und worauf nicht so …
Aber bei den Lebenstipps halte ich mich heute zurück. Mir geht es jetzt um’s Grundsätzliche. Und das wäre: dem Zeitgeist seine bunten Masken abzureißen und zu sehen, wer dahinter steckt: Der Teufel, der im Himmel kein Bein an den Boden kriegt mit seiner knappen Zeit und stattdessen auf der Erde der große Durcheinander-Werfer ist mit seiner Eile.
Schon früh gab es in alten Tauf-Ritualen die „Absage an den Teufel“. Im Blick auf unseren Text heißt das: Christen dürfen sich ein anderes Zeit-Verständnis leisten. Sie müssen NICHT durch ihre Tage hetzen unter dem Druck, dass sie gezählt sind. – Sondern? In Markus 1,15 steht kurz und knapp, mit welcher Botschaft Jesus an die Öffentlichkeit geht:

Die Zeit ist erfüllt und das Reich Gottes ist herbeigekommen. Ändert euren Sinn und glaubt an das Evangelium!

Nicht knappe Zeit, sondern erfüllte Zeit, in Christus erfüllte Zeit. Nicht die vergehende Welt, sondern das kommende Gottesreich. Deswegen: „Ändert euren Sinn und glaubt an das Evan­gelium!“

Gebet (von Jochen Klepper):

Der Du allein der Ewge heißt // und Anfang, Ziel und Mitte weißt // im Fluge unserer Zeiten: // Bleib Du uns gnädig zugewandt // und führe uns an Deiner Hand, // damit wir sicher schreiten!

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Alter Rücken – neue Kreatur. Andacht zum 12.9.2014

Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur. Das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden. (2. Korinther 5, 17)

Ein Tag im vergangenen Juni …

Ich stolpere über diesen Vers genau im passenden Moment: Seit gestern habe ich es so im Rücken, dass ich nur mit ausgeklügelten Techniken auf’s Fahrrad und wieder herunter komme. Dann ist da seit ein paar Tagen ein angebrochener Zahn, der so lange nicht weh tut, wie ich nicht drauf beiße, und die Zahnärztin ist nicht erreichbar. Wenigstens die Zecke ist vollständig aus dem Bein, da dachte ich, damit müsste ich auch noch los. Wenigstens die beruflichen Pflichten sind heute überschaubar, irgendwie humple ich schon durch den Tag.
Ich weiß, ich klage auf hohem Niveau. Ich wüsste sofort eine Handvoll Leute, die ohne Zögern meine Wehwehchen übernehmen würden, wenn sie dafür ihre eigenen schlimmen Krankheiten los wären. Von den Seelen-Schmerzen bei manch einem gar nicht zu reden oder von haushohen Sorgen.
„Neue Kreatur“, also „wie neu geboren“, das wäre schon klasse. Leicht und locker hier raus spazieren aus meinem Büro, die Gitarre auf dem Rücken, irgendwo ein paar Patienten sammeln und ein paar fetzige Lieder singen, das wär’s! Aber Pustekuchen. Jetzt sitze ich mit Mühe auf meinem Stuhl, nerve mich selbst an, tue mir Leid und schreibe mir meinen Frust von der Seele.

Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur.

Aber ich bin gerade spürbar „alte Kreatur“. Also entweder bin ich nicht in Christus. Oder Paulus hat Unrecht: Man kann „in Christus“ sein – und trotzdem „ganz der Alte“, jedenfalls rückentechnisch.
Oder: Paulus hat es irgendwie anders gemeint mit der „neuen Kreatur“. WAHRSCHEINLICH hat er es anders gemeint! Denn gerade in demselben 2. Korintherbrief kann ich nachlesen: Paulus selbst hüpft auch nicht gerade fröhllich und entspannt durch’s Leben. Zeitweise ist er tief gekränkt von seinen lieben Mitchristen und zugleich in großer Sorge um sie. Ich erfahre von seinem dicken körperlichen und/oder seelischen Leiden, das einfach nicht weggehen will, auch nicht durch’s Beten. Ich lese von heftigen äußeren Nöten und Verfolgungen, die Paulus schon durchlitten hat. Was Paulus jetzt noch nicht weiß: Er wird unter Kaiser Nero den Märtyrertod erleiden. – Sieht so „neue Kreatur“ aus? Aber Paulus sagt es so. Und er hätte von sich bestimmt gesagt: „Ich bin in Christus!“
„In Christus sein“, was bedeutet das? Jetzt könnte ich mit meinem Rücken und mit meinem Zahn ja darauf kommen: Jesus hat manche Kranke geheilt – und Gelähmte aufgerichtet. Auch Paulus mit seinen Handicaps kannte wahrscheinlich solche Geschichten über Jesus. Aber merkwürdig: Dafür interessiert er sich weder hier noch anderswo in seinen Briefen, nicht ein bisschen. Sondern: Bei ihm dreht sich alles um Jesu Kreuzestod und seine Auferweckung. Ein paar Sätze vorher schreibt er über über Jesus Christus:

