Wenn einer eine Reise tut … Andacht zum 25.7.2014

… dann passt das schon mal gut zu unserem heutigen Bibeltext. Allerdings ist es dort nicht einer, es sind mehrer. Und im Mittelpunkt zwei: Paulus und Barnabas.

Ich möchte mit Ihnen einen Blick werfen auf die „erste Missionsreise“ von Paulus. Sie umfasst in der Apostelgeschichte die Kapitel 13 und 14. Aber ich will uns nur ein paar Stellen herausgreifen, an denen auf dieser Reise ein Abschnitt endet oder ein neuer beginnt.

Mein Hintergedanke: Vielleicht können Sie sich das eine oder andere abgucken für IHRE Reise. – Wie, Sie reisen gar nicht? Doch! Ihre Lebens-Reise! Vielleicht sind Sie ja gerade am Ende eines Abschnitts. Oder im Anbruch eines neuen. Oder es liegt irgendwie ein Umbruch in der Luft, aber es liegt im Dunkeln, ob er tatsächlich kommt. Und vielleicht liegt es auch im Dunkeln, ob Sie ihn eher erhoffen oder eher befürchten, diesen Umbruch.

Tja, oder es herrscht Stillstand? Nichts zu spüren von „Reise“? Es könnte sein, Sie genießen das. Endlich mal Ruhe, endlich läuft alles in geregelten Bahnen. Oder das Gegenteil: Genau der Stillstand quält Sie. Lähmung, Erstarrung, lebend tot, keine Perspektive, Mut- und Lustlosigkeit. Aber ob so oder so: Auch Stillstand ist ein Teil der Reise. Und: Es wird nicht beim Stillstand bleiben. Ob Ihnen das passt oder nicht.

Lukas, der Autor der Apostelgeschichte, richtet am Beginn der ersten Missionsreise nicht den Blick auf Paulus, sondern: auf eine GEMEINSCHAFT! Wir befinden uns in der christlichen Gemeinde im syrischen Antiochien. Innerhalb dieser Gemeinschaft gibt es nochmal eine spezielle Gruppe – in diesem Fall lauter Männer: Barnabas; Simeon Niger; Luzius von Kyrene; Manaën, ein ehemaliger Mitschüler des Fürsten Herodes, Paulus.

Ziemlich zusammengwürfelt. Allenfalls einer von ihnen könnte ursprünglich aus Antiochien sein, die anderen haben Migrationshintergrund und wohl ziemlich unterschiedliche Lebens­geschichten. Was verbindet sie da? Ja sicher, die Zugehörigkeit zur christlichen Gemeinde und zu Jesus Christus als deren Mittelpunkt. Sonst noch was?

Als sie aber dem Herrn dienten und fasteten …

Wie immer das bei diesen fünf Leuten konkret ausgesehen haben mag: Glaube spielt sich bei ihnen nicht nur im einzelnen Kopf ab, sie gestalten ihn auch gemeinsam, sie geben dem Glauben eine gemeinschaftliche Form.

Da hinein geschieht nun etwas, wo ich nicht recht weiß, wie ich mir das konkret vorstellen soll. Nämlich:

(Da) sprach der Heilige Geist: „Sondert mir aus Barnabas und Saulus zu dem Werk, zu dem ich sie berufen habe!“

Manche nehmen sich ja vor, bei ihren Entscheidungen nicht nur auf ihren „Kopf“ zu hören, sondern auf ihren „Bauch“ oder auf ihr „Herz“. Hier kommen nun weitere Ratgeber ins Spiel: Der „Heilige Geist“ und die „Gemeinschaft“.

Ich finde: Auf den Mix kommt es an! Wer NUR auf den Kopf hört und „vernünftig“ entscheidet, wird wahrscheinlich unglücklich. Wer NUR auf das Herz oder den Bauch hört, könnte manche grobe Dummheit begehen. Wer NUR auf den Heiligen Geist hört, wird Schiffbruch erleiden, wenn das, was er für den Heiligen Geist hält, ein anderer Geist ist oder seine fromm angestrichenen festen Überzeugungen. Wer NUR auf andere hört, geht dabei selbst unter.

Vielleicht spielen Sie das mal für sich durch: Was sagen denn für das, was gerade ansteht, der Kopf, das Herz, vermutlich der Heilige Geist, die wohlmeinenden Mitmschen? Und was muss ich evtl. tun, wen muss ich fragen, um besser zu wissen, was die da sagen?

Übrigens: Zumindest an DIESER Stelle der Geschichte gibt der Heilige Geist nur den Impuls zum Aufbruch. Er sagt hier nicht, WOHIN es gehen soll. Da sind dann wohl wieder Kopf, Herz, die Gemeinschaft gefragt. Vielleicht war es hier gerade das Herz: Barnabas stammt von Zypern, und da geht es jetzt hin. – Und jetzt ist Abschied angesagt:

Da fasteten sie und beteten und legten die Hände auf sie und ließen sie ziehen. (13, 1-3)

Die Etappe Zypern wird ein Erfolg, die Abreise von dort Richtung Türkei (damals: „Kleinasien“) ist unspektakulär. – Wenn da nicht ein kleines Detail wäre:

Johannes aber trennte sich von ihnen und kehrte zurück nach Jerusalem. (13, 13b)

Das war nicht konfliktfrei. Denn als zwei Kapitel weiter derselbe Johannes Markus wieder mit will, ist Paulus wegen dieser Trennung dagegen, sein Kollege Barnabas dafür. Das wird zum Streit zwischen Paulus und Barnabas führen, und sie werden dann auch getrennte Wege gehen – aber erst ab Kapitel 15, jetzt noch nicht.

Lukas erwähnt von der Türkei-Reise nebenbei ein paar Orte, wo für Paulus und Barnabas alles einigermaßen glatt lief. An anderen Orten bekommen sie aber mit ihrer Mission richtig Ärger:

  • Aus dem türkischen Antiochien (nicht das syrische Antiochien, wo sie gestartet waren) werden sie vertrieben – und schütteln verärgert den Staub von ihren Füßen.

  • Aus Ikonien fliehen sie von allein, nachdem Gewalt in der Luft liegt.

  • In Lystra wird es besonders schräg: Erst werden Paulus und Barnabas nach einer Wunderheilung als Götter verehrt, dann schlägt es ins Gegenteil um: Paulus wird gesteinigt und, als er für tot gehalten wird, vor die Stadt geschleift. Aber er kommt zu sich, steht auf – und geht erstmal wieder in die Stadt zurück!

Mir bleibt es ein Rätsel, warum unsere Reisenden bei Ärger so unterschiedlich reagieren: Mal lassen sie sich vertreiben, mal fliehen sie, mal tun sie genau das gerade nicht. Aber so spielt eben das Leben: Mal so, mal so.

Dann die Rückreise. Barnabas und Paulus steuern (außer Zypern) die Ziele ihrer Hinreise nochmal an und regeln die Dinge in den neu entstandenen christlichen Gemeinden:

(Sie) stärkten die Seelen der Jünger und ermahnten sie, im Glauben zu bleiben (…). Und sie setzten in jeder Gemeinde Älteste ein, beteten und fasteten und befahlen sie dem Herrn, an den sie gläubig geworden waren. (14, 21 ff.)

Endlich kommen sie dort wieder an, wo im doppelten Sinne ihr Heimathafen ist:

(Sie) fuhren mit dem Schiff nach Antiochia, wo sie der Gnade Gottes befohlen worden waren zu dem Werk, das sie nun ausgerichtet hatten. Als sie aber dort ankamen, versammelten sie die Gemeinde und verkündeten, wie viel Gott durch sie getan und wie er den Heiden die Tür des Glaubens aufgetan hätte. Sie blieben aber dort eine nicht geringe Zeit bei den Jüngern.

