Wenig Zeit. Andacht zum 19.9.2014

„Wenig Zeit“ ist mehr als „keine Zeit“. Hätten Sie „keine Zeit“, würden Sie diese Zeilen gar nicht lesen. Denn so eine Andacht „hat ja Zeit“, kann warten. Und was Zeit hat, kommt auf die lange Bank und unterbleibt dann ganz. Mir zumindest geht das oft so, gerade mit Lesestoff.
Haben Sie „wenig Zeit“? Dann sind Sie in schlechter Gesellschaft – in unserem Text heute: In SEHR schlechter Gesellschaft.
Das Buch der Offenbarung stammt vom Ende des 1. Jahrhunderts – aus einer Zeit der ersten GROSSEN Christenverfolgungen. Also nicht wie schon vorher bei Nero. Da war es fürchterlich genug, aber es war auf die Stadt Rom begrenzt. Drei Jahrzehnte später dann „weltweit“, also an vielen Orten im römischen Imperium, …
… fast wie heute – siehe auch: https://www.opendoors.de/verfolgung/weltverfolgungsindex2014/
Die Offenbarung ist eine Ermutigung für die bedrohten und verfolgten Christen, durchzuhalten, die Beteiligung am Kaiserkult zu verweigern und ihrem Herrn Jesus Christus treu zu bleiben. Die Offenbarung ist voller Visionen über die kommende „letzte Zeit“. Teilweise sehr schlimme Visionen, bevor es dann ganz am Ende gut wird.
Nun aber zu der „schlechten Gesellschaft“ derer, die wenig Zeit haben. Die Vision dazu:

Es entbrannte ein Kampf im Himmel: Michael und seine Engel kämpften gegen den Drachen. (…) Und es wurde hinausgeworfen der große Drache, die alte Schlange, die da heißt: Teufel und Satan, der die ganze Welt verführt.

Schön, wenn man das so sagen kann: Der Teufel wird einfach rausgeworfen aus dem Himmel. Und wo bleibt er jetzt?

Er wurde auf die Erde geworfen, und seine Engel wurden mit ihm dahin geworfen.

Im Himmel wird derweil ein Loblied angestimmt:

Nun ist das Heil und die Kraft und das Reich unseres Gottes geworden und die Macht seines Christus. Denn der Verkläger (…) ist verworfen (…). Und sie haben ihn überwunden durch des Lammes Blut und durch das Wort ihres Zeugnisses (…). Darum freut euch, ihr Himmel und die darin wohnen!

Und was ist mit der Erde?

Weh aber der Erde und dem Meer! Denn der Teufel kommt zu euch hinab und hat einen großen Zorn und weiß, dass er wenig Zeit hat. (alles: Offenbarung 12, 7-12; in Auszügen)

So, jetzt wissen Sie’s mit der schlechten Gesellschaft: Es ist der „Teufel“, der wenig Zeit hat!
Nun werden Sie sagen: „Na, das ist aber etwas anderes als bei mir! Was ich alles noch zu bedenken und in die Hand zu nehmen habe! Wen ich noch zu sprechen und zu kontaktieren habe! Für wen ich alles noch etwas zu erledigen habe! Was ich zu lesen und zu schreiben habe! Und es kommt dauernd was Neues dazu!“
Stimmt, das ist beim Teufel anders. Er hat nämlich „wenig Zeit“, weil er weiß, dass auf der Erde seine Tage gezählt sind, und dann ist Schluss für ihn. Das macht Druck. Es ist ein bisschen wie bei den „grauen Herren“ in Michael Endes „Momo“.
Ich habe allerdings die Vermutung: Das ist wirklich nur ETWAS anders als bei vielen von uns. „Der moderne Mensch“ (oder jedenfalls manches Exemplar dieser Sorte) hat nämlich Gott abgeschafft – und damit auch „gefühlt“ und „geglaubt“ die Ewigkeit. Das heißt dann: Im Bewusst­sein dieses „modernen Menschen“ gilt genau das, was ich gerade über den Teufel gesagt habe: „Er hat ‘wenig Zeit’, weil er weiß, dass auf der Erde seine Tage gezählt sind, und dann ist Schluss für ihn.“
Mir scheint: Oft steckt diese Haltung hinter der Beschleunigung und atemlosen Hetze vieler Menschen: Im Bewusstsein der Befristung „muss“ ich versuchen, möglichst alles in meinen paar Jahren, Tagen, Stunden unterzubringen, zu erleben, zu tun, zu denken, zu fühlen.
Oder: Wenn mir schon das „Mehr“ der Ewigkeit abhanden gekommen ist, dann „muss“ es eben ein „mehr und mehr“ in andere Richtungen sein: Mehr Freunde, mehr Anerkennung, mehr Urlaube, mehr Facebook-Kontakte, mehr Fitness, mehr Feiern, mehr Einsatz, mehr Arbeit, mehr Leistung … Nichts ist genug. Dass da die Zeit noch enger wird ist, klar. Und dass unter dem „Mehr“ der Quantitäten die Lebens-QUALITÄT auf der Strecke bleibt, ist für den gelassenen Betrachter dieses Irrwitzes ebenfalls völlig klar; aber wer ist das schon, der gelassene Betrachter von außen?
„Weh aber der Erde und dem Meer!“, singt man im Himmel über die Welt, auf der „der Teufel los ist“ mit seiner knappen Zeit. Das griechische Wort für „Teufel“ ist „Diabolos“: der „Durchein­ander-Werfer“. Der Teufel und die Menschen mit ihrer knappen Zeit und überhaupt der atemlose Zeit-Geist, sie bringen alles durcheinander.
„Die Erde und das Meer …“ Vor einiger Zeit war ich in Taizé und habe dort einen Workshop besucht mit einem belgischen Europa-Parlamentarier zum Thema „Regulierung des Banken-Systems“. Der sagte direkt zu Anfang: Es gibt zwei große Probleme, die die Menschheit und die Welt insgesamt massiv bedrohen: Das eine sind die wachsenden sozialen Verwerfungen. Das andere ist die ökologische Katastrophe. Und beide Probleme haben hauptsächlich eine einzige Ursache: Das Streben nach KURZFRISTIGEN Profiten. Betonung auf „kurzfristig“. Kurzfristig kann es sich „lohnen“, gesunde Unternehmen zu zerschlagen, irrwitzige Spekulationen zu tätigen, die Preise für Grundnahrungsmittel in die Höhe zu treiben. Heutzutage wird ein Großteil der Aktien buchstäblich in Millisekunden ge- und wieder verkauft. Wen interessiert da noch nachhaltige und verantwortliche (Unternehmens-) Politik?
Der Parlamentarier hat das mit dem Verlust von Vertrauen in Verbindung gebracht: Wer kein Vertrauen in die längere Zukunft hat, will den kurzfristigen Profit. Wer den kurzfristigen Profit will, zerstört die längere Zukunft. Der Teufel hat wenig Zeit. Wehe der Erde und dem Meer!
Gibt es für Sie eine Möglichkeit, aus der schlechten Gesellschaft des Teufels mit seiner knappen Zeit auszusteigen? Ja sicher. Das wäre jetzt der Punkt, um zu den Lebenstipps zu kommen – Tagesgestaltung, Nein-Sagen, Prioritäten setzen, Zeiten für Stille, Meditation, Gebet, Gestaltung von Urlaub, Abschalten des Grübelns, Selbst-, Fremd-, Gott-Ver­wirklichung, Grenzen für Fernseher und Compi; die Frage, worauf es im Leben ankommt – und worauf nicht so …
Aber bei den Lebenstipps halte ich mich heute zurück. Mir geht es jetzt um’s Grundsätzliche. Und das wäre: dem Zeitgeist seine bunten Masken abzureißen und zu sehen, wer dahinter steckt: Der Teufel, der im Himmel kein Bein an den Boden kriegt mit seiner knappen Zeit und stattdessen auf der Erde der große Durcheinander-Werfer ist mit seiner Eile.
Schon früh gab es in alten Tauf-Ritualen die „Absage an den Teufel“. Im Blick auf unseren Text heißt das: Christen dürfen sich ein anderes Zeit-Verständnis leisten. Sie müssen NICHT durch ihre Tage hetzen unter dem Druck, dass sie gezählt sind. – Sondern? In Markus 1,15 steht kurz und knapp, mit welcher Botschaft Jesus an die Öffentlichkeit geht:

Die Zeit ist erfüllt und das Reich Gottes ist herbeigekommen. Ändert euren Sinn und glaubt an das Evangelium!