(…) wenn “einer” für alle gestorben ist, so sind sie “alle” gestorben. Und er ist darum für alle gestorben, damit, die da leben, hinfort nicht sich selbst leben, sondern dem, der für sie gestorben und auferstanden ist.

Schicksalsgemeinschaft mit Jesus Christus. Mit ihm auf geheimnisvolle Weise gestorben sein. Und mit ihm – ein ungegeuerlicher Gedanke! – zu einem neuen Leben auferstanden sein!
Aber trotzdem: der alte Rücken, die alte Seele. Und so scheint es Paulus zu meinen: In Christus bin ich „neue Kreatur“, bin es die ganze Zeit schon, mitsamt altem Rücken und alter Seele! – Aber was ist dann neu? Nochmal unser Vers – diesmal mit Fortsetzung:

Darum: Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden. Aber das alles von Gott, der uns mit sich selber versöhnt hat durch Christus und uns das Amt gegeben, das die Versöhnung predigt. Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. So sind wir nun Botschafter an Christi statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott!

Der Schlüsselbegriff ist: „VERSÖHNT“! Ein Eigenschafts-Wort. Aber kein Eigenschaftswort wie „klein“, „groß“, „dick“, „dünn“ oder eben „schmerzfrei“, „fröhlich“ und „gut drauf“. Denn diese Eigenschaftsworte beschreiben eine einzelne Person. Aber das Wort „versöhnt“ ist die Eigenschaft einer BEZIEHUNG.
Angenommen, Sie leben in einer Partnerschaft, Sie haben gerade Streit und zudem ein akut schmerzendes Knie. So, und nun passiert etwas Schönes: Versöhnung! Plöpp, da fällt Ihnen ein Stein vom Herzen! Das Leben fühlt sich schlagartig anders an! Halleluja!
Und das Knie? Es kann sein: Das schmerzt immer noch. Und es sagt Ihnen: Sie sind immer noch der oder die Alte. Aber die BEZIEHUNG ist versöhnt! Und in dieser Beziehung sind Sie als der Alte ein ganz Neuer!

Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur.

In Christus sein. In ihm mit Gott versöhnt.
Jetzt sagen Sie vielleicht: „Gott habe ich aber noch nie gesehen und zu fassen gekriegt! Da ist mir meine Partnerin / mein Partner aber deutlich näher!“
Wissen Sie: Und genau an dem Punkt irren Sie sich! GOTT ist Ihnen näher! Näher als ein anderer Mensch, näher als Sie sich selbst. Ob Sie es merken oder nicht, ob es Ihnen passt oder nicht. Oder wie Manfred Siebald dichtete: „Mehr noch als die Luft, die uns umgibt und die uns leben lässt, brauchen wir die Nähe Gottes jeden Augenblick …“
Mit Gott versöhnt – und auch noch darum wissen! – das hat wirklich was von „neuer Kreatur“. Deswegen komme ich heute zwar nicht mehr leichter vom Fahrrad. Aber ich kann trotzdem anders durch den Tag humpeln.