Mir gefällt besonders, dass Paulus und Barnabas „eine nicht geringe Zeit“ bleiben. „Im Auftrag des Herrn“ unterwegs zu sein, das heißt wohl gerade NICHT, STÄNDIG unterwegs und dauernd beschäftigt zu sein. Auftanken! „Bei den Jüngern!“ Und dann, erst DANN, geht es irgendwo und irgendwie weiter …

Und was kann das nun für IHREN Lebensweg bedeuten? Eines ist schon mal klar: Auch wenn der Heilige Geist selbst den Anstoß zum Aufbruch gibt, heißt das keineswegs, dass es so wird, wie „wenn Engel reisen“. Neben vielem, was hoffentlich gelingt, können Paulus, Barnabas, Ihnen und anderen Heiligen Trennungen, Konflikte, Widerstände unterlaufen, und es gibt keinen festen Fahrplan, wie das zu lösen ist. All das: Keine „Unfälle“, die nicht passieren dürfen, sondern: Sie gehören dazu!

Trotzdem gehen die beiden ihren Weg. Und sie stoßen nicht nur Dinge an, sondern (siehe Rückreise und auch später) sie kümmern sich darum, was weiter daraus wird. Und: Sie gehen ihren Weg, der nicht besser ist als andere antike Wege. Aber in der beständigen Verbindung zu ihrem Gott, der für sie in Jesus einen Namen und ein Gesicht hat.

Vor allem: Sie sind fest verwurzelt in ihrer Glaubens-Gemeinschaft. Die gibt ihnen – Konflikte hin oder her – Heimat. Dort erleben sie den entscheidenden Impuls zum Aufbruch. Dorthin kehren sie zurück – und dürfen bleiben. – „Eine nicht geringe Zeit“.

Gebet:

Gott, ich bitte Dich für meine Reise NICHT, dass es immer glatt läuft. Aber das Du an meiner Seite bist. Und ich an Deiner. Amen.

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Der Segen hinter dem Fluch. Andacht zum 18.7.2014

Heilung! – Was für ein schönes Wort! Heilung des Körpers, Heilung der Seele, Heilung einer Beziehung, Heilung eines Schmerzes. Heilung! – Was für eine Sehnsucht! Vielleicht ist das jetzt der Augenblick, danach in Ihrem Herzen zu spüren: „Welche Heilung ersehne ich?“ Oder auch: „Welche Heilung ersehne ich NICHT, weil ich das nicht zu hoffen wage?“
Dazu dann gleich noch folgende Frage: „Wie groß oder klein ist denn meine Hoffnung?“ Anders gesagt: Für wie wahrscheinlich halte ich es, dass das Ersehnte auch Wirklichkeit wird? – Für mich persönlich ist das manchmal eine Gratwanderung mit der Heilungs-Hoffnung: Man kann sie zu früh aufgeben. Oder man kann sie zu spät aufgeben. Sie können das für Ihre Heilungs-Sehnsucht überprüfen: „Wie wäre das, wenn real eine gute Chance auf Heilung besteht, aber ich habe die Hoffnung aufgegeben?“ Und umgekehrt: „Wie wäre das, wenn real KEINE Chance auf Heilung besteht, aber ich halte immer weiter an der Hoffnung fest?“
In der Bibel gibt es eine ganze Reihe von Heilungen, speziell in den Jesus-Geschichten. Jesus, der Heiland. Aber er heilt nicht alles, nicht immer, nicht überall. Kein Bericht darüber, dass z.B. einem Einbeinigen ein neues Bein gewachsen wäre. Und ausgerechnet in seinem Heimat-Ort konnte Jesus nicht in der üblichen Weise heilen (Markus 6, 5).
Heute nun eine groteske Gegen-Geschichte zur Heilung. Ich muss nicht lange raten, warum ich dazu noch nie eine Predigt gehört habe. Während durch Jesus viele Menschen Heilung erfahren, passiert in dieser Geschichte das Gegenteil: Einer wird blind. Und es hat jemand seine Finger im Spiel, der ausdrücklich „mit Heiligem Geist erfüllt“ ist.
Wir befinden uns in der „Apostelgeschichte“. Es gibt u.a. schon eine christliche Gemeinde in Antiochien in Syrien, östlich der Mittelmeer-Insel Zypern. Von hier aus werden nun zwei Leute zur Mission ausgesandt. Der eine: Saulus (später Paulus genannt) aus Tarsus in der heutigen Türkei, nord-nordöstlich von Zypern. Der andere: Barnabas. Der stammt direkt von Zypern (Apg 4, 36). Die beiden nehmen als Gehilfen noch einen Johannes Markus mit und reisen nach – na? Zypern!

Als sie (…) die ganze Insel (…) durchzogen hatten, fanden sie einen Mann, einen Magier (…) mit Namen Barjesus, der bei dem Prokonsul Sergius Paulus war, einem verständigen Mann. Dieser rief Barnabas und Saulus herbei und begehrte das Wort Gottes zu hören. Elymas aber, der Magier – denn so wird sein Name übersetzt -, widerstand ihnen und suchte den Prokonsul vom Glauben abzubringen.

Damit sind die Rollen verteilt: Auf der einen Seite der höchste Repräsentant Roms auf der Insel, ein verständiger Mensch. Der ist interessiert am christlichen Glauben und will mehr wissen. Und auf der anderen Seite der Magier Elymas, der das verhindern will. – Wieso eigentlich? Es steht nicht ausdrücklich da, aber ich vermute: Wenn sein Chef Christ wird, wird es problematisch mit seinem Job als Magier.

Saulus aber, der auch Paulus heißt, blickte, mit Heiligem Geist erfüllt, fest auf ihn hin …

Man sagt das ja manchmal so: Da ist einer „vom Saulus zum Paulus“ geworden. Da hat sich einer um 180 Grad gedreht. Wie damals bei Saulus vor Damaskus. Saulus, der Christenverfolger, dem auf einmal Christus erscheint. Und dann wird er zum Christen – und wird später zu dem wichtigsten Missionar. Nur: „Vom Saulus zum Paulus“ ist er vor Damaskus trotzdem nicht geworden. Erst in unserer Geschichte heute hören wir so ganz nebenbei: Saulus heißt auch Paulus. Der eine Name für die jüdische Welt, der andere für die griechisch-römische. Vielleicht schreibt Lukas, der Autor der Apostelgeschichte, das hier, weil sowieso gerade vom Prokonsul Sergius PAULUS die Rede ist. Ein Namenvetter.
Also: Paulus ist mit Heiligen Geist erfüllt und blickt den Magier fest an. Es gibt ja Leute, die tun sich schwer damit, Blickkontakt aufzunehmen und zu halten. Erst recht bei Typen, die einen nicht leiden können. Ob das was miteinander zu tun hat? – „Mit Heiligem Geist erfüllt“ und „fester Blick“? Ich kann mir das gut denken. „Gott hat uns nicht einen Geist der Furcht gegeben, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit!“ (2. Timotheus 1,7).
Kraft, Liebe, Besonnenheit? Kraft – ja. Aber nicht so besonnen und schon gar nicht liebevoll klingt, was Paulus jetzt zu dem Magier sagt:

„Du, voll aller List und aller Bosheit, Sohn des Teufels, Feind aller Gerechtigkeit! Willst du nicht aufhören, die geraden Wege des Herrn zu verkehren? Und jetzt siehe, die Hand des Herrn ist auf dir! Und du wirst blind sein und die Sonne eine Zeit lang nicht sehen!“

Grobe Worte. Eine Verteufelung. Na ja, nun wissen wir nicht, was genau dem vorangegangen ist. Aber mehr noch: Die Worte zeigen Wirkung:

Und sogleich fiel Dunkel und Finsternis auf ihn. Und er tappte umher und suchte solche, die ihn an der Hand leiteten. Dann, als der Prokonsul sah, was geschehen war, glaubte er, erstaunt über die Lehre des Herrn.