Nicht knappe Zeit, sondern erfüllte Zeit, in Christus erfüllte Zeit. Nicht die vergehende Welt, sondern das kommende Gottesreich. Deswegen: „Ändert euren Sinn und glaubt an das Evan­gelium!“

Gebet (von Jochen Klepper):

Der Du allein der Ewge heißt // und Anfang, Ziel und Mitte weißt // im Fluge unserer Zeiten: // Bleib Du uns gnädig zugewandt // und führe uns an Deiner Hand, // damit wir sicher schreiten!

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Alter Rücken – neue Kreatur. Andacht zum 12.9.2014

Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur. Das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden. (2. Korinther 5, 17)

Ein Tag im vergangenen Juni …

Ich stolpere über diesen Vers genau im passenden Moment: Seit gestern habe ich es so im Rücken, dass ich nur mit ausgeklügelten Techniken auf’s Fahrrad und wieder herunter komme. Dann ist da seit ein paar Tagen ein angebrochener Zahn, der so lange nicht weh tut, wie ich nicht drauf beiße, und die Zahnärztin ist nicht erreichbar. Wenigstens die Zecke ist vollständig aus dem Bein, da dachte ich, damit müsste ich auch noch los. Wenigstens die beruflichen Pflichten sind heute überschaubar, irgendwie humple ich schon durch den Tag.
Ich weiß, ich klage auf hohem Niveau. Ich wüsste sofort eine Handvoll Leute, die ohne Zögern meine Wehwehchen übernehmen würden, wenn sie dafür ihre eigenen schlimmen Krankheiten los wären. Von den Seelen-Schmerzen bei manch einem gar nicht zu reden oder von haushohen Sorgen.
„Neue Kreatur“, also „wie neu geboren“, das wäre schon klasse. Leicht und locker hier raus spazieren aus meinem Büro, die Gitarre auf dem Rücken, irgendwo ein paar Patienten sammeln und ein paar fetzige Lieder singen, das wär’s! Aber Pustekuchen. Jetzt sitze ich mit Mühe auf meinem Stuhl, nerve mich selbst an, tue mir Leid und schreibe mir meinen Frust von der Seele.

Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur.

Aber ich bin gerade spürbar „alte Kreatur“. Also entweder bin ich nicht in Christus. Oder Paulus hat Unrecht: Man kann „in Christus“ sein – und trotzdem „ganz der Alte“, jedenfalls rückentechnisch.
Oder: Paulus hat es irgendwie anders gemeint mit der „neuen Kreatur“. WAHRSCHEINLICH hat er es anders gemeint! Denn gerade in demselben 2. Korintherbrief kann ich nachlesen: Paulus selbst hüpft auch nicht gerade fröhllich und entspannt durch’s Leben. Zeitweise ist er tief gekränkt von seinen lieben Mitchristen und zugleich in großer Sorge um sie. Ich erfahre von seinem dicken körperlichen und/oder seelischen Leiden, das einfach nicht weggehen will, auch nicht durch’s Beten. Ich lese von heftigen äußeren Nöten und Verfolgungen, die Paulus schon durchlitten hat. Was Paulus jetzt noch nicht weiß: Er wird unter Kaiser Nero den Märtyrertod erleiden. – Sieht so „neue Kreatur“ aus? Aber Paulus sagt es so. Und er hätte von sich bestimmt gesagt: „Ich bin in Christus!“
„In Christus sein“, was bedeutet das? Jetzt könnte ich mit meinem Rücken und mit meinem Zahn ja darauf kommen: Jesus hat manche Kranke geheilt – und Gelähmte aufgerichtet. Auch Paulus mit seinen Handicaps kannte wahrscheinlich solche Geschichten über Jesus. Aber merkwürdig: Dafür interessiert er sich weder hier noch anderswo in seinen Briefen, nicht ein bisschen. Sondern: Bei ihm dreht sich alles um Jesu Kreuzestod und seine Auferweckung. Ein paar Sätze vorher schreibt er über über Jesus Christus:

(…) wenn “einer” für alle gestorben ist, so sind sie “alle” gestorben. Und er ist darum für alle gestorben, damit, die da leben, hinfort nicht sich selbst leben, sondern dem, der für sie gestorben und auferstanden ist.

Schicksalsgemeinschaft mit Jesus Christus. Mit ihm auf geheimnisvolle Weise gestorben sein. Und mit ihm – ein ungegeuerlicher Gedanke! – zu einem neuen Leben auferstanden sein!
Aber trotzdem: der alte Rücken, die alte Seele. Und so scheint es Paulus zu meinen: In Christus bin ich „neue Kreatur“, bin es die ganze Zeit schon, mitsamt altem Rücken und alter Seele! – Aber was ist dann neu? Nochmal unser Vers – diesmal mit Fortsetzung:

Darum: Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden. Aber das alles von Gott, der uns mit sich selber versöhnt hat durch Christus und uns das Amt gegeben, das die Versöhnung predigt. Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. So sind wir nun Botschafter an Christi statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott!

Der Schlüsselbegriff ist: „VERSÖHNT“! Ein Eigenschafts-Wort. Aber kein Eigenschaftswort wie „klein“, „groß“, „dick“, „dünn“ oder eben „schmerzfrei“, „fröhlich“ und „gut drauf“. Denn diese Eigenschaftsworte beschreiben eine einzelne Person. Aber das Wort „versöhnt“ ist die Eigenschaft einer BEZIEHUNG.
Angenommen, Sie leben in einer Partnerschaft, Sie haben gerade Streit und zudem ein akut schmerzendes Knie. So, und nun passiert etwas Schönes: Versöhnung! Plöpp, da fällt Ihnen ein Stein vom Herzen! Das Leben fühlt sich schlagartig anders an! Halleluja!
Und das Knie? Es kann sein: Das schmerzt immer noch. Und es sagt Ihnen: Sie sind immer noch der oder die Alte. Aber die BEZIEHUNG ist versöhnt! Und in dieser Beziehung sind Sie als der Alte ein ganz Neuer!

Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur.

In Christus sein. In ihm mit Gott versöhnt.
Jetzt sagen Sie vielleicht: „Gott habe ich aber noch nie gesehen und zu fassen gekriegt! Da ist mir meine Partnerin / mein Partner aber deutlich näher!“
Wissen Sie: Und genau an dem Punkt irren Sie sich! GOTT ist Ihnen näher! Näher als ein anderer Mensch, näher als Sie sich selbst. Ob Sie es merken oder nicht, ob es Ihnen passt oder nicht. Oder wie Manfred Siebald dichtete: „Mehr noch als die Luft, die uns umgibt und die uns leben lässt, brauchen wir die Nähe Gottes jeden Augenblick …“
Mit Gott versöhnt – und auch noch darum wissen! – das hat wirklich was von „neuer Kreatur“. Deswegen komme ich heute zwar nicht mehr leichter vom Fahrrad. Aber ich kann trotzdem anders durch den Tag humpeln.