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Durstige Kamele. Andacht zum 5.9.2014

In Partnerschaften kann es manchmal Phasen geben, da fragen Sie sich: „Wie bin ich bloß an DEN / an DIE geraten?!?“ Bei der Antwort werden Sie aber nicht um die Erkenntnis herumkommen: Sie haben selbst mal „Ja“ gesagt. (Oder jedenfalls kein „Nein“.)
Es ist allerdings ein ziemlich neues Phänomen, dass Partner „Ja“ sagen, also einander selbst aussuchen. Früher wurden auch in Europa Ehen oft „arrangiert“. Das kann man schrecklich finden. Ich finde das auch. Allerdings hat mir eine Studie aus Indien zu denken gegeben: Angeblich sind die Partner aus „arrangierten“ Ehen gegenüber „selbst ausgesuchten“ Ehen nach 5 Jahren im Schnitt „glücklicher“ miteinander. Mhm.
Heute lesen Sie über das Arrangement einer Ehe (in voller Länge: Genesis 24): Abrahams Sohn Isaak soll eine Frau bekommen. Die Frage „Wer soll’s denn sein?“ ist nicht nur für Isaak persönlich wichtig: Aus diesem Familien-Clan soll mal ein großes Volk werden – „Gottes Volk“. Daraus wird später Jesus Christus hervorgehen. Auch wer selbst mit Religion kein bisschen am Hut hat, wird zur Kenntnis nehmen müssen: Die Mehrheit der heutigen Menschheit gehört – zumindest nominell – einer der „abrahamitischen“ Religionen an: Judentum, Christentum, Islam. Und da ist diese Nomadensippe von vor knapp 4.000 Jahren mit ihrem Glauben von Bedeutung. Also: Diese Ehe-Anbahnung schreibt Weltgeschichte …
Isaaks Frau soll in der alten Heimat im syrischen Haran ausgesucht werden. Abraham legt diese verantwortungsvolle Aufgabe in die Hände seines altvertrauten Mitarbeiters Eliëser und schickt ihn auf eine lange Dienstreise. – Mit viel Gepäck:

So nahm der Knecht zehn Kamele von den Kamelen seines Herrn und zog hin und hatte mit sich allerlei Güter seines Herrn und machte sich auf und zog nach Mesopotamien, zu der Stadt Nahors.

Und jetzt? Wie packt Eliëser die Sache an? Wo kann man viele Leute treffen? Na klar: Der Stadtbrunnen!

Da ließ er die Kamele sich lagern draußen vor der Stadt bei dem Wasserbrunnen des Abends um die Zeit, da die Frauen pflegten herauszugehen und Wasser zu schöp­fen.

So, und nun tut Eliëser etwas, worauf nicht jeder bei der Brautschau kommt: Er betet. Und er sagt Gott bei der Gelegenheit, wie er sich die Auswahl vorstellt:

(…) Siehe, ich stehe hier bei dem Wasserbrunnen, und die Töchter der Leute in dieser Stadt werden herauskommen, um Wasser zu schöpfen. Wenn nun ein Mädchen kommt, zu dem ich spreche: „Neige deinen Krug und lass mich trinken, und es sprechen wird: Trinke, ich will deine Kamele auch tränken“ -, das sei die, die du deinem Diener Isaak beschert hast, und daran werde ich erkennen, dass du Barmherzigkeit an meinem Herrn getan hast!

Wasser für die Durstigen. DAS ist das Kriterium. Schauen Sie bitte auf folgendes Detail: Eliëser wird nur um Wasser für sich selbst bitten. Aber „die Richtige“ wird VON SICH AUS die durstigen Kamele sehen und ihnen Wasser geben. Und so kommt es dann auch:

Da kam heraus Rebekka (…). Die stieg hinab zum Brunnen und füllte den Krug und stieg herauf. Da lief ihr der Knecht entgegen und sprach: „Lass mich ein wenig Wasser aus deinem Kruge trinken!“ Und sie sprach: „Trinke, mein Herr!“ Und eilends ließ sie den Krug hernieder auf ihre Hand und gab ihm zu trinken. Und als sie ihm zu trinken gegeben hatte, sprach sie: „Ich will deinen Kamelen auch schöpfen, bis sie alle genug getrunken haben!“ Und eilte und goss den Krug aus in die Tränke und lief abermals zum Brunnen, um zu schöpfen, und schöpfte allen seinen Kamelen. Der Mann aber betrachtete sie und schwieg still, bis er erkannt hätte, ob der HERR zu seiner Reise Gnade gegeben hätte oder nicht.