Kurz und knapp: Der eine, Elymas, wird blind. Und der andere, Sergius Paulus, wird in gewisser Weise sehend.
Beim ersten Lesen passte mir das nicht: Der Kritiker, der Andersdenkende, wird kurzehand und sehr massiv abgestraft. Beim zweiten Lesen sehe ich die Sache völlig anders. Wieso? Es gab schon vorher einen dezidierten Gegner Jesu Christi und seiner Anhänger, der für eine Weile blind wurde und sich führen lassen musste: Kein anderer als Paulus selbst! Damals vor Damaskus! Der auferstandene Christus selbst hatte ihm damals zugemutet und verordnet, was er nun dem Elymas mitgibt: eine Phase des Nicht-Sehens und Sich-führen-Lassens, damit ihm die Augen aufgehen und er einen neuen Weg einschlagen kann.
Ich will damit Blindheit kein bisschen schön reden. Paulus wie Elymas waren ja nicht im üblichen Sinne erblindet: Es war zeitlich befristet. Nur ein paar Tage eben. Aber diese paar Tage, die scheinen sie dann doch gebraucht zu haben: Sie, die vorher sehr genau „wussten“, wo es langzugehen hatte, sie waren auf einmal orientierungslos. Sie, die andere auf ihren „rechten Weg“ bringen wollten, mussten sich nun selbst führen lassen. Wie heißt es so treffend über Elymas? Es „fiel Dunkel und Finsternis auf ihn. Und er tappte umher und suchte solche, die ihn an der Hand leiteten.“ Ein paar Tage heilsame Verunsicherung. Ein paar Tage, um die helfende Hand von Mitmenschen zu erleben. Ein paar Tage, um ihre Hilfe und Orientierung annehmen zu lernen. Wenn Paulus in seiner „Verfluchung“ dem Elymas sagt: „Die Hand des Herrn ist auf Dir!“, dann hat das nur auf den ersten Blick etwas Niederdrückendes oder In-den-Schatten-Stellendes. Sondern: Auf den zweiten Blick ist es ein Segen!
Und was geht Sie und mich das an? Wenn Sie sich gerade auf der Sonnenseite des Lebens befinden sollten: Vermutlich nichts. Aber vielleicht, wenn „Dunkelheit und Finsternis“ auf Sie gefallen sein sollten wie auf Elymas oder vorher auf Paulus. Die Geschichte ist eine Einladung, es für MÖGLICH zu halten, dass auf den zweiten Blick der Fluch als Segen erscheinen könnte. Mehr bitte nicht, als es vage für MÖGLICH zu halten! Elymas hat ja auch nicht gleich gejubelt: „Juchhu, jetzt im Dunkeln mache ich ganz neue und bereichernde Erfahrungen mit mir, mit der Hand der anderen, mit Gott!“ Nein, das nicht. Aber womöglich so der vage Gedanke: „Wer weiß, vielleicht hat der ‚Fluch’ noch eine andere Seite.“
Mehr als dieses „Vielleicht“ hat diese Geschichte nicht zu bieten, denn anders als nach der Blindheits-Phase des Paulus erfahren wir ja nicht, was später aus Elymas wird. Das Happy End gibt es vorläufig nur für den Prokonsul: Sergius Paulus „glaubt“ und ist „erstaunt über die Lehre des Herrn“. Halleluja!

Gebet:
Gott, ich bitte Dich um Deine Hand auch auf mir! Dass sie mir verdunkelt, was mir allzu klar zu sein scheint. Dass sie mich hält, wo ich haltlos bin. Dass sie mich zur helfenden Hand meines Nächsten führt. Dass sie mich behütet und segnet! Amen.

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Danken heilt. Andacht zum 11.7.2014

Na, heute schon „Danke!“ gesagt? Wenn Sie mit anderen zusammen leben, passiert das schnell. „Kann ich bitte die Butter haben? – Danke!“; „Einen guten Tag Dir!“ – „Danke, Dir ebenfalls!“
Und ohne andere Menschen? Vielleicht haben Sie ein Tier und reden mit ihm. Ich tue das. Aber ich wüsste nicht, dass ich mich bei meinen Tieren schon mal bedankt hätte. Ob­wohl mir beispielsweise unser Hund viel gibt für meine Seele.
Und ohne Mensch und ohne Hund? Vielleicht haben Sie schon GOTT gedankt. Für den neuen Tag zum Beispiel, gleich beim Aufwachen. Eine gute Gelegenheit, finde ich.
Wem Sie heute wohl noch NICHT gedankt haben: sich selbst! – Sie haben vielleicht sich selbst etwas zu ver-danken – Ihren Bemühungen, Ihrem Fleiß, Ihrer Kraft, Ihrer Intelligenz oder, oder. Sie können vielleicht stolz auf sich sein, aber Sie können nicht sich selbst dankbar sein. – ICH jedenfalls schüttle mir niemals die Hand und sage: „Ich danke mir, dass ich das und das für mich getan habe!“ Zum Danken gehört nämlich die Einsicht: „Es ist mir von woanders gegeben! Und: Ich habe es nicht verdient. Es ist mir geschenkt!“
Vielleicht haben Sie heute aber noch niemandem gedankt und sich auch noch nicht dankbar gefühlt. Woran kann das liegen? – Hier ein paar Gründe GEGEN die Dankbarkeit:

  • Die Selbstverständlichkeit: Dass Ihnen heute morgen das Licht des neuen Tages leuchtet, dass Sie aus dem Bett gekommen sind, dass Sie frisches Wasser auf der Haut spüren durften, dass es zum Frühstück etwas zu essen und zu trinken gab, das ist Ihnen alles so selbstverständlich, so sehr Routine, das merken Sie gar nicht mehr. Wer nichts mehr merkt, ist nicht mehr dankbar und kann es nicht sein. Sie merken das alles allerdings wieder, wenn Sie nicht mehr aus dem Bett kommen, wenn kein Wasser aus dem Hahn läuft und der Kaffee alle ist.
  • „Jemandem Dankbarkeit schulden“: Vielleicht gehören Sie zu denjenigen Leuten, die meinen: Wenn ich dankbar „sein muss“, dann schulde ich dem anderen was. – „Wie kann ich das bloß wieder gut machen?“ Als sei ein Geschenk eine Störung, ein Scha­den, der wieder in Ordnung gebracht werden muss. Dann doch lieber nicht dankbar sein … Ganz ähnlich: Sie gehören vielleicht zu denen, die misstrauisch werden, wenn Ihnen Gutes widerfährt: Irgendein Haken wird da wohl dran sein. Und ganz be­stimmt folgt die Quittung auf dem Fuße …
  • Sie als Ihres eigenen Glückes Schmied: Vielleicht ist Ihnen die Vor­stellung wichtig, Sie hätten Ihr Leben und Ihr Wohl und Wehe selbst im Griff und alles unter Ihrer Kontrolle. Da wäre nicht nur ein „Unglück“ ein Schlag ins Kontor, sondern auch unverdientes, „geschenktes“ Glück: Da müssten Sie sich eingeste­hen: „Ich hab’s halt nicht in der Hand!“ Stattdessen reden Sie sich lieber ein, dass Sie sich das alles selbst zu verdanken haben.
  • Ihr Stolz. Wobei ich Stolz oft ganz gut finde. Nur: Stolz verträgt sich nicht mit der Dankbarkeit. Sie können nicht zugleich stolz auf die Eins in Mathe sein und zugleich dankbar, dass Sie beim Nachbarn abschreiben konnten. Höchstens halbe-halbe: Dank­barkeit für den Nachbarn; Stolz, dass Sie sich nicht erwischen ließen.
  • Das halb leere Glas. Sie kennen das: Die einen sagen: Das Glas ist halb voll. Die an­deren: Es ist halb leer. Vielleicht sind Ihre Empfindungen und Gedanken vor al­lem auf das konzentriert, was Ihnen fehlt, was Sie belastet, quält oder was Sie befürch­ten. Wer so empfindet, sieht wenig Anlass zum Danken. In bestimmten für­chter­lichen Situationen wäre Dankbarkeit wirklich zu viel ver­langt. Andererseits soll es Leute geben, die auch unter sehr schlimmen Bedingungen noch zum Dank fin­den, und zwar nicht aus Pflicht, sondern von Herzen. Ich schätze: Wer das tut, der hat sich vorher darin eingeübt …
  • Die Not anderer. Darauf kann sich jeder berufen, der das Danken vermeiden will und bei sich selbst nichts Bedeutendes zu klagen findet. Bein Blick in die weite Welt oder in die Geschichte findet sich so viel Fürchterliches, dass es ein Leichtes ist, sich damit alles eigene Glück komplett auszublenden.