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Durstige Kamele. Andacht zum 5.9.2014

In Partnerschaften kann es manchmal Phasen geben, da fragen Sie sich: „Wie bin ich bloß an DEN / an DIE geraten?!?“ Bei der Antwort werden Sie aber nicht um die Erkenntnis herumkommen: Sie haben selbst mal „Ja“ gesagt. (Oder jedenfalls kein „Nein“.)
Es ist allerdings ein ziemlich neues Phänomen, dass Partner „Ja“ sagen, also einander selbst aussuchen. Früher wurden auch in Europa Ehen oft „arrangiert“. Das kann man schrecklich finden. Ich finde das auch. Allerdings hat mir eine Studie aus Indien zu denken gegeben: Angeblich sind die Partner aus „arrangierten“ Ehen gegenüber „selbst ausgesuchten“ Ehen nach 5 Jahren im Schnitt „glücklicher“ miteinander. Mhm.
Heute lesen Sie über das Arrangement einer Ehe (in voller Länge: Genesis 24): Abrahams Sohn Isaak soll eine Frau bekommen. Die Frage „Wer soll’s denn sein?“ ist nicht nur für Isaak persönlich wichtig: Aus diesem Familien-Clan soll mal ein großes Volk werden – „Gottes Volk“. Daraus wird später Jesus Christus hervorgehen. Auch wer selbst mit Religion kein bisschen am Hut hat, wird zur Kenntnis nehmen müssen: Die Mehrheit der heutigen Menschheit gehört – zumindest nominell – einer der „abrahamitischen“ Religionen an: Judentum, Christentum, Islam. Und da ist diese Nomadensippe von vor knapp 4.000 Jahren mit ihrem Glauben von Bedeutung. Also: Diese Ehe-Anbahnung schreibt Weltgeschichte …
Isaaks Frau soll in der alten Heimat im syrischen Haran ausgesucht werden. Abraham legt diese verantwortungsvolle Aufgabe in die Hände seines altvertrauten Mitarbeiters Eliëser und schickt ihn auf eine lange Dienstreise. – Mit viel Gepäck:

So nahm der Knecht zehn Kamele von den Kamelen seines Herrn und zog hin und hatte mit sich allerlei Güter seines Herrn und machte sich auf und zog nach Mesopotamien, zu der Stadt Nahors.

Und jetzt? Wie packt Eliëser die Sache an? Wo kann man viele Leute treffen? Na klar: Der Stadtbrunnen!

Da ließ er die Kamele sich lagern draußen vor der Stadt bei dem Wasserbrunnen des Abends um die Zeit, da die Frauen pflegten herauszugehen und Wasser zu schöp­fen.

So, und nun tut Eliëser etwas, worauf nicht jeder bei der Brautschau kommt: Er betet. Und er sagt Gott bei der Gelegenheit, wie er sich die Auswahl vorstellt:

(…) Siehe, ich stehe hier bei dem Wasserbrunnen, und die Töchter der Leute in dieser Stadt werden herauskommen, um Wasser zu schöpfen. Wenn nun ein Mädchen kommt, zu dem ich spreche: „Neige deinen Krug und lass mich trinken, und es sprechen wird: Trinke, ich will deine Kamele auch tränken“ -, das sei die, die du deinem Diener Isaak beschert hast, und daran werde ich erkennen, dass du Barmherzigkeit an meinem Herrn getan hast!

Wasser für die Durstigen. DAS ist das Kriterium. Schauen Sie bitte auf folgendes Detail: Eliëser wird nur um Wasser für sich selbst bitten. Aber „die Richtige“ wird VON SICH AUS die durstigen Kamele sehen und ihnen Wasser geben. Und so kommt es dann auch:

Da kam heraus Rebekka (…). Die stieg hinab zum Brunnen und füllte den Krug und stieg herauf. Da lief ihr der Knecht entgegen und sprach: „Lass mich ein wenig Wasser aus deinem Kruge trinken!“ Und sie sprach: „Trinke, mein Herr!“ Und eilends ließ sie den Krug hernieder auf ihre Hand und gab ihm zu trinken. Und als sie ihm zu trinken gegeben hatte, sprach sie: „Ich will deinen Kamelen auch schöpfen, bis sie alle genug getrunken haben!“ Und eilte und goss den Krug aus in die Tränke und lief abermals zum Brunnen, um zu schöpfen, und schöpfte allen seinen Kamelen. Der Mann aber betrachtete sie und schwieg still, bis er erkannt hätte, ob der HERR zu seiner Reise Gnade gegeben hätte oder nicht.

Ich finde das stark: Rebekka schöpft für sich selbst, für ihre Angehörigen in der Stadt, für den Fremden, für die Kamele. Alle trinken von demselben Wasser. Beim Durst hört das Trennende von Einheimischen und Fremden auf, auch der Unterschied zwischen Mensch und Tier. Da sind sie alle einander sehr ähnlich. Das verbindet. Es ist wie mit dem Hunger und wie mit dem Atem. Wie mit dem Bedürfnis nach Raum und nach einem Gegenüber. Alle brauchen das: Einheimische, Fremde, Kamele. Und was immer von den Dreien Sie gerade sind: Sie und ich brauchen das auch.
Randbemerkung: Selbstverständlich schöpft Rebekka auch für sich selbst. Wer immer nur für seine Lieben schöpft, für die Fremden und für die stets durstigen Bewohner nahöstlicher, sozialer und seelischer Steppen – und sich selbst dabei übergeht! -, wird früher oder später selbst erschöpft, ausgesaugt, verdurstet sein. Rebekka gibt den anderen – und sich selbst.
Dann holt Eliëser kostbaren Schmuck hervor und erkundigt sich nach Rebekkas Sippe. Rebekka muss ziemlich verblüfft gewesen sein. Trotzdem lädt sie Eliëser zu ihrer Sippe ein. – Und jetzt achten Sie mal darauf, WIE sie das tut:

Es ist auch viel Stroh und Futter bei uns und Raum genug, um zu herbergen.

Das klingt fast schon mehr nach einer Einladung an die Kamele als an Eliëser. So ist sie zu den Tieren, die Rebekka.
Während Eliëser ein Dankgebet spricht, läuft Rebekka nach Hause und erzählt alles. Ihr Bruder Laban geht nun zum Brunnen, um den Fremden mit seinen Kamelen zu holen.
Und was tut Laban, als sie zu Hause ankommen? Achten Sie auf die Reihenfolge!

Da führte er den Mann ins Haus und zäumte die Kamele ab und gab ihnen Stroh und Futter. Dazu auch Wasser, zu waschen seine Füße und die Füße der Männer, die mit ihm waren. Und man setzte ihm Essen vor.