Ich finde das stark: Rebekka schöpft für sich selbst, für ihre Angehörigen in der Stadt, für den Fremden, für die Kamele. Alle trinken von demselben Wasser. Beim Durst hört das Trennende von Einheimischen und Fremden auf, auch der Unterschied zwischen Mensch und Tier. Da sind sie alle einander sehr ähnlich. Das verbindet. Es ist wie mit dem Hunger und wie mit dem Atem. Wie mit dem Bedürfnis nach Raum und nach einem Gegenüber. Alle brauchen das: Einheimische, Fremde, Kamele. Und was immer von den Dreien Sie gerade sind: Sie und ich brauchen das auch.
Randbemerkung: Selbstverständlich schöpft Rebekka auch für sich selbst. Wer immer nur für seine Lieben schöpft, für die Fremden und für die stets durstigen Bewohner nahöstlicher, sozialer und seelischer Steppen – und sich selbst dabei übergeht! -, wird früher oder später selbst erschöpft, ausgesaugt, verdurstet sein. Rebekka gibt den anderen – und sich selbst.
Dann holt Eliëser kostbaren Schmuck hervor und erkundigt sich nach Rebekkas Sippe. Rebekka muss ziemlich verblüfft gewesen sein. Trotzdem lädt sie Eliëser zu ihrer Sippe ein. – Und jetzt achten Sie mal darauf, WIE sie das tut:

Es ist auch viel Stroh und Futter bei uns und Raum genug, um zu herbergen.

Das klingt fast schon mehr nach einer Einladung an die Kamele als an Eliëser. So ist sie zu den Tieren, die Rebekka.
Während Eliëser ein Dankgebet spricht, läuft Rebekka nach Hause und erzählt alles. Ihr Bruder Laban geht nun zum Brunnen, um den Fremden mit seinen Kamelen zu holen.
Und was tut Laban, als sie zu Hause ankommen? Achten Sie auf die Reihenfolge!

Da führte er den Mann ins Haus und zäumte die Kamele ab und gab ihnen Stroh und Futter. Dazu auch Wasser, zu waschen seine Füße und die Füße der Männer, die mit ihm waren. Und man setzte ihm Essen vor.

Aber bevor Eliëser essen will, schildert er in aller Ausführlichkeit seinen Auftrag und was er seitdem mit Gott und mit Rebekka erlebt hat.
Der Besuch zieht sich orientalisch lang hin, aber schließlich reißt sich Eliëser förmlich los:

„Haltet mich nicht auf, denn der HERR hat Gnade zu meiner Reise gegeben! Lasst mich, dass ich zu meinem Herrn ziehe!“

Dieses Eliëser-Zitat darf gern mal über meiner Trauer-Anzeige stehen. Aber Eliëser meint es hier natürlich etwas anders. Trotzdem sind Abschied und Aufbruch angesagt – für alle Beteiligten. Und jetzt kommt eine Szene, die über die „arrangierte Ehe“ hinaus geht:

Und sie riefen Rebekka und sprachen zu ihr: „Willst du mit diesem Manne ziehen?“ Sie antwortete: „Ja, ich will es!“

Rebekka wird gefragt, und sie hat die Entscheidung. Einige Verse weiter das Happy End:

Da führte sie Isaak in das Zelt seiner (verstorbenen) Mutter Sara und nahm die Rebekka und sie wurde seine Frau und er gewann sie lieb.

Schade für Sie: Sara oder Isaak sind jetzt schon vergeben. Trotzdem: Seien Sie gut zu den Kamelen! Und zu all den anderen, die Wasser und Futter und Raum brauchen! Seien Sie gut zu ihnen – besonders bei Ihrer Kauf-Entscheidung am Kühlregal vom Supermarkt! Um der Tiere willen. Um Gottes willen. Und um Ihrer selbst willen: Denn solche Leute wie Rebekka haben einen besonderen Platz in Gottes Geschichte.

Gebet:
Gott, Du hast mir Augen und Ohren gegeben, Hände und ein Herz für all das Leben um mich herum. Danke! Die Scheuklappen sind nicht von Dir. Die will ich Dir hinlegen. Amen.

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