Viele starke Gründe gegen die Dankbarkeit. Wenn Sie trotzdem dankbar sind, dann geht das wohl nur unter folgenden Bedingungen:

  • Sie sehen das Gute und nehmen es nicht als selbstverständlich;
  • Sie empfinden Dank als etwas Fröhliches, nicht als abzutragende Schuld;
  • Sie sind bereit, manches Gute als Geschenk aufzufassen, das Sie sich nicht verdient haben, auf das Sie nicht stolz sein können.
  • Sie sind bereit und in der Lage, die Scheuklappen abzunehmen. Sie fixieren sich nicht aus­schließlich auf das eigene Elend noch ausschließlich auf die Not und den Mangel an­derer.

So, und nun eine Dank-Geschichte. Mehrere Leute bekommen da etwas unerhört Gutes. Aber längst nicht alle erfahren das Heilsame, das aus dem Dank erwächst …

Jesus zog durch das Grenzgebiet von Samarien und Galiläa. Als er in ein Dorf ging, kamen ihm zehn Aussätzige entgegen. Sie blieben in gehörigem Abstand stehen und riefen laut: »Jesus! Herr! Hab Erbarmen mit uns!« Jesus sah sie und befahl ihnen: »Geht zu den Priestern und lasst euch eure Heilung bestätigen!« Und als sie unterwegs waren, wurden sie tatsächlich gesund. Einer aus der Gruppe kam zurück, als er es merkte. Laut pries er Gott, warf sich vor Jesus nieder, das Gesicht zur Erde, und dankte ihm. Und das war ein Samariter. Jesus sagte: »Sind nicht alle zehn gesund geworden? Wo sind dann die anderen neun? Ist keiner zurückgekommen, um Gott die Ehre zu erweisen, nur dieser Fremde hier?« Dann sagte er zu dem Mann: »Steh auf und geh nach Hause, dein Vertrauen hat dich gerettet.« (Lukas 17, 11-19)

Wann genau passiert die Heilung? Antwort: Auf dem Weg zu den Priestern, die die Heilung bestäti­gen sollten. Unterwegs merken alle Zehn: Die Sym­ptome sind weg! Nichts mehr vom Aussatz zu sehen! Trotzdem hier ein paar ALTERNATIVE Vorschläge, wo die Heilung passiert:

  • Schon als Jesus in die Nähe dieser „unberührbaren“ Menschen kommt.
  • Als die Aussätzigen sich in ihrer Not an Jesus wenden und ihn anflehen.
  • Als Jesus zu ihnen spricht.
  • Als die Zehn Vertrauen zu Jesus fassen und tun, was er sagt: Sie machen sich auf den Weg.

Alles „richtige“ Antworten. Ich meine aber: Das entscheidende i-Tüpfelchen der Heilung kommt nur bei dem Einen, bei dem Dankbaren. Nur zu ihm sagt Jesus: „Dein Glaube hat Dir geholfen!“
Dabei hat der Glaube den anderen auch geholfen, sonst hätten sie sich gar nicht erst zu den Priestern auf den Weg gemacht. Der Glaube des Einen, dieser Glaube in der Farbe der Dankbarkeit, hat aber offenbar nochmal ganz anders geholfen. Dieser Eine „merkt“ sein Heil-Sein, und sofort, also ohne das priesterliche Gesundheitszeugnis abzuwarten, läuft er zu­rück, preist Gott und bringt Jesus laut hörbar und gut sichtbar seinen überhaupt nicht stillen Dank.
Und die anderen? Wo bleiben sie? – Jesu Frage bleibt unbeant­wortet. Meine Phantasie: Sie gehen schnurstracks zu den Priestern, lassen sich ihre Gesund­heit bescheinigen, kehren nach Hause zurück, versuchen, an dem alte Leben bei Ih­ren Lieben anzuknüpfen, das ihnen die Krankheit abgeknickt hatte. Und diese schlimme Epi­sode in der Aussätzigenkolonie, die ist dann schnell zur Seite geschoben und „vergessen“. Das Leben ist bald wieder so, als sei nie etwas gewesen – keine Krankheit, keine Einsamkeit, keine Angst, keine Verzweiflung. Und: Keine Heilung! Das rou­tinierte, selbstverständliche Leben eben – wie Sie jeden Morgen ganz selbstverständlich die Augen öffnen, aufstehen, sich waschen und frühstücken. Ganz selbstverständlich – das klingt nach Automat, nach Roboter, nach Gedanken-los, nach Gefühl-los.
Nur zu dem einen Nicht-Selbstverständlichen, dem Achtsamen, dem Dankbaren, sagt Jesus: „Dein Glaube hat Dir geholfen!“ Vielleicht mögen die anderen ohne ihren Dank Gott oder Jesus etwas schuldig geblieben sein. Aber mehr noch: Sie sind sich selbst et­was schuldig geblieben! Das geheilte Leben ist ihnen selbstverständlich geworden. Ein Geschenk, das ich nicht in Dankbarkeit auspacke, bleibt ein äußerliches Geschenk – und ist im tieferen Sinne eigentlich gar keins …
Und Sie? Heute? Wenn Sie hinschauen, hinhören, hinfühlen, könnten Sie heute noch ins Danken kommen – und Ihren Tag durch Ihre Dankbarkeit zu verwandeln. Dann würde nicht nur für diesen einen Samaritaner, sondern auch für Sie gelten: „Dein Glau­be hat Dir geholfen!“

Gebet (aus „dem“ Lied)
Danke für diesen guten Morgen, // danke für jeden neuen Tag! // Danke, dass ich all meine Sorgen auf Dich werfen mag!
Danke für manche Traurigkeiten, // danke für jedes gute Wort! // Danke, dass Deine Hand mich leiten will an jedem Ort!

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Klaus Honermann: “Gott lässt sich sehen!” Andacht zum 4. Juli 2014

Diesmal ist die Andacht von Klaus Honermann, katholischer Pfarrer in Schermbeck …

„Ich war’s nicht! Der da war’s!“ „Nein stimmt nicht! ER war es. Ich hab’s genau gesehen!“ Eine Auseinandersetzung auf dem Schulhof oder im Spielzimmer. Keiner will’s gewesen sein. Es gibt auch das genaue Gegenteil – nicht nur im Krimi: Dass jemand die Schuld auf sich nimmt, obwohl er’s gar nicht gewesen ist.

In jenen Tagen trat Johannes der Täufer auf und verkündete in der Wüste von Judäa: Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe! (…)
Johannes trug ein Gewand aus Kamelhaaren und einen ledernen Gürtel um seine Hüften; Heuschrecken und wilder Honig waren seine Nahrung. (…)
Die Leute von Jerusalem und ganz Judäa und aus der ganzen Jordangegend zogen zu ihm hinaus. Sie bekannten ihre Sünden und ließen sich im Jordan von ihm taufen. (aus Matthäus 3)

Am Jordan versammeln sich Menschen, die klar machen wollen: Ich bin schuld. Oder – wie man im Ruhrgebiet sagt: Ich bin IN SCHULD: Grammatikalisch nicht richtig, aber von der Sache her trifft es etwas: Ich bin drin in der Schuldgeschichte, ich hänge da mitten drin in einem Zusammenhang von Verursachung und Verantwortung, von Versagen und Schwäche, von Mitwirkung und Sich-Raushalten.
Die Menschen versammeln sich am Jordan, weil die Bewusstseinsbildung des Johannes trotz seines nicht gepflegten Äußeren in ihnen etwas ausgelöst hat. Sie tauchen ein in den Fluss. Und es kommt etwas in ihnen in Fluss. In ihren Herzen hat Johannes durch die Taufe etwas in Gang gesetzt.
Wir nennen so etwas Bekehrung. Neuorientierung. Neue Hinwendung zu Gott, zu meiner eigenen Wesentlichkeit und zum anderen Menschen.

Zu dieser Zeit kam Jesus von Galiläa an den Jordan zu Johannes, um sich von ihm taufen zu lassen. Johannes aber wollte es nicht zulassen und sagte zu ihm: Ich müsste von dir getauft werden, und du kommst zu mir? Jesus antwortete ihm: Lass es nur zu! Denn nur so können wir die Gerechtigkeit (die Gott fordert) ganz erfüllen. Da gab Johannes nach. Kaum war Jesus getauft und aus dem Wasser gestiegen, da öffnete sich der Himmel, und er sah den Geist Gottes wie eine Taube auf sich herabkommen. Und eine Stimme aus dem Himmel sprach: Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich Gefallen gefunden habe.