Aber bevor Eliëser essen will, schildert er in aller Ausführlichkeit seinen Auftrag und was er seitdem mit Gott und mit Rebekka erlebt hat.
Der Besuch zieht sich orientalisch lang hin, aber schließlich reißt sich Eliëser förmlich los:

„Haltet mich nicht auf, denn der HERR hat Gnade zu meiner Reise gegeben! Lasst mich, dass ich zu meinem Herrn ziehe!“

Dieses Eliëser-Zitat darf gern mal über meiner Trauer-Anzeige stehen. Aber Eliëser meint es hier natürlich etwas anders. Trotzdem sind Abschied und Aufbruch angesagt – für alle Beteiligten. Und jetzt kommt eine Szene, die über die „arrangierte Ehe“ hinaus geht:

Und sie riefen Rebekka und sprachen zu ihr: „Willst du mit diesem Manne ziehen?“ Sie antwortete: „Ja, ich will es!“

Rebekka wird gefragt, und sie hat die Entscheidung. Einige Verse weiter das Happy End:

Da führte sie Isaak in das Zelt seiner (verstorbenen) Mutter Sara und nahm die Rebekka und sie wurde seine Frau und er gewann sie lieb.

Schade für Sie: Sara oder Isaak sind jetzt schon vergeben. Trotzdem: Seien Sie gut zu den Kamelen! Und zu all den anderen, die Wasser und Futter und Raum brauchen! Seien Sie gut zu ihnen – besonders bei Ihrer Kauf-Entscheidung am Kühlregal vom Supermarkt! Um der Tiere willen. Um Gottes willen. Und um Ihrer selbst willen: Denn solche Leute wie Rebekka haben einen besonderen Platz in Gottes Geschichte.

Gebet:
Gott, Du hast mir Augen und Ohren gegeben, Hände und ein Herz für all das Leben um mich herum. Danke! Die Scheuklappen sind nicht von Dir. Die will ich Dir hinlegen. Amen.

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Alles Liebe, oder was? Andacht zum 29.8.2014

„Peter, aufstehen!“, ruft die Mutter, „gleich ist Kirche!“ – Peter: „Ich will nicht! Erstens sind die Gottesdienste voll öde, und zweitens kann ich die Leute da nicht leiden!“ Darauf die Mutter: „Und Du gehst DOCH! Erstens ist es gleich schon halb 10, und zweitens bist Du der Pastor!“
Tja, da hat es der Pastor schwer mit seiner Gemeinde. Aber was noch schlimmer ist: Da hat es die Gemeinde schwer mit ihrem Pastor. Schlecht, wenn es an der Liebe fehlt. Wenn die Liebe vielleicht noch nie da war. Oder wenn sie auf der Strecke geblieben ist. Und das gilt beileibe nicht nur für den Pfarrer oder die Pfarrerin, das gilt für alle, die sich zur Gemeinde halten. Oder sich dazu hielten.
Dabei haben’s Christen doch von Haus aus mit der Liebe. Jesus selbst hat schließlich das Dreifachgebot der Liebe formuliert: Liebe zu Gott, Liebe zum Nächsten, Liebe zu sich selbst. Jesus hat uns die Geschichte vom barmherzigen Samariter ans Herz gelegt und damit gesagt: Die Liebe zum Nächsten soll demjenigen gelten, der Dich gerade dringend braucht! Und: Jesus legt seinen Leuten sogar die Feindes-Liebe ans Herz!
Nun sagen Sie vielleicht: „Schön und gut, aber die Liebe zu den CHRISTEN kommt in dieser Aufzählung NICHT vor! Schon gar nicht zu den Christen, die mit mir am selben Ort wohnen. Und die vielleicht sogar mit mir in derselben Kirche sitzen!“ – In der Tat: Die Liebe unter den Christen kommt nicht immer vor. Ausgerechnet in der „Gemeinschaft der Heiligen“ aus dem Glaubensbe­kennt­nis geht es gelegentlich schon mal wenig heilig zu.
Es gibt Leute, die haben das so für sich gelöst: „Liebe zu Gott – ja! Und Liebe zum Nächsten – auch! Man will ja ein anständiger Mensch sein. Aber andere Christen, Gemeinde oder gar Kirche? Nee, ich kann doch auch allein beten!“ Klar, kann ich. Aber CHRISTLICHER Glaube ist anders gedacht: Nicht als Solo-Programm, sondern als gemeinsam geteilter und gelebter Glaube.
Wieso ist das mit der Liebe unter den Christen, nicht den entfernten, sondern am selben Ort, in derselben Gemeinde, manchmal so schwierig, schwieriger vielleicht als bei den anderen Liebes-Formen? Na, als aufopferungsvoller barmherziger Samariter kann ich mich in der Rolle richtig gut fühlen. Feindesliebe ist da schon schwieriger. Allein schon, sich einzugestehen, welche zu haben. Aber wenn ich dann den Feind dadurch beschäme, ihm auch die linke Wange hinzuhalten, hat das was Heroisches und ist immerhin noch ein Sieg nach Punkten.
Aber die Mitchristen von nebenan? Oder die sich dafür halten? Die Quertreiber? Oder, die die immer „in die Kirche rennen“, um ihre Klamotten zu zeigen? (Beliebtes Klischee, aber ich kenne keinen.) Oder die, die alle guten Ideen blockieren? Oder die mit ihrer antiquierten Moral? Oder die mit ihrer fehlenden Moral – Sodom und Gomorrha? Oder nach den alten Geschichten mit Herrn Meier-Müller? Nein, diese bösen Worte von damals haben Sie nicht vergessen! Der hat sich ja auch nie entschuldigt. Irgendwann reicht es.
Sie merken schon: Manchmal geht es unter Christen zu wie in einer Familie. Christen nennen sich schließlich Brüder und Schwestern, Kinder Gottes. Und wo die Geschwister eng verbunden sind, da können Verletzung, Streit und alle starken Gefühle ins Kraut schießen.
Und andersrum: Wo alle super tolerant sind und niemals einer dem anderen auf die Füße tritt, da interessiert sich auch keiner für den anderen. Gleichgültigkeit. Der Preis der Nähe, der Preis der Liebe ist die gelegentliche Kränkung. Egal ob Familie, Partnerschaft oder eben – Gemeinde.
Und nun ein Abschnitt aus dem Ersten Johannesbrief. Es geht um die Liebe zu Gott und um die Liebe unter Glaubens-Geschwistern. Und – es geht um Streit: Es gab damals nämlich Leute, die sagten: Der Christus vom Himmel, der ist gar nicht so ganz hunderprozentig Mensch geworden. Der hat nicht Fleisch und Blut angenommen, das sah nur so aus. Deswegen ist zwar der Mensch Jesus am Kreuz gestorben, aber nicht der göttliche Christus in ihm. Und da sagt „Johannes“: Nein! Christus war GANZ Mensch! Und er hat GANZ Kreuz und Tod durchlitten …

Jeder, der glaubt, dass Jesus der Christus ist, stammt von Gott und jeder, der den Vater liebt, liebt auch den, der von ihm stammt. Wir erkennen, dass wir die Kinder Gottes lieben, wenn wir Gott lieben und seine Gebote erfüllen. Denn die Liebe zu Gott besteht darin, dass wir seine Gebote halten. Seine Gebote sind nicht schwer. Denn alles, was von Gott stammt, besiegt die Welt. Und das ist der Sieg, der die Welt besiegt hat: unser Glaube. Wer sonst besiegt die Welt, außer dem, der glaubt, dass Jesus der Sohn Gottes ist? (1. Johannesbrief 5, 1-5)

„Jeder, der glaubt, dass Jesus der Christus ist, stammt von Gott …“. Der Mensch Jesus und der göttliche Christus lassen sich nicht auseinander dividieren.
Was hat das nun mit der Liebe zu tun? Antwort: Meine Liebe zu Gott und meine Liebe zu den Geschwistern im Glauben, die lassen sich auch nicht auseinander dividieren! Liebe und Liebe gehören zusammen!
Wer soll sich diese Antwort nun dick rot anstreichen?
Diejenigen, die ihre Liebe zu ihrem lieben Gott ausschließlich für sich allein leben wollen. Johannes sagt: Geht nicht! Liebe und Liebe sind nicht zu trennen!
Diejenigen, die im Streit um den richtigen Glauben, den richtigen Gemeinde-Kurs usw. aus lauter Liebe zu Gott lieblos zu den Geschwistern sind. Johannes sagt: Geht nicht! Liebe und Liebe sind nicht zu trennen!
Diejenigen, die bestimmte andere persönlich ablehnen – und in ihrer Ablehnung völlig erstarrt sind, dauernd weggucken, nicht mehr grüßen, die Abgelehnten vor anderen schlecht machen. Johannes sagt: Geht nicht! Liebe und Liebe sind nicht zu trennen!

Und nun? Heile, heile Gänschen, Ringelpitz mit Anfassen, alle vertragen sich mal schön? So leicht geht’s dann doch nicht immer. Und Sie sollten es auch nicht für Liebe halten, über jeden Ansatz von Auseinandersetzung die süßliche Harmonie-Soße zu gießen. Und das, was nichts ins Heile-Welt-Bild passen will, unter den großen frommen Teppich zu kehren.
Nein, aber vielleicht so: In Liebe streiten. Einander freundlich ansehen und grüßen, auch bei verhär­te­ten Fronten. Die Sprache wiederfinden. Sich eine ganz unvermutete, überraschende, entwaff­nende Liebes-Offensive trauen. Hilfe holen: Wer kann vermitteln, zusammenbringen, moderieren? Nicht nur pflegen, was trennt, sondern was verbindet, und da vor allem: die Liebe zum himmlischen Vater! Und nmiteinander zu Jesus Christus zu gehören!
Aber das sind fast schon wieder zu viele Schlagworte und Patent-Rezepte. Vielleicht reicht es ja für HEUTE, wenn Sie sich darauf besinnen: Unser himmlischer Vater hat uns durch Jesus Christus zu einer Geschwister-Schar gemacht. Das ist manchmal eine Lust, manchmal ein Frust und eine Last. Diese Gemeinschaft will gelebt, gehegt, gepflegt werden.
Und wenn Sie beim Glauben Einzelgänger sind oder ein christlicher Eiferer oder einer, der sich im verbissenen Nachtragen einen Bruch hebt, dann sollen Sie heute darüber stolpern – und mit der Nase darauf stoßen: Es darf, es soll wieder zusammen wachsen, was unteilbar zusammen gehört: die Liebe zum Gott in Fleisch und Blut und die Liebe zu den Glaubens-Geschwistern aus Fleisch und Blut und gerade mal um die Ecke.

Gebet:
Gott, danke für die Menschen, mit denen ich im Glauben gemeinsam unterwegs sein kann!
Du weißt um all das Gute, das ich mir nicht allein geben kann, wozu ich die anderen brauche. Ich danke Dir auch für alle hilfreichen An-Stöße, auch wenn sie manchmal stören, vielleicht sogar weh tun.
Ich danke Dir auch für die Möglichkeiten, die Du mir gegeben hast, um anderen Gutes zu tun auf Ihrem Weg! Amen.

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Der bessere Segen. Andacht zum 22.8.2014

Vater, Mutter, zwei Söhne. Zwillinge. Von Anfang an liegt Spannung in der Luft. Die Brü­der prügeln sich schon im Mutterleib. Dann: Der Erstgeborene ist Papas Liebling, der Zweite der Liebling von Mama. Stoff für belastete Lebensgeschichten über die Kindheit hinaus, Sie kennen das vielleicht. Falls Sie Bibelkenner/in sind, wissen Sie auch die Namen der Hauptdarsteller: Vater Isaak, Mutter Rebekka, der Erstgeborene Esau, Mamas Liebling Jakob.

Die Jahre gehen ins Land, die Kinder werden groß, die Eltern alt. Der Vater erblindet und denkt, dass er bald stirbt. (Er wird noch Jahrzehnte leben …) Nun soll Esau den Segen für den Erstgeborenen bekommen. Mutter Rebekka bekommt Wind von der Sache und hat einen Plan: Sie will die Blindheit Ihres Mannes ausnutzen und mit ein paar Tricks und Täuschungen dafür sorgen, dass ihr Mann ihren geliebten Jakob für Esau hält, während der unterwegs ist. So wird Jakob den Segen bekommen.

Mamas Liebling Jakob spielt bei dem Betrug mit, Isaak lässt sich täuschen. Und jetzt kommt der Segen für den Falschen:

Gott gebe dir vom Tau des Himmels und von der Fettigkeit der Erde und Korn und Wein die Fülle. Völker sollen dir dienen, und Stämme sollen dir zu Füßen fallen. Sei ein Herr über deine Brüder, und deiner Mutter Söhne sollen dir zu Füßen fallen. Verflucht sei, wer dir flucht; gesegnet sei, wer dich segnet! (Genesis 27, 28-29)

Ein Segen, wie er im Buche steht: Wohlstand und Erfolg, Einfluss und Ansehen. Super. Die Gaunerei hat sich gelohnt, wenn das alles so eintrifft …

Da kommt Esau zurück, geht zu seinem Vater, um sich segnen zu lassen – und beide fallen aus allen Wolken, als sie merken, dass sie betrogen worden sind. Doch alles Weinen hilft nicht: Der Erstgeborenen-Segen kann nicht zurückgenommen werden. Bleibt denn da kein anderer Segen? Esau fleht und fleht. Aber Isaak kann nichts machen. Was an Segen übrig ist, ist kaum der Rede wert:

Siehe, du wirst wohnen ohne Fettigkeit der Erde und ohne Tau des Himmels von oben her. Von deinem Schwerte wirst du dich nähren, und deinem Bruder sollst du dienen. Aber es wird geschehen, dass du einmal sein Joch von deinem Halse reißen wirst.

Esau ist nicht nur hilflos-traurig, er ist auch voller Zorn. Seine Botschaft an seinen Bruder geht sinngemäß so: „Warte nur ab, bis unser Vater gestorben ist, dann mache ich Dich kalt!“ – Diese Ansage ist deutlich. Jakob flieht zu einem im Ausland ansässigen Zweig der Familie, die Brüder bekommen einander für mehr als zwei Jahrzehnte nicht zu sehen.

Wer hat nun mit dem Segen den besseren Schnitt gemacht? Na klar: Jakob, der Betrüger! Nun greifen diese Segensworte weit in die Zukunft: Esaus Nachkommen, die Edomiter, werden in der öden Gegend südlich des Toten Meeres siedeln, Jakobs Nachkommen ein paar Jahrhunderte später im fruchtbaren Kernland.

Und vorher? Im eigenen Leben? Was Jakob betrifft: Er erwirtschaftet in der Fremde beträchtliche Kleintierherden, hat zwei Frauen und 13 Kinder. Fruchtbarkeit, Wohlstand, Erfolg. Dem Sinn nach ungefähr das, was ihm im Segen gesagt wurde.

Aber das ist noch nicht die ganze Wahrheit: Jakob wird durch die Flucht seine geliebte Mutter nie wiedersehen. Im Exil wird sein Onkel ihn betrügen und hintergehen. Die Ehen sind nicht nur klasse: Jakob sitzt zwischen den Stühlen seiner beiden einander total kränkenden, verletzenden Frauen. Auch die Liebe zu seinen eigenen Kindern wird Jakob ungleich verteilen, so dass die Geschwister-Intrigen sich in der Folgegeneration fortsetzen. Den Lieblingssohn Josef wird er viele Jahre für tot halten und fast daran zerbrechen. Glücklich klingt anders.