Mitten in der Menge am Jordan steht einer, der ganz gewiss sagen könnte: „Ich war’s nicht!“ Aber er macht’s so wie der Mann im Krimi, der die Schuld seiner geliebten Frau auf sich nimmt, um sie vor dem Gefängnis zu bewahren.
Die Rede ist von Jesus, der eintaucht in unsere Schuldgeschichte; der sich nicht heraushält aus allem, weil ihn die Angelegenheit eigentlich ja nichts angeht, sondern der im Gegenteil klar macht: Das geht mich zutiefst etwas an! Die Schuld der Menschen rede ich nicht klein. Ich mache nicht aus allem und jedem ein Kavaliersdelikt. Ich beschuldige auch niemanden, sondern begebe mich selbst in diese Situation, an der ich keine Schuld trage. Aber ich trage sie mit euch!
An dieser Stelle könnte diese Ansprache schon enden mit einem Hinweis darauf, darüber nachzudenken: „Wo stehe ich selbst gerade innerlich?“ – Wäre da nicht noch jemand, der Stellung bezieht. Und zwar ganz ausdrücklich:
„Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich Gefallen gefunden habe!“, verlautet die Stimme aus dem Himmel. In Neuhochdeutsch: „Den finde ich echt cool.“
Eigentlich finden wir es ja alle „ganz cool“, wenn jemand zu seiner Schuld steht und reinen Tisch macht und sich nicht vor seiner Verantwortung drückt.
Die Verantwortung Jesu war nicht die einer Schuld, jedenfalls nicht seine eigene. Die Verantwortung, die er übernommen hat, war sein Lebensauftrag, den er vom himmlischen Vater angenommen hat: allen Menschen die radikale Liebe Gottes zu vermitteln, die auch vor Schuld und Sünde nicht halt macht. So sehr Gott auch die Sünde ablehnt, den Sünder nimmt er an, wenn er sich an Gott wendet. Das ist auch eine der Grundbotschaften von Papst Franziskus.
Beim Empfang für die Diplomaten zu Beginn des Jahres überreichen die neu Angekommenen ihr Beglaubigungsschreiben. Durch dieses Dokument wird sichtbar, dass sie die rechtmäßigen Vertreter ihres Landes sind. Die Worte des himmlischen Vater sind sozusagen das Beglaubigungsschreiben für Jesus, dass er der wirkliche Vertreter des Himmels auf Erden ist. Er bringt die Botschaft und Kultur seines Landes, sprich: des Himmels, mit an den Jordan. Und dies ist die grenzenlose Barmherzigkeit Gottes.
Jemand könnte denken: „Na, dann ist ja alles halb so schlimm! Schwamm drüber und weitermachen!“ Dann hätten wir aber das Anliegen des Johannes und das Anliegen Jesu nicht verstanden. Geht es doch gerade darum, nicht einfach so weiter zu machen wie bisher. Neu anfangen ist die Devise. Damals bei Johannes am Jordan und bei uns.
Neuanfang. Das klingt gut. Da klingt in uns vielleicht auch das Wort von Hermann Hesse mit: „Allem Anfang wohnt ein Zauber inne.“ Doch so einfach wie durch den Zauber einer Fee im Märchen geht es ja nicht. Das wissen wir Realisten ganz genau. Simsalabim – und schon sind wir neue Menschen – als ob das so einfach wäre! Im Grunde wissen wir: Wir selbst können uns nicht neu erfinden. Der Zauber des neuen Anfangs kann nur von dem kommen, welcher DER Anfang selbst ist: Nur von Gott und seiner Barmherzigkeit haben wir die Kraft, trotz aller gescheiterten Erfahrungen von Neubeginn doch wieder uns aufzurappeln und es geschehen zu lassen: einzutauchen in die Güte Gottes, die uns gut sein lässt zu uns selbst und zu einander.
Apropos: geschehen lassen. Genau das sagt Jesus auch zu Johannes, der den zunächst nicht taufen will, von dem er gesagt hat: „Ich bin es nicht mal wert, ihm die Schuhriemen aufzu­machen.“ Er, Johannes, soll es geschehen lassen. Später wird Petrus im Abendmahlsaal eine ähnliche Weigerung zum Ausdruck bringen, als Jesus ihm die Füße waschen will. Beide Male dringt Jesus ganz entschieden darauf, dass sie es geschehen lassen. Denn nur so kann sich zeigen, was Gott mit uns Menschen und für uns vor hat: Eine Gerechtigkeit, die mehr ist als menschliches Recht.
Die Einladung dieses Evangeliums an uns ist, dass auch wir etwas geschehen lassen wie Johannes und Petrus. Dass wir es zulassen, dass Gottes Nähe uns wirklich hautnah kommt. Vielleicht wohnt dann diesem neuen Anfangen ein Zauber inne; die bezaubernde Feststellung, dass Gott heute zu uns spricht.

Das Nachdenken möchte ich einmünden lassen in ein Gebet:
Jesus, du Lebendiger! Du Bruder! Du brichst nicht den Stab über uns. Stattdessen hast du den Balken des Kreuzes auf deine Schultern geladen und die Last der Schuld übernommen in dein Herz. Du hältst dich nicht raus aus Verstrickung und Versäumnis. Du machst dich zu einem von uns – bis ins Letzte.
Lass uns mit dir die Stimme vernehmen, die auch zu uns spricht: „Du bist mein geliebter Sohn! Du bist meine geliebte Tochter!“ Nur so bleibt der Himmel auch für uns nicht verschlossen. Amen.

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Ehud, Teil II: Ausgerechnet Ehud. Andacht zum 27.6.2014

Was bisher geschah: Die Israeliten werden seit Jahren von den Moabitern unterdrückt und ausgebeutet. Sie schreien zu Gott um Hilfe. Und Gott hilft:

Gott ließ ihnen einen Retter erstehen: Ehud …

So, Ehud soll also der gottgesandte Retter sein. Wie muss jemand drauf sein, um so einen Retter abzugeben? Wer ist die passende Leitfigur? Vielleicht ein Pfarrer als Bundespräsident? Eine Pastorentochter als Kanzlerin? Unsere Bibelgeschichte geht da ganz anders weiter, Ehud passt nicht recht in das Klischee vom Gottesmann. Aber lesen Sie es – leicht gekürzt – selbst. (Vorsicht: Es ist eine FSK 16-Szene dabei!)

Als die führenden Männer des Volkes ihn (Ehud) dazu bestimmten, den Tribut an (den Moabiter-) König Eglon abzuliefern, schmiedete er sich ein kurzes (…) Schwert und band es sich unter dem Gewand (…) fest. So übergab er den Tribut. – König Eglon war übrigens ein Mann von mächtiger Körperfülle.
Nach der Übergabe ließ Ehud die Männer, die den Tribut hergetragen hatten, nach Hause gehen. Er selbst kehrte (…) um und ging noch einmal zu Eglon zurück. Er sagte zum König: »Ich habe eine geheime Botschaft für dich!« »Pst!«, machte Eglon. »Dass keiner es hört!« So gingen alle Diener des Königs hinaus.
Eglon saß in dem kühlen Obergemach, das nur für ihn allein bestimmt war. Ehud sagte zu ihm: »Ich habe für dich eine Botschaft von Gott!« Darauf erhob sich Eglon von seinem Sitz. Ehud griff mit der linken Hand nach dem Schwert an seiner rechten Seite und stieß es ihm in den Bauch. Die ganze Klinge drang in Eglons Leib ein und sogar noch der Griff verschwand im Fett.
Ehud ließ das Schwert stecken, verriegelte die Tür und stieg durchs Fenster hinaus. Nachdem Ehud gegangen war, wollten Eglons Diener nach dem König sehen, aber sie fanden die Tür des Obergemachs verriegelt. »Er wird wohl gerade seine Notdurft verrichten«, sagten sie. Sie warteten vergeblich; die Tür wurde nicht geöffnet. Schließlich holten sie den Schlüssel und schlossen auf. Da lag ihr Herr tot auf dem Boden.
Während die Diener vor der Tür gewartet hatten, hatte sich Ehud in Sicherheit gebracht. Er (…) gelangte unbehelligt nach Seïra. Dort angekommen, ließ er im Bergland von Efraïm das Signalhorn blasen, und die Männer Israels zogen hinter ihm her in die Jordanebene hinunter. Er sagte zu ihnen: »Folgt mir schnell! Der Herr hat eure Feinde, die Moabiter, in eure Hand gegeben!« (…)
So zwang der Herr die Moabiter an diesem Tag vor Israel in die Knie. Das Land hatte nun 80 Jahre lang Ruhe vor Feinden.