Und Esau? Er wird seinen Vater noch lange behalten. Dass er als Mitglied einer Migrantenfamilie seine drei Frauen aus der einheimischen Bevölkerung nimmt, passt seinen Eltern nicht. Aber wir hören nichts darüber, dass Esau selbst mit ihnen unglücklich gewesen sei.

Dann hören wir lange nichts von Esau. Erst als Jakob gute 20 Jahre später eher fluchtartig in seine alte Heimat zurückkehrt, erscheint Esau wieder auf der Bildfläche. Zuerst in Jakobs Phantasien: der auf Rache sinnende, lebensbedrohliche Bruder. Jakob entwickelt einen ausgefeilten Plan, um Esau zu besänftigen, bevor sie sich live treffen: Er schickt vor sich Kleintierherden her – Geschenke zur Besänftigung des zürnenden Bruders …

Aber wie anders ist Esau, als sie einander dann leibhaftig begegnen!

Esau aber lief ihm entgegen und herzte ihn und fiel ihm um den Hals und küsste ihn und sie weinten. (Genesis 33, 4)

Nachdem Jakob seine Familie seinem Bruder vorgestellt hat, kommt die Rede auf die Geschenk-Herden:

Esau sprach: Was willst du mit all den Herden, denen ich begegnet bin? Er antwortete: Dass ich Gnade fände vor meinem Herrn. Esau sprach: Ich habe genug, mein Bruder. Behalte, was du hast! Jakob antwortete: Ach nein! Hab ich Gnade gefunden vor dir, so nimm mein Geschenk von meiner Hand; denn ich sah dein Angesicht, als sähe ich Gottes Angesicht, und du hast mich freundlich angesehen. Nimm doch diese Segensgabe von mir an, die ich dir zugebracht habe; denn Gott hat sie mir beschert und ich habe von allem genug. So nötigte er ihn, dass er sie nahm. (Genesis 33, 8-11)

Wir erleben hier einen Jakob mit schlechtem Gewissen. Die Lebensgefahr ist vorbei, die Schuld drückt trotzdem. Deswegen diese Unterwürfigkeit. Deswegen drängt er Esau seine Gaben förmlich auf. – Zum Schluss mit Erfolg. Esau nimmt es nicht, weil er es will oder braucht, sondern als netten Zug gegenüber seinem Bruder. Den entlastet das nämlich.

Ich meine, zwei Sätze verraten schön, wie es um Esaus Lebensgefühl und Seele bestellt ist:

Ich habe genug, mein Bruder. Behalte, was du hast!

In diesem „Ich habe genug!“ steckt so viel Zufriedenheit! Gelassenheit, Frieden. Und Vergebung! Während Jakob den Esau „mein Herr!“ nennt, sagt Esau zu Jakob: „Mein Bruder!“ Einfach so. Ohne Abrechnung oder symbolträchtiges Vergebungs-Tam-Tam. Zwei Kapitel später werden sie zum guten Schluss ihren nun erst verstorbenen Vater beisetzen. Gemeinsam.

Also: Was ist der bessere Segen? – Ich will Ihnen jetzt gar nicht moralisch kommen in dem Sinne von: „Betrug zahlt sich nicht aus!“ Gott selbst hält schließlich weiter zu dem Betrüger, lässt ihn nicht fallen, segnet ihn.

Aber so: Wer den äußeren Segen zum Maßstab macht, rechnet falsch. Wer gar dauernd neidvoll vergleicht, ist auf dem Holzweg. Wer nie genug kriegen kann, lebt immer im Mangel. Tau vom Himmel, fette Böden, fruchtbare Herden, viele Kinder, Macht und Ansehen, das mag ja alles Segen sein. So ist es für Jakob gekommen.

Aber: Esau hat genug! Er sieht, dass er genug hat, auch wenn andere mehr haben mögen. Und er sagt: „Ich habe genug, mein Bruder! Behalte, was Du hast!“ Wer so fühlen und sprechen kann, ist reich gesegnet. Und der ist ein Segen für seine Welt. (Anders als eine Wirtschaftsordnung, für die es kein „Genug!“ gibt.) Mir scheint: Das ist Gottes besonderer Segen für den, dem der Erstgeburtssegen versagt blieb. Gesegneter Esau! Auch wenn Israels „Stammväter“ jetzt Abraham, Isaak, Jakob heißen – und nicht: Abraham, Isaak, Esau.

Gebet (aus „Die güldne Sonne“):

Lass mich mit Freuden / ohn alles Neiden
sehen den Segen, / den du wirst legen
in meines Bruders und Nächsten Haus.
Geiziges Brennen, / unchristliches Rennen
nach Gut mit Sünde, / das tilge geschwinde
von meinem Herzen und wirf es hinaus!

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Die anderen Boote. Andacht zum 15.8.2014

Heute eine meiner Lieblingsgeschichten aus dem Neuen Testament. Mit Jesus und seinen Jüngern. Eine Geschichte, in der sich so ziemlich jeder Christ, jede Christin wiederfinden kann. Denn Christsein hat ja etwas damit zu tun, dass Sie sich mit Christus verbunden wissen, zu ihm gehören, Ihre Spiritualität, Ihren Glauben an seine Person, sein Leben, seine Botschaft knüpfen. Kurz und knapp: Christsein bedeutet: Mit Jesus in einem Boot sitzen. Und genau das haben wir hier:

Am Abend jenes Tages sagte Jesus zu seinen Jüngern: »Kommt, wir fahren zum anderen Ufer (des Sees Genezareth) hinüber!« Die Jünger verabschiedeten die Leute. Dann stie­gen sie ins Boot, in dem Jesus noch saß, und fuhren los. Auch andere Boote fuhren mit.

Da kam ein schwerer Sturm auf, sodass die Wellen ins Boot schlugen. Das Boot füllte sich schon mit Wasser, Jesus aber lag hinten im Boot auf dem Sitzkissen und schlief. Die Jün­ger weckten ihn und riefen: »Lehrer, kümmert es dich nicht, dass wir untergehen?« Jesus stand auf, sprach ein Machtwort zu dem Sturm und befahl dem tobenden See: »Schweig! Sei still!« Da legte sich der Wind und es wurde ganz still. »Warum habt ihr solche Angst?«, fragte Jesus. »Habt ihr denn immer noch kein Vertrauen?« Da befiel sie große Furcht und sie fragten sich: »Wer ist das nur, dass ihm sogar Wind und Wellen gehorchen!« (Markus 4, 35 ff.)

Da haben Sie manches, was Sie auf Ihrem Lebensweg als Christin oder Christ vielleicht schon erlebt ha­ben: Flaute und Sturm. Vorankommen und Stillstand. Vergebliche Anstrengung. Angst, Ver­zweif­lung, Hilfeschreie. Hoffentlich die Erfahrung, dass noch ein paar weitere Leute mit Ihnen im Boot sitzen. Vielleicht aber auch die bittere Enttäuschung: Jesus schläft! – Packt nicht an, ist nicht erreichbar. Womöglich auch das Erlebnis: Jesus spricht ein machtvolles Wort! Ein Sturm legt sich, es kehrt Stille ein. Und dann kann es passieren: Sie kommen ganz neu über ihn ins Staunen, obwohl Sie doch dachten, das Sie ihn schon lange kennen.