Nein, ein frommer Gottesmann scheint Ehud nicht zu sein: Nur zweimal spricht er von Gott – und das erste Mal ist es eine glatte Lüge: Er sagt zu dem Moabiter-König: „Ich habe für dich eine Botschaft von Gott!“ Pustekuchen, stimmt nicht. Ehud „redet falsches Zeugnis“ und „missbraucht den Namen des Herrn“.
Gleich zu Anfang: Nicht nur, dass Ehud ein Schwert und einen Mordplan schmiedet – er tut das auch ohne Absprache mit den führenden Leuten Israels, die ihn nur zur Übergabe des Tributs losschicken. Dann der Mord an seinem leichtgläubigen Opfer. Dass Ehud seinen Plan beim Brüten über der Heiligen Schrift oder in innigem Gebet entdeckt, steht auch nicht da, und es scheint mir auch nicht sehr wahrscheinlich – so vom ganzen Typ her.
Wenn Ehud dann noch eine schnell zusammengetrommelte Truppe gegen die nun kopflosen Moabiter in den Kampf führt, dann ist das natürlich aus heutiger Sicht auch fragwürdig. Es waren vielleicht noch nicht alle friedlichen Mittel zur Konfliktbeilegung ausgeschöpft. Aber wir dürfen Ehud und seinen Leuten zugestehen: SIE sind hier die Unterdrückten, die Ausgebeuteten. Da ist es manchmal schwer, als Verhandlungspartner ernst genommen zu werden.

Was steckt nun in dieser Geschichte für Sie drin? Es wäre wohl ein krasses Missverständnis, wenn Sie sich jetzt ein Mordkomplott aushecken würden oder einen bewaffneten Konflikt anzettelten. Dichter dran wären Sie schon, wenn Sie „Einsatz für die Unterdrückten und Ausgebeuteten“ darin als Aufforderung entdecken würden. Sie können auch eine „Ermutigung zur Eigeninitiative“ finden: Und den Appell, um die Solidarität Gleichgesinnter zu werben. Als Posaunen­chor-Mitglied weise ich auch gern darauf hin: Ohne den Einsatz des Signalhorns wäre alles im Sande verlaufen.
Aber die eigentliche Pointe für Sie und mich sehe ich noch woanders: Unser Erzähler, der mit gehörigem zeitlichen Abstand die Ereignisse zu Papyrus bringt, er sieht einen großen Zusammen­hangs-Bogen:

Israel schreit zu Gott um Hilfe -> Ehud ermordet den Unterdrücker –> die zusammengetrommelten Scharen besiegen die Moabiter-Truppen –> Israel hat 80 Jahre lang Ruhe.

Es fängt mit dem Schrei zu Gott an und endet mit 80 Jahren Ruhe. Kurz: Es geht hier um Gebet und Erhörung. Und unser Erzähler sieht Gott ausgerechnet in diesem Lügner, Gottesnamen-Missbraucher, Raufbold, Mörder, Hau-Degen Ehud am Werk.
Wenn das so ist und gilt, dann dürfen Sie davon ausgehen: Gott kann auch etwas mit IHNEN anfangen – auch dann, wenn Sie an Ihren Qualitäten zweifeln und sooo viel gegen Sie spricht.
Und falls Sie NICHT Ehud als Beispiel auf sich anwenden wollen: Die Bibel steckt noch voller weiterer Leute, die mangelnde Fähigkeiten, ein dickes Sündenregister oder andere klare Ausschluss-Kriterien mitbringen – und mit denen Gott trotzdem etwas anfangen kann und seine Sache voran bringt.
Man sagt: Auch große Ozean-Riesen werden durch lauter Nieten zusammengehalten. Das gilt für die Sache Gottes auch. Und deshalb ist da sogar ein Platz für Sie und mich. Halleluja!

Gebet:
Gott, Du weist, wie ich manchmal an mir selbst zweifle. Und Du, Du kennst ja meine Mängel noch viel besser als ich selbst. Kaum zu glauben, dass Du mich trotzdem willst und auch gebrauchen willst. Gott, und so will ich lernen, nicht dauernd nur meine Mängel zu sehen, sondern auf Dich zu vertrauen. Denn Deine Kraft ist in den Schwachen mächtig! Amen.

 

 

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Ehud, Teil 1: Immer dasselbe Fettnäpfchen. Andacht zum 20.6.2014

Heute der Anfang einer Mord-Geschichte. Zum Mord kommt es erst nächstes Mal. Heute nur die Vorgeschichte ….
Wir befinden uns im Alten Testament, Buch „Richter“. Die Geschichten dort spielen in einer Zeit, als die Israeliten das Land Kanaan besiedelt haben und die einzelnen Sippen und Stämme mehr oder weniger locker mit- und nebeneinander leben. Das heißt: Es gibt keinen Staat, keinen König, keine Verwaltung. Auch kein Militär. Dafür aber weitere Völker, die auch noch in demselben Landstrich oder in der Nähe leben und immer wieder zur Bedrohung werden. Chaotische Zeiten. Es geht oft zu wie im Wilden Westen, und ein Menschenleben zählt da manchmal nicht viel.
Aber diejenigen Leute, die ein paar Jahrhunderte später diese alten Geschichten zusammenstellen werden, die werden nicht nur Chaos sehen, sondern ein Muster in den Geschichten, das sich immer wiederholt. Dieses Muster, der wiederkehrende Ablauf, geht so:

  1. Die Stämme Israels werden Gott untreu (denn sie laufen anderen Göttern hinterher).
  2. Sie werden von einem der umliegenden Völker unterworfen, unterdrückt, ausgebeutet.
  3. Die Israeliten schreien zu Gott. – Und Gott hilft ihnen:
  4. Eine charismatische Retter-Gestalt („Richter“) erscheint auf der Bildfläche, trommelt die Leute zusammen und geht erfolgreich gegen die Unterdrücker vor.
  5. Die Menschen haben danach für einige Jahre Ruhe und leben in Frieden.
  6. Danach werden sie Gott doch wieder untreu … – und da schließt sich der Kreis …

Nach diesem Muster fängt auch unsere Geschichte an:

Die Leute von Israel aber taten von neuem, was dem Herrn missfällt.
Deshalb ließ er Eglon, den König der Moabiter, über sie Macht gewinnen. Eglon verbündete sich mit den Ammonitern und den Amalekitern, besiegte die Israeliten und besetzte die Stadt Jericho. Achtzehn Jahre lang mussten die Leute von Israel dem Moabiterkönig Tribut zahlen.
Da schrien sie zum Herrn um Hilfe, und er ließ ihnen einen Retter erstehen: Ehud, den Sohn von Gera aus dem Stamm Benjamin. (Richter 3, 12 ff.)

Stellt sich die Frage, warum Gott das immer und immer wieder mit sich machen lässt. Die Antwort hat wohl mit seiner ziemlich strapazierfähigen Liebe und Barmherzigkeit zu tun.
Dann ist da noch die Frage, warum Israel so gar nichts aus den Geschichten lernt und immer wieder in dasselbe Fettnäpfchen tappt. Diese Frage stellt sich allerdings nicht nur im Blick auf damals, sondern auch bei Ihnen und mir heutzutage. Denn da gibt es doch auch Fettnäpfe, in die Sie mit hoher Verlässlichkeit schon öfter hinein getreten sind, oder?
Also: Wieso immer wieder derselbe Fettnapf? Hier ein paar Antwort-Vorschläge:

  1. Manche Fehler wiederholen sich, weil nicht die vernünftige Einsicht bei Ihnen das Sagen hat, sondern bestimmte Stimmungen, schräge Gedanken, merkwürdige Impulse, übermächtige Gefühle. Ist im Prinzip ja auch gut so, Sie wären sonst so ein Kopf-Mensch, ohne Herz und Gefühl. Aber manchmal ist es eben nicht so gut, weil Sie dann mal gegen bessere Einsicht wieder das Verkehrte tun.
  2. Wenn es lockt, einen alten Fehler zu wiederholen, dann spielt Ihnen Ihr Gedächtnis einen Streich: Sie überhöhen die unmittelbare „Belohnung“ für das falsche Tun, und Sie unterschätzen die längerfristigen bitteren Folgen. Wenn Sie z.B. in Kauf-Laune sind, können Sie sich das gute Gefühl vorstellen, diesen und jenen Schnickschnack Ihr Eigen zu nennen, aber Sie stellen sich nicht das Gefühl beim Blick auf das dicke Minus Ihres Kontos vor. Alkohol und Nikotin und manches andere funktioniert ebenso.
  3. Manche Wiederholungsmuster und Teufelskreise sieht man erst im Rückblick und mit genügend Abstand – und noch nicht, wenn man mitten drin ist.

Oder ist das Muster dieser Wiederholungs-Geschichten vielleicht ZU einfach und ZU grob? So einfach gestrickt sind die Welt und das Leben nämlich doch oft nicht: Dass es bei denen, die Gott treu sind, alles gut fluppt, und dass bei den anderen alles schief läuft. Viele Texte der Bibel wissen darum, dass es nicht selten auch genau andersrum läuft.
Immer wieder dasselbe Fettnäpchen. – Man kann damals wie heute diese Unbelehrbarkeit beklagen. Aber man kann – jedenfalls bei Israel – auch einen positiven Ansatz erkennen:

Achtzehn Jahre lang mussten die Leute von Israel dem Moabiterkönig Tribut zahlen. Da schrien sie zum Herrn um Hilfe …

18 Jahren. Besser spät als nie. Und die 17 Jahre davor? Vielleicht haben sich die Israeliten ihre Situation mit aller Kraft schön geredet: „Ach, das bisschen Tribut, damit kommen wir schon klar!“; „Wie gut, dass wir die Moabiter zu Freunden haben!“; „Immerhin besser als Krieg!“; „Erst jetzt, wo wir nichts mehr haben, erkennen wir erst, worauf es im Leben wirklich ankommt!“
Oder die Israeliten haben sich ihre verfahrene Situation und ihre Not eingestanden, aber sie sind nicht auf die Idee gekommen, sich damit an Gott zu wenden. Vielleicht haben sie Abhilfe ganz woanders gesucht: „Wir glauben nicht doll genug – an unsere neuen kanaanitischen Götter nämlich!“; „Wir müssen mehr arbeiten! Dann schultern wir auch diese Belastungen!“; „Wir müssen uns mit den Moabitern besser stellen! Dann behandeln sie uns auch wie Freunde!“ Oder sie lasten ihr Unglück anderen an: der Partner / die Partnerin ist schuld, die Eltern, die Kinder, die Politiker, die Ärzte, die Leute aus dem anderen Stamm, die Vorgesetzten, die Untergebenen. Alle kämen da in Frage. Nur man selbst nicht.
Aber nun, nach 18 Jahren, ist die Not „reif“, ist sie volljährig: Die Israeliten geben ihrer Not Worte und eine laute Stimme. Und sie wenden sich an den Gott, der in den letzten Jahrzehnten allenfalls noch unter „ferner liefen“ vorkam.
Es ist nun, als hätte Gott auf diese Wendung zu ihm hin nur gewartet: Gott …

… ließ ihnen einen Retter erstehen: Ehud (…) aus dem Stamm Benjamin …

Wer dieser Ehud ist und was er tut, dazu nächste Woche mehr.
Und bei Ihnen? Sie sind nicht den Moabitern tributpflichtig. Und trotzdem wird wahrschein­lich auch Ihnen eine Not einfallen, die Sie immer wieder oder schon lange Zeit belastet. Hilft da überhaupt noch was? Hilft speziell der Schrei zu Gott?
Mhm, da gibt es wohl keine Pauschal-Antwort. Immerhin: Der Schrei zu Gott KÖNNTE helfen. Allerdings wage ich zu behaupten, dass es ein paar Dinge gibt, die mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit NICHT helfen:

  • Sich alles schön reden.
  • Weiterhin beharrlich auf diejenigen Dinge, Mit-Menschen, Lebensregeln starren, die Ihnen schon so lange Glück, Heil, Gesundheit, Zufriedenheit und Freiheit versprochen, aber nichts davon über kurze Momente hinaus gehalten haben.
  • Der Not keine laute Stimme und keine Worte zu geben.
  • Zu meinen: „Wenn ich zu Gott schreie, brauche ich es keinem Menschen mehr zu sagen!“
  • Glasklare Vorstellungen darüber, wie denn Gottes Hilfe bitteschön auszusehen habe.
  • Die Idee, Gott zaubert die Not ohne meine Beteiligung weg, und ich kann es machen wie in der Achterbahn: Hinsetzen, Augen zu, einfach abwarten, bis das Auf und Ab zuende ist.

Der Schrei zu Gott. Vor kurzem sagte mir ein Patient eher nebenbei im Blick auf seine Not: „Herr Klute, da kann auch alles Beten nichts helfen!“ Jetzt weiß ich nicht, was und wie mein Neben­bei-Gesprächs­partner gebetet hat. Ich vermute ja ein bisschen, er sprach da nicht gerade aus den Erfahr­ungen eines reichen Gebetslebens heraus. Und ich, ich würde es auch gar nicht erst angefangen mit dem Beten, wenn ich vorher schon „wüsste“, dass das ja sowieso alles keinen Zweck hat und nichts ändert – nichts an den Umständen, nichts an meiner Haltung zur Not, nichts an meinem Halt an Gott, nichts an meiner Ideen- und Kraftlosigkeit, nichts an meiner Hoffnungs­losigkeit.
Was mich betrifft: Ich will mir das Beten nicht nehmen lassen, auch nicht das Beten um Hilfe. Nicht die Hoffnung. Nicht das Vertrauen: Gott geht einen guten Weg mit mir und macht es am Ende gut. Wie schön: Auch nach 18 Jahren „stumm“ ist es nicht zu spät zum Schrei zu Gott!

Gebet:
Gott, ich wende mich Dir zu, ich wende mich an Dich. Endlich! Ich bitte Dich: Wende Du Dich auch mir zu! Und hilf! Amen.

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Ein Bund für’s Leben (?). Andacht zum 13.6.2014

Jetzt würde ich gern mal in Ihren Kopf gucken, was das Stichwort „Bund für’s Leben“ in Ihnen auslöst. Oder eher noch ins Herz gucken. Es könnte Traurigkeit drin sein. Oder Wut. Oder Zynismus. Unerfüllte Wünsche, enttäuschte Hoffnungen. Tja, der Bund für’s Leben – Anpruch und Wirklichkeit: Die Scheidungsrate liegt bei um die 40%. Sie und ich wissen, dass die verbleibenden 60% auch nicht immer einen Bund repräsentieren, der mit – gutem – Leben gefüllt ist.
Oder ich fände das positive Gegenteil, auch das soll’s ja geben: Glück in Ihrem Herzen! Womöglich: So lange schon ein Paar – und immer noch können Sie einander so viel geben, haben Krisen überstanden und sind daran gewachsen.
„Bund“ kommt ja von „Bindung“: Ein Bund Radieschen heißt so, weil die einzelnen Radieschen zusammengebunden sind. Bindung bedeutet immer auch eine Begrenzung von Freiheit. Das einzelne Radieschen kann nicht mehr einfach dorthin, wohin es will. Wer ganz frei ist, ist auch bindungslos und kann höchstens oberflächliche Kontakte haben, jedenfalls keine, die irgendetwas mit Verantwortung zu tun haben.
Aber der „Bund für’s Leben“, um den es JETZT geht, ist ein ganz anderer: Der zwischen Gott und Israel. Oder, um mal ganz kühn einen riesen Sprung zu machen, der zwischen Gott und Ihnen?
Es gibt allerdings Parallelen zum Ehe- oder Freundschafts-„Bund“: Ein Bund bedeutet Bindung und Verbundenheit. Ein Bund eröffnet Freiheit, aber er begrenzt sie auch. Ein Bund hat mit Treue und Verantwortung zu tun. Und mit „gemeinsam durch Dick und Dünn gehen“.
Dazu ein paar Sätze aus dem Jeremia-Buch, Altes Testament:

So spricht der Herr: Es kommt die Zeit, in der ich mit dem Volk Israel und dem Volk von Juda einen neuen Bund schließe. Er ist nicht mit dem zu vergleichen, den ich damals mit ihren Vorfahren schloss, als ich sie mit starker Hand aus Ägypten befreite. Diesen Bund haben sie gebrochen, obwohl ich doch ihr Herr war!