Wenn Sie etwas von Ihrem Glaubens-Lebensweg in dieser Geschichte entdecken, sich da wieder­finden, dann würde das schon für heute reichen als Entdeckung. Aber ich habe noch etwas Spezielles für Sie. Dieses Spezielle finden Sie in einer kleinen Randbemerkung, die man schnell überliest. Sie kommt so bedeutungslos daher, dass die Evangelisten Matthäus und Lukas sie gar nicht von Markus übernommen haben:

Auch andere Boote fuhren mit.

Die anderen Boote werden später mit keinem Satz erwähnt. Wir hören auch kein Sterbenswörtchen darüber, wer denn da in den anderen Booten sitzt, wer diese Weg-Begleiter sind. Vielleicht Leute, die noch ein bisschen mehr von Jesus sehen und hören wollen und ihm deswegen nachfahren? – So eine Art Fan-Gemeinde? Oder sind es ein paar Fischer, die nur zufällig um diese Zeit unterwegs sind? Oder Reisende, die – wie Jesus – den kürzeren Weg über den See wählen?

Die anderen“, sie sind mehr oder weniger dabei, sind für einige Zeit Wegbegleiter – aber auf Abstand. Sie sitzen nicht „in einem Boot“ mit Jesus und seinen Jüngern.

Erleben diese anderen überhaupt dieselbe Geschichte? Nein. Es wird ja schon dunkel, sie sehen nichts von den Geschehnissen im Jesus-Boot. Und spätestens als der Wind aufkommt, hören sie auch nichts mehr von dort.

Aber was sie wohl genau wie die Jünger erleben: Aufkommender Sturm, Seenot, Angst, mehr oder weniger vergebliche Rettungsbemühungen. Und dann: Plötzlich legt sich der Sturm! Ein Ruf der Erleichterung: „Na, da haben wir aber nochmal Schwein gehabt!“ – Obwohl nein, wir haben es mit Juden zu tun, da ist das Schwein ein kultisch unreines Tier. Also: „Glück gehabt!“ – Ja? Nein, auch nicht, wir haben es wahrscheinlich mit frommen Leuten zu tun. „Halleluja!“ vielleicht. Oder ein nicht nur so dahin gesagtes „Gott sei Dank!“ Vielleicht ist ihnen sogar ein Abschnitt aus Psalm 107 eingefallen:

Andere wieder fuhren übers Meer (…). Sie erlebten voll Staunen, was der Herr kann und wie er die Elemente beherrscht. Auf seinen Befehl erhob sich ein Sturm und haushoch türmten sich die Wellen. Ihr Schiff wurde zum Himmel hinaufgeschleudert und stürzte hinab in den gähnenden Abgrund. Sie vergingen vor Angst und Elend. Wie Betrunkene schwankten und taumelten sie, sie waren mit ihrer Weisheit am Ende.

Sie schrien zum Herrn in ihrer Not, der rettete sie aus der Todesangst. Er ließ den Sturm zur leichten Brise werden und die tobenden Wellen legten sich. Da wurde ihnen wieder leicht ums Herz und er brachte sie zum ersehnten Hafen.

Nun sollen sie dem Herrn danken für seine Güte, ihn preisen für ihre wunderbare Rettung! In der Gemeinde sollen sie davon erzählen, im Rat der Ältesten ihn dafür rühmen! (Psalm 107, 25 ff.)

Also: Diese Leute sitzen nicht mit Jesus in einem Boot. Sie bekommen wenig bis nichts mit von dem, was in dem Jesus-Boot passiert. Sie machen die gleichen Sturm-Erfahrungen. Was die Rettung des Schiffs und des eigenen Lebens angeht, unternehmen sie wahrscheinlich ganz ähnliche Dinge. – Außer, dass sie nicht auf die Idee kommen können, Jesus wach zu machen.

Sie sehen keinen Jesus wach werden, sie hören seine Worte nicht, aber sie erleben, wie der Sturm abflaut. Und dann? Kein furchtsames Erstaunen über die Person Jesu – wie auch? Aber eben ein kräftiges „Halleluja!“, war meine Vermutung.

HEUTE ist natürlich die Reaktion „Schwein gehabt!“ dann doch im Spektrum. Oder die Gott-kritische Frage: „Wenn es einen Gott gäbe, wie könnte der es denn zulassen, dass jetzt mein Segel zerfetzt ist?“ Oder die Reaktion: „Wir vergessen diesen schlimmen Sturm mal ganz schnell und tun so, als wäre nichts gewesen!“ Oder, oder.

Wie auch immer. Ich meine jedenfalls: Wenn Sie mit Jesus in einem Boot sitzen, dann hat das Auswirkungen auf die anderen Boote. Ihre Stürme, Ihre verzweifelten Jesus-Wach-mach-Bemüh­ungen, all das zieht Kreise. Na klar, vor allem, was Jesus Ihnen sagt. Und was er dann dem Sturm und den Wellen sagt. Es hat alles Auswirkungen. Auch wenn keiner sonst außer Ihnen und Ihren Mitfahrern etwas mitbekommt. Und auch, wenn Sie Ihrerseits das „Halleluja!“ in den anderen Booten überhört haben.

Gebet:

Christus, ich bekenne Dir mein kleines Vertrauen: In den Stürmen meines Lebens fühlst Du Dich für mich manchmal so weit weg an und schlafend, obwohl Du mir doch nahe bist.

Christus, ich bekenne Dir meine Schuld: Auch in Zeiten, die für mich gut und sicher waren, wollte ich nichts davon wissen, wenn andere um mich herum oder weit weg untergingen.

Christus, ich bitte Dich um Dein Ruhe-schaffendes Wort, um Deinen Segen. Für mich. Für unser Boot. Für die anderen Boote. Amen.

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Gottesbegegnung. Andacht schon zum 8.8.2014

Die Konstellation: Eine Frau und ein Mann. Und keine Kinder. Dann bringt Gott sich ins Spiel, und das wirkt befruchtend. Mehrere Geschichten in der Bibel gehen so.

Jetzt ist allerdings die Frage: Wie kann ich denn erkennen, dass Gott die Bühne meines Lebens betritt? Dazu hat unsere Geschichte ein paar Antworten. Wir bekommen es mit den späteren Eltern von Simson zu tun: Simson, der Hau-Degen, Draufgänger, Frauenheld, der langhaarige Gottgeweihte, der keinen Alkohol anrührt. Aber nun: seine späteren Eltern …

Es war aber ein Mann (…) mit Namen Manoach, und seine Frau war unfruchtbar und hatte keine Kinder.

Manoach heißt der Mann. – Und die Frau? Fehlanzeige, keine Information. Ist ja nur die Frau. Beide haben keine Kinder. An wem liegt’s – im Zweifelsfall? Na klar, an der namenlosen Frau. Ausgerechnet sie hat nun aber eine Begegnung der besonderen Art:

Der Engel des HERRN erschien der Frau und sprach zu ihr: Siehe, du bist unfruchtbar (…). Aber du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären.

Unser Erzähler verrät uns gleich zu Anfang, was die Frau noch nicht wissen kann: Dieser Fremde ist der „Engel des Herrn“. Nicht irgendein Engel, sondern eine Erscheinungsweise Gottes selbst. Die Frau, sagt der Fremde weiter, soll Alkohol und kultisch unreines Essen meiden. Und das Kind soll ein Gottgeweihter werden. Dazu wird auch für ihn gehören: kein Alkohol! Kein Haareschneiden! Nun haben wir es bei Manoach und Frau mit einer guten Partnerschaft zu tun, denn: Sie tauschen sich über ihre Erfahrungen aus:

Da kam die Frau und sagte es ihrem Mann und sprach: Es kam ein Mann Gottes zu mir, und seine Gestalt war anzusehen wie der Engel Gottes, zum Erschrecken, so dass ich ihn nicht fragte, woher oder wohin; und er sagte mir nicht, wie er hieß.