Nicht EIN Bund für’s Leben, sondern ZWEI. Denn mit dem Ersten hat es nicht geklappt: Gott hatte vor langer Zeit die Israeliten aus der Sklaverei in Ägypten geholt. Dann hatte er, der Befreier, einen Bund mit ihnen geschlossen: den Sinai-Bund. Sie wissen schon: Die Gebote, der Schutz-Rahmen für die geschenkte Freiheit. Und die Verpflichtung zu gegenseitiger Treue. Das hat was von Ehe.
Der Unterschied: Während eine Ehe – günstigenfalls – eine Angelegenheit „auf Augenhöhe“ ist, ist das bei Gott und Israel anders: Gott hat sich Israel ausgeguckt, nicht umgekehrt. Gott ist der Befreier, Israel die Befreite, auch nicht umgekehrt. Und jetzt wird es unangenehm: Gott bestimmt die Spielregeln für ein gedeihliches Miteinander, nicht Israel. Gott ist eben Gott und nicht jemand auf meinem Niveau. Ich würde sagen: Bei Gott passt das schon. Auch wenn das in Freundschaften und Paarbeziehungen gar nicht passt.
Nun sagt Gott aber durch Jeremia: Mit Israels Treue ist es nicht weit her. – „Diesen Bund haben sie gebrochen, obwohl ich doch ihr Herr war!“ Und nun? Scheidung? Sucht sich Gott jetzt ein Volk, mit dem es besser läuft? Nein. Denn: Mag Israels Untreue durch die Zeiten auch riesengroß gewesen sein – Gottes Treue ist größer! Gott will und Gott verspricht einen Neu-Anfang:

Der neue Bund mit dem Volk Israel wird ganz anders aussehen: Ich schreibe meine Weisung in ihr Herz, es soll ihr ganzes Denken und Handeln bestimmen. Ich werde ihr Gott sein, und sie werden mein Volk sein. 

Was soll anders werden? Der alte Bund war so etwas wie eine Ehe als Vertrag. Jede vor dem Standesbeamten geschlossene Ehe oder eingetragene Partnerschaft ist ja – auch – ein Vertrag. Mit Unterschriften, Rechten, Pflichten. Der neue Bund ist eher eine Liebesheirat: „Ich schreibe meine Weisung in ihr Herz, es soll ihr ganzes Denken und Handeln bestimmen.“ Das, was Israel mit Gott verbinden wird, ist dann keine äußere Pflicht, sondern ein Wunsch, ein inneres Verlangen. Es geht um LIEBE.
Ein kluger Mensch (er hieß Oskar Pfister) hat mal gesagt: „In der Liebe fallen Theonomie und Autonomie zu sammen.“ Theonomie ist: „Ich tue, was GOTT will!“ Autonomie ist: „Ich tue, was ICH will!“ Und wenn ich liebe, dann tue ich beides gleichzeitig. Vielleicht hat Herr Pfister sich das von dem Kirchenvater Augustin abgeguckt: „Liebe – und dann tue, was Du willst!“ Mir würden zwar sofort duzendweise Beispiele einfallen, wo das nicht so ganz passt – Ihnen sicher auch –, aber die Richtung stimmt. Pfister und Augustin haben Recht.
„Ich schreibe meine Weisung in ihr Herz, es soll ihr ganzes Denken und Handeln bestimmen.“ Ich sehe da vor meinem inneren Auge, wie Jahrhunderte vorher Mose mit den schweren Gesetzestafeln vom Berg Sinai herunter kommt. Und wenn nun, so lange danach, alles im Herzen steht, was soll dann bloß mit den Steintafeln geschehen? Was soll mit den dicken Büchern passieren, die diese Steintafeln auslegen? Und was soll mit den Leuten passieren, die die Steintafeln und die dicken Bücher auslegen? Also z.B., äh, Pfarrer? Lesen wir mal weiter …

Niemand muss dann den anderen noch belehren, keiner braucht seinem Bruder mehr zu sagen: ‘Erkenne doch den Herrn!’ Denn alle – vom Kleinsten bis zum Größten – werden erkennen, wer ich bin. Ich vergebe ihnen ihre Schuld und denke nicht mehr an ihre Sünden. Mein Wort gilt! (Jeremia 31, 31-34; Übersetzung überwiegend nach „Hoffnung für alle“)

Tatsächlich, so ist die Verheißung: Alle stehen in einer unmittelbaren Gottesbeziehung, sie sind erfüllt von Gott. Und da ist niemand, der dichter dran wäre und sich einzubilden braucht, er sei in Sachen „Gott“ irgendwie dichter dran und hätte eine besondere Autorität.
Und woher diese verheißene Gottesnähe? Woher dieser zweite, dieser neue Bund? Na klar: Von Gott! Aus seiner Treue! Seine Treue ist größer als die Untreue seiner Leute. Darum ist im letzten Satz von „Vergebung“ die Rede. Manches kann ich nicht einfach so mir selbst vergeben. Das müssen andere tun, die ich verletzt habe. Das muss GOTT tun. Und Gott WILL es. Und er TUT es.

Und nun zu uns. Wie steht’s mit dem neuen Bund? Also ich habe da ja meine Zweifel. Ich kann nicht behaupten, dass mein Herz, mein Denken und Handeln so ganz und gar von Gott erfüllt ist. Und ich finde es auch immer noch gut und hilfreich, wenn mir andere etwas von Gott erzählen – wie sie ihn glauben, wie sie ihn erfahren. Und auch, was sie „gelernt“ und bedacht haben.
Aber andererseits: Manchmal ist Gott meinem Herzen dann doch ziemlich nahe. Gott tröstet es, richtet es auf. Manchmal lenkt er meine Gedanken in eine gute Richtung. Manchmal darf ich auch mitmachen bei etwas, worauf sein Segen liegt. Und ich glaube es, dass Gott mir vergibt. Besonders freue ich mich auch an der Freiheit im Glauben: Dass mir kein Mensch, auch kein christlicher „Würdenträger“, vorzuschreiben hat, was und wie ich zu glauben habe. Das ist „neuer Bund“.
Also wenn ich auf mich gucke: So halbe, halbe. Es ist was da von dem Alten, dem rein Äußerlichen, auch von Versagen, Schuldig-Werden und – um es mit einem Wort aus dem Museum zu sagen: Kleinmut. Und es ist was da von dem Neuen, das Gott schenkt. Vielleicht kennen Sie das ja auch: Von beidem etwas. Mal halbe, halbe. Mal 80:20, mal 30:70. Selten 100:0 oder 0:100 – ein Glück!
Aber: Unser Text ist eine Einladung, eben NICHT nur auf mich zu schauen, sondern auf GOTT! Und was ER tut. Ich denke an Jesus beim Abendmahl: „Nehmt hin … das ist der NEUE BUND – in meinem Blut!“ Ich denke daran, dass ich getauft bin. Gottes Bund mit mir. Das ist nun wirklich ein Bund für’s Leben, Gottes Bund mit mir. Und ich denke an PFINGSTEN: Gottes Geist! Für die „Kleinen“ wie für die „Großen“. Und beileibe nicht nur in den Momenten, wo ich be-Geist-ert bin. Auf GOTT will ich schauen. Denn er ist treu.

Gebet:
Gott, ich danke Dir für Deine Treue! An ihr will ich mich festhalten. Amen.

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