Für die Frau war der Fremde ein „Mann Gottes“. Ein Mensch aus Fleisch und Blut. Aber mit einer besonderen Ausstrahlung: „anzusehen wie ein Engel“. Sie hatte sich erschrocken und keine Frage herausgebracht. Aber sie erzählt jetzt ihrem Mann, was der Fremde gesagt hat.

Und Manoach? Der könnte jetzt seine Frau für verrückt erklären. Er könnte sich darüber aufregen, dass sie den Fremden so engelhaft fand, dass es ihr die Sprache verschlagen hat. Nichts dergleich. Auch die Botschaft des Fremden von der Schwangerschaft zieht er nicht in Zweifel. Aber er fühlt sich unsicher. Wie soll das laufen mit so einem besonderen Kind?

Da bat Manoach den HERRN und sprach: Ach, Herr, lass den Mann Gottes wieder zu uns kommen, den du gesandt hast, damit er uns lehre, was wir mit dem Knaben tun sollen, der geboren werden soll.

Gott erhört die Bitte, der Fremde kommt noch einmal – und wieder zuerst zu der Frau:

Der Engel Gottes kam wieder zu der Frau. Sie saß aber auf dem Felde und (…) Manoach war nicht bei ihr. Da lief sie eilends und sagte es ihrem Mann und sprach zu ihm: Siehe, der Mann ist mir erschienen, der heute Nacht zu mir kam. Manoach machte sich auf und ging hinter seiner Frau her und kam zu dem Mann und sprach zu ihm: Bist du der Mann, der mit der Frau geredet hat? Er sprach: Ja.

Manoach fragt nun nach dem Kind, und der Fremde wiederholt, was er schon der Frau gesagt hatte. Na ja, manche Dinge sollte man wohl zweimal sagen. Jedenfalls: Das Kind soll keine extravagante Erziehung bekommen, keine Eliteförderung und schon gar kein geistliches Spezialprogramm. Kein Alkohol, kein Haareschneiden, und gut ist.

Nun lädt Manoach den Fremden zum Essen ein. Der lehnt ab – aber er schlägt vor:

Willst du aber dem HERRN ein Brandopfer bringen, so kannst du es opfern. Manoach aber wusste nicht, dass es der Engel des HERRN war.

Der geheimnisvolle Fremde. Wir lesen hier nochmal ausdrücklich: Manoach weiß nicht, mit wem er es zu tun hat. Aber er will es genauer wissen und fragt:

Wie heißt du? Denn wir wollen dich ehren, wenn nun eintrifft, was du gesagt hast. - Aber der Engel des HERRN sprach zu ihm: Warum fragst du nach meinem Namen, der doch geheimnisvoll ist? Da nahm Manoach ein Ziegenböcklein und Speisopfer und brachte es auf einem Felsen dem HERRN dar, der geheimnisvolle Dinge tut. Manoach aber und seine Frau sahen zu. Und als die Flamme aufloderte vom Altar gen Himmel, fuhr der Engel des HERRN auf in der Flamme des Altars. Als das Manoach und seine Frau sahen, fielen sie zur Erde auf ihr Angesicht. Und der Engel des HERRN erschien Manoach und seiner Frau nicht mehr. Damals erkannte Manoach, dass es der Engel des HERRN war, und sprach zu seiner Frau: Wir müssen des Todes sterben, weil wir Gott gesehen haben. Aber seine Frau antwortete ihm: Wenn es dem HERRN gefallen hätte, uns zu töten, so hätte er das Brandopfer und Speisopfer nicht angenommen von unsern Händen. Er hätte uns auch das alles weder sehen noch hören lassen, wie jetzt geschehen ist. (alles: aus Richter 13)

Kaum gibt sich der „Engel des Herrn“ zu erkennen, ist er auch schon weg und kommt nicht wieder. Die Schlussfolgerungen aus dieser Gottesbegegnung sind bei Manoach und seiner Frau allerdings sehr unterschiedlich: ER meint: Jetzt müssen wir sterben! SIE dagegen hat eine völlig angstfreie Vorstellung von Gott – und sie benennt gute Gründe. Für sie ist diese Gottesbegegnung eher eine besondere Gnade. Und sie behält Recht.

Und nun zu uns. Woran Gott erkennen? Hier ein paar Antworten:

  1. Es ist nicht unbedingt nötig, Gott immer zu erkennen. Hätte Manoach nicht nachgehakt, Simson wäre trotzdem geboren, seine Eltern hätten ihn als Gottgeweihten erzogen, also ohne Alkohol und Haareschneiden. Nein, „unbedingt nötig“ wäre es nicht gewesen. Und auch nicht unbedingt möglich: In unserer Geschichte ist der Name des „Engels des Herrn“ geheim, und Gott ist der, der „geheimnisvolle Dinge tut“. Es ist wie ein Versteckspiel – und es ist ein Glück, den Versteckten zu finden …

  2. Gott begegnet in menschlicher Gestalt. Nicht immer, aber vielleicht besonders gern. Für Manoachs Frau zunächst als „Mann Gottes“. Christen sagen: „Uns begegnet Gott in dem Menschen Jesus Christus!“ Aber es könnte ebenso sein: Sie erfahren Gutes durch Ihre Mitmenschen – und Gott selbst ist durch diese Leute am Werk. – Oder?

  3. Gott zu begegnen kann heiliges Erschaudern auslösen: Manoachs Frau spricht von einer Gestalt „zum Erschrecken“, und Manoach meint zum Schluss gar, jetzt müssten sie sterben. – Müssen sie NICHT. Aber: Wenn Sie dazu neigen, Gott manchmal zu verniedlichen und nur als guten Kumpel und tollen Freund zu handeln (ich muss mich da öfter einschließen), dann kann alles Mögliche wohl schuld daran sein – aber eine Gottesbegegnung wohl eher nicht …

  4. Selbst suchen, selbst einladen. Manoach gibt sich nicht damit zufrieden, was andere – hier seine eigene Frau – ihm für religiöse Sachen erzählen. Er betet – selbst, mit seinem eigenen Anliegen und seinen eigenen Worten. Er will selbst den „Mann Gottes“ erleben. Und als das passiert, lädt er ihn ein. Das klappt zwar nicht, aber Manoach lässt sich auf die Opferfeier ein – und dabei fällt dann der Groschen. Manch einem begegnet Gott ohne Einladung. Dem Manoach nicht. Da waren das Suchen, Bitten, Fragen, Einladen wichtig.

  5. Gott entzieht sich. Der „Engel des Herrn“ fährt mit der Flamme auf – und erscheint den beiden nicht mehr. Das sei Ihnen zum Trost gesagt, wenn Sie neidvoll auf Leute gucken, die sich Gott immer total nahe fühlen und in Gott förmlich auf- und untergehen. Es ist nicht Ihre „Macke“ im Glauben, dass Sie das nicht so erleben. Es kann sein, dass Worte und Zeichen der Nähe Gottes reichen müssen, reichen dürfen. Und Ihre Erinnerung an eine frühere Begegnung vielleicht. Wie bei Manoach und seiner Frau.

Gebet:

Du großer Gott, ich kann Dich nicht begreifen, nicht erfassen, selten verstehen und oft nicht finden. Aber ich danke Dir, dass Du mich kennst, mich verstehst und – mich findest! Amen.

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